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Der Tiergarten in Berlin
16. KAP.
Deutschland stand in dieser städtischen Parkbewegung den anderen Ländern durch-aus nicht nach. Ja, einer der kleineren Städte, Magdeburg, gebührt hier der Ruhm, allenandern vorangegangen zu sein. Schon 1824 übertrug die Stadt Lenne die Anlage einesöffentlichen Parks, Lenne antwortete in einem Briefe, der mit aller Klarheit das Be-sondere dieser Tat beleuchtet: „Es ist mir nicht neu, daß Fürsten und reiche Privat-leute große Summen an die Werke schöner Gartenkunst wenden. Allein ein Unter-nehmen dieser Art, das nach vorläufigem Überschlag exklusive der Baulichkeiten nichtweniger als 18 000 Taler kosten wird, von seiten eines Stadtmagistrats, ist das ersteBeispiel, das sich mir in meinem Künstler leben dargeboten hat" 253 . Berlin ließ natür-lich auch nicht lange auf sich warten. Zur Jahrhundertfeier der Thronbesteigung Fried-richs des Großen beschloß die Berliner Stadtbehörde, im Osten der Stadt einen Volks-park, den Friedrichshain, anzulegen. Man hätte keinen glücklicheren Anlaß zur Ge-burtsstunde des städtischen Gartens wählen können, es war zugleich Dank und Hul-digung dem gartenliebenden Schöpfer von Sanssouci und ein stolzes Betonen des er-starkten Bürgerbewußtseins, das sich reif genug fühlte, um den Fürsten die Sorge fürdie Verschönerung und die Hygiene ihrer Städte abzunehmen. Aber die Krone machtedamals der Stadt ein Gegengeschenk, indem sie den Tiergarten zu einem öffentlichenPark machte. Seit dem XVI. Jahrhundert w r ar dies 23g ha große Waldgelände im Be-sitze der brandenburgischen Fürsten, seine Umwandlung zum Lustpark dankt es haupt-sächlich Friedrich dem Großen, der hier die Sternalleen mit Bassins und Statuen, grüneKabinette und Irrgänge anlegen ließ 26 . Später, in den neunziger Jahren, wurde hier süd-lich des großen Sternes ein Teil im englischen Stile umgestaltet; der große See mit derRousseauinsel, die damals geschaffen wurden, sind heute im besten Sinne malerisch wir-kende Anlagen. Auch nördlich vom großen Stern erhielt das Schlößchen Bellevue einenLandschaftsgarten. Man übertrug nun im Jahre 1840 Lenne sowohl die Neuanlage desFriedrichshaines wie die Umgestaltung des Tiergartens. Aber während er den ersterenganz nach dem Muster eines englischen Parks anlegte, schonte er im Tiergarten die Alleenund Wegzüge des alten Parks und schloß seine Neugestaltung nur an die schon vorhan-denen im Süden an, wo er einen zweiten malerischen See schuf (Abb. 623). Es scheint, daßschon damals der Geist Friedrich Wilhelms IV. hier mitgesprochen hat, wenigstens rührtvon ihm noch als Kronprinzen eine Skizze für einen im regelmäßig klassischen Stil um einengroßen Hippodrom angelegten Garten, zu dem er ein Stück des Tiergartens umschaffenwollte 26 . Die großen Alleen, die den Park auch heute noch durchziehen, sind ihmallerdings nach einer Seite zum Verhängnis geworden: der Verkehr hat sich nicht wiein den englischen und amerikanischen Parks an der Peripherie gehalten, sondern durch-zieht ihn nach allen Seiten; und ganz dem Geiste solcher Parks widersprechend sinddiese allem Lastverkehr offenen Straßen sogar zementiert oder gepflastert. Im Jahre1867 stellte Berlin Gustav Meyer, den Schüler Lennes und Verfasser des Lehrbuches, alsersten städtischen Gartendirektor an, wo ihm bis zu seinem Tode eine große praktischeTätigkeit blühte. Er hat alle übrigen Parks von Berlin bis auf die neueste Schöpfungdes Schillerparks angelegt, und sein Rat wurde von vielen andern Städten eingeholt.
Diese erste Periode der städtischen Parkanlagen hatte vor allem die Verschöne-rung der Städte im Auge, man fühlte sich vollkommen befriedigt, wenn man nach dendamals herrschenden und immer schematischer und geistloser werdenden ästhetischenPrinzipien einen Park wie den andern nach dem oben geschilderten englischen Vorbilde