* 2 S . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Christliche li gionsvorträge. Von B. C. L. Natorp, Prediger der evangel. luth. Gemeinde zu Essen. Zweyte Sammlung. Düsseldorff, in Verlag von Joh. Heinr. Christ. Schreiner. 1805. R . . . . Ich wird das er . . . . . . . . . Einige e 1 i über das 5 Buc uth. Von 3. C. L. Natorp, Brediger der evangel. luth. Gemeinde zu Essen. Düsseldorff, in Verlag von Joh. Heinr. Christ. Schreiner. 1805. n . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Frau Lehnsdirectorinn tadt, ulie Ko eb. von Clermont ### vorzüglicher Hochachtung gewidmet. . . . . . 45 . 5 . . . . 1 . . . . . . 1 . . . . 1 . . . . . Verehrungswürdige Frau! . ### gieng Ihnen und mir mit dem Büchlein Ruth, wie dem Herrn von Dalberg. „Wer das Büchlein liest, schreibt er in seinen Grundsätzen der Aesthetik, läßt nicht ab, bis es ausgelesen ist; fühlt sein Herz erweicht; bewundert, wie fest, sanft und schön die dargestellten Personen handeln; und freut sich zu sehen, wie Bekümmerte und Nothleidende oft getröstet und beglückt werden, wenn sie auf dem Wege der Tugend fortwandeln. Der Leser fühlt sich selbst ermuntert, Tugend zu lieben und Gutes zu thun, und dankt im Stillen dem Verfasser, der dies Empfinden und Nachdenken erregt hat. Zehen Sie, ich bin Ihrer Aufforderung gefolgt, ich habe über dieses an Materie und Form so gehaltvolle Büchlein nicht blos Predigten gehalten, sondern ich übergebe auch die gehaltenen Predigten, — ob ich sie gleich nicht sowohl für Leser, als vielmehr, wie gewöhnlich, für Zuhörer niederschrieb dem Publicum. Des Antheils wegen, den : Herausgabe derselben haben, Sie an den glaubte ich denselben Ihnen Namen vorsetzen zu müssen. Empfangen Sie sie hier aus der Hand des Freundes! Wenn ich aber zu viel daran thue, daß ich sie öffentlich erscheinen lasse, dann trage ich nur die Hälfte der Schuld. Der Nachbar und Freund bittet um Ihre Ihres innigstverehrten Gatten fernere und . Gewogenheit. Essen, im April 1805. . Naterp. — . . . 1 1 . . Inhaltsverzeichniß. — . — . Seite Das Buch Ruth I. Auch in dem verderbtesten und gefährlichſten Zeitalter giebt es gute Menſchen II. Das häusliche Leben eine Uebungsschule der Tugend . 46 III. über Einfalt des Lebens u. des Charakters IV. über Freudigkeit bey der Vollbringung seiner Berufsgeschäfte 100 V. über liebreiches Wesen = = = = 125 VI. Fortsetzung = = = = VII. Naemi, ruhig und stark im Unglück 174 Seite VIII. Harmonie, die Grundlage des häusli297 chen Glücks IX. Der reiche Boas = = = = = 218 X. Heiterkeit des Geistes = = = = 243 XI. Fortsetzung = = = = = = 262 XII. Fortsetzung | 275 XIII. Einige schöne Züge aus dem Charak3 . ter der Ruth . . . — . . . . . . . . . . . Eh. II. Religionsvorträ Zweyter Theil. A e. . . . . 15 . . . . . . r das Einige e ten 5 über Bu Ruth. * . . Das Buch Ruth. I. Ruth zieht mit ihrer Schwiegermutter Naemi aus dem Moabiterlande nach Bethlehem. 1) Zu der Zeit der Richter *) war einmal eine Hungersnoth im Lande. Ein Mann von Bethlehem-Juda wanderte deswegen aus und zog in die Gefilde Moabs, um sich dort als Fremder aufzuhalten, er und seine Frau und seine zwey Söhne. 2) Dieser Mann hieß 47 Vermuthlich zu der Zeit, als Gideon auftrat, um die Israeliten gegen die Midianiten zu beschützen, welche ihr Land überfielen und die Saatfelder verheerten. S. B. d. Richter Cap. 6. — Daß man unter den Richtern nichts anders als Helden, oder Herden, denen man, wenn sie glücklich waren, mehr oder weniger Gewalt und Herrschaft einräumte, zu verstehen habe, ist allgemein bekannt. Eine kurze Geschichte und Charakteristik dieses heroischen Zeitalters findet man unter andern in meiner kleinen Bibel, Th. 1. S. 92. u. f. 40 Elimelech, seine Frau Naemi, und seine zwey Söhne Mahlon und Chiljon. Sie waren Ephratäer aus Bethlehem=Juda. Sie kamen alſo in die Geſilde Moabs, und als sie eine Zeitlang da gelebt hatten, 3) starb Elimelech, der Mann der Naemi. Sie hinterblieb mit ihren zwey Söhnen. 4) Diese ( nahmen sich moabitische *) Weiber, die eine hieß Arpa und die andre Ruth. 5) Sie hatten sich ungefehr zehn Jahre daselbst aufgehalten, da starben auch sie beyde, Mahdon und Chiljon. So blieb die Frau von ihren beyden Söhnen und von ihrem Manne allein übrig. 6) Nun aber machte sie sich auf, sie mit ihren Schwiegertöchtern, um aus den Gefilden Moabs zurückzukehren; denn sie hatte in den Gefilden Moabs gehört, daß sich Jehovah seines Volks wieder angenommen und ihm Brodt gegeben hätte. 7) Sie reiſete alſo mit ihren beyden Schwiegertöchtern von dem Orte ab, wo sie . . ### . *) Dieses durften sie auch nach dem Gesetze Mosis, sobald die Moabiterinnen vom Götzendienste abließen. 5 sich aufgehalten hatte, und begab sich auf den Weg, um ins Land Juda zurückzukehren. 3) Naemi sprach zu ihren beyden Schwiegertöchtern: gehet doch und kehret, jede in ihr mütterliches Haus, zurück! Jehovah vergelte euch die Liebe, die ihr an den Verstorbenen und an mir bewiesen habet! 9) Jehovah gebe, daß ihr wieder in dem Hauſe eines Mannes möget eine Ruhestätte finden! Dann nahm sie mit einem Kusse Abschied von ihnen. Sie aber weinten mit lauter Stimme und sagten zu ihr: 10) wir wollen mit dir zu deinem Volke gehen. 11) Naemi antwortete: kehret um, meine Töchter! warum wollet ihr mit mir gehen? werde ich wohl noch Söhne bekommen, die eure Männer werden könn=ten? *) 12) Kehret um, meine Töchter! gehet, denn ich bin schon zu alt, um wieder einen Mann zu nehmen: und könnte ich auch sagen, ich hätte noch Hofnung, diese Nacht einen Mann, zu bekom. i **) Wenn ein Mann starb, ohne Kinder zu hinterlassen, so war dessen Bruder oder sonstiger nächster Ver # men und Söhne zu gebähren: 13) wolltet ihr wohl auf sie warten, bis sie groß geworden wären? wolltet ihr um ihrentwillen zögern und keinen andern Mann nehmen? Nein, meine Töchter, ich bin unglücklicher als ihr, denn die Hand Jehovahs hat mich getroffen. 14) Nun erhuben sie wieder ihre Stimmen und weinten. Arpa küßte endlich ihre Schwiegermutter und nahm Abschied, Ruth aber hieng fest an ihr und blieb. 15) Naemi sprach: siehe, deine Schwiegerinn ist zu ihrem Volke und zu ihren Göttern zurückgekehrt, geh doch mit ihr zurück! 16) Ruth antwortete: dringe nicht weiter in mich, daß ich dich verlassen und von dir zurückkehren soll: wohin du gehst, dahin geh ich auch, wo du bleibest, da bleibe auch wandter nach dem mosaischen Gesetze verbunden, die hinterlassene Wittwe zu heyrathen. Naemi durfte nicht erwarten, daß ihre israelitischen Verwandten diese Moabiterinnen heyrathen würden. Deswegen rieth sie ihren Schwiegertöchtern zurück zu bleiben, indem auch die Hofnung nicht einmal da sey, daß sie selbst noch einmal einen Mann gehmen und Söhne bekommen würde, die sie heyrathen könnten. ✋ ♸ 09 ich, dein Volk soll mein Volk, dein Gott soll mein Gott seyn, 17) wo du stirbst, da will ich auch sterben und begraben werden; bey Gott, nichts als der Tod soll mich von dir trennen! 18) Naemi sah, daß sie fest entschlossen war, mit ihr zu gehen, und hörte daher auf, ihr entgegenzureden. 19) Sie giengen also zusammen, bis sie nach Bethlehem kamen. Als sie zu Bethlehem, ankamen, gerieth die ganze Stadt in Bewegung; die Weiber sagten: ist das Naemi? 20) Sie antwortete ihnen: nennet mich nicht Naemi; nennet mich Mara, *) denn viel Bitteres hat der Allmächtige über mich verhängt; 21) voll bin ich ausgegangen, und leer hat mich Jehovah zurückgeführt. Warum nennet ihr mich Naemi, hat mich doch Jehovah betrübet, hat mich doch der Allmächtige mit Unglück geschlagen? — 22) So kam also Naemi zurück, in Begleitung der Moabitinn Ruth, ihrer Schwiegertochter, die ihr aus . *) Mara, d. h. die Betrübte; Naemi, d. h. die Freundliche, die Vergnügte. . . ⁶⁶ 10 den Gefilden Moabs gefolget war. Sie kamen zu Bethlehem an, als die Gerſtenerndte . anfieng. . . . II. Ruth auf dem Acker des Boas. . . Naemi hatte von Seiten ihres Mannes einen sehr begüterten Verwandten aus der Familie Elimelechs, der hieß Boas. 2) Ruth, die Moabitin, sagte zu Naemi: laß mich 1 doch aufs Feld gehen und Aehren nachlesen, wo man mir dies erlauben wird. *) 3) Sie antwortete: geh nur, meine Tochter. Sie gieng alſo hin und las auf dem Felde hinter Nach dem mosaischen Gesetze mußten bey der Erndte die Aehren, welche nach dem Zusammenbinden der Garben noch auf dem Acker lagen, wie auch das Getraide, welches über die Gränzen des Ackers hinaus gewachsen war, für die Armen liegen bleiben. S. m. Bibelauszug S. 71. und mehrere andere Verordnungen, das Armenwesen betreffend, ebendaselbst S. 70. 76. 11 5•5 den Schnittern auf. Zufälligerweiſe traf es sich, daß grade dieses Feld dem Boas, von der Familie Elimelechs, gehörte. 4) Und siehe, Boas kam von Bethlehem und sprach zu den Schnittern: Jehovah sey mit euch! Sie antworteten ihm: Jehovah segne dich! 5) Boas fragte seinen Knecht, der über die Schnitter gesetzt war: wem gehört dieses Mädchen? 6) Der Knecht, der über die Schnitter gesetzt war, antwortete: es ist ein moabitisches Mädchen, welches mit Naemt aus den Gefilden Moabs. zurück gekommen ist. 7) Sie sprach: laß mich doch zwischen den Garben hinter den Schnittern her auflesen und sammeln; und sie stand hier vom Morgen an bis jetzt, jetzt ruht sie ein weniin der Hütte. *) 8) Beas ſagte hierauf zu Ruth: höre, meine Tochter, geh auf kein anderes Feld, Aehren zu lesen, und weiche nicht von hier, sondern halte dich zu meinen Mägden. g) Gieb Acht, auf welchem Fel. 1) welche an der Seite des Ackers stand, um den Schnittern zum Ruhe= und Kühlungsplatze zu dienen. 12 0•0 de sie schneiden und gehe ihnen nach; ich habe den Knechten geboten, dir nichts zu Leide zu thun. Wenn du Durst hast, so geh zu den Gefäßen und trinke von dem Wasser, das die Knechte schöpfen. 10) Sie fiel auf ihr Angesicht, *) beugte sich zur Erde und antwortete ihm: wie habe ich eine ſolche Gnade vor dir gefunden, daß du mir thust, als wäre ich dir bekannt, und ich bin doch eine Fremde? 11) Boas antwortete: ich weiß das alles ganz wohl, was du an deiner Schwiegermutter nach deines Mannes Tode gethan, daß du deinen Vater und deine Mutter und dein Vaterland verlassen hast und zu einem Volke gegangen bist, welches du vorher nicht kanntest. 12) Jehovah vergelte dir deine That! es werde dir voller Lohn von Jehovah, dem Gott IsDer Morgenländer bückt sich, wenn er dem Vornehmern seine Ehrerbietung bezeigen will, mit dem Kopfe bis auf die Erde. Vgl., Math. II., 11. Der in der Bibel häufig vorkommende Ausdruck niederfallen und anbeten, bezieht sich auf diese Sitte beym Begrüßen und bedeutet also so viel als: seine Ehrerbietung bezeigen. 44 raels, unter dessen Flügeln du Zuflucht gesucht hast! 13) Sie erwiederte: laß mich ferner vor dir Gnade finden, mein Herr; du hast deine Magd getröstet und ihr ans Herz geredet, wiewohl ich nicht einmal wie eine deiner Mägde bin. 14) Als es Zeit zum Essen war, sprach Boas zu ihr: komm her, iß mit uns und tunke deinen Bissen in den Essig. *) Da setzte sie sich den Schnittern zur Seite und er reichte ihr geröstete Aehren, wovon sie sich satt aß, und noch übrig behielt. 15) Darauf stand sie auf, um wieder Aehren zu lesen, und Boas gab seinen Knechten den Auftrag: lasset sie auch zwischen **) den Garben sammeln, und beschämet sie nicht; 16) ziehet auch aus den Gebunden etwas für sie heraus und lasset es liegen, daß sie es auflese und scheltet sie nicht darum. 17) So sammelte sie auf dem *) Essig wurde im Morgenlande sehr häufig zum Brodts und Fleische gebraucht, um dadurch die durch die große Hitze so leicht entstehende Fäulniß zu verhüten. ) Dies war mehr, als das Gesetz vorschrieb. 90 14 Felde bis an den Abend; sie schlug aus, was sie gesammelt hatte, und sie bekam ungefehr ein Epha*) Gerste. 18) Sie nahm es auf, gieng damit in die Stadt, ließ ihre Schwiegermutter sehen, was sie gesammelt hatte, zog hervor, was ihr vom Essen übrig geblieben war und gab ihr das auch. 19) Ihre Schwiegermutter sprach zu ihr: wo hast du heute aufgelesen, wo hast du gearbeitet? Gesegnet sey, der dir wohlgethan hat! Da erzählte sie ihrer Schwiegermutter, bey wem sie gearbeitet hatte. Der Mann, sagte sie, bey dem ich heute gearbeitet habe, heißt Boas. 20) Nun ſprach Naemi zu ihrer Schwiegertochter; der Mann sey von Jehovah gesegnet, er hat es den Lebenden und den Todten an seiner Güte nicht fehlen lassen. Dieser Mann, sagte sie, ist mit uns verwandt, er ist einer von un) Er hat auch zu mir gesern Goeln. *) Die Größe dieses Maaßes ist nicht genau bekannt. **) Goel wurde derjenige genannt, welcher als der nächste Verwandte verbunden war, seines verstorbe 9•6 sagt, fügte Ruth die Moabiterinn hinzu: halt dich zu meinem Gesinde, bis meine ganze Erndte gehalten ist. 21) Naemi erwiederte ihrer Schwiegertochter Ruth: es ist am besten, meine Tochter, daß du mit seinen Mägden auf den Acker gehest, dann kann man dir auf einem andern Acker nichts zu Leide thun. 22) Sie hielt sich also beym Auflesen zu den Mägden des Boas, bis die Gerstenerndte und die Waitzenerndte gehalten war. Nachher blieb ſie bey ihrer Schwiegermutter. III. Ruth bey Boas in Heyrathsangelegenheiten. 1) Ihre Schwiegermutter Naemi sprach zu ihr: meine Tochter, ich möchte dir wohl gern eine Ruhestätte suchen *) wo es dir wohl nen Bruders ober Verwandten Wittwe zu heprathen. S. Anmerk. Seite 7. 1) Das heißt, eine gute Heyrath. 95 16 gienge. 2) Hör an; Boas, unſer Verwandter, bey dessen Mägden du gewesen bist, siehe, der worfelt diese Nacht Gerste auf seiner Tenne *): 3) so bade dich, salbe dich, **) lege deine Kleider an und geh hinab zur Tenne, laß dich aber nicht eher vor dem Manne sehen, bis er abgegessen und getrunken hat. 4) Und wenn er sich zur Ruhe legen will, so merke dir den Ort, wo er liegt; dann geh zu ihm, und decke zu seinen Füßen auf und lege dich hin, so wird er dir schon sagen, was du thun sollst. 5) Sie antwortete: alles, was du sagst, will ich thun.***) 6) Und nun gieng sie zur Tenne hinab und that alles, was *) Die Morgenländer dreschen ihr Getraide auf freyem Felde durch besondere Dreschmaschinen, welche von Ochsen gezogen werden. **) nach der Mode der morgenländischen Frauenzimmer. ***) Was hier Ruth und Naemi thun, muß durchaus nach der damaligen Denkungsart und Sitte, so wie nach dem mosaischen Rechte, und nicht nach unsern Sitten und geläuterten Grundsätzen, beurtheilt werden! Was damals nichts Unschickliches war, ist jetzt die sündlichste Koketterie. Ländlich, sittlich! 17 0 ihr ihre Schwiegermutter aufgetragen hatte. 7) Boas aß und trank, sein Herz ward froh und dann gieng er, sich hinter einem Getraidehaufen niederzulegen. Darauf gieng ſie ſtille hinzu, deckte zu ſeinen Füßen auf, und legte sich hin. 8) Mitten in der Nacht erschrack der Mann und wurde erschüttert, denn siehe, ein Weib lag zu seinen Füßen. 9) Wer biſt du? fragte er. Sie antwortete: ich bin Ruth, deine Magd; nimm mich in deinen Schutz, du bist unſer Goel. 5) Jehovah segne dich, meine Tochter, sprach er, du hast jetzt eine noch größere Liebe (gegen deinen verstorbenen Mann) bewiesen, als zuvor, da du weder reichen noch armen Jünglingen nachgehst. 11) Und nun, meine Tochter, sey nicht besorgt, ich will alles thun, was du mir gesagt hast; denn alle Einwohner meiner Stadt wissen, d du ein tugendhaftes Weib bist. 12) Nun aber ist es wahr, ich bin ein Verwandter, aber es ist noch ein Verwandter da, der näher ist als ich. 13) Bleib diese Nacht da . ri. u. B 54 13 liegen: morgen früh, wenn er dich als Verwandter heyrathen will, so ist es gut, so mag er dich heyrathen; hat er aber keine Lust, dich zu heyrathen, so werde ich dich heyrathen, so wahr Jehovah lebt! bleib jetzt liegen bis an den Morgen. 14) Und sie blieb bis an den Morgen zu seinen Füßen liegen und stand auf, ehe noch einer den andern erkennen konnte; denn, sagte er, es soll Niemand wissen, daß ein Weib auf die Tenne gekommen ist. 15) Er sprach zu ihr: gieb deinen Mantel her, den du übergehängt haſt und halt ihn auf. Sie hielt ihn auf, und er maß sechs Maaß Gerste hinein, legte es ihr auf den Kof und gieng in die Stadt. 16) Sie aber gieng zu ihrer Schwiegermutter Wie steht es mit dir, meine Tochter? fragte sie diese: und sie erzählte ihr alles, was ihr der Mann gethan hatte. 17) Diese sechs Maaß Gerste, sagte sie, hat er mir gegeben; er sprach: du sollst nicht leer zu deiner Schwiegermutter gehen. 18) Und Naemi erwiederte: nun sey ruhig, ⁶⁰ meine Tochter, bis du siehst, wo es hinaus will; denn der Mann wird nicht ruhen, sondern noch heute die Sache zu Stande bringen. . " 5 IV. Die Verheyrathung des Bogs mit Ruth. . . 1) Nun gieng Boas ins Thor und setzte sich daselbst. *) Und siehe, als der Goel, von dem er gesagt hatte, vorübergieng, sprach er zu ihm: komm her, lieber Mann, setze dich zu mir. 2) Er kam und setzte sich. Boas nahm hierauf noch zehn Männer von den Aeltesten der Stadt und sprach zu ihnen: setzet euch hieher; und auch sie setzten sich. 3) Nun sagte er zu dem nächsten Verwandten: das Stück Ackerland, welches unserm Vetter Elimelech gehörte, will Naemi, die von den Gefilden Moabs zurückgekehrt ist, . *) Am oder unterm Stadtthore wurden damals die Contracte geschlossen und Processe geschlichtet. . P. B 2 5 20 verkaufen. 4) Ich glaubte, dir dieses kund thun und dich fragen zu müssen, ob du es vor denen, die hier sitzen und vor den Aeltesten meines Volks in Besitz nehmen wollest? Willst du es einlösen, so löse es ein; willst du es nicht einlösen, so zeige es mir an, daß ich es weiß. Denn Niemand kann es einlösen, als du und ich nach dir. antwortete: ich will es einlösen. 5) Da sprach Boas: sobald du den Acker von der Naemi in Besitz nimmst, mußt du auch die Moabiterinn Ruth, das Weib des Verstorbenen nehmen, um den Namen des Verstorbenen bey seinem Erbgute zu erhalten. 6) Darauf erwiederte der Verwandte: ich kann es nicht einlösen, ich möchte sonst mein eigenes Erbgut müssen verderben lassen; löse du ein, was ich einlösen soll, denn ich kann es nicht einlösen. (Es war vor Alters beym Einlöſen und beym Handel zur Beſtätigung der ganzen Sache Sitte in Israel, daß man seinen Schuh auszog und dem andern gab: dies galt in Israel als Beweis.) 8) Der 21 ✋⁰ nächste Verwandte sprach nun zu Boas: nimm du es in Besitz! und zog seinen Schuh aus. 9) Da sprach Boas zu den Aeltesten und zu dem ganzen Volke: ihr seyd heute Zeugen, daß ich alles, was Elimelech, und alles, was Chiljon und Mahlon gehörte, von Naemi in Besitz nehme; 10) auch die Moabiterinn Ruth, die Frau des Mahlon, nehme ich zur Frau, um den Namen des Verstorbenen bey seinem Erbgute zu erhalten und damit der Name des Verstorbenen unter seinen Brüdern und in seiner Vaterstadt nicht untergehe. 11) Ihr seyd heute Zeugen! Alles Volk, welches im Thore war, und die Aeltesten antworteten: wir sind Zeugen! Jehovah mache die Frau, die in dein Haus kömmt, wie Rahel und Lea, diese beyden Stammmütter Israels! dein Reich werde groß in Ephrata, und dein Name werde gepriesen in Bethlehem! 12) Jehovah mache deine Familie durch die Nachkommen, welche er dir durch diese Frau geben wird, wie die Familie des Perez, wel 5 chen Thamar dem Juda gebahr. — 13 Boas nahm also die Ruth zu seiner Frau Jehovah ließ und vermählte sich mit ihr. sie schwanger werden, und sie gebahr einen Sohn. 14) Da ſprachen die Weiber zu Naemi: Jehovah sey gepriesen, der es dir nicht an einem Goel hat fehlen lassen zu dieser Zeit, sein Name sey gerühmt in Is) Dieser Sohn wird der Trost deines rael! Herzens und die Stütze deines Alters seyn; denn deine Schwiegertochter, die dich liebt, hat ihn gebohren, sie, die dir besser ist, als sieben Söhne. 16) Naemi nahm den Knaben, setzte ihn auf ihren Schooß und ward seine Wärterin. 17) Die Nachbarinnen legten ihm einen Namen bey, indem sie sagten: für Naemi ist ein Sohn gebohren! und nannten ihn: Obed. Dieser ist der VaIsai, des Vaters Davids. ter des 18) Dies ist das Geschlechtsregister des Perez: Perez zeugte Chezron; 19) Chezron zeugte Ram; Ram zeugte Aminadab 20) Aminadeb zeugte Nachschon; 21) Nach 25 # schon zeugte Salma; Salma zeugte Boas; 2) Boas zeugte Obed; Obed zeugte Isai, und Isai zeugte David. *) Der Verfasser des Buchs Ruth, welcher wahrscheinlich zu Davids Zeiten oder kurz nachher gelebt hat, wollte in dieser Familiengeschichte das Bild eines Zeitalters liefern, worin der Mensch nicht nach Stand, Reichthum, Volk, Kirche und Glauben, sondern nach Herz und Wandel geschätzt wurde. Nach dem oben beygefügten Geschlechtsregister zu schließen, scheint er aber auch noch die Absicht gehabt zu haben, zu zeigen, daß David oder das königliche Haus trefliche Menschen unter seinen Vorfahren gehabt habe, und sich durch diese Bemerkung dem regierenden Hause angenehm und gefällig zu machen. . 1 . . Sehet an die rempel der Alten und merket sie! Sirach II, 10 . . Erste Predigt. Röm. XI, 3 — 5. Elias sprach: Herr, sie haben deine Propheten getödtet und haben deine Altäre ausgegraben, und ich bin allein übergeblieben, und mir stehen sie nach dem Leben. — Aber was sagte ihm die göttliche Antwort? — ich habe mir lassen überbleiben sieben tausend Mann, die ihre Kniee nicht gebeuget haben vor dem Baal. — Also geht es auch jetzt zu dieser Zeit. So lasset uns denn heute den Anfang machen, Üder das Buch Ruth, welches ich euch am vorigen Sonntage zum Nachlesen empfohlen habe, einige Betrachtungen anzustellen. Nicht wahr, meine Freunde, dieſes kleine Buch iſt eine ſchöne, trefliche Schrift? schön und treflich an Inhalt und in Darstellung. Es 26 # hält uns ein freundliches und anmüthiges Gemählde von einer liebenswürdigen Familie vor. Wir erblicken darinn Perſonen von der rechtſchaffenſten Denkungsart, Charaktere voll Unschuld und Wahrheit, eine edle Einfalt der Sitten, die nachahmungswürdigsten Tugenden, die rührendsten häuslichen Auftritte. Wer unverdorbnen Herzens ist und für ungeschmückte Schönheit und Würde noch Sinn hat, der liest dieses Büchlein nicht ohne sein Gemüth für das Schöne und Gute erwärmt zu fühlen und ohne dem unbekannten Manne zu danken, der diese anmuthige Familiengeschichte so kunstlos und rührend geſchrieben hat. Aber, werfet einmal einen Blick in das Zeitalter, worin die Geschichte dieses Buchs fällt. Welch ein Abstand! Es ist das Zeitalter der israelitischen Helden, (Richter,) ein Zeitalter großer Rohheit und Zügellosigkeit. Religion, Sitten und Staat sehen wir da in tiefem Verfall. Moſes, der große Heerführer, war geſtorben, ohne ſein Volk ins Land Canaan geführt und an Geſetz und Ordnung gewöhnt zu haben. Josua sein Nachfolger war ihm bereits gefolgt und hatte es nicht vermocht, das Volk zum ungeſtörten Beſitze des Landes und zu einer regelmäßigen festen Verfassung zu bringen. Das eingebildete Volk! Israel lebte und webte in großer Verwirrung. Eine an Geist und 27 64 Herz beschränkte Priesterschaft hatte sich des Regiments bemächtigt, und die Familienhäupter, die dem Namen nach mitregierten, waren derselben wissentlich oder unwissentlich unterthan. Das zügellose Volk kannte keinen Gehorsam gegen das Gesetz und keine Ehrfurcht gegen die Obrigkeit, die das Gesetz handhabte. Nur nach Krieg und lauter Krieg dürstete ihr Herz; denn sie giengen blos darauf aus, die Völker rund um sich her auszurotten. Bald überfielen sie diese ihre Nachbarn, bald mußten sie sich gegen ihre Ueberfälle vertheidigen, und weder beym Ueberfall noch bey der Vertheidigung waren sie sich unter einander selbst einig. Das Land wurde voll Mord und Todtschlag, und Menschenblut floß in Strömen. Daher riß denn eine schreckliche Unordnung unter ihnen ein. Die Kriege, welche sie unter der Anführung ihrer Helden (Richter) führten, endigten sich nicht immer zu ihrem Vortheile; sehr oft mußten sie sich Frieden und Ruhe theuer erkaufen und selten war diese erkaufte Ruhe von Dauer. Das Band, welches die Stämme des Volks aneinander knüpfte, wurde immer loser. Das obrigkeit liche Ansehen der Hohenpriester und Familienhäupter sank immer mehr. Der fromme Sinn der Väter verschwand. Jehovah ihr Gott ward täglich mehr vergessen. Man trat schon häufig mit den abgöttischen Canagnitern in Bund und diente mit ihnen 28 # den Götzen. Die entehrendste Unwissenheit und die schändlichste Verblendung nahmen zu, statt abzunehmen. Recht und Gerechtigkeit wurden zusehends verletzt. Statt dessen aber zeigten sich alle Früchte des rohen und ungezügelten Lebens. Sie sind euch ja wohl aus dem Buche der Richter bekannt, die Exempel des empörendsten Aberglaubens, der rohesten Wildheit, der schändlichsten Betrügerey und der fürchterlichsten Grausamkeit. Ein Ehud, der dem Könige der Moabiter im Namen Israels für den erkauften Frieden eine jährliche Abgabe zu überbringen hatte, nahte sich demselben mit verstellter Gebehrde, hieß alle, die um ihn waren, sich entfernen, als hätte er geheime Aufträge an ihn, und stieß ihm meuchelmörderischer Weise ein zweyschneidiges Schwerdt in die Brust. Eine Jael verläugnete alles weibliche Gefühl, nöthigte einen feindlichen Heerführer freundlich in ihre Hütte, schläferte ihn ein mit berauschendem Getränk, und schlug ihm einen Nagel durch die Schläfe, daß er nicht wieder erwachte. Ein Gideon ließ in einer Stadt die Aeltesten mit Dornen zerschlagen und in einer andern Stadt die Vornehmsten erwürgen, weil sie ihm auf seinen Durchzügen Brodt für sein Volk abgeschlagen hat ten. Ein Abimelech dingete leichtfertige Menſchen, um ſeine Brüder, die ihm im Wege ſtanden, zu ermorden. Ein Jephtha opferte um ei # nes thörichten abergläubischen Gelübdes willen seine einzige Tochter auf. Ein Simson opferte seine Geſundheit und Kraft einem Weibe, das von der Bahn der Tugend gewichen war, und übte sich mit wildem Herzen in den rohesten Thaten. Ein Micha bestahl seine Mutter und erbaute mit ihr nachher von dem gestohlnen Gelde einen Götzentempel. Ein Levit zerhieb sein entehrtes Weib in zwölf Stücke und sandte sie an die zwölf Stämme Israels, um sie zur Rache gegen die Ehrenschänder aufzufordern. Ein Eli war sorglos in der Regierung und sah es mit gleichgültigen Augen an, wenn seine ungerathenen Buben mit dem Volke und mit dem Heiligthume Muthwillen trieben. Kann wohl irgend ein Zeitalter verderbter und gefährlicher seyn, als dieses war? Kann zu irgend einer Zeit mehr Zügellosigkeit herrschen, als damals? Kann die Verführung wohl jemals größer werden, als in einer Zeit, wo die Menschen verwildert sind, wo die Bosheit ihren Gipfel erreicht hat, wo an die Erziehung der Jugend nicht gedacht wird, und wo man sich den unbändigsten Begierden und den rohesten Lüsten frey überläßt. 0 0 Welch eine auffallende Erſcheinung! Grade dieſes gräuliche Zeitalter ist es, worin wir die liebenswürdigſten Menſchen leben finden. Ruth, Naemi und Boas, diese guten reinen Seelen leben im Lande 3° der Bosheit; sie leben im Lande der Thorheit und bleiben weise; sie leben im Lande des Lasters und wandeln vor Gott; sie leben unter den Götzendienern und beugen vor dem Baal ihre Kniee nicht. Wir finden sie, wie eine schöne Blumenflur in öder von wilden Thieren bewohnter Wüste. O Freunde, das ist eine köstliche Erfahrung, daß es auch in dem verderbtesten und gefährlichsten Zeitalter gute Menschen giebt. ! — — Widmet dieſer Erfahrung in dieſer Stunde der Andacht mit mir eure Aufmerksamkeit. 9.60 5 ### (Gesang.) . 7.34 . . . . . 85/7 Auch in dem verderbtesten und gefährlichsten Zeitalter giebt es . gute Menschen! 1 2.7 (4) 11.1. . Auch dann; wann mancher Redliche meynt, es ſey kaum Einer übriggeblieben, der nicht zu den Göhen sich gewendet habe, auch dann hat sich Gott noch Menschen aufbewahrt, die ihre Kniee nicht beugten vor dem Bägl. Dies, meine Freunde, iſt eine wahre (f) eine lehrreiche und 14 eine ermunternde Erfahrung. — ⸳ 31 I. Wie wahr, wie richtig diese Erfahrung ſey, daß kann die Geſchichte eines jeden verderbten Zeitalters darthun. Für diesmal möge uns aber blos die Familiengeſchichte des Buchs Ruth den erfreulichen Beweis liefern. Lasset mich die drey edlen Menschen rühmen, welche in dieser treflichen Familie die Hauptpersonen sind. wider ein einzige . Ruth, die erste Hauptperson dieser Familie, eine treue Tochter, eine innigliebende Freundinn, eine menschenfreundliche dankbare Verpflegerinn der gealterten Mutter, eine stille arbeitsame Wittwe, ein Weib voll Anmuth und Stärke der Seele! Indeß man weit und breit im Lande in unbändiger Wildheit schwärmt, lebt sie mit der einsamen Mutter in Stille und Sittsamkeit; alle Einwohner des Orts wissen es, daß sie ein tugendhaftes Weib ist; sie macht keinen Anspruch auf die Aufmerksamkeit, Ehren= und Höflichkeitsbezeigungen der Menschen um sich her; sie will nichts, nichts als durch treue Arbeitsamkeit die Mutter ernähren und die Unschuld ihres Herzens bewahren. Indeß man weit und breit im Lande rohe grausame Thaten verübt, hängt sie mit der zärtlichsten Freundschaft und mit der kindlichsten Liebe an ihrer Mutter, arbeitet für sie bey Tage, erfreuet sie am Abend und ruht mit sorgsamem Herzen neben ihr bey Nacht. Indeß man weit 44 und breit Jehovahs vergisst und den Götzen dient, wandelt sie vor Gottes Augen in Gottseligkeit und Ehrbarkeit, erkennet in Allem, was ihr begegnet, Gottes Hand, vertraut Gottes weiſer Regierung in jeder Lage ihres Lebens, dankt Gott für Nahrung und Kleidung und befiehlt ihm alle Angelegenheiten ihres Herzens. Naemi, ein Weib von gesetztem Charakter, wohlwollend, fest in guten Grundsätzen, innigliebend und religiös! In jenem Zeitalter ausgelassener Wildheit zeigt sie einen ernsten gesetzten Sinn; sie beschränkt sich weislich auf ihr Haus und ihren häuslichen Kreis; sie strebt nicht nach aussen und sucht nicht in der Ferne, was sie in der Nähe finden kann; ihre häuslichen Geschäfte reichen hin für ihre Thätigkeit, ihre häuslichen Freunde für ihr Herz; sie überlegt des Hauses Beste mit Sorgfalt; sie beschließt, räth und leitet mit der Klugheit des Alters und wünscht nichts inniger, als Ruhe, Eintracht und Liebe im Hause. In jenem Zeitalter voll Rohheit und Gransamkeit trägt sie ein Herz voll Theilnahme und Liebe in ihrer Brust; sie bedauert das Schickſal ihrer Schwiegertöchter, denen der Tod ihre Gatten geraubt und keinen Trost an hinterlassenen Kindern gewährt hat; sie vergißt sich selbst über der Sorge für diese ihre Töchter; sie denkt, wenn sie diese erblickt, nicht an ihren eigenen Jammer, nicht ⸸ 33 an den Verlust ihres Gatten, nicht an den Verlust ihrer Kinder, nicht an den Verlust ihrer Jugend und jugendlichen Kraft. In jenem Zeitalter der Irreligion und Gottesvergessenheit hat sie lebendigen und unerschütterlichen Glauben an die Vorsehung, trägt mit stiller Geduld ihre häuslichen Leiden, ergiebt sich mit demüthiger Gelassenheit in den Willen Jehovahs, bleibt treu und zufrieden auch in der Verarmung, wird weder mürrisch noch stolz, fährt fort in der gewohnten Thätigkeit, freut sich des wiederaufblühenden Glücks ihrer Tochter und flößt dem ihr im Alter noch gebohrnen Enkel von Kindesbeinen an in liebevoller Erziehung frommen redlichen Sinn ins Herz. Boas, die dritte Hauptperson der Familie, ein redlicher Biedermann! Die unbändige Wildheit, die rohe Grausamkeit, die Irreligion und Lasterliebe seiner Zeit haben über ihn nichts vermocht. Das Verderben hat ihn nicht mit ergriffen, die Gefahr der Welt hat er überwunden. Er ist ein Mann von festen unerschütterlichen Grundsätzen, (Psalm 15.) der Gott fürchtet und Recht thut und redet die Wahrheit von Herzen; der nicht verläumdet; der dem Nächſten kein Arges thut; der die Gottloſen nichts achtet; der den Gottesfürchtigen ehrt; der seinem Nächsten das Versprechen hält; der sein Geld nicht auf Wucher giebt; der dem Armen mittheilt Th. II. 94 34 und die Linke nicht wissen läßt, was die Rechte thut; der Recht und Gerechtigkeit übt; der seinem Hauswesen weise vorsteht; der seine Diener zur Arbeitsamkeit, Menschenfreundlichkeit und Sittsamkeit anhält; der die Unschuld in Ehren läßt und mit strenger Gewissenhaftigkeit ohne Wandel einhergeht. — Sehet doch, Freunde, in diesem verderbten und gefährlichen Zeitalter, welche Menschen! welche Tugenden! Gerechtigkeit, Wohlwollen, Freundschaft, Liebe, Arbeitsamkeit, Sittsamkeit, Wohlthätigkeit, Selbstverläugnung, Unschuld, Demuth, stiller Sinn — das alles erblicken wir hier in seiner schönsten Würde, hier unter dem wildesten, rohesten, gottesvergessensten Volke. — Und bestätigt nicht die Geſchichte eines jeden andern verderbten, und gefährlichen Zeitalters diese Erfahrung? In welcher Zeit der Thorheit läßt nicht die Weisheit ihre Stimme und oft mächtig hören? In welcher Zeit der Lasterliebe hat nicht auch die Tugend ihre Tempel und ihre Anbeter? In welcher Zeit der Verfinſterung ſcheint nicht auch hie und da ein Licht? In welcher eit des Blutvergießens leben nicht auch friedlichgeſinnte liebevolle Menſchen? In welcher Zeit des Baalsdienstes bewahrt sich nicht Gott Menschen zu Tausenden auf, die ihre Kniee vor den Götzen nicht beugen? — . . 35 II. Möge uns doch diese Erfahrung zur Lehre dienen! meine Freunde. Möge sie uns doch zeigen, daß aus dem Menschen etwas Großes, Gutes werden könne! Und möge sie uns doch in der Ueberzeugung befestigen, daß ein göttlicher Geist in uns wohne, der ein mächtiger und wirksamer Geist ist! Freilich kömmt es uns bisweilen nicht so vor, daß aus dem Menschen viel Großes und Gutes werden könne. Wenn wir es nemlich in einem verderbten Zeitalter wahrnehmen, daß ein Mensch manchmal gänzlich verwildert, alle edlern Gedanken und Gefühle verliehrt, daß der unvernünftigste Wahn, der thörichteste Aberglaube, die niedrigste Begier in seiner Seele sich festsetzt; wenn wir bemerken daß ein Mensch der Sinnlichkeit, den entehrendsten Lüsten, den gröbsten Ausschweifungen sich Preis giebt; wenn wir es erleben, daß ein Mensch der wildesten Grausamkeit, der unmenschlichsten Tyranney, der boshaftesten Verstellung, des Meuchelmords, des Brudermords fähig ist: o wen wandelt bey solchen Erfahrungen nicht wohl der Gedanke an es sey doch ein misliches Ding um die gepriesene Würde und Größe des Menſchen. Wie mancher iſt wohl gar durch solche Erfahrungen in seinem Glauben an menschliche Tugend und Hohheit irre geworden und hat gegen den Menschen und sein Geschlecht C 2 36 ⁵⁰ Widerwillen und Abscheu bekommen. Was kann auch wohl den Menschen in unsern Augen mehr herabsetzen, als die Thorheiten, die er von jeher begangen, die Ausschweifungen, denen er sich ergeben, die Schandthaten, die er verübt, die Frevel, womit er die Erde befleckt hat. Ja wie leicht können die Menschen in unsern Augen an Achtungswürdigkeit verliehren, wenn wir auch nur darauf sehen, daß ein großer Theil von ihnen als Staub am Staube klebt, kleinliche Gesinnungen hegt, kein höheres Bedürfniß kennt, als das Bedürfniß seines Körpers, keine andre Thaten thut, als wozu dieſes Bedürfniß ihn antreibt; — daß ein andrer großer Theil sich nie über eine gemeine alltägliche Denkungsart erhebt, arbeitsam ist um der Nahrung und Kleidung willen, ehrlich ist um nicht seinen Kredit zu verliehren, sittsam ist um nicht Schande auf sich zu laden, den Armen mittheilt, weil sie ihm durch ihre Klagen lästig werden, nach Kenntnissen und Einſichten ſtrebt, um deſto beſſer ſein Glück machen zu können. Aber eben darum, weil man dieſe Achtung gegen die Menschenwürde durch solche widrige Erfahrungen so leicht verliehrt, eben darum sollten wir desto begieriger nach den bessern Erfahrungen greifen, die uns Menschen zeigen, welche im Guten auf einer höhern Höhe stehen. Und solche Er747 ahrungen sind grade aus den verderbtesten und ge 5•4 37 fährlichsten Zeitaltern am lehrreichsten für uns. Hier, wo das Sittenverderbniß und die Lasterliebe den Menschen in seiner tiefsten Erniedrigung darstellen, hier zeigt ihn die Tugend auch in seinem höchsten Glanze. Hier, wo die Welt mit ihrer Lust seinem Herzen am gefährlichsten wird, hier behauptet er, wenn er sein Herz rein und gut erhält, auch seine höchste Würde. Wo könnten wir uns augenscheinlicher überzeugen, daß der Mensch etwas Großes Gutes werden könne, als da, wo wir gute Menschen von allen Gefahren eines verderbten Zeitalters umringt und unter allen Verführungen fest und standhaft sehen! Da stehen und wirken sie diese Edlen und lassen sich vom Strome des Verderbens nicht fortreissen. Da sehen sie das Unwesen der rohen verwilderten Menge, und erheben sich über sie und wirken in stiller Thätigkeit das gute Werk der Tugend und Weisheit. Da sehen sie die wilden Ausschweisungen zügelloser Begierden, — und bewahren mit strenger Gewissenhaftigkeit die Unschuld ihres Herzens. Da sehen sie das Treiben und Drängen des Leichtsinns und der Unbändigkeit, — und halten mit ernster Seele fest an den Grundsätzen der Wahrheit und des Rechts. Da sehen sie das schändliche Spiel der Falschheit und Betrügerey, — und bleiben wahr und aufricht tig. Da sehen sie die Selbstsucht, die niedrige Begier, die schnöde Wollust, den Hohn der Spötter, 36 ⁵⁰ den lästerlichen Trotz der Frevler, — und suchen doch ihre Würde und ihre Freude in dem edlen Bemühen, weise, gute, wohlwollende, nützliche und zufriedene Menschen zu seyn. Zu einer solchen Höhe der Tugend, zu einer solchen Größe des Herzens kann der Mensch es bringen! Fürwahr es muß ein mächtiger göttlicher Geist im Menschen wohnen! Und so ist es auch. In dieser hinfälligen Hütte lebt ein Einwohner von hoher Abkunft und wirksamer Kraft. Neben dem Regen sinnlicher Begierden und Neigungen offenbaret sich da auch ein Triebwerk edlerer Art; ein Geist, der aus Gott gebohren ist und durch dessen Trieb und Drang wir zu einem göttlichen Sinne emporgeführet werden; ein heiliger Funke, der in sich selbst lodert und selbst unter den Nebeln und Dünsten der Erde zu einem göttlichen Feuer aufflammen kann. Mag dieser Funke hie und da auch wohl einmal erstickt werden; mag dieſer göttliche Geiſt auch hie und da wohl einmal unterliegen; mag es sogar Zeiten geben, wo seine Kraft Manchem ganz gefähmt und gebrochen scheint: nur eine Weile läßt er sich unterdrücken und dann erwacht er zu neuem Leben, erwacht oft plötzlich, ehe man sichs versieht, zu einer lebendigern Wirksamkeit; ja es hat noch nie eine Zeit gegeben, wo er dem Verderben ganz und gar hätte erliegen müssen, und wo er nicht wenigstens ⁶⁶ 39 hie und da sein Leben und seine göttliche Macht in vorzüglichem Maaße geoffenbaret hätte. Was für eine wirksame Kraft muß dieser in uns wohnende göttliche Geist besitzen, da er auch durch kein Verderben je gänzlich besiegt wird! Welch eine Macht ruht in des Menschen Brust, da er auch im gefährlichsten und verderbtesten Zeitalter im Stande ist, die Höhe der Weisheit und Tugend zu ersteigen! — O habe doch Achtung gegen dich selbst, o Mensch, und fühle es doch, was das heißt: Gottes unvergänglicher Geist ist in Allen. (Buch der Weisheit XII, 1.) Gott hat den Menschen geschaffen nach seinem Bilde, daß er gleich soll wie er ist. (B. d. Weish. II, 23.) Siehe du darfst die Gefahren des Zeitalters nie fürchten, du sollst und kannst — das sagt dir deutlich die Erfahrung — auch unter den beflecktesten und entehrtesten Menschen das Bild Gottes an dir tragen und etwas Großes, Gutes werden. — Diese so lehrreiche Erfahrung, meine Freunde, ſey uns aber auch . III. eine beruhigende Erfahrung. Höret ihr guten redlichen Seelen, die ihr der Wahrheit und Tugend mit warmem Herzen anhanget und wehmüthig in die arge Welt hinausſchauet: ihr dürfet an der Menschheit nicht verzweifeln. Höret ihr guten redlichen Seelen, die ihr 40 0 vor allem andern trachtet nach dem Reiche Gottes und nach seiner Gerechtigkeit und mit verzagtem Herzen die Gräuel der Erde erblicket: ihr dürfet auch beym Anblik eines großen Sittenverderbnisses das Herz der Eurigen nicht für verlohren achten. Es ist wahr, es giebt Zeiten, wo Sünde, Thorheit und Zügellosigkeit einen hohen Grad erreicht haben; wo der Mensch seiner erhabnen Würde und Bestimmung uneingedenk sich selbst entehrt, des in ihm wohnenden göttlichen Geistes vergessend sich unter sich selbst erniedriget; Zeiten, wo man das Heilige verunheiligt, wo man den Grundsätzen des Rechts und der Tugend entsagt, wo man die Gelüste seines Herzens und die Einfälle des Leichtsinns zu seinem Gesetze macht, wo man der Religion spottet, die Eide bricht, die heiligsten Bande auflöst, und seine Schandthaten nicht einmal mehr vor den Augen der Welt verbirgt. Es mag auch immerhin wahr seyn, daß auch unser gegenwärtiges Zeitalter seine großen Gebrechen und schlimmen Seiten hat; werfet ihm vor, was ihr wollet; nennet es das Zeitalter des Leichtsinns, wo man ohne feste Grundsätze dahin geht; nennet es das Zeitalter der Irreligion und der Zweifelsucht, wo im fortdaurenden Kampfe der Finsterniß und des Lichts so Mancher seinen Glauben verabschiedet und gegen den ei 41 — nen vermeyntlichen Aberglauben, vielleicht den andern wirklichen Aberglauben eingetauscht hat und sich nun voll Eigendünkels weise wähnt; nennet es das Zeitalter der Ueppigkeit und des Uebermuths, wo man sich über sich selbst und über andre, ja vor seinem Gotte erhebt; oder leget ihm irgend einen andern noch schimpflichern Namen bey. Hier kann es allerdings den Anschein haben, als sey nun die Menschheit am Versinken, als erlösche nun ganz und gar das heilige Feuer, welches die Menschen erwärmen und entzünden soll zu einem heiligen göttlichen Sinn und Wandel. Hier kann euch guten redlichen Seelen, wenn ihr mit unverwandten Blicken auf ein solches Verderben hinschaut, allerdings bange werden, daß nun bald Keiner mehr seyn werde, der Gutes thue, auch nicht Einer. Hier kann euch allerdings die Besorgniß ergreifen, daß das Reich Gottes sich je mehr und mehr von der Erde und den Menschenkindern entferne, statt sich zu nähern. Hier könnet ihr allerdings bey einem Blick auf die Eurigen voll Traurens werden. Was wird aus meinen Söhnen, aus meinen Töchtern werden, bey diesem Verderben der Zeit? so hörte ich schon wohl Manchen ernstlich klagen; was wird sie schützen gegen die fürchterliche Gefahr? wer wird sie treu erhalten auf der Bahn der Tugend? wer wird ihre Unschuld bewahren? wer sie standhaft erhalten, 90 daß sie ihren Glauben nicht verliehren und die Religion nicht verläugnen? sind sie nicht nun bald alle abgewichen, abtrünnig geworden? wo soll ich eine sichere Zuflucht finden, um ihr Herz zu retten vor dem Verderben? wohin soll ich sie flüchten, um sie Gott und der Tugend treu zu erhalten? — Aber, höret doch ihr guten redlichen Seelen den Trost, den Gott aus einer köstlichen Erfahrung uns zuruft: „ auch in dem verderbtesten und gefährlichsten Zeitalter, wo der fromme Elias an der Menschheit verzweifeln wollte, hatte sich Gott noch lassen überbleiben sieben tausend Mann, die ihre Kniee nicht beugten vor dem Baal; und so geht es auch jetzt zu dieser Zeit!“ Bey einer solchen Erfahrung und einem solchen Worte des Trostes muß unser Herz ruhig und getrost werden! — wir müssen uns in unserm Urtheile und in unsern Besorgnissen nicht übereilen; müssen aufmerksam um uns her blicken und ausspähen das Gute, was um uns her unter den Menschen ausgestreut liegt und stets erhalten bleibt; wir müssen das Vertrauen zu Gott haben, daß Er, der so sichtbar stets für sein Reich auf Erden gewirkt hat, dieses sein Reich weder durch die Thorheit, noch durch den Frevel, noch durch die Gleichgültigkeit einzelner Menschen, Völker und Zeiten werde zerstören lassen. Wir müssen mit freudiger Zuversicht Ihn den weisen und heiligen Fürsten wal 43 9* ten lassen; er der Hüter Israels schläft und schlummert nicht. Auch in dem verderbtesten und gefährlichsten Zeitalter läßt er es uns und den Unfrigen nicht an Aufmunterung und nicht an Schutz und nicht an Beystand und nicht an wirksamer Kraft mangeln. Sein göttlicher Geist bleibt zu jeder Zeit wirksam. Nur wir Menschen sind zu kurzsichtig und zu schwachmüthig, um seine wirkende Hand stets gewahr zu werden und stets getrosten Muths zu bleiben. Lehrt es nicht die Erfahrung, daß der Mensch, jemehr er zunimmt an Einsichten und Erfahrung, und je genauer er die Welt und ihren Zustand kennen lernt, deſto ruhiger dem Laufe der Dinge zuſieht? — O meine Freunde, wenn uns das nicht etwas Tröstliches ist, in dem schrecklichen Zeitalter der israelitischen Helden solche trefliche Menschen, wie Ruth Naemi und Boas zu finden; wenn uns das nicht abhält, an der Menschheit jemals zu verzweifeln; wenn uns das nicht Muth giebt, auch in gefährlichen Zeiten die Hoffnung zu hegen, daß die Unſchuld der Unseigen werde gerettet bleiben: was kann dann uns beruhigen unter den Unvollkommenheiten, die wir auf der Erde in Gesinnungen und Wandel der Menschen erblicken? Aber freylich, unthätig dürfen wir bey dieser Ansicht nicht bleiben; jene köstliche Erfahrung muß uns zugleich auch zur Ermunterung dienen. Ermuntern S 44 muß sie uns, die Arbeit an unserm Herzen und an dem Herzen der Unsrigen nie ruhen zu lassen, sondern auf gute Hoffnung mit Muth und treuen Eifer fortzusetzen. Lasset die Zeiten verderbt seyn: darum ist das Herz des Menschen, der in diesen Zeiten lebt, noch nicht preisgegeben. Lasset die Zeiten für Unschuld und Tugend gefährlich seyn: darum ist die Unschuld und Tugend dessen, der in diesen Zeiten lebt, noch nicht verlohren. Lasset Andre nach den Gelüsten ihres sinnlichen Herzens wandeln: darum können doch Wir mit den Unsrigen der Stimme des Gewissens folgen. Lasset Andre ihren Neigungen und Leidenschaften huldigen: darum können doch wir mit den Unsrigen dem Gesetze Gottes unterthänig bleiben. Lasset Andre leichtsinnig und wild der Welt und ihrer Lust dienen: darum können doch Wir mit den Unsrigen gesetzten Sinnes seyn. Lasset Andre selbstsüchtig und eigennützig nur ihrem eigenen Vergnügen und Vortheile leben: darum können doch Wir mit den Unsrigen Gesinnungen der Liebe und des Wohlwollens hegen. Lasset Andre unstet und flüchtig den Zerstreuungen und rauschenden Freuden nachjagen: darum können doch Wir mit den Unsrigen in stiller Thätigkeit ein nützliches Tagewerk wirken. Lasset Andre mit stolzem Uebermuthe einherfahren: darum können doch Wir mit den Unsrigen demüthig und bescheiden seyn. Lasset Andre dem Glauben und 5 45 den heiligen Gefühlen des Herzens entsagen: darum können doch Wir mit den Unsrigen die Religion in Ehren halten. Laſſet Andre das Wort Jeſu Christi verschmähen: darum kann doch uns und den Unsrigen sein Evangelium ein theures werthes Wort bleiben. Lasset Andre den Götzen der Eitelkeit, der Ehre, des Reichthums, des sinnlichen Vergnügens dienen: darum brauchen doch wir mit den Unsrigen vor ihnen die Kniee nicht zu beugen. Nein, das brauchen wir nicht, und das wollen wir nicht! Aber Trotz bieten dem Verderben der Zeit, muthig den Gefahren entgegengehen, von dem Verderben das Herz unbefleckt erhalten, vor den Gefahren die Seele retten, unschuldig bleiben, gute Gedanken denken, reine Gefühle hegen, edle Entschliessungen fassen und mit edlem Eifer sie ausführen, das Gewissen hören und Gott mehr gehorchen als den Menschen, das können wir, Freunde, ja wir und die Unsrigen früh und spät, und — ach! wer wollte, wer wollte es nicht! Amen. . . . . . . . 1 . . 1 . . . . 46 4 — . . . . . . . . . . . . Zweyte Predi gt. . . . 