ULB Düsseldorf +4065 621 01 GEORGE UND DIE BLÄTTER FÜR DIE KUNST & [W6 MERKE AUS DEM KREIS DER BLÄTTER FÜR DIE KUNST A GESCHICHTLICHE REIHE LICHTBILD AUS DEM JAHRE 1928 FRIEDRICH WOLTERS STEFAN GEORGE UND DIE BLÄTTERfürdieKUNST deutsche geistesgeschichte SEIT 1890 ERSCHIENEN BERLIN 1930 BEI GEORG BONDI T. & p°? \ LANDES. 'UND STADT- I ' BIBLIOTHEK DÜSSELDORF] X\°&\% Li065 63>/! VORREDE DIE Erscheinung Stefan Georges ist heute nicht mehr aus der zeitgenössischen Geistesgeschichte wegzudenken. Aber über ihn und seinen Lebenskreis gehen heute schon bis auf die einfachsten Tatsächlichkeiten die abenteuerlichsten Märchen um. Es ist daher die Absicht des Verfassers dieses Buches, das Geschichtlich-Bedeutsame nach möglichst nah von den Quellen selbst ausgehenden Feststellungen zusammenzutragen und ein Bild des Georgeschen Lebens und Wirkens zu entwerfen, das später doch einmal von Geschichtschreibern mit minderer Sachkenntnis und geringerem Einblick versucht würde. Die Geschichte des Lebens und Wirkens Georges jedoch ist zugleich die Geschichte der von ihm ausgegangenen dichterischen Bewegung der Blätter für die Kunst und ihrer Auseinandersetzung mit den geistigen Richtungen der Zeit, soweit sie von George und seinem Werk berührt, verwandelt oder in einen notwendigen Gegensatz zu seinem Weltbild gedrängt wurden. Von seiten Angreifender ist oft gesagt worden, daß man über eine jetzt lebende Gestalt so Endgültiges, so unbedingt klingende Verkündigungen noch nicht äußern könne. Darauf ist zu erwidern: Was alles ist in dem von uns durchmessenen Zeitraum schon für höchste Dichtung und Geistesäußerung von weittragender Bedeutung ausgegeben worden, das meist nach fünf Jahren in den Abgrund des Schweigens gesunken ist! Die hier behandelte Bewegung jedoch hat sich nun vierzig Jahre gehalten und ihr Wachstum stetig ausgedehnt. Dann möchten wir noch die Bemerkung eines anständigen Gelehrten der alten Schule hier zur Kenntnis geben: „Was hilft es uns später, wenn wir über alle Erscheinungen der Vergangenheit seit Erschaffung der Welt die tiefsten Dinge geäußert haben und an der bedeutenden Erscheinung, die unter uns lebt, vorübergegangen sind. Müssen wir uns da nicht schämen bis übers Grab hinaus?" Und Goethe sagt: „Das Wichtigste bleibt doch das Gleichzeitige, weil es sich in uns am reinsten abspiegelt, wir uns in ihm." Von dieser hohen Meinung aus haben wir uns nicht gescheut, das Miterlebte so zu schildern wie wir es mit unseren Augen gesehen und an uns selbst erfahren haben. Wir glauben um so eher, der Wahrheit des Geschehens damit am nächsten zu kommen, als sowohl die Urteilsmittel des öffentlichen Kunstrichtertums wie die der kritischen Wissenschaft jahrzehntelang vor der Bedeutung Georges und heute noch vor der von ihm entfachten geistigen Bewegung unzulänglich blieben. Zuerst wurde von der ganzen Schar der Literaturteilnehmenden und Gebildeten die Erscheinung Georges als vorübergehend und ohne Einfluß auf die geistige Entwicklung hingestellt. Dann wurde die Dichtung Georges zur Not anerkannt — vielleicht auch noch die Hofmannsthals — alle anderen aber als gleichgültig und bloße Mitläufer bezeichnet. Dann wurde von Seiten der Katheder-Literaten das Abnehmen des Dichterischen im Blätterkreise festgestellt, hingegen eine Reihe wissenschaftlicher Leistungen (Friedemann, Gundolf, Bertram und andere) als für die geistige Entwicklung höchst bedeutend hingestellt, aber es wurde schweigend übergangen, daß alle jene Genannten immer nachdrücklich erklärt haben: das Dichterische sei die Quelle ihres Wissens und Sagens. Gegenüber solchen mißverstehenden wie irreführenden Zeitstimmen, die von uns in einigen Kapiteln summarisch zusammengefaßt worden sind, haben wir um so lieber zahlreiche Äußerungen der von Georges Person und Werk unmittelbar berührten Menschen wörtlich wiedergegeben — auch gelegentlich Auslassungen von Laien nicht verschmäht. Besonders wichtig scheint uns was Künstler und Dichter über Dichter sagen, in einer Zeit wo nur der Kritiker oder Literaturhistoriker darüber spricht. Was wir den älteren und jüngeren Gefährten Georges wie Simmel und Breysig, vor allem aber Verwey und Gundolf für unsere Einsichten zu danken haben, sagen viele Seiten unserer Darstellung. Für die klugen Alleswisser aber, die bereits aussprengten, daß es mit der Dichtung Georges zu Ende wäre, als er gerade die letzte Hand an „Das Neue Reich" legte, und für all die kleinen Schreiber poetischer oder prosaischer Herkunft, die ohne Georges Wirkung freilich nicht denkbar sind, aber schon heute in ihm ein in die Geschichte Eingegangenes, für sie Überwundenes sehen, bemerken wir, daß das Eigentliche seiner Wirkung eben erst am fernen Horizont sichtbar wird. Wir wissen, daß uns für unsere Betrachtungsweise der Vorwurf zu großer Einseitigkeit nicht erspart bleiben wird . . es lag aber in unserer Aufgabe, im ungeheueren Wirrwarr der Zeit ein einheitliches Bild aufzurichten. Dennoch wird der Geschichtetreibende uns sicher