Die Religion des Judenthums in ihrer reinen Gestalt ist"auf den beiden Sätzen des alten Testaments: »J)er Ewige,u nser Gott, ist ein einig-einziger Got t« und »Liebe deinenNächsten wie dich se lbst« anfgebau t^_Wer den erste renvollinhaltlich anerkennt und den zweiten in seinemVerkehre mit seinen Nebenmenschen bethätigt, istseiner Religion nach Jude, — denn wir verstehen ebenunter einem solchen einen humanen Bekenner des reinenMonotheismus — mag er nun die Taufe in einer katho-lischen oder protestantischen Kirche, in einer arabi-schen Moschee, in einem indischen oder chinesischenTempel empfangen haben. Er ist damit allerdingsnoch kein Mitglied der jüdischen Nation, aber er ist Judeim Sinne der grossen jüdischen Propheten, der eigent-lichen Begründer des Judenthums in seiner universalhisto-rischen Bedeutung. Denn was wollte J e s a i a s mit seinenWorten: »Es wird einst kommen der Tag, wo alle Völkerder Erde den Berg Zion hinansteigen und den Namen Gottesanerkennen werden« anderes sagen, als dass es im Planedes Weltensehöpfers gelegen sei, dass nach so und so vielenHunderten oder Tausenden von Jahren alle Bewohner derErde ohne Unterschied der Nationalität eine grosse Familiebilden und dem reinen Monotheismus und der Humanitäthuldigend, friedlich neben einander wohnen werden ? Was derProphet Maleachi mit seinen erhabenen Worten: »Haben wirnicht Alle einen Vater, einen Schöpfer, der uns insge-sammt bereitet hat?«
Nur das zähe Festhalten an dieser erhabenen messia-nischen Idee verhinderte, dass das Judenthum zur Zeit Christiin dem Christenthum aufging. Die Juden hielten die da -malige Weltperiode mit ihren politischen, religiösen und so-
* Wir erinnern zur Steuer der Wahrheit unserer Behauptung andie bekannte Erzählung, dass der grosse Rabbi Hillel einem Heiden,der zum Judenthum übertreten wollte, den ganzen Inhalt der Thora injenen einen Satz zusammenfasste; die übrige Thora sei nur ein Com-mentar zu demselben.