12würdiger Einsamkeit wie der schneebedeckte Gipfel eines Alpenkegelsüber sie empor. Seine urgewaltigen Melodieen rauschen wieMeereswogen; der Wechselgesang der beiden Chöre (die sogenanntenAntiphonen oder Collecten) erinnern, wie Jemand treffend bemerkt,an die Gemeinschaft der streitenden irdischen mit der triumphirendenhimmlischen Kirche im Lobe Gottes, und das Unisono („nur Ein Ton“),zu welchem sie sich schließlich verbinden, ist wie eine Weissagungauf die Zeit, da Gott sein wird Alles in Allem.Nicht so musikalisch fruchtbar, aber tief eingreifend durch seinegewalthaberischen Maßregeln erwies sich Papst Gregor der Große.Er verwarf nicht nur den Rhythmus, an dessen Stelle er denlangsam feierlichen, gleichmäßig sich fortbewegenden cantus choralis(daher Choral) setzte, sondern er verbot auch die weicheren Ton-arten der orientalischen Musik und ließ an deren Stelle acht anderehärtere treten, um auch dadurch den Kirchengesang vom heidnischenLiede zu unterscheiden. So entstand der sogenannte gregorianischeGesang in theilweisem Gegensatz zum ambrosianischen, und werdie Melodieen in diesen dorischen, phrygischen, mixolydischen u. s. w.Tonarten vernimmt, z. B. das dorische „Ach Gott und Herr,wie groß und schwer“, das phrygische oder auch jonische „OHaupt voll Blut und Wunden“, der wird zugeben müssen, daßin der Ausmerzung der sentimentalen Töne eine Strenge undHerbigkeit liegt, die wenigstens dem Bußernst und dem Gefühl derUnnahbarkeit des heiligen Gottes durchaus angemessen ist. Auchdarf dem großen kirchlichen Despoten das Verdienst nicht abgestrittenwerden, daß er für die Hebung der kirchlichen GesangschulenGroßes geleistet. Aber das hat er doch verschuldet, daß derKirchengesang sich seit ihm mehr und mehr auf den kunstmäßigenChorgesang der Geistlichen beschränkte, das kirchliche Volksliedaber in den Hintergrund trat und damit der kirchlichen Andachtdie Lebensader unterbunden ward.Der große Kaiser Karl hat schon durch sein bekanntes Wort:„Ich will, daß der Gesang der Gottheit gefalle“ sein tiefes Interesseam Kirchengesang kundgegeben. Er führte zuerst die Orgel anStelle der bisher vielfach zur Begleitung gebrauchten Flöten einund errichtete zahlreiche Musikschulen in seinen Landen, in denenauch schon der zweistimmige Gesang geübt wurde. Er prüfte
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Unsere Choräle : eine Festschrift zur Gedächtnissfeier des hundertjähringen Geburtstages ... B. C. L. Natorp
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