12
des Abschiedes umgekehrt, wenn er sich nicht geschämthätte.
Das nächste und bis gegen Mitte des 16. Jahrhunderts,auch das gewöhnlichste Ziel war Venedig, doch gingenviele nicht direkt auf den gewöhnlichen Alpenstrafsen [88]dahin, sondern noch erst zu einem anderen Gnadenorte, umden Beistand Gottes und der Heiligen für die beschwerlicheFahrt zu erflehen [89]. In Treviso [90] oder Pavia [91] ver-kauften die Pilger, welche bis dahin geritten waren, ihrePferde, oder gaben sie dort in Futter [92], um sie bei derRückkehr wieder vorzufinden, andere schickten sie auch indie Heimat zurück [93]. Waren nicht schon durch voraus-geschickte Boten Quartiere bestellt, so fanden die Pilger kurzvor der Stadt [94] eine Menge Agenten, welche mit zudring-licher Geschwätzigkeit die von ihnen vertretenen Gast-häuser anpriesen [95], Reiche Herren wohnten bei demRheder, mit welchem sie wegen der Überfahrt abgeschlossenhatten [96], arme Kleriker im Kloster St. Philipp undS. Jakob hinter der Markuskirche [97], auch im Domini-kanerkloster [98], Ritter und Kaufleute im Spiegel [99], imWeifsen Löwen [100], im Schwarzen Adler [101], gewöhn-lich aber im Deutschen Hause, das sonst auch St. Georg,zur Flöten [102] oder Pollten, oder zur Trinität [103] ge-nannt wird. Hier waren Wirt [104] und Wirtin, Knechteund Mägde deutscher Abkunft, hier ward kein fremdesWort gesprochen, und, wie erzählt wird, selbst der vier-beinige Wächter des Hauses, ein stämmiger Hund, schnüffeltenichtdeutsche Bettler und Hunde sehr bald heraus, um siemit rücksichtsloser Strenge zurückzutreiben.
Von dieser deutschen Herberge ist wohl zu unterscheidender Fondaco dei Tedeschi [105] am Canal grande unmittel-bar an der Rialtobrücke, welcher schon vor 1200 gegründetsein soll und jetzt die königl. Italienische Staats - Finanz-Intendantur in sich aufgenommen hat. Hier mufsten, wäh-rend die Pilger anderswo absteigen konnten, alle deutschenKaufleute logieren und Waffen dem Hausmeister abliefern,ebenso Geld und Geldeswert; hier war der gesamte deutsche