49geradezu einen anstößigen Charakter vorwarfen. Freylinghausenvertheidigt sich zwar in einer Vorrede, indem er sagt: „Warumsollte Gott, der uns seinen Sohn, die ewige Weisheit, die allezeitvor ihm spielet (Sprüchw. 8, 30), geschenkt, mit ihm nicht dieMittel schenken, die uns inniglich und kräftiglich aufmuntern, durchfreudige Erhebung unserer Stimmen vor ihm, dem Vater, zu singenund zu spielen? — Geistreichen Liedern kann Niemand wehren,daß derjenige durch sie erquickt werde, der mit dem Geiste derFreuden gesalbt ist. Er theilt dann unsere Freude und ist überuns mit Schalle fröhlich.“ Doch fanden sich auch die Herausgeberder Choralbücher, welche wie das berühmte Kühnau'sche in Berlin84 oder wie das neue preußische Kirchengesangbuch 54 Halle'scheLieder aufnahmen, genöthigt, die allzu „alamodischen“ Auswüchsezu entfernen und ihnen einen ernsteren Charakter zu geben.Von wem rühren nun diese Melodieen her? Freylinghausenselbst gibt das Darmstädter Gesangbuch als eine Quelle andie übrigen seien von christlichen und erfahrenen Musicis in Halleneuerdings componirt. Spätere Geschichtsschreiber haben die Ver-muthung ausgesprochen: Freylinghausen selbst möge einen großenTheil derselben verfaßt haben, und I. S. Bach's Nachfolger inArnstadt, W. Stade, nimmt nicht weniger als 200 Melodieen fürdiesen seinen berühmten Vorgänger und zwar nicht ohne Wahr-scheinlichkeit in Anspruch. Ob aber jemals Bestimmtes sich hier-über ergeben wird, bleibt zweifelhaft.Von den neuen Melodieen der Halle'schen Richtung seien hiererwähnt die heute fast unsingbar gewordene zu dem innigen Liededes berühmten Halle'schen Liederdichters, des Arztes der Halle'schenWaisenanstalten, Dr. Christian Friedrich Richter: „Es glän-zet der Christen inwendiges Leben“. Das Lied war Schleier-macher's Lieblingslied. Die Melodie klingt wie ein Recitativ,wie das Lied im besten Sinne des Wortes lehrhaftig ist. Fernerdie Melodie zu den tiefsinnigen Liedern desselben Verfassers: „Esist nicht leicht“ und „Es ist nicht schwer, ein Christ zusein“, in demselben Tone gehalten. Zu dem Liede des ConrektorDeßler in Nürnberg: „Wie wohl ist mir, o Freund derSeelen“, welches den innersten Seelenfrieden in der Gemeinschaftmit Christo ausspricht, gibt Freylinghausen die ebenso innig=selige
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Unsere Choräle : eine Festschrift zur Gedächtnissfeier des hundertjähringen Geburtstages ... B. C. L. Natorp
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49
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