Druckschrift 
2 (1914) Von der Renaissance in Frankreich bis zur Gegenwart
Entstehung
Seite
406
Einzelbild herunterladen
 

406

Jung Stilling Moser Goethe

15. KAP.

Und wieder ein Stall, versteht mich schon,Wird gradewegs ein Pantheon."

Für Goethe war derTriumph der Empfindsamkeit" der Fehdehandschuh, den er dervon ihm überwundenen Epoche der Sentimentalität hinwarf, aber sowohl die verspottetenAnlagen, wie die andern Auswüchse der Empfindsamkeit wuchsen nur, sich gegenseitiganreizend, eines immer die Folie für das andere bildend"!] 1784 schildert Jung Stillingdie Szene, wie er und Selma in den Schmerzschen Garten treten. Er bewundert, wie seinSchöpferjedes Hügelchen, jedes Tälchen, jeden Baum und Strauch ... zu einer indi-viduellen Schönheit gemacht . . . findet bald das Starke, schauderhaft Schöne, bald dasträumerisch Melancholische , . . . bald das üppig Schwelgende aufgedrückt". Viele In-schriften versetzen die Freunde in die verlangte Stimmung. Sie gehen in ein Felsen-zimmer, um eine Erfrischung einzunehmen.Nach einer Weile, als es stockfinster war,sagt Herr Schmerz zu uns: Kommen Sie Freunde! Jetzt ist's feierlich schön draußen;ich nahm Selma an eine und eine andere Dame an die andere Hand, Schmerz ging stillneben uns, wir wandelten fort. Vorne in den Gang Gott! ein hellgrünes Licht durch-schimmert den Wald und hundert Lampen erleuchten die Urne! Gott, welch ein An-blick, über uns glänzte der Himmel in sanften Blitzen, und dies Schauspiel da!Selmajauchzte und wankte ich riß mich los, Tränen rollten mir die Wangen herab einesanfte, blasende Musik erhob sich, hinter der Urne ein hellgrünes Licht, es schwammein Adagio ausZemire und Azor" zu uns herüber, ich rief: Schmerz, erleuchtet mirChristinens Urne, der Himmel blitzt Wohlgefallen auf mich und Selma herab, und derWald tönt mit sanfter Freude. Ich und Selma schwuren uns ewige Liebe, aber wirschwuren auch, Gott und die Menschen zu lieben, in aller Fülle menschlicher Kräfte" 45 .Schon vor Goethe hatte Justus Moser in seinen patriotischen Phantasien, die Goethesehr bewunderte, seinen Spott über die neue Mode ausgegossen. Fast erstaunlich scheintes, daß die kleine Satire, dasenglische Gärtchen", schon 1773 geschrieben ist. Und dochist es bezeichnend, daß, ehe der Stil wirklich in großen Schöpfungen sich einbürgernkonnte, zuerst die spielerische Manier des anglo-chinesischen Geschmacks aufgetretenist und wahrscheinlich in den von englischer Mode immer am frühesten beeinflußtenhannoverschen Gebieten sich am stärksten ausgelebt hat. Moser liebte das Alte und daseinheimisch Deutsche, und ihn kränkte hier zugleich das Ausländische und der kindisch-unverdaute Geschmack: In einem Schreiben schildert eine Enkelin ihrer Großmutter,wie die kleine Bleiche, der Obstgarten und das Kohlstück der Großmutter durchden Mann der Schreiberin in einen englischen Garten mit vielen Hügelchen und Täl-chen umgewandelt ist,aber nun heißt's auch shrubberey oder, wie andere sprechen,englisches Boskett". Auf dem Hügel sitzt man auf einem chinesischen Kanapee, worübersich ein Sonnenschirm mit vergoldetem Blech befindet. Natürlich fehlt nicht die chine-sische Brücke und ein gotischer Dom als Sommerhäuschen 46 . Stärker noch als imTri-umph der Empfindsamkeit" folgt Goethe Moser in dem 1797 geschriebenenHauspark":Die Tochter klagt der Mutter den Hohn der Gespielinnen:

,,Daß ich besser sollte fühlen,Was Natur im Freien beut . . .Solche schroffen grünen WändeLießen sie nicht länger stehn;Kann man doch von einem EndeGleich bis an das andere sehn.