Dank dafür wissen, daß er hier einmal Gelegenheit hat, in einem gegenwärtigen Vorgang den Verlauf einer Bewegung von Stufe zu Stufe verfolgen zu können, einer Bewegung die anfangs so klein war, daß ein Atemzug sie hätte wegblasen können, die aber nach einem Halbjahrhundert zu allgemeinster Bedeutung gelangt ist. ERSTES BUCH DIE WANDERSCHAFT i. KAPITEL: HERKUNFT • KINDHEIT UND KNABENALTER STEFAN GEORGE entstammt einem deutschen Geschlecht. Seine Vorfahren saßen in Rupeldingen einem Dorfe nordwestlich von Bolchen in Oberlothringen. Das Dorf liegt an der Nied, einem Nebenfluß der Saar, und blieb seit der Besiedlung so fest im deutschen Sprachbereiche, daß bis zum Weltkrieg nur zwei französische Worte in der Umgangssprache seiner Bewohner üblich waren. Als um die Wende des 18. und 19. Jahrhunderts Napoleon die letzten staatlichen Bänder zwischen Deutschland und Oberlothringen zerriß — seine Großen hatten bis zum Luneviller Frieden (1801) noch Sitz und Stimme auf den deutschen Reichs- und Kreistagen —, als die deutsche Herrschaft zum ersten Male seit tausend Jahren in diesem Gebiet für sieben Jahrzehnte völlig erlosch, verließ Johann Baptist George das Land seiner Väter und wanderte nach Büdesheim bei Bingen am Rhein. Er erwarb dort Grundbesitz, und da er selbst keine Nachkommen hatte, ließ er die Söhne seines Bruders aus Rupeldingen zu sich kommen: seinen späteren Erben, Stefan George I, den bekannten hessischen Landtagsabgeordneten, der später Pate des Dichters wurde, und Anton George, den Großvater des Dichters. Beide traten aus dem französischen Staatsverbande aus und wurden hessische Bürger. Obwohl also die Vorfahren des Dichters eine Weile im französischen Staatsverbande lebten, waren sie so wenig französischer Abkunft, wie andre in Lothringen oder zur Napoleonischen Zeit auf dem linken Rheinufer wohnende Deutsche: ihre Muttersprache war deutsch, und sie gingen tiefer ins deutsche Land, als ihre Heimat Lothringen ganz an Frankreich fiel. Der Großvater, der als französischer Cara- binier unter Carl X. seinen Dienst tat und die Juli-Revolution in Paris mitmachte, lernte doch das Französische erst in der Lehrlings- und Militärzeit. Wie die männlichen, so kommen auch alle weiblichen Mitglieder des Geschlechtes aus dem urkatholischen, mittelbegüterten Grundeigentum, und nach den Erinnerungen der Familie trugen auch alle lothringischen Ahnmütter deutsche Namen. Die Erzählungen von der keltischen oder wallonischen Abkunft Georges, von dem Tropfen fremden Blutes in seinen Adern, beruhen auf freier Erfindung. Am 12. Juli 1868 wurde dem Landwirt Stefan George II in Büdesheim als zweites Kind ein Sohn geboren: Stefan George, der dritte des Namens, der Dichter. Seine Mutter Eva, geborene Schmitt, stammte von dem Gute Neumühle zwischen Bingen und Büdesheim. Da der Großvater nur einen Sohn hatte, des Großvaters Bruder keinen männlichen Erben hinterließ und die Geschwister des Dichters ledig geblieben sind, stirbt mit ihm der Mannesstamm aus. Zwischen Obstgärten, fruchtbaren Äckern und Weinbergen verlebte George das erste Jahrfünft seiner Kindheit, doch entbehrte die dörfliche Umgebung nicht ganz des Zusammenhanges mit der weiteren Welt. Vielerlei Erinnerungen wiesen auf Frankreich, den Kamin im Wohnzimmer des schönen, geräumigen, bäuerlichen Gutshauses schmückte ein Standbild Napoleons; einer der Oheime hatte in seinen Mußestunden den Telemach des Fenelon übersetzt, ein anderer war bis Wien gereist und wußte den Kindern viel von seinen Fahrten zu erzählen. Im Jahre 1873 gaben die Eltern das Anwesen in Büdesheim auf und zogen nach Bingen. So gering der Wechsel der Umgebung scheinbar war, so wurde er doch für den offenen Sinn des Knaben von größter Bedeutung. Statt des Dorfes umgab ihn eine Stadt von tausendjähriger Erinnerung: man kannte hier die Orte, wo die Römer die Gallier geschlagen, wo Heinrich V. seinen Vater gefangengenommen, wo die Mordbrenner Ludwigs XIV. gewütet hatten. Trümmer und Werke aus jenen Zeiten standen noch: die Drususbrücke, über welche zwei alte Römerstraßen nach Westen und Norden führten, die eine über den Hunsrück nach Trier, die andere an den Ufern entlang nach Köln, die Burg Klopp auf den Grundmauern eines römischen Kastells, zwei gotische Kirchen aus dem mittleren Alter und die Rochuskapelle über der Stadt mit einem von Goethe gestifteten Bildwerk. Diese alten Bauten und Mauern, von Legenden und Sagen umwittert, stehen in einer Landschaft von unvergleichlichem Reiz: es ist zugleich die heiterste und gefahrvollste Stelle des Rheines; der Strom nimmt hier seinen Lauf nach Norden wieder auf, stößt aufbrausend durch den schroffen, grauen Felsenstoß, der das Tal verriegelt, und scheint dem nächtlichen Beschauer an der steinernen Wand im Abgrund zu versinken. Aber vor den Strudeln und Schnellen dehnt er sich weit zwischen heiteren Hügeln, Orte von gutem Klang reihen sich dicht an seinen Ufern, die winkligen Gevierte der Weingärten schieben sich über ihnen von