Druckschrift 
Stefan George und die Blaetter fuer die Kunst : dt. Geistesgeschichte seit 1890
Entstehung
Seite
583
Einzelbild herunterladen
 

kennbar wurde. Nicht frühere Verhältnisse und Maße galt es nachzu-ahmen aber eine göttliche Menschlichkeit mit neuen Augen zu schauen.Diese Schaffung einer neuen Menschenart im neuen Räume durch Ge-orge ist seit den ersten Jahren des Jahrhunderts deutlich an den Bildnis-sen seiner Gefährten und Folger abzulesen. Schon auf der Lichtbilder-Ta-fel der Mitarbeiter der Blätter, welche der siebenten Folge mitgegebenwurde, ist eine Wandlung von den Älteren zu den Jüngeren in der Rich-tung auf eine einheitliche Grundart festzustellen. In den Geschlechternnach der großen Lebenswende wuchs sie immer deutlicher durch die Ge-sichter und Gebärden und wenn der sperrige deutsche Stoff auch wider-strebend und nur langsam dem Gesetz des geistigen Wachstums folgte:er folgte doch diesmal dem mächtigen und stäten Drange seines Schöp-fers. Als so das Geistige seinen eigenen Leib gewann und wandelte, wiees vordeutend schon in Bild und Buch und Schrift geschehen war, gab eingütiges Geschick dem Freundeskreise auch den ersten plastischen Bildner,der zu meißeln und zu formen suchte, was schon als Ausdruck des ge-meinsamen Erlebens in die körperlichen Formen eingegangen war. SeineKunst hatte also einen anderen Ursprung als die des letzten Jahrhunderts.Da die bildnerische Form nun wieder Träger eines geistigen Sinnes war,da in persönlichen Zügen wieder eine bestimmte menschliche Seelenarterscheinen konnte, durfte Ludwig Thormaehlen es wagen, die Köpfe desMeisters und der Freunde nachzubilden. Nicht solche Überlegung freilichsondern sein künstlerischer Trieb und das Innewerden des fruchtbarenAugenblicks gab ihm in den Jahren innigster Gemeinsamkeit den Meißelin die Hand, und die ersten vier Holzbüsten, welche er um 1913/14 fertig-stellte, haben noch den frischen Reiz und die ganze Unbekümmertheit die-ser Aufbruchszeit. Und nicht die Höhe seiner Begabung, sondern die Kühn-heit und Glut des ersten Wurfes im neuen deutschen artgebundenen Bild-werk gibt seinen Köpfen in Holz, Stein und Bronze das Recht der Sonder-stellung unter den Werken der individualistischen freien Künstler unsererZeit. Sein Jünglingskopf im Klosterkreuzgang zu Magdeburg hat diestrenge klassische Fügung der Flächen und Wölbungen, die heute ver-pönte Schönheit des Ebenmaßes und der klaren Linien und ist dennoch eindeutscher Jünglingskopf mit den Maßen und Verhältnissen unserer Artund Zeit. Seine letzte Georgebüste (Abb. im STERN DES BUNDES derGes.-Ausg.) ruft ebensowenig eine Erinnerung an naturalistische Brüchewie an klassizistische Glätte wach. Sie verbindet zum ersten Male die ge-schlossene Ausdrucksgewalt mit dem durchgeistigten Triebwillen desGenius: er trägt die ruhig-stolzen alterslosen Züge eines schweigendenTriumphators. In Thormaehlens Werken schwingt noch etwas von seinem

583