Druckschrift 
2 (1914) Von der Renaissance in Frankreich bis zur Gegenwart
Entstehung
Seite
409
Einzelbild herunterladen
 

15. KAP.

Goethes Garten an seinem Stadtltausc

409

Abb. 605bMuskau, Blickauf den ParkPückler

Nach deinGemälde vonSchirmer

ein helles Miniaturbild aus beschriebenen Pergamentblättern alter Vorzeit", und ergesteht, die Gärten vor allem zu lieben, die auch unsern Voriahren so teuer waren,die nur eine grünende, geräumige Fortsetzung des Hauses sind . . . Dort umgab ihndie zauberische Natur in denselben Regeln, in denen der Mensch von Verstand und Ver-nunft und der inneren unsichtbaren Mathematik seines Lebens umgeben ist". Tieck willden Landschaftsgarten nicht ganz ausschließen, aber während ihm wie einst Sir WilliamTemple der Stil des französischen Gartens kaum zu verfehlen scheint, dürfte der eng-lische Garten eigentlich nur einmal existieren, so individuell ist er.So konnte es nichtfehlen, daß man, von jenem echten Natursinne verlassen, in Verwirrung geriet. Ein wah-res, vollkommenes Gedicht sollte ein solcher (englischer) Garten sein, ein schönes Indi-viduum, das aus eigenstem Gemüt entsprungen", sagt er an anderer Stelle, mit Worten,die Wordsworth aus ganzer Seele unterschrieben hätte.

[Aber auch Goethe selbst war gegen das Ende seines Lebens sehr von seiner Begeiste-rung für den englischen Garten abgekommen. Bei einer Spazierfahrt nach dem Belve-dere lobte er dem Kanzler von Müller die französischen Gartenformen, wenigstens fürgroße Schlösser.Die geräumigen Laubdächer, Berceaux, Quinconces lassen doch einezahlreiche Gesellschaft sich anständig entwickeln und vereinen, während man in unsernenglischen Anlagen, welche ich naturspäßig nennen möchte, allerwärts aneinanderstößt, sich hemmt oder verliert" 5ia . Es liegt in diesen Worten fast eine GereiztheitGoethes gegen seine frühere Begeisterung, gegen den Geist sentimentaler Schwärmerei,der ihr zugrunde lag.

Auch muß erinnert werden, daß Goethe, der Schöpfer des Weimarer Parkes, doch nie-mals daran dachte, den Garten an seinem Stadthause in malerischem Stile anzulegen.Dieser Garten trägt bis heute das Gepräge des alten Stils. Das ummauerte Viereck hatzwei Gartenhäuser an den hinteren Mauerecken und ist in völlig regelmäßige, geradlinigeStücke eingeteilt, hier zog der Dichter einst, als die jetzt sehr herangewachsenen breit