Fläche zu Fläche bis zu den waldigen Kuppen, die Sommersonne brütet heißer in diesem Tal als irgendsonst im deutschen Land, und die edelsten Weine der Erde gedeihen hier. Am Knie des Rheines, wo die Nahe sich vor der Enge in den Strom ergießt, liegt Bingen, einst eine bedeutende freie Reichsstadt, damals eine kleinbürgerliche Stadt, in der 8 beim Aufschwung des rheinischen Wirtschaftslebens nach dem Deutsch- Französischen Kriege sich eben ein neuer Handelsgeist zu regen begann. Der Vater des Dichters war dort Weingutsbesitzer und betrieb, wie viele der angesehenen Bürger, zugleich den Weinhandel. Er ließ seinen Sohn Stefan zunächst in einer Privatschule, dann in der Realschule des Ortes unterrichten. Den Knaben fesselten vor allem die fremden Sprachen, und neben den alten und neueren, welche die Schule lehrte, suchte er sich aus eigenem Antrieb der italienischen zu bemächtigen. Die ersten poetischen Versuche machte er schon im achten und neunten Lebensjahre, und die Ränder seiner Schreibhefte waren mit jugendlichen Versen beschrieben. Aber die gewohnten Formen der Muttersprache genügten schon damals dem dunklen Drängen nicht, das auf dem Grunde dieser jungen Seele rege wurde: ein Etwas wollte laut werden und Wort gewinnen, das noch unausdrückbar war, und so erfand er sich in dumpfgefühlter Not und knabenhaftem Stolz eine eigene Sprache ohne Anlehnung an ein bekanntes Idiom mit vollklingenden Silben, die wenigstens im Tone sagen sollte, was ihn innerst bewegte. .Er arbeitete Grammatik und Wortschatz für diese Sprache aus, deren sich der jugendliche Kreis der Eingeweihten, der „Imri", in ihren geheimen Erzeugnissen bediente: Schon als die ersten kühnen wünsche kamen In einem seltnen reiche ernst und einsam Erfand er für die dinge eigne namen. — Die neue Sprache, von der das Gedicht „Ursprünge" im SIEBENTEN RING uns ein Fragment bewahrt hat, läßt mit fast unheimlicher Deutlichkeit auf dieser frühen Lebensstufe die mitgeborene Dichterkraft des Kindes aufleuchten, sie ist das magische Mittel, mit dem die ihrer selbst noch unbewußte Seele ihr Schicksal vordeutet und ihr künftiges Verhältnis zur Welt bestimmt: das neue Wort wird das Zauberband zwischen ihr und der Welt sein. Sie bedurfte seiner in dem verborgenen Reiche der Träume, die der Knabe, fern von den Spielen seiner kindlichen Gefährten, im einsamen Dickicht der Stromgebüsche spann, und die sich so tief in sein Inneres brannten, daß sie dem Dichter auch später die Urbilder des reinsten dichtesten Lebens blieben. Denn was einmal in diese Seele fiel, blieb unverlorener Keim und stieg an seinem Tage aus der dunkelsten Wurzel der Erinnerung wieder ins helle Bewußtsein, aus dem Traum ins Lied. So ruft das schlafende Kind der „Juli-Schwermut" ein Gedenken des frühesten Kindesalters auf, aber von jener brennenden Deutlichkeit der Dinge und des Ortes, der reifen Ernteäcker hinter dem glühenden Scharlachberg, wie sie nur eine Selbsterfahrung spiegeln kann. So klingt durch alle Stu- fen der Dichtung der frühste Traum wieder auf, dem noch der STERN DES BUNDES zu folgen befiehlt: der Traum des jugendlichen Königtums, in dem der kindliche Herrscher zur eigenen Sprache sich auch den Raum zur eignen Tat, sein Volk und seinen Staat ersann. Neben diesem Leben der Spiele und Träume beschäftigte noch ein andres den Knaben. Der Sinn für das Ergreifen einer bestimmten Wirklichkeit trieb ihn früh zur Erlernung handlicher Fertigkeiten, die sein offenes Auge auf allen Plätzen und Straßen der Stadt vom Morgen bis zum Abend üben sah. Die Kenntnis des Acker- und Weinbaues, die Teilnahme an Lese und Kelterung, die Beobachtung des Hafengetriebes und der Schiffahrt waren selbstverständlich für den Sohn des Rheingaues und der Handelsstadt. Das feste, aus buntem Rotsandstein erbaute Haus der Eltern lag mit seinem Vorgarten am breiten Nahekai, mit seinem Hoftor an der schmalen Hinteren Grube kurz vor der Mündung der Nahe in den Rhein. Ringsum spielte sich der Betrieb der Märkte, der Stapelplätze wie der Gewerbe des kleinbürgerlichen Handwerkes ab, und was der Schuster und Buchbinder, Steinmetz und Gerber, Holzhändler und Fischer trieb, brauchte der Knabe nicht aus Büchern zu lernen. Er lebte unter ihnen, die Kinder der Handwerker und Kaufleute waren seine Schul- und Spielgefährten, und viele Bilder seines Sprachschatzes zeugen von der fruchtbaren Nähe dieser urtümlichen Umwelt. Er begnügte sich auch nicht mit dem Sehen und Wissen, sondern bis zum zwölften Jahre und in den Ferien, die er später zu Hause verbrachte, eignete er sich dieses oder jenes von den Urberufen handlich an, und beherrschte zum Beispiel die Buchbindekunst wie ein gelernter Geselle. So wuchs er im geraden Gegensatze zur theoretisch-literarischen Erziehung eines Bürgerkindes der großen Stadt mitten im tätigen Treiben der an Brauch und Herkommen noch enggebundenen Rheinstadt auf, in welche die zersetzenden Mechanisierungen noch nicht eingedrungen waren, in der noch das handwerkliche