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1 (1914) Von Ägypten bis zur Renaissance in Italien, Spanien und Portugal
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Boccaccio, Decameronc

6. KAP.

dritte, fast weiße, es über sich warf; es sammelte sich in Schalen und floß durch je einenLöwen-, einen Stier- und einen Menschenkopf ab, um dann weitergeleitet den Gartenzu bewässern. Die Freude an diesen phantastischen Brunnenschilderungen wirkt nochlange weiter. Rabelais stellt in den Hof seiner Thelemitenabtei einen fast gleichen Brun-nen, den er nur humorvoller ausmalt, besonders in den drei Frauengestalten, denen dasWasser aus allen Leibesöffnungen in die Schalen fließt 91 . Auch die meisten übrigenGartenerwähnungen Boccaccios bleiben traditionell; durch die Aufnahme der Baumlistein die Teseide hat er, wie schon erwähnt, auch diese antike Tradition weit in die Re-naissance hinein lebendig erhalten. Aber Boccaccio weiß auch seine Augen der Wirklich-keit zu öffnen, wie keiner vor ihm: dort, wo er uns ein Stück Zeitgeschichtevoll unnachahmlicher Anschaulichkeit gegeben hat, in der Rahmenerzählung seinesDecamerone. Wenn Villani in seiner Chronik ein allgemeines Bild der Schönheit vonFlorenz' Umgebung entworfen hat, wenn Petrus Crescenzius lehrend das Mustereines Herrengartens zeigt, so gibt doch erst Boccaccios Schilderung der vornehmstenseiner Villen eine klare, greifbare Schilderung der Landsitze des Adels, die sich aufden Hängen von Fiesole über der Stadt erhoben. Gewiß waren in Wirklichkeit undsind in der Dichtung diese Villen, auf denen die Damen und Herren in Decameroneihre Tage verleben, einander sehr ähnlich; der Kreis der Motive in der Gartenkunstist noch klein und typisch wiederkehrend, aber was der Dichter sehen und erleben läßt,ist ein wirklich Gesehenes 92 : das Haus liegt auf einem Hügel, von Wiesen umgeben,ein schöner sanfter, wenig betretener Pfad führt zu ihm. Ein edler, brunnengezierterBinnenhof wird von einer Loggia überragt, die, köstlich mit Blumen geschmückt,die Gäste aufnimmt. Der Garten, in den sie später treten, liegt zur Seite des Hauses,wohlummauert; ringsumher und die Mitte durchkreuzend führen gerade Wege, breitwie Straßen, mit Lauben von Weinranken überzogen, die in diesem Jahre dieschönste Aussicht auf reiche Ernte gaben, während jetzt ihre Blüten herrlichen Duftverbreiten. Die Seiten der Wege sind durch Hecken von weißen und roten Rosenabgeschlossen, so daß man nicht nur am Morgen, nein zu jeder Tageszeit, im tiefenSchatten gehen konnte. Wie die übrigen Pflanzen im Garten geordnet waren, zu schil-dern, dazu fehlt dem Dichter leider auch hier die Zeit. In der Mitte des Gartens aberist eine Wiese von dichtestem, kürzestem Rasen, und so dunkelgrün, daß sie fast schwarzerscheint, von tausend verschiedenen Arten von Blumen wie gemalt. Ringsumher istsie abgeschlossen von grünen, lebendigen Orangen und Zitronen, auf denen man Blütenund Früchte zu gleicher Zeit sieht. In der Mitte dieses Rasens liegt der Brunnen vonweißestem Marmor mit schönen Skulpturen am Rande. Eine Gestalt auf einer Säulemitten innen wirft einen Strahl ob von einer künstlichen oder natürlichen Quelle,kann der Dichter selbst nicht sagen von solcher Stärke in die Höhe, daß man Mühlendamit hätte treiben können. Unter der Wiese wird die Quelle fortgeführt, um dannin künstlichen Kanälen den Garten zu bewässern. Natürlich erfreut in diesen lieblichenGärten der Gesang der Vögel die frohen Menschen, und gerne lassen sie sichauch von Tieren aller Art, von Rehen, Hirschen und Kaninchen, belästigen. Auf demRasen werden Tische und Stühle aufgestellt, an denen die von Gesang und Tanz Ermü-deten sich zu Erfrischungen niederlassen. Welch eine Lust und Freude an dem Lebenin der Villa verrät sich in dieser Schilderung. Da spüren wir ein neues Leben in derGartenentfaltung, das noch lebendiger wird durch biographische Nachrichten.