48Seite treten, während ihre Innigkeit und ihr dichterischer Schwungder Erbauung der Gemeinde wesentlich zu Gute kam, so werdenwir dem Urtheil v. Winterfeld's beipflichten, der mit Beziehunghierauf sagt: „Die Weisen des Volksliedes wurden ihrer altenBestimmung entzogen und einer neuen, reineren geweiht. So wuchsdas Heilige in das Volksmäßige, so dieses hinein in jenes.Namentlich waren Frankreich, die Schweiz und die Niederlandewohl hauptsächlich aus Mangel an eigner Erfindungskraft, sehr frei-müthig in Herübernahme weltlicher Melodieen in den Kirchenge-sang, so daß z. B. in einem niederländischen Liederbuche von 159Melodieen nur 7 Original=Melodieen sich finden. Aber auch Deutschland verdankt einige der schönsten Kirchenmelodieen dem weltlichenLiede; z. B. dem Liede: Innsbruck, ich muß dich lassen, dieMelodie: O Welt sich' hier dein Leben, oder: Nun ruh'ralle Wälder, eine Melodie, so weich und tief, daß Mozart erklärtesein bestes Werk für sie hingeben zu wollen.Wenden wir uns nunmehr dem Choralgesange des 18. und19. Jahrhunderts zu, so ist bekanntlich dieser Zeitraum verhältnißmäßig unfruchtbar in Hervorbringung wahrhaft classischer ChoralMelodieen gewesen, und nur ein geringer Theil der wirklich gutenMelodieen in den kirchlichen Gebrauch aufgenommen worden. Amglücklichsten war noch Anastasius Freylinghausen, Professorder Theologie und Prediger zu Halle, mit seinem 1704 und 1714herausgegebenen „Geistreichem Gesangbuch“ und den ihmeinverleibten sogenannten „Halleschen Melodieen“. Dies Ge-sangbuch zählt 1581 Lieder und 609 Melodieen, wurde das ver-breitetste seines Jahrhunderts und ist von dem die evangelische Kircheerfrischenden, begeisternden, ja schöpferisch=erneuernden Geiste des oftgeschmähten, aber trotz mancherlei Auswüchse geschichtlich wohlberechtigten Pietismus getragen. Aber auffallender Weise verfallen die Halleschen Melodieen trotz diesem, dem Schauspiel und der Oper so scharwidersprechenden Ursprunge und obwohl sie die Arienform zu Endeder vorigen Periode vermieden, einem sehr weltlichen Tone. Währenddie Worte des Textes oft eine Art übersinnlicher Verzückung aussprechen, sinken die Melodieen zum Tone des sinnlichsten Vergnügtseins, ja, bis zur Tanzmusik herab, und die Wittenberger orthodoxenund andre Gegner hatten nicht Unrecht, wenn sie vielen derselben
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Unsere Choräle : eine Festschrift zur Gedächtnissfeier des hundertjähringen Geburtstages ... B. C. L. Natorp
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48
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