Können, das Gefühl für das Gemeinschaftliche des Standes, die alte Sitte und der alte Glaube die unbewußte Grundlage bildeten. Dabei fehlte das Regsame und der Blick in die Weite keineswegs. Denn trotz der Beschränktheit seiner räumlichen Ausdehnung war Bingen doch Schnitt- und Haltpunkt der großen Verkehrsstraßen zu Wasser und zu Land für all die zahlreichen Reisenden des In- und Auslandes, die Handel, Schaulust oder Forschung täglich in diese gesegneten Täler führte. Ein steter Durchgang von internationaler Welt, das Kommen und Gehen von Schiffen aller nördlichen Länder, besonders der täglich erscheinenden Holländer, gab den Bürgern der kleinen Stadt einen Weitblick, der auch in größeren Städten einer tieferen Festlandslage damals nicht zu erlangen war. Auch waren sie von Natur von offenem, teilnehmendem Wesen, 10 aufnahmefähig für das Fremde, und im Heimischen ohne die Schroffen der gesellschaftlichen Ränge, von jener freien und leichtlebigen Art, von jenem Leben und Lebenlassen, wie sie nur das katholische Weinland erzeugt, und jener Freude am schönen und heiteren Genuß, der sie eher den westlichen und südlichen, als östlicheren Ländern geneigt sein ließ. Um geistige Erscheinungen freilich, gleichgültig, ob sie Paris oder Berlin erzeugte, kümmerte man sich herzlich wenig. Im elterlichen Hause Georges wußte man nichts von Literatur, und die Pflege der Dichtung überließ man wie üblich der Schule. Was Geist und Seele an Nahrung forderten, gewährte jener heiter-ernste katholische Glaube, wie ihn das Rheinland so lange bewahrte. Wenn er nicht mehr alle menschlichen Ordnungen regelte, so bestimmte er doch für die Frommen — und zu ihnen gehörte die Mutter des Dichters — das Verhältnis von Himmel und Erde, von Seele zu Seele; er hatte Heilmittel für alle Leiden, Tröstungen für alle Trübnis, die Forderungen seines Gottesdienstes bestimmten noch Tag und Woche, und die Reihe seiner farbigen Feste gab den Zeiten des Jahres ihren welt- haltigen Sinn und wechselnden Glanz. Ja, die Kirche hatte noch tiefere Einflüsse zu übermitteln als die tägliche Bindung an den Dienst Gottes und die zeitliche Eingliederung in ihre schöne und große Überlieferung, durch die sie jedem ihrer Kinder das sichere Stolzgefühl der Zugehörigkeit zum größten und ältesten Verband verlieh: sie hatte vom Anfang bis zum Ende des Lebens die heiligen Weihen zu vergeben, deren Kräfte durch eine ununterbrochene Übertragung von Gewalt und Gnade auf den göttlichen Urquell aller christlichen Kraft zurückreichten. George hat uns selbst im KINDLICHEN KALENDER die Kunde von dem tiefen Eindruck aufbewahrt, den das kirchliche Jahr mit seinen Festen und Begehungen in der Seele des Knaben hinterließ. Dazu hatten Kirche und Reich, die großen Doppelgewalten, gerade am Rheine einen ungeheuren Schatz von heiligen und ruhmreichen Erinnerungen aufgehäuft. In Bingen selbst erinnerte der Rupertsberg an die Blumenträume des knabenhaften Pilgers, Herzog Rupert, an Hildegard die weiseste deutsche Frau, die über der Stadt gewohnt hatte; Kirchen und Klöster an den Ufern ringsum sprachen von Scharen heiliger Männer und Frauen, die Trümmer der Kaiserpfalzen in Ingelheim und Lorsch von den ersten karolingischen Gründern, die Dome von Mainz, Worms und Speier von den Schicksalen der Salier und Staufer, der erdüberschattenden deutschen Geschlechter unserer größten Zeit. So mit den Weihen versehen, in großer Überlieferung und glücklicher Umgebung, unter schönem Spiel und ernstem Traum, auf die Übung von Hand und Auge, und schon die Erlernung dessen bedacht, was ihm das ii wesentliche Mittel seines Wirkens werden sollte, der Sprachen nämlich, verlebte Stefan George die Knabenzeit in Bingen bis zum Beginn des vierzehnten Jahres. Dann schickte sein Vater ihn nach Darmstadt auf das altberühmte Ludwig-Georg-Gymnasium, wo er im Herbst des Jahres 1881 aufgenommen und die nächsten sieben Jahre in allen Fächern der humanistischen Bildung unterrichtet wurde. Er lebte also in den Jahren, in denen der Blick sich langsam nach außen zu richten beginnt, in der Hauptstadt des Großherzogtums Hessen, das mit der Neugestaltung Europas im Wiener Kongreß unter den deutschen Mittelstaaten eine besondere Stellung eingenommen hatte: Hessen war die Brücke gewesen, auf der sich Nord- und Süddeutschland einander genähert hatten; ein Hesse, Friedrich von Motz, hatte als preußischer Finanzminister zuerst die Zollverbindung zwischen Preußen und Hessen, dann zwischen den nord- und süddeutschen Staaten herbeigeführt, und zwar mit der bewußten weitausschauenden Absicht, das zerrissene und an allen Gliedern gelähmte Deutschland zu einem einheitlichen Wirtschaftskörper gegen das ausbeuterische Ausland zu einigen, so dem Werke Bismarcks die wichtigste Grundlage schaffend. Auch in der Einheitsbewegung des Jahres 1848 hatten Männer aus dem hessischen Stamme, wie Max und Heinrich von Gagern, an der Spitze gestanden, und wenn der Bruderkrieg des Jahres 1866 es notwendig auf der Seite der