Schloß Amboise
9. KAP.
die kolossalen Türme, in denen man heraufreiten konnte, wo statt der Treppen eine be-quem ansteigende Straße zu der hohen Schloßterrasse führt 6 .
Karls Tod unterbrach keinen Augenblick die Betätigung, die sein Nachfolger Lud-wig XII. in seiner 17jährigen Regierung mit allem Eifer fortsetzte, bis sie dann unterFranz I. und seinen nächsten Nachfolgern zu einer keine Schranken mehr kennendenLeidenschaft wurde. Die Ernte dieser 80jährigen Bautätigkeit auf dem Gebiete desSchloßbaues, der für unsere Kunst zuallererst in Betracht kommt, liegt gesammelt inder reichen Stichfolge des Architekten Androuet Du Cerceau vor, die auch für die Ent-wicklung der Gartenkunst eine Anschauung vermittelt, wie sie kaum ein zweites Mal,jedenfalls niemals wieder von einer Periode jugend- und schaffensfrohen Werdens, ge-boten ward.
Mit welch froher Lernbegier sich Frankreich in die Lehre Italiens begab, zeigt nichtnur die Einwanderung italienischer Künstler, sondern ebenso und mehr der stete Stromjunger französischer Architekten, die nach Italien zogen, um sich dort in eifrigen Stu-dien die modernen und antiken Kunstwerke vertraut zu machen. Und doch hat sichFrankreich von Anbeginn eine erstaunliche Selbständigkeit und Bodenständigkeit be-wahrt. Vor allen Dingen nahm man damals diesseits der Alpen noch gar nicht den Be-griff der Villa auf. Auch das italienische Landhaus des XV. Jahrhunderts hatte sich jaweit länger als das Stadthaus den Charakter der mittelalterlichen Feste bewahrt. Diefrühflorentinischen Villen, Careggio, Quarachi, Caffagiola, Villa Imperiale bei Pesaro, dasBelvedere des Vatikans, alle zeigten in ihrem Äußern noch die zinnengekrönte Mauer,die Türme, die ausladenden Unterbauten. Aber sehr schnell wurde dort dieser Stil über-wunden . Schon zum Ende des XV. , im Anfang des XVI . Jahrhunderts, ist das offene Land-haus, die italienische Villa, fertig, die Türme, die zuerst als ausladende Gebäudeteile ge-staltet wurden, sind dann ganz in der Fassade-untergegangen, der Grundplan ist regel-mäßig, gruppiert sich meist um einen Hof, die Haupteingangsfassade wird häufig durcheine Säulenhalle, so offen und einladend wie möglich, gebildet. Welch einen Einfluß diesauf die Gestaltung des Gartens ausübt, wird ein Vergleich mit dem französischen Schloß-bau zeigen. Frankreich hat, wie gesagt, die italienische Entwicklung nicht mitgemacht.Bei aller Bewunderung für die blühende Kunst jenseits der Alpen begnügt man sich dochmeistens mit der Nachahmung der dekorativen Teile. Das Schloß aber bewahrte fastimmer seinen mittelalterlichen Charakter, mit all seinen mehr oder minder zufälligenUnregelmäßigkeiten des Grundrisses, mit seinen Ecktürmen, die sich zwar allmählich inPavillons verwandelten, aber als solche ihre Selbständigkeit dem Hauptgebäude gegen-über immer wahrten. Auch die hohen Dächer, vor allem aber die Gräben, die kaum einLand mit solcher Zähigkeit festgehalten hat wie Frankreich, bewahren den mittelalter-lichen Charakter. Und all diese Zeichen eines festen Hauses finden sich nicht etwa nurbei den Schlössern, die auf alten Fundamenten umgebaut wurden, sondern fast immerauch bei den Neubauten, wenn man hier auch allmählich einen regelmäßigen Grund-plan zu bevorzugen begann. So konnten die Gärten der frühesten Schlösser, be-sonders der zu Amboise, sich in Lage und Plan noch wenig von den mittelalterlichenunterscheiden.
Karl hatte sich unter seinen italienischen Künstlern auch einen neapolitanischenGärtner mitgebracht, seines Zeichens ein Priester, Pasello da Mercogliano 8 genannt,der die Pflege des Seelengartens mit der des irdischen verband. Er fand in Amboise