18heute viel gesungene und immer neu bewunderte Melodie selbst wieein zartes, duftiges Röslein uns anmuthet; das: „Mein Herrmein Gott“, dessen Worte und Melodie an den Stoßseufzer desZöllners: „Gott, sei mir Sünder gnädig!“ erinnern; überhauptetwa 30 Weisen; — und wahrhaft bahnbrechend wirkte Johannesvon Salzburg (gegen Ende des 15. Jahrhunderts) durch seineclassischen Uebersetzungen und Nachbildungen.Zumeist aber bewegten sich auch diese deutschen Lieder um dieVerehrung Mariä und der Heiligen; sie blieben zudem vom kirch-lichen Gebrauche ausgeschlossen, und die Knechtschaft hätte auch fürdie freigeborenste Tochter des Geistes: das Lied, nicht aufgehörtwenn nicht die Reformation ihre Fesseln zerbrochen und einenneuen Morgen des christlichen Glaubenslebens heraufgeführt hätte.Indem wir nun diesem großen Zeitalter näher treten, muß esvon vornherein unsre Bewunderung erregen, daß der unvergleichlicheHeld der Reformation, Dr. M. Luther, der mit allen anderenWaffen zum heiligen Streit so verschwenderisch ausgestattet erscheintauch die der musica sacra in so hohem Grade zu führen berufenwar, und daß er nicht nur, wie andere Reformatoren, für Hebungdes Kirchengesanges sich bemühte, sondern selbst schöpferisch undzwar mit einer Ursprünglichkeit, Kraft und Frische auftritt, daßunter allen Nachgebornen Keiner ihm zu vergleichen ist. Aber eswar Gottes Wille so, daß der Mann, der eine neue Kirche audem ewigen Grunde des Evangelii zu erbauen berufen war, auchauf den Schwingen des Gesanges seine Mitstreiter zur höchsten Höh-der Begeisterung mit sich fortreißen sollte, und wer weiß es nichtwelche Wunder Luther's Lieder gethan haben und noch thun? Er selbsterkannte seinen reformatorischen Beruf auch in dieser Beziehun-demüthig an und sagt einmal: „Ich bin Willens, teutsche Psalmenfür's Volk zu machen, das ist, geistliche Lieder, daß das Wor-Gottes auch durch den Gesang unter den Leuten bleibe.Seine Feinde wußten auch so wohl um die hinreißende Wirkungseiner Lieder, daß ein altes Spottlied sagt: „Ein Singen will estiften, Damit er will vergiften Christliche Zucht und Lehre, Ver-tilgen Gottes Ehre!“ Und Thileman Heshusius sagt einmal„Mir zweifelt nicht, durch das eine Liedlein: „Nun freut euchlieben Christeng' mein“ werden viele hundert Christen zum Glauben
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Unsere Choräle : eine Festschrift zur Gedächtnissfeier des hundertjähringen Geburtstages ... B. C. L. Natorp
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