VORBEMERKUNG.
Herr Studienrat Dr. Th. Nissen in Kiel machte mich kürzlich auf eine wenig beachteteVeröffentlichung aufmerksam, die 1902 in Upsala erschien und den Titel führt:
Smärre Byzantinska skrifter utgifna och kommenterade af Vilh. Lundström I LaskarisKananos' Reseanteckningar frän de nordiska länderna.
Da auch Karl Dietcrichs 1912 erschienene „Byzantinische Quellen zur Länder- und Völker-kunde (5. bis 15. Jahrh.)" von dieser Publikation nur noch hinter den Anmerkungen gerade Notiznehmen, erschien es mir zweckmäßig, den arabischen Berichten, die manche Vergleichungspunktebieten, hier wenigstens eine deutsche Übersetzung des Laskaris Kananos anzufügen. Nach Krum-bachers Geschichte der byzantinischen Literatur (2. Aufl., München 1897, § 179) reiste dieserMann zwischen 1397 und 1448. Vermutlich war er, da ihn das Geldwesen besonders interessierte,ein Händler, den der hanseatische Handel nach dem Norden lockte; Dieterich vermutete in ihmeinen Fischhändler.
Für den Kommentar verweise ich auf die obengenannte schwedische Ausgabe.
Ich habe, durch viele Länder Europas herumgekommen, seine ganze Küste vom äußerstennördlichen Ozean bereist. Dort gibt es einen sehr großen Meerbusen, der griechisch Uenedikös(der von Venedig) genannt wird. Sein Umfang beträgt 4000 Meilen und sein Durchmesser vondem nördlichen Vorgebirge, das die Spitze Norwegens (Nopßeyia) genannt wird, bis zum innerstenWinkel im Lande Preußen (Hovpoia) 2000 italische Meilen, von denen je 1000 Klafter auf dieMeile gehen und von unsern, von denen je 750 Klafter auf die Meile gehen, 2250 Meilen. Von seinemOsten, und von seinem Westen umfaßt er . , .
Zuerst von Osten und in seinen nördlichsten Teilen liegt das Land Norwegen, welches eineHauptstadt hat, die Bergen Wagen 1 ) heißt. In dieser Stadt kursiert kein gemünztes Geld, wedervon Gold, noch von Silber, noch von Erz, noch von Eisen, sondern sie leben vom Tauschhandel,sowohl die Käufer als die Verkäufer. Ferner: in dieser Stadt wird der Tag einen Monat lang;vom 24. Juni bis zum 25. Juli 8 ) ist alles Tag, und Nacht gibt es dann überhaupt nicht.
Nach diesem Land ist das Land Schweden (Sovijr&a), welches als Hauptstadt Stockholm(Zlox6A.fico) hat. In dieser Stadt wird silberlcgiertcs Geld gemünzt. Diese beiden Länder werdenvom Konig von Dänemark (z/a-r/a 8 )) regiert.
Nach Schweden ist das Land Liwonia (Aißovia = Livland). Dieses Land hat eine Haupt-stadt, welche Riga (Prfya) heißt und eine andere Riwule (^PrjßovXe = Reval). Diese (nämlichdie Städte) (S. 16) werden von dem Erzbischof regiert, sowohl weltlich als auch geistlich. DasLand aber wird von dem Herzog-Großmeister der Weißmäntel mit dem schwarzen Kreuz 4 ) regiert.
Nach diesem Lande und in dem Winkel des Meerbusens ist das Land Preußen. Es hat eineHauptstadt, die Danzig (Tävt&x) genannt wird.
Nach diesem ist das Land Slawonien {I&aßovvla) (so 1), welches eine Hauptstadt hat, dieLübeck (Aovnr)x) genannt wird. Von diesem Lande sind die Zygiotcn (Zvytcörcu) im Pelo-ponnes, da dort die meisten Plätze sind, welche den Dialekt der Zygioten reden 6 ).
') Waagen (Wogen) heißt die Bucht, an der Bergen liegt.
) Wenn man an den griechischen Kalender denkt, und die kurze Dämmerung als Tag rechnet,erscheint diese Angabe weniger unrichtig.
) Diese Form deutet wohl auf slawische Vermittclung, vielleicht reiste Kananos überNowgorod.
) Wörtlich: und des schwarzen Kreuzes.
) Zu beachten ist, daß sich die Notiz über die Zygioten auf Slawonien, nicht auf dessen an-gebliche Hauptstadt Lübeck bezieht, in dessen Umgebung um 1400 kaum noch slawisch gesprochenwurde. Slawonien bedeutet hier wohl das wendische Quartier der Hanse, dessen Vorort Lübeck