Es gibt vielleicht kein geeigneteres Mittel, um den Men-schen Dürer in seiner ganzen, gewinnenden Liebenswürdig-keit und wohl auch in manchen Schwächen kennen zu lernen,als die Beschäftigung mit jenen zehn Briefen, die der großeMeister im Jahre 1506 aus Venedig an seinen Freund, den be-rühmten Humanisten und Staatsmann Dr. Willibald Pirckheimerin Nürnberg, gerichtet hat. Mit jenem echt süddeutschen, ins-besondere auch fränkischen Behagen an harmloser Neckereiund Fopperei hechelt er «in guter Froligkeil», wie er selbsteinmal sagt, den gelehrten Freund durch. Da wünscht erihm z. B. Glück 1 zu seinen diplomatischen Erfolgen am mark-gräflich-ansbachischen Hofe: er rechnet scherzhaft aus, wielange der Freund brauche, bis er alle seine, in den hundertFächern seines Gehirnes zu je hundert Worten aufgestapelteWeisheit vor dem Markgrafen anzubringen vermöge, nämlichgenau neun Tage, sieben Stunden und 52 Minuten, die Seufzernoch gar nicht eingerechnet; solange werde der Markgraf aller-dings keine Audienz geben. Er kann gar nicht begreifen, wiePirckheimer mit seinen furchtbaren Gegnern fertig werden könne;ihn (Dürer) habe ein Schauer erfaßt, wie er in dem Briefe desFreundes von dessen Kampfe mit so scheußlichen Spukgestaltengehört habe. Solche Weisheit sei in der Tat eine Gabe Gottes.Er hoffe nach seiner Heimkehr recht viel davon zu profitieren,vorausgesetzt, daß Pirckheimer sich noch herablassen wolle,mit einem solchen pultron de pentor, mit einem so armseligen
* Die folgenden Anführungen nach Lauge und Fuhse, Dürers schrift-licher Nachlaß, Halle a. 8., 1893.