Druckschrift 
Predigten und Reden an Festtagen und bey besonderen Gelegenheiten
Entstehung
Seite
21
Einzelbild herunterladen
 

2155So darf ich euch auch in Betreff des Religions-wesens zurusen. Denn so gegründet unsre Klagenüber den Verfall der Religion auch seyn mögen, sowahr ist es auch, daß der Zustand des Religionswesensin unsern Zeiten beträchtlich wieder auf der andernSeite gewonnen hat. Wahrlich, vieles von dem, wasman in vorigen Zeiten für Religion ausgab, war beyLichte besehen nur ein Gewebe von Spitzfindigkeiten.Vieles, was wie religiöses, christliches Betragen aus-sah, war nur Ceremoniendienst. Vieles, was zurErhaltung und Verbreitung der Religion angeordnet.war, war oft nur geschmackloses Aussenwerk, welchesbey dem leisesten Hauche eines gebildetern Zeitgeisteszerfallen mußte. Gottlob, ja Gottlob mögen wir nursagen, daß der thörichten Irrthümer, der unseligenVorurtheile, der entehrenden und schädlichen Mis-bräuche bereits viele verschwunden sind. Es könnenihrer nicht zu viele verschwinden. Bleibt uns nurdas Gold, mögen dann immer die Schlacken wegge-worfen werden. Und das Gold bleibt uns; es wirddurchs Feuer geläutert. Ja, müßte es auch Manchemwehe thun, die Schlacken zu verliehren, an die eraus Thorheit und Wahn sein Herz gehängt hatte; soist es doch Wohlthat, daß er nothgedrungen wird,seine Thorheit und seinen Wahn zu verabschieden.Freylich hat nun wohl Mancher mit den Schlackenauch das Gold, mit dem Wahne die Weisheit, mit