7771 Josua XXIV, 15. Ich und mein Haus . wollen dem Herrn dienen. . ###) n Lauter häusliche Verhältnisse sind es, meine Freunde, die wir in dem Buche Ruth antreffen. Hier sehen wir Mann und Weib, Eltern und Kinder, Verwandten und Freunde, Herrschaften und Diener; lauter Verhältnisse des gewöhnlichen Lebens; in denen mehr oder weniger auch die Meisten von uns sich befinden. Ach, daß dieses häusliche Leben nur nicht für so Viele von unsern Brüdern und Schwestern ein gedrücktes, unglückliches Leben wäre! Diese Verhältnisse, die doch vorzüglich dazu geeignet scheinen, uns die Beschwerden des Lebens zu erleichtern, wie Manchem sind sie nicht eine schwere Last; ⸸ 47 dieser häusliche Beruf, von dem man so viel Segen und Freude erwarten sollte, für wie Manchen ist er nicht ein wahrer Wehestand; dieses Zusammenleben in traulich verbundener Familie, dessen Anblick schon das Herz mit Wohlgefallen und Frohsinn erfüllen kann, für wie viele Menschen ist es nicht ein hartes Kreutz! Neben den glücklichern Familien wohnen nicht blos hier in diesem biblischen Buche, sondern auch in der wirklichen Welt leider nur gar zu häufig Familien, die geschlagen sind; Familien, denen die Sorgen und Arbeiten des Lebens sauer werden und die das Schicksal mit mancherley Widerwärtigkeiten verfolgt. Oft mag es wohl ihrer eigenen Thorheit Schuld seyn, daß sie sich in einer unangenehmen, unglücklichen Lage befinden. Wenn die Glieder eines häuslichen Kreises sich unter einander ihre Arbeiten erschweren, statt sie sich zu erleichtern; wenn sie einer dem andern ihre Sorgen aufwälzen, statt sie sich abzunehmen; wenn sie sich ihre Leiden vergrößern, statt sie sich zu lindern; wenn sie ohne ohne Eintracht, ohne Behülflichkeit, ohne gemeinschaftliche Ueberlegung neben einander hergehen, oder sich wohl gar einander hindern, in den Weg treten, kränken: dann können sie allerdings von ihrem traurigen Geschick sich selbst die Schuld beymessen. Oft aber drückt ſie doch ohne ihre Verſchuldung die Hand eines allgewaltigen unerforschlichen Schicksals, 0•0 48 wo ihnen nicht viel anderes übrig bleibt, als Schweigen und Anbeten, geduldig seyn und auf den Herrn hoffen, in den Willen des Unergründlichen sich ergeben und auch aus dem Unglücke Weisheit und Tugend lernen. Es muß wohl nicht anders seyn können, als daß der häusliche Stand, wie jeder andre, ausser seinem Frieden auch seine Last hat: und darum wollen wir uns darauf gefaßt halten, daß es auch fernerhin so seyn, ja so seyn wird, selbst wenn wir inskünftige durch größere Ueberlegung, Weisheit, Vorsicht, und Herzensgüte manches Leid und Ungemach werden entfernet haben. Aber dagegen lasset uns auch anfangen, Geliebte, von unserm häuslichen Leben etwas höher zu denken; als wir zu thun gewohnt sind. Lasset uns von dem selben nicht mehr bloße Erleichterung unserer Sorgen und Beſchwerden, nicht mehr bloße Vermehrung unsers Glücks und bloße Linderung unsers Unglücks erwarten. Es giebt eine höhere Ansicht des häuslichen Lebens, bey der wir besser fahren; eine Ansicht, bey der unsre Erwartungen nicht können vereitelt, unsre Hoffnungen nicht können getäuscht werden; eine Ansicht, bey der wir unsre Arbeiten fröhlicher wirken, den Fügungen des Schicksals ruhiger zusehen, die Widerwärtigkeiten muthiger ertragen, die Freuden weiſer genießen, der Zukunft getroster entgegen gehen, den Frieden unsers Her 0•5 49 zens leichter bewahren und für unsre Würde und für unsre Zufriedenheit einen köstlichern Gewinn davon tragen können. Diese Ansicht sey es, die wir uns in dieser stillen Betrachtung eröffnen.] (Gesang.) Lasset uns, meine geliebten Freunde, in dieser Andachtsstunde — denn dies ist die Ansicht, die ich meyne, — lasset uns das häusliche Leben als eine Uebungsschule der Tugend betrachten. Lasset uns bemerken, daß das häusliche Leben 1) uns zu einer ernsten und bestimmten Thätigkeit auffordert; 2) daß es uns in mancherley Fälle bringt, worin wir Gelegenheit haben, die Tugend in ihrer mannichfaltigen Gestalt und in ihrer erhabensten Würde zu üben; und 3) daß es uns bey der Uebung der Tugend die köstlichste Ermunterung und den schönsten Lohn gewährt. Zu allem diesem enthält das Buch Ruth die mannichfaltigsten Belege. Th. II. D 55 50 I. Es ist hier also von dem Einen, welches noth ist, von dem Einen Großen und Höchsten die Rede, worauf die Wünsche und das Streben des Menschen stets und überall gerichtet seyn sollten, von der Tugend. Auch das häusliche Leben, heißt es hier, sey eine Schule, worin man lernen können, gut und weise werden; ein Uebungsplatz, worauf man sich stärken könne zur Besiegung seiner sinnlichen Lüste und Begierden und zur Beherrschung seine selbst; ein Heiligthum, worin man sich erheben könne zu einem höhern göttlichern Sinne, der da rein ist von der Unlauterkeit der Thorheit und Sünde. Die erste Bedingung einer solchen Tugend ist natürlich die, daß der Mensch seine Kräfte anstrenge und thätig sey, daß er bey seiner Thätigkeit allen Leichtsinn und alle Flüchtigkeit vermeide und daß er bey allem, was er thut und läßt, stets ein festes Ziel im Auge behalte. Eine Thätigkeit dieser Art ist und bleibt auch für die Erhaltung und Beschirmung der Tugend die stärkste Schutzwehr. Und wer kann es nun hier wohl in Abrede seyn, daß auch ganz vorzüglich das häusliche Leben zu einer solchen ernsten und bestimmten Thätigkeit uns auffodert? Nirgends findet sie ſich ſo häufig, als grade bey denen, die in häuslichen Verhältnissen leben; da hingegen Unthätigkeit, Flüchtigkeit und unbestimmter Sinn am häufigsten 0•0 51 bey denen anzutreffen ist, die durch kein Familienband gebunden sind. Diese, die gleichsam nur für sich selbst leben, nur für sich selbst zu denken und zu sorgen haben, was ist oft ihr ganzes Leben anders, als eine Kette von flüchtigen Gedanken, leichtfertigen Zerstreuungen, flatterhaften Entwürfen, unbestimmten Beschäftigungen, unüberlegten Zersplitterungen des Geistes und des Herzens? Es ist ihnen gar zu leicht, die wenigen Bedürfnisse ihrer eigenen Person zu befriedigen; die Arbeit, die ihnen obliegt, ist gar zu gering; die Freuden, die sie suchen, können sie gar zu leicht finden; dem widrigen Geschick können sie gar zu leicht ausweichen: und darum fehlt es ihnen auch leicht an der nöthigen Aufforderung, ernster zu leben und auf eine bestimmtere Art thätig zu seyn; sie sind weniger an eine Arbeit gebunden, weniger gedrungen, in einem bestimmten Wirkungskreise ihre Kräfte anzuwenden und in einem Geschäfte auszudauren; sie verlassen die Arbeit, die ihnen nicht mehr ansteht, die Freude, die ihnen nicht mehr schmeckt, die Menschen, die ihnen nicht mehr gefallen, den Wohnplatz, der ihnen nicht mehr behagt; flattern von dem Einen aufs Andre ab, weil sie das Wenige, was sie für ihre Person bedürfen und suchen, mit leichter Mühe an einem andern Orte, und unter andern Menschen wieder finden können. Die ernste, bestimmte, geregelte D 2 5 Thätigkeit, diese Bedingung, dieser Anfang aller Tugend ist nie das Theil derer, die ein flüchtiges Leben führen; sie findet sich daher viel seltener bey denen, die nur an sich selbst gebunden sind, als bey denen, die ein häusliches Band an bestimmte Verhältnisse bindet. Denn blicket einmal in das Leben und Weben einer Familie, beobachtet einmal das Thun und Lassen der Familie, deren Geschichte uns das Buch Ruth erzählt: Elimelech und seine Gattinn, diese Eltern und ihre Kinder Mahlon und Chiljon, Naemi und ihre Schwiegertöchter, ihr Freund und Verwandter Boas und seine Diener, welch eine Thätigkeit, welch eine sorgfältige Ueberlegung, welch ein Rathgeben und Rathfragen, welch ein eifriges Arbeiten, welch ein rastloses Wirken, welch eine Mühe und Anstrengung, um das tägliche Brodt zu gewinnen, um dem Unglücke auszuweichen, um Ordnung zu erhalten, um einer dem Andern die Arbeit und Sorge zu erleichtern, einer dem Andern Freude zu machen! Hier im Familienkreiſe ist nicht für die Person eines Einzigen zu sorgen: Mann und Weib und Kinder und Dienstboten und Verwandten und Freunde, diese alle gehen sich einander an, liegen sich einander am Herzen. Hier sind es nicht die einfachen Bedürfnisse eines Einzigen, für deren Befriedigung gearbeitet werden muß: sondern die vielfachen Bedürfnisse eines größern Krei 54 53 ses erfordern eine angestrengtere Sorgfalt. Die Leiden, womit das Schicksal bedroht, hangen drohend über dem Hause und dem Herzen nicht eines Einzigen, sondern einer ganzen Familie, worin das Unglück des Einen zugleich das Unglück des Andern und das Glück des Einen zugleich das Glück des Andern ist. Hier hat ein Jeder für sich und zugleich Jeder für die, die um ihn sind, zu denken, zu sorgen, zu leiden, zu arbeiten. Und darum, ja darum findet sich eine ernste bestimmte Thätigkeit nicht leicht irgendwo häufiger, als im Familienleben. Unthätigkeit darf hier nicht statt haben; flatterhaft und flüchtig darf hier Keiner seyn; hier hat Jeder sein angewiesenes Werk; Alle vom Obersten bis zum Untersten sind beschäftigt; Keiner darf müßig stehen und es an ſeiner Arbeit mangeln laſſen; Keiner darf seiner Laune folgen; Keiner darf aus seinem Geschäfte ausscheiden, wenn nicht das Bestehen und die Wohlfahrt des Hauses leiden soll. Es ist eine gewisse Nothwendigkeit, wodurch wir im häuslichen Leben zur Arbeit, zur ernsten geregelten Thätigkeit gezwungen werden und die natürliche Familienliebe dringt uns dazu. Daher trift man denn auch gemeiniglich die treuesten Arbeiter, die thätigsten Beamten, die betriebsamsten Handwerker, die fleißigsten Lehrer, die eifrigsten Aufseher, die sorgfältigsten Verwalter und Verwalterinnen grade unter denen, 4 54 die selbst im häuslichen Kreise, durch Nothwendigkeit und Liebe aufgefordert; an eine ernste und beſtimmte Thätigkeit ſich gewöhnt haben. Iſt dem nicht also? — O lasset uns das doch bedenken, meine Freunde, daß darum das häusliche Leben ein köstlicher Uebungsplatz, eine köstliche Schule der Tugend ist, weil sie uns zu einer solchen Thätigkeit auffordert; und lasset uns dabey erwägen, daß die Tugend an dieser ernsten geregelten Wirksamkeit auch die vorzüglichste Schutzwehr hat. Je mehr der Mensch durch Nothwendigkeit und Liebe an Menschen gebunden ist, die er die Seinigen nennen kann, desto mehr ist er vor vielfachen Verirrungen und Ausschweifungen gesichert, denen wir ausgesetzt sind, sobald wir nur für uns und für unsre eigenen Bedürfnisse nach Gutfinden und Laune zu sorgen haben. Bemerket doch auch hier wieder die Erfahrung! Die meiste Zügellosigkeit und Ausschweifung, die meisten Thorheiten und Laster, die meiste Wildheit sinnlicher Lüste, die meiste Schiefheit des Charakters, die meiste Wunderlichkeit, Härte, Lieblosigkeit, Selbstsucht, die meisten Verirrungen des Geistes und Herzens, finden wir sie nicht grade unter denen, welche ausser Familienverbindungen unstet und flüchtig durchs Leben gehen, oder welche sich mit ihrem Herzen von den Ihrigen losgemacht haben, weit häufiger, als unter denen, die als Gat 5•5 55 ten und Gattinnen, als Väter, Mütter und Kinder untereinander in Liebe und Arbeit verbunden sind. Heilig, heilig sey uns unser Haus, ihr Hausväter und Hausmütter, ihr Herrschaften und Dienstboten, ihr Hausgenossen und Hausfreunde alle! Nirgends, nirgends werden wir mehr zu einer tugendhaften Thätigkeit angespornt, als in den Häusern, worin wir mit den Unsrigen wohnen! II. Aber das häusliche Leben übt unsere Tugend noch mehr; es bringt uns auch in mancherley Fälle, worinn wir Gelegenheit haben, die Tugend in ihrer mannichfaltigen Gestalt und in ihrer erhabensten Würde zu üben. Dies ist das Zweyte, welches wir zu erwägen haben. — Mancher edle Mann und manches edle Weib mögen sich wohl bisweilen über den kleinen Cirkel ihrer Familie, über den engen Wirkungskreis ihres Hauses hinaus und in einen höhern weitern Wirkungskreis hinüber sehnen, wenn sie sich höhern Geschäften gewachsen fühlen und wenn es ihnen vorkömmt, als trügen sie zum Bau des Reichs Gottes auf Erden zu wenig bey. Wahrlich, sie würden das nicht, wenn sie ihr häusliches Leben aus einem bessern Standpuncte betrachteten und als ein Heiligthum ansähen, worin auch Gott zu finden und zu verherrlichen ist. Sa 99 get, ſind nicht auch dieſe kleinſcheinenden Sorgen und Mühen des häuslichen Lebens von Gott auferlegt? ist nicht die Kraft, womit wir uns denselben unterziehen, von Gott? bringen wir nicht auch durch unsre kleinen häuslichen Bemühungen eben so wohl, als der Fürst, der ein Land regiert, und als der Held, der an der Spitze eines Volkes steht, Heil und Segen hervor? können wir nicht in diesem kleinen Kreise eben so wohl als in einem größern gute Menschen seyn, gute Menschen werden und als gute Menschen handeln? können wir uns nicht eben ſo gut an Rechenpfenningen als an Goldſtücken im Zählen üben? ist die Tugend nicht stets die nemliche, wir mögen sie üben unter kleinen oder unter größern Geschäften? Ja die Tugend ist und bleibt immer dieselbe, du übest sie in deinem Hause an der Seite deiner Hausgenossen, im Kreise deiner Kinder, an deinem Acker, in deinem Garten, oder auf dem Throne, im Tempel, auf dem großen Schauplatze der Welt. Und grade das häusliche Leben ist ein Uebungsplatz, eine Schule, worin vorzüglich viel Gelegenheit ist, die Tugend in der mannichfaltigsten Gestalt zu üben. Werfet nur wieder einen Blick in die Geschichte unsers biblischen Buchs: was ist es, was euch sogleich ins Ange fällt, entgegenglänzt? Ein schöner Kranz von lauter edlen Gesinnungen und Thaten ist es, eine Krone von lauter schönen ⁵⁰ 57 Tugenden, die durch's häusliche Leben veranlaßt und geübt sind. Nichts als Edelsinn, nichts als Rechtschaffenheit und Frömmigkeit erblicket ihr an allen Personen dieser Geschichte. Schön und edel sehet ihr sie handeln in allen Lagen, unter allen Umständen, in jedem Verhältnisse, zu jeder Zeit, in jedem Alter. Ich habe die Tugenden dieser Personen schon in unserer vorigen Betrachtung genannt. Aber, ich bitte euch, wo, wo hat man auch mehr Veranlassung, die Tugend in ihren verschiedenen Gestalten zu üben, als grade in einem solchen Familienkreise? Arbeitsamkeit und Sparsamkeit, wo wird man mehr dazu aufgefordert, als im häuslichen Kreise, worin so viele Bedürfnisse zu befriedigen sind? Ueberlegung und Ordnung, wo sind sie nöthiger, als hier, wo so vielerley Sorgen, so vielerley Arbeiten, so vielerley Geschäfte, so vielerley Gedanken sich durchkreutzen? Verträglichkeit und Duldung, wo hat man mehr Ursache, sie zu üben, als hier, wo Friede ernährt, Unfriede zerstört und Lieblosigkeit alles Glück verjagt? Genügsamkeit und Zufriedenheit, wo sind sie mehr werth, als hier, wo ein herrliches üppiges Leben in Freude und Pracht sehr selten verstattet ist? Milder Sinn und Sanftmuth, wo sind sie wichtiger als hier, wo sich einer dem andern so nahe ist und einer mit dem Andern gleichsam Hand in Hand arbeiten, und Hand in Hand sein Glück 56 45 und seine Freude suchen muß? Selbstverläugnung und Aufopferung, wo wird man häufiger Gelegenheit haben, diese Tugend zu üben, als hier, wo Eltern ihren Kindern zu Liebe, Dienstboten ihren Herrschaften zu Liebe, und umgekehrt manches gegen ihre Neigung thun oder lassen müssen, wo bald ein kranker Gatte, bald ein krankes Kind, bald ein kranker Dienstbote, bald ein kranker Verwandter, bald ein kranker Freund alle Sorgfalt, alle Mühe, alle Hülfe, alle Anstrengung, bey Tag und bey Nacht erfordert? Hat hier in diesem Kreise nicht ein Jeder seine besondern Pflichten und Tugenden zu üben? Lernen nicht in dieſer Schule des häuslichen Lebens Vorgesetzte mit Weisheit und Liebe regieren? Untergebene treu und redlich gehorchen? Vater und Mutter, ihre Kinder mit liebreichem Ernste erziehen? Gatten, sich unter einander treu und wohlwollend behandeln? Kinder, bescheiden und hülfreich seyn? Hausgenossen, sich unter einander vertragen? Freunde, mit Weisheit rathen, mit Liebe warnen, mit Theilnahme trösten, mit Biederkeit tadeln? Kurz welche große oder kleine Tugend giebt es, die man nicht in der Schule des häuslichen Lebens zu erlernen und zu üben Gelegenheit und Aufforderung hätte! — Und dann, meine Freunde, wo mag eine geübte Tugend in der Regel wohl in größerer Würde, reiner, stärker, und ausdauernder erscheinen, 54 59 als hier? Edle Gesinnungen zeigen, große gute Thaten thun, einen edlen Zweck mit Muth und Standhaftigkeit verfolgen: o das iſt keine Kunſt und keine Tugend bey dem, der auf dem großen hohen Schauplatze des öffentlichen Lebens da steht, auf den die Augen der Menge, der Großen und der Kleinen gerichtet sind, dem Gold und Ehre der Welt seine Thaten lohnen. Aber hier, wo kein Glanz ſtrahlt, keine Krone ſchimmert, und keine Ehre lohnt; hier, im stillen Hause, hinterm Vorhange des öffentlichen Lebens; hier im Gewühle nicht in die Augen fallender Arbeiten, unterm Druck verborgener Sorgen, im Kreise von unbemerkten Menschen; hier im Stillen seine Pflicht thun, Gutes wirken sonder Geschrey und Geräusch, das erst nenne ich Tugend üben, das erst ist die Tugend in ihrer wahren Reinheit. Und wo wird der Mensch am meisten Stärke und Standhaftigkeit zum Vollbringen des Guten anwenden müssen? Gewiß, auch hier in der Schule des häuslichen Lebens. Denn, arbeitsam und sparsam zu seyn, wie schwer wird das, wenn es mit der Arbeit, wie ſo häufig, nicht gelingt, und bey aller Sparsamkeit die Sorgen für Nahrung und Kleidung sich nicht vermindern. Ordnung halten und sorgfältig überlegen, wie schwer wird das, wenn man mit so vielerley Geschäften und Sorgen überhäuft und beladen wird. Verträge 90 60 lich seyn, wie schwer wird das, wenn man so viel Widerspenstigkeit und Eigensinn erfährt. Genügsam und zufrieden seyn, wie schwer wird das, wenn man bey aller Arbeitsamkeit und Sparsamkeite dennoch nicht einmal so weit zu kommen scheint, als mancher Müßiggänger und Verschwender. Milde und sanftmüthig seyn, wie schwer wird das, wenn man bald von dem einen, bald von den andern Hausgenossen geneckt und gekränkt, oder durch den schlechten Erfolg seiner Arbeit verdrießlich und mismuthig wird. Sich selbst verläugnen, wo wird das schwerer, als hier, wo man sich ohne Anspruch auf Dank verläugnen muß und keinen Lohn dafür erwarten darf. Mit Einem Worte, welches Leben bietet uns mehr Veranlassung und Gelegenheit dar, Tugenden der mannichfaltigsten Art in ihrer größten Reinheit und Stärke auszuüben, als das häusliche! Fürwahr, unser häuslicher Kreis ist etwas Ehrwuͤrdiges, ist im eigentlichsten Verstande ein wahres Heiligthum, worin wir, wenn wir wollen, zu jeder Stunde des Tages, den Heiligen im Himmel durch heilige Gesinnungen und heiligte Thaten verehren lernen. Heilig, Geliebte, heilig sey darum einem Jeden von uns sein Haus, seine Hütte, der Kreis seiner Familie! Und Keiner betrete jemals dieses Heiligthum, ohne den festen Vorsatz: hier in diesem Kreise, hier unter diesen häuslichen Sorgen 61 und Geschäften, hier unter diesen häuslichen Freut den und Leiden, will ich lernen, gut seyn und täglich besser werden, Gutes wirken in mir und ausser mir; hier, ja hier will ich mit meinem ganzen Hauſe dem Herrn dienen! — III. Doch, zur Uebung de Tugend im häuslichen Leben dient nicht blos das, daß uns dasselbe die Nothwendigkeit auferlegt, auf eine bestimmte ernste Art thätig zu seyn, und daß es uns Veran lassung giebt der Tugenden so viele in ihrer schönſten Würde zu üben, ſondern wir finden in demselben zur Uebung der Tugend auch die köstlichste Ermunterung. Der Lohn des Goldes ist süß für den, der gern in köstliche Leinwand sich kleidet und alle Tage herrlich und in Freuden lebt; der Lohn der Ehre ist noch süßer für den, der sein Glück darin sucht, vor der Welt zu glänzen; der Dank der Welt ist ein köstlicher Lohn für den, der nicht um des Lohns willen gute Thaten übt, aber sie doch nicht gern ganz umsonst will gethan haben: aber mag der Held seiner Ehre, der Große seines Goldes, der Retter des Vaterlandes des Danks seiner Mitmenschen sich freuen; dennoch behaupte ich, und wer behauptet es nicht mit mir, daß in diesem Allen bey weitem nicht der Reitz, die Ermunterung zum Guten, bey weitem nicht die Er 62 # heiterung, die belohnende Freude liege, die der Hausvater und die Hausmutter in ihrem häuslichen Kreise finden und täglich finden können. O ihr Armen; die ihr nicht wisset, was das heißt, sich freuen, sieh erheitern im Kreise der Seinigen, o blicket doch noch einmal wieder hin auf die Personen unsrer Geschichte! Sehet, mit Freude zieht Elimelech aus dem Lande der Theurung, wiewohl es sein Vaterland ist, in ein fremdes Land; denn es ist Sein Weib, es sind Seine, Seine Kinder, die er dadurch vor Mangel und Noth bewahrt. Sehet, mit Freude folgt ihm Naemi, folgen ihm Mahlon und Chiljon, denn es ist ihr Gatte, ihr Vater, es is ganz der Ihrige, dem sie nachziehen. Sehet, mit Freude verläßt Ruth ihr Vaterland und ihre Verwandten, um Naemi zu folgen, mit Freude sammelt sie Aehren für die arme Naemi, denn diese ist ihre Mutter, ihre Herzens=Freundinn. Sehet, mit Freude bestellt Boas mit seinen Dienern den Acker; denn die Seinige sind es, für die er sorgt. Sehet, mit Freude wiegt Naemi ihren Enkel auf ihrem Schooße; denn es ist das Kind ihrer geliebtesten Tochter. Wo in der Welt findet eine solche natürliche Zuneigung und Anhänglichkeit statt, als in dem Kreise einer Familie? Wo kann man die Menschen um sich her mit so viel Recht und Herzlichkeit die Seinigen nennen, als hier? Wo kann 0•0 man an den Angelegenheiten Anderer so herzlichen Antheil nehmen, wo mit so vieler Innigkeit einander beystehen, wo mit so warmem Herzen etwas für den Andern thun, wo mit so vielem innigem Eifer für den Andern etwas aufopfern, als im häuslichen Kreise, wo sich der Eine in dem Andern leben findet. Alles, was wir da Gutes thun, das thun wir für Menschen, die wir die Unsrigen nennen, für Menschen, die uns am Herzen liegen. Alles, was wir da Gutes thun, das gereicht zum Besten der Familie. Die Tugenden, die da der Hausherr und seine Diener, die Hausfrau und ihre Dienerinn, der Gatte und seine Gattinn üben, befördern die Wohlfahrt des Hauses, das Glück der Familie, die Erziehung der Kinder und die gemeinschaftliche Zufriedenheit. Bey allen unsern Sorgen, Unternehmungen, Planen, Arbeiten und Beschwerden ermuntert uns da doch stets wenigstens die Aussicht, daß, wenn nicht wir, doch unsre Kinder, die uns noch lieber sind als wir selbst, die Früchte davon erndten werden. — Dazu nehmet die Freude selbst, womit die geübte Tugend im häuslichen Leben belohnt wird. Denket euch nur einen Abend in der Familie des Boas nach vollbrachter Arbeit. Das Tagewerk ist vollendet; des Tages Last und Hitze ist getragen; der Schweiß des Angesichts ist von der Stirne abgetrocknet; und Jeder genießt 64 S nun der erquickenden Ruhe des kühlen Abends. In Ruhe und Stille sitzt nun die müde, doch heitre Familie beysammen. Keiner ist unter ihnen, der nicht mitgearbeitet, der nicht sein eigenes Tagewerk gewirket hätte. Nun ruhen sie aus von der Arbeit des Tages; erblicken einer in dem andern einen treuen Mitarbeiter; in freundlicher Eintracht besprechen sie sich über die vollendeten Geschäfte und über die Geschäfte des folgenden Tages; und nun ergötzen sie sich durch heiteres Gespräch, durch unschuldiges Spiel und fröhlichen Scherz. Boas, der Herr, schaut mit Wohlgefallen und Freundlichkeit in den fröhlichen Kreis seiner treuen Diener und freut sich ihrer Erholung und Fröhlichkeit. Sie, die treuen Diener, legen mit Theilnahme und herzlichem Zutrauen von dem vollbrachten Tagewerke Rechenschaft ab und freuen sich ihres guten treflichen Hausherrn. Es ist der Gedanke, den Tag nicht unnütz verbracht, nicht in Trägheit verträumt, nicht in Müßiggang oder flatterhaften Zerstreuungen verschwendet zu haben, der sie erheitert und ihnen die Ruhe und Erholung des Abends verfüßt! — Oder denket euch einen Abend in dem Hause der verwittweten Naemi. Auch sie hat für heute ausgearbeitet. Ruth, ihre Schwiegertochter, ist zurückgekehrt vom Felde, hat ihre mit kindlicher Sorgfalt gesammelten Aehren vor ihr ausgeschüttet und der traurigen Witt 65 we Labſal und Troſt gebracht. In friedlicher Eintracht erheben sie in der Stille des Abends ihre Gedanken zu Gott; ergießen ihr Herz im Gebet zu dem Vater der Wittwen und Waiſen. Sie preiſen seinen Beystand und danken ihm für seine väterliche Barmherzigkeit. Sie gedenken der vorigen Jahre, der vergangenen Zeit, wie sie Gott in Tagen der Freude und des Leids auf Vaterhänden getragen, in Zeiten der Theurung ihrer Noth sich angenommen, in Tagen der Trauer sie getröstet, in Tagen des Schwachheit sie gestärkt, in Tagen des Jammers ihnen Freude zugeführt und ihnen bis hieher so treulich geholfen. Mit getrostem Sinne setzen sie ihr Vertrauen auf ihn, deſſen Güte mit jedem Morgen neu über ihnen ist, und befehlen Ihm mit demüthiger Ergebung alle Angelegenheiten ihres Hexzens. Erheitert stehen sie auf vom wohlthätigen Gebete, genießen mit fröhlichem Danke ihr ſpärliches Brodt, und ermuntern sich unter einander durch freundschaftliches Gespräch über die vergangenen Tage, an denen der Herr ihr Trost und Beystand geweſen. Freundlich heiſſen die Freunde und Nachbaſ ren willkommen, die in ihrer Hütte erscheinen, um der einſamen Wittwe und ihrer verwittweten, Tochter durch freundschaftlichen Zuspruch Trost zu bringen. Beruhigt und ermuntert legen sie sich nieder aufs Lager, um unter dem Schirme ihres Gottes Th. II. 66 ⸸ Ruhe zu finden und neue Kräfte für die Arbeit des kommenden Tages zu schöpfen. Gestärkt und erquickt verlassen sie an jedem Morgen ihr Lager, um ihre Geschäfte wieder mit getrostem und freudigem Sinn zu beginnen. O, Geliebte, was gäbe man nicht um diese Heiterkeit, um diese Ruhe, um diesen Frieden der Naemi an der Seite ihrer liebenden und geliebten Tochter! was gäbe man nicht um diese Freude der Ruth, die der armen Mutter die Thränen trocknet, ihr den Wittwenstand und das Alter erleichtert.! was gäbe man nicht um jene häuslichen Freuden des Boas und seiner Diener! wer vertauschte dagegen nicht gern alle lärmenden Freuden, alle flüchtigen Zerstreuungen im Gewühle der Menschen ausser dem häuslichen Kreise! Jene tobenden Freuden sind nie, nein, nie rechter Art; sie können den Menſchen berauſchen, können ſein Blut in Wallung bringen, können die Sorgen und Kümmernisse in seinem Herzen auf eine Zeitlang gewaltsam unterdrücken: aber ihn wahrhaft erheitern, Frohsinn in seinen Geist, Ruhe in sein Gemüth, bleibenden Frieden in seine Seele gießen können sie nie; sie befriedigen das Herz nicht und verfliegen wie der Rausch. Nichts von dem wahrhaft heitern, ruhigen und frohen Sinne, der in der Familie des Boas und in der Familie der Naemi einheimiſch ist, findet man in den Cirkeln, worin die lärmende • und ausgelassene Freude wohnt. Nur gar zu häufig wird aber dort im lärmenden Freudengewühle die blühendste Gesundheit zerrüttet, der höchste Wohlstand zerstört, die edelste Empfindung erstickt, das Ehrgefühl verletzt, die Schamhaftigkeit beleidigt, der Sinn für Wahrheit und Recht gekränkt, das Gewissen eingeschläfert, der Glaube an heilige Wahrheiten verspottet, Treue und Ehrlichkeit verlacht, das edlere höhere Denken bemitleidet, die Tugend mit langsamen Schritten unter Jubel und Frohloken unpermerkt zu Grabe getragen. O wohl uns bey unsern stillern Freuden des häuslichen Lebens! dabey ist nicht unsre Gesundheit, nicht unser Vermögen, nicht unsre Ehre, nicht unsre Tugend in Gefahr. Vielmehr ist es grade diese heitere Stimmung, dieser häusliche Frohsinn, worin jegliche Tugend, alles Schöne und Gute am besten gedeiht. Diese stille Fröhlichkeit belebt zu den edelsten Gedanken, erweckt die lautersten Empfindungen, bringt die rühmlichsten Vorsätze hervor, feuert an zu den schönsten Unternehmungen und stärkt zu den reinsten Edelthaten. — . Ja, so verhält es sich mit dem häuslichen Leben, meine Freunde. Wir finden darinn nicht allein die ſtärkſte und angenehmſte Aufforderung zu einer geſetzten Thätigkeit, sondern auch die vielfachste Gelegenheit, die schönsten Gesinnungen und Thaten zu üben, E2 63 00 und die erfreulichste Ermunterung, den köstlichsten Lohn für unsere tugendhafte Thätigkeit. Möchten wir uns doch diese Ansicht des häuslichen Lebens recht geläufig machen und sie nie aus den Augen verliehren! Vernehmet doch diese wichtige Aufforderung, ihr alle, die ihr bereits in häuslichen Verhältnissen lebet. Möchten wir doch in unserm häuslichen Berufe nicht immer alle unsre Gedanken gerichtet haben auf Glück und Unglück, nicht immer berechnen, wie viel wir gewinnen und wie viel wir verliehren werden, welche Frenden wir genießen können und welche Leiden wir werden tragen müssen. Lasset uns das häusliche Leben lieber von seiner edlen ehrwürdigen Seite betrachten, lasset uns dasselbe als ein. Heiligthum anſehen, worin das Größte und Erhabenſte, was für den Menschen auf Erden zu finden ist, die Weisheit und die Tugend erlernt und geübt werden kann und soll, Lasset uns in unserm häuslichen Leben mehr darauf bedacht seyn, durch eine tugendhafte Thätigkeit Glück um uns her zu verbreiten, als bereitetes Glück zu genieſſen. Laſſet uns mehr darauf ausgehen, denen, die um uns her sind, Liebe zu beweisen, als Liebe von ihnen zu empfangen. Laſe ſet uns an jedem Morgen, da wir erwachen, eher darnach fragen: was ist heute meine Pflicht, meine Arbeit und was kann ich heute Gutes thun? 69 54 als, was werde ich heute für Glück und Freude oder was für Kummer und Herzeleid haben? Lasset uns an jedem Abend, da wir uns niederlegen wollen, eher daran denken, was wir an dem verflossenen Tage Gutes gewirkt, als was wir an demselben Gutes genossen haben? Lasset uns beym Anblick unster Kinder, Hausgenossen und Freunde mehr die Pflichten, die wir gegen sie zu beobachten schuldig sind, als die Dienste, die wir von ihnen empfangen, berechnen. Lasset uns stets — o thäte das doch ein Jeder! — lasset uns stets nur das in Anschlag bringen, was wir gegen einen Jeden, der mit uns im Hause lebt, zu leisten, und nicht das, was wir zu erwarten haben. Dann würde ohne allen Zweifel in jedem Hause weit mehr Glück und weit weniger Unglück, weit mehr Weisheit und weit weniger Thorheit, weit mehr Tugend und weit weniger Untugend herrschen! Diese Ansicht gewöhnet aber auch ihr euch an, die ihr noch in ſolche häusliche Verhältnisse treten wollet. Keine Erwartung ist thörichter, als wenn ihr euch in jugendlicher Unerfahrenheit darauf verlasset, daß euch das häusliche Leben einen ungestörten Genuß ungetrübter Freude darbieten werde. Nur zu früh wird eine solche leichtsinnige Hoffnung getäuscht, und wehe dem Manne und dem Weibe, deren Lebensglück an dieser Hoff 5 nung hängt. Aber nein, so sollet ihr nicht hoffen: mit einer andern Stimmung eures Gemüths sollet ihr die Bahn des häuslichen Lebens betreten. Wenig sollet ihr vom Schicksal erwarten, nicht viel anderes als göttlichen Beystand; aber desto mehr sollet ihr zu thun euch vornehmen. Ihr sollet es bey Zeiten euch vorstellen, daß das häusliche Leben eine ernste gesetzte Thätigkeit von uns fordert und daß es uns die vielfachste Veranlassung giebt, mancherley Tugenden zu üben. Ihr sollet, wenn ihr in häusliche Verbindungen euch einlassen wollet, nach solchen Menschen, nach solchen Gatten und Gattinnen, Hausgenossen und Freunden euch umsehen, mit denen ihr in Thätigkeit und Tugendliebe am meisten übereinstimmet und von denen ihr es hoffen dürfet, daß sie die Bahn der Tugend und Rechtschaffenheit treulich und standhaft mit euch wandeln werden. Ihr ſollet mit großem edlem Vorſatze in dieses Heiligthum kommen, nemlich mit dem Vorsatze: hier abzulegen allen Leichtsinn, alle Flüchtigkeit, alles unstete Wesen, hier anzuziehen eine ernsthafte und gesetzte Denkungsart, hier Arbeit und Last mit williger Begierde zu übernehmen, hier unter Sorge und Mühe euch zu bereichern mit nützlichen Erfahrungen, hier täglich zuzunehmen an Einsicht und Kraft, hier in einem bestimmten Kreise auf die gewissenhafteste Art thätig zu seyn und nützlich zu 0 71 werden, hier, so viel als in euren Kr채ften steht, Ruhe und Freude und edle Denkungsart um euch her zu verbreiten. Wer mit seinem Geiste und mit seinem Herzen zu diesem Sinne sich nicht erheben, diesem Vorsatze nicht Raum geben kann, der betritt das Heiligthum mit ungeheiligtem Gem체the und ist in Gefahr, das zu entheiligen, was Gott geheiligt wissen will. Und dies, dies bleibe ferne von uns! Kommt, meine Br체der und Schwestern, lasset uns mit erhobenen und vereinigten Herzen fassen und ausf체hren die edelste Entschliessung: wir und unser Haus wollen Gott dem Herrn dienen! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1 . . . . . . . " . . 72 5 — — — dung mit Die Einwilligung des Eigenthums der Ehegatten d ### . . Dritte Predigt. . 1 . — 13### 1 9 Matth. XVIII, 3. wahrlich ich sage euch, es sey denn, daß ihr euch umkehret und werdet, wie die Kinder, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen. So lange und so emsig sucht der Mensch sein Glück zu machen und meynt immer, es werde bald besser werden in der Welt: findet er auch, was er sucht? wer hats gefunden? Ach, wir wissen es leider nur gar zu gut aus vielfältigen Erfahrungen, wie Manchem die Ruhe und die Freude nicht wird, die zu erlangen er sich's so sauer werden läßt. Als Kind hüpft der Mensch mit fröhlichem Herzen ins Leben hinein, und kaum 55 75 sieht er über den Spielplatz hinaus, so wird allmählig die heitre Stirn bewölkt, der helle Geist getrübt, das fröhliche Herz beunruhigt. Und mit dieser mehr oder weniger bewölkten Stirn, mit diese mmehr oder weniger getrübten Geiste, mit diesem mehr oder weniger beunruhigtem Herzen wandeln wir dann unter Sorge, Arbeit, Furcht, Hoffnung, Freude und Herzeleid durchs Leben hindurch, bis uns zuletzt der Tod aus demselben hinwegführt. Ja, so ist es mit dem Menschen und seinem Leben hienieden: das sagen nicht blos Salomo und Sirach die Weisen, das sagen uns auch eigene Erfahrungen, die wir täglich zu machen Gelegenheit haben. O sehet doch, wie wir uns im Gedränge des Lebens umhertreiben und wie so selten das Herz wahre Befriedigung findet. Wir reihen Wunsch an Wunsch, Sorge an Sorge, Mühe an Mühe und erreichen nicht leicht den Frieden, wornach wir uns sehnen. Wir bieten alles unser Nachdenken und alle unsre Kräfte auf, wenden alle Klugheit und alle Arbeit an, um zu einem ruhigen vergnügten Leben zu gelangen, und selten gelingts. Wir wirken in unsrer Werkstätte im Kreise der Unfrigen; und nicht leicht finden wir Ruhe oder Rast. Wir feyern am Tage des Sabbats und der heiligen Andacht; und Wenigen kömmt erquickende Ruhe und himmlischer Friede ins Herz. Wir suchen die Oerter der Freu ⁵⁵ 74 de, die Kreise fröhlicher Gesellschaften; und unbefriedigt, ja ermüdet von der lästigen Freude, kehren wir zum mühsamen Tagewerke zurück. Wir fliehen zu unsern Freunden; und nur gar zu oft finden wir sogar diese kalt, gleichgültig und herzlos. Wir bitten und empfangen nicht; wir suchen und finden nicht; wir klopfen an und es wird uns nicht aufgethan. Das ist eine sehr seltene Erscheinung, wenn einmal hie oder da einer aus vollem Herzen und mit freudiger Seele sagen kann: „sehet mich „an! ich habe eine kleine Zeit Mühe und Arbeit „gehabt, und habe großen Trost gefunden.“ (Si„rach LI, 35.) Ist es aber nicht, als käme man auf einmal in eine andre Welt, wenn man, nach diesen Erfahrungen aus unserm gewöhnlichen Leben, einen Blick in unser Buch Ruth wirft? Gott, was für eine Gemüthsruhe, was für ein stiller Frohsinn herrscht hier neben der größten Thätigkeit bey allen Personen dieser Familiengeschichte! Sie stehen alle in Arbeit; und wirken ihre Arbeit mit Freude! Sie genießen nach der Arbeit der Ruhe; und die Ruhe ist erquickend für sie! Sie feyern fröhliche Feste; und die Freude findet Raum in ihrem Herzen! Sie erfahren die Sorgen, Kümmernisse und Widerwärtigkeiten des Lebens, wie wir; und der Friede Gottes weicht nimmer von ihnen! Woher kömmt es doch, 5 75 daß es nicht noch jetzt und überall, in jedem Hause, Freunde, und in jeder Hütte so ist? — Die Antwort ist nicht schwer: lasset uns solche Menschen seyn, wie Ruth, Naemi und Boas, dann wird es bald besser werden in der Welt. Mir dünkt, wir gleichen in unserm Benehmen sehr häufig jenen Weisen aus dem Morgenlande welche die Freude ihres Herzens auf mancherley Umwegen in einem glänzenden Pallaste einer großen prächtigen Hauptstadt suchten, die sie auf näherm Wege in einer geringen Hütte des kleinen unansehnlichen Bethlehems hätten finden können. Was in der Nähe zu finden ist, suchen wir in der Ferne. Was uns vor Augen liegt, suchen wir uns mit vielen Umständen noch herbeyzuschaffen. Was durch die einfachsten Mittel zu erlangen ist, das suchen wir uns durch vielfache Kunst zu erwerben. Einfalt, meine Freunde, Einfalt des Lebens und des Charakters, die muß herrschender werden, sonst wird es nicht besser in der Welt. Mag der Geist des Menschen noch so hoch sich schwingen, mögen die tiefsten Einsichten und die gründlichsten Kenntnisse sich noch so allgemein verbreiten, mag die Kunst des Menſchen noch ſo hoch ſteigen: das wahre Glück des Menſchen wird ſich nicht mehren ohne dieſe edle Einfalt, — über die wir in dieser Andachtsstunde mit einander nachdenken wollen. (Gesang.) 76 * Es ist unter verständigen Menschen eine ausgemachte Sache, meine Freunde, daß mehr Einfalt des Lebens und des Charakters herrschend werden müsse, wenn es in der Welt besser werden soll. Das meynte auch Jesus, wenn er nach unsern Textesworten sprach: werdet wie die Kinder, sonst könnet ihr nicht ins Himmelreich kommen, sonst könnet ihr nicht die wahre Würde und Ruhe erlangen, die ein Eigenthum der wahren Bürger des Reichs Gottes ist. Wenn wir uns werden vorgestellt haben, was zu dieser Einfalt des Lebens und des Charakters gehöre; dann wird es nicht nöthig seyn, noch Vieles hinzuzudenken, um eine solche Einfalt unserm Herzen theuer und wichtig zu machen. Schon das Wort „Einfalt“ selbst giebt es zu erkennen, was man darunter zu verstehen habe. Es zeigt an, daß derjenige, dem wir sie zuschreiben, gleichsam nur Eine Falte habe und daß alles Ueberflüssige, Gezierte, wie auch alles Versteckte und Erkünstelte ferne von ihm sey. — Einfalt des Lebens findet also bey demjenigen statt, dessen Leben nur Eine Falte hat, der aus seiner Lebens S 77 weise alles entfernt, was überflüßig und erkünstelt ist. — Und Einfalt des Charakters bey demjenigen, dessen Charakter nur Eine Falte hat, der aus seiner Denkungsart, aus seinen Gesinnungen, aus seinem Betragen alles entfernt, was geziert, versteckt und verstellt ist, der in allem, was er denkt und thut, auf Ein Ziel hindenkt und hinarbeitet, der alles, was er sinnt und treibt, nach Einer Richtschnür richtet und zu einem harmonischen Ganzen ordnet. — Wenn ein Baumeister ein Gebäude so anlegt, daß die Hauptzwecke desselben, Schutz gegen die Witterung und bequeme Wohnung zu gewähren, auf eine angenehme Art erreicht werden; wenn er in der Anordnung der sämtlichen Theile des Gebäudes das gehörige Maaß und Ebenmaaß beobachtet und demselben eine solche Gestalt giebt, daß wir nichts daran bemerken, welches den Hauptzwecken des Gebäudes widerspricht und daß wir keine andre Zierrath daran gewahr werden, als diejenige, welche erforderlich ist, um den Anblick desselben angenehm zu machen: dann sagen wir, das Gebäude sey in einem einfachen Geschmacke erbaut, es herrſche Einfalt, eine edle Einfalt in demselben. So schreiben wir auch dem Leben und Charakter eines Menschen Einfalt zu, wenn er so lebt und denkt, wie er allen vernünftigen Gesetzen gemäß leben und denken soll, wenn alle seine Gesin 54 78 nungen und Thätigkeiten mit einander übereinstimmen; wenn aus allem, was er denkt und thut, ein wohlgeordnetes Ganze, eine schöne Harmonie hervorgeht, oder mit andern Worten, wenn er in seinem Leben und Charakter natürlich bleibt, denn die Natur ist ungekünstelt, offen, und die edle Einfalt ſelbſt. Aber es wird nöthig ſeyn, daß wir uns diese Einfalt, diese Natürlichkeit zergliedern und in ihren verschiedenen Theilen betrachten. I. Es giebt fürs erste eine Einfalt in den Bedürfnissen des Lebens. Ist es doch, als kännte man diese heut zu Tage kaum dem Namen nach. Wie viel und wie mancherley braucht jetzt ein Mensch für Nahrung und Kleidung! Wie viele Kunſt bedarf es, um ſie herbeyzuſchaffen und einzurichten! Wie ſchwer haͤlt es, die Tafel eines reichen Mannes zu besetzen und ihm seinen Körper und sein Haus zu schmücken! Wie viele Hände müssen geschäftig seyn, damit er nur diese ersten Bedürfnisse befriedigen könne! Nicht sein Haus und Hof, nicht sein Garten und Acker, nicht sein Dorf, ſeine Stadt reicht hin, um ihm das Nöthige dazu zu liefern. Da kann er eine große Fülle und Ueberfluß erblicken und noch spricht er: was werden wir essen, was werden wir trinken, womit sollen wir uns kleiden? Die entferntesten Länder der Erde 4 79 müssen ihre Erzeugnisse hergeben, um den Hunger eines Einzigen zu stillen, die Blöße eines Einzigen zu bedecken. Und wie viel verlangt er für seine Bequemlichkeit und Freude! Wenn gleich heut zu Tage der Mensch weit mehr arbeitet und sich plagt, als vormals, so thut er es doch nur aus Noth, um seiner vielen Bedürfnisse willen. Im Grunde sucht er die Bequemlichkeit, läßt gern durch fremde Hände thun, wozu seine eigenen Hände Kraft genug haben. Wie viele Diener werden oft erfordert, um ihm wenige und geringe Dienste zu leisten! Seine Freude sucht er nicht, wo sie ihm am nächsten liegt, sondern in der Ferne sucht er sie. Er läßt sie sich viel Zeit und viel Geld kosten. Wie viel Zeit verschwendet er oft, um Freuden auszusinnen, um sich auf ausgesonnene Freuden gehörig anzuschicken, um sich von genossenen Freuden zu erholen! Wie viel Kosten wendet er oft an, um einen einzigen fröhlichen Tag oder Abend zu verleben. Und Alles dieses gilt nicht allein von dem reichen und vornehmen Mann; es ist zum Theil auch von dem Geringen und Unvermögenden wahr. So war es vormals nicht. Im Buche Ruth sehen wir alle Perſonen der Geſchichte im fröhlicher Arbeit und selbst in Zeiten der Noth reicht ihre Arbeit hin, um ihre einfachen Bedürfnisse zu befriedigen. Selbst der reiche Boas, obwohl er eine Menge von Die 80 95 nern halten kann, geht doch selbst mit auf den Acker. Obwohl er seinen Dienern die Tafel reichlich besetzen kann, läßt er ihnen doch nur ein einfaches Mahl von geröstetem Brodte und Essig bereiten. Seine Freude ist, sein Haus- und Ackerwesen in Ordnung sehen, und wenn er von der Tagesarbeit ermüdet ist, legt er sich hinter einen Garbenhaufen nieder. Gedenket auch nur an die einfache Lebensweise unsrer eigenen Vorfahren. Es bedurfte nicht Viel für ihr Fortkommen. Eine einfache Speise, die sie sich selbst erzogen und bereitet hatten, reichte hin, sie zu ernähren. Wenige einfache Kleider, die sie sich größtentheils selbst erarbeitet und verfertigt hatten, reichten hin, sie zu bedecken und zu schmücken. Bequemer war ihr Leben, darum weil sie weniger Bedürfnisse und Arbeit hatten. Sie konnten fröhlicher seyn, weil sie weniger Sorge quälte. Wer sich erholen und ergötzen wollte, der wandelte am heiligen Tage nach gehaltener Andacht über Feld und Flur und beschaute seiner Hände Arbeit und den Segen Gottes, oder genoß mit Freun, . den und Bekannten ein einfaches Mahl. Was ist aber die Folge davon, daß wir von diesem Wege der Natur, von dieser Einfalt des Lebens abgewichen sind! Leider ist es die; daß der Mensch wegen seiner vervielfältigten Bedürfnisse nicht mehr so leicht vergnügt seyn kann; das Glück seines Lebens ⸸ 81 hat sich dadurch vermindert. Wir haben — das wissen wir ja wohl zu gut aus eigener Erfahrung wir haben zu viel zu sorgen, zuviel zn arbeiten; es wird uns zu schwer, unsre Bedürfnisse zu befriedigen; wir sind von Sorgen und Arbeiten so überladen, daß wir kaum einen andern Gedanken hegen können, als den Gedanken an unser und der Unsrigen Fortkommen. Die Heiterkeit unsers Geistes wird dadurch getrübt und der Sinn für die Freude wird erstickt. Auch ist die Freude, da wir sie auf dem Wege der Natur und Einfalt nicht mehr suchen, zu schwer zu finden und zu kostspielig, als daß wir oft zu ihrem Genusse gelangen könnten, ohne uns in neue Sorgen und Plagen zu bringen. Und ist es wohl zu verwundern, daß unter diesem Druck und Drang unser Gemüth eine verkehrte Stimmung annimmt und selbst unser Charakter sich leicht verschlimmert? Mürrisches, verdrießliches Wesen, Unfreundlichkeit, Neid, Misgunst, Habsucht, Geitz, Menſchenſcheu, Feindſeligkeit, das ſind die Fehler, die in dem Herzen eines von den übermäßigen Bedürfnissen und Sorgen des Lebens gequälten Menschen so leicht erwachsen, das sind Fehler, an welchen deswegen unser Zeitalter so vorzüglich krank ist. — O lasset uns doch zurückkehren zu der köstlichen Einfalt des Lebens, die sich mit Wenigem begnügt und leicht Ruhe und Freude findet. LasTh. II. 82 # ſet uns Sorge tragen, dem kuͤnftigen Menſchengeschlechte, welches wir erziehen, nicht so viele überflüssige Bedürfnisse anzugewöhnen. Lasset uns bey allen Bedürfnissen, die wir unsern Kindern angewöhnen wollen, immer zuvor bedenken, ob sie auch wohl inskünftige ganz gewiß und immer in der Lage leben werden, sie befriedigen zu können. Lasset uns in der Erziehung derselben alles Erkünstelte, allen üppigen Zierrath, alle Kostbarkeit, alle Pracht, alles Ueberflüssige vermeiden. Lasset uns dem Winke der Natur folgen: ſehet, die Kinder ſind vergnügt, wenn ihr Hunger und Durst, wäre es auch nur mit Wasser und Brodt, gestillt ist, wenn sie auf eine ihren Kräften und Fähigkeiten angemessene Art beschäftigt sind, wenn sie ermüdet von ihrer Beschäftigung ruhig um sich her blicken und an dem schönen Himmel und der schönen Erde sich erlaben können, wenn sie zu ihren Gespielen freundliche gute Kinder haben; keine Koſtbarkeiten, keine großen Umstände, keine erkünstelten Freuden bedürfen sie, um vergnügt und froh zu seyn. Lasset uns durch Lehre und Beyſpiel verkündigen, daß der Menſch um so vergnügter lebt, je unabhängiger er von sinnlichen Lüsten und Begierden ist, je weniger er bedarf und je ruhigern Gemüths er ſein Werk wirken und der Zukunft entgegen sehen kann. Nicht eher, als bis wir zu dieser Einfalt des Lebens • zurückgekehrt sind, werden wir die Hoffnung hegen dürfen, daß es werde besser werden auf der Welt! II. Es giebt zweytens auch eine Einfalt in Grundsätzen und Ueberzeugungen. Man ist nie so bekümmert und gedrückt und nie mehr in Gefahr zu fehlen, als wenn man zu vielerley Vorschriften zu befolgen und zu vielerley Rücksichten zu beobachten hat. Dies ist alsdann der Fall, m. Fr., wenn man irdische Wohlfahrt für das höchste Gut ansieht und darum stets darauf ausgeht, sein Glück zu machen. Denn das Glück erscheint unter hundertfachen täuschenden Gestalten, und beym Anblick derselben weiß man oft gar nicht, in welcher Gestalt man es am leichtesten erhaschen könnte und am liebsten erhaschen möchte. Oft meynen wir es in den Häusern der Reichen zu sehen, wo alles Pracht, Herrlichkeit und Bequemlichkeit ist. Oft glauben wir es da gewahr zu werden, wo ein Mensch in hohen Ehren steht und weit um sich her einen hellen Glanz verbreitet. Oft dünkt es uns da zu seyn, wo große Weisheit, hohe Kunst, tiefe Gelehrsamkeit herrscht. Oft meynen wir seine Stimme aus dem rauschenden Gewähle großer Gesellschaften zu hören. Wer darauf ausgeht, einzig darauf ausgeht, sich des Glücks in irgend einer von diesen oder einer ähnlichen Gestalt zu bemächtigen, der ge8 2 84 5 räth in Verlegenheit. Nach welcher Gestalt soll er greifen? soll er es im Reichthume, soll er es im Glanze der Ehre, soll er es in dem Ruhme der Weisheit, der Kunst, der Gelehrsamkeit, soll er es in dem Vergnügen rauschender Gesellschaft oder wo sonst soll er es aufsuchen? wo sonst soll er ihm nachjagen? Suche und erjage er es, wo er wolle: was für Sorge wird es ihm machen, was für Mühe wird er anwenden, wie viele Hindernisse wird er überwinden, wie viel Unannehmlichkeiten wird er besiegen, wie viel Hoffnungen wird er vereitelt, wie viele Entwürfe scheitern sehen müssen, ohne noch zu wiſſen, daß er das erwünſchte Glück wirklich erjagen werde. Wie oft wird er mit sich ſelbſt in Streit kommen und wie oft mit Andern. Wie oft wird er seine Ruhe und seine Heiterkeit dem Zufall, dem unbestimmten Spiele des Ungefährs geopfert fühlen. Nie kann er sagen, er habe das Glück in seiner Gewalt. In jedem Augenblicke iſt er in Gefahr, ſein Glück zu verliehren. Ein einziger Schlag des Schickſals, ein einziger Verluſt unbeständiger Güter, ein einziger Zufall, der ihn in eine minder günstige Lage verſetzt, eine Dazwiſchenkunft eines einzigen Hinderniſſes, ein einziges ungünstiges Urtheil, ein einziges überlegtes oder unüberlegtes Wort, ja ein einziger verdächtiger Blick und noch viele andre noch unbedeutendere Kleinigkei 85 S ten können ihm die Ruhe und das Glück, das er zu besitzen meynt, plötzlich rauben. Eine solche gefährliche Lage verſetzt dann auch leicht ſein ganzes Gemüth in die verkehrte Stimmung. Wie leicht wird der Mensch, der seinen Lebensplan blos darauf anlegt, sein Glück zu machen, engherzi niedrig, ehrsüchtig, geldgeitzig, habsüchtig, mistrauisch, argwöhnisch, falsch! wie leicht läßt er sich verführen, unrechte Wege zu betreten! Der Mensch kann sich nie in größere Verlegenheit, Unruhe und Gefahr begeben, als wenn er darauf ausgeht, sein Glück zu machen. Das lehren die Exempel aller der beunruhigten und gequälten, nie heitern und frohen Gemüther, die die ewig wahre und tiefe Weisheit nicht kennen gelernt haben, daß es ein köstlicher Gewinn sey, wenn man gottselig lebe und sich begnügen lasse. Diese Weisheit kannten die edlen Menschen, die wir in dieser Familiengeschichte handeln sehen: und nach dieser Weisheit denken und leben, das ist die wohlthätige Einfalt in Grundsätzen, die ich meyne. Boas war ein reicher Mann; aber nicht der Reichthum war es, um den er arbeitete und arbeiten ließ; sonst hätte er den Ertrag seines Feldes ängstlicher bewahrt, hätte die Aehren nicht absichtlich für die Armen liegen lassen, hätte es nicht der armen Ruth so leicht gemacht, sich mit seinen Schnittern zu Tische zu 86 * setzen, hätte ihr nicht in verborgener Stille den Schooß mit Wohlthaten für die ärmere Mutter gefüllt. Ruth und Naemi waren arm; aber sie trachteten nicht nach großem Besitze und nicht nach glänzender Ehre; nur Nahrung und Kleidung, Obdach und Schutz wünschten sie sich, und ihr ganzes Leben berechneten sie, wie Boas, nur darauf, mit standhafter Treue und Thätigkeit auf dem Wege der Rechtschaffenheit zu wandeln. Wahrlich, dieser ist auch der einzige sichere Weg zur wahren Ruhe und Zufriedenheit. Auf diesem Wege kömmt man nicht in Verlegenheit und beunruhigende Ungewißheit; denn es ist ein Leichtes, zu wissen, was zu thun recht und unrecht sey. Hier hat man nicht Ursache, mit sich selbst uneinig zu werden; denn ein zuverläßiger Wegweiser begleitet uns stets in unserm Gewissen, der uns überall und immer richtig, nie und nirgends in die Irre führt. Wer nur diesen Weg zu verfolgen im Sinne hat, der hat stets ein festes Ziel, welches er in jeder Lage und unter allen Umständen erreichen kann. Möge das Schicksal ihm reichlich oder kärglich zutheilen, möge es ihn erheben oder erniedrigen, möge es ihm geben oder rauben, möge es ihn mit Wohlthaten oder mit Züchtigungen überhäufen: er kann im Unglücke wie im Glücke auf seiner Bahn bleiben. Das Bewustseyn, seinem vorgesetzten Zwecke näher zu kommen und mit 87 54 pflichtmäßiger Treue den Grundsätzen der Tugend gefolgt zu seyn, giebt ihm zugleich eine eigene Ruhe und Gewissensfreudigkeit, die er gegen Haufen Goldes nicht vertauschte. — Lasset uns doch diese Einfalt in Grundsätzen bey uns herrschend werden lassen! Nur das Eine lasset uns im Auge und im Herzen haben, gut seyn, Recht thun, unserer Schuldigkeit nachkommen. Wie wohl wird uns werden, sobald dieser Gedanke, dieser Grundsatz der hervorstechende, der herrschende bey uns geworden ist. Dann kümmern uns nicht die Schätze der Erde, denn wir wollen sie nicht, und wenn wir sie haben, so ist es uns nicht um sie zu thun, sondern nur um das Gute, welches wir in ihrem Besitze wirken können. Dann kümmert uns nicht Gunst oder Ungunst der Menschen; denn nicht um der Menschen willen handeln wir, sondern um des Gewissens willen. Dann kümmern uns nicht die Fügungen des Schicksals, die uns auch im häuslichen Leben oft so schmerzlich wehe thun, denn die verstehen und begreifen wir nicht und wir haben es nicht mit ihnen, sondern nur damit zu thun, daß wir, unter allen Fügungen, unserer Pflicht Folge leisten. Drum lasset uns in Einfältigkeit und Lauterkeit thun, was recht ist und mit einem frommen vaterländischen Dichter ſagen: 88 44 Zufrieden seyn, das ist mein Spruch. Was hilft mir Geld und Ehr' 7 Das, was Gott giebt, ist mir genug: Wer klug ist, wünscht nicht sehr. Man wünscht und wünscht, und wenn man's hat, Ist man des Wünschens doch nicht satt. Und Geld und Gut ist oben drauf Ein sehr zerbrechlich Glas. Der Dinge wunderbarer Lauf (Erfahrung lehret das) Verändere oft in Wenig Viel, Setzt oft der Ehr' ein kurzes Ziel. Recht thun und edel seyn und gut, Ist mehr als Geld und Ehr‘: Da hat man immer guten Muth Und kränkt sich nimmermehr, Ist immer mit sich selber eins, Haßt kein Geschöpf und fürchtet keins! Eben diese Einfalt wohne aber in uns auch in Ansehung unserer Ueberzeugungen, in Ansehung unſers religiöſen Glaubens, meine Freunde. Die Religion, die man uns so hoch anpreiset, von der man uns versichert, sie sey die treueste Rathgeberinn in allen Verlegenheiten, die freundlichste Tröſterinn im Leiden und im Sterben, — o es iſt wahr, was man von ihr rühmt, sie verdient die Ehrerbietung, womit Große und Kleine ihr huldi 89 9•4 gen; aber saget, ist es nicht eben so wahr, daß wir ihre Kraft sehr häufig nicht verspüren? Im häuslichen Leben, grade hier, wo sie uns vorzüglich leiten und beleben sollte, weil wir da ihres Schutzes und Trostes am häufigsten bedürfen, ist es nicht, als wenn uns ihre Kraft und Wirksamkeit grade hier am ersten verläßt? Gehen nicht manchem Menſchen ganze Jahre voll Freund und Leid, voll Arbeit und Sorge, voll Segen und Widerwärtigkeit vorüber, ohne daß ein religiöser Gedanke in ihm lebendig und kräftig wird? Sucht nicht der Mensch in Trübsalen und Verlegenheiten oft in hundert andern Gedanken weit eher Trost und Muth, als in dem Gedanken an Vorsehung und Unsterblichkeit? Wie Viele mögen in den Stand des häuslichen Lebens treten, seine Freuden genießen, sie Lasten tragen, seine Trübsale dulden, Kinder erziehen, Kinder verliehren, dem Gatten oder der Gattinn zum Grabe folgen, selbst dahinfahren, ohne daß sie je von dem ihnen in der Jugend angepriesenen Glauben lebhaft bewegt, ermuntert, getröstet und erheitert worden? Die Erfahrung spricht laut für meine Behauptung, daß die Religion, die in Herz und Leben übergehen sollte, sehr häufig im Munde und im Kopfe bleibt: aber woher dieſe tranrige Erſcheinung? Woher anders, als daher, daß man auch in Ansehung der religiösen Ueberzeugungen 90 40 von dem Wege der edlen Einfalt abgewichen iſt. Kehret wieder ihr bessern Zeiten, da man mit unbesangenem Gemüthe den Geist zu den erhabenen Gedanken: Gott, göttliches Gesetz, göttliche Fügung, Unsterblichkeit erhob und da man mit unverschrobenem Herzen auch fühlte den, in dem wir leben, weben und sind. Kehret wieder, ihr bessern Zeiten, da die heilige Religion noch nicht ausgeartet war in leere Spitzfindigkeiten, in Satzungen des menschlichen Aberwitzes, in thörichte Fragen und unnütze Antworten! Kehret wieder ihr bessern Zeiten, da man Herz und Auge öfnete und um sich schaute, ob man ihn nicht fühlen und finden möchte, ihn, der nicht ferne ist von einem Jeglichen unter uns; da man Herz und Ohr öffnete, um aus dem Munde des Lehrers der Wahrheit und Tugend Worte des ewigen Lebens zu vernehmen! Kehret wieder, ihr bessern Zeiten, da die Religion kein Zankapfel war, der Menschen von Menschen, ach, der vernünftige zur Liebe geschaffene Wesen von einander trennte, in feindselige Rotten zertrennte, da der eine zum andern, wie Ruth zu Naemi, sagen mochte: dein Volk ist mein Volk, dein Gott ist mein Gott, wohin du gehst, dahin gehe ich auch! Kehret wieder, ihr bessern Zeiten, da man die Religion, die heilige Freundinn der zur Heiligung bestimmten Menschheit, und die, welche sie uns als Freundinn entgegenführten, noch ⸸ nicht über die Sterne hinaus erhob, und sie vom Herzen, wo sie wohnen sollte, entfernte! — Denket ihr selbst, Geliebte, das Weitere hinzu; ich wiederhole meine Behauptung: wenn die Religion, in unserm häuslichen Leben, uns und die Unsrigen in der That und in der Wahrheit beglücken, wenn es durch die Religion in der That und in der Wahrheit besser werden soll, dann müssen wir in der That und in der Wahrheit mit redlicher Einfalt des Gemüths ihr, der Religion, unsre Herzen öffnen und dabey die Ermahnung des Apostels (2 Tim. II, 23) befolgen: „der thörichten und unnützen Fragen entschlage dich; denn sie sind zu nichts nütze. „ 0 wohl dem, der des einfachen und edlen Evangeliums des einfachen und edeln Jesus Christus inne geworden ist! III. Ich möchte drittens noch wohl hinzusetzen. daß es auch eine wünschenswerthe Einfalt in Kenntnissen und Geschicklichkeiten giebt. Mit Recht rühmen wir von unſerm Zeitalter, daß wir in mancherley Kenntnissen und Geschicklichkeiten weiter gekommen sind und manche erworben haben, die man vorher nicht kannte. Dies iſt eine nicht zu läugnende Vollkommenheit, die unsre Zeiten ziert, die das Glück unsers Lebens, unser Fortkommen, unsre Brauchbarkeit und unsre Glückseligkeit befördert. 