Druckschrift 
2 (1914) Von der Renaissance in Frankreich bis zur Gegenwart
Entstehung
Seite
447
Einzelbild herunterladen
 

16. KAP.

Vorläufer von Blomfield

447

zum bloßen Rahmen werdenden Plangestaltung sich immer mehr der Pflege der Pflanzen-welt zuwandten. Erst als am Ende der siebziger Jahre in England das formale Interessean Kunst und Kunsthandwerk die Geister erregte, die Augen sich auf die Außen- undInnengestaltung der Häuser und auch hier der eigentlichen Bürgerhäuser richteten,sollte auch für die Gartenkunst ein Umschwung eintreten. William Morris, der großeErneuerer des Kunstgewerbes, äußert sich schon ziemlich früh:Ob groß, ob klein, derGarten sollte völlig geordnet und reich aussehen". Er sollte von der äußeren Weltabgeschlossen sein, um keinen Preis die Willkür und Wildheit der Natur nachahmen,sondern wie ein Ding erscheinen, das man nirgends, außer in der Nähe eines Hausessehen könne". Vereinzelte Sonderlingsstimmen haben sich auch früher schon hörenlassen. Schon im Jahre 1839, nicht sehr viel später als Walter Scott, sagt der Bau-meister T. James:Wenn ich überhaupt System haben soll, so gebt mir das gute alteSystem von Terrassen und rechtwinkligen Wegen, von verschnittenen Taxushecken, gegenderen dunkles und reiches Grün die glänzenden altmodischen Blumen in der Sonnefunkeln. Ich liebe den Kunstverschnitt mit seinem offen eingestandenen künstlichenCharakter, er stößt beim ersten Blick das verlogene, feige 'celare artem-Prinzip'zurück, und seine Pflanzenskulptur ist der geeignete Übergang von der Architektur desHauses zu der natürlichen Schönheit von Hain und Wiese." Schärfer und klarer hatteauch Blomfield es nicht aussprechen können. Blomfield selbst fühlte sich in sichererÜbereinstimmung mit den Architekten seiner Zeit. Schon Sedding, einer der führendenBaumeister in den sechziger Jahren, hatte ähnliche Forderungen wie Blomfield aufgestellt.Auch praktische Anlagen waren diesen Forderungen schon nachgekommen, unterdiesen ist wohl das bedeutendste Beispiel Penshurst in Cheshire (Abb. 625), das Blomfieldwohl mit Recht als einen der schönsten Gärten Englands preist. Der Garten ist nichtgroß, aber sehr geistvoll behandelt. Neben dem vertieften Blumenparterre, in dem manschon sehr früh den Versuch gemacht hat,altmodische" Pflanzen in den einfachenbuchsumsäumten Beeten zu ziehen, sind die Obstgärten, mit hohen Hecken umgeben, inder Art von Bosketts gebildet und dem Garten eingefügt. Die reizvollste Anlage aber ist zurSeite ein langer Heckenweg, der zu dem Teichgarten, einem vertieften, mit Rasenhängenumgebenen Bassin, und weiterhin zwischen den Becken zu einem Brunnen führt. In diesemGarten ist im bewußten Gegensatz zu den italienischen Parterres und dem damals be-liebten, sich nach außen entfaltenden Balustradenwerk eine nach innen ziehende Kunstgebildet; die Gärten sind wie Wohnräume im Freien gestaltet, eine Forderung, die inden letzten Jahren überall laut geworden ist. In geschlossener Reihe traten die Land-schaftsgärtner heftig gegen Blomfield auf, und in den neunziger Jahren entspann sich aufbeiden Seiten eine lebhafte, mit kriegerischer Bitterkeit geführte Fehde. Blomfield be-gleitete die zweite Auflage seines Buches, die noch in dem gleichen Jahre notwendig war,mit einer polemischen Vorrede, in der er über seinen früheren Standpunkt hinausgehendsein Kunstempfinden präzisiert:Der Ausgangspunkt ist nicht eine Modefrage, sonderneine des Prinzips. Es ist einfach eine Ansicht des dauernden Kunstproblems: wieweitist der Mensch Sklave der Natur ? Um es genauer zu formulieren: wieweit muß er denAusdruck seiner Ideen einer wirklichen Nachahmung der Formen dessen, was ich zudiesem Zwecke, wenn auch unwissenschaftlich, die rohe Natur nennen möchte, unter-werfen?" 31 Die Beantwortung der hier aufgeworfenen Frage zeigt wohl den schärfstenGegensatz zu den Prinzipien, die das XVIII. Jahrhundert sich in immer wieder er-