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Unsere Choräle : eine Festschrift zur Gedächtnissfeier des hundertjähringen Geburtstages ... B. C. L. Natorp
Entstehung
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Wie ein Dom mit herrlichen Pfeilern und Bogen, Blumenund Laubgewinden wölbt sich über dem Heiligthum des christlichenGlaubens das christliche Lied, der Choral. Was seit Jahr-hunderten die Herzen der Gläubigen in den geweihtesten Stundender Anbetung bewegte, was sie bei der Versenkung in die lichtenHöhen göttlicher Majestät und Liebe oder in die Tiefen der Men-schenbrust, an den Hochfesten der Kirche oder in der Einsamkeit derschweigenden Wüste, im Vorgefühl der himmlischen Seligkeit undim tiefsten Schmerze irdischen Elendes empfunden, das hat imchristlichen Liede seinen schönsten, oft tief ergreifenden Ausdruckgefunden und steigt in den Tönen des Chorals wie ein Opferduftzum Himmel empor. Schon im Blick auf die 150 Psalmen, inwelchen Israel Jehova's Herrlichkeit feierte, ruft ein Ambrosiusaus:Was ist schöner als ein Psalm! Und doch waren dieseLieder, wie das ganze Alte Testament, nur eine Prophezeiung desunabsehbaren Liederfrühlings, der in der christlichen Kirche sprießensollte, wie dieser selbst nur ein Vorspiel des Hallelujah ist, dasdroben den Thron Gottes und des Lammes umgibt. Und nichtnur eine an Reinheit der Form vollendetere, sondern auch eine demInhalt nach unendlich bereicherte Fülle von Poesie ist dem christ-lichen Bewußtsein entsprungen. Auch vom heiligen Liede gilt dasWort des Welterlösers:Siehe, Ich mache alles neu! undwenngleich jene ebräischen Lieder vor der christlichen Poesie dasVoraus haben, was der Quell vor dem Strome: nämlich die ungetrübte Klarheit des unmittelbaren Ursprunges aus dem Geiste gött-licher Offenbarung, wer könnte es verkennen, daß dieser Geistauch noch über dem vollen, tiefen Strome der christlichen Dichtungschwebt? In ihr finden wir Alles nur in reicherer und reichsterAusprägung wieder, was uns in den Psalmen so wunderbarergreift: das Urgewaltige tiefinnerster Glaubensüberzeugung