Süddeutschen gesehen hatte, so war doch Hessen-Darmstadt einer der ersten Staaten, der fünf Jahre später die Einigung der Deutschen unter preußischer Führung mitbetrieb, und auch im neuen Reiche eine engere Verwaltungseinheit mit dem Norden einging. Die nähere Umgebung Darmstadts mit ihren Sandflächen und Kiefernwäldern erinnert nicht wenig an die Mark Brandenburg, und das Haus Brabant hatte hier schon seit dem 18. Jahrhundert den gleichen Nachdruck wie die Hohenzollern in Preußen auf den militärischen Aufbau des Staates gelegt und eine Liebe zu soldatischer Zucht gepflegt, die in den kriegerischen Eigenschaften des Hessenvolkes ihre natürliche Grundlage fand. Der Militär- und Beamtenstaat hatte der Residenzstadt Darmstadt ihren weiten Aufbau gegeben, aber ihr fehlte die Regsamkeit der südlichen Handelsstädte ebenso wie die industrielle Betriebsamkeit vieler preußischer Städte, und sie machte damals wie heute noch den Eindruck einer ungewöhnlich stillen, fast verschlafenen Stadt mit allzugroßen Schloßbauten und weiten menschenleeren Straßen und Plätzen. Aber für den Vater Georges war gerade die ruhige Wohlanständigkeit dieser Stadt entscheidend bei der Wahl der Schule für seinen Sohn gewesen; das leichtfertige Mainz war zu nahe, Frankfurt zu groß und schon außerhalb der hessischen Grenzen gelegen. 12 Es waren also mehr stillwirkende als übermächtige Eindrücke, die der Schüler von Darmstadt empfing. Das Aufwachsen in der ländlichen Mittelstadt am Rhein und das früherworbene Wissen um das tätige Leben des Tages gaben ihm eher ein sicheres Ferngefühl zur Lebensart der steifen Militär- und Beamtenstadt, in der sich Bürgertum und Staatsbeamtentum wie zwei getrennte Welten gegenüberstanden. Sie erschien dem heiteren und selbstbewußten Rheinfranken stets ein wenig unfrei und trocken, und er fühlte deutlich den Unterschied einer Lebenshaltung, die von dem etwas dicklich gewordenen Imperativ der Pflicht geregelt wurde, gegen die unbekümmerte Lebensfreude seines Heimatgaues. Was aber Bingen am wenigsten gewährte, eine Verbindung mit den geistigen Bereichen der Dichtung und Musik, bot ihm die Hofstadt in um so reichlicherem Maße. Das Großherzogliche Theater war von gutem Rufe und konnte, mitten in einem Kreise großer rühriger Städte gelegen, seine Kräfte von allen Seiten aufs beste ergänzen. Die Schüler des Gymnasiums waren seine regelmäßigen Besucher, und George hat hier in den empfänglichsten Jahren nicht nur unsere Klassiker und Shakespeare, sondern auch die Opern Wagners und anderer Komponisten in guter Darbietung gesehen — selbst moderne Stücke wurden gelegentlich aufgeführt. Bot die Umgebung der Stadt nicht viele Reize, so führte doch jede Wanderung bald in eine Landschaft, welche der heimischen an strenger Schönheit nicht ganz vergleichbar war, aber dieselben Merkmale üppiger Fruchtbarkeit und tausendjährigen reichen Lebens trug: vor allem im Süden längs der Eichen- und Buchenhöhen des Odenwaldes die Bergstraße, deren mit Wein- und Mohngärten, Mandel-, Kirsch-, Kastanien- und Nußbäumen übersäete Hügel und Ebenen keinem lombardischen Frühling zu weichen brauchen. Die Schule bot ihm nicht mehr und nicht weniger als damals die meisten unserer humanistischen Gymnasien: ein neues Leben war noch nicht geweckt, die guten Überlieferungen zerfielen langsam, und die Art des Unterrichts erregte in ihm wie in allen reicheren Naturen mehr Widerstände als Liebe. Auf die leicht wegwerfende Weise, welche diese Lebensstufe liebt, suchte er sich dieses Gegensatzes zu erwehren und machte satirisch-epigrammatische Verse auf seine Umgebung. Auch eine vollständig ausgeführte Verserzählung aus dieser Zeit ist noch erhalten geblieben. Erst mit dem seelischen Durchbruch des Jahres 1886, der den knabenhaften Zwiespalt mehr mit sich selbst als mit der Umwelt aufhob, erwachte das Lyrische der Frühzeit wieder, und mit den ersten Gedichten dieses Jahres begann die ununterbrochene Reihe seiner dichterischen Erzeugnisse. Die fünfzehn Jahre später veröffentlichte FIBEL hat uns eine Anzahl früher Verse aus den Jahren 1886 und 1887 aufbewahrt, von denen der Dichter in 13 der Vorrede sagt, daß seine Freunde und Verehrer, die, den Druck betreibend, auf eine schöne Offenbarung warteten, vielleicht mit einer Enttäuschung belohnt würden: „Sie werden das für die Zukunft Bedeutsame — sofern es nicht aus persönlichen Gründen oder als zu unfertig ausgeschieden ist — gar oft verhüllt und verflüchtigt vorfinden, und sie bedenken zu wenig, daß die Jugend gerade die seltensten Dinge, die sie fühlt und denkt, noch verschweigt. Wir, die Dichter, aber erkennen uns in diesen Erstlingen wieder und möchten sie unter unsre besondere Obhut nehmen, wir sehen in ihnen die ungestalten Puppen, aus denen später die Falter leuchtender Gesänge fliegen, und lassen uns gern durch sie erinnern an die Zeit unserer reinsten Begeisterung und unserer vollen Blühwilligkeit." Darüber hinaus sprechen die „Geleitverse" und die Gedichte selbst vom