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1 (1914) Von Ägypten bis zur Renaissance in Italien, Spanien und Portugal
Entstehung
Seite
189
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6. KAP.

Walafried Strabo Rhabanus Maurus

garten. Notker übersetzt es mit ziergart oder zartkartin. Und die ausführlichen Schil-derungen, wie sie die altdeutsche Genesis bringt, entsprechen ganz dem Garten der Zeitmit seinen Obstbäumen, Kraut- und Blumenbeeten 29 . Das zeigt deutlich ein Vergleichmit den ersten Schilderungen wirklicher Gärten.

Die gelehrte mönchische Poesie wagte schon in der ersten Hälfte des IX. Jahr-hunderts sich mit dem Garten zu befassen. Der junge Abt Walafried Strabo, der inkurzer Zeit sein Kloster Reichenau auf der lieblichen Bodenseeinsel zu weitreichendemRufe der Gelehrsamkeit brachte, verfaßte ein Gedicht, das erHortulus" nannte. Seineigenes Abtgärtlein schildert er darin: es liegt, während der St. Gallener Plan denWesten für seine Gärten wählt, an der Ostseite seines Hauses, unmittelbar vor der Türe,so daß das Vordach einen Teil vor Wind und Regen schützen kann, während im Südeneine hohe Mauer die brennenden Strahlen der Sonne abhält. 23 verschiedene Blumen-arten zieht er darin, denen Geruch und Geschmack das Recht verleihen, dort eine Stellezu finden. Doch hat er sich nicht etwa so schematisch an das Capitulare gehalten, wieder St. Gallener Architekt. Hier und dort verraten ein paar schwungvolle Verse, daßihm diese oder jene Blüte besonders lieb ist. Die Rose aber, als die Blume der Blumen,und ihre ebenbürtige Schwester, die Lilie, sind als jene höchsten Symbole der Kirche,als das Märtyrerblut und die Reinheit des Glaubens gepriesen. Und welch ein lieblichesGartenbild entfaltet die Widmung zum Schlüsse! Dem Abte Grimaldus vom Nachbar-kloster St. Gallen sendet er das Werkchen:Wenn du", redet er den verehrten Mönchan,im Gehege des grünenden Gartens niedersitzest unter dem schattigen Apfelbaummit seinen schwellenden Früchten, wo der Pfirsichbaum mit ungleichem Schatten seinLaub (crines) teilt, während die spielenden Knaben aus deiner fröhlichen Schule diemit zartem, grauem Flaum bedeckten Früchte sammeln,... dann liest du meine Gabe" 30 .Das ist ein fröhliches Bild sommerlichen Gartenlebens, dem man die Liebe anmerkt,mit der es geschrieben ist. Natürlich ist der Garten des frühen Mittelalters ein reiner Nutz-garten. Wo sollten diese Menschen auch jene Lebenssicherheit und Freiheit hernehmen,die eine Kultur verlangt, in der man sich in öffentlichen und privaten Lustgärten ver-sammeln durfte. Erst mußten sie langsam wieder lernen im kleinen sich der Gärtenund ihrer Pflege zu erfreuen.

Ein anderer solcher Lehrer war der gelehrte Polyhistor Rhabanus Maurus, der inseinem großen Lehrgedichte über das Weltall auch dem Garten ein Kapitel widmet.Freilich ist ihm die Bibel eine Art von Herbarium, und jede Pflanze möchte er erstdurch eine Stelle aus den heiligen Schriften sanktionieren, doch ist vieles mit Liebe ge-schildert und selbst gesehen.Der Garten", beginnt das 9. Kapitel des XIX. Buches,heißt so, weil immer etwas darin wächst." Es ist nicht anzunehmen, daß im Kloster-garten zu Fulda immer etwas gewachsen sei, aber es klingt hier noch die alte Forde-rung des Homer durch, die das Ideal der Gärten bleibt. Weiter wird der Garten derheiligen Kirche verglichen, die so viele geistige Früchte trägt, die umfriedet ist vondem Schutze Gottes, in der der heilige Brunnen des Heiles fließt. Der Garten bedeutetalle innersten Freuden des Paradieses 31 .

Als ein lebendiges Zeichen der Blumenliebe jener Zeit wird der uralte Rosenstockin Hildesheim angesehen. Ob die Tradition, daß er zuerst vor 1000 Jahren gepflanztsei, richtig ist, läßt sich nicht erweisen, jedenfalls wird er bis heute öfter erneutworden sein 32 .

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