16Diese Blüthenlese wird hinreichen, die Weise des Walther von derVogelweide (dem auch der „Freidank“ zugeschrieben wird) und seine Auffassungdes Verhältnisses zwischen Staat und Kirche anschaulich zu machen. Den Verfallder Kirchenzucht und des Reiches, den er beklagt, schreibt Walther der angeblichenSchenkung Konstantins zu, da die weltliche Macht des Papstes das Christenthumdes Klerus verdrehte. Mit klarem Seherauge gewahrt er den Zerfall des Reiches.Möge unser Volk durch die Geschichte belehrt werden! Was Walther als Ver-irrung und Anmaßung beklagt, das wird heuer dem Volke als Rechtsgrundkirchlicher Weltmacht vorgeschoben. Der Papst wird dem blindgläubigen Volkeals ältester Souverän dargestellt. Als wenn Bischöfe in Frankreich und Deutsch-land nicht schon Jahrhunderte hindurch Landesherren gewesen, ehe ein Kirchenstaatbestand! Die Absicht der Wiederaufrichtung solcher Herrscherei ist der Schmutz,mit dem die Wahrheit besudelt wird. Die Zertrümmerung des Reiches soll jeneHerrschaft der Kirchenfürsten wiederbringen, und nach dem Muster des sogenanntenKirchenstaates würde dann jeder Bischof ein Landesfürst und jeder Dechant undPastor gleichsam Landrath und Bürgermeister sein. Dies ist das Ziel ultra-montaner Hetzerei, zu welcher die heilige Religion neuerdings mißbraucht wird.Wozu Rom fähig, das hat sich nach Walther's Zeit durch die Einführung desHexenglaubens und der Ketzerverfolgung in Deutschland, sowie durch Anzettelungso vieler blutigen Kriege bewiesen. Am klarsten aber hat es sich neuerdingskund gethan durch die Bedrückung der Wissenschaft und der Wahrheit in plan-mäßiger Knechtung des Höchsten und Heiligsten am Menschen — der Vernunftund des geistigen Fortschritts. Diese diabolische Absicht geht aus dem Syllabusund aus Allem, was jene unheilvolle jesuitische Partei aufstellt, hervor. Wasden verleiteten deutschen Ultramontanen aber am meisten die Augen öffnen sollte,ist die offene Aufforderung zu Treubruch und Vaterlandsverrath, welche mit derjesuitischen Lüge beschönigt wird, daß die Religion vom Staate gefährdet seiNicht die Religion, sondern die Aussicht auf die weltliche Herrschaft der Kircheist durch das deutsche Reich gefährdet. Darum die Klage, die Feindschaft, dieWuth. Deutscher Verstand und deutsche Gewissenhaftigkeit werden jedenfalls überdie Verruchtheit vaterlandsloser Bethörer und die Verblendung blindgläubigerBethörten den endlichen Sieg erlangen. Damit dieser Sieg ohne beklagenswertheWirrnisse errungen werde, ist es an der Zeit, daß das Volk über die wahreSachlage, über sein wahres Heil belehrt werde. Der Spruch unsrer Vorväter„Wälsch Blut den Deutschen nicht gut“ wird sich fort und fort bewähren. WahreReligiösität ist es: den Willen Gottes und seine Fingerzeige anerkennen. Keineseiner Offenbarungen ist klarer, als daß die Menschen, denen er gemeinsameSprache gab, als eine Familie, als Brüder zusammen gehören, Einen Staatbilden sollen. Die Liebe zum Vaterlande ist in dem vierten Gebote Gottes undseiner Verheißung eingeschlossen. Bestehen, Macht, Wohlfahrt und Sittlichkeitdes deutschen Volkes sind, wie die Geschichte lehrt, durch die Treue bedingt, inder wir zum Reiche stehen. Wahre Religiösität gebietet, das gottgegebene Ewigedem zufälligen wechselvollen Menschenwerke vorzuziehen.0
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