Schmerz des ersten dumpfen Bildnerwillens: wie der reifende Knabe früh am Widerspruch zwischen großgefühltem inneren Bild und dem Unvermögen litt, es sprachlich zu fügen. Was er als Verwunschener im Zaubergarten der Träume vor sich sah, klang dem Enttäuschten in der dichterischen Fügung noch als WEISEN DÜRFTIG UND GEWOHN. Und doch verraten diese stammelnden und schüchternen Versuche der Frühzeit bei aller Bindung am Überlieferten zuweilen schon einen eigenen Ton: die Ausdrucksweise ist vielfach herkömmlich, aber nirgends nur nachempfunden oder als Nachahmung eines bestimmten Dichters anzusprechen. Ihre Inhalte entsprechen ganz der Altersstufe: erweckende und enttäuschende Liebe, Kampf zwischen Vernunft und Liebe, oder Ruhm und Liebe, Zwiespalt zwischen Streben und Können, Todnähe und Frohlocken, Frühling und Winter. Vom christlichen Glauben tönt kaum noch ein Anklang hinein. Wie jeden Fünfzehnjährigen, der etwas auf sich hält, hat die Kirche auch diesen Frömmsten der Lebenden im gleichen Alter nicht fesseln können, da er die Erfüllung tieferer Sehnsüchte in ihrem Schöße nicht mehr fand. Die Versformen sind schwer, sicher aber weder frühreif, noch allzu gewandt. Hier und da unterscheidet ein herberer Ton sie vom Singsang der damals üblichen Erzeugnisse, und ihre fast immer strenge Formung rückte sie aus jeder Nähe der Tagesschule, die schon damals den festgefügten Vers zu verschmähen begann. Die lateinischen Hymnen der Kirche hatten schon ungewußt dem Knaben eine dichterisch strengere Weise eingepflanzt; seine Beschäftigung mit dem Italienischen, das er auch in Darmstadt an den Werken Petrarcas, Torquato Tassos und anderer Dichter weiterübte, hatte diese Neigung verstärkt, und bevor die allgemeinüblichen deutschen Jugenddichter Schiller, Heine und die Freiheitssänger auf ihn zu wirken begannen, war sein Geist schon durch jene strengeren Formen gebildet worden und blieb dadurch 14 vor dem Einfluß noch leichterer Epigonenschulen der genannten Dichter bewahrt. Deutschland war damals ohne geistige Bildungseinheit, und nicht mehr durch eine künstlerische Übereinkunft, wie sie der junge Goethe noch im Rokoko gefunden hatte, bestimmt, es war ohne eine lebende Dichtergestalt, höchstens in Heyse lebte, mehr fast in Anspruch und Haltung als in Werk und Sein, ein schattenhaftes Abbild dessen, was den Deutschen noch ein halbes Jahrhundert früher die edelste Erscheinung geistigen Menschtums gewesen war: des Dichters. Die Jugend, welche der Gestalt eines Lebenden zum Führer und Vorbild bedarf, suchte daher im Ausland, was sie im eigenen Lande nicht fand, und sah unter anderem auch in dem Norweger Henrik Ibsen den Erneuerer der dramatischen Kunst und den Verteidiger eines neuen Lebenswillens. In jenen Jahren waren erst seine Gesellschaftsstücke ins Deutsche übertragen worden, und George erlernte, um sich dieses Dichters ganz bemächtigen zu können, das Norwegische, las vor allem die frühen historischen Dramen in der Ursprache und übersetzte den „Catilina" vollständig ins Deutsche. Doch fühlte er bald, daß von dort kein Weg für ihn weiterführte. In diese Zeit der Beschäftigung mit dem fremden Dramatiker fallen auch einige Pläne und Entwürfe zu eigenen Dramen, von denen nur wenige kurze Auftritte aus „Manuel" später veröffentlicht wurden (Bl. I, 3) — die „Umschreibungen zum Manuel" gehören schon einer späteren Stufe an. Das Gedicht „Manuel und Menes" im SIEBENTEN RING faßte zwei Jahrzehnte später einen der Gegensätze der ursprünglichen Handlung kurz zusammen, deren Gesamtheit sich etwa als Widerspiel heldischen Tätertums und geistiger Herrschaft begreifen ließe. Es waren die Jahre, in denen bei gewöhnlichen Naturen die Frage nach dem Beruf, bei höheren Naturen die Entscheidung über die Berufung deutlicher, bewußter vor die Seele tritt, wo Fähigkeiten, Neigungen und Kräfte zum ersten Male vor den Gerichtshof des eigenen Urteils treten und einen Spruch verlangen. Die gewöhnlichen Naturen lösen die Frage durch eine Wahl, welche hervorstechende Neigung, Umgebung oder Zufall bedingen, den höheren hilft zur Entscheidung nur ein Horchen auf die innere Stimme, ein Warten auf das Gebot des stärksten Dranges, ein leises tastendes Fußrichten auf das dunkelgefühlte Ziel. Wenn Menes vom Willen beseelt war, die Welt durch Taten umzuwandeln, so glühte in Manuel der Trieb, Mensch und Erde im geistigen Werke umzubilden. Beide waren eine Seele und haben in einem Atem ihr Doppelwesen ausgeströmt, aber dem jugendlichen Dichter mußten sie als zwiespältige Pole erscheinen, für deren einen nur die Entscheidung fallen durfte. Er fühlte schon die Not einer Schicksalsfrage, deren Lösung den Einsatz seines ganzen Daseins erfordern sollte. 