14. KAP.
Drei Hauptarten der Szenerie
337
flachen, nebeneinandergelegten, rechteckigen Steinplatten gebildet, oder führt, aus Holzmit einem Geländer, im Zickzack herüber. Ist der See groß und tief genug, daß der Be-sitzer dem Lieblingsvergnügen, dem Kahnfahren, fröhnen kann, so sind die Brückenmannigfaltig gewölbt, aus dem verschiedensten Material, um Fahrzeuge durchzulassen.So vielgestaltig See und Brücke auch sein mochten, erinnerten sie den Chinesen dochimmer an die Urform aller chinesischen Seen, den Hsi-hu; dort waren die Brückenzwischen den Straßen, die über den See führten, hoch genug, daß die Hausboote,die man sich da mietete, um einen ganzen Tag mit seiner Familie darauf zu-zubringen, hindurchfahren konnten. Häufig war auf der Mitte der Brücke ein Pa-villon oder an beiden Enden Triumphtore. Solche Triumphtore schmückten die beidenEnden der Brücke, die über den See im Kaiserpalast zu Peking führte, von demMarco Polo berichtet 29 . Hsi-ma-kuangs Garten, der durch besondere Einfachheitden Geschmack des stillen Gelehrten widerspiegeln soll — ist doch seine Bibliothekder Mittelpunkt — zeigt als Hauptgarten ein einfaches Bild. Er spricht nicht einmalvon einer Insel im See, doch fehlt der Bach, der von den östlichen Hügeln herabfließt,nicht, denn die Kaskade im Osten ist eine unerläßliche Bedingung der Hauptszene.Auch nach Norden und Westen umgeben Hügel die Ufer dieses Sees, die in der Mitteetwas zurücktreten, um die Aussicht freier zu machen, den Blick in halbversteckteSchluchten, Bambuswäldchen und am Horizonte in das köstliche, kleine, blühendeWäldchen von Granatbäumen, Zitronen und Orangen zu lenken, aus dessen Mittesanft ansteigend der Schneckenhügel mit dem grünen Pavillon ragt.
Drei Hauptarten von Szenerie unterscheidet der Chinese; nach dem Lachenden solldurch Konstrast das erhaben Schreckliche wirken: drohende, überhängende Felsen, dunkleHöhlen, schäumende Wasserfälle, die von allen Höhen herabstürzen, verkrüppelte Bäume,die von der Gewalt des Sturmes gebrochen scheinen, Gebäude, die halb in Ruinen, einigewie vom Feuer zerstört aussehend, das sind die Mittel, mit denen dieser Eindruck hervor-gebracht wird. Hsi-ma-kuangs Einsiedelei ist milder, er hat das köstliche Bild, das er vonseinem felsummauerten stillen See entwirft, mit vielen Zügen der dritten Gattung, der ro-mantisch-idyllischen, vermischt, die in der kleinen Insel mit der Fischerhütte sich zeigt.Nach der Einsiedelei führt uns der Dichter durch kühle, dunkle Höhlen. In den großenkünstlichen Bergen und Felsen waren in allen größeren Gärten Höhlen und Gemächer,oft mit großem Aufwand, eingerichtet. Auch Martini erzählt davon: „In den schönenGärten Chinas habe ich einen künstlichen Berg gesehen, in dem man höchst kunstvollHöhlen, Zimmer und Stufen gegraben hatte, ja Teiche, Bäume und andere Sachen an-gelegt hatte, in welchen die Kunst mit der Natur im Wettstreit war. Das machen sie,um die Hitze des Sommers mit der Kühle der Höhlen zu betrügen, wenn sie dort stu-dieren oder Feste geben. Was die Schönheit noch erhöht, ist die Anlage von Labyrin-then, denn, obgleich der Platz nicht sehr groß war, konnte man darin 2—3 Stundenumhergehen" 30 . Eine Hauptaufgabe des chinesischen Gartenarchitekten aber war es,einen Zentralpunkt zu finden, um alle diese verschiedenen Bilder, die man nachein-ander einzeln genoß, zu einem großen Übersichtsblick zusammenzuschließen. Hsi-ma-kuang hebt diesen Punkt nicht besonders hervor, wahrscheinlich aber war es der Aus-sichtsberg auf der Höhe, der ihm auch die Ebene mit dem heimatlichen Flusse Kiang zeigt.
Dieser Garten des Ministers wurde an Größe und Reichtum von den kaiserlichenGärten weit übertroffen. Überall aber, ob das Terrain groß oder klein war, mußte
Gothein, Gartenkunst II