92 — Der Anblick dieser Vollkommenheit ist einladend; es reitzt, wenn man sieht, wie weit es Menschen gebracht haben und wie weit man es bringen kann. Aber lassen sich nicht Viele durch diesen Anblick verführen, sich über ihre Kräfte hinaus zu wagen? streben nicht Viele zu weit? legen es nicht Viele bey ihren Bemühungen um Kenntnisse und Geschickkeit zu hoch an? ist es nicht zu Viel, was sie zu erreichen unternehmen? machen sie es sich nicht dadurch selbst unmöglich, in irgend einer Kenntniß oder Geschicklichkeit gründlicher und vollkommner zu werden? Kann Einer wohl Alles? Wir sind Menschen von beschränktem Verstande und von beschränkter Kraft: wir müssen in dem großen Felde des Wissens und der Kunst an einem bestimmten Orte uns halten, wenn wir nicht Gefahr laufen wollen, als unnütze Schwärmer erfunden zu werden, die überall waren und nirgends etwas zu Stande brachten. Dazu kömmt noch das, daß wir alle Glieder des großen Menschenstaates sind, worin einem Jeden sein besonderes Werk angewiesen ist: die zur glücklichen Vollbringung desselben erforderlichen Kenntnisse und Geschicklichkeiten uns zu eigen zu machen und uns der weisen und guten Vollbringung desselben ganz zu widmen, das muß unser hauptsächliches Beſtreben ſeyn. Darinn beſteht die löbliche Einfalt, die wir auch in unserm Streben nach Kenntnissen 5 93 und Geschicklichkeiten beweisen sollten. Die Möde dieser Zeit führt aber von dieser Einfalt ab, sie verlangt, der Mensch solle von aller Weisheit etwas wissen, von aller Kunst etwas können! Es kann nicht fehlen, daß sich der Mensch durch solche Zerstreuung seiner Gedanken und Wünsche, durch solche Zersplitterung seiner Kraft und Mühe selbst beunruhigt und sich um Glück und Frieden des Herzens bringt. Lasset euch nicht verführen! Boas baut mit seinen Dienern den Acker. Naemi steht ihrem Hauswesen vor. Ruth unterstützt ihre dürftige Mutter durch ihrer Hände Arbeit. Und so sey und bleibe es auch unter uns. Es giebt mancherley Gaben, aber es ist Ein Geist; es giebt mancherley Aemter, aber es ist Ein Herr: wirke nur ein Jeder mit seinen Gaben und in seinem Amte für das Beste des Ganzen, daß er mit Ehren bestehe als ein Glied in der Kette der Menschen, und trete Keiner hinaus über den Kreis, der seinen Kräften und Fähigkeiten angemessen ist! — IV. Es giebt endlich auch noch eine Einfalt in Sitten und Betragen, die wir uns müssen empfohlen seyn lassen, wenn es besser in der Welt werden soll. An den Personen im Buche Ruth ist ein hoher Grad von edler Einfalt dieser Art nicht zu verkennen. Ihre Sitten sind ungezwungen 5 94 und frey. Der Ton ihrer Sprache ist natürlich. Ihr Ausdruck ist ungekünstelt. Was sie sagen, das ist so gemeynt, und man kann es nicht anders verstehen. Sie nennen Recht Recht und Unrecht Unrecht. Ihr Betragen ist unzweydeutig. Naemi und Ruth handeln gegen einander und gegen Boas mit der liebenswürdigsten Offenheit und Unschuld. Und Boas ist ein unübertreffbares Muster von Biederkeit. Ach, daß Menschen dieser Art so selten, so selten sind! und daß mit den Zeiten höherer Verſeinerung gemeiniglich auch dieſe Offenheit und Einfalt allmählig verschwindet! Denn diese erste aller Tugenden iſt doch wahrlich kein hervorſtechender Zug der gegenwärtigen zu höherer Vollkommenheit gediehenen Welt. Unsre Sitten — es ist hier der Ort nicht, irgend eine Schilderung derſelben zu entwerfen, aber dem unbefangenen Beobachter kann gar Vieles in denselben doch nicht anders als sehr erkünstelt erscheinen: und wo erkünsteltes, geziertes, gezwungenes Wesen in Sprache, Ton, Ausdruck, Kleidung, Gebehrde, Gang und Stellung ist, da iſt doch nicht die edle Einfalt. Unſer Betragen gegen einander, o wie weit sind wir hierin von dieser edlen Einfalt entfernt! Wie viel Verstecktes, Unwahres und Verstelltes findet sich darin! Wie viele Falten verbergen da das Innre der Seele! Wie oft scheinen wir da etwas, was wir nicht sind. 84 935 und wie oft scheinen wir dasjenige nicht, was wir sind. Einer winkt dem Andern freundlichen Gruß und der Andre dankt dem Einen mit freundlichem Gegenblick: und doch ist es Keinem von Beyden ein Ernst mit der Freundlichkeit. Ist das Einfalt des Herzens? Du lobst einen Dritten, und ich lobe mit; aber wir meynen es nicht so; du thust soaus irgend einer verborgenen Absicht, und ich thuees, um Dir nicht zu widersprechen. Ist das Wahrheit? Du tadelst eine Handlung, und ich table sie auch: aber die Handlung ist gut; du tadelst sie, um den, der sie vollbrachte, herabzuwürdigen und ich spreche dir nach aus Höflichkeit. Heißt das grade handeln? Du erzählst Unwahrheit: ich weiß darum und widerspreche dir nicht, um dir nicht zu misfallen. Ist das Offenheit? Du bittest mich um Rath und Hülfe, ich verspreche dir Beydes, aber es ist nicht mein Ernst, dir das Versprechen zu halten. Heißt das, von Herzen zu Herzen? Du und ich, wir haben uns beleidigt und tragen Groll gegen einander, aber wir thun freundlich gegen einander und versichern uns gegenseitig Wohlwollen und Liebe. Ist das Biederkeit? Du bist in Verlegenheit und Noth und ich beklage und bejammere dich; aber im Herzen ist es mir eine Freude. Heißt das, ehrlich seyn? Du erzeigst mir einen kleinen Gefallen und ich weiß nicht Worte genug und nicht Be 66 96 wegungen genug zu machen, um Dir meinen Dank zu versichern: aber im Herzen wünschte ich, du hättest mir keinen Gefallen gethan. Heißt das, gesprochen wie gedacht? Sehet, es versammeln sich Freunde, Alltagsfreunde, zum fröhlichen Kreise: sie quälen sich unter einander mit Höflichkeiten, von denen Jedermann weiß, daß sie keine Bedeutung haben; sie überlegen es wohlbedenklich, wie sie sprechen, wie sie aussehen, wie sie ihren Beyfall oder ihr Misfallen, wie sie ihre Freude oder ihre Traurigkeit ausdrücken wollen; einer ist gegen den andern mistrauisch, muthmaßt hinter dem ehrlich seyn sollenden Gesichte ein unehrliches Herz; sie lachen und sind nicht froh, sie klagen und sind nicht betrübt, sie sehen freundlich und hassen, sie winken mit den Augen und sinnen auf Kränkung, sie versichern die treueste Freundschaft und sind Todtschläger in Gedanken. Ach, wo kömmt doch das böse Ding her, daß die Welt so voll Falschheit ist! (Sirach 37, 3) daß wir uns so weit, so weit entfernt haben von der edlen Einfalt des Herzens, ohne die dem Leben alle Herzlichkeit und Innigkeit abgeht! Lasset uns doch anders, anders seyn! Wir sehen und hören und fühlen es ja, daß wir uns durch eine solche Verstellung, durch ein solches erkünsteltes Wesen nur wehe thun, uns nur einander zur Last liegen, uns nur einander betrügen, uns 44 97 nur einander die Zeit verderben und das Leben verkürzen! Lasset uns doch wieder sprechen wie wirs meynen, und thun, wie es uns ums Herz ist! uns freuen, wann wie fröhlich sind, nur dann klagen, wann wir trauren! Lasset uns doch schweigen, wenn uns das Reden nicht von Herzen geht! Lasset uns doch nicht heucheln, lasset uns schlecht und recht dahin leben, grade und dreist der Welt zeigen, wie wir denken und wie wir's meynen! Denket euch doch das Bild einer Welt, worin eine solche edle Einfalt herrscht, worinn Alle von Herzen zu Herzen reden und sich einander zeigen wie sie sind: bedarf es dann noch wohl irgend einer Empfehlung derſelben? Muß es nicht einem Jeden von selbst einleuchten, daß in einer solchen Welt erst das wahre Glück zu finden sey? Muß es nicht ein Jeder begreifen, daß unter solchen Menſchen erſt der rechte Umgang, die wahre Freunde schaft und Liebe und mit derselben die rechte Freude statt habe? Sprechet, möchtet ihr hier nicht lieber, als irgendwo, den Weg durchs Leben gehn? und werdet ihr irgendwo sicherer Glück und Freude finden, als in dem Lande, wo die Menschen an Herz und im Leben einfach, schlecht und recht sind, weniger bedürfen und gar nicht heucheln? — Und saget, wo wandelt der Mensch wohl sicherer den Weg der Tugend? wo ist er weniger der Dh. 11. 98 # Verführung ausgesetzt? wo hat er für sein Herz weniger Gefahr zu besorgen? wo weniger die verborgenen Netze heimlicher Verführer zu befürchten? wo ist seine Unschuld besser bewahrt? wo kann er treueren Rath, bessere Warnung, liebreichere Ermahnung bekommen? O kehret wieder, Zeiten der Unschuld, da man das Große noch groß nannte, und das Kleine noch klein! Saget, Freunde, ist es nicht Stimme der Natur, die uns diese Einfalt des Lebens und des Charakters zu bewahren gebeut? Ist nicht der Mensch aufrichtig erschaffen? Ist es nicht Gottes Finger, der die Verirrten zu dieser Einfalt zurückwinkt? Ist es nicht des Heiligsten Gebot, daß wir sollen umkehren und werden wie die unverderbten Kinder? O kehret wieder, Zeiten kindlicher Unverdorbenheit! Saget, Freunde, haben nicht die edelsten und vortreflichsten Menschen sich immer durch diese Einfalt in Sinn und Leben ausgezeichnet? War es nicht dieser schlichte edle Sinn, der ihrer sonstigen Größe und Hohheit die Krone aufsetzte? O kommet, ihr Zeiten, wo nur Güte hebt, nur Tugend adelt und der Treflichste der Erste heißt! — Saget, meine Brüder, ihr seyd ja Christi — was ist es für eine Hohheit und Größe, vor der wir an unserm Meister die Kniee beugen? ist 90 es nicht eine Größe, die in Demuth und Knechtsgestalt einhergeht? ist es nicht eine Weisheit ohne Aberwitz? ist es nicht ein Herz klar und rein? ist es nicht eine Biederkeit, die dem Feinde, wie dem Freunde grade entgegengeht? ist es nicht der schlichte Sinn, der der Wahrheit die Ehre giebt? ist es nicht die Redlichkeit, die nie heuchelte? ist es nicht die edle Einfalt in der ganzen Lebensweise, in Grundsätzen und Ueberzeugungen, in Weisheit und Kenntnissen, in Sitten und Betragen? O lasset uns doch seyn, wie Er und der edeln Menschen mehrere! lasset uns stark seyn und der Thorheit der Zeit Trotz bieten! Wie's nun ist auf Erden, Also soll's nicht seyn. Laßt uns besser werden, Dann wird's besser seyn! G 2 700 ⸸ 1 . Vierte Predigt. . Sprüche Salomo's XV, 15. Ein guter Muth ist ein tägliches Wohlleben. Wie wahr ist es doch, meine Freunde, was der weise Salomo in unsern Textesworten sagt: „ein guter Muth iſt ein tägliches Wohlleben“! und wie augenſcheinlich erſehen wir die Wahrheit ſeines Ausspruchs an den sämtlichen Personen des Buchs Ruth Gewiß liest Keiner, was hier von ihnen geschrieben steht, ohne bey sich selbst zu denken: das sind doch recht glückliche Menschen! Aber, was ist es, warum wie sie glücklich preisen? — Doch nicht ihre irdische Größe und Hohheit? — sie gehen ohne Glanz und Pracht unter den Menschen, wandeln 101 ☘ vielmehr eher in Knechtsgestalt daher. Doch nicht ihr Reichthum, ihre Macht? — Boas iſt freylich ein reicher Mann, aber auch bey allem seinem Reichthum könnte er ein unglücklicher bedaurungswerther Mann ſeyn; und Naemi und ihre Schwiegertochter Ruth leben sogar in Armuth und gewinnen nur durch viele Sorge und Mühe ihr nothdürftiges Brodt. Doch nicht ihr Stand und Amt, ihr Beruf, ihre Arbeit? — Soas baut, was tausend Andre auch thun, ohne so glücklich zu seyn, mit seinen Knechten den Acker, und Naemi und Ruth ernähren sich von ihrer Hände Arbeit. Nein, dieſes alles iſt es nicht, warum wir sie so glücklich preisen; denn viele andre Menſchen leben in einem viel glänzenbern und höhern Stande, besitzen weit mehr von den Gütern der Erde, wirken ein weit ansehnlicheres Werk, und wir preisen sie nicht so glücklich, als diese. Der freudige Sinn, womit sie die Lasten des Lebens tragen, der ist es, den wir so wünschenswerth finden. Daß sie so ruhig find bey allen ihren Sorgen und Arbeiten; daß ſie es ſich ſo ganz und gar nicht verdrießen lassen, beſchwerliche Mühe zu übernehmen; daß ſie ihr Tagewerk mit jedem Morgen so freudig beginnen und mit jedem Abend so freudi beſchließen; daß ſie auch in der Hitze des Mittags fröhlich unter ihren Geschäften stehen; daß sie an ihrem guten frohen Muthe ein tägliches Wohlleben 102 94 haben: das, ja das ist es, warum wir ihr Leben ein glückliches wünschenswerthes Leben nennen. O ſaget, . . . wie haben wir es doch anzufangen, um unsre täglichen Berufsarbeiten auch mit Freudigkeit voll. bringen zu können? Es verlohnt sich wohl der Mühe, uns diese Frage zu beantworten: widmet, Geliebte, dieser Betrach. tung mit mir ein stilles Nachdenken. . d . 4. . (Gesang) . . . 1 Ist es nicht auffallend, daß (besonders heut zu Tage) ſo viele, ſo ſehr viele Menſchen mit ihrem Stande und Berufe unzufrieden sind, und ihre täglichen Berufsarbeiten, wenn nicht mit Misvergnügen und Widerwillen, doch ohne Freudigkeit vollbringen? es nicht auffallend, daß so Viele sich aus ihrem Wirkungskreise hinaussehnen und sich ⁵⁸⁵ 105 freuen, wenn sie ihrer Arbeiten los sind? Ach, die Unglücklichen! — Woher diese traurige Erscheinung? — I. Es bedarf keiner langen Untersuchung, um es wenigſtens von Einigen gewahr zu werden, daß sie ihre täglichen Arbeiten deswegen ohne Freudigkeit vollbringen, weil sie sich zu dem Berufe, worin sie leben, nicht schicken. Es fehlt ihnen entweder an Denjenigen natürlichen Fähigkeiten, welche dieser Beruf und Stand erfordert, oder an Neigung und Lust zu den Geschäften, welche derselbe mit sich bringt. Und doch ist es offenbar, daß man ohne dieses natürliche Geschick und ohne diese besondre Neigung einem Berufe nicht mit Lust und Freudigkeit vorstehen kann. Der eine Beruf erfordert mehr körperliche, der andre mehr geistige Kräfte, der eine mehr Stärke, der andre mehr Gewandtheit, der eine mehr Verstand und ernste Ueberlegung, der andre mehr schnellen lebhaften Sinn; und jeder Beruf, von welcher Art er auch seyn möge, erfordert von Seiten dessen, der ihm mit Erfolg und Frohſinn will vorſtehen können, eine eigene Neigung und Vorliebe. Wie Manchen fehlt es aber an Beydem! Sie wurden dem Berufe, worin sie leben, ſchon in den Jahren ihrer Unmündigkeit gewidmet. Als sie selbst noch nicht Erfahrung und Ueberlegung genug befaßen, um nach eigener Neigung und Tüch 104 # tigkeit wählen zu können, da beschloß es der eigenmächtige Wille ihrer Eltern, daß sie grade diesem Berufe gewidmet seyn sollten. Man nahm bey diesem Beschlusse vielleicht nur wenig auf sie und ihre Naturgaben Rücksicht, man dachte vielleicht nur an sich selbst, oder an den Stand, oder an den Erwerb, oder an die zeitliche Ehre, oder vielleicht gar an Nichts. Mancher Andre wurde durch einen bloßen Zufall oder durch ein unglückliches Schicksal in den Stand und in die Geschäfte gebracht, worin er jetzt ohne Freude thätig seyn muß. Und wenn dies bey Jemanden der Fall ist, dann darf es uns gar nicht befremden, daß er mit Widerwillen und Misvergnügen sein Tagewerk wirkt. Aber die Regel muͤſſen wir aus dieſer Erfahrung entnehmen und beherzigen: wenn wie unsre täglichen Berufsarbeiten mit Freudigkeit wollen vollbringen können, dann müssen wir in der Wahl unſers Berufs vorſichtig seyn. — (hns . 1) Allein wir leben in einem Zeitalter, wo es durch den Zustand der Gewerbe und die hochgestiegene Theurung dahin gekommen ist, daß wir uns schon sehr früh, schon früher als wir hinreichende Erfahrung, Einsicht und Ueberlegung haben, einem Stande und Berufe widmen müssen. Die Zeiten, da es Eltern leichter wurde, ihre Kinder zu ernähren und 54 die Kosten für ihre Unterweisung aufzubringen, die Zeiten, da Eltern ohne bittere Nahrungssorgen ihre Kinder bis zu den Jahren des reifern Verstandes in ihrem Hauſe und in der Schule halten konnten, die sind vorüber. Großentheils sind wir durch unsre häusliche Lage gezwungen, unsre Söhne, wenn sie noch unmündige Kinder sind, zu irgend einem Berufe und Gewerbe zu bestimmen und können die Zeit nicht abwarten, da sie selbst im Stande seyn werden, sich mit ernstlicher und bedachtsamer Ueberlelegung einen Stand zu erwählen. Was unsre Kinder nun nicht können, Geliebte, das müssen deswegen wir, ihre Eltern, uns vorzüglich angelegen seyn lassen. Wir müssen wählen, da sie nicht wählen können; aber wir müssen auch bey dieser Wahl grade so verfahren, wie sie selbst verfahren würden, wenn sie in den Jahren gereifterer Einsicht die Wahl hätten. Diese Vorsicht in der Wahl eines Berufs für unsre Kinder sey uns eine recht heilige Pflicht! Wir, ja wir haben es nicht vor uns selbst allein, sondern auch vor unsern Kindern zu verantworten, wenn wir hierin unbedachtsam zu Werke giengen und sie zu einem Bernse bestimmten, der ihrer Fähigkeit und Neigung nicht angemeſſen und ihrem Herzen zuwider ist. Wenn wir nicht die ernstlichste und gewissenhafteste Ueberlegung hiebey gebrauchen, dann ist es unsre Schuld, wenn sich unsre Kinder 106 ⁵⁵ einmal in ihrem Stande unglücklich fühlen, dann sind ihre Klagen und ihr Misvergnügen lauter Vorwürfe, die uns treffen und schmerzlich wehe thun werden. Lasset uns deswegen, ehe wir unsre Kinder zu irgend einem Berufe bestimmen, zuvor mit Sorgfalt auf ihre Fähigkeiten und Neigungen merken. Lasset uns sie von Kindesbeinen an, so viel wir können, beobachten, um zu sehen, wohin ihr Sinn sich neige und wozu sie Geschick verrathen. Lasset uns mit ihren Lehrern und mit unsern Freunden über ihre Anlagen und ihre Bestimmung Rath nehmen. Lasset uns mit ihnen selbst uns besprechen und ihnen nicht eigensinnig und eigenmächtig Gewalt anthun. Lasset uns im Tone des Freundes, nicht im Tone des Gebieters zu ihnen sprechen; mit ihnen gemeinschaftlich überlegen; ihnen zur rechten Zeit von Herzen zu Herzen vorstellen, worauf sie bey der Wahl eines Berufs Rücksicht zu nehmen hätten. Lasset uns ihnen mit unserm Rathe, mit unserer bessern Einsicht, mit unsern mannichfaltigern Erfahrungen an die Hand gehen, doch nicht als Herrscher über ihren Willen, sondern als Gehülfen ihres Glücks. Lasset uns bey dieser Ueberlegung und Berathung besonders alles Vorurtheil gegen diesen oder jenen Stand und Beruf ablegen und vor allen Dingen den Wahn vermeiden, daß wir für das Glück unsrer Kinder nicht besser sorgen könnten, als wenn 107 wir sie aus einem niedrigen Stande zu einem höhern emporheben. Lasset uns doch stets bedenken, daß nicht der Stand den Mann, sondern der Mann den Stand ehrt, und daß nicht das Hohe oder Niedrige eines Standes, sondern die Tüchtigkeit oder Untüchtigkeit dazu den Menſchen glücklich oder unglücklich mache. Lasset uns, an jene Zeiten geden ken, wo selbst ein reicher Boas auf den Acker gieng und seine Saat und Erndte bestellte. Glaubet es doch mit mir, Geliebte, es wird viel verlohren gegangene Freude in unsre Familien zurückkehren, wenn wir unsre kleinlichen. Begriffe von Ehre und Schande werden abgelegt und das einfache Leben im niedern Stand höher achten werden gelernt haben. . II. Wollen wir unsre täglichen Berufsarbeiten mit Freudigkeit vollbringen können, so müssen wir uns aber auch zweytens auf den erwählten Beruf gebührlich vorbereiten. Und hiezu gehört wiederum zweyerley: erstens, daß wir uns die dazu erforderlichen Kenntnisse und Geschicklichkeiten erwerben, und zweytens, daß wir uns auf die Unannehmlichkeiten und Schwierigkeiten, die er mit sich führen wird, gefaßt machen. Es ist kein Beruf in der Welt, wozu nicht eigene Kenntnisse und Geschicklichkeiten nö 108 ⁵⁰ thig wären. Selbst der Beruf des Boas und seiner Freunde, diese erste Beschäftigung des Menschen auf der Erde, diese natürlichste unter allen Beschäftigungen; die einem Jeden ansteht und die ein Jeder leicht lieb gewinnt, der Ackerbau, erfordert er nicht manche Einſichten, manche Erfahrungen; manche Kunstgriffe, manche Kenntnisse, wenn man ihn mit gutem Erfolge und mit rechter Freude will treiben können? und kann man diesen Bewohl jemals ganz auslernen? Wie viel mehr wird dies also mit andern Berufsarbeiten der Fall seyn, die schwerer, verwickelter, kunstvoller und ausgedachter sind! Wenn nun aber Jemand die so nöthige Vorbereitung auf seinen Beruf versäumt oder zu träge und saumselig darin ist, wie kann es dann wohl anders werden, als daß er nachher gegen seinen Stand und sein Geschäft, darum weil er ihm nicht gewachsen ist, eine gewisse Abneigung hegt? Er kann sein Werk nicht ordentlich zu Stande bringen; er weiß sich oft nicht zu helfen; er weiß ſein Werk nicht gehörig anzugreifen; er kömmt manchmal in Verlegenheit; er kann durch seine Arbeit nicht recht fortkommen; er findet bey ſeinen Nebenmenſchen nicht genug Achtung und Beyfall; und nun wird er unzufrieden mit ſich ſelbſt und mit seinem Geſchicke. ; So ergehts dem Künſtler, der seine Kunst nicht versteht; den Geschickten 10 94 hält man werth, den Ungeſchickten Niemand begehrt; ſein Werk gelingt nicht, der Beyfall ſeiner Nebenmenschen wird ihm nicht; mit seinem Fortkommen geräth es nicht: wie könnte er mit Freudigkeit sein Tagewerk wirken? So ergehts dem Kaufmann, der sein Fach nicht kennt; er ist unbekannt mit der Lage der Dinge; seine Plane scheitern, weil sie nicht auf die Umstände der Zeit berechnet sind; seine Hofnungen werden vereitelt; sein Gewinn ist gering, seyn Verlust ist groß: wie könnte er Freude haben an seinem Werke? So ergehts dem Ackersmann, der sich auf seinen Acker und dessen Behandlung nicht versteht; seine Saat steht schlecht; sein Getraide misräth; er sieht mit Befremden die Saat seines kenntnißreichern Nachbarn in Pracht und Herrlichkeit; alle seine Arbeit dünkt ihm vergeblich: wie könnte er seines Berufs sich freuen! O wie Viele seufzen unter ihrer mislingenden Arbeit, darum weil sie ihr nicht gewachsen sind, weil sie sie nicht hinreichend kennen, weil sie in einem Berufe stehen, für den sie nicht die rechten Arbeiter sind und der für sie nicht die rechte Arbeit ist. Wie froh dagegen wirkt aber derjenige, der mit den nöthigen Kenntnissen und Geschicklichkeiten zu seinem Berufe ausgerüstet, zu den Arbeiten, die ihm derselbe auflegt, tüchtig ist! Ihm sind diese Arbeiten nicht zu schwer; sie gehen nicht über seine Kräfte; er bringt sie or 54 110 dentlich zu Stande; sie gelingen ihm; es achten ihn seiner Geschicklichkeit wegen seine Nebenmenschen; er findet eher sein Fortkommen und das Fortkommen der Seinigen. Dieses Gefühl seiner eigenen Kraft, dieser Anblick seiner gelungenen Arbeit und diese Achtung, die er von Andern genießt, versüßen ihm seine Bemühungen und unter allen täglichen Arbeiten seines Standes bleibt er deswegen froh. Uebernehme deswegen Keiner, wenn er seiner Arbeit froh werden will, ein Geschäft, welches er nicht hinreichend kennt! und uͤbernehme daher Keiner, wenn er nicht unter der Arbeit seufzen will, einen Beruf, ein Amt, wozu er nicht Geschicklichkeit besitzt! Mache sich aber auch ein Jeder, der sich einem Berufe widmet, auf die Schwierigkeiten und Unannehmlichkeiten gefaßt, die derſelbe mit ſich führt, denn ein jeder Stand hat neben seinen Freuden auch seine Last. Es mag dem Künstler immerhin eine Freude seyn, so viel Schönes durch seine schöpferische Einbildungskraft zu ersinnen und durch seine Geschicklichkeit hervorzubringen; aber wie oft mag es ihm ſchwer werden, ſein Werk auszuführen, wie oft mag seine Geduld ermüden, wie oft mögen ihm verdrießliche Hindernisse in den Weg kommen, wie oft mag er seine Kunst müssen verunglücken sehen, wie oft wird ſeine Kunſt nicht geſchätzt und nicht belohnt. Es mag dem Kaufmann immerhin eine Freude seyn, den Lauf 111 der Schicksale zu berechnen, Entwürfe für sein Glück zu machen und vielen Menschen wohlthätig zu werden: aber wie leicht kann er bey aller Einsicht und Kenntniß sich irren, wie leicht können seine Erwartungen fehlschlagen, wie leicht kann er sich und Andre aus dem höchsten Wohlstande in tiefes Elend stürzen. Es mag dem Lehrer immerhin eine Freude seyn, den Saamen der Wahrheit auszustreuen und das geistige Leben der Menschen vor dem Verderben zu bewahren: aber wie oft wird er veranlaßt zu glauben, daß der ausgestreute Saamen vom Winde verweht oder auf den Felsen gefallen sey; wie oft mag er mit Wehmuth auf seinen Acker blicken und gern mit dem frohern Tagelöhner tauschen, dem nicht so leicht die Erndte misräth. Es mag dem Ackersmann immerhin eine Freude seyn, beym heitern Frühlingswetter sein Feld zu bestellen, in frischer Luft täglich den Segen Gottes einzuathmen, an den Tagen der Ruhe die fröhliche Saat grünen und blühen zu sehen, in den köstlichen Tagen des Herbstes unter fröhlichem Jubel die Gaben des Himmels zu erndten: aber wie bemüht und plagt sich auch der Ackersmann für diese Freuden seines Standes; wie mancher Tropfen Schweisses rinnt auch von seiner glühenden Stirne auf seinen Acker; wie manchmal muß er „auch Frost und Hitze, Wind und Wetter erdulden; und wäre er auch der reiche Boas, mit 112 94 wie vieler Sorge und Furcht steht er doch oft des Zeit der Erndte entgegen; wie manches unbillige Urtheil, wie manche harte Behandlung, wie manche beleidigende Geringschätzung muß er sich auch oft gefallen lassen, — Allein in jugendlicher Unerfahrenheit, nicht wahr Freunde, wer denkt da wohl, wenn er einen Beruf und Stand sich erwählt, an alle die Beschwerden und Unannehmlichkeiten, die er mit sich führt? Wer berechnet da neben den Freuden die Last, neben dem Angenehmen die Schwierigkeiten, neben dem Gewinn den Verlust? Woher hätten wir den Ernst, die Erfahrung, die Ueberlegung, an alles das zu denken, was uns einst beschwerlich werden und wehe thun könnte. Und doch ist es so nöthig, daß wir uns auf dies alles gefaßt machen, wenn wir nicht einst unsre vereitelten Erwartungen, unsre getäuschten Hoffnungen beweinen und unter unsern täglichen Berufsarbeiten seufzen wollen. Lasset uns doch weise seyn. Lasset uns doch das Leben von seiner ernstern Seite ansehen und recht ausdrücklich auch auf die Unannehmlichkeiten und Beschwerden des Standes merken, dem wir uns widmen, damit uns diese nicht unvermuthet erscheinen und uns um unsre Freude bringen. O höret es doch ihr Jünglinge, die ihr noch in den Jahren der Vorbereitung lebet! Wollet ihr eine stens euer tägliches Werk mit Freudigkeit wirken, 5•4 11 dann thut der jugendlichen Flüchtigkeit Gewalt an und schmeichelt euch bey der Wahl eures künftigen Berufs nicht mit übermäßigen und trügeriſchen Erwartungen; dann denket an des Menschen wohlthätiges aber schweres Loos, im Schweisse des Angesichts sein Brodt zu essen, bis er wieder zu Erde wird; dann haltet euch gefaßt auf mancherley unausbleibliche Sorgen und Beschwerden, auf mancherley Störungen eurer Ruhe und Freude. Vornehmlich aber befleißiget euch, jetzt da die Zeit der Uebung noch da ist, daß ihr zunehmet wie an Jahren, so an Kenntnissen und Geschicklichkeiten; bedenket es, daß ihr ohne diese nie im Stande seyn werdet, euer Werk zu eurer eigenen Zufriedenheit zu beſorgen; bedenket es, daß ohne dieſe alles euer Wirken eine schimpfliche Unvollkommenheit behalten muß; bedenket es, daß es euch, je kenntnißreicher und geschickter ihr einst in eurem Berufe erscheinet, desto rühmlicher und ehrenvoller seyn, daß es euch mit eurer Arbeit desto besser gelingen und daß euch bey eurer Arbeit desto mehr freudiger Sinn erquicken und beglücken wird; benutzet die sorgenfreyen Jahre der Jugend; benutzet dieſe Zeit, da euer Geiſt und Körper für alle gute Gewohnheiten und Geschicklichkeiten noch so empfänglich ist; benutzet die Schulen, wo man euch in nützlichen Kenntnissen, benutzet die Werkstätten eurer Meister, wo man euch in nützliTh. II. 44 114 chen Geschicklichkeiten unterweiset; benutzet diese wichtige Zeit und verschwendet sie nicht durch Leichtsinn, Unachtsamkeit und zügellosen Muthwillen. O höret es doch ihr Jungfrauen, die ihr noch in den Jahren der Vorbereitung lebt! wollet ihr einstens euer tägliches Werk mit Freudigkeit wirken, dann gehet der Zukunft mit ernstem überlegendem Sinn entgegen; erwartet es, daß mancherley Sorgen und Laſten euer Loos ſeyn werden; täuſchet euch auch unter den heitersten Aussichten nicht mit der Hoffnung eines stets ungetrübten, ungequälten, friedevollen Lebens. Gedenket aber vornehmlich an euren großen und edlen Beruf, einstens nicht blos Gehülfinnen im Familienleben, sondern auch Erzieherinnen zu seyn; überdenkt doch dieses schwere wichtige Geschäft; erwäget es im voraus, wie viele Sorge und Mühe dasselbe verursache, wie viele Einsicht, Geſchicklichkeit, Sorgfalt, Aufmerkſamkeit und Selbſtverläugnung es erfordere; schlaget diese eure Bestimmung nicht, wie so Viele, in den Wind und schämet euch nicht mit so vielen Thörinnen der ernsten Gedanken daran und der ernsten Vorbereitung darauf. Kein Mann wirkt ſein Werk mit Freude, der nicht als Jüngling sein Werk wirken gelernt hat! Und kein Weib ist ihres Hauses frohe Versorgerinn und ihrer Kinder frohe Mutter, die nicht als Jungfrau ſchon auf diese ihre große Bestimmung ernstlich sich anschickte! 115 54 III. Doch es wird, wenn wir unserer täglichen Arbeiten froh werden wollen, drittens auch wohl darauf ankommen, daß wir bey der Vollbringung unsers Werks selbst mit der nöthigen Ueberlegung und Betriebsamkeit verfahren. Hiezu rechne ich erstens: daß wir unſer Berufswerk mit regelmäßigem Fleiße wirken, und zweytens: daß wir dabey stets eine genaue Ordnung beobachten. Die Erfahrung lehrt, daß alle diejenigen Menschen, welche bey ihren Berufsarbeiten vorzüglich heiter und vergnügt sind, in der Vollbringung derselben auch einen regelmäßigen Fleiß beweisen. So sehen wir den frohen Boas überall, wo wir ihn in dieser Geschichte erblicken, in steter angemessener Thätigkeit. So sehen wir die auch in der Armuth heitere Ruth und die auch unter mancherley Misgeschick heitere Naemi in beständiger Beschäftigung. Ja, werfet nur, um dieſes wahr zu finden, einen Blick in die Häuser aller derer, an denen ihr einen besonders freudigen Sinn bey der Arbeit gewahr werdet: findet ihr nicht, daß sie sich durch einen regen und regelmäßigen Fleiß auszeichnen? In diesen Häusern gehen nicht so viele Stunden verlohren, werden keine Stunden durch Müßiggang verschwendet, noch durch Träumereyen verbracht, noch durch Tändeleyen verscherzt, noch durch geschäftiges NichtsH 2 0 116 thun weggespielt, noch durch unzeitige Ruhe und Zerſtreuung verdorben. Da wirken Alle mit geſchäftiger Hand, da steht Jeder an dem ihm angewiesenen Geschäfte, da läßt es Keiner an Eifer und Thätigkeit fehlen, da säumt Keiner sein Tagewerk zu Stande zu bringen. — Und ihr Fleiß ist rechter Art: ſie vermeiden bey allem regen Eifer doch jede Ueberspannung ihrer Kräfte; sie zerarbeiten sich nicht mit der Anstrengung des Habsüchtigen, der um des Gewinnstes willen keine Ruhe sich gönnt; auch nicht mit der Unbeſonnenheit des Ungeſtümmen, der nur seinem feurigen Temperamente folgt und den Werth seines Lebens und seiner Kräfte nicht gehörig zu schätzen weiß; sondern ihr Fleiß ist ein geordneter, ### regelmäßiger Fleiß. Auch lehrt die Erfahrung, daß diejenigen, die mit vorzüglicher Freudigkeit ihr tägliches Werk wirken, in ihrer Arbeit eine genaue Ordnung beobachten. Sie verrichten alle ihre Geschäfte am rechten Ort, zur rechten Zeit und auf die rechte Art. Sie fallen nicht unbeſonnen in ihre Arbeit hinein; vollbringen ihre verschiedenen Geschäfte, nicht wie ſie ihnen der Zufall vor die Augen führt, ſondern ſie überlegen und überdenken mit ruhigem Ernſte alles, was ihnen zu thun obliegt, in stillen Stunden oder Augenblicken; sie besinnen sich am frühen Morgen auf ihr ganzes Tagewerk und ordnen ihre 11 9•6 Arbeiten; sie sehen am Abend auf die geschehene Arbeiten zurück und untersuchen das vollbrachte Werk; sie bleiben stets aufmerksam auf das, was sie vornehmen; sie lassen nichts, was sie vollenden können, unvollendet; sie wissen jedesmal was gethan ist und was zu thun noch übrig geblieben; sie greifen das Nöthigste immer zuerst an und bringen ihre Geschäfte . nicht in Verwirrung. . Braucht es uns wohl zu wundern, Freunde, wenn in den Häusern der fleißigen und ordentlichen Menſchen Frohſinn und Freudigkeit herrſcht? Und braucht es uns wohl zu wundern, daß die Unfleißigen und Unordentlichen misvergnügt und unzufrieden werden? Wo Fleiß und Ordnung ist, da bringt man sein Werk zu Stande; da findet man sein Fortkommen; da sieht man alles, wovon man umgeben ist, in einer Regelmäßigkeit, die dem Auge und dem Herzen wohl thut; da erblickt man guten Erfolg von seiner Arbeit; da bleibt man bey ruhiger Beſonnenheit; da weiß man in jedem Augenblicke, was man in jedem Augenblicke zu thun hat und braucht sich nicht lange darüber zu besinnen; da weiß und sieht man gleich auf den ersten Blick, ob man alles gehörig gethan oder ob man auch Fehler begangen habe; da kann man Ruhe haben am Mittag und am Abend; da kann man ruhigen Herzens den Freund willkommen heissen und ruhigen Herzens 118 44 nach vollbrachter Arbeit Feyerabend machen. Der Unfleißige und Unordentliche aber, ach was für ein Unfug herrscht in seinem Hause und wie mangelt es an Freude in seinem Herzen! Er bringt alles um sich her in Verwirrung; er weiß nicht, was er zuerst und was er zuletzt angreifen soll; durch die Verwirrung, welche er anrichtet, erschwert er sich alle seine Arbeit; durch den Müßiggang, dem er nachgeht, häufen sich seine Geschäfte; durch die übermäßige Anstrengung, wodurch er dann das Versäumte auf einmal wieder nachholen will, erschlafft seine Kraft und sein Herz; die Unregelmäßigkeit, die in ihm und um ihm herrscht, bringt ihn um die ruhige Besonnenheit; was er unternimmt, bringt er nicht zur rechten Zeit und nicht auf die rechte Art zu Stande; er geräth in immer größere Sorgen; sein Frohsinn wird unter der lästigen Verwirrung erdrückt und erstickt, und die stille Freude entweicht aus seinem Gemüthe, welches sich überall von Hindernissen, Widerwärtigkeiten und unüberwindlichen Schwierigkeiten umlagert fühlt. Ordnung und Fleiß, fürwahr, das sind köstliche, köstliche Tugenden, ohne die Niemand seiner Berufsarbeiten froh werden kann! O daß sich doch alle Eltern, Lehrer und Lehrmeister ein recht angelegentliches Geschäft daraus machten, ihre Kinder und Schüler zu diesen Tugen 119 ⁵⁵ den zu gewöhnen! Daß sie doch keine Art der Unordnung und des Unfleißes an ihnen duldeten! daß sie doch in allen Stücken die regelmäßigste Ordnung und die pünctlichste Thätigkeit von ihnen verlangten daß sie doch jeden Unfleiß und jeden Müßiggang in seinem ersten Ursprunge erstickten, damit er nicht aufkomme und herrschend werde! daß sie doch an ihnen nie eine Unordnung und Nachläßigkeit ungerügt und unverbessert durchgehen ließen, sey es in ihren häuslichen Arbeiten oder im Lernen, in ihrer Kleidung oder in ihren Spielen! daß sie ihren Zöglingen doch stets selbst mit musterhafter Thätigkeit und Ordnung vorleuchteten! Wie viele Last, Beschwerde und Verdruß würden sie dadurch ihren Kindern und Lehrlingen und allen denen, mit welchen sie einstens in Verbindung kommen werden, erſparen helfen! Denn es iſt ausgemacht, daß nur der, der regelmäßigen Fleiß beweiset und genaue Ordnung beobachtet, seiner täglichen Arbeit froh werden und Frohsinn um sich her verbreiten kann. IV. Endlich werden wir aber, wenn wir unserer täglichen Arbeiten froh werden wollen, auch noch dafür zu sorgen haben, daß wir unserm Herzen vor allen den Frohsinn zerstörenden Leidenschaften Ruhe verschaffen, als da besonders sind: Eigennutz, Habsucht, Geitz, 120 5•0 Neid, Misgunst, ängstliche Sorge. Wer auch nur eine einzige von diesen Leidenschaften in seinem Herzen naͤhrt, deſſen Ruhe und Friede, deſſen Frohſinn und Freude ist dahin. Wenn seine Arbeit ihm auch noch so gut gelänge, wenn er auch im Kreise der treflichsten Menschen wohnte, wenn er auch in den angenehmsten Verbindungen lebte, wenn er auch das reichlichste Auskommen hätte, wenn seine Kinder auch noch so gut geriethen, wenn auch sein Haus ein Pallast und kostbare Seide sein Kleid wäre: er würde doch seines Lebens und Wirkens nicht froh werden, wenn jene Feinde an seinem Herzen nagten. Wer Ruhe und freudigen Sinn haben will, der halte diese Feinde weit, weit von sich und seinem Hause entfernt! Und dies geschehe von uns zuvörderst durch Genügsamkeit. Der Mensch bedarf ja doch im Grunde so wenig; wenn er sich von allen nicht nothwendigen Bedürfnissen frey gemacht hat, so bedarf er ja nur Nahrung und Kleidung, Obdach und gute Freunde. Auch werden wir von den Gütern der Erde so wenig mit hinausnehmen, als wir hineingebracht haben. Warum sollte man es sich denn so schwer werden lassen, zufrieden zu seyn? Warum sollte man denn mit so ängstlicher Bekümmerniß sorgen? Warum mit so habsüchtigem Herzen den zeitlichen Gütern nachjagen? Warum das vermeyntliche 121 64 Glück des Andern mit so neidischen Augen ansehen? Warum, mit so beklommenem Herzen sein tägliches Werk wirken? Es iſt ein großer Gewinn, wenn man gottselig ist und sich genügen läßt, sagt Paulus (1 Tim. VI, 6.) Und Sirach sagt (XIV, 9.) ein vortheilischer Mensch, der sich nicht genügen läßt an seinem Theil, kann vor Geitz nicht gedeihen. Das kann er auch nicht! Wer in seinem ganzen Tichten und Trachten nur darauf ausgeht, seinen zeitlichen Vortheil zu suchen, sein Haab und Gut zu vermehren, Ueberfluß zusammen zu bringen, und nie genug hat, der verriegelt sein Herz — wie für jede edlere Gesinnung — so auch für wahre innige Freude. Weg daher mit allen diesen den Frohsinn zerstörenden Leidenschaften! Lasset uns einer edlern und vernünftigern Denkungsart, einem bessern Sinne Platz machen, der unser Herz und Haus der Freude öffnet, ich meyne ausser der Genügsamkeit auch noch ein stilles Vertrauen auf Gott unsern Vater. „Ob dir's sauer wird mit deiner Nahrung und mit deinem Ackerwerk, sagt Sirach, (VII, 16.) das laß dich nicht verdrießen; denn Gott hat es so geschaffen.“ „Vertraue Gott und bleibe in deinem Berufe.“ (XI, 21.) Er ist es, der uns unser Tagewerk aufgiebt; Er ist es, der uns zum Vollbringen desselben Kräfte schenkt; Er ist es, dessen Licht uns bey unserer Arbeit leuchtet, dessen Sonne uns auf 94 122 unsern Feldern und in unsern Werkstätten erwärmt; Er ist es, dessen Geist in uns Schwachen mächtig wirkt: Er ist es auch, von dem wir die Verheissung haben, er wolle uns nicht verlassen noch versäumen. Darum lasset uns seiner gedenken bey den Arbeiten unsers Berufs; und seiner gedenken, wenn Sorge und Furcht unsre Herzen beschleicht; und seiner gedenken, wenn beunruhigende Leidenschaften unser Gemüth befallen; und seiner gedenken, wenn uns die Arbeit unsers Berufs einmal schwer werden möchte; und seiner gedenken, wenn wir unter schwerer Arbeit müde werden und verzagen wollen; und seiner gedenken, wenn wir auf unsre Berufsarbeiten uns anschicken: o dann, dann werden wir mit Ernst und Eifer, mit Fleiß und Ueberlegung, ohne Leidenschaft und Kummer unser Tagewerk wirken, ruhiger freudiger Sinn wird uns unter unsern Arbeiten beglücken und unser Haus wird, wie das Haus des Boas, der Ruth und Naemi, ein Schauplatz fröhlicher Thätigkeit werden! Amen. 123 ünfte redigt. 1 Cor. XIII, 4—8. Die Liebe ist langmüthig und freundlich; die Liebe eifert nicht (ist nicht neidisch); die Liebe treibt nicht Muthwillen (handelt nicht voreilig und unbesonnen); sie blähet sich nicht auf sie stellet sich nicht ungeberdig (sie beweiset eine edle Sittsamkeit und beobachtet den Wohlstand); sie sucht nicht das ihrige (ist nicht selbstsüchtig); sie läßt sich nicht erbittern; sie trachtet nicht nach Schaden (ist nicht argwöhnisch); sie freut sich nicht der Ungerechtigkeit, (des Unrechts) sie freut sich aber der Wahrheit (der Rechtschaffenheit); sie vertraͤgt alles, (deckt Fehler zu) sie glaubt alles, sie hoffet alles, (sie glaubt 5 124 und hofft immer das Beste) sie duldet alles (übernimmt gern Mühe und Arbeit, Sorge und Leiden); die Liebe hört nimmer auf. „Daß du Vater bist über uns und übern alle die „Unfrigen, Gott, gepriesen im Himmel und „auf Erden! daß du alle unsre Schicksale mit „Liebe verhängst, alle Arbeit und Sorge mit Liebe „uns auflegst, durch alle deine liebevollen Fügungen „zum Guten uns erziehen und uns alle unter ein„ander durch das Band der Liebe verbinden willst, „das wissen wir und haben es von Kindesbeinen „an glauben gelernt.“ „Ach, daß wir uns nur immer wuͤrdig zeigten, „dich als deine Kinder mit dem Vater=Namen „anrufen zu dürfen! daß wir uns nur nicht, wenn „wir Vater dich nennen, durch ein liebloses, un„ kindliches und unbrüderliches Betragen selbst Lügen „straften;“ „Herr, Vater, dein Reich ist noch nicht ge„kommen. In unsern Häusern, in unsern Fami„lien wohnt noch nicht genug Liebe. Denn die Lie„ be ist langmüthig und freundlich: und wir ereifern „uns noch so oft mit unfreundlichem Herzen. Die „Liebe blähet sich nicht: und wir trotzen doch so 1²³ ⸸ „oft gegen einander. Die Liebe sucht nicht das ih„rige: und wir vergessen es noch so oft, unter „denen, die um uns her sind, Freude zu verbrei„ten. Die Liebe bedeckt der Sünden Menge: und „wir decken sie noch so oft auf und rücken sie uns „einander vor. „Nein, Herr, so soll es nicht seyn, auch das „ wissen wir. Wenn nicht Liebe in unsern Häusern „ wohnt, dann geſchieht nicht dein Wille, dann „ nennen wir dich Vater und sind nicht deine Kinder!“ „Aber in solch einen verkehrten Sinn giebt sich „der Mensch dahin und bedenkt es nicht, wie thö„richt und wie unkindlich er daran thut. Wir essen „Unser tägliches Brodt, das du uns aus der „Fülle deines väterlichen Segens bescherst, und dan„ken Dir zu selten mit Liebe. Wir arbeiten mit „ vereinigten Kräften um dies tägliche Brodt und „merken es, daß Du auch durch Sorgen und Ar„beiten uns zur brüderlichen Liebe gewöhnen willst: „und täglich lassen wir es noch an der Liebe man„geln, täglich lassen wir uns noch bald Kälte, bald „Bitterkeit zu Schulden kommen.