16„Seht die Mutter dort voll Schmerzen“ und ihre weiche, reicheMelodie übergegangen, natürlich mit Entfernung der für dasprotestantische Gefühl anstößigen Stellen aus dem Liedertext.Aus dem 14. Jahrhundert stammen noch die auch in unsereevangelischen Choralbücher hinübergenommenen Melodieen Quempastores laudavere (den die Hirten lobten schon), und Diesest laetitiae (der Tag, der ist so freudenreich), ein Lied, dasim Bergischen wohlbekannt, in reformirten Gemeinden ehemals dasHaupt=Weihnachtslied war und wegen so volksthümlicher Stellenwie diese: „Wär uns das Kindlein nicht gebor'n, wir wären allzu-mal verlor'n“ eine solche Stellung auch wohl verdiente.Endlich bietet uns noch Johann Huß die letzte Roselateinischer Hymnendichtung im 15. Jahrhundert dar mit seinemAbendmahlsliede: Jesus Christus nostra salus, von Lutherübersetzt: „Jesus Christus unser Heiland, der den Tod überwand“mit schmuckloser, aber ernster und zarter Melodie in D-moll.Hat denn aber, wird man fragen, das ganze Mittelalter garkeine deutschen Kirchenlieder hervorgebracht? — und man kannallerdings einige Spuren desselben nachweisen. Dem Volke bliebzwar allmählig und bezeichnend genug in Folge allgemeiner Durch-führung des gregorianischen Gesanges nur das „Kyrie eleison“(Herr, erbarme dich!) als Responsorium; allein außerhalb derKirchen wurden so manche geistliche Lieder gesungen, daß schonKarl der Große eine Sammlung derselben veranstaltete. Umdiesen Liedern einen kirchlichen Charakter zu geben, fügte der Clerusihnen zwar jenes „Kyrieleis“ an, weshalb dieselben den Namen„Leisen“ erhielten; aber je mehr das kirchliche Leben durch Kirch-weihen, Wallfahrten 2c. in die Oeffentlichkeit trat, desto zahlreicherwurden die „Leisen“. Nicht viel Edles ist zwar aus der Zeit biszum 12. Jahrhundert auf uns gekommen. Da aber bricht ausdem Kyrieleis als erster deutscher Ostergruß das mächtige undnoch überall verbreitete „Christ ist erstanden“ hervor, dem Luther1524 durch seine zwiefache Bearbeitung unsterbliche Dauer in derevangelischen Kirche gesichert hat. Schon Mancher hat diese Me-lodie und dies Lied die Krone aller Kirchenlieder genannt. Ineinem alten Psaltes ecclesiasticus heißt's bei demselben: „Hiejubiliret die ganze Kirche mit schallender hoher Stimme und unsäg-
Druckschrift
Unsere Choräle : eine Festschrift zur Gedächtnissfeier des hundertjähringen Geburtstages ... B. C. L. Natorp
Entstehung
Seite
16
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten