Hochgeehrter. Herr!
Ich sage freundlichen Dank für Ihre Zuschrift vom20. Februar und die guten Wünsche zum 58. Geburtstage.Ihre Brochure: »Sollen die Juden Christen werden?« werdeich mit Aufmerksamkeit lesen, halte aber ein Eingehen aufdie Fragen nicht für praktisch, da gar Nichts damit entschiedenwird. Die Abneigung der germanischen Völker gegen dieSemiten beruht nicht auf der Verschiedenheit von Religionund Dogma, sondern auf Verschiedenheit von Blut, Race,Abstammung, Volkssitte und Volksgesinnung, sie lässt sichweder schaffen noch in Abgang decretiren, sie wird auch beider freiesten religiösen und politischen Anschauung beiderParteien fortbestehen, wie die der Amerikaner und Chinesen,die auf dem freien Boden von Texas neben und miteinanderleben. Oft habe ich mit meinem Freunde Berthold Auerbachüber diese Dinge gesprochen; mit den liberalen Ideen alleinsind sie nicht zu ordnen, wenn auch ein modus vivendi her-gestellt werden kann und hergestellt ist. Im Reiche der jugend-lichen Ideale ist eine humane Illusion schöner als inhumaneWirklichkeit. Möge Ihnen der innere Friede nie gestört werden!
Ergebenst
Victor v. Scheffel.Karlsruhe in Baden, 24. Februar 1884.