“ „Vergieb, o Vater, vergieb uns unsre „Schulden! gieb uns doch immer deutlicher und „ lebendiger zu erkennen, daß ohne Liebe die Freude „aus unsern Familien entweicht, daß ohne Liebe „die Leiden des Lebens zu schmerzlich drücken, daß 5 126 „ohne Liebe selbst die tägliche Sorge und Mühe zu „ schwer wird, daß ohne Liebe sogar der Keim jeder „edlern Tugend erstickt. „Wir bedürfen es, daß du uns beystehst mit „ deiner Kraft, daß du dein väterliches Antlitz recht „oft uns leuchten lässest, recht oft unser Herz an „den liebreichen Sinn, der dir wohlgefällt, erin„nerst. Denn siehe, wir werden unter den Unvoll„kommenheiten des Lebens gar oft in Versu„chung geführt. Bald stimmt uns die Sorge zum „Mismuth; bald reitzen uns die Fehler der Unsri„gen zum Unwillen; bald machen uns mislungene „Arbeiten oder getäuschte Hoffnungen verdrießlich „und zum Zorne geneigt. „Halte uns wachsam gegen die Versuchung, Du „der du die ewige Liebe ist, damit wir uns nicht „ beschleichen und überwältigen lassen. Der Gedan„ke an deine Vaterliebe erinnere uns an jedem Mor„ gen und an jedem Abend, daß wir deine Kinder „ sind, damit wir uns zum brüderlichen Sinne ge„wöhnen und Liebe lernen. Die Liebe ist des Ge„setzes Erfüllung, sie wird uns erlösen von „allem Bösen!“ „Du der allwaltende Vater wirst in keinem „Hause, in keiner Familie würdig angebetet, als „ wo man von deinem Geiste erfüllt Liebe hegt im 12 90 „Herzen und im Wandel! Möchte dir unser Gebet „doch wohlgefallen! Amen.“ (Gesang.) Das nehmliche, was wir so eben gesungen haben, ist auch der Inhalt unsrer Textesworte. Ein Apostel, der aus eigener Erfahrung und nach eigenem Gefühle des Herzens reden konnte, empfiehlt darin ein liebreiches Wesen. Wohlan, meine Freunde, wir wollen es uns in dieser Andachtsstunde auch für unsern häuslichen Kreis empfohlen seyn lassen. Das liebreiche Wesen, welches in unſern häuslichen Kreiſen herrschen sollte. 1) Worin es bestehe und wie es sich äussere. 2) Wie empfehlungswürdig es sey. 3) Wie man sich und die Seinigen dazu zu gewöhnen habe. 44 126 I. Worin es bestehe und wie es sich äussere. — Unter dem liebreichen Wesen verstehe ich ein solches Betragen, wie diejenigen gegen einander zu beweisen pflegen, welche wohlwollend und liebreich gegen einander gesinnt sind. Wer liebreich gegen Jemanden gesinnt ist, der hat Freude an ihm; er empfindet in seinem Herzen eine innige Zuneigung zu ihm; er nimmt an dem, was ihm begegnet, aufrichtigen Antheil; er ist froh mit ihm, wenn er sich freut, er ist traurig mit ihm, wenn er leidet; er ſieht in ihm ein Weſen, das mit ihm verwandt und genau verbunden ist; er lebt gleichsam in ihm mit; es ist ihm Bedürfniß des Herzens, demselben zu dienen, zu helfen, ihn zu trösten, ihm Freude zu machen, ihn zu erheitern u. s. f. — Doch, wer wird uns das liebreiche Wesen besser beschreiben, als der Apostel eines Herrn, der die Liebe ſelber war. Laſſet uns ihn hören! Die Liebe ist langmüthig und läßt sich nicht erbittern, spricht er. Wenn wir in unserm Hauswesen alles schlechterdings nach unserm Sinne haben wollen und sogleich unwillig werden, sobald etwas gegen unsern Sinn geschieht; wenn wir darauf bestehen, daß unsre Hausgenossen grade so denken und thun sollen, wie wir es wünschen und verlangen, und sogleich verdrießlich wer 12 S den, sobald sie anders denken und thun; — wenn wir meynen, es müsse alles, was wir wünschen und verlangen, sofort in Erfüllung gehen, und uns nun sogleich die Geduld ausgeht, sobald uns eine Hoffnung täuscht oder ein Wunsch vereitelt wird; wenn wir mit dem Charakter und dem Benehmen derer, die um uns her sind, keine Nachsicht haben; — wenn wir alles ihr Thun und Lassen stets mit richterlichen Augen bewachen; wenn wir unser Urtheil darüber nicht zurückhalten, vielmehr die Zeit nicht abwarten können, um unsern Tadel auszusprechen; — wenn wir jedes auch noch so geringe Versehen sogleich rügen und bestrafen; — wenn wir jedes geringe Versäumniß so hoch anrechnen, jeden auch noch so geringen Fehler als eine Beleidigung aufnehmen; — wenn wir über jedes Wort, das wir anders erwartet, über jedes Geschäft, das wir anders angeordnet hatten, ergrimmen; — wenn wir gegen alle diejenigen, die uns nicht ganz nach dem Herzen sind und nicht alles ganz nach Wunsch thun, bitter und feindselig gesinnt sind; — wenn wir über jede vermeyntliche Unfreundlichkeit und Kälte, über jeden Widerspruch sogleich in Zorn gerathen oder wohl gar in Scheltworte ausbrechen: — wohnt dann wohl die Liebe in unserm Hause? Nein; die Liebe ist langmüthig und läßt sich nicht erbittern, sie unterdrückt die Ausbrüche jeder Heftigkeit und eb. u. 44 150 Bitterkeit. Aller Zorn, aller Grimm ist ferne von denen, in deren Hause liebreiches Wesen herrscht. Die Liebe ist freundlich, sagt der Apostel. Liebreiche Menschen begegnen sich mit einem gefälligen angenehmen Betragen. Sie sind nicht mürrisch, störrig, hart und roh. Freundlich ist ihr Blick, ihre Rede, ihre Miene, ist ihr ganzes Benehmen. Freundlich sind sie im Geben, freundlich im Empfangen; freundlich sind sie im Gewähren, freundlich im Abschlagen; freundlich im Rechtgeben, freundlich im Widersprechen; freundlich, wenn sie helfen, freundlich, wenn sie sich helfen lassen; freundlich im Tadel, freundlich im Lob; freundlich während der Arbeit, freundlich im Genuß der Ruhe; freundlich im Kreise der Hausgenossen, freundlich im Kreise anderer Menschen; freundlich gegen den Hausfreund, freundlich gegen den Fremden. Da ist also kein liebreiches Wesen, wo man so geneigt ist, seine Stirn in finſtre Falten zu ziehen; wo man alles mit trübem Sinne anblickt; wo man nichts ganz nach seinem Sinne findet; wo man seinen Hausgenossen keinen gütigen Blick, kein gütiges Wort gönnt; wo man Herz und Sprache zurückhält; wo man durch schwankende Blicke, durch ängstliche Bewegungen, durch einsylbige Worte verscheucht, statt an sich zu ziehen. Nein, da ist kein liebreiches 13 ✋⁰ Wesen; denn die Liebe ist freundlich, sagt der Apostel. . Auch eifert sie nicht, oder, wie es in einer richtigern Uebersetzung heißt, auch ist sie nicht neidisch. Ein liebreicher Mensch macht die Angelegenheiten, Empfindungen und Begegnisse eines Andern zu seinen eigenen. Er kann es deswegen nicht blos ansehen, wenn einer von denen, die mit ihm verbunden leben, diesen oder jenen Vorzug vor ihm hat, sondern er freut sich sogar über diesen Vorzug. Mit Vergnügen bemerkt er an dem Andern Geſchicklichkeiten, Kenntnisse, Einsichten, körperliche Schönheit, Geistesgaben, wenn sie ihm selber gleich sehr len; er denkt sich in die Seele dieses Andern hinein und freut sich mit ihm über seine Vorzüge. Auch kann er es nicht allein ohne Misgunst ansehen, wenn der Andre glücklicher ist als er, sondern er kann an nem Glücke auch herzlich Theil nehmen. Mit Vergnügen bemerkt er, daß der Andrs mehr geliebt, mehr geachtet, mit Gütern des Glücks reichlicher gesegnet wird und besser fortkömmt. Er empfindet mit ihm sein Glück: sollte er sich über das Glück seines Freundes, seiner Freundinn, seines Bruders, seiner Schwester nicht freuen, die er lieb hat? kann die wahre Liebe wohl Neid haben? kann der, der die Vorzüge und das Glück seiner Freunde und . J2 5 132 Hausgenossen mit ſcheelen Augen anſieht, wohl Liebe haben? Die Liebe treibt nicht Muthwillen, fährt der Apostel fort, d. h. sie handelt nicht voreilig und unbesonnen. Liebreiche Menschen verfahren sanft und gesetzt. Sie arbeiten für einander und miteinander, und alle Geschäfte überlegen sie und vollführen sie mit ruhigem Ernste, ohne Geschrey und Geräusch. Sie schonen sich einander und wo sie sich etwas Unangenehmes zu sagen haben, da fahren sie nicht unbesonnen mit der Sprache heraus; wo sie sich widersprechen oder tadeln müssen, da thun sie es mit Ueberlegung und Sanftmuth. Wer wird glauben, daß in einem Hause liebreiches Wesen wohne, wo man ohne alle Rücksicht gegen einander nur dreist hinlebt, hinspricht, hinhandelt? wo man sich blos den jedesmaligen Aufwallungen seines regellosen Herzens überläßt, ohne daran zu denken, ob denen, die nebenan leben, dadurch wehe oder wohl geschehe? Wer wird glauben, daß da wahre Liebe wohne, wo man seine Geschäfte ohne Ordnung und Ueberlegung vollführt und wo man durch Geräusch, Poltern und Lärm in Ordnung bringen will, was man durch Mangel an Ueberlegung in Verwirrung gebracht hat? — . . sec. Die Liebe blähet sich nicht, das ist eine andre von den Aeusserungen des liebreichen Wesens, . 9 133 die der Apostel aufzählt. Es giebt Leute, die, in sich selbst verliebt, nur sich allein für die rechten Leute halten; die keine Mängel und Gebrechen, keine Thorheiten, keine Launen, keine Vergehungen auf sich kommen lassen, sondern sie aufs klügste zu verschweigen und zu verstecken wissen; Leute, die nur sich selbst im Auge haben und sich als die alleinigen weisen Gebieter aufwerfen: ist das nun wohl Liebe, wenn Leute von solcher Denkungsart sich stolz über alle ihre Hausgenossen und Freunde erheben? mit gebieterischem und hochmüthigem Blicke auf sie herabsehen? sich dünken lassen, als wären sie wohl mehr, denn sie? und nun mit ihrem Herzen ferne von ihnen bleiben? Ist das nun wohl Liebe, wenn man ohne Herzlichkeit unter den Seinigen wohnt und sich gegen sie aufbläht? Gewiß nicht; denn die Liebe stellt sich nicht einmal ungeberdig, wie der Apostel sagt, das heißt; sie verletzet auch nicht einmal den äusserlichen Wohlstand, sondern sie beobachtet eine edle Sittsamkeit. Wenn sich Hausgenossen auseinander nichts machen; wenn sich der eine nicht einmal um das Wohl: oder Uebelbefinden des Andern bekümmert; wenn sie sich ohne Theilnahme ganz kalt und gleichgültig begegnen; wenn sie im täglichen Umgange mit einander ihre Sitten, ihre Sprache, ihr Betragen gänzlich vernachläßigen; wenn sie nicht ein ⁵⁰ 54 mal die gewöhnliche Höflichkeit gegen einander beobachten; wenn sie gegen einander nicht einmal mehr so gefällig und zuvorkommend sind, wie gegen fremde Menschen; wenn sie die gewöhnliche Höflichkeit und Sittsamkeit schon in den ersten Zeiten der häuslichen Verbindung aus den Augen setzen, — dann übertreten sie das erste, was die Liebe gebietet, denn diese verstattet keine Ungeberdigkeit, keine. Unsittsamkeit. Edle Sittsamkett und Wohlanständigkeit sind eine unerlaßlichs Aeusserung der Liebe und geben auch hinwiederum der Liebe stets neue Nahrung. Vor allen Dingen aber darf sich im Hause liebreicher Menschen keine Selbstsucht zeigen; denn die Liebe sucht nicht das ihrige. O diese Selbstsucht muß ganz ferne von uns seyn, wenn wir den Ruhm der Liebe haben wollen; denn die Liebe hat es durchaus nicht mit sich selbst, sondern mit Andern zu thun, sie steht nicht auf ihr Glück, sondern auf des Andern Glück. Wir müssen gleichſam einer in ꝺem Andern leben; wir müſſen das Glück, welches dem Andern begegnet, als unser eigenes empfinden; wir müssen das Unglück, welches den Andern trift, als unser eigenes dulden; wir müssen die häuslichen Angelegenheiten als eine gemeinschaftliche Angelegenheit betrachten, und deswegen unsre Sorgen, Arbeiten und Kümmernisse mit freudiger Bereitwilligkeit theilen; wir müssen uns 35 94 ernstlich bemühen, denen, die um und mit uns sind, Freude zu machen; wir müssen es recht ausdrücklich darauf anlegen, uns ein eigentliches Geschäft und eine heilige Pflicht daraus machen, sie zu erheitern und uns ihnen gefällig zu erzeigen. Wer diese Sinnesart und dieses Betragen nicht kennt, wer von den Seinigen mit dem Herzen entfernt, ihre Zufriedenheit mit der seinigen nicht aufs unzertrennlichste verbunden fühlt, der kennt auch die wahre Liebe nicht! Ach, die Einsamen, die nur sich selbst haben! die armen Lieblosen, die nur für sich denken und wirken! die Engherzigen, die für des Andern Freude und Schmerz keinen Raum haben in ihrer Brust! Der kennt vollends die Liebe nicht, der arg wöhnisch ist, oder der, wie es in unserm Texte heißt, nach Schaden trachtet. Liebreiche Menschen wollen ja nicht das ihre; sie wollen nur Andre, an denen ihr Herz hängt, zufrieden und beglückt sehen. Sie denken daher eher an sie als an sich. Das verträgt sich mit der Liebe nicht, daß sie, die so gesinnet sind, von denen, die mit ihnen im traulichen Cirkel leben, Lieblosigkeit, Kälte, Falschheit, und lauter Arges vermuthen. Sie, die es mit ihren häuslichen Freunden so wohl meynen, lassen es sich so leicht nicht einfallen zu glauben, daß diese es mit ihnen übel meynen. Sie, die gegen ihre häuslichen 136 66 Freunde so bieder, aufrichtig und herzlich sind, trauen diesen so leicht keine Tücke und Feindseligkeit zu. Liebreichen Menſchen ſieht man es in ihrem ganzen häuslichen Leben an, daß sie zu ihren Hausgenossen gutes Vertrauen haben; sie blicken sie mit biedern Augen an; lauern ihren Schritten und Tritten nicht mit Spürblicken auf, versehen sich zu ihnen alles Gute; befürchten von ihnen keine Kräukung, keine Unwahrheit, keine feindselige Gesinnungen; mit offnem Herzen und offnem Blicke und offner Rede theilen sie mit den ihrigen ihr Leben und leben um dieser Liebe willen mehr als doppelt. Wenn sie aber argwöhnisch nur Böses vermutheten, von allen denen, die sie umgeben, Böses befürchteten und gleich den Spinnen, die in den Winkeln der Häuser sich verweben und Gift an sich saugen, stets Arges ausspürten, dann hätten sie die Liebe nicht. Auch bey dem wirklich Fehlerhaften und Argen, welches sie gewahr werden, verläugnen sie den Geist des liebreichen Wesens nicht; da heißt es nemlich, wie der Apostel sagt, die Liebe verträgt alles, sie hofft alles. Wer wird es im häuslichen Leben wohl erwarten, daß da keine Fehler werden begangen, daß keine Mängel und Schwächen sich zeigen, daß alle Hausgenossen gleich gut und treu, gleich thätig und freundlich, gleich einsichts ⁹⁶ 137 voll und gewissenhaft, gleich ordentlich und überlegt sam seyn werden? Verständige Menschen erwarten im Lande des Stückwerks auch Unvollkommenheiten. Und liebreiche Menschen bedecken mit ihrer Liebe eine Menge von Fehlern; sie vergeben gern und richten nicht umbarmherzig; sie bedenken es, was für ein trotziges und verzagtes Ding des Menschen Herz ist; sie helfen dem Menschen, der sich von einem Fehler hat übereilen lassen, mit sanftmüthigem Geiste zurecht; sie reichen dem Schwachen den Arm und machen dem Verzagten Muth; sie glauben und hoffen stets lieber das Gute, als das Böse. O ihr Unbarmherzigen, ihr Unmenschlichen, die ihr über jeden Fehler der Eurigen ergrimmet, die ihr den Schwachen noch muthloser und den Bösen noch böser machet, die ihr, als wäret ihr die Vollkommnen, jede Unvollkommenheit tadelt und strafet, wisſet ihr nicht, wes Geiſtes Kinder ihr ſeyd? kennet ihr die Liebe nicht? Nehmet doch, wenn ihr Christen seyn wollet, zu Herzen, was der christliche Apostel sagt: die Liebe verträgt alles, glaubt alles, hofft alles Und sie duldet alles! Ja, auch dies ist eine Aeusserung des liebreichen Wesens. Liebreiche Menschen sind weit entfernt, von denen, mit welchen sie häuslich verbunden leben, lauter Glück, Zufriedenheit, Freude genießen zu wollen; sie wis 158 94 ſentes, daß im menſchlichen Leben ein Jeder auch sich selbst zu verläugnen und sein Kreutz auf sich zu nehmen habe. Und gern thun sie dies. Sie tragen einer des Andern Last; sie machen sich ein freudiges Geschäft daraus, einer dem andern einen Theil der Arbeit und Sorge abzunehmen; sie ziehen sich vor Mühe und Plage nicht zurück, sondern suchen sie auf und übernehmen sie freywillig, um dadurch dem Andern das Leben zu erleichtern. Dem liebreichen Menſchen edlerer Art iſt es ſogar eine innige Freude, wenn er, um einen von den Seinigen zu beglücken, wäre es auch um der Thorheit oder Bosheit des Andern willen, Schmerz und Trübsal erdulden muß. Er duldet Alles, Alles, aus Liebe. Er duldet Alles, Alles, wenn er für den dulden kann, den er liebt. Nur keine Sünde duldet er in seinem Herzen und Wandel. Denn die Liebe freuet sich nicht der Ungerechtigkeit, sondern sie freut sich der Rechtschaffenheit. Liebreiche Menschen erlauben sich, auch aus Liebe für den liebsten Menschen, keine Tücke, keine Falschheit, keine Lüge, keinen Betrug. Rein und klar halten sie ihr Herz, wie ihre Liebe. Darum ist ja die Liebe das Höchste von Allem, weil sie des Gesetzes Erfüllung ist. Dahin soll ja die Liebe den Menschen führen, daß er in dem Innersten seiner Seele veredelt und daß das 139 5 Göttliche, welches in ihm liegt, erweckt und erhöht werde. In den Häusern liebreicher Menschen wohnt eben darum, weil die Liebe in ihnen wohnt, auch die Tugend. Die Liebe lehrt sie, alle ihre Hausgenossen als Kinder Gottes ansehen und mit ihnen in Liebe verschlungen Gottes Bild durch gemeinschaftliches Wirken an sich verklären. Sehet da, meine Freunde, das sind die Aeusserungen der Liebe, so wie der Apostel sie angiebt, das ist das liebreiche Wesen, welches in unsern häuslichen Kreisen herrschen sollte. Nur Eins setzt der Apostel hinzu und dieses Eine dürfen auch wir nicht übersehen. Die Liebe hört nimmer auf. Sie kann auch nicht aufhören, sonst hörte sie auf Liebe zu seyn. Liebreiche Menschen werden, solange als sie Liebe haben, nicht müde, die Früchte der Liebe zu beweisen. So lange im häuslichen Kreiſe die Liebe wohnt, bleiben auch alle Hausgenoſſen in den Gesinnungen, welche die Liebe erzeugt. Liebreiche Gatten werden nicht müde, einander treu zu seyn, die Lasten des häuslichen Lebens gemeinschaftlich zu theilen, sich mit zuvorkommender Güte, Gefälligkeit und Nachsicht zu begegnen. Liebreiche Eltern werden nicht müde, ihre Kinder zu allem Guten zu gewöhnen und ihnen mit dem Exempel jeglicher Tugend gewissenhaft vorzuleuchten. Liebreiche Kinder werden nicht müde, ihren Eltern gehor 5 140 sam, dankbar und ergeben zu seyn. Liebreiche Herrschaften werden nicht müde, ihre Untergebenen mit Weisheit und Gerechtigkeit zu regieren und sie zur Häuslichkeit und Redlichkeit anzuleiten. Liebreiche Dienstboten werden nicht müde, ihren Herrschaften durch Arbeitsamkeit und Sorgsamkeit beyzustehen und ihr häusliches Glück zu vermehren. Liebreiche Hausfreunde werden nicht müde, mit gutem Rathe, mit Trost und Hülfe zur Hand zu gehen. Liebreiche Hausgenossen werden nicht müde, ihr häusliches Tagewerk gemeinschaftlich zu wirken, ihre häuslichen Freuden gemeinschaftlich zu genießen, ihre häuslichen Lasten gemeinschaftlich zu tragen und sich einander zur Beförderung des Glücks und der Tugend behülflich zu seyn. — II. Ob nun, meine Freunde, ein solches liebreiches Wesen, wie es der Apostel beschreibt, etwas ſchönes, empfehlungswerthes, und ob es zu wünschen sey, daß dieses liebreiche Wesen in unsern Familien herrschend werde — ſaget, darf hierüber noch wohl die Frage seyn? Und wenn hierüber noch die Frage wäre, bedürfte es dann wohl etwas mehr, als eines Blicks in unser Buch Ruth, um sich davon zu überzeugen? — Die guten liebreichen Menſchen! — Alles was du mir sagst, das will ich thun, sagt die Toch 141 # ter zu ihrer Mutter (Cap. III, 5). Kehret doch in eure Heimath zurück, sage Naemi zu ihren beyden Töchtern, als sie Abschied von ihnen nehmen wollte, kehret doch wieder um, meine Töchter, warum wolltet ihr mit mir gehen? Der Herr thue an euch Barmherzigkeit, wie ihr an den todten Freunden gethan habet und an mir! (Cap. I, 8.) Wohin du gehst, dahin gehe auch ich, nichts soll mich von dir trennen, wo du stirbst, da will ich auch ſterben; ſo antwortet tröſtend Ruth der unglücklichen verlassene Wittwen. (Cap. I, 16. 17.) Mach dich herzu, wenn es Essenszeit ist, spricht der liebreiche Boas zur Ruth, und iß mit meinen Schnittern. (Cap. II, 14.) Und zu den Schnittern sprach der liebreiche Haushere: lasset für sie etwas liegen aufzulesen und beschämet sie nicht. (Cap. II, 15. 16.) Halt deinen Mantel her, spricht der Menschenfreund zu der armen Wittwe, die für die noch ärmere verwittwete Mutter sorgt, und er maß ihr sechs Maaß Gerſte hinein, als Niemand es ſah. (Cap. III, 15.) — Es bedarf nur dieser wenigen Züge, um es zu empfinden, was für ein Geist unter diesen Menschen wohnt, um es einzuſehen, daß hier Mutter und Tochter, Herr und Diener, Freunde und Verwandten im Bunde der aufrichtigsten und zärtlichsten Liebe stehen. Es bedarf aber auch wahrlich nur eines Blicks in die liebreiche Familie, um es auch inne 143 # zu werden, daß sie sich bey diesem liebreichen Sinne Alle wohl befinden, daß er ihr Familienglück und alles Gute in ihrem häuslichen Kreise befördert. In der That, wie muß auch dieses liebreiche Weſen den häuslichen Frohſinn erhoͤhen! Ist nicht wie Sirach (XIV, 30.) sagt, ein gütiges Herz des Leibes Leben? Alles, was den Menschen im häuslichen Leben zu erfreuen pflegt, wird es ihm nicht zu einer doppelten Freude, sobald liebreiche Menschen ihm zur Seite gehen und seine Freuden mit ihm theilen? Er genieße nach des Tages Last und Hitze, die Ruhe und Kühlung des Abends: wie doppelt erquickend ist sie für ihn, da er sie im Kreise seiner liebreichen Familie genießt! Er sey fröhlich im Cirkel fröhlicher Menschen: wie doppelt fröhlich ist er, da liebreiche Menschen sich mit ihm ergötzen! Er wandre auf den Feldern, die Gott gesegnet hat und erheitere sein Gemüth beym Anblick der schönen Natur: wie doppelt heiter muß er werden, da liebreiche Freunde an seiner Seite wandern! Er schaue den Aufgang oder den Untergang der Sonne, er schaue die Pracht des nächtlichen Sternenhimmels und erlabe sich mit innigen Gefühlen und hohen Hoffnungen: welch eine doppelte Erlabung ist dies für ihn, da die Seinigen, mit denen er in innigster Liebe vereinigt lebt, mit ihm gen Himmel blicken! er blicke auf seine Kinder, seine 55 145 Hofnung: o welch eine Herzensfreude für ihn, da diese alle ihm mit der lautersten Liebe entgegenlächeln! Er feyre fröhliche Feste: müssen sie ihm nicht doppelt feyerlich und angenehm seyn, da die Liebe sie anordnet und alle Hausgenossen in Liebe daran Theil nehmen? . Und wie maß dieses liebreiche Wesen zweytens auch jeden häuslichen Schmerz mildern! Sind nicht, wie Salomo (Spr. XVI, 24. 30.) sagt, die Reden des Freundlichen wie Honigseim, trösten sie nicht die Seele, erfrischen sie nicht die Gebeine? Alles, was den Menschen im häuslichen Leben zu drücken pflegt, wird es nicht zu einer blos halben Last, sobald liebreiche Menschen um ihn sind! Er habe Sorge für Nahrung und Kleidung: wird er nicht ohne Aengstlichkeit und mit gutem Vertrauen sorgen, da eine überlegsame Gattin, treue Kinder und ergebene Hausgenossen seine Sorgen liebreich mit ihm theilen? Er sey in Verlegenheit: kann er nicht gutes Muths seyn, da liebreiche Hausfreunde ihm mit Rath und Beystand zu Hülfe eilen? Er dulde schweren Kummer: wird es ihm an Trost gebrechen, da er die Liebe seiner Hausgenossen und seiner Freunde besitzt? Er gerathe aufs Krankenlager: muß es ihm nicht die Hälfte seiner Schmerzen nehmen, wenn er sieht, wie Alle, die er in seinem häuslichen Kreise erblickt, liebreich für ihn 64 144 Sorge tragen, wie sie Alle ihm behülflich sind und der eine noch inniger und herzlicher als der andre ihm beyzustehen strebt? Oder er lasse sich von Fehlern übereilen: braucht er sich wohl vor bittern Vorwürfen und harten Urtheilen zu fürchten? ist es ihm nicht Linderung des Schmerzes, den er schon in seiner Reue empfindet, wenn er überzeugt seyn kann, daß seine liebreichen Freunde seine Fehler mit Liebe bedecken und ihm zurecht helfen werden mit ſauftmüthigem Geiſte? Ja, das liebreiche Wesen muß uns drittens sogar auch die häusliche Arbeit erleichtern. Denn überwindet nicht die Liebe Alles? und kann ihr wohl leicht eine Arbeit zu schwer werden? Der Mensch kann bey gutem Willen und ernstlicher anhaltender Thätigkeit schon sehr viel zu Stande bringen. Aber so wie viel mehr kann ein Mensch, der innige Liebe in seinem Herzen empfindet und von innigst liebenden Menschen unterstützt wird. Wie viel haben schon Väter und Mütter aus Liebe für ihre Kinder gethan! Das kömmt daher, weil die Liebe den Menſchen ſtark macht; ſie erhöht ſeine Kräfte; sie erheitert seinen Sinn; sie läßt ihn die Schwierigkeiten nicht achten; ſie flößt ihm kräftigen Much ein; ſie legt ihm die dringendſten Bewegungsgründe ans Herz und läßt sich nicht abweisen. Und wie leicht geht die Arbeit, im Kreise von lauter 00 145 liebreichen Menschen, von statten! Einer ermuntert den Andern durch freundlichen Blick, durch freundliche Rede, durch freundlichen Rath und Beystand! Wüßten wir dies nicht aus eigener Erfahrung, so könnten wir es an unsern Kindern sehen, die ihre aufgegebene Arbeit nie so fröhlich und gut vollbringen, als wenn sie Gespielen, die sie lieben, zur Seite haben. Viertens muß das liebreiche Wesen, wenn es in unsern Häusern herrscht, auch unsre häusliche Tugend befördern. Denn es ist nicht zu läugnen daß ein liebreiches Wesen an und für sich selbst, so wie der frohe heitere Sinn, welcher dadurch hervorgebracht wird, grade die günstigste Stimmung für die Beförderung der Tugend sey. Die Liebe verhütet so manche Leidenschaft, die sonst das Aufkommen einer bessern Denkungsart so leicht verhindert; sie nährt das Herz mit reinen und edlen Empfindungen; sie macht uns geneigt, uns selbst zu verläugnen; sie spornt uns zu so mancherley häuslichen Tugenden an und macht es uns leicht, sie zu üben; sie erheitert unser Gemüth und öffnet es das durch für die guten Eindrücke jedes edlen Gedankens. Die Liebe ist, eben darum weil sie sich nicht der Ungerechtigkeit, sondern der Rechtschaffenheit freut, des Gesetzes Erfüllung. Darum ist uns auch der Anblick einer liebreichen Familie ein so anPh. U. 5 146 genehmer und erhebender Anblick: wir sehen darin die schönsten Tugenden im freundlichsten Bunde und im lieblichsten Glanze. O sey uns gepriesen, du Haus jener liebevollen Menschen, Haus der Ruth der Naemi und des Boas! Die schönen Thaten, die ihr thut, die schönen Gedanken, die ihr denket, die schönen Gesinnungen, die ihr heget, die hat der Geist der Liebe in euch erweckt! Das Gute, was ihr in eurem Tagewerke vollbringet, die Hülfe, die ihr euch untereinander leistet, die Sittsamkeit, die ihr gegen einander beobachtet, die Bescheidenheit, womit ihr euch einander begegnet, die treue Sorgfalt, womit ihr euch beysteht, die Herzlichkeit, womit ihr den Sohn, den der Herr gegeben, von Kindesbeinen an erziehet, dies alles sind Früchte des liebevollen Geistes, durch den Gott uns verklären will. Denn allerdings wird auch die Erziehung unsrer Kinder durch nichts mehr begünstigt, als durch ein liebreiches Wesen, das wir im häuslichen Kreise herrschen lassen. Wie wichtig und empfehlungswerth sollte uns dasselbe auch blos um dieser Ursache willen seyn! Wo habet ihr Kinder besser gerathen sehen, wo mehr wahren kindlichen Sinn, wo mehr Freudigkeit zu nützlicher Thätigkeit, wo mehr Gehorsam und Dankbarkeit, wo: mehr Unschuld, Offenheit und unverstellte Herzlich 55 147 keit gefunden, als in denjenigen Häusern worin die Hausgenossen vom Geiste der Liebe beseelt sind? Eltern, die einen liebreichen Sinn hegen, die gegen ihre Kinder langmüthig sind und sich durch sie nicht erbittern lassen, die gegen sie mit Sanftmuth und Besonnenheit handeln, die gegen sie sich nicht aufblähen und trotzig verfahren, die nicht argwöhnisch ihnen nachspüren, sondern ihre Fehler nachsichtsvoll bedecken und verbessern; besitzen sie nicht das Herz und das Vertrauen derselben? finden sie nicht mit ihren Ermahnungen, Warnungen und Lehren leicht Eingang bey ihnen? werden nicht ihre Kinder sich zutraulich an sie anschmiegen? werden sie nicht ihre Freude darin suchen, ihren liebreichen Erziehern zu Gefallen zu leben? wird nicht das Gute, von den Händen der Liebe in die unverdorbenen Seelen gepflanzt, sichtbar Wurzel schlagen? und wird nicht das Schöne und Gute, welches unter solchen Händen erwächst, den liebreich erzogenen Kindern bald aus den Augen leuchten? Ach, die unglücklichen bedaurenswürdigen Eltern, die ein frostiges hartes Herz gegen ihre Kinder haben! Sie verscheuchen ihre Kinder von sich, statt sie an sich zu locken; sie verschließen sich den Eingang zu ihrem Herzen, statt ihn sich zu öffnen; sie erbittern sie, statt ihr Zutrauen zu gewinnen; sie bringen sie gegen sich auf, statt sich ihrer in Freundlichkeit zu bemächtiK 2 148 55 gen. Wahrlich nein, es kann ihnen mit der Erziehung nicht gelingen; wenn ihre Kinder gut gerathen, dann iſt es ihr Werk nicht; aber wenn ſie zu undankbaren, kalten, feindseligen Menschen erwachsen, dann ist dieses unglückliche Schicksal durch ihre eigene Lieblosigkeit verschuldet! — Das liebreiche Wesen bewähret sich bey der E ziehung unsrer Kinder, in der Beförderung häuslicher Tugenden, in der Erleichterung der häuslichen Arbeit, in der Linderung häuslicher Schmerzen und in der Erhöhung des häuslichen Frohsinns so sehr, daß wir es wohl der Mühe werth halten mögen, der Frage: wie man sich zu einem solchen liebreichen Wesen im häuslichen Leben zu gewöhnen habe? als dem dritten Theile dieser Betrachtung, eine eigene Andachtsstunde zu widmen. Der Gott der Liebe bleibe mit uns allen! Amen. 5 149 . . . . . . Sechste Predigt. . . Coloss. III, 12 — 14. So ziehet nun anals die Auserwählten Gottes, Heiligen ernd Geliebten, (als die von Gott geliebte Christenschaar) herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demuth, Sanftmuth, Geduld, — und vertrage einer den andern, und vergebet euch unter einander, so Jemand Klage hat wider den andern; gleichwie Christus euch vergeben hat, also auch ihr. Ueber alles ziehet an die Liebe, die da ist das Band der ### Vollkommenheit. . — . ... Höret, meine theuren Freunde, abermals eine apostolische Empfehlung des liebreichen Wesens. Also schreibt Paulus im dritten Capitel seines Briefes 159 4 an die Colosser vom zwölften bis zum vierzehnten Verse: „so ziehet nun an als die....... Band der Vollkommenheit.“ Wenn wir uns, wie wir am vorigen Sonntage gethan haben, dieses liebreiche Wesen nach seinen verschiedenen schönen Aeusserungen vorstellen und dabey die Vortreflichkeit und das Beglückende desselben in Erwägung ziehen, so kann es uns fürwahr nicht anders als sehr unangenehm seyn zu bemerken, daß es in unsern Häusern noch so sehr häufig an demselben mangelt, ja daß noch so sehr häufig das Gegentheil davon herrschend ist. Denn, daß dem also sey, wer wird daran wohl zweifeln? wer ist davon nicht durch tägliche Erfahrungen überzeugt? Ach wie oft ist noch die freundliche Langmuth, die sich nicht erbittern läßt, ferne von uns; wie leicht überlassen wir uns den leidenſchaftlichen Aufwallungen eines reitzbaren Herzens. Wie wenig nehmen wir uns oft in Acht, unsern Hausgenossen durch Worte und Betragen wehe zu thun. Wie manchmal handeln wir unbeſonnen, ohne Schonung, ohne an die, die um uns ſind, zu gehen. Gehen doch Manche ohne alle Theilnahme einander vorüber, ohne sich um einander zu bekümmern. Bieten sich Viele sogar einander Trotz ſtellen ſich ungeberdig und blähen ſich auf, denken und sorgen und freuen sich nur für sich und gehen gar nicht darauf aus, dem Andern auf irgend eine 151 54 Weise gefällig zu seyn und Freude zu machen. Ja, finden Manche sogar ein Vergnügen darin, sich gegenseitig zu kränken, Fehler aufzudecken, das Andenken an vergessene Kränkungen zu erneuern. Und selbst da, wo man sich untereinander liebt und es sich manchmal so ernstlich und herzlich vornimmt, einander durch ein liebreiches Betragen zu beglücken, wie oft läßt man sich auch da noch wohl von seinem gereitzten Herzen verleiten, den Geiſt der Sauftmuth, Freundlichkeit und Duldung zu verläugnen. Wahrlich, wir mögen wohl auf unsrer Hut seyn und uns mit Weisheit und gutem Willen gegen uns selbst rüsten. Und da die Sache für unser häusliches Leben von so großer Wichtigkeit ist, so verlohnt es sich wohl der Mühe, sie noch einmal in Erwägung zu ziehen; Lasset uns deswegen die abgebrochene Betrachtung in dieſer Andachtsſtunde fortſe tzen, meine Freunde, und in dem dritten zurückgelassenen Theile derselben darüber nachdenken, worauf es vornehmlich ankomme, wenn ein liebreiches Wesen in unsern häuslichen Kreisen herrschend werden soll. Gott segne unser Nachdenken an Geist . und Herz. (Gesang.) . . 1 152 # In dem dritten Theile dieser Betrachtung erwägen wir also: ### einige Hülfsmittel zur Beförderung des liebreichen Wesens . in unsern häuslichen . Kreisen. . ### . I. Ein Jeder, auch der Unliebreiche, muß es eingestehen, daß es für das Glück des häuslichen Lebens fast nichts wünschenswürdigers gebe, als ein unter allen Hausgenossen herrschendes liebreiches Wesen. Es bedarf keines langen Erwägens, es bedarf nur einer flüchtigen Vorstellung, eines flüchtigen Anblicks eines liebreich gestimmten häuslichen Kreiſes, um dieſes einzuſehen; wie ſich dies aus unſrer vorigen Betrachtung bereits ergeben hat. Durch ein liebreiches Betragen erhöhen wir nemlich unſern haͤuslichen Frohſinu, indem nicht allein jede Freude durch Mittheilung gewinnt, sondern indem auch das liebreiche Wesen selbst eine eigene Freude gewährt und frohen heitern Sinn verbreitet. Es mildert jeden häuslichen Schmerz, indem der Leidende von liebreichen Hausgenossen und Freunden nicht allein wohl ⸸ 155 thuende Theilnahme und Hülfe erfährt, sondern auch von ihnen ermuntert, getröstet und erheitert wird. Es erleichtert uns die häusliche Arbeit, indem liebreiche Menschen ihre Lasten gemeinschaftlich tragen, ſich einander Muth und Freudigkeit, einflößen und sich, wo es noth thut, stets mit Rath und Hülfe zur Hand gehen. Es befördert die häusliche Tugend, indem das Gute nirgends, so leicht Wurzel schlägt, als in dem Herzen eines liebreich gesinnten Menschen, und das Böse nirgend mehr Widerstand findet, als wo Menſchen mit verbundenen Herzen auf der Bahn der Liebe, die des Gesetzes Erfüllung ist; wandeln. Und wo gedeiht die Erziehung besser als in den Häusern derer, die sich unter einander liebreich begegnen, Sanftmuth, Freundlichkeit, Nachsicht und Theilnahme beweisen. Denket euch dagegen ein Haus, — ihr werdet dergleichen ja aus eigener. Erfahrung kennen — ein Haus, worin es an einem solchen Sinne und Betragen gebricht. Wie gebricht es da auch an wahrer Freude! Man hat keine Lust froh zu seyn und kann, wenn Andre es ſind, ſich nicht mitfreuen. Man begegnet ſich mit Verdrießlichkeit und sucht überall Anlaß zum Unwillen. Wenn man leidet, ſo muß man lange ſuchen und sucht oft sogar vergebens, um einen theilnehmenden Blick, ein theilnehmendes Herz zu finden! Man quält sich untereinander durch Kälte und Gleich 24 254 gültigkeit, durch unfreundliche Worte und bittern Tadel. Man sorgt und arbeitet, ohne seiner Arkeit froh zu werden, die Sorge wird zur Plage, die Arbeit zur Marter. Man reitzt sich gegenseitig zum Ausbruche feindseliger Leidenschaften, verstimmt sich den Sinn und verdirbt sich das Herz. Die arme Jugend siehts und hörts, verliehrt Liebe und Zutrauen, entfernt sich mit dem Herzen von denen, die sie erziehen, und wird für mancherley Unarten und böse Gesinnungen empfänglich. Beweiset nicht dies alles die Erfahrung aufs deutlichste, meine Freunde? und wenn wir diese Erfahrung vor uns haben, wenn wir es mit Augen sehen, wie viel das liebreiche Wesen zur Beförderung des häuslichen Glücks beyträgt und wie sehr das Glück des häuslichen Lebens dagegen leidet, da wo es daran fehlt, sollte dann nicht schon die bloße lebhafte Vorstellung davon uns vermögen, alles aufzubieten, um uns einen solchen Sinn und ein solches Betragen zu eigen zu machen? So schön, vortreflich und beglückend sollten wir uns etwas vorstellen können, ohne es unsers Wunsches und Bestrebens werth zu finden? Mir wenigstens dünkt es so, daß man sich das liebreiche Wesen nach seinen schönen Aeusserungen und nach seiner beglückenden Kraft nur recht lebhaft zu denken brauche, um sein Herz sogleich dafür gestimmt zu fühlen. Und darum sehe ⁵⁰ 155 ich denn diese lebhafte Vorstellung schon als das erste Hülfsmittel zur Beförderung desselben an. 1 II. Aber freylich, sehr viel thut zur Beförderung eines liebreichen Wesens auch zweytens eine natürliche Anlage dazu. Es giebt einige Menſchen, die nicht blos gegen die Ihrigen und gegen die, die zunächst um sie sind, sondern auch gegen ihre Nebenmenſchen überhaupt von Natur ein beſonderes Wohlwollen haben. Dieſe ſind ge neigt, überall fast nur das Gute zu sehen. Ueber das, woran empfindlichere Menschen sich stoßen, blicken sie leicht hinweg. Unannehmlichkeiten schlagen sie sich ohne viele Mühe aus dem Sinne. Erlittene Beleidigungen zu vergessen, ist ihnen nicht ſchwer. Sie arbeiten mit leichtem Sinn und leicht ter Hand, und lassen sich durch Sorge und Kümmerniß nicht leicht niederschlagen. Ihr Herz öffnet ſich willig und ſchnell der Freude. Verdrießlichkei und Unwillen lassen sie bey sich nicht haften. Sie haben ein inniges Weg gefallen an den Menschen, machen ihnen gern Freude und kommen ihr nen mit Zutrauen und Offenheit entgegen. Menschen dieser Art haben das liebreiche Wesen so zu ſagen mit auf die Welt gebracht; gegen ihre Hausgenossen freundlich, sanftmüthig, bescheiden, nachgiebig zu seyn, das ist ihre Natur. Es würde ih 156 54 nen schwer werden und sie könnten es nicht gut übers Herz bringen, unfreundlich und unliebreich zu seyn. — Es giebt dagegen Andre, die von Natur mehr zum unliebreichen Wesen geneigt sind. Sie sind zurückhaltend gegen die, die sie umgeben, und verschließen ihre Gedanken und Empfindungen in sich. Ihr Herz ist empfindlich und sie werden durch Kleinigkeiten schon aufgebracht. Ihr Blick fällt leicht auf das Böse, und sie tadeln gern. Sie leben in sich gekehrt und nehmen nur wenig Antheil an dem, was Andern begegnet. Sie haben sich selbst gar zu viel im Auge, als daß ihr Herz für Andre leicht warm werden könnte. Vielmehr sind sie gegen Andre mistrauisch und argwöhnisch. Was Andre reden und thun, beziehen sie gern auf sich. Ihr Auge kann nicht frey und froh aufblicken, weil ihre Seele in sich gedrückt und gefesselt liegt. Sie legen es nicht darauf an, Andern angenehm zu seyn und Freude zu machen, darum, weil sie zu viel mit sich selbst beschäftigt, in sich selbst versunken sind. Solchen Menſchen muß es allerdings ſchwerer werden, ſich ein liebreiches Weſen anzugewöhnen. Jene brauchen nur ihrem Temperamente, ihren natürlichen Meigungen zu folgen: wollten aber diese es thun, ſo würde ein hartes, ſtörriges, liebloſes Weſen in ihnen herrschend werden. . . ⁵⁰ 57 III. Indeß ist es darum nicht gesagt, daß diejenigen, denen es an jener natürlichen Anlage zu einem liebreichen Sinne und Betragen fehlt, sich zu demselben nicht gewöhnen können. Nichts weniger. Alles, was Vernunft und Schrift uns gebieten, ist uns möglich. Mag sich auch unser Herz mit seinen üblen Gewohnheiten und Leidenschaften dagegen setzen; es kann uns das Gute, welches uns geboten ist, nur erschweren, nicht unmöglich machen. Keiner von denen, die sich von ihrem Temperamente und von ihren Leidenschaften zu einem unfreundlichen, harten und bittern Betragen verleiten lassen, darf sich mit seinem Temperamente und seinen Leidenschaften rechtfertigen wollen. Denn wahrlich, der Mensch kann Herr werden über sich selbst. An vielen der edelsten und besten Menschen lehrt uns dies die Erfahrung: sie sind das, was sie sind, nicht grade von Natur, sondern sie sind es durch Uebung geworden; sie haben sich bemüht und angestrengt, sie haben sich Gewalt angethan und durch lange Gewöhnung kamen sie zur Tugend. In dieser Selbstbeherrschung besteht unsre Pflicht und unsre Ehre! und wie unbedeutend ist überhaupt alle Tügend ohne diese Selbstbeherrschung. Wenn wir daher an uns verſpüren, daß die Neigung zum Wohls wollen, die natürliche Anlage zum liebreichen Sinne zu ſchwach in uns iſt, und daß Leidenſchaften 158 -4 und Temperament uns leicht zur Härte und Lieblosigkeit verleiten, so dürfen wir nicht uns selbst das Wort reden und unsre Fehler mit unsern natürlichen Neigungen entschuldigen wollen, sondern dann müssen wir vielmehr aus allen Kräften bemüht seyn, das Böse zu überwinden mit Gutem. Wir müssen uns selbst Gewalt anthun — und dies ist das dritte Hülfsmittel zur Beförderung eines liebreichen Wesens — wir müssen uns selbst Gewalt anthun und uns in der Selbstbeherrschung geflissentlich üben. Sie sind uns ja wohl bekannt die Feinde des liebreichen Sinns, die wir zu bekämpfen haben, — Selbstsucht und Eigennutz Argwohn und Misgunst, Ehrgeitz und Herrschsucht, Habsucht und Geitz. So lange diese in uns die Oberhand haben, kann nicht wahre Liebe und Freundlichkeit in uns wohnen. Denn diese halten unser Gemüth in einer beständigen Unruhe und verengen unser Herz; wer von ihnen besessen ist, hat es gar zu sehr mit sich selbst zu thun, als daß er denen, die um ihn sind, viel Theilnahme beweisen könnte; er fühlt seine Gemüth gar zu sehr von Sorgen, Wünschen, Begierden, Entwürfen, Befuͤrchtungen und Hofnungen belästigt, als daß er nicht bald durch diese, bald durch jene Unannehmlichkeit, die ihm aufstößt, unwilligt gemach werden, und die ruhige Fassung, das heitre liebreiche 0•0 59 Wesen gegen die, die um ihn sind, verliehren sollte. Die Liebe kann nur im Herzen desjenigen statt finden, der an Andern Freude hat und an dem Schicksale Anderer aufrichtig Theil nimmt: folglich nicht in dem Herzen des Selbstsüchtigen und Eigennützigen, denn dieser denkt nur an sich selbst; und nicht in dem Herzen des Argwöhnischen und Misgünstigen, denn dieser spürt an denen, die ihn umgeben, nur Böses aus und gönnt ihnen kein Glück; und nicht in dem Herzen des Ehrgeitzigen und Herrschsüchtigen, denn dieser bläht sich auf und erhebt sich übermüthig; und nicht in dem Herzen des Habsüchtigen und Geitzigen, denn dieser liebt nur sein Haab und Gut. Soll darum ein liebreiches Wesen bey uns herrschend werden, so müssen wir dazu vorerst den Grund legen, oder vielmehr den Boden bereiten, worauf dazu der Grund gelegt werden kann. Und dies geschieht dadurch, daß wir jenen bösen Leidenschaften Gewalt anthun und alles anwenden, sie auszurotten, um über die Regungen unsers Herzens Herr zu werden. Um es aber zu dieser Herrschaft über sich selbst zu bringen, bedarf es IV. fast nur des guten Willens, des ernstlichen festen Vorsatzes, und dieser sey uns daher als das vierte Beförderungsmittel des liebreichen Wesens empfohlen. Es weiß Niemand, als 55 160 wer es selbst versucht und erfahren hat, wie viel die Macht des guten Willens und des ernstlichen Vorsatzes vermag. Nur ernstlich gewollt und immer aufs neue gewollt, endlich gelingt Alles! Die Macht der Leidenschaft und die Reitzbarkeit des Herzens ist freylich oft stark, aber weit stärker ist der gute göttliche Geist, der in dem Menschen wohnt; durch ihn wird der Schwache mächtig. Hat doch der Mensch durch guten ernstlichen Willen schon große Thaten gethan, wichtige Entwürfe ausgeführt, unzählige Hindernisse besiegt, harte Kämpfe gewagt, schwere Leiden erduldet; kann doch der Mensch durch die Macht des festen Vorsatzes sogar das Gefühl nicht geringer Schmerzen in sich unterdrücken: warum sollte er mit der Macht des inwohnenden guten Geistes nicht auch die Hindernisse besiegen, die Kämpfe bestehen können, die ihm die Regungen seines Herzens bereiten? warum sollte er, der, wenn er es will, Berge versetzen kann, nicht auch die Aufwallungen seiner Leidenschaft, wenn er es will, zu beherrſchen im Stande ſeyn? Die Liebe vermag ja alles, warum sollte die Liebe zum guten liebreichen Sinne es nicht vermögen, die Schwierigkeiten, die sich demselben entgegenstellen, zu besiegen? Wohl selten mag man recht guten Willen gehabt haben, wo man das Zutrauen zu sich selbst verliehrt und mit verzagtem Herzen meynt, man könne aus 161 S Schwachheit oder aus Temperaments=Untugend nicht. Freylich nicht auf einmal kömmt der liebreiche Sinn in ein Herz, dem er nicht von Natur ger geben ist, so wenig als man irgend ein schweres gutes Werk auf einmal zu Stande bringt. Aber lasset uns nur unsern guten Willen nie fahren laslen, sondern unsre Vorsätze oft erneuern und stets lebendig in uns erhalten. Täglich haben wir Gelegenheit, liebreichen Sinn in unserm häuslichen Leben zu beweisen, und täglich können wir versucht werden, den Geist der Liebe gegen unsre Hausgenossen zu verläugnen: darum lasset uns auch täglich über uns selbst wachen, täglich in der Selbstbeherrschung uns üben, täglich uns selbst auffordern, in der Liebe zu bleiben, täglich der Versuchung die Macht eines festen unerschütterlichen Vorsatzes entgegensetzen. Und je schwerer uns das liebreiche Wesen wird, desto entschlossener und muthiger lasset uns dasselbe uns zu eigen machen wollen! Am Morgen, da wir erwachen, wie am Abend, da wie uns zur Ruhe legen, seyen unsre Gedanken und unsre Entschließung gen darauf gerichtet! Was für Gelegenheit werde ich heute haben, liebreichen Sinn zu beweiſen? — so lasset uns mit uns selbst reden, ehe wir am Morgen in den Kreis unsrer Familie und zu unsern Beufsgeschäften kommen, — und wie könnte ich heute wohl verſucht werden, die Liebe zu verläugnen? rh. u. 162 # was könnte mich heute wohl zum Unwillen und zum Zorne reitzen? worin werde ich heute Sanftmuth und Geduld beweisen? gegen wen werde ich milde und nachgiebig seyn müssen? werden mir auch Unannehmlichkeiten vorkommen, über die ich verdrießlich werden könnte? werben mir auch Mängel und Fehler vorkommen, die ich übersehen oder mit dem Mantel der Liebe bedecken muß? Gott stärke mich: ich will mich nicht von den Aufwallungen irgend einer bösen Leidenschaft überwältigen lassen, ich will ruhig und stille und liebreich bleiben, so schwer es mir auch werden mag, ich will es! Und, wie haich meinen Vorsatz heute ausgeführt? — so lasset uns am Abend zu uns selbst sprechen, wenn wir aus unserm häuslichen Kreise uns entfernen, um uns zur Ruhe zu begeben — bin ich auch gegen meine Hausgenossen liebreich geblieben, wie ich es wollte? habe ich auch die Sanftmuth und Geduld, die ich zu beweisen mir vornahm, verlohren? habe ich mich auch von meinen Leidenschaften hinreissen lassen, ohne Widerſtand zu thun? bin ich auch hart geweſen in Worten vder im Betragen? habe ich auch bitter getadelt? unfreundlich geſcholten? habe ich mich auch durch Fehler und Unbeſonnenheiten derer, die um mich waren, aufbringen und erbittern lassen, statt sie ruhig und sanft zu verbessern? habe ich auch Fehler bedeckt? Mängel ertragen? Belei. 5 digungen vergessen? Es wird, es soll, ja es soll mir doch endlich gelingen, mich zu einem liebreichen Wesen zu gewöhnen und mir darin stets gleich zu bleiben. Ohne Zweifel, meine Freunde, wird es einem Jeden gelingen, dem es mit seinem Vorsatze nur ein rechter Ernst ist. Nur fahre man auch ernstlich fort, sich selbst zu bewachen und sich selbst Gewalt anzuthun. Insbesondre aber lasset uns solche gute Vorsätze auch dann fassen und erneuern, wann wir an den Tagen der Ruhe und der religiösen Andacht unser Herz zu heiligen Gedanken erheben, und wann wir am Altare des Herrn das Mahl der Liebe halten. Gott iſt es, ſo laſſet uns dabey denken, Gott ist es, der mir mein Tagewerk aufgegeben, der mich in das häusliche Leben und in den Kreis meiner Familie geſetzt hat; vor den Augen dessen, der die Liebe selber ist, wandle ich; ich muß so gesinnt seyn, daß ich nicht zu erröthen brauche, wenn ich im Gebete meine Augen zu ihm aufschlage; Liebe, inniges Wohlwollen muß ich gegen alle die Meinigen beweisen, muß freundlich, sanftmüthig, geduldig seyn gegen alle, die mich umgeben, das will Er, Er hats geboten, Er sieht mich, wie ich bin; vor Ihm muß ich Rechenſchaft ablegen! Jesus Christus, der Menschenfreund ist es, dessen Name ich in diesem Tempel verehre, dessen Andenken ich an diesem Altare feyere, dessen Exem2 2 94 164 pel mir von Gott zur Ermunterung vorgestellt worden, daß ich gesinnet werden soll, wie er gesinnt war. Doch, dies führt mich V. auf ein fünftes Beförderungsmittel des liebreichen Wesens, es besteht in einer ernstlichen Betrachtung der Exempel liebreicher Menschen, denen wir nachahmen können. Ich habe bereits die Exempel unsrer biblischen Familiengeschichte angeführt, das Exempel der Ruth, die ihrer verarmten Mutter stets mit sanftem theilnehmendem Wesen begegnete, mit Freude und Freundlichkeit alles that, was ihr aufgetragen wurde, nie murrte, nie unwillig ward, auch durch Misgeschick und Armuth sich nicht erbittern ließ, ihrer armen Mutter mit der zuvorkommendſten Liebe ins fremde Land, in Mangel und Elend, ja bis in den Tod zu folgen bereit war; — das Exempel der Naemi, die durch ihr mannichfaltiges Unglück nicht zu bittern Klagen, nicht zur Ungeduld, nicht zur Tadelſucht, nicht zur Unfreundlichkeit ſich verleiten ließ, sondern sich unter allen auch unter den widerwärtige ſten Umſtänden ihres Lebens in ihrer Freundlichkeit, Sanftmuth und Liebe gleich blieb; — das Exempel des Boas, der liebreich ſich zeigte gegen ſeine Diener in der Arbeit, liebreich gegen den Verwandten vor Gericht, liebreich gegen die arme Tochter, die . 