Druckschrift 
1 (1914) Von Ägypten bis zur Renaissance in Italien, Spanien und Portugal
Entstehung
Seite
146
Einzelbild herunterladen
 

146

Byzantinische Brunnen

5. KAP.

hier die Kunst in der Freude an gleißendem Material und der Anhäufung der Motive, daßder Sinn für griechisches Maß in der orientalischen Glanz- und Prachtliebe verlorengegangen ist. Die Erzähler ergehen sich in der Schilderung der Fontänen und Bäder.Ein wahres Musterstück bietet im XI. Jahrhundert die Erzählung desEustathius: eineSäule von buntem Marmor steht in der Mitte einer Schale von thessalischem Stein,deren Grund mit schwarzem und weißem Marmor ausgelegt ist, so daß das herabflie-ßende Wasser sich tausendfältig bricht. Auf der Säule sitzt ein Adler mit ausgebreitetenFlügeln, als ob er sich in der Schale baden wollte, aus dem Schnabel speit er Wasser,dieses fließt an der Säule herab und erscheint durch ihre Buntheit hundertfarbig. Auf

den Rand des kreisrunden Bassins stellt eine Ziege ihre Vorderfüße und trinkt Wasser,hinter ihr sitzt ein Hirte, der sie melkt; auch ein Hase stützt seine Vorderpfote auf denRand, allerlei Vögel, Schwalben, Tauben, Hähne, Pfauen ergießen aus ihren SchnäbelnWasser, das zugleich ein Geräusch macht, das ihre Stimmen nachahmt. Im Kreiseumher stehen Marmorbänke und Fußschemel, und die Myrten, die ringsum stehen,sind zu einem grünen Dach darüber verschnitten 12 . Der Brunnen bei Kaiser Basileios'neuer Basilika zeigt, daß diese Dichter, so traditionell sie im ganzen arbeiten, im ein-zelnen doch nach den Vorbildern, die sie um sich sehen, schildern. Die naturalistischeNachbildung der Tiere bis zur mechanischen Nachahmung ihrer Stimmen dringtbis in den Ernst der Kaiserempfänge hinein. So schildert Bischof Luidprand 13 , derverschiedene Male als Gesandter Berengars und Ottos I. am Hofe von Konstantinopelwar, den großen Thronsaal des Kaisers in der Magnaura: ein eherner, aber vergoldeterBaum stand vor dem Throne des Kaisers, auf dessen Zweigen ebenfalls eherne und ver-