Zeichnen. Der Knabe aber war schon fast in der Gewalt derKunst: aus den Buchstaben, aus den Zahlen, die er schrieb,bildeten sich in seiner Phantasie Gestalten, die sich nicht bannenließen, bis er sie gezeichnet, und die ihn dann unendlich beglückten.So kam es, daß er bald nur noch Sinn für das Zeichnen hatte.Er machte seine Versuche an Wänden und Thüren mit Kreide,Kohle oder Röthel, doch seltsamer Weise waren seine Zeichnungenweit über die Kindheit hinaus. Vor seinen geistigen Augen schwebtendie Göttergestalten der Griechen; Engel, nach den Worten seinerfrommen Mutter, und nackte Kinder, die ihm die Wirklichkeit nahebrachten. Später sah er in den Wolken die Reigen seliger Geister,im Strom des Windes den Tanz der Elfen. Dann zeichnete erin großen Zügen plastische Gruppen aus dem Landleben, riesigeGestalten beiderlei Geschlechts, die irgend eine Arbeit verrichten,welche eine lebendige Bewegung des Körpers bedingt z. B. dasAufladen von Frucht, Fällen von Holz, Tragen von Lasten. Immeraber waren die Gestalten ohne Gewandung dargestellt, was demahnungslosen Knaben oft übel vermerkt wurde.Die derbe Bestimmung des Lebens spannt das Landkindfrüher in's Joch der Arbeit, als das zarte Pflänzchen der Stadt.Zeitig der Schule entlassen, mußte Mintrop kräftig Hand anlegen,um die Arbeiten des Bauernstandes, das Ziel seiner Zukunft, zuerlernen. Das Geheimniß der wahren Kunst war ihm noch nichterschlossen; seine Psyche sah noch mit halbgeöffnetem Auge in dieWelt. So führte er die Pflugſchar, die Senſe, den Dreſchflegelmit kräftigen Armen, wobei ihn in dem frischen Zuge der Berglustdie Musen unsichtbar umschwebten und sein Inneres mit dem Thaudes Ewigen nährten, denn nun erstarkte der zarte Körper und dieSeele reifte den Tagen entgegen, wo der Genius in ihr seinedauernde Wohnung nahm. In jener Zeit sah er zum ersten Maleden Stich der Madonna della Sedia und ohne je von ihremSchöpfer und dessen gewaltigen Werken gehört zu haben, durchrannes ihm beim Anblick dieser Schönheit Mark und Bein. Ein An-derer ging er von dem Bilde, als er zu ihm getreten; er fühlte insich die Verwandtschaft mit dem großen Urbiner; er sah mit ge-weihtem Auge das reine keusche Ideal der Kunst über seinemHaupte schweben, und wer vermöchte es, die Wandlung zu be-schreiben, die sich in einem kurzen Augenblick bei ihm vollzog. Daßeine Verwandtschaft in so nahe berührender Weise zwischen den
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