16 •⁶⁰ auf seinem Felde Aehren las, und liebreich gegen die Mutter, die in stiller Einsamkeit ihr häusliches Leiden trug. — Ich erinnere euch an das liebreiche Wesen eines Abraham, der im Streite zu seinem Vetter Lot sprach: Lieber, laß nicht Zank seyn zwischen mir und dir, zwischen meinen Hirten und deinen Hirten, denn wir sind Gebrüder. — Ich erinnere euch an das liebreiche Wesen in der Familie des Tobias, wo Vater, Mutter, Sohn, Tochter und Diener im Bunde der herzlichsten Liebe und Freundlichkeit standen. — Und welches Beyspiel des liebreichen Sinns könnte ich wohl mit mehrerem Rechte über alle andern erheben, als das schon berührte Exempel unsers Herrn selbst. Daß er gegen Jedermann leutselig und herablassend, daß er gegen alle, die ihn umgaben, milde, sanft und geduldig gewesen, das ist wohl jedem Christen bekannt genug. Aber diesen liebreichen Sinn zu beweisen, wie schwer mag ihm das oft geworden seyn. Gewiß war die Liebe, so wie er sie bewies, ihm nicht angebohren; denn bey aller natürlichen Anlage zu einem seltenen Grade von Wohlwollen hatte er ein fein= und tieffühlendes Herz, das versucht, stark versucht ward allenthalben, wie das unfrige. Aber den Gefühlen ſeines Herzens war er durch Wachſamkeit und Gebet, durch ernste Erhebung seines Geistes und durch Strenge gegen sich selbst Meister geworden. Er blieb 4 166 sich in der Liebe und Huld stets gleich, so sehr sie ihm auch erschwert wurde. Man sah ihn überhäuft von mannichfaltigen und schwierigen Geschäften, aber auch unter dem Drucke der Arbeit ward er gegen die die ihn umgaben, nicht unwillig. Man sah ihn von Jüngern umgeben, die bald ſeine Lehren nicht faßten, bald Unarten des Herzens äusserten, bald undankbar und untreu gegen ihn handelten: aber die, die ihn nicht verstanden, schalt er nicht, die, die fehlten, richtete er nicht, die, die sich an ihm versündigten, verdammte er nicht; er zog sie alle an sein liebreiches Herz, um sie eines Bessern zu belehren und auf edlere Gedanken zu bringen. Er flüchtete aus dem Geräusche der Zerstreuungen und saß am stillen Abend einsam voll Sorge und Ueberlegung für sein Werk: aber auch da war er freundlich und holdselig gegen einen lernbegierigen Mann, der ihn noch so spät in seiner Ruhe störte und in seinem Nachdenken unterbrach. Man kränkte ihn durch Tadel, durch Verläumdung, durch Hohn und Spott: aber er schalt nicht wieder, da er gescholten ward, er drohte nicht, da er litt. Die Unverständigen suchten Klage gegen ihn: und er rief freundlich ihre Kinder zu sich, daß er sie segnete. Man verklagte, richtete, verurtheilte und kreutzigte ihn: aber nie verließ ihn der liebreiche Geist, der ihn in allem seinem Thun und Lassen belebte, er wollte 16 50 Liebe behalten, und behielt sie bis ans Ende, selbst sterbend betete er noch mit seltenem Wohlwollen für seine Mörder. Es ist augenscheinlich, daß ihm das liebreiche Wesen, welches er beständig bewies, durch die innigen und tiefen Gefühle seines Herzens, wie durch die Schicksale seines Lebens nicht wenig erschwert wurde. Aber um wie viel ermunternder ist darum auch sein hohes Exempel für uns! Wie muß es den Schwaͤchling beschämen, der sich durch die Aufwallungen seines regellosen Herzens hinreissen und durch Kleinigkeiten erbittern läßt! Wie muß es dem Verzagten Muth einflößen, wann er bange ist, er möchte zu schwach seyn, die Empfindlichkeit seines Herzens mit ernstem Willen und kräftigem Vorsatze zu besiegen! Wie muß es den, dem es ein Ernst ist, reitzen, die in ihm wohnende göttliche Kraft anzuwenden und seinen Leidenschaften Gewalt anzuthun! Wie anlockend ist es für jeden nicht ganz verwilderten Menschen! und wie anlockend vornehmlich für uns, die wir seinen Namen führen! Ich meyne, Freunde, wir müßten es als Christen ganz vorzüglich darauf anlegen, uns zu der Liebe zu gewöhnen, die langmüthig, freundlich, demüthig, offen, duldsam, milde und theilnehmend ist. Ich meyne, wir könnten uns den Christennamen durch aus nicht mit Recht beylegen, ehe und bevor wir uns nicht diesen Sinn zu eigen gemacht haben, 168 44 weil die Liebe grade der eigenthümliche Charakter des Christenthums ist und weil Jesus selbst seine wahren Jünger an der Liebe, die sie gegen einander beweisen, erkennen will. Schaue, wer liebreich gesinnt werden will, auf die Exempel derer, die liebreich gesinnt waren, und mache er diese Exempel zu Schutzgeiſtern, die überall neben ihm ſtehen, auf allen Wegen ihn begleiten, bey allem, was er thut, ihm mit Rath, Warnung, Ermunterung und Beystand zur Seite gehen. — . . VI. Sechstens weiß ich nicht, ob für Alle, aber das weiß ich, daß für Manchen auch folgende Gedanken ein Beförderungsmittel des liebreichen Wesens seyn können: — wie viel habe ich doch diesem meinem häuslichen Leben, dieser meiner Familie, diesen meinen Hausgenossen zu verdanken! und auf wie vieles müßte ich Verzicht thun, wenn ich nicht in diesen Verbindungen lebte! Mag auch mein Leben darum etwas sorgenvoller und mühseliger seyn: Sorge und Mühe iſt des Menſchen Loos und Beſtimmung, und je mehr ich sorge und wirke, desto wichtiger wird mein Leben für mich und für die Welt. Wie wird mir aber auch diese Sorge und Mühe durch meine häuslichen Freunde erleichtert! Wie angenehm ist es, in Gesellschaft von Menschen, zu denen man Zu 165 ⸸ krauen haben kann, die Reise durchs Leben zu machen! In solcher Gesellschaft vergißt man leicht manche Beschwerde und manche Unannehmlichkeit; man fürchtet weniger den Sturm und fühlt weniger den Druck der Hitze. Wie manche Bequemlichkeit genießt man im Kreise seiner Hausgenossen, die man sonst entbehren müßte! Wie viel thätiger und freudiger zur Arbeit wird man dadurch, daß man mit geliebten Menschen verbunden ist, für die man arbeitet! Wie viel inniger und herzlicher ist die Freude, die ich im Kreise der Meinigen empfinde, als die fröhliche Zerstreuung, die mich ausser dem Hause ergötzt! Wie viel leichter erträgt man jede Last, wie viel leichter erduldet man jedes Leid, wenn man von Menſchen, die man die Seinigen nennen kann, unterstützt wird, als wenn man sich und seinem Schickſale allein überlaſſen iſt! Wie erquickend iſt die Ruhe nach vollbrachter Arbeit, wenn man sie unter denen genießt, für die und mit denen man gearbeitet hat! Wie erheiternd ist für den Einen die freundliche Theilnahme des Andern! welch ein Labſal iſt dem Gatten ꝺer freundliche Blick des Gatten, den Eltern das Lächeln und der Frohsinn ihrer Kinder! Wenn nun dieser mein Gatte, diese meine Gattin, diese meine Kinder, diese meine Hausgenossen nicht neben mir, nicht mit mir lebten, und ich so einsam und allein meine Tage zubrächte? 170 # Wenn ich für meine Arbeit und Sorge keine andre Hülfe hätte, als erkaufte Hülfe von Fremden? Wenn meine Freude nur Fremde mit mir theilten? Wenn ich mein Kreutz allein tragen müßte? Wenn ich nach der Arbeit nicht anders als in lästiger Einsamkeit, in ödem leerem Hause oder in der Zerstreuung unter Fremden ausruhen könnte! Wann ich so einsam in der Arbeit, einsam auf dem Lager der Ruhe, einsam im Schmerz, einsam im Genusse der Freude, einsam bis ins Grab hinlebte und zuletzt auch noch die Frucht meiner Arbeit und Sorge Fremden hinterließe? — O meine Freunde, wie viel entgienge uns dann an Glück, an Ruhe und Trost! Wer kann sich dieses einsamere Leben vorstellen, ohne bey sich selbst zu denken: nein, ich will lieber dieses Leben voll Sorge und Mühe im Kreise der Meinigen, als dieses traurige öde Leben für mich allein! Und für wen haben nicht diese Gedanken etwas Erheiterndes! Wer kann mit solchen Gedanken seine Hausgenossen anblicken, ohne sich selbst zu ermuntern: nun, ich will auch gegen diese meine häuslichen Freunde, ohne die ich so vieles nicht hätte und nicht wäre, sanftmüthig, geduldig, freundlich, gütig seyn! es müßte ihnen ja wehe thun, wenn ich hart und bitter und störrig gegen sie wäre; ich will ihnen Liebe und Theilnahme beweisen, damit sie auch gegen mich Liebe empfinden können; wir wollen uns # 171 unsre Tage unter einander erheitern, einander stets liebreich beystehen mit Rath und That; wir wollen uns die Mühe, die unser Loos ist, einander niemals erschweren; wir wollen uns die kurze Lebenszeit, die wir hier mit einander in Freude und Leid, in Arbeit und Ruhe zuzubringen haben und die wir durch Liebe und Freundlichkeit uns so sehr versüßen könnten, nicht durch ungütiges und unfreundliches Wesen einander verkümmern. Einstens, VII. — auch diesen Gedanken lasset uns endlich noch hinzudenken — einstens, früh oder spät, trennt ja uns und die Unsrigen der Tod! Die, denen wir hier Liebe bewiesen, und die, die wir durch Unfreundlichkeit und Härte gekränkt haben, beyde gehen dann hinüber in eine andre Welt. Gott, wie müßte es uns nach ihrem Abschiede schmerzen, wenn uns unser Herz verklagte, daß wir an ihnen nicht gethan hätten, was wir zu thun schuldig waren. Lebenslänglich müßten wir uns darüber Vorwürfe machen und könnten nie mit Ruhe und Freude an die Abgeschiedenen denken, noch an die Tage, die wir mit und bey einander verlebten. Nun — so müßten wir uns selbst anklagen — nun sind sie nicht mehr hienieden, mein Gatte, meine Gattinn, meine Kinder, meine Eltern, meine Vorgesetzten, meine Untergebenen, nun sind sie nicht 5•5 172 mehr hienieden und können nicht mehr von mir gekränkt und gepeinigt werden, nun sind sie aus dem unfreundlichen Leben hinweggenommen und können sich freuen, daß ich sie nicht mehr kränken kann. Dort droben erholen sie sich nun von dem Leid, das ich ihnen durch meine Lieblosigkeit zufügte. Ach warum wollte ich doch den leidenschaftlichen Regungen meines Herzens nicht Gewalt anthun? warum bemühte ich mich nicht, mich liebreicher zu beweisen? warum verkümmerte und verkürzte ich ihnen doch ihr Leben? warum ließ ich es mir nicht eifriger angelegen seyn, ihnen ihr Leben angenehm zu machen? Denn hätte ich doch itzt noch den Trost, glauben zu dürfen, daß sie meiner mit Liebe und Freude gedenken. Und wenn wir uns einstens einmal wiederfinden in jener Welt, Gott wie wird mir zu Muthe seyn, wenn ich die von mir hienieden gekränkten, gepeinigten Menschen wieder erblicke! Wie werde ich mich vor ihnen zu schämen haben! Wie werde ich mich selbst vor ihnen anklagen, wie es ihnen abbitten müssen, daß ich so unmenschlich und unchristlich gegen sie verfuhr! Wie werde ich es dann mit Reue und Leidwesen beklagen müssen, daß ich ihnen ihr Leben so verbitterte! Wie niedergeschlagen und freudelos werde ich dann seyn, wenn ich das durch den Tod zerrissene Band wieder anknüpfe! — 173 55 Freunde, lieben Freunde, lasset uns doch anziehen herzliche Theilnahme, Freundlichkeit, Demuth, Sanftmuth und Geduld! Lasset uns unter einander uns vertragen und vergeben, wenn wir Klage gegen einander haben; wie Christus vergeben hat, so auch wir! Lasset uns doch in unserm häuslichen Leben vor allen Dingen die Liebe anziehen, die da ist das Band der Vollkommenheit, die da erhöht die Freude des Lebens, die da lindert den Schmerz, die da erleichtert die Arbeit, die da befördert alles Gute, die da tröstet nach dem Tode und beseliget beym künftigen Wiedersehen! Amen. . . . . Das ganze Recht, das württembergische Recht, "Tasthamh ein Mädchen" und wir wir wir sie sich . . . . 1. "T. . 5 — Siebente Predigt. Psalm LXII, 1. Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft. Es giebt keinen rührendern und göttlichern Anblick, sagte einst ein weiser Römer, als den Anblick eines edeln Menschen, der standhaft mit einem widerwärtigen Schicksale kämpft. Und er hatte Recht. Das Leiden eines Jeden, der Mensch ist wie wir, ja das Leiden eines jeden Geschöpfs, auch des Wurmes im Staube, bewegt mehr oder weniger unser Herz. Am meisten ist dies aber der Fall, wenn der Leidende ein edler Mensch ist. Sein Edelsinn gewinnt unser Herz, unsre Theilnahme für ihn; es rührt uns, daß er als ein guter Mensch leidet, 74 175 94 und doch freuen wir uns, daß er nicht verschuldetes Unglück trägt; wir sind begierig, den Ausgang zu sehen; wir wünschen und hoffen, daß der schmerzliche Kampf sich bald endigen möge; wir achten und bewundern die Treflichkeit, die sich in diesem Kampfe grade am herrlichsten offenbart; wir sehen mit einer zwar wehmüthigen, aber erhebenden Freude die Kraft des unvergänglichen göttlichen Geistes, der in dem Menschen ist, womit er sich so ruhig und I muthig dem Leidenskampfe unterzieht. Auch diesen Anblick, meine Freunde, gewährt uns die Familiengeschichte der Ruth, besonders an der Person der Naemi. Es ist rührend, wie das unglückliche Schicksal sie so lange und so empfindlich verfolgt; und es ist bewunderswürdig, daß sie dieſem unglücklichen Schickſale ſo viel Ruhe und Staͤrke . . entgegensetzt. Siehe, sie muß ihr Vaterland verlassen, — muß mit ihrem Gatten und mit ihren beyden Söhnen auswandern, um dem Mangel und der Hungersnoth zu entgehen, — muß im fremden Lande, unter fremden Menschen, unter einem Volke, welches ihrem Volke nicht gewogen ist, ihr tägliches Brodt mühsam suchen, — sie findet ihr Brodt und dankt mit ihrem Gatten und ihren Kindern Gott, und nun nimmt ihr der Herr über Leben und Tod, dessen Gedanken nicht unsre Gedanken sind, ihren Gat 76 90 ten Eimelech von der Seite hinweg, — ihre beyden Söhne verheyrathen sich glücklich mit moabitiſchen Jungfrauen, aber kaum faͤngt in dieſem glücklichen Ereigniſſe die Sonne des Troſtes an, ihr wieder freundlicher zu leuchten, so trifft sie ein neuer Schlag, der ihr nun auch ihre beyden Söhne raubt, — verlassen von allen dreyen Geliebten, mit denen sie gekommen war, steht sie nun einsam in der Fremde, ach du guter Gott, die Arme, die sich vorher so reich fühlte, die Elende, die vorher so glücklich genug war, — so arm und elend kehrt ſie jetzt in Begleitung ihrer einen Schwiegertochter mit schwerbeladenem Herzen ins Vaterland zurück, benetzt den vaterländiſchen Boden, wo ſie ihn wieder betritt, mit Thränen, begrüßt ihre alten Bekannten und Nachbarn mit Seufzen, und muß nun allem Anscheine nach ihr Leben, muß die Tage ihres Alters unter den schmerzlichsten Rücker innerungen und nicht ohne Sorgen der Nahrung verleben. Aber, wie erträgt sie dieses harte Schicksal? — . . Welch, ein rührender, welch ein göttlicher Anblick! — mit inniger Ruhe, mit seltener Stärke erträgt sie es. Sie murrt nicht und klagt nicht; sie verſinkt nicht in weichlichen Mismuth; ſie überläßt ſich keinem unvernünftigen Verzagen und keiner trät gen Traurigkeit; ſie bleibt ruhig, behält Muth und ⁵⁵ 177 Ueberlegung, sorgt wie zuvor für ihre einzige übriggebliebene Tochter und fährt fort in der gewohnten Arbeit. Und diese ihre Ruhe ist nicht Gefühllosigkeit; denn sie hat eine zarte seine Seele, die fremden Schmerz, wie ihren eigenen, fühlt. Auch nicht bittere trotzige Ergebung in ihr Schicksal; denn ihr Herz iſt voll Liebe und voll ſanften Friedens. Ihre Geduld ist eine Geduld bey gefühlvollem Herzen und bey völliger Besonnenheit. Ihre Gemüthsstimmung ist die, welche so einfach und so kräftig in unsern Textesworten ausgedrückt steht: „meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft.“ O Freunde, wie konnte doch Naemi alles dieses leiden? wie konnte sie doch alles dies Ungemach, welches sie verfolgte, so ruhig und standhaft ertragen? — — . . . (Gesang) . . . . . . Was machte denn doch Naemi ſo ruhig und stark im Unglücke? — — . . . I. („Die unangenehmen Erfahrungen, die sie schon früher gemacht hatte, hatten sie gestärkt.“) M 2h. II. # 178 Wir wissen es aus der Erfahrung, daß wahrer Muth, getroſter Sinn, Gelaſſenheit des Gemüths, Stärke der Seele in der Schule des Lebens besser erlernt werden, als in den Schulen der Weisen. Je größer die Unannehmlichkeiten und Widerwärtigkeiten sind, die wir überstehen, desto kraftvoller wird unsre Seele. Wer Ein Leiden ertragen hat, der verzagt nicht so leicht vor dem Andern. Wer mehrere geringere Leiden erduldet hat, der erschrickt nicht muthlos, wenn eins hereinbricht, das auch viel größer ist. Wer in den frühern Jahren des Lebens schon dulden gelernt hat, der ist schon gefaßter und stärker, wenn nachher die höhern Jahren Leiden und Trübsale mit sich führen. Unangenehme Erfahrungen, die man früher gemacht hat, machen uns ruhiger und stärker zur Ertragung der Leiden, die uns später treffen. Eben dies mochte auch wohl bey unsrer Naemi der Fall seyn. Denn es war nicht das erste Leid, welches sie trug, als sie mit Ruth in stiller Einsamkeit Kummerbrodt aß. Sie hatte schon früher Mangel und Noth erfahren; hatte schon, um der Hungersnoth. zu entgehen, aus ihrem Vaterlande auswandern und unter einem fremden Volke ihr Brodt suchen müssen; hatte schon zwey erwachsene und verheyrathete Söhne, ja hatte schon ihren Gatten sterben sehen. Was für ein Schmerz konnte ihr nun . 40 179 wohl nach solchen schmerzlichen Erfahrungen noch ungewohnt vorkommen? Welche Hitze der Trübsal konnte ihr noch begegnen, die sie befremdet hätte? Was für Herzeleid konnte sie noch treffen, das drückender gewesen wäre? Was für Kreutz hätte sie wohl muthloser machen oder noch mehr beunruhigen können? Früher gemachte Erfahrungen pflegen den Leiden, die uns überkommen „das Befremdende zu benehmen, "wodurch sie uns sonst beunruhigen und erſchrecken. Wenn wir zum erſtenmale in Verlegenheit und Noth gerathen, Verlust erleiden, von Krankheiten, Sterbefällen oder anderm Ungemach überfallen werden: wie geängstigt sind wir dann; wie schwer wird es uns dann, uns in das Ungemach zu finden; wie will uns dann der Muth entfallen; wie meynen wir dann, daß wir es nicht würden überstehen können. Haben wir aber schon mehrmals die Schreckensgeſtalt der Leiden erblickt: so erbeben wir schon weniger, wir kennen sie schon, sind mit ihr schon vertrauter. Auch wissen wir es dann schon aus Erfahrung, „ wie viel Kraft der Mensch hat,“ wie viel er ausstehen kann. Erst die Noth lehrt den Menschen alle seine verborgene Kraft finden und fühlen. So lange es ihm nach Wunsch geht und er nicht durch irgend ein Bedürfniß, durch irgend eine Noth gezwungen wird, sich anzustrengen, wird er nicht geM 2 5 wahr, wie viel Vermögen und Stärke in seinem Gemüthe liegt. Daher wird ihm vor den ersten Schwierigkeiten, die ihm vorkommen, bange; die ersten Anfälle der Leiden können ihn, wenn er nicht auf ſeiner Hut iſt und mit feſten Vorſätzen ſich waſſe net, leicht aus der Fassung bringen; er hat nicht Selbstgefühl genug, weil er die Kraft seines innern und äussern Menschen noch nicht genug kennen gelernt hat. Aber lasset ihn eine Reihe von drückenden und ängstigenden Erfahrungen durchgehen: und er wird bald inne werden, wie mächtig Gottes Kraft im schwachen Menschen sey, er wird beym Einbruch neuer Trübsal nicht leicht mehr fürchten, daß er werde versucht werden über sein Vermögen. Und weiß er es nicht auch, „daß jeglichem Leid ein Ziel gesetzt ist?“ daß es in der Natur der Leiden liegt, endlich ein Ende zu nehmen, und in der Natur, des Menſchen, endlich den Schmerz nicht mehr zu fühlen? daß auf Kreutz endlich wieder Heil, auf Kampf Ruhe, auf Leid Freude folgt, wie Sonnenschein auf langen Sturm und Regen? Alle dieſe Erfahrungen wirken in dem Menſchen 1 ein gewisses Gefühl innerer Kraft, welches ihm Muth einflößt. Bey dieſem Selbſtgefühl verzagt er vor keinem Schrecken der Trübsal; er fürchtet nicht, daß er ganz erliegen werde; ruhig und ungeängstet läßt er das Unglück über sich ergehen; seine Seele 1.7.2 131 ✋⁰ ist stille zu Gott, denn er kennt schon aus früherer Erfahrung die Hülfe, die uns in der Noth zu Theil wird; die Kraft, die er in sich fühlt, strengt er an und mit zunehmender Noth fühlt er auch seine Kraft . zunehmen. So gieng es auch zu, daß manche große Männer so große Thaten thun, so viele Schwierigkeiten überwinden, so heftige Verfolgung ertragen, so ſchmerzliche Leiden erdulden konnten. In der Schult früher Erfahrung hatten sie, gelernt, muthig und ſtark ſeyn. Erinnert euch nur an Moſes, David, Paulus, die Jünger Jesu und viele andre wohlbe kannte Männer, die große schwere Thaten gethan und harte Leiden erduldet haben: — sind sie: nicht faſt alle aus dieſer Schule der Erfahrung hervorgegangen? haben ſie nicht darin erlernt, was tauſend andre bey weit größerer Einſicht und Kenntniß in den Schulen der Gelehrten nicht haben erlernen können, freudigen Muth, der die Trübsal nicht fürchtet? Und zeigt sich hier nicht die Erfahrung als die beſte Lehrmeiſterinn, die uns zum Gleichmuthe, zur Seelenruhe führt und uns stark macht gegen die Widerwärtigkeiten? Darum sollten wir doch — dies sey die Lehre, die wir hieraus ziehen — darum sollten wir doch nicht unzufrieden klagen, wenn schon in den frühern Jahren unſers Lebens widerwärtige Schickſale uns 182 50 treffen. Freylich wünscht man in der Blüthenzeit des Lebens vorzüglich, in ungetrübter Freude dahin zu gehen und am Lebenspfade lauter Blumen zu pflücken; man vermuthet, daß man in spätern Jahren noch früh und oft genug werde klagen und seufs, zen und an Dornen sich verwunden können. Aber wer es einsieht, wiel viel darauf ankomme, ein festes, ruhiges und starkes Gemüth aus den Jahren der Jugend in die Jahre der ernstern Sorgen und Geschäfte, wo so manches Unangenehme und Widerwärtige auf uns wartet; mit hinüber zu nehmen, der wird nicht murren, wenn er auch in der frühen Blüthenzeit schon bisweilen auf Dornen geführt, und mit Ungemach heimgesucht wird. Er wird durch das frühe Ungemach sich belehren und üben lassen; damit er inskünftige, wenn schwerere Leiden oder auch nur beschwerliche Arbeiten sein Loos werden, so wie Naemi ruhig und stark seyn möge. Und wenn ihn, so wie Naemi, in spätern Jahren das Herzeleid trift, dann wird er (Ebr. X, 32. 35.) gedenken an die vorigen Tage, da er ſchon Kämpfe der Leiden erduldet, und sein Vertrauen nicht verwerfen. II. Bey Naemi kam indeß zu jenen frühern Erfahrungen auch noch eine gewisse Weisheit, die, wenn sie recht lebendig in dem Menschen wird, den Mangel jener Erfahrungen zum Theil ersetzen kann, 83 0 ich meyne den religiösen Glauben, der sie belebte. In ihrer ganzen Denkungsart und in ihrem ganzen Betragen zeigt sich derselbe wirksam. Sie wandelt gleichsam an Gottes eigener Hand durchs Leben. Alles, was ihr und was Andern begegnete, ſah ſie als Göttes Fuͤgung an. Die Freuden, die ihr wurden, wie die Leiden, die ihr zustießen, betrachtete sie als von Gott gesendet. Was sie von der Zukunft erwartete, das erwartete sie von Gott. Als sie im Moabiterlande vernahm, daß in ihrem Lande die Theurung und Hungersnoth aufgehört hätte, so freute sie sich, daß Jehovah sich seines Volks wieder angenommen und ihm Brodt gegeben. (Cap. 1, 6.) Als sie bey ihrer Rückkehr in ihre Vaterstadt von ihren Freunden und Bekannten bewillkommet wurde, sie aber des vielfachen Jammers gedachte, den sie bisher erlebt hatte, so konnte sie auch in diesem Jammer und Elend, welches ihr zugestoßen war, die Hand Gottes nicht verkennen: nennet mich nicht mehr Naemi, sprach sie, (das heißt auf Deutsch, die Freundliche, die Vergnügte) sondern nennet mich Mara, (das heißt auf Deutsch, die Betrübte) denn Jehovah hat mich betrübet, der Allmächtige hat mich mit Unglück geschlagen. (Cap. 1, 20. 21.) Als sie bey ihrem Abschiede aus dem Moabiterlande ihren Töchtern Glück und Segen wünschte, erwartete sie denselben nur von eben die 44 13. sem Götte: Jehovah, sprach sie, vergelte euch die Liebe, die ihr an den Verstorbenen und an mir bewiesen habet. (Cap. 1, 8.) Der Gedanke an diesen Jehovah war ihr stets gegenwärtig, der Glaube an ihn und seine allwaltende Regierung war in . ihrem Herzen lebendig und innig. O wie wohl mußte ihr durch diesen Glauben werden! welch eine Ruhe, welch ein sanfter stiller Friede mußte dabey ihre Brust erfüllen. Wandelte sie nicht auch auf den finstersten Pfaden an der Hand eines sichern Führers, von dem sie überzeugt seyn konnte, daß er auch dann, wann er durch Dornen sie führte, den besten und sichersten Weg leite? Wandelte sie nicht, im Glauben, wie das Kind an der Hand seines Vaters? Brauchte sie wohl, geleitet an dieſer Hand, irgend eine Gefahr, irgend einen Unfall zu füchten? Und muß ich auch schon wandern durchs finstre Thal, hätte sie mit dem Psalmendichter sagen können, so fürchte ich doch kein Unglück; denn du bist ja bey mir, dein Stecken und Stab trösten mich! Denn das ist dem wahrhaft religiösen Menschen, in dem der Glaube an. Gott und seine Vorsehung recht fest und lebendig geworden ist, eigen, daß er durch die Schicksale des Lebens nie aus der Fassung gebracht wird. Es kann ihm nichts geſchehen, als was Gott hat ersehen und was ihm heilsam ist. # Er sieht nicht allein überall Gottes Hand, sondern er erkennt auch „alle Wege und alle Werke Gottes für gut“ (Sirach 39, 39. 40.) Er weiß es sich zu bescheiden, daß er viel zu kurzsichtig und zu schwachsichtig sey, um über Gottes Anordnungen ein richtiges Urtheil fällen zu können. Demüthig legt er, wo seine Gedanken nicht Gottes Gedanken sind, seine Hand auf den Mund und betet schweigend die Wege des Unerforschlichen an. Er glaubt, so schwer ihm der Glaube auch bisweilen werden mag, daß der Herr seinen oft so wunderbaren Rath, endlich herrlich hinausführe.“ Ob also der Pfad seines Lebens über Dornen oder über Blumen, üher Ebenen oder über steile Felsen führt: er bleibt in seiner Ruhe und Fassung sie gleich. Er weiß es ganz gewiß, daß er auf dem Wege, worauf Gott ihn fuͤhrt, endlich und zuletzt ins erwünschte Land getangen, und daß sich ihm dort die väterliche Herrlichkeit im schönern Glanze offenbaren wird. Ja, müßte er auch noch so lange den Weg der Trübsal gehen, er murrt und zaget nicht: endlich, das sieht er im Glauben; endlich kömmt doch der, der da kommen soll. (Ebr. X, 37.) Auch hat er zu seinem Führer und Vater das Zutrauen, daß er ihn unter den Leiden dieser Zeit mit seinem, Troste und Beystande nicht verlassen noch versäumen werde.“ Er versteht sich zu ihm des 44 186 Besten und kann sich daher, nie trost= und hülflos glauben. Wenn die Noth am größten ist, so fühlt er Gottes Hülfe am nächsten. Wenn auch gegen den Schmerz der Leiden nicht augenblicklich Linderung und Trost sich zeiget, so weiß er es aus mancherley Erfahrungen, daß die alles ändernde Zeit von Gott eine Kraft bekommen hat, die allmählig jedem Schmerze ſeinen Stachel, allen Leiden ihre Bitterkeit nimmt. — Es ist leicht einzusehen, wie viel dieser Glaube an Gottes alles wohlmachende Regierung, an seinen unausbleiblichen Trost und Beystand und an das glückliche Ende, welches er zuletzt allem Leiden macht, dazu beytragen muß, das unruhige Herz zu stillen und den Muth gegen die Widerwärtigkeiten zu beleben. In diesem Glauben liegt für den Armen ein köstlicher Reichthum, für den Schwachen eine mächtige Kraft, für den Wankenden eine starke Stütze, für den Verwundeten ein wohlthuender Balsam. Die weisesten und besten Menschen haben die Wohlthätigkeit dieses Glaubens zu jeder Zeit erkannt, sie haben es durch Wort und That gelehret, daß der an Gott glaubende redliche Menſch nichts Böſes zu befürchten habe, sondern auch unter den größten Widerwaͤrtigkeiten ruhig und getrost sein Werk wirken könne. Welche Menschen waren es auch, die die schwersten Thaten am eifrigsten verrichten konnten? 187 44 wer konnte die großten Schwierigkeiten am muthigsten überwinden? wer konnte die schrecklichsten Gefahren am ruhigsten besiegen? wer konnte die schmerzlichsten Leiden am geduldigsten ertragen? wer konnte die schwierigsten Werke am besten zu Stande bringen? Waren es nicht diejenigen, die sich von dem Glauben an einen höhern Beystand, von dem Vertrauen auf eine mächtige göttliche Hülfe begeistert fühlten? Man lese, was der Apostel im Xlten Capitel seines Briefes an die Hebräer von dem gläubigen religiösen Sinne rühmt, wie durch ihn gestärkt Menschen Königreiche bezwungen, der Löwen Rachen gebändigt, Feuerslammen ausgelöscht, Spott, Geisselung, Bande und Gefängniß, Mangel und Noth, Trübsal und Ungemach ertragen haben. Und dann wird man es ohne weiters begreifen, wodurch die fromme Naemi so ruhig und stark geworden sey; ihre mannichfaltigen Leiden zu erdulden. — Doch, lasset mich, drittens, nochmals fragen: was machte Naemi so ruhig und stark im Unglücke) — III. Gott sey gelobt, Freunde, sein Wort ist unsers Fußes Leuchte, wenn wir wandern im finstern Thale; er betrübet wohl, aber er erbarmt sich auch nach seiner großen Güte; er sendet wohl Leiden und Trübsal über uns, aber er sendet daneben auch Tröstungen, die unsre Seele ergötzen. Auch 188 S hievon zeugt wieder die Geſchichte der Naemi: wir ſehen, daß auch die tröſtlichen Erquickung gen, die ihr in den Tagen der Leiden den, dazu beytravon Gott zu Theil wu gen, sie ruhig und stark in der Erduldung desselben zu machen. . Bey allen ihren Leiden erfuhr sie nemlich doch immer noch Gottes Trost und Beystand; wie viel sie auch verlohr und entbehren mußte, immer wendete ihr Gott doch noch irgend ein Glück zu, woran sie ihr Herz erheitern und womit sie sich beruhigen und ermuntern konnte. In der Zeit des Kriegs und der Theurung mußte sie Mangel= und Noth ertragen; aber sie hatte zum Troste doch noch einen Gatten und zwey Söhne, die ihr Schicksal liebreich theilten und ihr mit Rath und Hülfe zur Seite giengen. Sie mußte des Mangels wegen ihr Vaterland verlassen: aber sie hatte den Trost, daß sie zu dem fremden Volke nicht ganz allein zu wandern braucht te, sie wanderte von den Ihrigen begleitet. Gott nahm ihr den theuren Gatten von der Seite hinweg und das im fremden Lande; aber nun hätte sie den Trost, ihre beyden Söhne erwachsen zu sehen und bey denen Hülfe und Beystand zu finden. Auch diese beyden Söhne wurden, als sie eben erst verheyrathet waren, ein Raub des Todes: aber der hart geſchlagenen Mutter gab Gott zum Troſte zwey 189 90 Schwiegertöchter, die sie liebten. Zwar mußte auch die eine von ihnen sie verlassen und konnte ihr auf der Rückkehr ins Vaterland nicht folgen: aber dafür fand sie auch jetzt wieder Trost und Labsal in der seltenen Treue und Liebe der andern Tochter, die auf alles andre Verzicht that, um der verlassenen Mutter zu folgen und ihr den Gatten und die Söhne durch mehr als kindliche Sorgfalt und Pflege zu ersetzen. Zwar mußte es ihr empfindlich seyn, an dem Orte, wo sie einst mit ihrem Gatten und mit ihren Söhnen ihr Leben und ihre Sorgen theilte, nun so einsam und mit der theilnehmenden Tochter so allein zu seyn: aber es lebte ihr Glück in dem Glücke ihrer Tochter, in der Freundschaft des Boas und in dem Enkel, den sie auf ihrem Schooße wiegte, aufs neue wieder auf. — Die ganze Geschichte der Naemi ist uns ein Beweis dafür, daß Gott dem leidenden Menschen bald durch diese, bald durch jene Erquickung, die er oft unvermuthet und gemeiniglich im Stillen sendet, nicht blos Labsal und Trost, sondern auch die nöthige Kraft und Stärke zu geben pflegt, welche ihm die Erduldung der Lei. . den erleichtert. Zeugt nicht überhaupt das Leben so vieler leidenden Menschen dafür, daß Gott den Menschen nicht verläßt noch versäumt? Wie „mancherley Umstände" kommen uns in den Tagen der Leiden zu Huͤl 19 ✋⁰ fe, daß wir die Last desto leichter ertragen können! Hier liegt ein Armer, der unter dem Drucke der Nahrungssorgen seufzt, indeß so mancher Andre im Ueberflusse schwelgt: aber dagegen hat er auch den Vorzug und den Trost, einen gesunden starken Körper zu besitzen. Dort liegt ein Kranker auf dem Lager und klagt über seine Schmerzen: aber dabey hat er auch den Trost, die Theilnahme guter Menschen und die Sorgfalt und Verpflegung treuer liebreicher Freunde zu genießen. Hier nagt am Herzen guter Eltern der Kummer über einen misrathenen Sohn, oder über eine misrathene Tochter: aber dafür läßt sie Gott an einem andern Sohne, an einer andern Tochter wieder desto mehr Freude erleben. Dort wird ein Unschuldiger gekränkt und verfolgt: aber auf der andern Seite tröstet ihn wieder die Achtung und Liebe guter Menschen, die ihm Gerechtigkeit wiederfahren lassen. Wer hier verliehrt, gewinnt dafür dort; ja oft liegt in dem Verluste selbst ein größerer Gewinn, den der Mensch bald dafür erkennt. Das sind weise liebreiche Fügungen des großen Vaters, der über seine Kinder waltet und ihrer auch in ihren Leiden nicht vergißt. Durch solche Fügungen wird Gott im Schwachen mächtig. Nehmet dazu insbesondere, den Trost der Freundschaft“. Welch eine reiche Quelle kräftiger Beruhigung ist sie! Der Leidende schöpft aus ihr, und sie 191 ⁵⁵ versagt ihm nicht. Ist er in Verlegenheit, so findet er bey seinem Freunde Rath. Ist er in Noth, so findet er bey ihm Hülfe. Leidet er Schmerzen, ſo findet er bey ihm Theilnahme und Linderung. Ist ihm wegen der Zukunft bange, so wird des Freundes Ermunterung ſeinen Blick erheitern. Wird er schwach, so stärkt ihn des Freundes Muth und Kraft. Ja selbst den Weg des Todes wandelt er getroster, vom Arme des Freundes gestützt. Und wie selten mag unter guten Menschen Einer im Unglücke leben, dem es an diesem Troste der Freundschaft ganz und gar gebräche! Selbst der, der keinen Jonathan zum Freunde und keine Ruth zur Freundinn hat, findet doch wenigstens den einen und andern Menschen, der es gut mit ihm mehnet, dem er seine Angelegenheiten entdecken und auf dessen Liebe er sich verlassen darf. Und so sendet der Herr im Himmel dem einen Menſchen in dem andern einen Engel, der in Tagen der Trübsal ihn stärkt. Lasset es dem Unglücklichen aber auch an diesem Troste fehlen: Einen Trost kann auch der Verlassenste finden, die Erquickungen der Religion. Sie, die von vielen Glücklichen so sehr verkannte und vernachläßigte Gefährtinn der Menschen auf dem Lebenswege, wird gewiß von dem Unglücklichen nach ihrer Würde und Wohlthätigkeit erkannt und mit 64 192 Freude aufgenommen. Sie tritt in freundlicher und feyerlicher Gestalt ihm an die Seite, und versteht es, sein Herz zufrieden zu stellen. Wenn er in den Schicksalen seines Lebens lauter Nacht und. Finsterniß sieht: so geht von ihr ein Lichtstrahl aus, ihm seinen Weg zu erhellen. Wenn ihn die Hitze der Trübsal drückt, so reicht sie ihm aus ihrer Linken den Kelch des Glaubens zum Labsal. Wenn ihm der Muth entsinken will, so weiset sie ihn mit ihrer Rechten hinauf zu den Sternen, zur jenseitigen Welt, wo sein Glaube in Schauen wird verwandelt werden. Wenn er unter dem Drucke des kurzen mühseligen Lebens erliegen will, so läßt sie ihm in ihrem Sternenkranze die Hoffnung eines ewigen und höhern Lebens entgegenschimmern. Sie erfüllt seinen Geist mit hohen Gedanken, die ihm die Mühseligkeiten und den Jammer dieser Zeit erst im rechten Lichte zeigen. Sie eröffnet ihm Ansichten, die ſein Gemüth erheben. Sie ſchwellt ſeine Bruſt an mit heiligen Hofnungen, über denen er die Erde und ihr Leid vergessen kann. Sie läßt vor seinen trüben Augen freundliche Bilder schweben, deren Anblick seinen Sinn erheitert. Der Unglückliche hält diese Bilder fest, er öfnet seinen Geist und sein Herz den hohen Eingebungen der Religion und findet Frieden. Herr, wes soll ich mich trösten? ruft er aus: hoffe auf Ihn! antwortet ihm die Stimme der Re 93 64 ligion. Gottes Hülfe fühlt er nahe und spricht: und müßt' ich auch wandern durchs finstre Thal, so fürchte ich doch kein Unglück; denn Du bist ja bey mir, dein Stecken und Stab trösten mich. (Ps. 23, f.). Gottes tröstliche Erquickungen machen ihn stark; er betet wie Assaph: dennoch bleib' ich stets an dir, denn du hältst mich an meiner rechten Hand, du leitest mich nach deinem Rath und nimmst mich endlich zu Ehren an. Wenn ich nur dich habe, so frag' ich nichts nach Himmel und Erde, und wenn mir dann auch Leib und Leben verschmachtete, so bist doch du, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Theil! (Ps. 75, 23 — 26.) IV. Aber freylich, meine Freunde, alle diese tröstlichen Erquickungen, wodurch Gott dem Leidenden beyzustehen pflegt, alle diese Stärkungen, welche der religiöse Glaube gewährt, und alle frühern Erfahrungen, wodurch der Mensch vorbereitet und geübt wird, versagen ihre sonst so wirksame Kraft, wenn nicht auch viertens noch das Bewustseyn der Unschuld hinzukömmt. Nichts kann im Wohlergehen So unser Glück erhöhen Als ein unschuld'ges Herz: Das schafft uns innre Freuden! Nichts mildert ſo im Leiden Wie dies, durch Trost den größten Schmerz! M. U. # 94 Denn nie drückt ein Leiden schwerer, als wenn man nebenher noch die Pein innerer Vorwürfe empfindet oder wohl gar zu sich selbst sagen muß: das ist meiner Sünde Schuld, daß ich so gestäupet werde. Drücken uns gleich unverschuldete Leiden oft auch schwer genug, so haben wir dann doch den Trost, daß wir ein gutes Gewissen haben. (Ebr. XIII, 18.). Es ist nemlich der Unschuld eigen, daß das Bewustseyn derselben „etwas erheiterndes und stärkendes“ mit sich führt. Ich habe doch das Meinige gethan, kann der Redliche im Unglück sagen, mein Gewissen plagt mich nicht auch meines ganzen Lebens halber. Und dieser Gedanke ist ihm der beste Freundin der Noth. Es thut ihm so wohl, daß er weder vor sich selbst noch vor irgend einem guten Menschen zu erröthen braucht. Der Unglückliche hingegen, dem es an diesem Bewustseyn der Unschuld fehlt, wie doppelt elend ist er doch! das Gefühl seiner Unwürdigkeit, die Schaam vor sich selbst und vor jedem guten Menschen, die Vorwürfe, die er sich selbst machen muß und von Andern erwarten kann, wie wird dadurch seine Ruhe gestört und sein Schmerz vermehrt! Auch der Erheiterung, die dem Unschuldigen durch die „Erinnerung an das vollbrachte Gute“ zu Theil wird, kann er sich nicht erfreuen. Wenn der Redliche im Bewustseyn der Unschuld in die Vergangenheit zurückblickt, so empfindet er im . 195 # Anblicke seines geführten unbefleckten Lebenswandels eine wahre Erholung und eine stärkende Erquickung; dieser Anblick lindert sein Leiden, die Rückerinnerung an das vollbrachte Gute benimmt ihm gleichsam einen Theil seines Schmerzes. Aber er, der sich nicht unschuldig weiß, muß seine Leiden ohne diese Linderung tragen; vielmehr quält ihn noch dazu der Rückblick in sein vergangenes Leben, und die Erinnerung an die Untugenden, die er geübt, verursachen ihm ein zwiefaches Leiden. Der „Gedanke an Gott und Zukunft“ ist ihm dabey ein erschrecklicher Gedanke. Seine Sünde schied ihn und seinen Gott von einander; Ihm hätte er ähnlich werden sollen und er entfernte sich von ihm; Ihm hätte er sich wohlgefällig machen sollen und er achtete der Gnade Gottes nicht: dies fühlt er nun, und in diesem Gefühle hat er keinen Muth, froh zu Gott aufzuschauen, bey dem Gedanken an die künftige Welt. O wie wohl wird dem Leidenden dagegen, wenn er seine Augen zu Gott aufschlägt, der seines Angesichts Hülfe und sein Vater ist! welch ein Trost ist es für ihn, daß er es sich selbst bewußt ist, er habe dem Geiste seines Vaters im Himmel nicht widerstrebt! und wie erheitert wird seine Seele, wenn er an die Zukunft gedenkt, wo Schmerz und Seufzen der Erde nicht mehr seyn wird. In dem Bewustseyn, der Liebe seines Gottes nicht unwürdig zu N 2 19 55 seyn und in dem Vorgefühl des Friedens jener Welt, achtet er dieser Zeit Leiden nicht werth der Herrlichkeit, die an uns einstens soll offenbaret werden. Und hiedurch wird seine Seele stille und stark, die Trübsal zu ertragen. — Wahrlich Naemi wäre im Unglücke nicht so ruhig und stark gewesen, hätte sie nicht stets auf Gottes Wegen gewandelt. Nun aber, da sie mit ihrem Glauben und ihrer Hoffnung einen edlen Lebenswandel verbunden und stets das Bewustseyn der Unschuld bewahrt hatte, nun konnte sie ruhig und getrost seyn in den Tagen der Noth. Von der Zukunft hatte sie nichts zu befürchten; für die Gegenwart erquickte sie der Trost eines guten Gewissens; und aus der Vergangenheit erheiterten sie die Erinnerungen guter Thaten! — Naemi's Ruhe und Stärke werde jedem Leidenden unter uns! und Naemi's Sinn, meine Freunde, werde der Sinn eines Jeden, der so ruhig, wie sie, will leiden können! Amen. . 197 • — . . . . . Achte Predigt. . Ephes. IV, 5. Seyd fleißig zu halten die Einigkeit im Geist, durch das Band . des Friedens. . . . „Nicht Dir, großer liebevoller Vater, nicht Dir, „ nein, uns selbst haben wir es zuzuschreiben, wenn „unter Deinen Verhaͤngnissen die Ruhe unsers Her„zens verschwindet; unserer eigenen Thorheit und „Unbedachtsamkeit Schuld ist es, wenn wir den „ stillen Frieden verliehren und die Lasten des Lebens „ mit Mismuth und Unzufriedenheit ertragen. Denn „Du willst, daß allen Menschen geholfen werde! „Ach zu Dir können wir uns überall und immer „alles Guten versehen. Deine Erde ist schön und 196 55 „Deine Fügungen sind weiſe: Was Du thuſt, das „ist wohlgethan. Bedächten wir nur immer, was „zu unserm Frieden dient und sorgten wir doch nur „selbst so treu und weise für unser Glück, wie Du „es thust, erhabner Regierer unsers Schicksals. „Aber wir bitten und empfangen nicht, darum weil „wir übel bitten; wir suchen und finden nicht, da „rum weil wir unrecht suchen; mit unruhigem Her„zen haschen wir nach Ruhe, mit zerstreuter Seele „trachten wir nach Einigkeit des Geistes, mit ge„ theilten Kräften wollen wir ein Werk wirken, das „wir nur mit vereinigten Kräften wirken können: „ wie könnte uns Ruhe, wie könnte uns Friede wer„ den! — Herr, erleuchte uns; daß wir einsehen „ mögen, wie weise du uns führest! Herr, stehe „uns bey, daß wir mit Weisheit wandeln Deine „weisen Wege! Amen. . In vieler Menschen Leben giebt es keine glücklichern froheren Tage, als die Tage, da sie in den Stand des häuslichen Lebens treten wollen. Wir selbst dürfen nur zurückdenken an die vorigen Jahre, an die vergangene Zeit: wie froh sahen wir grade in diesem Zeitpuncte ins Leben hinein; mit welchen angenehmen Erwartungen giengen wir der Zukunft entgegen; wie erschallten uns aus der Welt und . . 44 ihren mannichfaltigen Abwechselungen lauter Töne (63.) . . . der Freude. Und diese unsre Freude in diesem Zeitpuncte ist auch nicht ungegründet. Denn das häusliche Leben mit seinen Verhältnissen, worein wir dann treten, bietet uns mancherley neue Freuden an, die wir vorher nicht kannten, Freuden, die in keinem Stande, ausser dem häuslichen, zu finden sind. Es beschränkt zwar in manchen Stücken unsre Freyheit, aber auf der andern Seite läßt es uns, was doch eines jeden verständigen Menschen Wunsch ist, festen Fuß fassen. Wir sehen darin zwar mehr Mühe und Arbeit, die auf uns wartet, aber daneben auch treue geliebte Gehülfen, die uns beyzustehen von Herzen bereit sind. Es bringt zwar manche neue Sorgen und Kümmernisse über uns, aber dafür bringt es uns auch in Verbindung mit Menschen, deren Liebe und Freundschaft uns alle Leiden mildert und alle FreuI 117 den verfüßt. Schade nur, daß es bey diesem frohen Sinne, womit wir ins häusliche Leben kommen, und bey der stillen Glückseligkeit, die uns beym Eintritt in dasselbe entgegen kömmt, bey so vielen Menschen nicht lange bleibt! Wie Manche haben sich in ihren Erwartungen frühe schon getäuscht gefunden! Es hat nicht lange gedauert und ihr Glück war schon verschwunden! Wer weiß es nicht, in wie vieler 200 # Menschen Herz und Haus, nicht Ruhe und Frohsinn, sondern Unruhe und Unzufriedenheit wohnt? Wer weiß es nicht, wie viele Menſchen in ihrem Herzen stets beunruhigt und in ihren Häusern geplaget sind? So ist es ungeachtet aller der frohen Hoffnungen, ungeachtet aller der goldnen Träume, womit man, in jugendlicher Unerfahrenheit das häusliche Leben zu betreten pflegt. Lasse sich aber durch diese Erfahrung ja Niemand schrecken: glaube vielmehr ein Jeder, daß der durch das häusliche Leben wirklich unglückliche Mensch es in der Regel durch seine eigene Schuld iſt. Denn, ich bitte euch, wie kann Jemand wirklich glücklich ſeyn, wenn er ſein Herz vor der Freude verschließt oder für dieselbe unempfänglich macht? Wie kann Jemand wirklich Ruhe und Freude haben, wenn er sich den beunruhigendſten Gedanken preisgiebt und ſich durch ein unbeſtimmtes oder verkehrtes Benehmen ſelbſt Quaalen bereitet? „Jener Mensch wollte seine Wiesen bewäschten; und er vergaß nicht allein, ſern und befr Quellen fruchtbaren Wassers zu öffnen, sondern verſtopfte ſie ſogar: als nun nachher ſeine Wieſen verdorrten, war es da nicht seine eigene Schuld? Jener Menſch wollte ſich ein Haus bauen, und er vergaß, einen guten Grund zu legen: als nun nachher das Haus wankte und im ersten Sturme ein 201 ✋ stürzte, war es da nicht seine eigene Schuld? Grade so machen wir es nur gar zu häufig, wenn wir im häuslichen Leben unser Glück zu bauen, uns Segen zu bereiten gedenken: wir vergessen oft das wichtigste, die Grundlage. Dies lasset uns einmal näher erwägen. (Gesang.) . 