der hatte vor sich auf dem Pferde ein Mädchen sitzen. »Da kommt er schon !«rief die Prinzessin und wurde blaß wie der Tod; »da kommt er schon, dasist sein Pferd; wenn er uns hier findet, so ist uns der Tod gewiß!« Undschnell sprangen die beiden Mädchen die Treppe hinab und wollten aus demHause hinaus, aber in demselben Augenblicke ritt auch der Mörder schon aufden Hof; da blieb den beiden nichts anderes übrig als sich in den dunkelnEntenstall zu verstecken, der an der Diele unter der Treppe lag und miteiner Gitterthüre verschlossen war. Kaum waren sie drin, so kam der Grafmit einem wunderschönen Mädchen in das Haus. Er holte ihr aus demKeller ein Glas Wein und gab ihr davon zu trinken und sprach: »Nun,mein Kind, wie schmeckt dir dieser Wein?« »Sehr süß!« sagte das Mädchen.»Ja!« sprach der Graf, »sehr süß! aber süßer ist das Leben!« Dann brachteer ihr ein ander Glas'und ließ sie wieder trinken und fragte: »Nun, meinKind, wie schmeckt dir denn dieser Wein?« »Sehr bitter!« sagte das Mädchen.»Ja, sehr bitter!« sprach der Graf; »aber bitterer ist der Tod; du mußt jetztsterben!« Da mußte sie sich ganz nackt ausziehen; und ob sie gleich lautweinte und jammerte und vor dem Bösewicht auf ihre Knie fiel und um ihrLeben flehte, so half es ihr doch alles nichts; er schleppte sie an den Klotz,er hob das weiße Laken, er hackte ihr mit dem blanken Beile alle ihre schönenFinger ab. Auf dem einen Finger steckte aber ein schöner Goldring, undes traf sich, daß der Finger von dem Hiebe bei Seite sprang und sprangdurch die Gitterthüre in den Entenstall und der Prinzessin grade in denSchooß. Da fing der Mörder nach dem Finger zu suchen an, des Ringeswegen, und kam mehrmals dicht vor den Entenstall. Den beiden Mädchen,die darin versteckt saßen, stockte das Blut; sie hielten den Athem an; hättensie den geringsten Laut von sich gegeben, so wären sie verloren gewesen.Zum Glück gab der Mörder sein Suchen auf und ging wieder zu dem un-glücklichen Mädchen zurück, das weinte und jammerte laut und bat um seinLeben; aber es half ihr alles nichts; der Bösewicht hackte ihr Arme undBeine ab und zuletzt den Kopf und trug die Stücke in den Keller und salztesie ein. Darauf setzte er sich wieder auf sein Pferd, das vor der Thüre an-gebunden stand, und ritt fort.
Als nun die Prinzessin und ihre Junfer vernahmen, daß der Graf fortwar, kamen sie aus ihrem Versteck hervor und sahen ihm nach; da war erschon wieder weit hinten auf der Haide. Den Finger mit dem Goldringewickelte die Prinzessin in ihr Taschentuch, und nun liefen sie eilig aus demHause; der große Hund schlug dreimal an: »Hau! Hau! Hau!« der Vogel"schrie; sie liefen über die Haide in den Wald, sie stürzten sich in denWagen, sie befahlen dem Kutscher auf die Pferde zu schlagen; so jagtensie in einem fort bis auf den königlichen Hof; da brachen die Pferde todtzusammen.
ro8