15 Während der Schüler George den Verkehr in bürgerlichen Häusern, auch seiner Verwandten in Darmstadt, mied, suchte er früh nach Mitfühlenden und Gleichgesinnten für das, was ihn innerlich bewegte. Er fand freilich auf der Schule in Darmstadt so wenig wie in Bingen die ersehnten Gefährten, und in seiner Erinnerung lebt nur der schöne, früh verstorbene Sohn des Hofmarschalls als einer, der ihn tiefer anzog. Unter den Schulgenossen herrschte eher ein reges als stumpfes literarisches Treiben, und es gab Zirkel, in denen man gemeinsam Goethe las. Aber da sich ihre eigene Erzeugung nur in satirischen Glossen über Mitschüler bewegte, hielten sie George nicht lange. In den letzten Schuljahren schlössen sich unter dem Eindruck des schon ausschwingenden Kulturkampfes die Katholiken des Gymnasiums enger zusammen, um unter Georges Führung ernstere Formen der Dichtung zu pflegen. Diese Freunde sammelten ihre Erzeugnisse in einem geschriebenen Heft, das sie „Rosen und Disteln" nannten und für einen weiteren Kreis von Kameraden vervielfältigten. Die Mitglieder dieser Schülerzeitschrift — sie erlebte nur eine Nummer — haben den Dichter noch einige Jahre begleitet, und einige der Beiträge wurden später in den Blättern für die Kunst (I, 5) und in der FIBEL als Beispiele guter formaler Haltung in diesen Schülergedichten veröffentlicht. Am 13. März 1888 verließ Stefan George mit dem Zeugnis der Reife das Gymnasium zu Darmstadt und kehrte zunächst nach Bingen zurück. Der Vater hatte mit klarem Blick die besondere Artung seines ersten Sohnes erkannt, und während der zweite sich einem geschäftlichen Beruf widmen mußte, ließ er jenem die volle Freiheit in der Wahl seines Weges. George entschied sich seiner Neigung nach für ein Studium der fremden Sprachen und beschloß, sogleich nach England zu gehen. Die kleinbürgerliche Welt von Bingen und Darmstadt war ihm schon zum unerträglichen Zwang geworden; er wäre in solcher Enge zugrunde gegangen oder hätte seine Kraft in Torheiten entladen müssen, die sie ins Sinnlose versprüht hätten. Er reiste den Rhein hinab über Holland nach London, der größten Hauptstadt der Erde, und tat damit den ersten Schritt auf einer Wanderung, die ihn nach kurzen Rasten von Ort zu Ort geführt und bis heute kein Ende gefunden hat. 2. KAPITEL: DIE REISEN IM AUSLAND IN London fand der Neunzehnjährige die geeignete Lebensluft für seine inneren Spannungen: ein weites Weltgefühl, getragen von großen staatlichen Aufgaben und Zielen, eine alte, sorgsam die Überlieferungen wahrende Bildungseinheit, eine festgeformte Lebenshaltung aller Schichten der 16 GEBURTSHAUS GEORGES Bevölkerung, eine vornehme Gesittung im Verkehr der Menschen untereinander — Gegebenheiten, die im öffentlichen Leben des Deutschland jener Jahre nicht mehr zu finden oder kaum erst im Entstehen begriffen waren. Denn die guten Überlieferungen waren bei uns in ihrem früheren Bestände gefährdet oder hatten sich, unfruchtbar für das Wachstum der Jugend, in wenige abgesperrte Gesellschaftskreise zurückgezogen, und die neuen, aus der Reichseinheit erwachsenen Ansprüche schössen einseitig ins Wirtschaftliche oder Militärische: sie haben die deutsche Bildungseinheit eher zerrissen als gefördert. In England — die tiefen Brüche des Gefüges waren noch nicht spürbar — gaben Überlieferung und Zeitgeltung dem Einzelnen wie dem Gesamten ein festes Gepräge und erzeugten jenen unbeirrbaren Stolz, die selbstbewußte Ruhe, den hohen Anspruch ohne Wallung und Auftrumpf, die wir dem Inselreich und seinen Bewohnern damals neideten. George ergriff mit Eifer diese neue Form des Lebens, das Bestreben, sie sich anzueignen, das Studium der englischen Sprache, die in dem befreundeten Hause, wo er Aufnahme gefunden hatte, fast ausschließlich gesprochen wurde, und die Betrachtung der reichen Kunstschätze der Stadt genügten vollauf, um die jungen Kräfte während der Monate seines Aufenthaltes ganz zu beschäftigen. Die Zeit, Bekanntschaften in der geistigen Welt zu suchen, war für den neunzehnjährigen Neuling noch nicht gekommen; aber ein Jugendfreund, der sich in London angesiedelt hatte, erleichterte ihm den Blick in manche Dinge, und er verließ London als ein völlig andrer: mit einer festgefügten Selbstgewißheit, einem sicheren Maß für das persönliche Verhalten Menschen und Dingen gegenüber und einem klar geöffneten Blick in die Weite der großen Welt. — dort in andrer luft und andrem land Entdeckt ich als ein andres fluß und flur. Ich sah die hellen und die bleichen himmel Die wälder gaukelten mir bilder vor Und aus dem duft der morgendlichen wiesen Aus ferne winkenden gekrönten mauern Und aus der menschen schritten und gebahren Und ihrer sänge rätselvollem sehnen Erhoben sich mir unbekannte weiten Die jugendliche Welt des Schülers war in England verweht. Die frühen Gedichte „Von einer Reise" in der FIBEL lassen schon im Inhalt deutlich ein Befreitsein spüren: die Schulzeit ist vorbei, die Enge der Kirche abgestreift, wenn auch die junge Seele ehrfürchtig vor frommer Handlung bleibt und vom Spott der Freunde über die betenden Mütter verletzt wird. Aber die alten Glocken verwirren und zerren nicht mehr, und auch die Liebe hat ein andres Gesicht: „Das Heilige" der Frühzeit ist verschwunden, die Lei- * 17 denschaft ist