15 Wenn ein Menſch die Einigkeit im Geiſte nicht kennt und selbst nicht recht weiß, was er will; wenn er die Bande des Friedens nicht kennt und sich mit denen, die um ihn sind, nicht versteht; wenn er den großen Geist, der die Welt regiert, nicht kennt und sich in dessen Fügungen nicht schicken kann: wie kann er dann vergnügt seyn, wie kann er dann auch in den günſtigſten häuslichen Verbindungen ſein Glück finden? Hier fehlt es, Freunde, hier. An dieser Einigkeit des Geistes, an diesem Frieden mit sich und mit der Welt, an dieser innern Uebereinstimt mung fehlt es; denn . Harmonie ist die Grundlage des häuslichen Glücks. — 5 202 Haltet diesen Gedanken eine Weile fest und erwäget ihn mit mir in drey Betrachtungen. . — 1 I. Es giebt, ihr wisset es ja, erstlich eine Harmonie des Menschen mit sich selbst, ohne welche kein Glück des Lebens Statt findet, ohne welche alle, auch die lieblichsten, Töne der Freude keine Haltung haben und keinen wahren Genuß gewähren. Geist und Herz, Vernunft und Wille, Temperament und Freyheit müssen unter sich eins seyn und im Bunde stehen; der Mensch muß mit sich selbst übereinstimmen und nicht mit sich in Widerspruch gerathen; alle seine Gedanken, Neigungen, Entschließungen und Thaten müssen ein wohlgeordnetes Ganze, müssen gleichsam einen wohltönenden Accord ausmachen; der seinem eigenen Herzen wohlthut; oder mit andern Worten: der Mensch muß mit sich selbst einig seyn, in seinem Wollen und in seinem Vollbringen. Wenn ich sage, der Mensch müsse mit sich selbst einig seyn in seinem Wollen, so meyne ich, er müsse in allem seinem Thun und Lassen bestimmt wissen, was er will; er müsse nichts wollen, was er nicht zu erreichen sich Hoffnung machen darf; er müsse in seinem Wollen nicht wankelmüthig und schwankend seyn; sondern stets ein bestimmtes festes Ziel im Auge haben. Und wenn ich sage, der Mensch müsse 20 S mit sich selbst einig seyn in seinem Vollbringen: so meyne ich, er müsse es sich stets angelegen seyn lassen, sein einmal bestimmtes Ziel zu erreichen; er müsse alle seine Gedanken und Bemühungen auf dieſes Ziel hinrichten; er muͤſſe nicht müde werden und sich weder durch innere noch durch äussere Versuchungen abhalten lassen, auf der einmal mit weiser Ue. legung betretenen Bahn fortzugehen. Ohne diese Einigkeit, ohne diese Harmonie mit sich selbst findet weder im häuslichen Leben noch sonst irgendwo wahres Glück Statt, eben darum, weil vhne sie keine Ruhe möglich ist. Wer nicht mit sich selbst einig ist, der lebt stets in unruhiger Bewegung; ſein Herz iſt wie ein bewegtes unruhiges Meer, das seine Wellen bald in die Höhe, bald in die Tiefe wirft; in seiner Seele ist ein wildes Gewuͤhl von allerley sich durchkreutzenden Gedanken, Entwürfen, Wünſchen und Hofnungen; bald will er lieber das eine, bald lieber das andre; bald legt er es auf dieses, bald auf jenes an; unter diesem innern Zwiespalt kömmt er nicht recht zu sich selbst, lernt nicht, sich mit sich selbst verstehen; wenn er etwas erreicht hat, so ist es nicht das, wornach ihn am meisten verlangte, dann will er wieder etwas anderes, und nicht leicht trist er das, was er wünscht, darum weil er nicht bestimmt weiß, was er will. Diese innere Unruhe läßt keinen ruhigen 54 204 Genuß des Lebens, keinen stillen Frieden, keinen Frohsinn in ihm aufkommen; vor der Freude ist sein Herz verschlossen und die Freude muß wohl vor demselben entfliehen. Bemerket doch jenen Hausvater, der mit schwankendem Herzen und mit unruhigem Blick unter seinen häuslichen Geschäften sich umhertreibt: was ist es doch, was er sucht und mit immer neuer Unruhe sucht? Er will wohl Reichthümer sich erwerben, Schätze sammeln? Vielleicht; denn er ist voll Sorge und Anstrengung am Feyertage wie am Arbeitstage, er ſinnt einen Entwurf nach dem andern aus, versucht bald dieses bald jenes Mittel, um einen glücklichen Zug zu thun. Aber da schlägt es ihm fehl und abermals fehl. Seine Hoffnung und sein Glück verläßt ihn und sein Haus. Kann er dann durchaus kein Glück, keinen Frieden finden; ohne diese Schätze, die er nicht erreichen kann? Er fängt an, einen andern Weg einzuschlagen; will ihm nicht Reichthum zu Theil werden, nun so will er nach Ehre und Glanz jagen: er wendet alles an, um den Beyfall der Welt zu erlangen; er stellt alles, was er thut, ins Licht, giebt seine Gesinnungen und Thaten zu bewundern, sucht zu Ehre und Ansehen zu kommen, bemüht sich Einfluß zu erhalten. Aber auch dies gelingt ihm nicht; er ist dazu nicht geeignet, weder in Reichthümern, noch in hohein Glanze zu leben. Aufs neue verſchwindet ſeine a⁰⁵ ⁵⁰ Hoffnung und sein Glück. Der Unglückliche, kann er dann nicht irgend etwas wollen, nicht irgend etwas sich vorsetzen, wovon er weiß, daß es ihm gelingen werde? und kann er nicht für dieses Eine leben? Ach, das ist es, daß er nicht das rechte Ziel sich vorsetzt und nicht auf dem Einen, was er erreichen kann, beharrt! — Sehet doch jene unruhige Hausmutter, die mit sich selber nicht einig bald dies bald jenes beginnt; bald will sie eine stille sorge same thätige Verwalterinn ihres Hauswesens seyn; bald will sie vor den Augen der Welt glänzen; bald will sie der großen Welt, bald nur sich selbst und den ihrigen leben; bald will sie ihre Kinder zu Menschen, die an Leib und Seele gesund sind, erziehen, bald will sie mit ihren verzogenen Kindern blos Ehre vor den Thoren einlegen; bald will sie ihres Gatten Beystand und Freude, bald von ihm geehrt und gepriesen seyn. Ists möglich, daß sie ihres Lebens bey einem solchen innern Zwiespalt froh wird? ists möglich, daß sie bey einer solchen innern Unruhe auch nur sehen und hören, geschweige genießen kann die Freude, die uns Gott im Kreise des häuslichen Lebens anbietet? Wird sie nicht heute den einen und morgen den andern Wunsch und Plan aufgeben müssen? Wird sie nicht an jedem Tage mehrmals mit sich selbst in Streit kommen? ✋⁰ 20 Wie so ganz anders geht es in den Häusern des Boas und der Naemi her. Hier herrscht die rechte Einigkeit im Geiste, die wahre Harmonie mit sich selbst und darum auch wahres häusliches Glück. Diese guten verständigen Menschen wissen was sie thun. Wenn Naemi und Ruth es darauf angelegt hätten, Reichthümer zu erwerben und zu großem Glanz der Ehre zu gelangen,: dann hätten sie sich ein Ziel gesetzt, welches zu erreichen nicht in ihrer Gewalt stand; dann wäre es auf mancherley äussere Umstände angekommen, die sie nicht vorherbestimmen, ja nicht einmal voraussehen konnten, ob ihre Wünsche in Erfüllung gehen sollen. Nein, sie wollen nichts, als was sie erreichen können und überdas, was sie wollen, sind sie mit sich selbst einig in jeder Stunde des Tages. Wenn Boas es darauf angelegt hätte, mit seinem Reichthume über viele Menſchen zu gebieten und große Gewalt zu üben: dann wäre ihm vielleicht nicht zu Theil geworden, was er suchte; dann wäre es ihm mit seinen Wänschen und Planen vielleicht mislungen und er wäre vielleicht des göttlichen Segens nicht froh geworden. Nein, er will nichts anderes, als was in ſeiner Gewalt steht und darüber versteht er sich völlig mit sich selbst. Boas will nur seinem Hauswesen mit gebührlicher Sorgfalt und Ueberlegung vorstehen, von seinem Segen den Dürftigen mittheilen, seine 207 ✋ ☽ Diener zur Arbeitsamkeit und Menschenfreundlichkeit anführen, und ein ehrlicher Gerechtigkeitliebender Mann seyn. Naemi will nur ein ruhiges stilles Leben führen in Gottseligkeit und Ehrbarkeit, ihr lägliches Brodt. mit stillem Vertrauen auf Gott in einsamer Kammer essen und mit getrostem Sinne aufs, Grab und die bessere Welt angehen. Ruth will nur ihrer verlassenen Mutter Stütze und Trost im Alter seyn, diese nähren und pflegen, ihr die Tage ihres Wittwenstandes versüßen und durch Unschuld und Treue ihre Freude und Wonne werden. Das iſt ihr Wollen und darauf geht alles ihr Vollbringen. Es kann ihnen und muß ihnen mit ihrem Vollbringen, wie mit ihrem Wollen gelingen und darum ist ihr häusliches Glück ohne Glanz und Pracht, ohne Gewalt und Herrlichkeit sicher und fest begründet. Lasset uns doch thun, wie sie! Höret, Geliebte! Wenn wir in unserm häuslichen Leben einmal alle unnöthige und vergebliche Unruhe und Sorge beseitigten; ein Ziel uns vorsetzten, wovon wir wüßten, daß wir es erreichen könnten und erreichen würden; dann aber unermüdet und standhaft auf dasselbe hinwirkten, und nie müde würden, das, was wir wollen, zu Stande zu bringen: thäten wir dann nicht wohl und weislich? Fraget nicht, welches dies Ziel sey, worauf unser Wollen und Vollbringen gehen solle: es liegt vor 44 208 Augen. Es müssen Alle darauf anlegen, in ihrem Berufe ihre Schuldigkeit zu thun; einander in Sorgen und Arbeiten, die nun einmal das Loos des Menschen hier auf Erden sind, treulich beystehen; wir müssen in unserm häuslichen Leben einer dem andern helfen, einer den andern erfreuen, einer dem andern die Lasten und Leiden abnehmen und lindern, einer den andern in allem Guten bestärken und vor allem Argen behüten: das, das lasset uns wollen, das lasset uns vollbringen; dann wollen wir etwas, was wir erreichen können; dann vollbringen wir etwas, worin wir die wahrste und edelste Freude finden werden. Dieses fest wollen und standhaft vollbringen, macht die Einigkeit des Geistes, die Harmonie des Menſchen mit ſich ſelbſt und die ſicherſte Grundlage des häuslichen Glücks aus. II. Es giebt im häuslichen Leben, auch das wisset ihr, Freunde, zweytens eine Harmonie der Hausgenossen unter einander, da der eine von den Hausgenossen denkt, wie der anöre; da mir wichtig ist, was du dafür ansiehst; da der Freund ein Herz in seiner Brust trägt, wie es in der Brust der Freundinn schlägt; da alle im Hause gleich überlegend, gleich thätig, gleich theilnehmend, gleich wohlwollend und rechtschaffen sind. Zu dieser Harmonie gehört, daß die Glieder des Hauses ihre Geschäfte gemeinschaftlich und 20 94 einträchtig verrichten und daß sie die häuslichen Freuden und Leiden gemeinschaftlich und einträchtig theilen. Es läßt sich denken, wie angenehm es sich muß leben lassen, da wo eine solche Harmonie statt findet. Wie manche Unannehmlichkeit fällt hier weg, die sonst das häusliche Glück zu stören pflegt und wie manches Erfreuliche erhöhet hier den Genuß desselben. Wenn man in andern Häusern die Arbeiten und Geschäfte des Hauses lästig und drückend findet, wird das wohl hier der Fall seyn, wo alle Hausgenossen die Arbeit für ihre Bestimmung halten und zur Arbeit Lust und Freudigkeit haben? Wird man hier wohl die Last der Geschäfte zu schwer finden, da Keiner dem Andern die Arbeit erschwert, sondern Alle sich gegenseitig mit Rath und Hülfe beystehen? Werden hier wohl die häuslichen Geschäfte versäumt werden oder in Unordnung gerathen, da alle Hausgenossen sich unter einander verstehen, nach einem und ebendemselben Plane arbeiten und alle gleich emsig und ordnungsliebend sind? Wenn in andern Häusern so wenig Frohsinn und so viel Kümmerniß herrscht, wird das wohl hier der Fall seyn, wo man sich gegenseitig zu erfreuen und die Leiden zu lindern eifrig und liebreich bemüht ist? Wird man hier wohl unter dem Drucke der Trübsal erliegen, da man sich gegenseitig Muth und Kraft mit25. II. 210 5 theilt? Wird man hier wohl im Leiden an Troste Mangel leiden, da einer des andern Tröster ist? Wird hier der Hülfsbedürftige wohl verlassen bleiben, wo man sich mit hülfreicher Hand wohlwollend zur Seite geht? Wird man hier nicht jedes Lebensglück doppelt genießen, weil man mit seinen Hausgenossen in Liebe verbunden lebt und sich ihrer Theilnahme versichert halten darf? In der That, das häusliche Leben bekömmt dann erst, Annehmlichkeit .41. und Würze, wenn die sämtlichen Hausgenossen, Gatte und Gattinn, Eltern und Kinder, Herrschaften und Diener in gutem Vernehmen stehen. 37 So war es in den Häusern des Boas, der Ruth und Naemi. Was der eine wollte, wollte der andre auch. Alles was du mir sagst, sprach Boas Ruth zu ihrer Mutter, das will ich thun. ertheilte seinen Dienern seine Befehle, und wenn er zu ihnen auf den Acker kam, so fand er sie fröhlich geschäftig, seine Befehle auszuführen. Sie helfen sich unter einander in ihren Geschäften und Bedürfnissen; der Starke hilft dem Schwachen, durch seine Kraft, der Reiche dem Aermern durch sein Vermögen; der Jüngere dem Alten durch seine Munterkeit und Stärke; der Aeltere dem Jüngern durch seine Erfahrung; der Herr seinen Dienern, durch Rath und Anleitung; die Diener dem Herrn durch ihre Arbeit. Freude, die der eine genießt, empfin. 211 # det der andre mit, und Leiden, die jener erträgt, hilft dieser tragen. Bey einer solchen Harmonie mußte alles häusliche Kreutz nicht wenig von seiner drückenden Pein verliehren und der häusliche Frohsinn nicht wenig erhöhet werden. Wir sehen deswegen auch alle Angehörigen dieser Familie und zwar nicht blos die, die Gott vorzüglich mit zeitlichen Gütern gesegnet hat, sondern auch die, die in Dürftigkeit leben müssen, stets heiter und zufrieden mit ihrem Schicksal. Aber in unserm gewöhnlichen Leben ist es leider nur gar zu oft ganz anders! So viele von denen, die in den ersten Tagen ihrer häuslichen Verbindung in vollkommener Harmonie lebten) verlohren schon früh die Einigkeit des Geistes. Saget doch, wie Viele auch unter uns haben das Band der Liebe schon wieder zerrissen? wie Viele, die sonst mit herzlicher Theilnahme Herz an Herz und Hand in Hand die Bahn des Lebens wanderten; gehen jetzt kalt und gleichgültig neben einander her? Saget ihr Unglücklichen, warum habet ihr die Vereinigung, die euch beglückte und das Leben erleichterte, aufgehoben? Warum theilet ihr nicht mehr eure Sorgen? Warum überleget ihr nicht mehr gemeinschaftlich eure Geschäfte? Warum nehmet ihr nicht mehr Rath von einander an? Warum trägt ein Jeder von euch die volle Last, da ihr euch doch, O2 212 0 darin theilen könntet? Warum seyd ihr so unfreund: lich gegen einander in Blicken und Worten? Warum kommet ihr euch nicht mehr mit Wohlwollen und Zärtlichkeit zuvor? Ist euch die Sorge nicht drückend, die Last nicht schwer, die Trübsal nicht hart genug? und habet ihr der Freuden zu viel, daß ihr euch so unter einander wehe thut? euch von einander entfernt? euch einander verlasset und ver. 7 säumet? O ihr Armen, ihr dürfet nicht klagen über die Beschwerden des häuslichen Lebens und über Mangel an Glück: denn von euch heißt es: das ist eurer Thorheit Schuld, daß ihr so geplaget werdet! Wenn euch die Sorge zu drückend ist, dann solltet ihr euch liebreich in dieselbe theilen. Wenn euch der Arbeiten zu viele werden, dann solltet ihr euren Muth und eure Kräfte vereinigen. Wenn euch Ungemach verfolgt, dann solltet ihr euch liebreich unter einander trösten, Muth einsprechen und helfen. Wenn euch die Widerspenstigkeit eurer Kinder quält, dann ſolltet ihr ſie nicht zu Zorne reißen, sondern mit Worten der Liebe zu ihnen ſprechen. Wenn euch eure Hausgenossen zuwider sind, dann solltet ihr das Zutrauen derselben zu gewinnen suchen. Ihr solltet die apostoliſche Ermahnung befolgen; dienet einander als die guten Haushalter! Ihr solltet fleißig seyn, . 215 ⸸ⵙ zu halten die Einigkeit des Geistes durch das Band des Friedens und der Liebe! Wie würde, wenn wir Alle es hierauf anlegten, wie würde unser häusliches Glück sich mehren. Ein wie viel ruhigeres frohes Leben würden wir dann führen! Wie viele Thränen würden versiegen, wie viele Klagen würden verſtummen! Wären wir mit uns selber und mit einander einig, so würde ja unser häusliches Leben selbst einer Harmonie gleichen, die durch anmuthige und erhebende Töne unser Herz erfreut. Doch, meine Freunde, III. wir wissen es ja, und nur der, der noch nicht viel erfahren oder alle Erfahrungen leichtsinnig in den Wind geschlagen hat, kann es in Abrede ſeyn, daß die Harmonie des Lebens auch unter denen, die mit sich selbst und mit einander sich verstehen, häufig genug wider ihren Willen und ohne ihre Schuld schmerzlich gestört wird! Wie oft fährt in diese Harmonie des Lebens das harte eiserne Schicksal mit seinen wehethuenden Mislauten hinein! Auch die glücklichste Familie ist nicht sicher, daß ihr häusliches Glück nicht mancherley Störungen erfahren werde. Bald ist es Krankheit, die uns anfällt, und die wir auch durch die sorgfältigste Vorsicht nicht verhüten konnten. Bald ein Verlust, den wir aller angewandten Klugheit ungeachtet erleiden. Bald ei 66 214 ne Kränkung, die uns unser Nächster, obwohl wir es nicht verdienten, zufügt. Bald ist es Kummer über unsre Kinder, wenn diese auch bey der gewis. senhaftesten Erziehung uns nicht gerathen wollen, sondern von den Verführungen der Welt hingerissen werden. Bald ist es Furcht vor der Zukunft, wenn die Zeiten sich verschlimmern und Noth und Elend überhand nimmt. Bald ist es der Tod, der uns theure Hausgenossen entreißt und uns in tiefe Trauer versetzt. Auch das Haus der Naemi und Ruth, dieser guten edlen Menschen, blieb ja nicht verschont. Sie lebten mit sich selbst und mit einander in der schönsten Harmonie und doch wie manches Herzeleid traf sie! Die Theurung vertrieb die Naemi mit ihrem Gatten und ihren Söhnen aus dem Vaterlande. Im fremden Lande entriß ihr der Tod ihren Gatten und dann den einen Sohn nach dem andern. Einsam und mit ihrer Schwiegertochter allein mußte sie in die Vaterstadt zurückkehren. Und jetzt konnte sie nicht ohne Sorgen der Nahrung den Tagen ihres Alters entgegen sehen. Aber wohl uns, daß wir an ihrem Exempel lernen können, daß auch bey solchen Störungen des häuslichen Glückes Friede und Ruhe des Herzens bestehen kann. Denn wir sehen es ja an ihnen, daß ihr häusliches Glück wohl gestört, aber nicht zerstört wird. Bey aller Trübsal, die sie erleiden, 21 44 bleiben sie doch ruhig, heiter und getrost. Ihr Muth kann nicht unterdrückt werden, ihre Heiterkeit kann nicht ganz verschwinden. Denn bey allen Schlägen des Schicksals behalten sie noch immer die Freude am Rechtthun. Wie es ihnen auch ergehen mag, sie bleiben stets auf derselben Bahn der Rechtschaffenheit. Gesegnet oder gedrückt, im ruhigen Besitze oder auf der Flucht vor der Noth, sie haben immer das Eine, das noth ist, im Auge, sie erfüllen treu und gewissenhaft ihre Pflicht. Und das Bewustseyn, der Pflicht stets treu gelebt zu haben, erfüllt ihre Gemüther mit einer eigenen Freudigkeit und belebt sie mit einer eigenen Kraft. Was sie thun können, daß thun sie, nemlich sie handeln stets gut und recht. Was aber nicht in ihrer Gewalt steht, das überlassen sie demüthig einer höhern Macht; nemlich die Lenkung ihrer Schlckſale, Glück und Unglück, Armuth und Reichthum, Leben und Tod, dies ist ihnen nicht in die Hand gegeben, das hat sich der zu verhängen vorbehalten, der über uns und über Allem ist. Der Glaube an die weise Regierung dieses Gottes aber erhielt in ihnen Muth und Stärke, die Anfälle der Leiden zu bestehen. Das hat Gott gethan, denkt Naemi, wenn ihr Gatte und Kinder entrissen werden. Gott hat mich betrübet, spricht sie, wenn sie als eine einsame von ihrem Gatten und ihren Kindern ver 216 # lassene Wittwe wieder unter ihren alten Bekannten erscheint. Von Gott leitet sie die treue Anhänglichkeit der Ruth und die Gaben des Boas her. Von Gott erwartet sie alles, was ihr früh und spät noch begegnen wird. Und von dem Gotte, den sie mit ihrem gläubigem Herzen verehrt, kann sie keine andern Fügungen erwarten, als die von wahrer Weisheit und Liebe beschlossen und verhängt werden. Stehen nicht auch für uns diese beyden Quellen der Beruhigung und Stärkung zu jeder Zeit offen, meine Freunde? Können nicht auch wir durch Rechtthun unser Gemüth stark und durch Glauben unser Herz ruhig machen? Und giebt es wohl irgend etwas in der Welt, das mehr im Stande wäre, das Glück unsers häuslichen Lebens fester zu gründen, als diese gewissenhafte Pflichterfüllung und dieses demüthige Ergeben in den Willen der über uns mit Weisheit und Liebe waltenden höhern Macht? Höret, Geliebte, oft dünkt uns in den Fügungen des Lebens ein Uebellant zu seyn, weil wir fremde Töne in Gedanken haben und damit die Töne des Schickſals nicht vereinigen können. Der Kenner aber fühlt hier keinen Uebellaut, sondern er findet alles, was das Schickſal hervorbringt, wohllautend und gut. Wir sollten nur die Kunst lernen, das was uns als Uebellaut tönt, richtig aufzulösen und zu empfinden, daß dadurch die Harmonie unsers 217 0 Lebens Würze und Kraft bekomme. Diese Kunst lernt man aber durch Glauben und Rechtthun; denn dadurch bekömmt unser Gemüth die wahre Stimmung, um die Töne des Schicksals richtig vernehmen zu können und dadurch lernen wir begreifen, daß ſich in demſelben alles in ſchoͤne Harmonien auflöse. In diesem Glauben und Rechtthun besteht dann endlich die für die Gründung unsers häuslichen Glücks so unentbehrliche Harmonie mit dem Schicksale. Auch diese sey uns denn durch das Exempel jener gläubigen und rechtschaffenen Menschen in unsrer Familiengeschichte schließlich empfohlen. Uns, o uns, meine Freunde, muß es weniger schwer seyn, dieselbe in unsern Herzen hervorzubringen, da wir als Christen vor vielen unſrer Brüder so vieles voraus haben; da wir durch Jesu Lehre und Vorbild so kräftig aufgefordert sind, die Bahn der Tugend zu wandeln und dem Weltregenten als dem allweisen und allgütigen Vater zu vertrauen! O lasset uns nur thun, wie er gerathen und gezeigt hat,: dann werden wir sicherlich mit Gottes Wegen zufrieden, mit unsern Nebenmenschen und mit uns selbst in Einverständniß leben; dann wird durch diese Harmonie mit uns selbst, durch diese Harmonie mit denen, die uns umgeben, u. durch diese Harmonie mit dem Schicksale unser häusliches Leben ein Schauplatz der Zufriedenheit und des Frohsinns werden! 218 . . : 54 . . . . predig Neunte t. Philipp. IV, 8. Thut was wahrhaftig, (der Rechtschaffenheit gemäß) was ehrbar, was gerecht, was keusch, was lieblich ist, was wohl lautet, (was lobenswürdig ist) ist etwa eine Tugend, ist etwa ein Lob, dem denket nach. Reiche und Arme, sagt der weise König in dem zwey und zwanzigſten Capitel ſeiner Sprüche, im zweyten Verse, Reiche und Arme müssen unter einander seyn. Ist es auch wohl anders möglich, meine Freunde? Anlagen und Fähigkeiten des Geistes und des Körpers, womit wir gebohren werden, sind so sehr verschieden; der eine hat vor dem 219 5 andern den Vorzug der Stärke der Gesundheit und des Verstandes; dazu lebt der eine vor dem andern in einer günstigern Lage, in glücklichern Verbindungen. Und so verschieden sind darum die Geschicklichkeiten, die wir uns haben erwerben können; der eine thuts dem andern in seiner Kunst, in seiner Handthierung, in seinen Kenntnissen und Einsichten zuvor: so daß es nicht wohl anders kommen kann, als daß sich auch einer vor dem andern mehr Güter, Ansehen, Gewalt und Herrschaft erwirbt. Ja, wenn wir auch alle unter einander aufs neue gleich gemacht würden, so könnte diese Gleichheit doch nur eine kurze Zeit währen und bald würden wieder Reiche und Arme unter einander seyn. Wenn wir doch hierbey nur stets bedächten, was der weise König hinzusetzt: der Herr hat sie alle gemacht. Wenn wir doch erwögen, daß Reichthum und Armuth, Hochseyn und Niedrigseyn dem Menschen vor Gott keinen größern oder geringern Werth gebe, daß Gott über uns alle ohne Unterschied der Herr sey und daß wir alle von ihm abhangen und in seinem Reiche sein Werk wirken müssen! Aber diese große Weisheit vergessen wir im täglichen Leben nur zu oft. Der Arme kann sich häufig gar nicht darin finden, daß er so wenig besitzt in Vergleich mit dem Ueberflusse des Reichen, und misgönnt diesem seinen Reichthum. Der Reiche 0 20 kann sich eben so häufig gar nicht darin finden, daß er so viel mehr besitzt als sein ärmerer Nebenmensch, und erhebt sich über denselben mit Hochmuth, unterdrückt und plaget ihn. Thäten wir nicht besser daran, wenn wir uns in den Willen Gottes, welcher Reiche und Arme unter einander erschaffen hat, stille und zufrieden ergäben und nur darauf bedacht wären, bey unsrer Armuth oder bey unserm Reichthum stets unsee Schuldigkeit gegen einander zu thun? Sollten wir nicht lieber einer dem andern dienen mit der Gabe, die wir von Gott empfangen haben, als die guten Haushalter der mancherley Gaben Gottes? Würden wir nicht von einem solchen Sinne mehr Ehre und mehr Freude haben? Arme und Reiche, meine Freunde, sehen wir auch in unsrer biblischen Familiengeschichte unter einander wohnen, den reichen Boas nemlich und die beyden Armen, Mutter und Tochter Naemi und Ruth. Alles war ihnen von Gott gekommen, Armuth und Reichthum: Boas war reich, das hatte Gott ſo gefügt; Ruth und Naemi waren arm, das hatte Gott zugelassen. Aber beyde, der reiche und die armen, lebten auch, wie es sich für weise und gute Menſchen geziemt, als ſolche, die von Gott ſo erschaffen worden und Gottes Werk zu wirken haben. Die Armen arbeiteten, dachten und betrugen sich ih 221 # rer Lage und ihrem Stande angemessen. Und dasselbe that der Reiche. Beyde stehen hier deswegen für Arme und Reiche als schöne nachahmungswürdige Vorbilder. Sie thaten, was wahrhaftig, was ehrbar, was gerecht, was keusch, was lieblich ist und wohl lautet, allem Guten, aller Tugend dachten sie nach. Das Andenken dieser guten redlichen Menſchen bleibe auch unter uns in Segen ! Lasset uns abermals einen betrachtenden . Blick auf sie werfen 2c. 2c. . . 7 4. 2. (Gesang.) ( . . Was Paulus in den verlesenen Textesworten empfiehlt, daß man sich nemlich in seinem Stande und Berufe alles Gute zu thun bemühen und in Allem, was man zu thun hat, einer edlen Denkungsart und eines weisen und guten Verfahrens befleißigen müsse, das sehen wir von jeder Person unsrer Familiengeschichte aufs schönste geübt. Die Armen und der Reiche, beyde denken und leben hier gleich musterhaft. Keiner ist dem Andern zur Last, und bestehen in gleichen Ehren. Ihr nachahmungswürdiges Exempel verdient einmal der Gegen 221 55 stand unsrer Betrachtung zu seyn. Für dieses mal ſey es . das Exempel des reichen=Boas. 1 . . Sehet in ihm . . . 1) einen verständigen Vorsteher seines Hauswesens; 2) einen guten Herrn gegen seine Diener; 3) einen liebreichen Wohlthäter gegen die Dürftigen; und 4) einen Biedermann, dem Pflicht und Recht heilig ist. I . I. Boas, ein verständiger Vorsteher seines Hauswesens. — Bedächte man es häufiger und ernstlicher, was zur weisen Verwaltung des Hauswesens gehört und beobachtete man es nur ſo häufig als man es weiß, dann wuͤrde es wenig ſtens um viele Familien und ihr haͤusliches Glück besser aussehen. Aber da führt so Mancher ein häusliches Leben, ohne die Arbeiten, die ihm dasselbe auflegt, zu verrichten und ohne sich die Beſchränkung, die daſſelbe nöthig macht, gefallen zu ✋lassen. Er sollte seine häuslichen Geschäfte verrichten, und er führt ein müßiges träges Leben. Er sollte alles in seinem Hauswesen in Ordnung und gutem Stande erhalten, und er läßt es in Unordnung gerathen und verderben. Er sollte, was er erworben hat, zum Besten der Seinigen weise verwenden, und er vergißt die Seinigen über sich selbst. Er sollte von seinem Erwerb für die Gegenwart und die Zukunft einen weiſen Gebrauch machen, ſollte das, was er erübrigen kann, für die Seinigen und für Zeiten der Noth erſparen, und er lebt davon blindlings in den Tag hinein, ohne Ueberlegung, ohne Sorge und ohne Plan. Ja mancher Mann manches Weib tritt ins häusliche Leben, ohne es sich noch ernstlich und bedachtsam vorgestellt zu haben, was zur Führung des Hauswesens gehört; ohne die Geschäfte und Pflichten zu kennen, welche dasselbe mit sich führt, ohne die Kenntnisse und Geſchicklichkeiten zu beſitzen, welche zur Verwaltung desselben erforderlich sind; ohne sich auf kluge Vertheilung und Anordnung der häuslichen Arbeiten zu, verstehen; ja oft sogar ohne auch nur eine geordnete Uebersicht der sämtlichen Theile des Hauswesens u haben. Wenn man auf dieſe Weiſe ins häusliche Leben tritt und das Hauswesen verwaltet, dann ist man vorgeblichen Künstlern zu vergleichen, die ſich für etwas ausgeben, was ſie nicht ſind, die die 55 224 Menge betrügen und zuletzt selbst schlimm genug dabey fahren. Es ist bald gesagt, meine Freunde, was dazu gehöre, ein verständiger Vorsteher seines Hausweſens zu ſeyn. Es gehört dazu erſtens, daß man mit seinen Hausgenossen in einer steten wohlgeordneten Tätigkeit lebe, und zweytens, daß man damit eine weise Häuslichkeit verbinde. Aber wie gesagt, so gethan, meine Freunde! das ist die Kunst, die nicht — so leicht geübt, als beschrieben wird. Wer wie Boas seinem Hauswesen gebührlich vorstehen will, der muß ferne seyn von Trägheit und Müßiggang. Seine Geschäfte müssen ihm lieb wann er und werth seyn. An sie denkt e erwacht, an sie, wann er das Tagwerk beschließt. In der ordentlichen Verwaltung derselben besteht seine vorzüglichste Freude, sein vorzüglichstes häusliches Glück. Er läßt keine Zeit unbenutzt vorbeygehen, ohne irgend etwas zum Besten seines Hauswesens zu verrichten. Auch kleine Zwischenränme, die man so leicht durch Nichtsthun oder durch geschäftigen Müßiggang verliehrt, benutzt er durch irgend eine nützliche Beschäftigung und schiene sie noch so gering und unbedeutend. Er befindet sich in steter Thätigkeit; Ruhe und Erholung verstattet er sich nur als Lohn für seine Arbeit; nie will er ru 22½ # hen, als wenn er müde geworden; nie will er sich ein Vergnügen erlauben, als wenn er sich desselben durch vorhergegangene Arbeit werth gemacht hat. Auch an denen; die um ihn her sind, kann' er keinen Müßiggang dulden. Seine Hausgenossen ermuntert er durch Ermahnung und eigenes Exempel zum Fleiß in den Geschäften. Sie dürfen so wenig, wie er, ihre Zeit und ihre Kräfte verschwenden. Jeder muß in dem ihm angewiesenen Werke ohne Unterlaß das Seinige thun. Mit vereinigten Kräften wirken sie im häuslichen Kreise ihr gemeinschaftliches Werk. Und dies alles nicht nach Willkühr, nach Einfällen und Launen, sondern nach Ueberlegung und Regel. In dem Hauſe eines verſtändigen Hausvaters und einer verständigen Hausfrau hat alles seinen angewiesenen Platz und jedes Geschäft seine bestimmte Zeit. Was in der einen Stunde geschehen soll, darf nicht in einer andern geschehen. Man fängt seine tägliche Arbeit nicht blindlings an und greift nicht nach dem ersten Geschäfte, welches sich zeigt; sondern man macht sich für seine verschiedenen täglichen Geschäfte mit sorgfältiger Ueberlegung einen Plan; bestimmt es, wann und wo und in welcher Ordnung und von wem sie vollbracht werden sollen. Man hält nicht, blos mit Fleiß, sondern auch mit der ernstlichsten Entschlossenheit auf stete und regelmäßige Thätigkeit. Man sieht nicht blos auf Ordth. II. 226 84 nung, sondern auch, so viel als möglich, auf eine ſtrenge Pünctlichkeit. In einer ſo an ſtete und wohlgeordnete Thätigkeit gewöhnten Familie kann Keiner von den Hausgenossen irgend eine Unthätigkeit oder Unordnung dulden. Keiner läßt sein Werk liegen und Keiner kann sich zur Ruhe legen, wenn er weiß, daß durch seine Schuld etwas Nöthiges unterblieben oder irgend etwas in Unordnung gelassen ist. So, Geliebte, war es in dem Hause des Boas. Obwohl er ein reicher Mann war, der für sein Vergnügen hätte leben können, konnte er doch nicht müßig seyn. Er besorgte sein Hauswesen selbst und legte selbst Hand ans Werk. Er führte über alles was in seinem Hause geschah, die Aufsicht, und sah bey allen Geschäften selbst nach. Er gieng zu ſeinen Dienern, die die Geſchäfte auf ſeinem Acker versahen, hinaus, und ermunterte sie durch eigenes Exempel zur Arbeit. Wo wir ihn nur sehen, überall erblicken wir ihn thätig und unverdrossen in der Arbeit. Er ruht nur dann, wann Müdigkeit und die zu beschwerliche und der Gesundheit gefährliche Hitze des Tages es erfordern. Und was er mit seinen Dienern verrichtet, das verrichtet er alles zu ſeiner Zeit und am gehoͤrigen Orte, er ſäet, wann gesäet werden muß, und dinget Schnitter, wann 1 die Erndte da ist. 0•0 227 Mit dieser steten und wohlgeordneten Thätigkeit verband er dann auch eine weise Häuslichkeit. Bey so großem Vermögen hätte er großen Aufwand machen können: aber er kannte die übermäßigen Bedürfnisse nicht, die sich so mancher reiche Mann aus Weichlichkeit und Vergnügungsſucht angewöhnt; er lebte eingezogen und mäßig. Er hätte sich mit seinem Reichthume ein höchst bequemes Leben verſchaffen und alle Tage herrlich und in Freuden leben können: aber er zog die Arbeit vor und verschwendete nicht; er war sparsam in Nahrung und Kleidung und darum konnte er so freygebig seyn gegen die Dürftigen und kam nicht in Noth in den Zeiten der Theurung. Er konnte eine reichlichbeſetzte Tafel führen und mit seinen Dienern hoch daherfahren: aber er aß mit ihnen ein einfaches Mahl und freuete sich mit ihnen einer wohlgeordneten Arbeit. Er hätte vielleicht weit und breit fröhlichen Lebensgenuß ſich aufsuchen können: aber die Freude im häuslichen Kreise, die Freude auf eigenem Acker und an eigener Tafel zog er jeder andern vor. Sehet, so war Boas in seinen häuslichen Geschäften und das ist das Bild eines verständigen Vorstehers seines Haus. wesens. — Betrachtet ihn nun auch II. als einen guten Herrn gegen seine Diener. — „Ihr Herren, was recht und billig 9½ 228 55 ist, daß beweiset euren Dienern, und bedenket, daß auch ihr einen Herrn im Himmel habet“. So lautet die Forderung der Religion an die Herrschaften, nach dem vierten Capitel des Briefes Pauli an die Colosser im 1sten Verse. Auch sie ist leichter gesprochen als geübt. Das beweiset das üble Vernehmen, welches leider so häufig zwischen Herrschaften und ihren Untergebenen statt findet, wovon die Schuld doch wohl nicht einzig und allein auf die Diener, so verderbt diese Menschenclasse unter dem Einflusse von mancherley Zeitumständen auch geworden seyn mag, die Schuld fallen kann, sondern nur gar zu häufig auch ihren Vorgesetzten zugeschrieben werden muß. Einst war freylich eine Zeit, wo das Gesinde nicht so sehr wie heut zu Tage der regelmäßigen Arbeit abgeneigt und dem Vergnügen und der Eitelkeit ergeben war. Die Diener des Hauses waren damals an ein einfacheres Leben gewöhnt; sie wußten nicht anders, als daß der Mensch zur Arbeit gebohren ſey, und dachten nicht anders, als daß auch ſie alle Tage, wie sie ihr tägliches Brodt äßen, so auch ihr tägliches Werk wirken müßten; sie hatten weniger Bedürfnisse und lebten in allen Stücken mäßiger; der Kreis ihrer Freunde und Bekannten war enger und so wurden sie weniger zu vielfachen Zerstreuungen und Versäumnissen verleitet; die das 229 ⸸ malige Denkart brachte es so mit sich, daß sie ein stilles eingezogenes Leben führten und nicht weit über die Gränzen des Hauses, der Werkstätte oder des Ackers hinauskamen; ihre Erholung und Freude suchten sie nicht weit, sie bedurften dazu keine kostspieligen, die Gedanken zerstreuenden und das Herz verwildernden Lustbarkeiten; sie fanden sie in ihren Ruhestunden, in häuslicher Fröhlichkeit, im Kreise einiger guten Freunde; sie schwärmten nicht so leichtſinnig mit ihren Gedanken, Wünſchen und Hoffnungen umher, sondern blieben mit ihrer Ueberlegung und Sorge bey den Obliegenheiten ihres Berufs; sie hatten nicht stets das Vergnügen und die Zerſtreuung im Sinne, ſondern ihr Hauptgedanke war ihr häusliches Geschäft; sie suchten ihre Schönheit und ihre Ehre nicht in prächtigen Kleidern, nicht in Putz und Zierrath, sondern in einer guten Aufführung und einem edeln Betragen. Zu einer solchen Zeit lebten Herrschaften und ihre Diener freylich leichter in erwünschter Harmonie, darum weil die Diener wirklich besser und häuslicher waren. Aber es waren auch einmal Zeiten — dies dürfen wir uns auch nicht verbergen — wo die Herrschaften gegen ihre Diener verständiger und besser sich betrugen, als viele heut zu Tage zu thun pflegen. Denn es ist nicht genug, daß wir unsern Untergebenen ihr ordentliches tägliches Brodt geben; 55 250 das mag wohl der erste Lohn für ihre Arbeit seyn, aber es ist nicht die wichtigste sondern die geringste Pflicht, die wir gegen sie zu beweisen haben. Es ist nicht genug, daß wir ihnen zuweilen eine Stunde oder einen Tag der Erholung und des Vergnügens verstatten; dies thun wir leider oft genug zur Unzeit und zum Verderb. Es ist nicht genug, daß wir sie tadeln und schelten, wenn sie etwas versäumt oder unrecht gethan haben; dadurch mögen wir oft genug den Schlimmen nur noch mehr verschlimmern und den Guten verderben. Darin besteht die Tugend eines Herrn nicht, daß er in die oft so thörichten Gedanken und Wünsche seiner Diener willigt, alle ihre Fehler und Unbesonnenheiten ungerügt hingehen und sie nach Willkühr leben läßt. Wer wie Boas gegen seine Diener ein guter Herr seyn will, der muß vielmehr erstlich ihre Arbeit mit Weisheit und Liebe lenken. Dazu gehört, daß wir sie keineswegs mit Arbeit und Sorge verschonen und Arbeit nicht für eine Strafe und Plage halten. Wir müssen sie vielmehr mit uns selbst in steter Thätigkeit und Beschäftigung zu erhalten bemüht seyn. Wir müssen darauf sehen, daß ihre Arbeit ihren Kräften und der Zeit, die sie haben, jedesmal angemessen sey. Wir müssen sie nicht mit Arbeit überhäusen, weil dadurch Muth, Kraft und Frohsinn unterdrückt wird; aber eben so 31 64 wenig dürfen wir ihnen zu wenig Arbeit auflegen, weil für den Frohsinn und für den Charakter des Menschen nichts zuträglicher ist, als eine angemessene Beschäftigung, hingegen nichts gefährlicher, als Unthätigkeit und Müßiggang. Wir müssen es nicht blos darauf anlegen, daß sie die Arbeit vollbringen und uns Dienste erweisen sollen, sondern wir müssen auch bedenken, daß wir dazu mitwirken sollen, sie auf die künftige Verwaltung ihres eigenen Hauswesens gebührlich vorzubereiten. Und darum müssen wir sie lehren, alle ihre Geschäfte richtig ansehen, regelmäßig anordnen, auf die gehörige Art und Weise vollbringen und bey der Vollbringung derselben die Zeit sparen. Wir müssen sie anhalten, daß sie in allem, was sie thun, Ordnung und Pünctlichkeit beweisen. Und alles dieses müssen wir mit Weisheit und Liebe thun. Wir müssen nicht darauf ausgehen, es mit bloßer Gewalt, oder durch bloßes Vorsagen, Ermahnen, Befehlen, Verbieten, Drohen und Strafen erzwingen zu wollen. Wer es mit seinen Dienern wirklich gut meynt, der belehrt sie nach ihren Fähigkeiten und Kräften über die Geschäfte des Hauswesens mit sanftmüthigem Geiste; er =giebt ihnen Rath, wie sie dies und jenes am besten einrichten und zu Stande bringen können; er hält sie zurück, wo sie etwas verkehrt beginnen; er hilft ihnen bey dem, was sie noch nicht hinläng 232 50 lich verstehen, nach; er geht ihnen mit Rath und Hülfe zur Seite und findet seine Lust daran, sie in allen häuslichen Verrichtungen immer geschikter und fertiger zu machen; mit einem Worte, er betrachtet und behandelt seine Diener nicht als seine Lastthiere, sondern als seine Gehülfen, die ihm in seiner Arbeit die Hand bieten und dafür nicht blos auf Kost und Lohn, sondern auch auf eine ordentliche Anleitung zur Verwaltung des Hauswesens und auf Theilnahme an dem häuslichen Glücke Anspruch machen können. So meynte es auch der weise Sirach, der überhaupt so viel Weises gesagt und geschrieben hat. Also sagt er: „halte deinen Knecht zur Arbeit, wenn du Ruhe haben willst; lässest du ihn müßig gehen, ſo will er Junker ſeyn. (Cap. 33, 26.) Lege keinem zu viel auf und halte Maaß in allen Dingen. (Cap. 33, 30.) Er sagt aber auch in einer andern Stelle: sey nicht ein Löwe in deinem Hause und kein Wütherich gegen dein Gesinde. (Cap. 4, 35.) Vornehmlich wird aber zweytens von einem guten Herrn auch das gefordert, daß er ſeine Diener zu einer edlen Denkungsart und zu einem guten Betragen gewöhne. Es darf ihm nicht genug seyn, daß die häusliche Arbeit von ihnen ordentlich zu Stande gebracht werde, sondern er muß es auch darauf anlegen, eine gute Gesinnung in ihnen zu befördern S 233 und auf ihren Charakter zu wirken. Er wird deswegen nicht blos dafür sorgen, daß sie arbeiten und Ordnung beobachten, sondern auch daß ihnen die Arbeit und die Ordnung lieb und zur andern Natur werde. Er wird nicht blos darauf sehen, daß sie in seinem Hauswesen sparsam seyen, sondern auch daß sie ein für allemal lernen, alles gut zu rathe halten. Er wird sie bey ihrer Arbeit froh und heiter zu erhalten suchen, damit sie einen muntern und aufgeweckten Sinn bekommen. Er wird sie dazu gewöhnen, nicht blos gegen ihn und ihre Hausgenossen, sondern auch gegen Jedermann gefällig, bescheiden, dienstfertig und höflich zu seyn. Er wird sie dazu anhalten, sich immer ehrbar und sittsam zu betragen, damit sie ihren guten Namen nicht verliehren und ihr künftiges Glück nicht verscherzen. Er wird sie lehren, an der Freude und an dem Leid anderer Menschen liebreich Theil nehmen und dem Leidenden gern nach Vermögen helfen. Er wird ihnen Achtung und Wohlwollen gegen die Jugend einflößen und sie anführen, mit Kindern weise umzugehen. Er wird ihnen ein gutes Betragen nicht abzwingen, aber er wird sie einsehen und fühlen lehren, daß es für den Menschen, in welchem Stande und Berufe er auch lebe, nichts Großes und nichts Ehrenvolles gebe, als Treue in der Erfüllung seiner Pflicht. 5 34 Ach, was wollen wir dazu sagen, meine Freunde wenn wir uns dieses Register unsrer herrschaftlichen Pflichten vorhalten? Wie wenig thun wir oft von dem Vielen, welches ich hier genannt habe? Wie oft verleiden wir unsern Untergebenen die Arbeit! wie oft bestärken wir sie in der Trägheit! wie wenig lehren wir sie oft von der Verwaltung des Hauswefens! wie gleichgültig und nachgiebig sind wir oft bey ihrem Leichtsinn, bey ihrer Vergnügungssucht, bey ihrer Eitelkeit! wie oft geben wir selbst ihnen Anlaß zu solchen für das Glück des häuslichen Lebens so gefährlichen Untugenden, durch unser Reden, Durch unser eigenes böses Exempel, durch Mangel an Aufsicht, und durch böse Lehren, die wir ihnen geben! Hier sey uns doch der reiche Boas wieder in seinem Betragen gegen seine Diener ein nachahmungswürdiges Exempel. Sehet doch, wie er seine Untergebenen in steter angemessener Beschäftigung erhält. Er sendet sie auf, den Acker zur Arbeit. Er sieht ihrer Arbeit zu und ermuntert sie durch seine theilnehmende Gegenwart. Er belebt ihren Frohsinn und sieht es gern, wenn sie bey ihrer Arbeit freudig und vergnügt sind. Er überlegt mit ihnen die Arbeit und giebt guten Rath. Liebreich begrüßt er sie auf dem Felde: der Herr sey mit euch! Und froh vernimmt er den Gegengruß seiner fröhlichen Schnitter: der Herr segne dich! Sorgsam erkundigt er sich nach 0 35 allem was sie gethan haben und nach allen Umständen, die ihm auffallen. Mit edlem Herzen lehrt er sie wohlthätig seyn und die leidende Unschuld ehren. Lasset die arme Moabitinn (Ruth) auch zwischen den Garben auflesen, sprach er zu ihnen, lasset von den Garben=Haufen auch absichtlich etwas für sie liegen aufzulesen, lasset sie auch mit euch essen und trinken, thut ihr doch ja nichts zu leide und machet sie nicht beschämt. Das waren bessere Zeiten, meine Freunde, als Herrschaften und ihre Diener auf eine solche Weise beyderseits Freude an der Arbeit hatten, ihre Sorgen und Mühen liebreich theilten und mit gewissenhafter Strenge auf den Wegen der Tugend, der Thätigkeit und der Unschuld wandelten. III. Drittens. So ein guter Herr Boas gegen seine Diener war, so ein liebreicher Wohlthäter war er gegen die Dürftigen. Er unterstützte die Nothleidenden. Das ist freylich das erste bey der Wohlthätigkeit. Man darf es nicht bey theilnehmenden Blicken und liebreichen Worten bewenden lassen, sondern man muß helfen. Dem Verlegnen muß man rathen, den Betrübten trösten, dem Gefallenen aufhelfen, dem Armen mittheilen, dem Arbeitsdürftigen Arbeit 256 ✋⁶ geben. Aber das thun viele Menschen, ohne daß sie darum einen besondern Ruhm verdienten. Boas that mehr. Er unterstützte die Nothleidenden auch auf die rechte Art. Auf die rechte Art wohlthun heißt erstens: seine Gaben nicht an Unwürdige verschwenden und dem Würdigern entziehen. Boas theilte der Ruth besonders reichlich mit; aber er wußte es auch, in welchen Umständen sie lebte, wie gut sie sich aufführte und wie fleißig sie arbeitete. Es ist mir angesagt, sprach er, alles, was du gethan hast an deiner Schwiegermutter nach deines Mannes Tode, daß du verlassen hast deinen Vater und deine Mutter und dein Vaterland und bist zu einem fremden Volke gezogen, ich weiß es, daß du ein tugendhaftes Weib bist und bist nicht nachgelaufen den Buben arm und reich. (Cap. 2, 11. Cap. 3, 11.) Auf die rechte Art wohlthun heißt zweytens, durch seine Wohlthaten Niemanden von der Arbeit abbringen. Boas theilte der Ruth von seiner Erndte mit und ließ sie an dem Tische der Seinigen speisen: aber er hielt sie wie eine von seinen Dienerinnen und ließ sie durch eigene Arbeit seine Gaben erwerben. Ach, wie mancher verfündigt sich durch seine vermeyntliche Wohlthätigkeit an denen, die er zu segnen glaubt! Wie oft verschwenden wir unsre Gaben an träge Müßiggänger, die wir besser anwenden könnten! Wie viele 55 257 Sünden — merket doch darauf meine Mitbürger wie viele Sünden häufen wir in unsrer Stadt alle Sonnabende, wenn wir Bettlern geben, was von Gottes und Rechts wegen den Armen gebührt!! Auf die rechte Art wohlthun heißt drittens, im Stillen wohlthun, ohne Geschrey und Geräusch, ohne Ehre und Lob dafür einerndten zu wollen. Lange her deinen Mantel, den du an hast, und halte ihn zu, sprach Boas zur Ruth; (Cap. III, 15.) sie hielt ihn zu und er maß ihr sechs Maaß Gerste hinein und legte es auf sie, ohne daß Jemand es sah, in der Dunkelheit der Nacht. — Auf die rechte Art wohlthun heißt viertens: bey seinem Wohlthun auch des Armen selbst schonen; denn wer dem Geringen Gewalt anthut, der lästert den Schöpfer desselben; aber wer sich des Armen erbarmt, der ehret Gott. (Spr. Sal. 14, 31.) So suchte auch Boas der Ruth des Aehrenſammeln auf alle Art zu erleichtern, redete ihr freundlich und lobend zu, befahl seinen Dienern Bescheidenheit und Güte, und spendete seine Wohlthaten, ohne davon Aufhebens zu machen. Ich bitte euch, es in dem Buche Ruth nachzulesen, und setze weiter nichts hinzu, als eine Erzählung von einem Manne ähnlicher Art. Höret, nicht weit von hier wohnt ein Bauersmann, der sich nicht sowohl durch sein Geld, als vielmehr durch ſeine Rechtſchaffenheit die Achtung 54 238 und Liebe seiner Nachbarn und aller derer, die ihn kennen, erworben hat. Nahe bey ihm lebte ein kürzlich verstorbener armer Mann, der sich meistens durch Schulhalten ernährte, der aber wegen seines Alters, wegen ſeiner Kränklichkeit und weil es ihm an Kindern fehlte, die ihn hätten unterstützen können, nicht recht mehr im Stande war, in diesen theuren Zeiten sein Fortkommen zu finden. Dieses armen Mannes Noth wiſſen und ihm beyſpringen, das war bey ihm nur ein Gedanke. Wenn die rechte Zeit war, so zog er unaufgefordert mit Pferd und Pflug auf den kleinen Acker des armen Schulmanns und bestellete denselben, obwohl er seinen eigenen Acker durch seine Knechte bestellen läßt, in eigener Person, damit an der Bearbeitung desselben ja nichts versäumet werde. Wann er damit fertig war, dann kehrte er bey dem armen Manne ein und damit es nicht den Schein habe, als thue er das alles unentgeltlich, so aß und trank er mit ihm. Und wenn man ihm beym Abschiede mit Thränen in den Augen dankte, dann sprach er: nun was machet ihr für ein Aufhebens von einer Kleinigkeit, ich hatte ohnehin nichts zu thun und meine Thiere standen müßig, und dann gieng er ohne sich länger aufzuhalten davon. So machte er es alle Jahr. Der arme Schulmann hatte auch das Recht, sich aus der Gemeinheit den Brand für den Winter zu holen. Wenn # 59 die Zeit da war, daß dieser geholt werden mußte, dann kam der wohlthätige Mann, ehe der Arme daran dachte, schon damit herangefahren und that, als ob das so seyn müßte. Er war dem Armen, wie ein Engel, der ihn umschwebte und seine Wünsche erforschte. Er kam den Wünschen des Armen und seiner Gattinn, so viel er konnte, zuvor, überließ ihnen Weideland, das er absichtlich für sie gekauft hatte, um ihnen in ihrem Haushalt beyzuspringen, und stellte sich, als ob ihm, wenn sie es übernähmen, ein großer Gefallen dadurch geſchähe. Als einsmals ein Hagelſchlag ihre Erndte zerstört hatte und sie am Felde standen und weinten, da kam er mit vollem Wagen heran und sprach zu ihnen: ich habe gesehen, daß das schlimme Wetter euch alles genommen hat, mich hat es nicht getroffen, hier habet ihr etwas für den Winter, ein Nachbar muß dem andern helfen. Nie wollte er es wissen, wie viel Gutes er den armen Leuten erwiesen; alles das betrachtete er als Kleinigkeit und wollte nichts davon gesprochen haben. Selbst das, was ich hier von ihm erzähle, wäre vielleicht nicht einmal ans Tageslicht gekommen, hätte es nicht die gerührte Gattinn des armen Schulmanns selbst bekannt gemacht. (*) Gottes Segen komme über den (*) S. westphälischen Anzeiger 28s, Nro. 5. # 240 Redlichen, so lange er lebt und begleite ihn bis zur Erndte des ewigen Lebens!! — — Und wer geben kann, meine Brüder, der gebe so wie er und wie 1 Bogs! — IV. Es ist uns endlich viertens noch übrig, den reichen Boas als einen Biedermann, dem Pflicht und Recht heilig ist, zu betrachten. Gedenket einmal des reichen Mannes im Evangelio und so manches Andern, der demselben ähnlich ist. Wozu hatten ihn doch seine Reichthümer und die guten Tage, die er herrlich und in Freuden verlebte, gebracht! Wie vergnügungssüchtig war er geworden! wie hatte er sich so ganz und gar von nützlicher Thätigkeit, von ernsten Sorgen und Geschäften entwöhnt! wie hatte sich Leichtsinn und Gedankenlosigkeit seiner Seele bemächtigt! wie hatte er sich der Ueppigkeit und Schwelgerey ergeben! wie hatte er alle edlern Empfindungen aus seinem Herzen verlohren! wie gleichgültig und kalt war er gegen ſeine Nebenmenſchen geworden! wie wenig rührten ihn die Angelegenheiten Anderer! wie war er durch sein sinnliches Leben unter sich selbst versunken! wie weit war er von Gott und göttlichem Sinne gewichen! Von dieſen Thorheiten und Sünden, wozu Reichthum und Herrschaft den Menschen so leicht verleiten, hatte sich Boas enthalten. Zu 241 ⁵⁵ edel und göttlich empfand sein Herz, als daß er sich von seinem Reichthume hätte sollen verleiten lassen, einen verkehrten Sinn anzunehmen. Seine Güter betrachtete er gewiß von einer solchen Seite, daß er keinen Misbrauch davon machen konnte. Seine Denkungsart war uͤberhaupt zu edel und erhaben, als daß er an diesen zufälligen Gütern sein Herz hätte verliehren können. Den guten Geist, den Gott dem Menschen in die Brust gegeben hat, hatte er in sich so belebt und verstärkt, daß seine Macht herrschend in ihm geworden war. Und nun wandelte er mit strenger Gewiſſenhaftigkeit auf der Bahn der Tugend. Denn ſiehe, er will, wie das 3te und 4te Capitel meldet, das Recht seines Nächsten nicht kränken, obwohl er es vermag und Gelegenheit dazu hat: rein muß bleiben sein Haus von fremdem Gut und rein sein Gewiſſen von Unrecht. In dem größern Reichthum, womit ihn Gott vor andern gesegnet hat, erkennt er seine Verpflichtung, denen, die es bedürfen, davon mitzutheilen als von Gaben, die ihm Gott dazu anvertraut hat: der Arme muß von seinem Acker und aus seiner Feld-Hütte nicht leer ausgehen. Er sieht ein unschuldiges dankbares Weib zu seinen Füssen: er behütet ihre Unschuld und ihren guten Namen und bestärkt sie in dem edeln Sinne, den sie bis dahin bewiesen. Seinen Gott hält er vor AuQ th. u. 242 55 gen und im Herzen, er hütet sich, daß er in keinen bösen Gedanken, in keine böse That willigt, und will nichts thun gegen seines Gottes Gebot. Kurz, er war ein Mann wie der, welcher, wie ich bereits in einer andern Betrachtung gesagt habe, im 15ten Pſalme geſchildert wird, ein Mann, der ohne Wandel einhergeht und Recht thut und redet die Wahrheit von Herzen, der mit seiner Zunge nicht verläumdet, und seinem Nächsten nichts arges thut und seinen Nächsten nicht schmähet, der die Gottlosen nichts achtet, sondern ehret die Gottesfürchtigen; der seinem Nächsten schwöret und hält es, der sein Geld nicht auf Wucher giebt und nimmt nicht Geschenk über den Unschuldigen. — Einem Jeden das Seine; dem Hülfsbedürftigen Hülse! der Unschuld Schutz! und Gott das Herz! das war die Regel seines Lebens, der er treu blieb bis in den Tod. Sein Andenken sey uns und allen Guten, die von ihm lesen, gesegnet! Von seiner Tugend gerührt setzen wir ihm noch jetzt im Geiste die Grabschrift: hier ruht der reiche Boas, er war, so lange er lebte, ein verständiger Vorsteher seines Hauswesens, ein guter Herr gegen seine Diener, ein liebreicher Wohlthäter gegen die Dürftigen, ein Biedermann, schlecht und recht, der Gott fürchtete und das Böse meideter . Amen. 1 1 7 243 . Zehnte Predigt. (Sonntag 1. nach Trinit.) Als ich in diesen Tagen in unserm heutigen Sonntagsevangelium die Erzaͤhlung von dem Zuſtande des reichen Mannes und des armen Lazarus in jener Welt las, meine theuren Freunde, da kam mir der Gedanke in den Sinn, wie uns doch wohl zu Muthe seyn möchte, wenn wir einmal unsern irdischen Kampf ausgekämpft, unsern irdischen Lauf vollendet und das jenseitige Land erreicht hätten; — ob wir uns dann nicht vielleicht wohl über uns selbst würden wundern müssen, über unser hiesiges Tichten und Trachten, Treiben und Drängen; — ob uns nicht unser ganzes irrdisches Leben als ein Zustand Q2 ⁵⁵ 244 der Kindheit, alle unsre Güter, unsre Freuden, unsre Kümmernisse als ein Spielwerk unserer Jugend vorkommen würden, wobey wir unsre ersten Kräfte versuchen lernten; — ob wir da nicht mit sanfter Geistesstille auf das Erdenleben hinab und im höhern Leben mit frohem Muthe um uns her blicken würden; — ob es nicht möglich seyn möchte, dachte ich, sich einen solchen stillen, ruhigen, heitern Sinn schon früher, schon hier auf Erden zu eigen zu machen, bevor wir ins höhere Land gekommen wären? — Und indem ich so dachte, fiel mir wieder die Familiengeschichte unsrer Ruth ein. Siehe, da traten die Bilder dieser vergnügten heitern Menschen vor mich hin. Ich sah sie im Geiste in jenem Zeitalter eines rohen zügellosen Lebens, von tiefem Sittenverderbniß und von feindlichen Verheerungen umgeben; von vielfachen Unannehmlichkeiten gestört; von mancherley hartem Ungemach angefallen. Wie, dachte ich, wie mochte ihnen doch zu Muthe seyn, wenn sie so vieles Herzeleid erfuhren. Wurde Boas nicht verdrießlich und ärgerlich, wenn er unter einer so großen Menge von Dienern leben und mit ihnen seine vielen häuslichen Geschäfte besorgen mußte? Was mochte doch Naemi wohl empfinden, als ſie mit den Ihrigen vor der Theurung aus dem Vaterlande flüchtete? und als sie ihren Gatten und ihre erwachsenen Söhne verlohr? und 245 90 als sie sich mit ihrer Schwiegertochter so kümmerlich nährte und den Tagen des hohen Alters mit Nahrungssorgen entgegen gieng? Wie mochte doch der Ruth wohl ums Herz seyn, da sie als ein junges Weib ihren Gatten verlohr, ihr Vaterland verließ, um ihrer armen Schwiegermutter zu folgen, und als sie das tägliche Brodt durch saure Arbeit erwerben mußte? Wurden sie nicht niedergeschlagen und verzagt? Verlohr nicht ihr Herz den Frieden? Wurden sie nicht unwillig über ihr Schicksal? bitter und zurückstoßend? Oder verfanken sie nicht in tiefe Schwermuth und Traurigkeit? — Es ist zu verwundern, wie ruhig und sanft sie blieben. Gutes Muthes, gelassen, sich selbst stets gleich, von keiner heftigen Leidenschaft überwältigt oder beunruhigt, zufrieden mit ihrem Geschick, für jeden Genuß, den ihnen Gott darbietet, empfänglich; mit einem Worte heiter — so erschienen mir diese drey treflichen Menschen, als ihr Bild vor mich hintrat. Erlaubet mir, meine Freunde, das, was ich über dieſe ihre Heiterkeit denke, euch in dieser Morgenstunde zu unsrer gemeinschaftlichen Erbauung vorzutragen. (Gesang.) 