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2 (1914) Von der Renaissance in Frankreich bis zur Gegenwart
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9. KAP.

Karls VIII. Kriegszug nach Italien 3

S ist erstaunlich, mit welch freudiger Hingebung sich geradeFrankreich zu der Schülerschaft Italiens bekannt, wie zielbewußtes gelernt, und wie es doch von Anfang an seine Eigenart starkempfunden und bewahrt hat. Im Jahre 1495 unternimmt derjugendlich romantische König Karl VIII. seinen Triumphzug nachItalien. Mehr wie zu einem Spiel, denn einem Feldzuge, eilt er, ohneje ernstlichen Widerstand zu finden, von Fest zu Fest dem Südenzu. Mit schönheitstrunkener Seele nimmt er den Glanz, den diejunge italienische Kunst in der heiteren Freudigkeit der Frührenaissance überallhinverbreitet hat, in sich auf. Er und seine jungen Ritter und Begleiter sind laut inihrer Bewunderung, die ihren Höhepunkt erreicht, als sie in Neapel einziehen. Sieglauben hier das irdische Paradies gefunden zu haben.Der König in seiner Gnade",schreibt der Kardinal Briconnet an die Königin Anna von Bretagne,hat mir alles, in-und außerhalb der Stadt, zeigen wollen, und ich versichere Sie, daß es ein unglaublichesDing ist mit der Schönheit dieser Orte, wohlausgestattet mit allerlei weltlichen Lustbar-keiten." Und Karl selbst schreibt an Pierre de Bourbon:Übrigens können Sie nichtglauben, welch schöne Gärten ich in dieser Stadt habe; denn, auf mein Wort, es scheint,daß nur Adam und Eva fehlen, um daraus ein irdisches Paradies zu machen, so schönsind sie und voll von allen guten und seltsamen Dingen" 1 . Damals war es, wo er eineNacht in Poggio Reale zubrachte, das dem König und allen um ihn, seinen Chronistenund Hofpoeten, als die Krone aller dieser Herrlichkeit erschien.Um die Schönheit diesesOrtes zu schildern, müßte man haben ,le beau parier de Maistre Alexis Chartier, la sub-tilite de Maistre Jean de Meung et la main de Fouquet", ruft einer seiner Begleiter aus 2 .Karl brachte an Zuwachs politischer Macht wenig mit heim; was er wie im Spiele gewann,verlor er auch wieder wie im Spiel. Für die Kultur Frankreichs aber war dieser Feldzugein Ereignis von tiefgreifenden Folgen, er war die Geburtsstunde der französischen Re-naissance. Karl führte von diesem Zuge 22 italische Künstler der verschiedensten Gat-tung mit sich zurück, denen er ein Asyl auf dem Schlosse zu Amboise gewährte. Undmit ihnen traf unter der Leitung von des Königs Zeltmacher, Nicolas Fagot, von Neapelher eine Ladung von verschiedenen Teppichen, Bibliotheken, Gemälden, Skulpturenvon Marmor, Stein und Porphyr, im Gesamtgewicht von 87000 Pfund, ein 3 . Der fran-zösische Herausgeber dieser Nachricht bemerkt dazu,es bedarf dazu keiner einzigenAnmerkung oder es bedarf deren 20 Bogen; denn was der Tapezierer Nicolas Fagot inseinen Wagen aus dem untersten Italien in das Herz von Frankreich beförderte, istnichts mehr und nichts weniger als die ganze italienische Kunst, jene Kunst, die inAmboise, in Gaillon und in unserem ganzen Vaterlande zahlreiche Wunder aufblühenlassen sollte, die zartesten vielleicht, die Frankreich gesehen hat"*.

Karl war glühend vor Eifer, zunächst sein Amboise umzugestalten. Briconnet hatte derKönigin von Neapel aus auch des Königs Wort von dem irdischen Paradies wiederholt,so sehr ist es das", schreibt er weiter,daß er jetzt Amboise nicht mehr so schätzt wie eres vordem cat" 5 . Heimgekehrt, war es des Königs sehnlichster Wunsch, auch hier einsolches zu schaffen. Der Umbau des Schlosses, den er schon vor dem Feldzuge be-gonnen, wurde fieberhaft fortgesetzt, so daß, als ihn nach zwei Jahren der plötzlicheTod ereilte, sein Chronist Commines schon von prächtigen Gebäuden erzählen konnte,die der König vor seinem Tode in Amboise begonnen und gefördert habe. Dazu gehören