16•⁶⁰auf seinem Felde Aehren las, und liebreich gegendie Mutter, die in stiller Einsamkeit ihr häuslichesLeiden trug. — Ich erinnere euch an das liebreicheWesen eines Abraham, der im Streite zu seinemVetter Lot sprach: Lieber, laß nicht Zank seyn zwi-schen mir und dir, zwischen meinen Hirten und dei-nen Hirten, denn wir sind Gebrüder. — Ich erin-nere euch an das liebreiche Wesen in der Familiedes Tobias, wo Vater, Mutter, Sohn, Tochterund Diener im Bunde der herzlichsten Liebe undFreundlichkeit standen. — Und welches Beyspiel desliebreichen Sinns könnte ich wohl mit mehreremRechte über alle andern erheben, als das schon be-rührte Exempel unsers Herrn selbst. Daß er gegenJedermann leutselig und herablassend, daß er gegenalle, die ihn umgaben, milde, sanft und geduldiggewesen, das ist wohl jedem Christen bekannt genug.Aber diesen liebreichen Sinn zu beweisen, wie schwermag ihm das oft geworden seyn. Gewiß war dieLiebe, so wie er sie bewies, ihm nicht angebohren;denn bey aller natürlichen Anlage zu einem seltenenGrade von Wohlwollen hatte er ein fein= und tief-fühlendes Herz, das versucht, stark versucht wardallenthalben, wie das unfrige. Aber den Gefühlenſeines Herzens war er durch Wachſamkeit und Ge-bet, durch ernste Erhebung seines Geistes und durchStrenge gegen sich selbst Meister geworden. Er blieb
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