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1 (1914) Von Ägypten bis zur Renaissance in Italien, Spanien und Portugal
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Klostergarten Eremitengarten

6. KAP.

Ein wenig früher schildert ein Zeitgenosse des heiligen Bernhard die Abtei vonClairvaux:dort liegt hinter der Abtei, von der Klostermauer umfangen, eine breiteEbene. Innerhalb dieser Mauer bilden viele und verschiedene, an Früchten reiche Bäumeeinen Obstgarten, der einem Wäldchen gleicht. Er liegt beim Krankenhause, wo er dieBrüder mit nicht kleinem Tröste erheitert, während er einen weiten Spaziergang denen,die gehen wollen, und einen angenehmen Ruheplatz für die, die ruhen wollen, bietet . . .Wo der Obstgarten aufhört, beginnt ein Garten, eingeteilt in mehrere Beete, oder besser,abgeteilt durch kleine Kanäle, die, obgleich es stehendes Wasser ist, doch langsam ab-fließen . . . Das Wasser verfolgt den doppelten Zweck, die Fische zu nähren und dieGemüse zu bewässern" 26 . Dieses Bild eines französischen Klostergartens im Beginndes XII. Jahrhunderts deutet mit den von Kanälen umgebenen Gärten schon auf dieeigenartige Renaissanceentwicklung des Gartens in diesem Lande.

Ganz ähnlich ist das Bild, das William of Malmsbury von Thorney Abbey bei Pe-terborough in England entwirft, die innerhalb eines sumpfigen Terrains liegt. Er lobtbesonders, daß der Baumgarteneben wie die See" ist, die schönen, glatten Stämmeder Fruchtbäume, deren Wuchs zu den Sternen strebt, und wie alles so reich unddicht bewachsen sei.Ein Wettstreit ist hier zwischen Natur und Kunst, das, wasdie eine nicht hervorbringt, das schafft die andere" 27 .

Landbesitz außerhalb der Mauern haben schon zu Karls des Großen Zeit dieKlöster gehabt. Auch zu dem St. Gallener Plan werden die Obst- und W T eingärtenaußerhalb hinzugedacht werden müssen, gerade wie in Canterbury. Die ganze ZeitKarls des Großen, der der St. Gallener Plan noch zugerechnet werden kann, isteine Zeit bedeutenden Aufschwungs für den Gartenbau. Karl förderte persönlich alleKultur seiner Lande. In den eigenen Gärten ließ er eine Fülle neuer Pflanzen, natür-lich in erster Linie als Nutzpflanzen und zu offizineilen Zwecken, anbauen. DasCapitulare de villis, das unter anderen Vorschriften eine möglichst vollständigeAufzählung der anzubauenden Pflanzen enthält, hat auf Landbau und Garten-zucht einen unübersehbaren Einfluß geübt. Ganz besonders begünstigte der Herrscherdie Ausdehnung der Klöster. Er förderte ihre Baulust wo er nur konnte. Unter demSchutz und Frieden, den sie genossen, beschäftigten sich die Mönche immer intensivermit der friedlichen Gartenpflege, die ihnen selbst so viel Freude und Nutzen brachte.Fromme Gemüter sahen freilich in dieser Freude an den Gärten auch gleich eineGefahr für das Mönchsleben. Herrard von Landsperg läßt in ihrem Werke, das sieselberHortus deliciarum" nennt, einen Eremiten auf der Tugendleiter bis zur oberstenSprosse gelangen, da schaut er rückwärts, sieht ein blühendes Gärtlein unter sich, dieSehnsucht erfaßt ihn, und köpflings stürzt er hinab unter die Beete, weil er das irdischeParadies dem himmlischen vorgezogen 28 (Abb. 126). Glücklicherweise aber dachtenKlostermänner und Frauen nicht alle so streng, sondern sahen in der Gartenpflege dasMerkmal eines stillen, friedlichen Lebens. Sie hatten ja auch ein heiliges Vorbild in demersten Garten, dem Paradies, den Gott den Menschen geschaffen. Und diesen erstenGarten hat man sich zu allen Zeiten als ein ideales Vorbild des eigenen irdischen vor-gestellt. Vor der Karolingerzeit spielten die Gärten in der dichterischen Vorstellungnoch keine bedeutende Rolle. Angelsächsiche und altsächsische Texte übersetzen dasWort Paradies mit Wiesenplan, Anger.Wonnesames Feld" nennt es Otfried. Mitdem Anfang einer bewußten Gartenkunst wird auch das Paradies sofort zu einem Zier-