6. KAP.
Boccaccio, Liebesvision
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Tiere unterbringen. Überaus wichtig aber ist es, daß er verlangt, daß nicht Alleenvon hohen Bäumen den Blick vom Palaste zu dem Boskett am Ende des Gartens be-einträchtigen sollen, damit man von den Fenstern aus die Tiere beobachten könne,die dort untergebracht seien. Des längeren verweilt er bei dem Bau von Sommer-häusern im Garten, die nur von Bäumen verfertigt werden, mit verschiedenen Gängenund Zimmern, in denen man sich in trockenem und feuchtem Wetter aufhalten könne.Er empfiehlt, die Wände aus Fruchtbäumen, Kirschen oder Äpfeln, oder auch ausWeiden und Ulmen zu pflanzen, die man über Pfähle, Stangen und Ruten zieht, bisWände und Dach davon gebildet werden, doch könne man sie auch aus trockenemHolz verfertigen und dicht mit Wein beziehen. Sehr verschönt werde der Garten durchAnpflanzung von immergrünen Bäumen. Aber auch hier verlangt er strengste Ordnungund Sonderung der Arten, damit jede Pflanze sich ohne Makel zeige. An anderer Stelle 88bespricht Crescenzius auch den Baumverschnitt und empfiehlt, Gärten und Gräben miteiner Einfassung von grünen Bäumen zu umgeben, die man in Mauern, Palisaden, Tür-men und Schießscharten ziehen und verschneiden könne. Ohne daß hier schon sonder-lich von Plan und Anordnung geredet wird, fühlt man doch das Streben nach einerkunstvolleren Gestaltung, die den Weg zur Entwicklung der Frührenaissance bahnte.Crescenzius will Lehrer sein und praktische Anleitung und Ratschläge geben; diesenZweck hat er nicht nur in Italien, sondern auch jenseits der Alpen erreicht, wo seinBuch bald in Deutschland, Frankreich und England gelesen und verbreitet wurde.Mit dieser wissenschaftlichen Darstellung des Landbaues ging die Einführung fremderPflanzen Hand in Hand. Bald begann man in Italien besondere Pflanzengärten zu me-dizinischen Zwecken anzulegen; diese Praxis muß bereits im XIV. Jahrhundert in Italienverbreitet gewesen sein, denn schon zu Petrarcas Zeit war der Ruf italienischer Pflan-zenkunde so groß, daß man ihre Vertreter ins Ausland berief; so legte damals unterKarl IV. der Florentiner Angelo einen botanischen Garten in Prag an 89 .
Italien nimmt nicht nur in der praktisch-ästhetischen Gartenkunst, sondern, wie zuerwarten steht, auch in der poetischen Schilderung vom XIV. Jahrhundert an eine be-sondere Stellung ein. Der Dichter, der vor allem den großen Schritt vom mittelalter-lichen zum Renaissancedenken auf allen Gebieten verkörpert, Boccaccio, steht auchin seiner Gartenschilderung bedeutsam auf der Schwelle zweier Welten. Nächst demRosenroman gibt es kaum eine zweite Gartenschilderung, die man so unmittelbar derantik-byzantinischen Tradition der Liebesromane anreihen kann, wie jene in der Liebes-vision 90 . Der Dichter nähert sich dem Garten, über dessen Mauer ihm blühende Zweigeentgegennicken, den Eintretenden überwältigt die Schönheit des Rasens mit mannig-fachen Blumen geschmückt, die klaren Brünnlein, die Tiere, die auf dem Rasen spielen,der herzerfreuende Gesang der Vögel; in der Mitte ist ein Brunnen, dessen ausführlicheüberschwengliche Schilderung — sie zieht sich durch zwei Kapitel hin — noch einenEustathius weit übertrifft. Wir hören von dem schönen Bassin aus rotem Marmor,an dessen vier Seiten Gestalten in verschiedenen Stellungen in kostbarem Marmor aus-geführt sind. In der Mitte erhebt sich auf einer Schale, die nicht genug bewundertwerden kann, eine Säule von diamantenem Aussehen mit einem goldenen Kapitell, aufdem drei Frauengestalten, die Schultern aneinander gelehnt, aus verschiedenfarbigemMarmor geformt waren, so daß die eine dunkelschwarze das Wasser als Tränen vonsich strömte, die zweite, die wie Feuer rot war, es aus ihrer Brust fließen ließ, die