Druckschrift 
2 (1914) Von der Renaissance in Frankreich bis zur Gegenwart
Entstehung
Seite
338
Einzelbild herunterladen
 

338

Zwerggärten

U.KAP.

Abb. 563

Chinesischer

Hausgarten

mit Kiefern

Brit. Museum

die Hauptaufgabe des chinesischen Gartenkünstlers sein, das Bild dem Räume pro-portional zu gestalten. Da er die freie Natur, die er nachahmen will, doch fast nie-mals in ihren eigenen Verhältnissen wiedergeben konnte, so war es ein besonderesStudium, durch geschickte Anordnung die Perspektive bedeutender ahnen zu lassen.So erzählt Staunton, der im Gefolge der englischen Gesandtschaft reiste, von einemGarten, wo eine leichte Mauer, in einer gewissen Entfernung durch die Zweige einesDickichts gesehen, vollkommen den Eindruck eines prächtigen Hauses machte 31 .Selbst in seinen großen Gärten mußte der Chinese einen verkleinerten Maßstab an-legen, Staunton schildert den Kaiserpalast zu Peking,er macht den Mittelpunktder Tatarenstadt aus, und ungeachtet die Stadt in einer staubigen Ebene liegt,

schließen dennoch die Mauern desPalastes jede Abwechslung desBodens, welche die Natur auf derOberfläche der Erde in ihrerheitersten Schöpferlaune hervor-gebracht hat, nach verjüngtemMaßstabe in sich: Berge, Täler,Seen, Flüsse, kühne Abgründeund sanft ansteigende Hügel sindhervorgebracht worden, wo dieNatur sie nicht angelegt hatte,und zwar nach so treuen Verhält-nissen und mit so viel Harmonie,daß, wenn das allgemeine Ansehender ganzen umliegenden Gegendder Täuschung nicht widerspräche,der Zuschauer zweifeln würde,ob es wirkliche Naturanlagen oderglückliche Nachbildungen ihrerSchönheit wären. Diese Welt imkleinen ist auf das Geheiß eines Menschen zu seinem Vergnügen durch die saureArbeit von Tausenden hervorgebracht" 32 . Wenn schon ein so bedeutsamer Raum,wie ein Kaisergarten, eine Verkleinerung der Verhältnisse bedingte, so mußtensich die Künstler doch auch jedem noch so kleinen Räume bequemen. Das führtevor allem zu einer Beschränkung des W T achstums der Bäume, bis zum äußerstenZwergwuchs, der aber alle Eigentümlichkeit eines alten, völlig ausgewachsenenBaumes zeigen mußte. Auch in der freien Natur bewundert der Ostasiate besondersdie Vielgestaltigkeit, die bizarre Unregelmäßigkeit der Bäume, wie sie ganz alteWeiden, Kiefern und andere Nadelbäume, wohl auch Kirschbäume, annehmen;diese bevorzugen besonders die Maler auf ihren Bildern (Abb. 563). Fast scheintes, daß, wie die Gebirgsformation Chinas reich an bizarren, seltsam geformtenüberhängenden Felsen ist, auch die Bäume in der Natur, sich selbst überlassen, einereichere Formensprache reden als bei uns. Diese Landschaftsbilder sind oft als Ganzeskaum von einem großen Garten zu unterscheiden und werden diesen auch oft als Vor-bild gedient haben (Abb. 564). Solche Bäume auch in den Gärten in allen Größen,