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2 (1926) Sicht in Vorzeit und Mittelalter
Entstehung
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bevorstehe. Der Ausdruck aller drei Gesichter sowie die jedesmalige Gestaltund Stellung, das erstemal knieend, dann sitzend, zuletzt stehend, ist ent-nehmend und würdig. Der Bezug der Personen untereinander auf allenBildern zeugt von dem zartesten Gefühl. In der Darstellung im Tempel findetsich auch eine Art von Parallelism, der ohne Mitte durch eine Gegenüber-stellung der Charaktere bewirkt wird, eine geistige Symmetrie, so gefühltund sinnig, daß man angezogen und eingenommen wird, ob man ihr gleichden Maßstab der vollendeten Kunst nicht anlegen kann.So wie nun Johann von Eyck als ein trefflich denkender und empfindenderKünstler gesteigerte Mannigfaltigkeit seiner Hauptfigur zu bewirken gewußt,hat er auch mit gleichem Glück die Lokalitäten behandelt. Die Verkündigunggeschieht in einem verschlossenen schmalen, aber hohen durch einen oberenFensterflügel erleuchteten Zimmer. Alles ist darin so reinlich und nett, wiees sich geziemt für die Unschuld, die nur sich selbst und ihre nächste Um-gebung besorgt. Wandbänke, ein Betstuhl, Bettstätte, alles zierlich und glatt.Das Bett rot bedeckt und umhängt, alles so wie die brokatne hintere Bett-wand auf das bewundernswürdigste dargestellt. Das mittlere Bild dagegenzeigt uns die freiste Aussicht, denn die edle, aber zerrüttete Kapelle der Mittedient mehr zum Rahmen mannigfaltiger Gegenstände, als daß sie solcheverdeckte. Links des Zuschauers eine mäßig entfernte, Straßen- und häuser-reiche Stadt, voll Gewerbes und Bewegung, welche gegen den Grund hin sichin das Bild hereinzieht und einem weiten Felde Raum läßt. Dieses, mit mancher-lei ländlichen Gegenständen geziert, verläuft sich zuletzt in eine wasser-reiche Weite. Rechts des Zuschauers tritt ein Teil eines runden Tempel-gebäudes von mehreren Stockwerken in das Bild; das Innere dieser Rotondeaber zeigt sich auf dem daran stoßenden Türflügel und kontrastiert durchseine Höhe, Weite und Klarheit auf das herrlichste mit jenem ersten Zimmer-chen der Jungfrau. Sagen und wiederholen wir nun, daß alle Gegenständeder drei Bilder auf das vollkommenste mit meisterhafter Genauigkeit aus-geführt sind, so kann man sich im allgemeinen einen Begriff von der Vor-trefflichkeit dieser wohlerhaltenen Bilder machen. Von den Flechtbreiten aufdem verwitterten zerbröckelten Ruingestein, von den Grashalmen, die aufdem vermoderten Strohdache wachsen, bis zu den goldenen juwelenreichenBechergeschenken, vom Gewand zum Antlitz, von der Nähe bis zur Ferne,alles ist mit gleicher Sorgfalt behandelt, und keine Stelle dieser Tafeln, dienicht durchs Vergrößerungsglas gewönne. Ein Gleiches gilt von einer einzelnenTafel, worauf Lukas das Bild der heiligen, säugenden Mutter entwirft.Und hier kommt der wichtige Umstand zur Sprache, daß der Künstler dievon uns so dringend verlangte Symmetrie in die Umgebung gelegt und da-durch an die Stelle des gleichgültigen Goldgrundes ein künstlerisches undaugengefälliges Mittel gestellt hat. Mögen nun auch seine Figuren nichtganz kunstgerecht sich darin bewegen und gegeneinander verhalten, so istes doch eine gesetzliche Lokalität, die ihnen eine bestimmte Grenze vorschreibt,wodurch ihre natürlichen und gleichsam zufälligen Bewegungen auf dasangenehmste geregelt erscheinen. (Goethe, Am Rhein, Main und Neckar,Kunst und Altertum, 1814/15.)

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