Druckschrift 
2 (1914) Von der Renaissance in Frankreich bis zur Gegenwart
Entstehung
Seite
350
Einzelbild herunterladen
 

350

Bedeutung der Steine, Berge und Seen

U.KAP.

führten vom Hause in den Garten. Im IX. Jahrhundert beschäftigte sich der berühmteMaler Kanaoka damit, Gärten und Felsen zu zeichnen. Und als nach seinem Tode diehöchst schwelgerische Zeit der ausgehenden Heian-Eppche den Adel zu allen Extra-vaganzen fortriß, sah auch Kioto die Anlage berühmter Gärten; darunter erlangte be-sondere Bewunderung das mit Ziegeln bedeckte Haus eines Minamotahäuptlings, da-mals noch etwas ganz Einzigartiges. Hier hören wir zuerst, daß der Park, den er um seinHaus angelegt, die Miniaturnachbildung einer berühmten Landschaft Japans, die Salz-küste (schio-hama) der Provinz Mutsu darstellte. Recht bezeichnend für den Geist des da-maligen Adels ist es, daß Hunderte von Tonnen Salzwasser verdampft wurden, um demWasser des Gartensees den echten Meergeschmack zu geben 40 . Aus der gleichen über-trieben ästhetischen Kultur heraus bedeckte man damals auch große Bäume mitkünstlichen Pflaumen- oder Kirschblüten, um den Frühling zurückzurufen, oder be-kränzte alte Kiefern mit Wistariablüten im Herbste, oder häufte große Massen Schneean, um noch im Frühling unter sonnigem Himmel einige Spuren davon zu erhalten 41 .Schnee und Blüten vereint gehört allerdings zu den Dingen, die zu allen Zeiten denJapaner entzückt haben 42 .

Eine eigentümliche, und wie es scheint, ganz japanische Ausbildung hat die Garten-kunst erst in der nächsten, der sogenannten Kamakura-Epoche, von etwa 1150 bis 1310,erlangt 43 . Buddhistische Mönche waren, wie gesagt, von Anbeginn die Hauptlehrer undPfleger der Gartenkunst gewesen. Noch heute finden sich ebenso wie in China um dieTempel und Klöster die schönsten alten Gärten, und die Gebäude selbst in ihrer rotenKomplementärfarbe, die alle religiösen Gebäude ziert, stehen herrlich auf dem dunkel-grünen Hintergrund.

Welche Bedeutung die Steine für den chinesischen Garten hatten, haben wir gesehen.Es ist höchst wahrscheinlich, daß die Mönche auch von dorther die Sitte mitbrachten,die wichtigsten Steine, die ihren bestimmten, festgelegten Platz erhielten, mit dem Na-men buddhistischer Gottheiten zu benennen. Lafcadio Hearn sah noch in dem Gartendes Abtes von Tokuwamonu die Legende des Buddha, vor dem sich die Steine neigen,dargestellt 44 . Und noch bis in die spätesten Zeiten findet man auch in profanen GärtenSteine, die den Namen von Gottheiten führen, meist neun an der Zahl, fünf stehend,vier liegend. Sie haben den Zweck, als Schutzgeister Übel abzuwenden und müssen ihrebestimmte Stelle haben. Diese primitiven Tempelgärten haben in China wohl gleiche,vielleicht auch bedeutsamere Vorbildtr gehabt. Und ebenso wie in China dem Chinesen,sind auch dem Japaner die Berge heilig. Fast alle sind einer bestimmten Gottheit ge-weiht und tragen Tempel, zu denen die Pilger wandern. Der höchste und die für den Ja-paner vollkommenste Berggestalt ist der Fujiyama, auch Fijusan genannt; ihn alsNachbildung in seinem Garten zu haben, galt als das Schönste (Abb. 572). Eine alte Sageläßt ihn in einer Nacht gleichzeitig mit dem Biwa-See entstehen, als die Götter ihnaus dem aus dem Becken ausgegrabenen Erdreich auftürmten 443 . So bildet er gleich-sam für die stete Arbeit des Gartenkünstlers ein erhabenes Vorbild, denn See und Berggehören dort, sich gegenseitig bedingend, zusammen.

Zu Beginn des XIII. Jahrhunderts erschien die erste Abhandlung über die Kunst,Gärten anzulegen und sie erwies sich als eine Art von moralisch-philosophischerAbhandlung. Yoschitsune Gokyogoku gründet diese Kunst auf das Urprinzip derherrschenden Taotse-Philosophie: alles in der Natur zerlegt sich in zwei korrespon-