44 246 Strach 51, 35. Sehet mich an; ich habe eine kleine Zeit Mühe und Arbeit gebabt und habe großen Trost gefunden. Dies ist die Stimme eines heitern Greises. Er hatte, wie er im ganzen Kapitel erzählt, viele Mühe und Arbeit gehabt; hatte Sorgen und Trübsale erlitten; war in tödtlichen Krankheiten gewesen; war von bösen Menschen verfolgt worden; böse Buben hatten seine Tugend oftmals versucht; er hatte mit Eifer und großer Anstrengung nach Weisheit geforscht; hatte unter Sorge, Furcht und Hoffnung, unter angenehmen und unangenehmen Erfahrungen sein Leben zugebracht und das höhere Alter erreicht. Nun sieht er auf dieses Leben voll Mühe und Arbeit ernstlich und ruhig zurück; und es dünkt ihm nur eine kleine Zeit. Er hat sich losgemacht von allem Tand, von allen Sorgen; er fühlt sich selbst weiser und besser geworden, fühlt sich seinem Gotte näher; er sieht um sich her, ruft die, welche er sieht, um ihnen seine Erfahrungen und seine Weisheit mitzutheilen. Sehet mich an, spricht er, ich habe eine kleine Zeit Mühe und Arbeit gehabt und habe großen Trost gefunden. Ruhig ist die Seele, ungetrübt das Antlitz des Greises, der also spricht. 247 ⁵⁴ Sein Charakter ist wie der Charakter der drey Personen in unsrer Familiengeschichte: Heiterkeit des Geistes. 1) Gewiß ist diese Heiterkeit, eine sehr wünschenswerthe Gemüthsstimmung. Sie muß aber wohl nicht ganz leicht zu erwerben seyn, oder die meisten Menschen müsſen es verkehrt anfangen. Doch ist es nicht einzusehen, warum man es zu dieser Gemüthsstimmung nicht sollte bringen können. Man wird schon aus der Aufstellung dieser Hauptsätze einsehen, daß ich behaupte, Heiterkeit des Geistes sey etwas, was in unsrer Gewalt stehe. Dieses würde ich nicht behaupten können, wenn ich unter der Heiterkeit diejenige frohe Seelenstimmung verstände, welche durch ein leichtes Blyt, durch Unerfahrenheit und Gedankenloſigkeit hervorgebracht wird. Denn auch der klügste und geschickteste Mensch kann nicht Schöpfer seines Temperaments werden, kann, wenn er auch vieles in sich umzuändern vermag, doch nicht die Hauptsäfte seines Körpers um # 248 wandeln. Auch kann der Leichtsinnige sich nicht vor Erfahrungen verbergen, die ihm seinen Leichtsinn zerſloßen und dadurch ſeine leichtſinnige Heiterkeit zerstören. Der Verständige und Einsichtsvolle kann nicht gedankenlos seyn: hienge die Heiterkeit von der Gedankenlosigkeit ab, so könnte er also nicht heiter werden. Heiterkeit wäre dann nicht in seiner Gewalt. — Ferner behaupte ich, daß Heiterkeit etwas sey, was man schon hier auf Erden sich zu eigen machen könne, bevor man ins höhere Land gekommen. Dieses würde ich ebenfalls nicht behaupten können, wenn ich unter der Heiterkeit diejenige ruhige Seelenstimmung verstände, welche nie unterbrochen, nie gestört wird. Denn in diesem Lande des Stückwerks soll und muß der Mensch im Streite seyn. In den krummen Wegen dieses Erdenlebens kann nicht immer heiterer Sonnenschein auf uns fallen; sondern es wird uns auch manchmal Schatten bedecken. Nur das Kind könnte dann heiter ſeyn. Denn auf den Wegen unſers Lebens gehts bergan. Nur das Kind wandelt auf schönen Blumenfluren unter fröhlichem Spiel und Jubel; seine Bedürfnisse werden befriedigt und es ahndet nichts Schlimmes. Höher und steiler wandeln Jüngling und Jungfrau; mühsamer ist schon ihr Pfad; sie ahnden schon für die Zukunft höhere Anstrengung und höhere Reitze; es erwacht in ihnen die Be 54 24 gierde, die Leidenschaft; die freye unumwölkte Seele wird zuweilen schon bald von Feuer ergriffen, bald von Nebel umzogen. Noch höher und steiler wandelt der Mann; er sieht um sich und vor sich hin und hinter sich zurück; schlägt durch Disteln und Dornen sich durch; wird verwundet; wird vom Sturme ergriffen, vom Ungewitter überfallen; ißt im Schweiße seines Angesichts sein Brodt. Wie wäre es da möglich, eine solche ruhige Seelenstimmung zu behalten, die nie gestört, nie unterbrochen, immer wie der Himmel des schönsten Frühlingsmorgens wäre! Höchstens möchte es endlich wieder dem einen oder dem andern glücklichen Greise gelingen, oben an der Spitze des Berges, den wir im Leben ersteigen, Halt machen zu können, sich dort los zu machen von allen Verwickelungen des Gesträuchs am Wege, sich zu erholen von allem Druck und Drang, einen freyen Platz zu gewinnen, von wo er ruhig und unbesorgt herab sehen kann auf den Weg, den er gekommen und von wo er einen solchen Blick hinauf ins höhere Land zu thun vermöchte, daß er dadurch gutgemuthet und froh würde. — Nein, nein! eine solche ruhige und frohe Seelenstimmung, die nie, gar nie gestört würde, wollen wir uns nicht versprechen, wenn wir in den krummen Wegen des Lebens bergan wandelnd Heiterkeit der Seele suchen. 40 250 Unter der Heiterkeit des Geistes, von der ich rede, verstehe ich diejenige Gemüthsstimmung, wornach man eine solche Ruhe der Seele empfindet, welche durch keine äussern Uebel aufgehoben und zerstört wird. Der heitere Mensch ist, so lange er auf Erden lebt, für die Eindrücke der Dinge der Erde empfänglich. Er sieht, hört, empfindet. Die Dinge, die auf ihn würken, sind bald angenehme, bald unangenehme. Seine Seele wird beyde fühlen, wird also bald angenehme, bald unangenehme Empfindungen haben. Nach diesen Empfindungen wird er entweder begehren oder verabscheuen. Und so entstehen Affecten, und Neigungen in ihm. Begehrt er etwas gegenwärtiges, so hat er Lust. Begehrt er etwas zukünftiges, so hat er Begierde. Verabscheuet er etwas gegenwärtiges, so hat er Traurigkeit. Verabscheuet er etwas zukünftiges, so hat er Furcht. Der heitre Menſch iſt alſo von ſolchen innern Regungen nicht frey; es ist in ihm nicht, wie ein stehendes Wasser, welches gar nicht bewegt wird. Es ist aber in ihm auch nicht, wie ein ungestümmes Meer, das gewaltsam stürmt und Wogen wirft. Er fühlt keinen Tumult von Leidenſchaften, kein Verzehren in ſich. Hat er Freude; so ist seine Freude nicht Taumel, nicht 251 ⁵⁰ wilde Lust. Hat er Traurigkeit; so ist seine Traurigkeit weder Verzweiflung, noch tiefe Schwermuth. Hat er Begierde; so ist seine Begierde nicht Heftigkeit und Ungestümm. Hat er Furcht, so ist seine Furcht nicht Aengſtlichkeit und Verzagen. — Er fühlt vielmehr eine stille friedliche Bewegung in sich. Es ist in ihm, wie es wohl in Sommertagen am Abend zu ſeyn pflegt. Die Luft ist hell, ist milde; die Sonnenstrahlen erleuchten und erwärmen sanft; ein sanfter Wind kühlt und weht Erfrischung durch die Natur; man sieht die Kraft der Natur und fühlt ihren wohlthuenden Einfluß. — Der heitre Mensch ist ferner zufrieden, sowohl mit den äussern Umständen, als mit sich selbst, sowohl mit der Zukunft, als auch mit der Vergangenheit und Gegenwart. Er findet die Schicksale seines Lebens gut und weise bestimmt. Er findet sich selbst durch seinen geführten Wandel weiser und besser geworden. Er ist beruhigt durch den Glauben, daß auch in Zukunft sein Schicksal nach den Gesetzen der ewigen Weisheit und Güte werde bestimmt und daß Er selbst durch seinen Wandel, durch sein Nachdenken und durch seine Erfahrungen immer mehr werde erleuchtet und veredelt werden. Und eben durch diese Zufriedenheit ist er geneigt zur Freude. Er ſieht mehr Gutes als Boͤſes in der Welt und an den Menschen. Auch an dem, 25 5•5 was ihm Uebel dünkt, bemerkt er noch gute Seiten. Gern wird er froh über das, was ihm angenehmes begegnet; gern nimmt er Theil an jeder Freude, die er sich erlauben darf. Und diese Stimmung ist herrschend in ihm. So ist er überall, zu jeder Zeit, unter allen Umständen, in jeder Lage ſeines Lebens. Dies, Freunde, ist Heiterkeit des Geistes. Es leuchtet von selbst ein, daß sie sowohl von Gleichgültigkeit und Gefühllosigkeit, als auch von Lustigkeit sehr verschieden ist. Der Gleichgültige und Gefühllose wird von Leidenschaften nicht beunruhigt, weil er das Unangenehme und Bittere nicht empfindet; welches bey dem heitern Menschen doch der Fall ist. Der heitere Mensch freuet sich gern; der Gefühllose aber kann das nicht, eben darum weil er gefühllos ist. Der lustige Mensch freuet sich auch und kann auch leiden; aber das eine wie das andre wird in ihm heftig; in dem heitern Menschen aber ist alles milde und sanft. Von dieſer heitern, ſanften Gemüthsſtimmung nun behaupte ich: I. daß sie sehr wünschenswerth sey. Dies ist sie unstreitig, sowohl in Ansehung Anderer, als in Ansehung unsrer selbst; indem sie uns und Andern Gewinn und Freude bringt. Es bedarf 55 255 nur eines flüchtigen Nachdenkens, um sich davon zu überzeugen. Ich will dazu nur folgende Fragen aufwerfen: 1) macht uns nicht die Heiterkeit auf gelegt zur Arbeit? Der heitre Mensch, desse Seele ruhig, dessen Herz zufrieden ist, wird die Arbeit nicht als Plage und Quaal, sondern als Wohlthat ansehen, die dem Geiste wie dem Körper zuträglich ist. Er kann mit seiner ruhigen Seele seine Geschäfte übersehen und anordnen. Er vergißt bey seinem zufriedenen Herzen alle kleinen Beschwerden, die ihm während ſeiner Arbeit vorkommen; wendet sie ab oder trägt sie geduldig, wie ein Kind, welches Blumen sucht, den Dornstrauch, der ihm im Wege haͤngt, wegbeugt oder auch vorlieb nimmt, wenn es sich ein wenig ritzt. Er sieht bey dem, was er thut, mehr aufs Gute, was ihm zu Theil wird, als auf das Ueble, was ihn überkömmt. Er stellt sich seine Geschäfte von der besten Seite vor und hegt auch die besten Hoffnungen für die Zukunft. Durch solche Vorstellungen wird er stark zur Arbeit; denn stark wird man durch Freude. Er kann ausdauern und ermüdet nicht leicht; denn Lust und Liebe zu einem Ding macht alle Mühe und Arbeit gering. — Ich berufe mich auf die Erfahrung eines Jeden, der jemals mit Heiterkeit seine Geschäfte verrichtet hat. Saget, Freunde, wem ist ✋ 25% jemals bey einem heitern Sinne die Arbeit sauer und lästig geworden? wer hat jemals bey einem heitern Sinne mit Verdruß seine Arbeit weggeworsen? wer hat nicht, so oft er heiter war, seine Geschäfte mit eben der Freude beendigt als angefangen? — Ich frage: 2) läßt uns nicht die Heiterkeit viele Freuden genießen? Der Schwermüthige mit trüber Seele kann sich nicht freuen. Er schlägt die Augen nieder, wenn die Freude ihm lächelt. Er wendet sich weg, wenn sie ihm winkt. Wer Freude haben will, der muß sein Herz auch der Freude offen stehen haben. Wenn die Sonne in seinen Garten scheinen soll, der darf keinem Schirm darüber stellen. Nur der heitre Mensch kann sich freuen; denn seine Seele ist nicht umzogen, sein Herz ist nicht im Sturm, er ist ruhig und immer für den Einzug der Freude offen. Und o wie sind der Freuden ſo viele! Der Trübſinnige bemerkt ſie nicht; er geht den Blumen am Wege vorüber; fühlt nichts, als den Stein, an dem ſein Fuß ſich ſtoͤßt; ſieht nichts, als den Schlagbaum im Wege. Aber der heitre Mensch hat Augen und sieht, hat Ohren und hört, hat ein Herz und fühlt. Hebet eure Augen auf und sehet, wer hat alle diese Dinge erschaffen und führet ihr Heer bey der Zahl heraus? Sein Vermögen und starke Kraft ist groß! Groß sind die ⁵⁰ 255 Werke des Herrn, wer ihrer achtet, der hat eitel Lust daran. Sehet Gottes Schöpfung, sehet die Wunder seiner Natur, die Pracht seiner Werke. Sehet Fluren und Wälder, Aecker und Gärten, Kräuter und Bäume! Sehet den Frühling und den Herbst, den Winter und den Sommer! Sehet Blumen und Früchte, Saat und Erndte! Hat nicht der Herr Freude die Fülle? Er will gern erfreuen und erfreut so sehr; seine Hände streuen Segens genug umher. Höret des ſegnenden Vaters Stimme; er spricht überall und zu jederzeit durch lebendiges und lebloses. Höret seinen fröhlichen Zuruf im Geſange der Vögel. Höret ſeinen Segen im Sauſen des Windes! Höret seine Wohlthat aus dem Donner in der Luft! Fühlet, seine Güte in dem Sonnenscheine, womit er Leben und Nahrung schenkt! Fühlet seinen Segen in dem Regen, der auf unsre Gärten und Fluren fällt! Fühlet seine wohlthuende Hand in der Frische des Morgens und in der Kühlung des Abends. — Dies alles hört und sieht und fühlt der heitre Mensch und freut sich; indeß der schwermüthige und trübsinnige das nemliche um sich herum hat, ohne sich darüber zu freuen. Für den heitern Menschen ist die Quelle der Freude unerſchöpflich. Er ſchoͤpft daraus Freude für ſeine Sinne, Freuden für sein Herz — er schöpft Freude aus der Betrachtung der Natur und aus der Betrachtung ⁵⁰ 25 der Kunſt — Freude gewährt, ihm der Glaube an Gott und der Glaube an Unsterblichkeit — Freude genießt er in der Gegenwart, Freude gewährt ihm die Rückerinnerung an die Vergangenheit, Freude empfindet er in der Ahndung der Zukunft. — Freude ſchöpft er aus dem Geräuſche der Welt, Freude hat er im Schooße der Einsamkeit. Kurz., denn wer kann alle Freuden, die Gott uns darbietet, aufzählen? Freuden sind so lange für den Menschen zu schöpfen, als er heiter ist. — Ich frage: 3) ob uns nicht die Heiterkeit die Ertragung der Schicksale und der Menschen erleichtert? Es treffen dich unangenehme Schicksale; es kommen Widerwärtigkeiten über dich; deine Plane scheitern; deine Hoffnungen werden vereitelt; ein wichtiger Verlust betrübt dich: wie wird's werden, wenn deine Seele an Schwermuth und Trübsinn gewohnt ist? Du wirst dich in dein Leiden versenken, wirst nur deinen Kummer fühlen, wirst dich nicht erheben können über das was dich drückt, wirst keinem Gedanken Raum geben als dem Gedanken an die Größe deines Schmerzes, wirſt für nichts Angenehmes Sinn haben, als für die elende Freude, dein Leid immer größer zu finden. Wohnt aber ein heitrer Sinn in dir, so wird das unangenehme Schicksal bald seine Bitterkeit verliehren. Du wirst im Stande seyn, die 54 257 Quellen deines Schmerzens aufzusuchen und vielleicht für jetzt oder für die Zukunft zu verstopfen. Du wirst im Stande seyn, auch in deinem Leiden irgend etwas gutes und dienliches zu sehen, künftige Freude, Nutzen für Andre, Segen für dich und die Deinigen daraus zu ahnden. Du wirst dein Herz über die Erde hinaus bis zu Gott erheben können, und von dort droben aus deinen Kummer betrachten. Du wirst bey einem heitern Sinne die Hoffnung festhalten können, die Niemanden läßt zu Schänden werden. Und durch dieses alles wirst du getroster, muthiger und stärker unter der Last der Leiden stehen; deine Heiterkeit wird dir die Ertragung derſelben um ein betraͤchtliches erleichtern. — Biſt du von Menschen umgeben, welche nicht nach deinem Herzen sind, welche es nicht so gut und redlich meynen wie du; so wird es dir doppelt schwer werden, mit ihnen umzugehen, wenn du trüber Seele bist. Du wirst dich ungern ihnen nahen, wirst sie mit Verdrießlichkeit ansehen, ihnen mit Widerwillen begegnen; und jemehr du so gegen sie verfährst, desto unerträglicher werden sie dir werden. Sey aber heitern Geistes; so wirst du sie schon gleich in einem mildern Lichte ansehen; — du wirst neben ihren fehlerhaften Seiten viele andre bessere gewahr werden; — diese bessern Seiten wirst du dir vorzüglich bemerken und wenn du mit ihnen umgehst R ri. u. 5• 258 oder an sie denkst, vorzüglich diese im Sinne halten; — sogar das Fehlerhafte, was du an ihnen gewahr wirst, wirst du mehr mit Bedauren als mit Bitterkeit und Unwillen ansehen; wirst sie als seelenkranke Menschen betrachten, welche wegen ihrer Seelengebrechen eben so zu beklagen sind, wie ein Kranker, der am Fieber liegt; — du wirst denken: ach, wie mag dieser, wie mag jener zu dieser Unart, zu diesem Fehler, zu dieser verkehrten Richtung gekommen seyn? — du wirst für ihn hoffen, daß er noch einmal werde veredelt, vervollkommnet werden; du wirst bedenken, daß die Menschen durch äussere Umstände verschiedentlich gestaltet werden; du wirst nie vergessen, daß du und sie, daß wir alle einerley Natur und Bestimmung haben; du wirst als Mensch und als Christ den herzlichen Wunsch hegen, daß wir alle einst früher oder später, weisere und bessere Menschen seyn werden. Wenn du so gegen Menſchen, die nicht nach deinem Sinne ſind, denkſt; dann wird es dir leicht werden, sie zu ertragen, wirst ihnen freundlichst Arm und Herz reichen, und dich mit ihnen in Liebe und Eintracht zur höhern Vollendung emporarbeiten. Und dies kann nur der heitere Menſch, deſſen Seele ruhig und deſſen Herz unbeſangen iſt. — Ich frage endlich: . . . 1 . „ 2 5 33 4) macht uns nicht die Heiterkeit Andern angenehm? Man sehe den Gleichgültigen und Gefühllosen; er bleibt einsam, er steht wie verlassen; keiner gesellt sich gern zu ihm; er hat nichts, was anzieht und reiht. Man bemerke den Lustigen; auch der gefällt auf die Länge der Zeit nicht, wenn er auch eine kleine Weile Ergötzen und Vergnügen um sich her verbreitet; man sucht ihn nicht, oft fürchtet man ihn als den Störer wahr rer inniger Freudt. Man bemerke den trübsinnigen, versunkenen Menschen; er entfernt Andre noch weit mehr von sich; wer ihn ansieht, dem entflieht schon durch den Anblick die Freude aus den Augen; glückliche Menschen gehen ihnen aus dem Wege; unglückliche wissen keinen Trost bey ihnen zu finden; es nahet sich ihnen nur derjenige, der bey Weisheit und Liebe Kraft in sich fühlet, der kranken Seele Linderung zu geben. — Aber der heitere Mensch, o wie angenehm ist der Andern um sich her! Kinder wie Erwachsene fühlen das Anziehende eines heitern Sinnes. Kinder rufen mit Freude ein jedes andre Kind zu ihrem Spiele, welches nur freundlich aussieht. Und wie gern gesellt man sich zu einem Menschen, der ohne Sturm und Drang, mit Ruhe und Frohsinn sich mittheilt! Wie gern hält man sich zu einem Freunde, der ohne heftige Leidenschaft lebt und webt, ruhig ist und nur durch R 2 5 260 Liebe und Tugendwärme belebt wird! Wie sehr wird der Gatte erquickt, der unter der Tageslast und Hitze ermüdet in sein Haus zurückkömmt und von einer heitern Gattinn mit heitern Blicken und heitern Reden empfangen wird! Wie sehr wird eine Gattinn aufgemuntert, welche unter den Sorgen und Arbeiten fürs Hauswesen gedrückt, zuweilen einen freundlichen Blick und Zuspruch ihres Gatten erfährt! Wie erlaben sich Eltern an freundlichen Kindern! Wie werden Kinder durch freundliche Eltern ermuntert! Ja durch Heiterkeit wird man sich einer dem Andern lieb; denn es ist an allem, was heiter aussieht, ſo etwas anziehendes, was ſich nicht beschreiben, nur fühlen läßt. Siehe die Natur an! wenn es weder hell noch dunkel ist, so hast du keine besondre Freude daran. Ists Regenwetter oder Sturm, so ziehst du dich zurück. Ist es blendend helle, glänzt es, strahlt es, ists lauter Glut und Hitze; so wendest du deinen Blick weg und verbirgſt dich wohl gar. Iſts aber heitrer Himmel, weht durch mäßige Wärme angenehme Kühlung, ſind die Strahlen der Sonne weder zu schwach, noch zu blendend; dann fühlst du Erquickung und Freude, und eilst hinaus mit Weib und Kindern. So lieb, wie dir eine heitre Natur ist, so lieb und lieber noch ist dem Menschen, der Freude und Erquickung sucht, ein heitrer Mensch! — 261 ☉ Aber, woher kömmt es denn, daß diese Heiterkeit des Geistes nicht häufiger unter uns ist? Woher kömmt es, daß man häufiger unruhigen als ruhigen Gemüths; häufiger ausgelassen fröhlich als stille froh wird? — Mit der Beantwortung dieser Frage, m. F., lasset uns in der nächsten Andachtsstunde diese Betrachtung fortsetzen. . . . . . . 1 . . . . . . . . . . . . . . 262 # — — — ### . . . 1 . . Elfte Pre digt. (Fortsetzung.) Spr. Sal. XVII, 22. Ein fröhliches Herz erheitert das Leben; aber ein trüber Sinn vertrocknet das Gebein. Der eine so ruhige Seelenstimmung hat, daß er nie zu befürchten braucht, seine Ruhe möchte einmal aufgehoben und zerstört werden; wer mit seinen Begierden und Leidenschaften im Frieden lebt und nur eine sanfte Bewegung in seinem Geiste verspürt: wer zufrieden mit sich selbst und mit seinem Schicksal, zufrieden mit dem, was ihm Gott gab und schon im voraus zufrieden mit dem, was ihm Gott geben wird, sein Herz der Freude geöfnet hält; wer diese ruhige vergnügte Seele zu jeder Zeit und in jeder Lage in sich fühlt; ein solcher ist unstreitig in der glücklichsten Stimmung. Er ist aufgelegt zur Arbeit. Er 5•0 findet auf dem Wege durchs Leben mannichfaltigen Freudengenuß. Er findet die Menſchen und ſein Schicksal leicht zu ertragen. Er ist andern angenehm und verbreitet Freude um sich her. Und dies ist grade diejenige Stimmung, welche die Uebung einer jeglichen Tugend am meisten begünstigt. Wer den Kampf gegen Thorheit und Sünde zu kämpfen hat, der hat den Sieg schon halb davon getragen, sobald er Heiterkeit des Geistes gewonnen. Dem heitern Menſchen wird es leicht, ſeine Neigungen zu bemerken; sich selbst zu bewachen; er hat Geistesgegenwart genug, sich selbst in seinen Herzenstiefen zu erhaschen und durch Gottes inwohnenden Geist auch Kraft genug, über sein sinnliches Herz Herr zu werden. Wie glücklich wäre der, der den heitern Sinn, den Sirach, wie es scheint, erst in seinem höhern Alter hatte, schon in den frühen Jahren seines Lebens besäße! Wie viel und wie glücklich würde der wirken, wie viel und wie innig würde der sich freuen, wie duldsam und erhaben würde der im Drange der Menschen und unter dem Druck der Trübsale werden, wie viel Segen und Freude würde der um sich her verbreiten, wie viel Böses würde der bezwingen und wie viel Gutes dagegen üben können, der von den frühern Jahren seines Lebens an in dieser günstigen heitern Gemüthsstimmung wäre! Aber wenn man mit solchen 26. Gedanken und Wünschen in der Welt sich umsieht und gewahr wird, daß der eigentlich heitern Menſchen ſo wenige ſind, ſo möchte man faſt den Muth verliehren, nach einer heitern Gemüthsstimmung auch nur zu streben. Sucht man Heiterkeit bey Menſchen in ihren juͤngern Jahren, ſo findet man häufig entweder Schwermuth, die grade das Gegentheil ist, oder Lustigkeit, welche man nicht als eine so wünschenswerthe Gemüthsstimmung preisen darf. Sucht man sie bey Menschen im männlichen Alter, so findet man gewöhnlich entweder beunruhigende Sorgen oder Zerstreuung durch Geschäfte und Ergötzlichkeiten. Sucht man ſie im hoͤhern Alter, wo man sie am ersten vermuthen sollte, so findet man mit Erstaunen und Bedauren, daß der Greis, der sich nach vielfachen Erfahrungen von Sorgen und Grillen klüglich sollte losgewunden haben, sich vielmehr noch tiefer hinein verstrickt hat. Wer bey ſolchen Erfahrungen den Muth nicht ſinken läßt und an der Möglichkeit heiter zu werden, zu zweifeln anfängt, der wird wenigstens behaupten: . II. Heiterkeit des Geistes müsse entweder sehr schwer zu erwerben ſeyn oder die meiſten Menſchen müssen es verkehrt anfangen, sie zu erlangen. 26 7 Dies ist der zweyte Theil von der am vorigen Sonntage angestellten Betrachtung. — Wir dürfen es in der That nicht läugnen, meine Freunde, 1) daß es viele Menſchen ganz ver kehrt anfangen, um heiter zu werden. Wer die Betrachtung vom vorigen Sonntage weiter überdacht hat, der wird sich noch erinnern, daß ein heitrer Mensch keine verzehrende Leidenschaften; sondern nur eine sanfte friedliche Bewegung des Herzens in sich fühlen dürfe. Wie viele aber überlassen sich ihren Begierden, befriedigen sie so oft und so lange, bis sie zu Leidenschaften werden. Es reitzen sie die äussern Umſtände, ihre Lage, ihre Verbindungen; ihr Temperament treibt sie an, leitet sie; und sie lassen sich reitzen, antreiben und leiten. Sie wachen nich ſtemmen ſich nicht gegen die Verſuchung, bauen keinen Damm gegen den Strom der Leidenſchaft. Und eben darum wird es in ihrer Seele wie ein ungeſtümmes Gewaͤſſer, welches (Jeſ. LVII, 20) nicht ſtille ſeyn kann und deſſen Wellen Koth und Unflath auswerfen. Sie haben keinen Frieden. Die Stürme der Leidenschaften beunruhigen ihre Seele. Hier stürmt der Eifer, der Zorn; dort stürmt Aerger und Verdruß; hier hangen drückend ſchwer die Wolken des Grams und der Traurigkeit; dort regiert das böse Wetter übler Laune. Und diese Wolken, 5 266 dleſe Schauer verhindern, dieſe Stürme verjagen . alle Heiterkeit. — Ein heiterer Mensch hat zur Grundlage seines Wie viele aber sind heitern Sinns Zufriedenheit. unzufrieden und können nicht anders seyn! Nur der, welcher fleißig und gut den Tag hindurch gearbeitet hat, kann mit Freude an die vollbrachte Arbeit zurückdenken und mit Freude den Abend zubringen. Unzufrieden und misvergnügt hingegen ist derjenige, der träge und schlecht wirkte. So kann auch nur derjenige zufrieden seyn, welcher sein Leben gut angewendet hat. Wer seine Tage in Trägheit oder mit bösen Werken zubringt, der kann nie zufrieden seyn, wenn er an die Vergangenheit zurückdenkt. Der Anblick seines leeren oder befleckten Lebens beunruhigt und peinigt ihn, statt ihm Vergnügen und Erquickung zu geben. Wer mit sich selbst unzufrieden ist; der hat seine Heiterkeit weggeschreckt. Wie viele andere sind unzufrieden mit ihrem Schicksale. Sie haben nicht nachgedacht über das, was über sie verhängt worden; haben es sich nicht einfallen lassen, in dem, was ihnen Unordnung schien, Ordnung, in dem, was ihnen thöricht= und ſchädlich ſchien, Weisheit und Segen zu finden. Sie haben nicht Glauben oder sind lau. Sie haben keinen weisen und gütigen Regenten der Welt oder haben ihn zu weit in die Ferne gestellt. Von 267 00 der Zukunft erwarten sie nichts oder nicht viel Eutes. Sie haben keine Hoffnung, keinen Muth und darum sind sie unzufrieden. Sind sie aber unzufrieden, so können sie eben so wenig heiter werden als man Blumen ohne Pflanzen ziehen kann. Eben dadurch, daß viele Menschen sich ihren Begierden und Leidenſchaften uͤberlaſſen und ſo leben und glauben, daß sie weder an die Vergangenheit mit Zufriedenheit zurückdenken, noch der Gegenwart mit Zufriedenheit genießen, noch der Zukunft mit Zufriedenheit entgegen gehen können; eben dadurch verschließen sie ihr Herz der Freude. Solche Menschen verdüstern ihre Seele oder verhärten sie. Nein, bey einem solchen Verfahren ist keine Heiterkeit zu finden. Die aber also verfahren, dürfen sich auch nicht beschweren, dürfen nicht klagen, daß es so schwer sey, heitern Sinn zu haben. — Aber ein solches Verfahren auch abgerecht net, ist es in der That doch auch 2) nicht leicht, sich eine heitere Gemüthsstimmung zu erwerben. Das erhellet aus der Natur der Sache selbst und aus man . chen Hindernissen und Schwierigkeiten. Zur Heiterkeit wird Beherrschung der Leidenschaften erfordert und die Triebe und Leidenschaften sind stark, sind mächtig. Wer nicht auf seiner Hut ist und sich ihrer im Entstehen be 64 268 meisterk, dem werden sie zu gewaltig; haben sie einmal einige Stärke bekommen, so zerreissen sie leicht den Zügel der Vernunft und bringen den Menſchen um alle Stille, um allen Frieden. Zur Heiterkeit des Geistes muß Zufriedenheit mit sich selbst zur Grundlage dienen; mit sich selbst zufrieden wird man nur durch eine gewissenhafte Anwendung seines Lebens und seiner Kräfte; und dazu gehört viel. Wie geneigt ist nicht der Menſch oft, ſeine Stunden, ja ſeine Tage zu verschwenden, zu vertändeln, zu verträumen. Wie oft läßt er sich verleiten, seine Zeit wohl gar zu misbrauchen und zu etwas Argem anzuwenden! Jede Erinnerung aber an eine schlechtverbrachte oder unnüt verbrauchte Stunde ist ein Wurm, der an der Hei. . 7 terkeit nagt. — Wer heiter seyn will, muß auch mit dem Schickſal zufrieden und in Anſehung der Zukunft getroſt seyn. Und dazu wird ein fester und lebhaft wirkender Glaube erfordert. Was man gewöhnlich Glauben nennt; ach! das thut dieſe Dienſte nicht. Der gemein alltägliche Glaube iſt nur ein Aushängeſchild, iſt nur ein ſilberner oder goldener Beleg um das Kleid, womit man zeigen will, daß man auch zur Zunft gehöre. Der Mann, der ihn trägt, kann dabey im hohen Grade misvergnügt seyn, kann dabey vor dem Rauschen ei 269 5 nes Blatts wie vor dem jüngsten Gerichte zittern. Nur ein gründlicher, fester, lebendiger Glaube wirkt Zufriedenheit. Wer an Gott und an Unsterblichkeit glaubt, wer in diesem Glauben fest steht und ihn mit Eifer und Wärme behauptet, gleichwie ein weiser und wohlgerüsteter Kriegsheld die Festung, worin er sich verschanzet; der nur, nur der allein sieht mit Ruhe dem Schicksal zu. Er sieht den Feind, der ihm ſeinen Glauben und mit demſelben seine Ruhe und sein Glück rauben will; aber er ist getrost. Kein Schicksal kann ihm schaden, weil er fest steht und keinen Mangel hat. Er sieht in die Zukunft hinein; aber er fühlt sich versorget. Der Mensch mit festem lebendigem Glauben weiß sich in alles zu fügen; mit sanfter Ergebung unterwirft er ſich in den Willen des, an den er glaubt; mit zuversichtlicher Hoffnung erwartet er die Auflösung irrdischer Räthsel in jener Welt. — Aber um zu einem gründlichen Glauben zu gelangen, muß man nachdenken, oft nachdenken, tief nachdenken, mit wahrheitsbegierigem Herzen nachdenken, mit Entmüthigkeit die gefundene Wahrheit annehmen und beherzigen. — Um zu einem lebendigen Glauben zu gelangen und ihn zu bewahren, muß mun nicht allein sichere und feste Ueberzeugung haben, sondern auch ſein Herz für die Ueberzeugung des Verſtandes öfft nen, sich vor zu häufigen Zerstreuungen häten, 66 und um es ganz zu sagen, herzlich seyn. Ein solcher Glaube aber iſt nicht Jedermanns Ding. — Soll endlich Zufriedenheit und Stimmung zur Freude herrſchend in dem Menſchen werden, ſo gehört dazu viele Uebung und eine anhaltende Gewöhnung. Man muß also Festigkeit des Character haben; man muß die Arbeit ohne zu ermüden fortsetzen können; man muß sich durch Hindernisse und Schwierigkeiten nicht abschrecken lassen, und derer sind doch viele. Wie sehr wird uns die Heiterkeit des Geistes erschwert, wenn wir ein heftiges Temperament, eine reitzbare Seele haben; wenn wir kränklich sind; wenn wir durch unſre frühe Erziehung ſind verweichlichet worden; wenn unser Herz durch oftmalige widerwärtige Schicksale ist verwundet worden; wenn wir in einer unangenehmen häuslichen Lage leben, entweder uns mit den Unsrigen nicht vertragen können oder Kummer und Herzeleid an ihnen erfahren; wenn wir in unserm Berufe solche Geschäfte haben, die uns entweder zu schwer oder nicht nach dem Herzen sind; wenn wir in Verbindungen stehen, die wir gern trennen möchten, aber nicht trennen können. Diese und viele andere dergleichen Umstände können uns die Heiterkeit des Geistes sehr erschweren. Wer weiß wie mancher auch unter uns darüber seufzt und . . 5 271 sich darüber nicht zufrieden geben kann, daß ihm ſolche Umſtände ſo zuwider ſind! O, soll es denn so ganz vergeblich seyn, wenn wir nach Heiterkeit des Geistes streben? Soll es denn so ganz vergebens seyn, wenn der Schwermüthige sein Haupt zu erheben und sein Herz zu ermuntern sich Gewalt anthut? Soll es denn so ganz vergeblich seyn, wenn der von Sorgen und Leiden Gedrückte ſeine Seele zum Frieden zu bringen ſich bemüht? Soll es denn so ganz vergeblich seyn, wenn der Umhergetriebene und Zerstreute festen Fuß zu fassen und ruhig um sich her zu sehen sucht? Muß denn der Mensch entweder von Sorgen und Feinden gequält oder von Zerstreuungen herumgetrieben, oder gleichgültig und gefühllos seyn? Giebts keinen Ausweg? Sollen wir denn durchaus von unsern Wünschen gedrängt unter den äussern Umständen, unter den Hindernissen erliegen? Die Materie, von der ich rede, ist zu wichtig; als daß ich meine Zuhörer nicht bitten möchte, das Wenige, welches ich heute vorgetragen habe, einem sorgfältigen Nachdenken und einer ernstlichen Beherzigung zu unterwerfen. Vernehmet zum Schlusse dieser Betrachtung, ehe wir sie am nächsten Sonntage fortsetzen, noch folgendes: — Ich habe einen Mann gekannt, der heiter war, obwohl ihm dies wegen seines Temperaments und wegen mancher äussern Um 5•4 272 stände nicht sehr leicht seyn konnte. Sein Temperament machte ihn lebhaft. Er hatte einen weiten Wirkungskreis; viele Menschen suchten bey ihm Rath, Trost und Hülfe und er sorgte für viele. Von den frühen Jahren seiner Jugend an arbeitete er anhaltend, er arbeitete vom frühen Morgen bis zum späten Abend. Sein Körper war zart und zart war seine Seele. Es gieng ihm nicht alles nach Wunsch; denn seine Kräfte schwanden und seine Gesundheit welkte unter seinen anstrengenden Arbeiten und liefen Gedanken. Und was das schmerzlichste Herzeleid für ihn war: seine Gattin ward durch einen Unglücksfall für ihr ganzes Leben aufs Krankenlager gelegt. Er fühlte tief in seiner Seele die Quaal seiner Gattin, fühlte merklich seine eigenen Kräfte noch früher als die ihrigen verschwinden; aber nie hat ein anhaltender Kummer seinen Geist getrübt. Ich sah ihn oft, aber nie war Verdruß und üble Laune auf seiner Stirn, nie ließ er die Menschen um sich her mit ſich leiden. Wo er war, da war Freude, da schwand die Traurigkeit. Heiter blieb er bis in ſein Alter. Mit Frohſinn wirkte er noch mit den Ueberbleibseln seiner Kräfte für die Wohlfahrt der Menſchen. Mit Munterkeit erzählte er noch von den Freuden, dse ihm in seiner Jugend, unter seinen Freunden, zum Theil hier in unſerer Stadt, wo er sich den Wissenschaften widmete, zu Theil wur 75 den. Mit inniger Freude erwähnte er aller Schicksale seines Lebens. Mit Gelassenheit sprach er vom Tode, den er erwartete, gieng ihm entgegen so ruhig, wie er des Abends sich zur Ruhe zu legen pflegte. Er starb mit der sanften Heiterkeit; womit er gelebt hatte; er verschied wie die Sonne an einem . ſchönen Herbſttage. Ein zweytes Exempel haben wir an den Personen des Buchs Ruth; und dies habe ich bereits angeführt. Vernehmet noch ein drittes Exempel aus der bibl. Geschichte. Unter den rechtschaffenen Männern, welche dem König David, als er vor seinem Sohn Absälom fliehen mußte, durch treue Dienste sein Unglück erträglich machten, war Barsillai, ein achtzigjähriger Greis. Er wohnte jenseits des Jordans im Lande Gilead. Dort versorgte er den König, so lange er sich mit den Seinigen dort aufhielt; mit Nahrung. Als David über seine Feinde gesiegt hatte und nach Jerusalem zurückkehren wollte, begleitete ihn Barstllai bis über den Jordan. Er wollte Abschied nehmen und in seine Heimath zurückkehren: da forderte der König ihn auf, er sollte doch mit ihm nach Jerusalem ziehen; da wolle er ihm das Gute, das er ihm erwiesen, reichlich vergelten und ihm noch in seinen letzten Tagen etwas zur Erquickung thun. Barsillai dankte dem Könige für dieses gütige Anerbierh. u. 55 ten, nahm es aber nicht an. Einem so alten Manne, wie ich bin, sprach er mit ernsthaftlächelnder Miene, würde das nicht mehr wohl anstehen, wenn er mit dem Könige nach Jerusalem reiste, um da gute Tage zu haben. Ich bin jetzt achtzig Jahre alt: wie sollte ich noch geschickt seyn, an den Lustbarkeiten des Hofes Theil zu nehmen? Ich alter Mann könnte ja die wohlschmeckenden Speisen und Getränke nicht mehr kosten; könnte ja die Musik der Sänger und Sängerinnen am Hofe nicht recht mehr empfinden! Warum sollte ich denn, ich alter abgelebter Mann, meinem Herrn dem Könige beschwerlich fallen? Nur eins sey mir noch vergönnt: den König noch ein wenig weiter bis über den Jordan zu begleiten. Was mein König an mir thun will, das wäre auch zuviel für meine geringen Dienste, die ich dir bewiesen. Dein Knecht will umkehren; bald werde ich mich in meiner Heimath im Grabe meines Vaters und meiner Mutter zur Ruhe legen. — Dem Könige gefiel diese Antwort; sie schien ihm eines vernünftigen und frommen Greises würdig zu seyn. E umarmte ihn, ſegnete ihn und Barſillai kehrte ohne die Freuden des Hofes mit heiterm Herzen nach Gilead zurück. — Diese Geschichte steht geschrieben im 19ten Capitel des 2ten Buchs Samuels, vom 31sten bis zum 3gsten Verse. 44 275 gt. predi te Zwölf Allerdings ist es schwer, sehr schwer, die Heitere keit des Geistes, von der in unsern beyden vorhergehenden Betrachtungen die Rede war, zu erlangen. Die Triebe und Leidenschaften, ohne deren Beherrschung man nicht heiter seyn kann, sind mächtig und ſtark. Gewiſſenhaftigkeit und Treue in der Anwendung des Lebens, welche zur Heiterkeit unumgänglich nöthig ist, ist leichter gepredigt als geübt. Der feste und lebendige Glaube, der dazu erfordert wird, ist nicht Jedermanns Ding. Zu einer ſorgfältigen Uebung und anhaltenden Gewöhnung fehlt es gar zu häufig an Gesetztheit und Ausdauren. Und die mancherley Hindernisse und Schwierigkeiten, welche die Heiterkeit zu einer schwer zu erlangenden Gemüthsstimmung S 2 276 55 machen, so wie es seyn muß zu überwinden, o wie vielen mag es dazu an Muth und Kraft und Unverdrossenheit fehlen! Ja, was noch mehr ist; so wie es dem einen vor dem andern wegen seines Temperaments oder wegen seiner äussern Lage leichter oder schwerer wird, heiter zu seyn; so giebt es auch einen wichtigen Unterschied der Zeiten. Und da möchte unser jetziges Zeitaltet wohl nicht dasjenige seyn, worin dem Menschen das Streben nach Heiterkeit erleichtert würde. Die Lebensbedürfnisse sind vervielfältigt worden; die Befriedigung derselben hält schwerer; in der Erziehung hat man uns verzärtelt und verweichlichet; unser Körper und eben darum auch unsre Seele ist reitzbarer und empfindlicher; unser ganzer Character ist deswegen mehr zersplittert und geschwächt. Dies alles muß natürlicherweise dazu beytragen, unsre Ruhe nicht allein, sondern auch unsre Stimmung zur Freude zu stören und zu hindern. Es muß aus den angeführten Ursachen überhaupt und jetzt insbesondere schwer, sehr schwer seyn, zu einer wahrhaft heitern Gemüthsſtimmung zu gelangen. Eben so ausgemacht ist es, daß es viele Menschen sehr verkehrt anfangen, um heiter zu werden. Sie überlassen sich unüberlegt ihren Trieben und Leidenſchaften; ſie leben ſo, daß die Rückerinnerung an die Vergangenheit sie mit nichts weniger als mit 5 277 Frohgefühl erfüllen kann; sie leben und glauben so, daß sie weder der Gegenwart mit Freude genießen, noch der Zukunft mit Ruhe und Hoffnung entgegengehen können; eben dadurch verdrängen sie die Freude von sich, statt ihre Herzen derselben zu öffnen. Ja, es scheint als wenn unser jetziges Menſchengeschlecht nicht allein keinen Muth und keine Kraft, sondern auch kein Wollen, keine Neigung hätte, sich mehr Heiterkeit zu verschaffen. Nicht genug, so viele Hindernisse und Schwierigkeiten zu finden, schafft man sich deren noch immer mehrere in sich und um sich; und indem man so verfährt, klagt man über seine Schwermuth und sucht vergebens dem gedrückten Herzen durch Thränen Luft zu machen. Wer uns bey diesem Benehmen aus der Höhe ansieht, der muß fast glauben, wir seyen entschlossen, unsre Ruhe bis zum letzten Stäubchen zermalmen, zu lassen und uns nicht eher nach der ächten Heiterkeit umsehen zu wollen, bis das Herz ganz und gar durchstoßen worden. Ach, kann eine verirrte Vernunft nur nach Sturm und Drang, nur nach gewaltsamen Erschütterungen zum Gebrauch ihrer Kraft gelangen! — Meine Freunde! mag es immerhin schwer, recht 7 ſchwer ſeyn, — mögen es viele Menſchen verkehrt, recht verkehrt anfangen, um zur Heiterkeit des Geiſtes zu gelangen: darum iſt es doch nicht unmöglich, ✋ 278 Wenn auch bisher nur ein einziger wie Sirach hätte sagen können: „sehet mich an, ich habe großen Trost gefunden“, so wäre uns dieses einzige Exempel schon Beweises genug, daß Heiterkeit des Geistes nichts Unmögliches sey. Ja es muß und soll in des Menschen Gewalt stehen, sich einen heitern Sinn zu erwerben. Wir wollen dies überdenken; wir wollen das Ueberdachte beherzigen; wir wollen Vorsätze fassen; wir wollen sie ausführen; Gott segne uns! Amen. (Gesang.) Sirach VI, 18 - 20. Laß dich die Weisheit ziehen von Jugend auf, so wird ein weiser Mann aus dir. Stelle dich zu ihr, wie einer, der da ackert und saͤet und erwarte ihre guten Früchte. Du mußt eine kleine Zeit um ihrentwillen Mühe und Arbeit haben; aber gar bald wirst du ihre Früchte genießen. ### Sirach ist nicht der einzige, der sich einen heitern Sinn erworben hat. Ich kann in die Reihe heiterer Menſchen auch Barſillai, Ruth, Naemi, BoJesus und mehrere andere stellen. as, Simeon, 44 79 Und darum sage Keiner im voraus, es sey ein Ringen nach etwas unmöglichem, wenn ich die Frage . 1 . aufwerfe: III. wie haben wir es anzufangen, um uns einen heitern Sinn zu . erwerben? . . Ich trage hierüber meine Gedanken zur weitern Prüfung vor. Sie sind folgende. — Heiterkeit ist Gesundheit des Geistes. Wollen wir recht gesund seyn, so muß der Krankheitsstoff entfernt oder verhütet und dann Ordnung und Festigkeit in uns gebracht werden. Heiterkeit ist, wie Helligkeit im Zimmer. Es hann nicht helle im Zimmer werden., bis das, was dem Lichte im Wege steht und Schatten verursacht, weggeſchaft worden. Heiterkeit iſt wie ein klarer Bach. Er kann nicht klar ſeyn, ſo lange noch fremdartiges Waſſer hineinkömmt und das Bett, wodurch er fließt, unrein ist; er wird es erst dann, wann die fremden Quellen verstopft oder abgeleitet und wann sein Bett geläutert worden. So muß also derjenige, welcher heiter werden will, 1) die Hindernisse wegräumen, die ihm im Wege stehen, ehe er 2) mit gutem Erfolge die Mittel anwenden kann, die ihm dazu behülflich sind. . 280 # A, Wenn von Hindernissen des heitern Sinns die Rede ist, so meyne ich theils innere Hindernisse von Seiten unsers Körpers und Geistes, theils äussere von Seiten äuserer Umstände. Sie ſind von einem ſo wichtigen Einflusſe, daß alle unsre Bemühungen um Heiterkeit vergeblich seyn würden, wenn wir sie nicht verhüteten oder wegräumten. 1) Schon von Seiten unsers Körpers können uns dergleichen wichtige Hindernisse im Wege stehen. Menschen, die einen schwächlichen, kranken Körper haben, sind reitzbarer und empfindlicher; sie empfinden alles Unangenehme leichter und tiefer; sie nehmen sich alles, was ihnen begegnet, mehr zu Herzen; werden daher auch leichter aufgebracht; sind geneigter zum Zürnen; geneigten zur Verdrießlichkeit; versinken leichter in Traurigkeit und Mismuth. Das ist eine Erfahrung, welche sich aus der Natur des Menschen sehr leicht erklären läßt. Nemlich der Körper und die Seele stehen in der allergenauſten Verbindung; ſo daß ſie den entſchiedenꝺſken Einfluß auf einander haben. Der Geist fühlt den Körper, worin er wohnt; die Gemüthsstimmung richtet sich nur gar zu haͤufig nach der Stimmung des Körpers. Es sind gewiß sehr seltene Menschen, die sich mit ihrer Seele über den Zustand ihres Körpers erhoben haben. Daher sind es auch nur Ausnahmen 281 66 von der Regel, wenn man in einem schwächlichen, kranken Körper einen heitern Geist findet. In der Regel ist Schwächlichkeit und Krankheit des Körpers ein so mächtiges Hinderniß der Heiterkeit, daß bey einem gewissen Grade derselben das, was man Heiterkeit nennen möchte; nur den flüchtigen Sonnenblicken zu vergleichen ist, welche in einer trüben Jahreszeit zuweilen die Erde erfreuen. — Wollen wir bey unserm Streben nach Heiterkeit sicher gehen, so müssen wir diesem ersten Hindernisse, der Schwächlichkeit und Kränklichkeit des Körpers entgegenarbeiten und Gefundheit und Stärke dagegen zu erhalten und zu befördern suchen. Es wird uns obliegen, alles zu vermeiden, was uns verweichlicht und unsern Körper reitzbarer macht. Mäßigkeit in der Befriedigung unserer Lebensbedürfnisse, Mäßigkeit im Genuß jeder Freude, Mäßigkeit in jeder Art der Anstrengung, in der Anstrengung des Geistes, wie in der Anstrengung des Körpers, Abwechselung der Arbeit und der Ruhe, kurz Maaß und Ziel halten in allen Dingen, mit jedesmaliger Rücksicht auf unsre Kräfte und auf unser Temperament muß uns die heiligste Pflicht seyn. Wir müssen die innern Regungen des Herzens nicht zu heftigen Begierden und zu heftigen Verabſcheuungen, viel weniger zu anhaltenden und verzehrenden Leit 55 denschaften werden lassen. Wir müssen vielmehr das Unsrige thun, um nach bewährt gefundenen Grundsätzen unsern Körper in seinem natürlichen Zustande zu erhalten und seine Kraft und Stärke zugleich mit seinem Wachsthum und so viel als möglich auch mit seinem zunehmenden Alter zu vermehren. Wir müssen dann, wann unser Körper zerrüttet ist, zur Hülfe des verständigen Arztes unsre Zuflucht nehmen und den geringern kränklichen Gefühlen mit der Macht unsers Gemüths entgegengehen. O der Arme, Geplagte, der seine Seele in einem siechen, schwächlichen Körper trägt! Er muß sich leider begnügen lassen an einzelnen flüchtigen Sonnenblicken, bis er in dem neuen Bau von Gott erbaut, zu den Sonnenstrahlen am heitern Himmel freyer aufblicken kann. Ich meyne hier das, was gewöhnlich der Fall ist; denn ich möchte denen, welche wirklich einen schwachen und kränklichen Körper tragen, die tröstliche Hoffnung nicht rauben, daß sie noch wohl durch weise Pflege ihres Körpers und durch die Macht ihres Gemüths sich zu einem heiterern Sinne erheben könnten. Ja, durch Weisheit werden sie den Mismuth, wenn er in ihnen aufsteigen will, unterdrücken können; durch Weisheit werden sie sich der Schwermuth zu bemeistern im Stande seyn; durch Denken hoher Gedanken, durch Empfinden hoher Gefühle, durch Wir 28 S ken edler Werke werden sie sich Ersatz zu verschaffen und eine eigene Art von Frohsinn zu erwerben vermögen. Wem aber diese Weisheit und Macht des Gemüths bey seinem schwachen und kränklichen Körper nicht zu Theil geworden ist; über den rufe ich mit Bedauren aus: o der Arme, der Geplagte! 2) Noch geplagter ist jedoch der, dessen Seele krank iſt; — der Lüſling, der wild in der Freude schwärmt, mit Heißhunger den Freudenbecher bis auf die letzten Hefen ausleert, der unbescheiden und gierig in Blumen wühlt; — der Heftige und Ungestümme, der nicht warten, nicht ausdauren, nicht dulden kann, der den Nebelgestalten der Ehre mit vollen Segeln nachfährt, der bey Sonnen- und Mondeslicht goldenen und silbernen Flitter aus der Erde wühlt; — der Angefochtene, der sich vom Kummer zerſtechen laͤßt; — der Verdrießliche und Aergerliche, der uͤber Blumen wie über Dornen zürnt, weil sie ihm im Wege liegen; — der Misgünſtige, dem der Schimmer des Glücks ſeiner Nebenmenschen Quaalen ins Herz strahlt; — der Bange, der in dem Sonnenscheine, der seine Früchte erwärmt, einen verzehrenden Brand und in dem Regen, der sie tränkt, eine Ueberschwemmung fürchtet; — in den Seelen dieser und ähnlicher Menschen wohnt kein Friede; es toben in ihnen heftige Leidenſchaften; ihre innern Regungen verzehren ſie. S 284 Wo aber nicht Stille und sanfte Bewegung die herrſchende iſt; da kann auch nicht Heiterkeit ſeyn. O wie sollten wir daher diesem zweyten Hindernisse fleuren, wie sollten wir unsere Leidenschaften zu beherrſchen ſuchen! Wie ſollten wir wachen über jede Regung unsers Herzens! wie sollten wir jede Regung der Prüfung unsrer Vernunft unterwerfen! wie sollten wir alles, was uns bösartig erſcheint, in ſeinen erſten Keimen unterdrücken! wie sollten wir in den Stunden der Stille über uns selbst nachdenken, den Zustand unsers Herzens erforschen, gute Vorsätze erneuern, beten! wie sollten wir uns bemühen, die Vernunft in uns zum Herrn zu machen! Ohne diese Beherrschung unserer Triebe und Leidenschaften werden wir nie zum Besitz einer anhaltenden Heiterkeit gelangen. Es giebt ausser diesen innern Hindernissen von Seiten des Körpers und Geistes auch äussere, welt che von äussern Umständen herrühren. Dahin rechne ich: . 