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Sollen die Juden Christen werden?
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Der Jude streift mit jedem Tage das Fremde, das anihm durch seine Jahrhunderte lange Unterdrückung hangenblieb, immer mehr ab, und es wird eine Zeit kommen, woer von seinem chr istlichen Mitbü rger Incht nur Rechten s,sondern auch de facto als Bruder anerkannt werden wird.

Ist dieser Tag bereits erschienen?—Wehmuthsvoll müssenwir diese Frage verneinen, und noch manche Generation nachuns wird auf jene Frage dieselbe Antwort ertheilen. Aberdas darf uns nicht hindern, jene glückliche Zeit herbeizu-sehnen und alles zu thun, was ihre Ankunft beschleunigenkönnte.

Das Judenthum ist die einzige Religion — sagt der be-rühmte französische Orientalist James Darmesteterin seinervor einigen Wochen von uns in deutscher Uebersetzung ver-öffentlichten Abhandlung: » Die Philosophie der Geschichte desjüdischen Volkes« — welche den geistigen und socialen Fort-schritt nicht zu fürchten hat; denn mit jedem Fortschritte inder Menschheit rückt da s Judenthum seinem Ziele näher.

Wir müssen sonach, um auf unseren Gegensland zurück-zukommen, vom Standpunkte des vorgeschrittenen Juden-thums die Einbringung des Mischehegesetzes mit hoherFreude begrüssen. Denn es beweist uns, dass der messia-nische Geist sich in Kreisen zu regen beginnt, die bisherdem Judenthum zumeist feindlich gegenüberstanden.

Müssen wir es nicht als ungeheueren Fortschritt be-zeichnen, wenn einige Jahrzehnte, nachdem die Juden ausdem Banne der Knechtschaft befreit wurden, die gewähllenVertreter des ungarischen Volkes und der beste Theil seinesAdels vor aller Welt ein lautes »Pater peccavi« dafür aus-rufen, dass sie so lange das jüdische Volk unterdrückt undmit Füssen getreten haben; dass sie als Genugthuung die frü-heren Parias, die sie ehemals keines Blickes werth hielten,schon nach einer so kurzen Zeit für würdig erachten, sichmit ihnen zu verschwägern? Mit leuchtenden Buchstabenwird es in der Culturgeschichte des 19. Jahrhunderts ver-zeichnet bleiben, dass im Jahre 1884 Prinz Philipp von Sachsen