182
Klostergärten
6. KAP.
ließ ihn im VIII. Jahrhundert „aufs schönste wiederherstellen"; er war nämlich da-mals aufs äußerste verfallen. Ochsen und Pferde taten sich an den Kräutern, die dortwachsen, gütlich 12 . Selten, und wohl nur, wo man keinen weiteren Garten zur Verfügunghatte, wird dieser Kreuzgang als Nutzgarten bepflanzt worden sein. Häufiger wurde erals Kirchhof benutzt, meistens war er mit Bäumen und Blumenbeeten bepflanzt, miteinem Brunnen geschmückt, ein Ort der Meditation für die Brüder. In späterer Zeithören wir oft von der Schönheit dieser Claustren. Als der wilde König Wilhelm Rufusvon England einst in das Kloster von Romsey Einlaß forderte, wo Mathilde, diespätere Gemahlin Heinrichs, als Kind weilte, fürchtete die Äbtissin Unheil für dieKleine und steckte sie in ein Nonnenkleid. Der König trat in das Claustrum, als wolleer „nur die Rosen und die anderen blühenden Pflanzen darin bewundern", und ließ dasKind unbehelligt mit den anderen Nonnen vorüberziehen 13 . Und noch früher, im X. Jahr-hundert, besingt der fromme Sänger solch einen Kreuzgang im Kloster zu Reichenau:
„Vor St. Mariens Haus erstreckte sich jenseits der SchwelleWohlgepflegt und schön der reich bewässerte Garten,Rings umgeben von Mauern mit allseits geschwungenen Bogen,Liegt er strahlend im Lichte, ein irdisches Paradies 14 ."
Früh schon haben sich die Gartenanlagen der Klöster nicht allein auf die Kreuzgängebeschränkt. Gleich der Gründer des Benediktinerordens, durch den im VI. Jahrhundertdas Klosterleben im Abendlande seinen bedeutsamen Aufschwung nahm, bestimmte,daß innerhalb der Mauern sich „alles Nötige" zum Unterhalt der Mönche finden solle,und dazu gehörten in erster Linie Wasser und Gartenanlagen 15 . Daß dieser „nötige"Garten in erster Linie ein Gemüse- und Kräutergarten war, ist anzunehmen. Wie weitschon die durch den heiligen Benedikt selbst gegründeten Klöster, besonders das Mutter-kloster auf dem Monte Cassino, diesen Forderungen haben gerecht werden können,muß Vermutung bleiben. Die Erwähnung eines Turmes, in dem der heilige Benediktmit seinen Jüngern wohnte, und einer Portikus erinnert an römische Villenbilder 16 .Jedenfalls sind die Benediktiner, denen ihre Ordensregel ausdrücklich die Garten-arbeit vorschrieb, die Hauptträger der Gartenkultur das ganze Mittelalter hindurch ge-wesen. Doch auch die Klöster, die unbeeinflußt von der Benediktinerregel den Mönchensogar verboten, sich mit Landwirtschaft zu beschäftigen, scheinen einen Garten alsunerläßlich anzusehen. Der Spanier Isidorus 17 schreibt in seiner Regel ausdrücklichvor, daß innerhalb des Klosters sich der Garten, in den man durch eine Hintertüretritt, der also an der Mauer gelegen sein muß, befinden soll, damit die Mönche darinarbeiten könnten und keine Gelegenheit herauszugehen hätten. Es ist schwer zu sagen,wie weit in den alten römischen Provinzen eine gewisse Tradition des Anbaues der ed-len Obstsorten etwa die Stürme des Mittelalters überdauert hat, ob die Mönche dorthaben anknüpfen können, oder ob sie die Kultur ganz neu wieder hingebracht haben,wie dies sicher in allen östlichen Gebieten germanischer Nationen der Fall ist. Höchstcharakteristisch ist es, daß in Norwegen noch heute die schönsten und ausgedehntestenObstbaumkulturen sich auf den Stellen alter Klostergebiete befinden 173 .
Eine ganz klare Vorstellung von einer großen Klosteranlage nach den Regeln des heili-gen Benediktus gewinnen wir erst aus dem Klosterplan, den die Bibliothek von St. Gallenaufbewahrt (Abb. 124). Er wurde um das Jahr 900 dem Abte von St. Gallen als ein ide-