3) solche Berufsgeschäfte, die uns entweweder zu schwer oder unsern Neigungen zuwider sind. Wer solche hat, der hat ebenfalls keinen Frieden. Sind sie ihm zu schwer; so wird er unwillig, er fühlt seine Schwäche und wird, weil das der Mensch nicht gern will, traurig darüber oder verbrießlich. Sind sie ihm zuwider; so wendet er sie 28 ⁵⁰ gern davon ab: muß er sie verrichten; so thut er es mit Widerwillen und bedauret, daß er seine Zeit und seine Kräfte nicht besser und mit mehr Lust anwenden kann. In beyden Fällen ist keine Zufriedenheit und keine Stille in seinem Herzen; wie könnte da also Heiterkeit hervorgehen, wo die Quelle dazu fehlt. Ist es uns daher um Heiterkeit zu thun, so müssen wir solche Berufsgeschäfte vermeiden, die uns zu schwer oder nicht nach dem Herzen sind, müssen, wenn wir uns ein Amt oder eine Handthierung erwählen, sorgfältig mit unsern Kräften und mit unserer Neigung zu Rathe gehen, nicht voreilig und ohne Ueberlegung diesem oder jenem Geschäfte uns widmen. Eltern, welch ein Glück und welch ein Unglück können wir über unsre Kinder bringen, wenn wir sie zu ihrem künftigen Berufe beſtimmen! — Iſt aber einmal die Wahl getroffen und können wir die Geschäfte, die nicht nach unserm Herzen sind, nicht ohne große Gefahr und ohne großen Schaden gegen andre vertauschen, so müssen wir ihnen so viel als möglich Geschmack abzugewinnen uns bemühen, müssen die guten und angenehmen Seiten derselben aufsuchen, müssen sie so gut als es in unsern Kräften steht vollführen, müssen in der guten Vollführung, ja in der Unterdrückung unserer Neigungen, in der Aufopferung unserer selbst unsre Freude suchen und auf diese Weise 90 286 uns darein schicken. So werden wir wieder ein Hinderniß auf die Seite räumen und uns die Erwerbung der Heiterkeit erleichtern. 4) Ein viertes Hinderniß sind solche Verbindungen, welche uns gegen das Herz sind. Wer mit Freunden oder Bekannten verbunden lebt, die wegen Mangel an Geiſtesbildung oder Verkehrtheit ihres Kopfes, wegen ihres Temperaments oder wegen ihres Characters nicht nach seinem Herzen sind; wer mit diesen in einer solchen Verbindung steht, daß er mit ihnen umzugehen gezwungen ist, der muß dadurch nothwendig manche Störung erfahren. Wie manche Stunde muß er aufopfern, hingeben, die er gern besser anwenden möchte! Wie manchmal muß er auf aͤchten Genuß Verzicht thun und sich selbst quälen! Wie manches muß er um solcher Verbindungen willen thun, wie manches unterlassen, was ihn beunruhigt, ihn peinigt, ihn mit sich selbst in Kampf bringt. — Sollte man daher nicht solche Verbindungen, so lange es bey uns steht, so viel als möglich vermeiden? sollte man nicht in der Wahl seines Umgangs mit andern Menschen, in der Wahl seiner Freunde mit Weisheit und Bedaͤchtlichkeit zu Werke gehen? ſollte man nicht mit aller Sorgfalt die Gemüther derer, mit denen man in Verbindung treten will, prüfen? sollte man nicht den unserer Gemüthsruhe und Heiterkeit nach 287 S theiligen Umgang, wenn er unvermeidlich ist, so viel als möglich einschränken? sollte man nicht mit allgemeinem Wohlwollen sich darin vereinigen, dergleichen Vereinigung und Umgang, der dem einen wie dem andern zur Last ist, loser zu machen und aus Sorge für sich selbst einer dem andern erlauben und behülflich seyn, nach seiner Neigung froh und ungestört zu leben? Ja sollten wir es uns nicht zur Pflicht machen, alle diejenigen Verbindungen, die man nur der Mode wegen oder um kleinlicher Vortheile geschlossen hat, sobald sie die Ruhe und Heiterkeit unsers Geistes unvermeidlich zerstören, aus gegenseitiger Achtung aufzuheben? — Endlich 5) müssen wir unsre häuslichen Sorgen nicht ängſtlich werden laſſen; denn auch diese sind ein mächtiges Hinderniß des heitern Sinns. Nicht Sorgen rauben die Ruhe; die sind in der menschlichen Seele das, was in einer heitern Gegend die Wirksamkeit der Naturkräfte ist, welche Nutzen und Schönheit zugleich hervortreibt, sondern nur ängstliche Sorgen. Wer für die Befriedigung seiner Lebensbedürfnisse und der Lebensbedürfnisse der Seinigen zu viel zu sorgen hat, keinen Ausweg, kein Durchkommen sieht; dem rauben die Sorgen ſeine Zufriedenheit und ſeine Gemüthsruhe; sie erwecken in ihm Begierden, Leidenschaften, halten ihn fest, nehmen ihm Zeit und Lust zur Freude, 94 288 Darum, wenn du heiter werden willst, beschränke deine Bedürfnisse! O wie wenig bedarf der Mensch! Warum soll ich mich in Purpur und köstliche Leinwand kleiden, wenn ein geringeres Gewand mich ebenfalls bedeckt und schmückt? Warum soll ich meinen Tisch mit mannichfaltigen und vielfach gekünstelten Speisen besetzen, wenn wenigere und einfachere mich besser nähren, mich wahrer erquicken? Warum soll ich den Glanz der Gesellschaft suchen, wenn ich im Kreise weniger und auserwählter Freunde die bessere Weisheit, die ächtere Freude finde? Warum soll ich nach dem Dunste der Ehre vor der Welt trachten, wenn der Besitz der Achtung weniger aber achtungswürdiger Menschen und das Bewustseyn redlich erfüllter Pflicht mir heilsamer ist? Warum soll ich durch solche Verkehrtheit mir und andern Zwang anthun, mir und andern unnöthigen Kosten= und Zeitaufwand verursachen, warum es andern und mir dadurch erschweren, froh zu seyn? Wer seine Bedürfnisse beschränkt hat, der braucht nicht ängstlich zu sorgen. Sey arbeitsam, sey genügsam! Es ist ein großer Gewinn, wer gottselig ist und sich begnügen läßt! Sieh die Bildung deines Geistes als das Höhere an, die Ernährung und Sättigung deines Körpers als das Geringere! Die Unterweiſung und Erziehung deiner Kinder ſey dir das Erste und ihre Ausstattung das Andre! Ich 289 ⁵⁰ meyne nicht, daß man ſein Eins und Alles darin setze, sich einen großen Reichthum von Kenntnissen zu erwerben und sich mit vielseitiger Gelehrsamkeit zu zieren. Ich meyne nicht, daß man für das zeitliche Fortkommen seiner Kinder unbesorgt seyn und nur darauf denken solle, ihnen viele Kenntnisse beyzubringen. Nein, ich behaupte nur, daß man das ganze Leben als eine Schule, worin man Weisheit und Tugend zu lernen habe, ansehen und den Seinigen aus diesem nemlichen Gesichtspuncte zeigen müsse. Diese Weisheit und Tugend erlernt man auch ohne hohe Gelehrsamkeit und Kunst, in jedem Stande und in jeder Lage des Lebens, im Ueberfluß und im Mangel, im Glück und im Unglück. Wer sie erlernt hat, der ist reich genug geworden und hat genug gesorgt; ein solcher bedarf keiner großen Erbschaft, keiner starken Ausstattung, keine prächtigen Kleider, keiner ausgesuchten Tafel, und keines Glanzes, um mit frohem heitern Sinne um sich her zu blicken und sein Werk wirken zu können. Wer mit solchen Gedanken das Leben ansieht und mit solchen Gedanken sorgt, dessen Sorgen werden nicht ängstlich werden und seine Ruhe untergraben. Er wird für die Befriedigung ſeiner Lebensbedürfniſſe das hinlängliche finden und für die Zukunft sich mit guter Hoffnung begnügen. . 25. U. 290 24 Lasset uns doch auf diese verständige Weise sorgen. Lasset uns doch, Freunde, mit Weisheit unsre Verbindungen schließen, mit Weisheit in dieselben uns fügen. Lasset uns doch dahin sehen, daß uns nie unsre Berufsgeschäfte zur Last werden. Lasset uns doch nie der Leidenschaft und der Begierde den Zügel schießen lassen. Lasset uns doch der Krankheit und Schwächlichkeit des Körpers durch eine weise Sorge für unsre Gesundheit und Kraft entgegenarbeiten. Dann räumen wir die Hindernisse weg, welche uns bey dem Streben nach Heiterkeit im Wege stehen; dann schaffen wir den Krankheitsstoff weg und der Körper kann genesen; dann verstopfen wir die trübe Quelle und klar und heiter fließt der Bach. — Dann werden wir mit glücklichem Erfolge auch B, die Mittel anwenden können, welche uns zu einem heitern Sinne verhelfen. Hievon im 2ten Theile meiner Betrachtung. Die Quelle der Heiterkeit ist Zufriedenheit mit uns selbst und mit den äussern Umständen. Der Zustand eines heitern Menschen ist der Zustand der Gemüthsstille und der sanften Bewegung und der Geneigtheit zur Freude. Auf diese Bemerkungen beziehen sich folgende Vorschriften über die Erlangung der Heiterkeit. 291 ⁴⁴ 1) Vergebens suchst du Heiterkeit, wenn nicht Zufriedenheit mit dir selbst in deiner Brust wohnt. Und zufrieden mit dir selbst kannst du nur dann werden, wenn du ein edles Leben führst. Denn eine mächtige Stimme tönt in unserm Herzen, die uns erschrecken und erfreuen, quälen und erheitern kann. Schrecklich tönt sie für den, der auf der Bahn der Sünde wandelt; erfreulich aber für den, der am Guten seine Lust hat. Wer vor ihr Ruhe haben will, kann sie nur auf Einem Wege finden, auf dem Wege der Tugend. Gottes Werk lasset uns wirken; lasset uns rein halten unsern Geist von unedlen Gedanken und Empfindungen; lasset uns thun, was uns obliegt; lasset uns in unserm Berufe Treue und Fleiß, gegen die Unfrigen Liebe, gegen Jedermann Menschenfreundlichkeit beweisen; so daß wir nie Urſache haben, uns ſelbſt Vorwuͤrfe zu machen. Dann und nur dann werden wir ruhig und heiter werden können, weil vor den Vorwürfen, welche die Stimme des Gewissens gegen uns ausspricht, alle Zufriedenheit mit uns selbst und folglich auch alle Heiterkeit entweicht. Wer ein unedles Leben führt, für den werden früh oder spät alle schlechtverbrachte Stunden Plagegeister, die ihm einstens, wo er auch seyn mag, die Ruhe und den Frieden des Herzens rauben. Der Wanderer, der des Abends in der Herberge ankömmt, wird gewiß keine Ruhe finden, wenn T 2 292 ⁵⁰ er den Tag hindurch auf schlechten Wegen gieng. Der Arbeiter, der am Abend vom Felde heimkehrt, wird im Kreise der Seinigen nicht innig froh werden, wenn er sein Tagewerk unvollbracht gelassen oder wohl gar schlecht gearbeitet hat. Wer die Woche hindurch sein Werk versäumte und auf dem Wege der Müssiggänger der Thorheit und Sünde nacheilte, kann keine Freude haben, wenn er am Tage der Ruhe an die verflossenen Arbeitstage zurückdenkt. M. F. Hätte nicht Barsillai ein edles Leben geführt, so würde er nicht so in sich selbst vergnügt gewesen seyn; er würde das Anerbieten des Königs gern angenommen haben, um im Rauſche der Vergnügungen des Hofes die Stimme seines Gewissens zu überhören. Hätten nicht Boas, Ruth und Naemi ein edles Leben geführt, so wäre jener nicht seines Glückes froh geworden und so hätten diese nicht einen so frohen Sinn in ihrer Arbeit behalten. Denn durch ein edles Leben muß man sich zuvor Zufriedenheit mit sich selbst erworben haben, ehe man heiter seyn kann. 2) Aber auch ohne Zufriedenheit mit dem äussern Schicksale suchst du die Heiterkeit vergebens. Und um diese Zufriedenheit zu erlangen, mußt du der Religion dein Herz öfnen. Ach, wie können manche Menschen gegen heilige Wahrheiten so gleichgültig seyn, die ihre wohlthätige Kraft so oft ⁵⁴ 293 und so stark bewiesen haben! wie kann man Wahrheiten verschmähen, ohne deren kräftigen Trost der Menſch ſo leicht unter den Schlägen des Schickſals allen Muth und alle Freude verliehrt! Lehrt es nicht die Erfahrung an Ruth und Naemi, an Sirach, an Simeon, an Jesu und an so vielen andern, daß die Religion sie ermuntert und gestärkt habe, in der Armuth zufrieden, im Unglück gelassen, im Alter vergnügt, im Tode getrost zu seyn? Habet ihr es nicht wohl selbst empfunden, daß euch der Glaube an Gott und Vorsehung über die Widerwärtigkeiten des Lebens beruhigte? hat dieser Glaube nicht auch in euch wohl den Ungestümm der Leidenschaften gestillt? Kummer und Traurigkeit, Furcht und Verzagen, Mismuth und Jammer aus eurem Herzen hinweggenommen? Saget, wes sollen wir uns trösten im Misgeschick, womit sollen wir uns ermuntern in den trüben Stunden unsers Lebens, wenn wir nicht mit Naemi denken wollen, es komme alles Misgeschick von Gott, von Ihm, der mit Weisheit und Liebe über Welt und Menschen waltet? Saget, habet ihr nicht selbst wohl Ruhe und Freude geſchmeckt, wenn ihr die hohen Gedanken dachtet, welche die Religion erweckt, wenn ihr euch den hohen Gefühlen überließet, die sie veranlaßt, wenn ihr die köſtlichen Bilder feſthieltet, womit ſie uns erquickt? Wie wollet ihr dem Gewirre widerwärtiger ⁵⁰ 294 Ereignisse ruhig zusehen, wie wollet ihr in die unbegreiflichen Gerichte gelassen euch fügen, wie wollet ihr die Kämpfe des Lebens muthig und getrost bestehen, wie wollet ihr bey so vielen unerfüllten Wünschen und vereitelten Hofnungen Zufriedenheit behalten können, wenn ihr nicht die Belehrungen der Religion annehmet und euch versichert haltet, daß der Regent der Welt alles nach den Gesetzen der Weisheit und Liebe anordne, und daß unter seiner Regierung alles, alles zu unserm wahren Besten gereiche? Wie wolltet ihr euer von Stürmen des Lebens beunruhigtes Herz stillen können, wenn ihr nicht glaubet an den, der da alles weiß, was wir bedürfen? Und 3) wer wird wohl, drittens, ohne die Ansicht, welche dieser Glaube gewährt, die Güter und Uebel dieser Erde aus dem gehörigen Gesichtspuncte betrachten können? Ohne jenen Glauben wird man auf die Güter der Erde bald einen zu hohen, bald einen zu geringen Werth setzen, und die Uebel der Erde bald leichtsinnig vergeſſen, bald mit Widerwillen und Abſcheu verfluchen wollen. Nur der, der mit der Gegenwart die Zukunft, mit der Zeit die Ewigkeit und mit der Welt den Weltregenten vereinigt denkt, wird das, was ihn umgiebt, im rechten Lichte sehen. Und dies ist doch ein sehr nothwendiges Erforderniß, wenn man 295 44 seinen Geist heiter erhalten will. Denn setzen wir auf die Güter der Erde einen zu großen Werth, so können wir den oft unvermeidlichen Verlust derselben nicht verschmerzen. Setzen wir einen zu geringen Werth darauf, ſo laſſen ſie uns gleichgültig und wir werden ihrer nicht froh. Wollten wir über die Unvollkommenheiten und Uebel der Erde leichtsinnig hinwegdenken, so würde uns dies nicht gelingen, und wenn es uns gelänge, so würden wir durch unsern Leichtsinn unsre eigene Würde kränken. Wollten wir mit unwilligem bitterm Herzen darüber klagen und uns dagegen empören, so würde das Schicksal dadurch nicht geändert und wir selbst fänden darum doch keine Zufriedenheit. In jedem Falle würde unser Geist getrübt und unser Herz gedrückt werden. Wahre Heiterkeit kann nur bey demjenigen statt sinden, der der Güter des Lebens, ohne sich ihrer zu überheben, froh wird, den Verlust derselben, ohne seine Ruhe einzubüßen, erträgt, die vermeidlichen Leiden entfernt und in die unvermeidlichen mit Fassung und Muth sich ergiebt. Und dies kann nur der, den die Religion gelehrt hat, die Dinge dieser Welt richtig zu würdigen. Ein solcher sieht die Erde als einen Wohnplatz an, wo er sich eine Zeitlang als Wanderer aufhalten, Einsichten und Geschicklichkeiten sich erwerben, in edlen Gesinnungen sich üben, Gutes stiften, aus allen unangenehmen # 296 und angenehmen Erfahrungen Weisheit und Tugend lernen und sich zu einem höhern Berufe tauglich machen und den er zu seiner Zeit, sobald der Herr will, wieder verlassen soll, um zu einem höhern Berufe in einer andern Gegend des göttlichen Reichs emporzugehen. Die Güter dieser Erde betrachtet er keinesweges als sein Eigenthum, das er nach Gutfinden verwahren oder wegwerfen, behalten oder verliehren kann, sondern als Güter, die ihm der Herr seines Lebens geliehen, anvertrauet hat, nicht blos um sich durch dieselben Glück und Freude zu verschaffen, sondern auch um durch den Genuß und durch die Anwendung derselben Erfahrungen zu machen und sich selbst in allem Guten zu vervollkommnen. Die Unvollkommenheiten und Uebel der Erde betrachtet er nicht blos als natürliche und nothwendige Einschränkungen der Dinge, und nicht blos als den Schatten neben dem Lichte, der in das große Gemälde des Lebens Abwechselung, Kraft und Nachdruck bringt, sondern auch und ganz vorzüglich als Anordnungen, die in den Plan des welsen Regierers der Welt gehören, als Mittel zur Uebung unsrer Kräfte, als Veranstaltungen zur Erweckung unsers Nachdenkens, zur Erregung unsrer Kraft, zur Bildung unſers Herzens, zur Veredlung unsers Charakters. „Hier soll ich, — so denkt er von seinem Aufenthalte in der Schule dieses Le ✋⸸ bens — hier soll ich lernen, dulden, üben, Gefahr der Sinne scheun, mich kennen, Gott im Menschen lieben, zur Erndte Saamen streun; hier soll mein Geist zu Kraft gedeihen, gebildet wird er hier: einst flieg' ich in verklärten Reihen, Vollendung, näher dir.“ Und muß es ihm nicht bey einer solchen Ansicht der Dinge leichter seyn, dem Lauf der Welt ruhig und gelassen zuzusehen? Wird er wohl aus der Fassung gebracht werden, wenn er den einen oder andern Verlust erleidet? Wird er wohl muchlos trauern und verzagen, wenn ihn irgend eine Trübsal überfällt? Wird er nicht den Unbestand und Wechsel der Dinge mit gefaßter Seele und mit ruhigem Gleichmuthe ertragen? Wird er nicht auch bey heftigen Unglücksschlägen ruhig und ſtark bleiben und mit dem frommen Aſſaph getroſt und heiter sagen können: dennoch bleib ich stets an dir, denn du hältst mich bey meiner rechten Hand, du leitest mich nach deinem Rath und nimmst mich endlich zu Ehren an! — Ja wahrlich, meine Freunde, wenn irgend etwas ist, so ist es die Religion, der lebendige innige Glaube an Gott und Vorſehung, der den Menſchen mit den Schickſalen der Welt zufrieden stellen, ihm die Erde mit ihren Gütern und Uebeln in ihrer wahren Gestalt zeigen und dadurch die Heiterkeit des Geistes in ihm bei . gründen kann. 298 ⁵⁵ 4) Aber, wenn es uns wirklich ein Ernst ist, uns einen heitern Sinn zu eigen zu machen, dann lasset uns vornehmlich auch zu einer regelmäßigen und edlen Thätigkeit uns gewöhnen. Denn saget selbst, wo finden wir am häusigsten den ruhigen und heitern Sinn? finden wir ihn nicht in der Regel in den Häusern derer, die ein wohlgeordnetes, thätiges und gemeinnütziges Leben führen? Und ist das wohl anders zu erwarten? Der Fleiß in Berufsgeschäften verhindert die ungestümmern Bewegungen der Leidenschaft, stärkt die Gesundheit, zerstreut die Sorgen, macht uns viel Unangenehmes vergessen, lindert den Schmerz, stärkt das Gemüth und belebt den Geist. Wer auf eine regelmäßige wohlgeordnete Art thätig ist, und seine Berufsgeschäfte stets zur rechten Zeit und auf die gehörige Art verrichtet, der wird seine Arbeiten auch besser gelingen sehen, wird mehr ausrichten durch seinen Fleiß und wird den erfreulichen Anblick der Ordnung und des Gelingens seiner Arbeit genießen. Wer auf eine edle Art fürs Gute thätig ist, der erwirbt sich dadurch das wohlthuende Bewustseyn guter Thaten, bereitet sich dadurch auf lange Zeiten hin eine beſeligende Rückerinnerung an das vollbrachte Gute und verſchaft ſich dadurch eine der edelsten und reinsten Freuden. Durch dieses alles aber wird die Seele zum Frohsinn gestimmt; sie 299 5 wird empfänglich gemacht für die Freude; sie wird dadurch gehoben, belebt und gestärkt; sie bekömmt dadurch einen gewissen Hochsinn, durch den sie trübe Gedanken verscheucht und sich über alle kleinlichen Kümmernisse erhebt. War es nicht auch so bey Sirach? hatte er nicht großen Trost durch Mühe und Arbeit gefunden? War es nicht so bey Boas? bereitete er sich nicht seinen frohen Lebensgenuß durch ſtete und geordnete Thätigkeit? Und war es nicht so bey Naemi und Ruth? würden sie ihre vielfachen Leiden so ruhig ertragen und sich in Gottes Willen so heiter ergeben haben, wenn sie sich einem müßigen Nachdenken und Empfinden überlassen und nicht durch stete Arbeit ihre Seele gestärkt und ihre 1. Kümmernisse zerſtvent hätten? 5) Gehört endlich zur Heiterkeit des Geistes auch die Fertigkeit und Geneigtheit zur Freude: nun meine Freude, so lasset es uns auch an einer absichtlichen Gewöhnung dazu nicht fehlen laſſen. Jede Fertigkeit verlangt Uebung; was uns zur andern Natur werden soll, dazu müssen wir uns absichtlich und nachdrücklich gewöhnen. Darum müssen wir sorgfältig über uns selber wachen, und keine ungestümme Regungen unsers Herzens in uns aufkommen lassen. Wir müssen unausgesetzt den festen Willen haben, uns niemals einem trüben schwermüthigen Sinne zu ergeben. Wenn unser §5 300 Temperament, oder unglückliche Ereignisse unsers Lebens, oder Kränkungen, die wir von unsern Nebenmenschen erfahren, oder überhäufte Sorgen und Arbeiten uns um unsre Ruhe und Heiterkeit bringen wollen, so müssen wir uns selbst Gewalt anthun, und alle unsre Geisteskraft aufbieten, um nicht überwältigt zu werden. Wir müssen diese Uebungen unsers Geistes so lange fortsetzen, als wir noch in Versuchung können geführt werden, in Schwermuth zu versinken oder Leidenschaften zu erliegen. Wir müssen oft einen Blick in uns selbst thun und stets gegen die Versuchung auf unsrer Hut seyn, damit wir nie die Fassung verliehren und immer uns selbst gegenwärtig bleiben. Wir müssen, je geneigter wir sind, die Heiterkeit des Geistes sahren zu lassen, desto ernstlicher und öfter uns selbst Muth einſprechen, uns ſelbſt zum Widerſtande gegen die Reitzungen der Anfechtung auffordern und unser Herz bewachen. Wir müssen grade dann, wann wir bemerken, daß es uns vorzüglich schwer seyn wird, unsre Heiterkeit zu bewahren, am meisten Ernst, Eifer und Gewalt anwenden, um uns selbst zu behaupten und uns nicht hinreissen zu lassen. Wir müssen mit diesen Uebungen zuweilen den Genuß der stillen heitern Natur verbinden, es beym Anblick derselben unser Herz fühlen lassen, wie schön und lieblich es sey, wenn auch in dem Innern des 3⁰¹ 9 Menschen eine solche Stille, eine solche sanfte Bewegung, eine solche freundliche Erleuchtung herrscht, als in dieser Natur, die durch keinen Sturm erschüttert und durch keinen Glanz blendet. Und damit unser Herz desto geneigter werde, sich dem Freudengenuß, der sich uns darbietet, willig und gleich zu öffnen, so müssen wir auch manchmal absichtlich darauf ausgehen, diesem Herzen irgend einen Frendengenuß zu verschaffen, denn ohne zuweiligen Freudengenuß möchte ihm die Freude allmählig fremd werden; müssen an frohe heitre Menschen uns anschließen; müssen mit ihnen froh und heiter zu werden uns bemühen; Ja, bemühen wir uns! m. Fr., dann werden wir es dahin bringen, Herr über unser Temperament und Herr über die Reitzungen der Leidenschaft zu ſeyn, in die Fügungen Gottes mit gefaßter Seele uns ergeben und unsern Lauf, der uns von Gott verordnet ist, muthig und ruhig fortsetzen zu können, von keiner Trübsal ausser Fassung gebracht und von keinem Leid ſchwermüthig gemacht zu werden, die Freude, wo sie Gott uns darbietet, zu sehen und willig anzunehmen. Haben wir dann auch Mühe und Arbeit bey diesen Uebungen: endlich werden wir doch zur Ruhe kommen und großen Troſt finden. 5 302 gt. Predi lehnte Di Wie oft, m. Fr., mögen auch gute Menſchen, wenn sie es erwägen, was sie sind und was sie seyn sollten, sich gedrungen fühlen, mit dem Apostel zu ſagen: Philipp. III, 12. Nicht daß ich es schon ergriffen habe oder schon vollkommen sey; ich jage ihm aber nach, ob ich es auch ergreifen möchte! Gewiß ist dies auch der Fall, wenn wir uns das Bild der Hauptperson jener biblischen Familiengeſchichte, die ſeit einigen Wochen der Gegenſtand unserer sonntäglichen Betrachtungen gewesen ist, zum Anschauen vorhalten. Diese Hauptperson, Ruth, 5 erscheint uns nicht blos als nachahmungswürdig von Seiten ihres guten Betragens und unbescholtenen Lebenswandels, sondern auch als achtungs= und liebenswürdig von Seiten ihrer edlen, reinen und heiligen Seele. Kommet, lasset uns zu unsern bisherigen Betrachtungen über das Buch Ruth noch eine hinzusetzen! Es mögen. einige schöne Züge aus dem Charakter der Ruth seyn, womit wir heute diese unsere Betrachtungen beschließen. Gott wolle diese und alle vorhergegangenen Betrachtungen gesegnet seyn lassen! 1. Schön und nachahmungswürdig ist an dieser Ruth vors erste ihre Bescheidenheit in ihren Wünschen und Forderungen. Was ich hierunter verstehe, werdet ihr völlig begreifen, meine Freunde, wenn ihr euch eine gewisse nicht seltene Art von Menschen vorstellen wollet, denen es an dieser Bescheidenheit fehlt. Diese Menschen sind gar zu sehr von sich selbst eingenommen und denken sich ihre eigene Person gar zu wichtig. Es ist, als dünkten sie sich überall zu den Ersten zu ge ⁵⁰ hören, auf die es am meisten ankomme. Sie wollen, daß man sie unter den übrigen bemerke und auf sie achte. Sie verlangen, daß man ihnen stets mit Höflichkeit und Ehrenbezeigungen zuvorkomme, und erregen so gern die Aufmerksamkeit derer, die sie umgeben. Sie sehen ihre geringen Vorzüge gern erhoben und ins Licht gestellt und es ist ihnen nicht recht, wenn sie übersehen und vergessen werden. Sie sind geneigt, jedes Uebersehen oder Vergessen ihrer Person als eine Beleidigung aufzunehmen und finden deswegen überall leicht irgend einen Anstoß. Wenn ihre Ansprüche nicht befriedigt werden, so wird sofort Unwille und Bitterkeit in ihnen rege. Alles Vergnügen und alle Heiterkeit weicht dann von ihnen. Es wird ihnen dann schwer, gegen die, mit denen sie umgehen, Freundlichkeit und Wohlwollen zu beweisen. Ihre gekränkte Eitelkeit reitzt sie zum Unmuth und zum Verdruß. Gott behüte uns vor ſolchen Menſchen! wir wiſſen es ja wohl, wie schwer es hält, mit ihnen lange umzugehen und im Einverständniß zu bleiben; wir haben es ja wohl oft genug erfahren, daß in dem Umgange mit ihnen durchaus keine Herzlichkeit und keine wahre Freude zu finden sey; wir haben es ja oft genug gesehen, wie sie durch ihren Eigendünkel und ihre Ansprüche allen denen, die mit ihnen umgehen, zur Last sind und sie durch ihre thörichten Wünsche und Forderun 9 gen quälen; es ist uns ja bekannt, daß sie aller wahren Freundschaft und Liebe unfähig und Störer alles Frohsinns und des häuslichen Glücks sind. Und doch ist diese Art von Unzufriedenheit und Stolz heut zu Tage so häufig und wird von uns so häuſig befördert, ja von Kindesbeinen an den Unſrigen so unbesonnener Weise von uns eingeflößt. Denn was ists, daß wir immer auf Schein und Glanz ausgehen? daß wir immer die Ehre im Sinne haben und in den Unfrigen einen falschen Ehrgeitz erwecken? Was ists, daß wir sie, wenn sie kaum von der Mutter entwöhnt sind, anleiten, auf Dinge einen Werth zu setzen, die keinen Werth haben? Was ists, daß wir sie dann schon überall hervorzuziehen, ins Licht zu stellen und die Aufmerksamkeit Anderer auf ſie hinzulenken ſuchen? Was iſts, daß wir sie überall auf Kleinlichkeiten achten lehren, die der Verständige gern übersteht und deren sorgfältige Bemerkung nur die Ruhe des einen wie des andern stört? Was kann davon anders die Folge seyn, als daß ein Kleinigkeitengeist dadurch erweckt wird, der überall vieles nicht nach seinem kleinlichen Sinne findet, der nirgends lange zufrieden seyn kann, weil er in seinen kleinlichen Wünschen zu weit geht und so viele Anſprüche macht, daß ſich „nicht Thoren genug finden, um dieſelben befriedigen zu können. — Welch ein Abstand ist doch zwiſchen ch. u. ⸸ 306 solchen von falscher Ehrliebe geleiteten unbescheidenen, unzufriedenen Menschen und der ausspruchlosen Ruth! Wie bescheiden ist sie in ihren Wünschen und in ihren Forderungen! Höret doch, wie sie mit ihrer Mutter und wie sie mit Boas und seinen Dienern spricht: laß mich aufs Feld gehen, Mutter, und Aehren auflesen, dem nach, vor dem ich Gnade finde. (Cap. 2, 2.) Lieber, so sprach sie zu dem Aufseher über die Schnitter des Boas, Lieber, laß mich auflesen und sammeln unter den Garben, den Schnittern nach. (V. 7.) Vor Boas bückte sie sich tief zur Erde und sprach: womit habe ich doch diese Enade gefunden vor deinen Augen, daß du mir so viele Wohlthaten erweisest, die ich dir doch fremd bin; du hast mich getröstet und freundlich angesprochen, da ich doch nicht bin als eine deiner Dienerinnen. (V. 10. 13.) Nirgends will sie hervorstechen und glänzen, nirgends will sie die Erste seyn. Man bemerkt es nicht, daß sie auch da ist und sie will nicht bemerkt seyn. Aufmerksamkeit und Ehrenbezeugungen verlangt sie nicht. Sie will nicht höher stehen, als sie steht. Sie ist gegen Jedermann höflich und freundlich und bezeigt Jedem die Achtung, die ihm gebührt, aber sie macht an die Achtung und Höflichkeit Anderer keinen Anspruch. Sie wirft keinen Schein und keinen Glanz um sich, sondern lebt in sich selbst stille und bescheiden, Sie wirkt . 307 ihr Werk, freut sich dessen, was sie zu Stande bringt, aber sie legt Niemanden das, was sie thut, zur Schau. Eben diese ihre Bescheidenheit macht es auch, daß sie nicht, wie so häufig geschieht, hinausstrebt über den Kreis des häuslichen Lebens. Nein sie braucht keinen andern Schauplatz ihrer Handlungen, als ihr Haus. Sie hat gar keine Neigung, ihre Verdienste kund zu thun, ihre Vorzüge und Treflichkeiten bewundern zu lassen. Ein edles Leben in Stille und Verborgenheit, das nur ist ihrem Charakter angemessen. Und — wie wohl ist ihr bey diesem Sinne und wie beglücket sie dadurch auch alle die, die sie umgeben! O daß dies doch allen denen recht einleuchtend seyn möchte, die von diesem Sinne so fern, leider so fern sind! und von denen es wohl oft genug heißen mag: sie erbieten sich mit hohen Worten und thun doch nichts dazu! (Strach 4, 34.) II. Eben so schön und achtungswürdig ist an ihr zweytens auch ihre Unverdrossenheit in ihren Berufsgeschäften. Sie ist vom frühen Morgen beschäftigt bis zum späten Abend. Die häusliche Lage, worin sie lebt, ist kümmerlich. Ihr Gatte und der Gatte ihrer Schwiegermutter sind nicht mehr. Ohne Hülfe und Beystand sind sie sich selbst überlassen. Die alte Mutter mag über ihren Jahren und über ihren ausgeſtandenen Muͤhen und U 2 300 ⁵⁵ Plagen ihre besten Kräfte schon längst eingebüßet ha, ben und schon die Beschwerden des Alters fühlen. Die meiste Sorge und Last liegt auf Ruth. Sie ist der Mutter, obwohl ihr Gatte, der Mutter Sohn schon längst gestorben war, demnach ins fremde ferne Land gefolgt, und ohne Gewinn von ihrer Aufopferung zu haben lebt und arbeitet sie, die arme Wittwe in den Tagen des Alters zu unterstützen. Wie mancher Andre würde unter solchen Umständen seine Hand zurückgezogen und nur an sich selbst und sein eigenes Fortkommen gedacht haben. Wer will mir das zumuthen, so habe ich selbst wohl sagen hören, daß ich mich selbst versäumen und für Andre leben soll; habe ich doch an eigenem Kreutze genug zu tragen. Aber edle Menschen denken nicht also, und so dachte daher auch nicht Ruth. Sie empfand die Bedürfnisse ihrer Mutter in ihrem Herzen aufs lebhafteste und übernahm aus eigenem Antriebe freywillig die Sorge und Arbeit für sie. Und wie hat sie gesorgt und gearbeitet! Sie wartete bey ihrer Armuth keineswegs auf Unterstützung von Andern; nein, sie legte selbst Hand ans Werk. Im Schweiße des Angesichts arbeitete sie im Vertrauen auf Gott und ward nicht müde, wenn sie für ihre Mutter etwas that. Nicht mürrisch und verdrießlich ward sie unter der Last der Sorgen, sondern gutes Muths, mit stiller Ueberlegung und p. unermüdeter Sorgfalt besorgte sie ihr ganzes Hauswesen. Nie fuhr sie hart und unfreundlich gegen ihre Mutter heraus, sondern mit einer Freundlichkeit und Achtung, die dem Alter gebührt und der Tochter Pflicht war, begegnete sie ihr zu jeder Zeit; alles was du mir sagst, sprach sie mit holder Stimme, das will ich thun, und das that sie. Ein Tag gieng nach dem andern und ein Jahr nach dem andern dahin: sie blieb sich in ihrer Thätigkeit gleich. Das Werk, das sie am Abend niederlegte, ergriff sie am Morgen wieder mit bereitwilliger Sorgfalt. Sie wurde ihrer Sorge nicht überdrüßig, verlohr darüber nicht ihren Frohsinn und ihre Heiterkeit. Stets sah man sie arbeitsam und thätig, nie müßig. Stets arbeitete sie mit Freude und willig, nie gezwungen und ärgerlich. Nie ließ sie sich durch einen sorgenvollen Sinn oder eine arbeitsvolle Stunde verleiten, die Mutter zu kränken und zu betrüben, aber stets suchte sie ihr Freude zu machen und Ruhe zu verschaffen. Achtet doch, ihr, die ihr über Mangel und Noth ſeufzet, auf das Exempel der unverdroſsenen Ruth. Sehet doch, wie sie sich nicht lange besinnt, sondern sofort Arbeit sucht und die Arbeit ergreift. Sehet doch, wie sie im Vertrauen auf Gott und aus Liebe zu den Ihrigen nicht müde und verdrossen wird in ihrer Arbeit! Sehet doch, wie sie ihre Kräfte anstrengt, um in den Zeiten der 54 310 Theurung, da unaufhörliche Unordnungen und Kriegsunruhen dem Menschen das Leben verleideten, das tägliche Brodt zu gewinnen. Sehet doch, wie leicht sie zufrieden ist, und wie viel sie sich gefallen läßt, ohne zu murren! Wie Viele thun nicht also! Und wie sollte uns dieses Exempel der in ihren Geschäften so unverdrossenen Ruth beschämen, wenn wir uns so oft bey geringern Sorgen und Beschwerden von Unmuth und Verdruß gleich hinreissen lassen. Ist das löblich, wenn wir so arbeitsscheu sind und jegliche Beschwerde, jegliche Plage fürchten? Geziemt sich das für uns, daß uns oft die geringsten Hindernisse und Schwierigkeiten, die unbedeutendsten Misgeschicke und Unfälle, die wir in unsern häuslichen Geschäften erfahren, zum Unwillen und zur Uebellaune reitzen? Ist das recht, wenn wir die Unsrigen betrüben und kränken, weil uns die Ist das liebreich, wenn wir Arbeit schwer wird unsre oft nur gar zu geringen Beschwerden, die wir für die Unfrigen ertragen, so hoch anschlagen und verdrossen sind, ein Mehreres zu thun? O lasset uns doch nicht verdrossen werden, Gutes zu thun! Einen Arbeiter, der heiter und unverdrossen ist bey seiner Arbeit, den haben Gott und Menschen lieb. III. Was mir an unserer Ruth drittens schön und treflich dünkt, das ist die Bestimmtheit und 3¹¹ 5 Festigkeit ihres Charakters. Von Wankelmuth und Halsstarrigkeit ist sie gleich weit entfernt. Das, was sie will, will sie nicht aus Eigensinn, darum, weil sie es will; sondern sie läßt sich rathen und leiten, sie nimmt den Rath ihrer Mutter mit Bescheidenheit an, und thut, was sie ihr sagt. Aber eben so wenig ist sie, wie Manche es sind, ohne allen eigenen Willen. Es giebt nemlich Menſchen, die ohne eigene Ueberlegung und ohne eigenes Nachdenken zu Werke gehen, die mit ihren Gedanken nur in die Gedanken Anderer eintreten, von Anderen beschließen lassen, was sie beginnen sollen, die nichts anordnen und zu Stande bringen, als wozu ihnen Andere die Anleitung geben. Solche unbeſtimmte Menſchen verfahren ohne alle Selbstständigkeit und haben deswegen keinen beſtimmten eigenen Character, ſie zeigen sich zu der einen Zeit so, und zu der andern Zeit wieder anders. Was sie heute wollen, wollen sie vielleicht morgen nicht mehr. In ihrem Thun und Lassen ist deswegen gar kein Plan, keine Regelmäßigkeit; sie haben kein bestimmtes festes Ziel, worauf sie hinstreben. Dieser ihr Character ist eine Art von Geistesschwäche, die freylich zuweilen die Folge ihrer natürlichen Anlagen ſeyn mag, gemeiniglich aber vom Mangel an Nachdenken und Ueberlegung und vom Mangel an Uebung in Geſchäften % 312 herrührt. Sie denken zu wenig über das, was sie vorhaben, nach, übersehen zu wenig das Ganze, versäumen es, ihre Geschäfte gehörig anzuordnen, handeln und sprechen eher, als sie gedacht und überlegt haben, übersehen deswegen in flüchtiger Eile oft wichtige Puncte. Die Folge davon ist dann natürlich, daß ihnen ihre Geschäfte nicht recht gelingen, daß ihnen die Arbeit lästig wird, daß ihnen alles unter ihren Händen in Unordnung geräth, daß sie allen ordnungsliebenden und überlegsamen Menschen um sich her beschwerlich fallen und sich häufig in Worten und Thaten übereilen. Es ist gewiß, wie der Apostel sagt, ein köstliches Ding, daß das Herz fest werde, so wie es ein sehr schlimmes Ding ist, wenn man in seinem Tichten und Trachten so unbestimmt und wankelmüthig bleibt. Auch hierin macht Ruth vor vielen Anderen eine rühmliche Ausnahme. Sie wußte, was sie wollte, und wußte, was sie that. In ihrem ganzen Benehmen sehen wir ihre Entschloſſenheit, ihre Beſtimmtheit. Sie erwägt das Schicksal ihrer armen verlassenen Mutter und findet es nöthig, ihr beyzustehen. Und nun verläßt sie ihr Vaterland und ihre Familie, um derselben zu folgen. Nichts kann sie nun mehr bewegen, zurückzubleiben, nicht das Bitten der Mutter selbst, und nicht der Wunsch ihrer Angehörigen. Sie hält es für nöthig und für Pflicht, ihrer Mutter Hülfe zu leisten, und S 15 läßt sich von ihrem gewiß ernstlich überlegten Vorsatze nicht abbringen. Sie hatte sich nicht von dem Verstande und Rathe Anderer abhängig gemacht, sondern sie dachte und überlegte alles, was sie bedenken und überlegen konnte, selbst. Ihre Vorsätze wurden nicht durch die Meinungen Anderer bestimmt, sondern sie war von eigenem Entschlusse. Ihre Neigungen richteten sich nicht nach den Neigungen Anderer, sondern sie hatte einen eigenen Sinn, eine eigene Denkungsart, einen eigenen Character. Und wenn sie einmal etwas beschlossen hatte, so ließ sie sich auch nicht aufhalten, das Beschlossene auszuführen; dann scheute sie keine Hindernisse und Schwierigkeiten, keine Unannehmlichkeiten und Leiden. In dem einmal angefangenen Werke fuhr sie unermüdet und treulich fort. Die saure Arbeit, wodurch sie ihrer Mutter beysprang, wurde ihr nie so schwer, daß sie sie hätte fahren lassen. Das Wort, das sie ihr gegeben hatte, ihr zu folgen bis in den Tod, hielt sie mit unverbrüchlicher Treue und daher konnte sie auch nichts von derselben abwendig machen. Mit gelaſſenem Herzen, mit ruhiger Ueberlegung, mit sorgfältiger Vorsicht, mit unermüdeter Thätigkeit und einer seltenen Standhaftigkeit setzte sie es durch, sie allein, in der Zeit des Kriegs und der Theurung, die Ernährerinn und Pflegerinn des Hauses zu seyn. Im Vertrauen auf Gott war sie stark • 514 und auch in diesem Vertrauen war sie fest und standhaft. Nichts konnte sie um den Glauben bringen, daß Jehovah sich der Menschen mit Liebe annehme. Auf ihn hoffte sie, Er war ihre Zuflucht! — Es ist eine Freude, solche Menschen zu finden, die sich selbst gleich bleiben und nicht ohne Regel und Absicht handeln, die da wissen, was sie thun und stets ein festes Ziel vor Augen haben. Mit ihnen lebt man gern in häuslicher Verbindung, man findet sie nicht lästig und wunderlich, von ihnen wird man weder durch Schwachsinn noch durch Starrsinn gequält. Ruth, m. Fr., sey uns deshalb vor vielen Andern ihres und unsers Geschlechts gepriesen! IV. Lasset uns viertens auch den stillen Gleichmuth bewundern, womit sie sich in alle gewiß nicht angenehme und erwünschte Schicksale ihres Lebens fügte. Für Manche ist es freylich nicht sehr schwer, einen solchen Gleichmuth zu beweisen. Sie sind von Natur härter und gefühlloser; das, was sie drückt, drückt sie nicht sehr hart, das, was sie schmerzt, schmerzt sie nicht sehr heftig; alles, was ihnen begegnet, macht keinen sehr tiefen Eindruck auf sie; die Widerwärtigkeiten, die ihnen zustoßen, ziehen sie sich weniger zu Gemüthe. Solche weniger fühlende Menschen können das Unglück leichter ertragen und wenn sie sich gleichmüthig und gelassen be 50 5¹⁵ weisen, so ist dieses nicht eine rühmliche Stärke ihrer Seele, sondern eine natürliche Härte ihres Herzens, eine natürliche Stumpfheit ihres Gefühls. Aber es giebt Andere, denen von Natur eine feine Seele, (B. d. Weish. Cap. 9.) ein zartes Gefühl zu Theil geworden ist. Alles, was sie erfahren, macht sogleich starken Eindruck auf sie. Auch den geringern Schmerz empfinden sie heftig und sie werden von ihren Empfindungen angegriffen. Wenn solchen ein Leid zustößt, so kann es ihnen nicht leicht seyn, in der Ertragung desselben Gelassenheit und Stille zu beweisen. Fassung zu behalten, muß ihnen schwer seyn, darum weil sie von jedem Anfalle des Schmerzes zu heftig erschüttert werden. — War nicht auch Ruth eine von diesen? Welch ein gefühlvolles Herz schlug in ihrer Brust! wie zart waren ihre Empfindungen! wie fein waren ihre Gedanken! wie tief empfunden war alles, was sie sprach und that! Und bey einem solchen zarten Sinn mußte sie schon in den Jahren ihrer Jugend die Bitterkeiten des Schicksals in vollem Maaße schmecken. Sie war noch ein sehr jugendliches Weib, als sie schon ihren Gatten verlohren, ihr Vaterland und ihre Familie verlassen hatte und mit saurer Arbeit sich und ihre Schwiegermutter in den Zeiten der Theurung ernähren mußte. Unter solchen Umständen, so wie sie, den Jammer und das Herzeleid 0 316 tief empfinden und dann doch stillen Gemüths bleiben, nicht murren und seufzen, friedlich hingehen und sein Werk wirken, auf Gott vertrauen und von der Zukunft das Beste erwarten, Sanftmuth und Freundlichkeit beweisen gegen Jedermann und unter seinem Schmerze Niemanden mit leiden lassen; wahrlich dazu gehört viel guter ernster Wille, viel weises Nachdenken, viel Anstrengung seiner Geisteskraft, viel Selbstverläungung, viel Glaube und viel Liebe. Und so viel Stärke lag in der Seele dieses holdseligen jungen Weibes! Denn sehet doch, wie so ruhig und fest sie der Mutter ins fremde Land folgt! wie standhaft sie ihr beysteht! wie sie es sich nie merken läßt, daß sie sich nach ihrem Vaterlande und ihre Familie zurücksehnt! wie sie alles, was ihrer Mutter unangenehm seyn könnte, entfernt, verschweigt, verhütet! wie viel Mühe sie sich giebt, sie zu erheitern! wie sie sich selbst vergißt aus Sorgfalt für ihre Ruhe und Versorgung! mit welch einer stillen Heiterkeit sie ihr stets begegnet! wie sie allen Schmerz über ihre Leiden, alle Trauer über das Hinwelken ihrer Jugend, alle Seufzer über die Kümmernisse ihres jungen Lebens vor ihr zu verbergen weiß. O sie sey uns allen ein Vorbild in dem ſanften und geduldigen Sinne; ihr Beyſpiel lehre uns, wie viel der gute Wille vermag, wie stark die Macht unsers Gemüths sey gegen die Reitzungen des 3¹⁷ # Temperaments und gegen die Anfechtungen des Schicksals. Wenn es uns schwer werden will, Geduld und Ruhe zu beweisen, wenn unser Herz im Leiden sich empören will, dann trete das Bild dieser edlen weiblichen Seele vor die Augen unsers Geistes, uns Muth einflößen. Ach, wir bedürfen wohl oft einer solchen Ermunterung, wenn in unserm häuslichen Leben Tage voll Herzeleid und Trauren eintreten. Der Muth entſinkt uns ſo leicht, das Herz wird ſo leicht unruhig, so leicht verliehren wir die Fassung und werden unwillig und stürmisch, oder schwach und verzagt. Möchten wir es in solchen Fällen doch beherzigen, was wir an dem Exempel der Ruth so anschaulich erblicken, daß kein Herz zu zart und zu gefühlvoll sey, um nicht auch unter heftigern Leiden Ruhe und Gleichmuth beweisen zu können. Fasset ihr insbesondere dieses schöne Bild des Gleichmuths fest ins Auge, ihr Jungfrauen, die ihr ins häusliche Leben treten wollet. Ihr wisset es ja, daß ihr nicht einem Leben voll Ruhe, Vergnügungen und fröhlicher Zerstreuung, sondern mehr einem Leben voll Unruhe, Sorge und Mühe entgegen gehet. Ihr wisset es ja, wie leicht und häufig in diesem häuslichen Leben mancherley Ungemach und Schmerz uns überfällt und wie leicht wir uns da zu Unwillen, Verdruß und Traurigkeit hinreißen lassen. Nehmet es euch doch recht ernstlich und herzhaft vor, alles 318 ⁸⁰ Böse zu überwinden mit Gutem, und den Anfällen des Mismuths und des Kummers ein standhaftes ruhiges Gemüth entgegen zu setzen. Bereitet euch auf jene Tage häuslicher Mühseligkeit mit gefaßter Seele vor, damit ihr nicht überrascht werdet und unter der Schwachheit eines unbefestigten Herzens erlieget. Präget euch doch das Bild einer solchen heldenmüthigen, gefaßten und standhaften Seele, wie diese Ruth war, recht fest ein. Und erwäget es, wie viel ihr zur Beglückung eines ganzen häuslichen Kreises beytragen werdet, wenn ihr, wie sie, mit der Anmuth und Holdseligkeit auch Gleichmuth und Geistesstärke verbindet. V. Noch einen Zug aus dem liebenswürdigen Charakter der Ruth, meine Freunde. Die Krone ihrer geistigen Schönheit ist ihre Zärtlichkeit in der Liebe, ihre Treue in der Freundschaft. Ruth liebt ihre mütterliche Freundinn, hängt an ihr mit unerschütterlicher Festigkeit, vertraut auf ihren Rath, befolgt ihn kindlich, dankt für alles, was ihr Gutes erzeigt wird, mit jugendlicher Schüchternheit und unschuldvoller Demuth. *) S. C. v. Dalberg Grunds. d. Aesthet. S. 112. — „Es wundert mich, daß noch kein Romanendichter auf den glücklichen Einfall gekommen ist, die Familiengeschichte des Buchs Ruth romantisch zu behandeln. Die Zeit, worinn die Geschichte fällt; die Scenen, die sich in verschiedenen Gegenden des 5 5¹⁹ Dies sind lauter Aeuſſerungen ihres herzlichen Wohlwollens. Sie meynt es so von Herzen gut, und wie sie spricht, so empfindet sie auch. Sie nimmt den innigsten Antheil an allem, was ihrer Mutter begegnet. Sie fühlt den Schmerz dieser ihrer Freundinn wie ihren eigenen. Sie kann sie nicht einsam und verlassen sehen, ohne sich in ihr gleichsam selbst einsam und verlassen zu fühlen. Es ist aufrichtige Liebe, die sie gegen sie empfindet. Und diese Liebe ist nicht von der gewöhnlichen Art, keine Liebe mit Worten und kaltem Herzen, sondern die innigste wärmste Liebe mit der That und mit der Wahrheit. Es ist keine bloße gütige Aufwallung, die nach wenigen Augenblicken wieder verschwindet, sondern eine treue standhafte Anhänglichkeit. Es ist keine falsche Empfindsamkeit, die ihr Herz erwärmt, sondern eine tiefempfundene ungefälschte Theilnahme, worin sie sich unter allen Umständen und zeitlebens gleich bleibt. Sie läßt sich durch nichts von ihrer Schwiegermutter trennen, verläßt Freunde, Vaterland. Das Landes ereigneten; die Originalität des Volks, dem diese biblische Familie angehört; die Schönheit der Charaktere der sämtlichen Personen; der Inhalt und Zweck des Büchleins; — dies und vieles andre macht diese Geschichte ganz vorzüglich einer romantischen Behandlung fähig. Durch eine zweckmäßige romantische Darstellung würde diese Familiengeschichte nicht allein äusserst interessant, sondern auch, wenn ein Kenner des lüdischen Alterthums sie unternähme, in mancherley Rücksicht äusserst lehrreich werden.„ ⁿ⁰ Zureden der Naemi, das Beyspiel ihrer Schwägerinn Arpa, die bey aller Herzensgüte weniger innig empfindet und weniger fest handelt, dies alles vermag nichts über sie. Sie fürchtet sich nicht vor Noth. Sie leidet und arbeitet getrost, um ihre Freundinn zu nähren. O leset doch, was so einfach und rührend gleich im ersten Capitel unsrer Familiengeschichte geschrieben steht. Kehret doch wieder zurück, spricht Naemie zu ihren Schwiegertöchtern, eine Jede in ihr mütterliches Haus, der Herr thue an euch Barmherzigkeit, wie ihr an den Todten und an mir gethan habet. Und nun umarmt sie ihre Geliebten um Abschied zu nehmen. Aber sie brechen in Thränen aus und sprechen: nein, wir wollen mit dir zu deinem Volke gehen. Auf langes Zureden entschließt sich endlich die eine von ihnen, Arpa, zurückzubleiben, sie geht mit Thränen in den Augen zurück. Aber Ruth bleibt. Siehe, spricht Naemi zu ihr, deine Schwägerinn ist zu, ihrem Volke zurückgekehrt, kehre du doch mit ihr zuruͤck. Rede mir nicht darein, antwortet Ruth, daß ich dich verlassen und umkehren sollte. Wo du hingehst, dahin gehe ich auch, wo du bleibest, da bleibe auch ich; dein Volk ist mein Volke und dein Gott ist mein Gott; wo du stirbst, da sterbe ich auch und da will ich auch begraben werden; Gott sey mein Zeuge, nur der Tod soll mich und dich 21 scheiden. — Es hieße eurem Herzen wenig Gefühl zutrauen, meine Theuren, wenn ich euch noch auf die Schönheit und Liebenswürdigkeit eines solchen Charakters aufmerksam machen und wenn ich es euch noch beweisen wollte, daß eine solche Freundschaft diejenige edle Liebe sey, die man von jeher so hoch gepriesen und in Liedern und Lobgesängen so feurig beſungen hat. „O ſelig, wer ſein Erdenleben an solcher Freunde Arm durchwallt;Lasset uns doch, geliebte Freunde, vor den Gestalten solcher edlen treflichen Menschen, wie wir in Ruth, Naemi und Boas kennen gelernt haben, nie anders, als mit inniger Rührung und mit stiller Verehrung stehen bleiben. Erwäge es doch jeder Mann, daß es keine schönere Würde gebe, als so bieder zu denken, so treu zu arbeiten und so rechtlich zu leben, wie Boas. Beherzige es doch jedes Weib, daß eine solche Stille des Geistes, eine solche Sanftmuth des Herzens und eine solche religiöse Gesinnung, wie wir an Naemi bemerken, ein größerer Schmuck sey, als Perlen und Seide. Empfinde es doch jede Jungfrau, daß man nach dem Beyspiel der Ruth auch in den Blüthenjahren der Jugend, die Achtung und Liebe Anderer durch nichts sicherer gewinnen könne, als durch anspruchlose Bescheidenheit, durch eine unschuldsvolle Demuth, durch eine bestimmte und feste Denkungsart, durch unverTh. II. 322 5 drossene Thätigkeit und durch Zärtlichkeit und Treue in der Freundschaft und Liebe. — Sey doch keiner von uns jemals so stolz, zu denken, daß er es schon ergriffen hätte: aber lasset uns alle ihm nachjagen, daß wir es ergreifen möchten! Und dazu stärke und belebe uns der gute Geist Gottes! Amen. . . . . . " — — . . . . . 1. Die Kündigung des Kirchenrechts. . . . . . . . . " "Tità" . . . . . . Essen, gedruckt bey G. D. Bädeker, Hofbuchdrucker. 7 G