27„Wie schön leucht't uns der Morgenstern“ nicht von ihmsondern nach einem weltlichen Liede: „Wie schön leuchten die Aeugeleinder Schönen und der Zarten mein“ von Dr. Scheidemann 1599gesetzt. Von dem Liede selbst aber, in welchem nach Psalm 45Christus als Bräutigam der Seele gepriesen wird, sagt A. Knapp,es sei unter allen deutschen Liedern das herrlichste und süßeste undin der Reihe derselben das, was das 17. Capitel Johannis unterden Schriftkapiteln. Eine Wolke von Zeugen hat „namentlich dieFreuden= und Segenskraft dieses Liedes in der Todesstundebezeugt“. Nach v. Winterfeld zeigt sich namentlich in dem altenRhythmus dieser Melodie eine Fülle und Mannigfaltigkeit, die denbegeisterten Ton, den das Lied anschlägt, noch besser trifft, als dasLied selber.Hans Leo Geßler, Schüler des berühmten VenetianersGabrieli, Organist des Kaisers Rudolf II., einer der größten Ton-setzer seiner Zeit, geb. 1504, ✞ 1612, also 108 Jahre alt geworden,hat namentlich das weltliche Lied: „Mein Gemüth ist mir ver-wirret, das macht ein' Jungfrau zart“ durch seinen herrlichen Ton-satz in ein geistliches Lied verwandelt, dem zuerst das schöneSterbelied von Knoll: „Herzlich thut mich verlangen nacheinem sel'gen End'“, mit heiterer ionischer Harmonie, später dasberühmte Passionslied von Paul Gerhard: „O Haupt vollBlut und Wunden“ in strenger phrygischer Tonart untergelegtwurde. Bach hat dieselben viermal in harter und das fünfte Malin phrygischer Tonart der Matthäus=Passion eingeflochten; Händeldieselbe wunderschön selbständig bearbeitet. Dieser Choral, sagt einAlter, ist das „Alpha aller Passionslieder“.Noch erwähnen wir zum Schluß, als dieser Periode angehörig,das Lied der Gräfin Anna von Stolberg: „Christus, der istmein Leben“, aus dem Jahre 1600. Die Melodie ist vielleichtwiederum einem weltlichen Liede: „Warum willst du wegziehen?entlehnt (doch schreibt v. Winterfeld sie dem Melchior Vulpius,Cantor zu Weimar, zu), aber beides: Lied und Melodie, sind sotief, wahr und innig empfunden und so ganz zu einander passend,daß es eine Perle unsers geistlichen Liederschatzes genannt zuwerden verdient. Joh. Arndt, Möver, Inspektor Blumhardt undwie viele Andere sind unter diesem Gesange oder seine Worte
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Unsere Choräle : eine Festschrift zur Gedächtnissfeier des hundertjähringen Geburtstages ... B. C. L. Natorp
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