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Unsere Choräle : eine Festschrift zur Gedächtnissfeier des hundertjähringen Geburtstages ... B. C. L. Natorp
Entstehung
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Es ist nun allerdings schwer, über die ungemein reiche Füllevon Liedern und Chorälen, womit die christliche Kirche im Laufeder Zeit gesegnet wurde, einen Ueberblick zu gewinnen. Selbst beieiner Beschränkung auf das Hervorragendste droht man der Mengezu erliegen. Aber unsre Absicht geht nur dahin, die Geschichteunsrer Choräle, d. h. der in unsrer rheinisch=westfälischenevangelischen Kirche eingeführten und mit Vorliebe gesungenenMelodieen unsern Lesern näher zu bringen. Und auch die so be-grenzte Darstellung will nicht eine eigentliche Geschichte dieserChoräle, sondern nur ein Streifzug durch dieselbe sein, um auchdem ferner Stehenden einen Einblick in dieselbe zu gewähren, Ver-ständniß und Liebe für den heiligen Gesang zu wecken. Da wiraber auch bei diesem Versuche der Geschichte der christlichen Kirchefolgen und auf die ersten Anfänge des kirchlichen Gesanges, die nochin unsern jetzigen Kirchenliedern fortleben, zurückgehen müssen, sotritt zunächst die Frage an uns heran: wie stand unser Herrund Heiland zum geistlichen Gesange? Er war weder Dichternoch Componist; denn was für Menschen das Höchste ist, war dochzu gering für den, der vom Himmel und über Alle ist. Und wie-wohl Christus selbst der erhabenste Gegenstand aller künstlerischenDarstellung, und das Christenthum, weil die höchste Wahrheit unddas tiefinnerste Leben, auch die höchste Poesie ist, so brauchte dochder Stifter der Kirche so wenig in Poesie und Musik das höchsteVorbild abzugeben, als er etwa, um das reinste Familienglück unddie höchste Völkerwohlfahrt zu begründen, selbst in den Stand derEhe zu treten oder ein irdisches Königreich zu stiften nöthig hatte.Aber hat nicht Christus dennoch in der Poesie seines Volkes gelebt?Hat Er nicht aus dem 110. Psalm die Waffen gegen die Leugnenseiner göttlichen Natur, aus dem 22. den Ausdruck für die ent-setzlichste Stunde seines Lebens entnommen und am Vorabendeseiner Leiden wie andere Hauspriester das große Hillel mit seinenJüngern gesungen? Ja, hat er nicht auch dem Volksliede und demliederreichen Kindermunde gelauscht und u. A. in dem Kinder-verslein:Wir haben euch gepfiffen und ihr wolltet nicht tanzenwir haben euch geklaget und ihr wolltet nicht weinen! dem heißenSchmerze über die Verblendung seines Volkes Worte geliehen?Ueberhaupt aber war Alles, was er redete und that, lauter Poesie,