gar nicht gern, nahm sie ihnen weg und versteckte sie oben im Hause unterden Hahnenbalken; die Kinder wußten sie aber doch wieder in ihre Hände zubringen. Als sie sechzehn Jahre alt waren, sprach der, welcher zuerst geborenwar, zu seinem Bruder: »Es läßt mir hier zu Hause keine Ruhe mehr; ich willjetzt fort in die Fremde und sehen, daß ich mein Glück mache.« Er nahmein Pferd, einen Hund, ein Schwert und eine Pistole, verabschiedete sich beiVater, Mutter und Bruder und ritt weg in die weite Welt hinein. Vorherstieß er aber noch ein Messer in einen Baum, daß sein Bruder daran erkennenkönnte, ob es ihm gut ginge oder ob ihm ein Unglück widerfahren sei.
Er ritt eine lange Zeit; da kam er endlich an den königlichen Hof, dawaren alle Geländer schwarz mit weißen Knöpfen darauf. In dem Wirthshausedem Schlosse gegenüber nahm er Herberge und fragte sogleich den Wirth,was denn das zu bedeuten hätte; die Gitter um das königliche Schloß wärenja alle ganz schwarz mit weißen Knöpfen. Sprach der Wirth: »Das kommtdaher, weil die junge Prinzessin morgen dem Drachen geopfert werden muß.«»Warum wird der Drache denn nicht getödtet?« fragte er. »Ach Gott«, sprachder Wirth; »es haben schon viele versucht, denn der König hat dem seineTochter versprochen, der den siebenköpfigen Drachen besiegen würde, abersie sind alle ums Leben gekommen.« Da faßte er den Entschluß, das Wage-stück zu unternehmen und ritt den andern Tag zur bestimmten Stunde denDrachenstein hinauf. Da saß die Prinzessin und war ganz schwarz an-gezogen und weinte und erwartete jeden Augenblick den greulichen Drachen,und indem, so kam das Ungeheuer auch schon heulend und mit Gebrausedurch die Luft dahergeflogen und wollte die Prinzessin verschlingen. Aberder Junge ritt ihm muthig entgegen, schwang sein Schwert, und wie er denersten Hieb that, so flogen drei Köpfe ab, mit dem zweiten Hiebe wieder dreiund als er zum dritten Male sein Schwert schwang, lag der siebente und letzteKopf des Drachen auf dem Boden. Da hatte er die Prinzessin erlöst; diedankte ihm und wollte ihn gleich mit zu ihrem Vater nehmen. Er wollteaber nicht, so viel sie auch bat, sondern sprach: »Erst muß ich noch weiterin die Welt hinein, bis über ein Jahr, da will ich wiederkommen, wenn ichdann noch am Leben bin.« Weil er sich nun gar nicht halten ließ, so schenkteihm die Prinzessin zum Andenken ihr seidenes Tuch und dem Pferde und demHunde, die bei dem Kampfe treulich mitgeholfen hatten, gab sie von ihremKorallenhaisbande jedem drei Schnüre um den Hals. Darauf schnitt der Jungeden sieben Drachenköpfen die Zungen aus, wickelte sie in das seidene Tuchder Prinzessin, und nachdem er von ihr Abschied genommen hatte, ritt erwieder den Berg hinab in das Wirthshaus, zahlte seine Zeche und sprach zudem Wirthe, wenn ein Jahr vergangen wäre, so käme er wieder zurück; damitzog er weiter fort.
Nun war da an dem königlichen Hofe ein alter General, der hatte aus der
70