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Historische Entwicklung der chinesischen Gartenkunst
14. KAP.
chinesische Stilgefühl das eigene unbefangen zu entfalten. Man hat über Sir WilliamTemples Besorgnis gelacht, mit der er warnte, eine so schwierige Sache, wie die Nach-ahmung eines chinesischen Gartens, zu unternehmen, ohne zu ahnen, wie er im Grundedoch recht hatte. Fruchtbar hätte vor allem sein Gedanke wirken sollen, die chinesischeGartenkunst durch ihre Malerei zu begreifen, denn beide gehören auf das allerengstezusammen.
Fertig, völlig ausgebildet, tritt diese neue, eigenartige Gartenkunst in unseren Ge-sichtskreis als ein auf lange Tradition gebauter Kunststil, der von allem, was wir Gar-tenbau oder Anbau nennen, in dessen Nützlichkeitsbedingungen wir bisher die Wurzelaller andern Gartenkunst fanden, sich völlig gelöst hat. Ja, nach gewisser Hinsicht istder chinesische Gartenstil reinster Kunststil, und die Frage nach dem Entstehen undWerden dieser Kunst drängt sich lockend genug auf. Hier aber stellen sich unüberwind-liche Schwierigkeiten in denWeg: in keinem Lande können wir weniger darauf hoffen,irgendwelche Spuren alter historischer Gärten anzutreffen, da die eigentümliche Eti-kette den chinesischen Kaisern und in weitem Umfang auch ihren Großen verbietet,das Haus ihres Vorgängers als Residenz zu bewohnen, und meist verlegte auch jede neueDynastie ihre Hauptstadt nach einem andern Orte. Da aber länger als in irgend-einem andern Lande die chinesische Kunst sich ausschließlich um den Kaiserhofgruppierte, so verfielen die früheren Residenzen. Alle Reisenden bis in die neuesteZeit 14 wissen über den schlechten Zustand der Paläste der Kaiser und Großen, dieeben zur Zeit nicht Residenz waren, zu berichten. Das Land zog seinen Vorteil dar-aus, wenn die Kaiser das Reisen liebten, wie fast alle Mitglieder der Mandschu-Dynastie,die seit 1644 häufige Reisen nach ihrer tatarischen Heimat machten. Alle Paläste,die der Kaiser auf seinen Reisen besuchte, mußten gepflegt und gut unterhaltenwerden; wie weit das aber immer nur ein Augenblicksbild ergab, zeigt, daß dieKlage über Verfall schon erhoben wird, sobald ein altgewordener Kaiser seine Reisenaufgibt, denn sofort wurden die zur Unterhaltung bestimmten Gelder veruntreut.Es nützte auch nicht, wenn er dann den einen oder andern seiner Paläste einemreichen Manne mit der Bedingung der Unterhaltung überläßt. So hatte der KaiserKienlong die herrlichen Gärten um seinen Reisepalast Ou-yen einem reichen Salz-kaufmann überlassen, dieser aber, in der Sicherheit, daß der alte Kaiser nicht mehrhinkommen würde, hatte auch nichts mehr dafür getan. Die europäischen Reisendenfinden ihn nach wenigen Jahren so in Verfall, daß sie kaum noch eine Brücke oder Holz-galerie zu betreten wagen 15 .
Demgegenüber steht die beispiellose Kontinuität der chinesischen Kultur auf allenGebieten, und nicht zum mindesten dem der Gartenkultur, für die man vielleicht dieZentralisation an dem Kaiserhof als eine ihrer Hauptstützen ansehen darf. Die Eti-kette an diesem Hofe ist immer ein Hauptgegenstand der Wissenschaft gewesen. Esfehlt dem Chinesen, für den Kenntnis des Alten eine nationale Leidenschaft ist, gewißnicht an historischer Forschung aller Art, aber die ununterbrochene Entwicklung durchJahrhunderte hält das Auge des Forschers so wenig durch Kontraste auf, daß sich dieWurzeln einer so langsam erwachsenen Kunstübung ganz in das Dunkel der Vorzeitverlieren.
Immerhin lassen manche Nachrichten über die Bauten der Han-Dynastie, die von206 v. Chr. bis 201 n. Chr. den chinesischen Thron besaß, schließen, daß zuerst unter