Druckschrift 
Stefan George und die Blaetter fuer die Kunst : dt. Geistesgeschichte seit 1890
Entstehung
Seite
584
Einzelbild herunterladen
 

Kampf, sich dem übermächtigen Kanon der Antike zu entziehen und dieunmittelbare Form der neuen, unserer Wirklichkeit zu gewinnen. Auchdie Darstellung des Georgekopfes durch Alexander Zschokke, den erstenSchüler Thormaehlens, liegt in dieser Richtung. Zschokke ist fast technischfertiger als Thormaehlen, aber erreicht ihn nicht an geistiger Umfänglich-keit. Schon ist neben ihnen, und nicht unmittelbar aus ihrer Schule stam-mend, der dritte jüngste der Bildhauer im Blätter-Kreise aufgetaucht,dessen Büste Georges durch eine andere Geste als die der Vorgenannten dasDichterisch-Bewegte und Menschlich-Reiche: das Meisterliche in der schö-nen Einheit von Bildner und Führer am stärksten zur Geltung bringt.

Schon heute ist gewiß, daß, so wenig wie sein Werk und seine persön-liche Wirkung, das Antlitz Georges selbst als der höchsten Erscheinungs-form des heutigen deutschen Menschtums aus dem Vorstellungsschatzeunseres Volkes schwinden kann. Der Schritt zu seiner plastischen Gestal-tung im eignen inneren Lebenskreise bedeutete mehr als die zufällige Ein-beziehung eines neuen Kunstbereiches in das geistige Wirken Georges.Er deutet an, daß im Kreis der Blätter für die Kunst der Sprung über dieTotenschwelle, aus der Ewigkeit des Geistigen in die ewige Gegenwartdes Leiblichen getan ist und Mensch und Stoff und Raum in das eine Bilddes schönen Lebens einbezogen werden kann: daß wieder ein deutscherStil für alle Bereiche des Daseins möglich ist. Man warf in Deutschland,dem Land der Bewußtheit auch in den letzten Dingen, seit einigen Jahrenöfter die Frage auf, was nach dem Zerfall des bisher geltenden Typus desDeutschen, wie ihn das Offizier- und Beamtentum mit seiner bestimmtenÜberlieferung und anerkannten Haltung dargestellt hatte, nunmehr andessen Stelle treten sollte. Man gab nun zu, daß der politische und militä-rische, wirtschaftliche und wissenschaftliche Zusammenbruch seine tiefe-ren Ursachen im Zerfall jenes unwägbaren geistigen Etwas, der Artungund Haltung des Deutschen, hätte, daß unser Menschtum trotz einigertraditionellen Reste schon seit langem auf allen jenen Gebieten Pose undFassade, verblasene Idee und dünne Begrifflichkeit gewesen wäre, daß einVolk ohne einen geschlossenen und seine ganzen Kräfte umfassenden We-sensausdruck, ohne belebte und beseelte Körperlichkeit, ohne gültige Sitteund Überlieferung kurz ohne verleiblichten Geist haltlos und kraftlosunter fester umgrenzten und dichter geschlossenen Völkern stünde. Mansah endlich, worauf die Blätter für die Kunst vom Beginn ihres Wirkensan gewiesen und was sie um die Jahrhundertwende in dem Satze zusam-mengefaßt hatten:Daß der Deutsche endlich einmal eine Geste: diedeutsche Geste bekomme das ist ihm wichtiger als zehn eroberte Pr°'vinzen". Wenn man jetzt nach dem Einsturz der gröbsten Außenwände

584