drängender, nackter, sinnlicher geworden, die Gefühle wechseln zwischen Sturm und Mattheit, dem aufgeweiteten Auge erscheint alle Habe, alles Erreichbare klein, und das Herz sehnt sich aus kleinem Lieben nach der großen Liebe, die Seele nach endlichem Erwachen aus dem „Todesschlaf". In der Sprache deutet sich diese Erregung in freieren Strophenformen, größerer Bewegtheit des metrischen Gefüges, kühneren Bildern und farbigeren Sichten an: die Dinge sind deutlicher geschaut, und die Merkmale der nördlichen Landschaft, welche die Reise berührte, sind in ihrer Besonderheit spürbar, sie erscheinen hier im Gegensatz zur südlichen Stadt und zu leidloser „Wärme, Schönheit und Licht". Nach einem kurzen Aufenthalt in der Heimat ging George im Herbst des Jahres 1888 in die französische Schweiz nach Montreux. Der Aufenthalt in England hatte seine Kenntnis von Land und Leuten wohl vermehrt, auch seinem äußeren Verhalten zur Umwelt eine Bestimmtheit gegeben, aber dem inneren Drang nach eigener Gestaltung und eigener Welt keine dauernde Entspannung gebracht. Hier, fern vom erregenden Atem der großen Städte und Häfen, an den weichen Ufern des Genfer Sees, überkam ihn ein bedrückendes Gefühl des Alleinseins, und er mied die Menschen dieser gesellig-heiteren Fremdenorte. Erst nach längerem Sträuben ließ er sich in das Landhaus einiger vornehmen Frauen des deutschen Adels führen und wurde von ihnen in einen kleinen Kreis gezogen, den frohe Geselligkeit und Beschäftigung mit der Dichtkunst belebten. Man versuchte gemeinsam kleine Bühnenstücke aufzuführen, und fand den Molierischen Misanthropen die geeignete Rolle für den ernsten, jungen Deutschen. Der fügte sich leicht in die adlige Welt, und man gewöhnte sich bald, seine eckige Art und bestimmte Haltung als das ihm angemessene Wesen und Recht zu achten. Die heitere Geselligkeit milderte ein wenig sein grüblerisches Sinnen, und die frühe Bekanntschaft mit gallischem Witz und Parisischer Anmut in diesem Hause hat ihm bald hernach den Verkehr in Frankreich selbst erleichtert. In die Zeit des Aufenthaltes am Genfer See fiel auch seine erste Reise nach Italien. Im Februar 1889 ging er nach Mailand und Turin, das er zur selben Zeit betrat, zu der der erkrankte Nietzsche es verließ. Die beiden Gestirne, das eine niederstürzend, das andere noch verhüllt aufsteigend, kreuzten so ihre Lebensbahnen schicksalhaft am dunklen Himmel des deutschen Geistes, ohne voneinander zu wissen: ein Vorzeichen, daß in Zukunft ihre geistigen Bogen sich im Bereich gemeinsamer Kämpfe und Ziele noch öfter schneiden sollten. George gewann damals noch kein näheres Verhältnis zu Italien, das ihm die norditalienischen Städte nicht in seiner eigentümlichen Artung zeigten. Im Vorfrühling wanderte er an den süd- 18 liehen Alpenseen entlang in die Schweiz zurück und fuhr im März vom Genfer See zum ersten Male nach Paris, der Stadt, die dem Rufe und der Wirkung nach noch immer die Mitte des gebildeten Europa war, das Herz jenes Frankreich, das vor mehr als sechshundert Jahren die universale Herrschaftsidee des Heiligen Reiches der Deutschen abgelöst hatte durch die universale Idee der europäischen Gesittung, der Zivilisation im höchsten Sinne, und den Anspruch aufrechthielt, ihr gültiger Träger und Bewahrer unter den Völkern der Erde zu sein. Als George in einem kleinen Gasthaus nahe beim Boulevard St. Michel abgestiegen war, lernte er dort am gleichen Tage Albert Saint-Paul kennen. Die fast Gleichaltrigen schlössen sich bald einander an, und durch dieses glückliche Zusammentreffen wurde George auf eine unerwartete und fast wunderbare Weise schnell in die Mitte des geistigen Frankreich jener Tage geführt. Saint- Paul hat uns vierzig Jahre später das Aussehen des jungen Deutschen geschildert, dessen Geleit er so unerwartet wurde: „Seine Stirn wölbte sich trotz des jugendlichen Alters schwer unter dem vollen braungoldnen Haar; das einzige Helle in seinem Gesicht waren die Augen. Diese Augen waren von bleichem Blau wie zwei Türkise. Sie erinnerten an die Augen des Dichters Frangois Coppee, von denen Stephane Mallarme sagte: ,Es sind zwei Edelsteine'." Er fand George zunächst nichts weniger als mitteilsam, eher schüchtern, aber im Louvre vor den Gemälden der frühitalienischen Meister, Giotto, Fra Angelico, Mantegna, taute der Verschlossene auf, und Saint-Paul fand in ihm, was er selber war: eine für die Schönheit offene Seele. George wußte damals kaum etwas von der Artung des französischen Menschen und verstand dabei seine Dichtung nur, soweit eine gute Kenntnis der Sprache sie eröffnen kann. In dem jungen Tou- lousaner Saint-Paul trat ihm eine Urform des Franzosentums entgegen, ein schöner, dunkler Südländer, der zugleich von tiefer Begeisterung für die Dichtkunst erfüllt war und in einem Kreise Gleichgesinnter nur ihrem Dienste lebte. Im Verkehr mit ihm lernte er langsam dieses Volk begreifen: seine für uns so schwer erfaßbare Einheit von hellem Aufflammen und kühler Verständigkeit, von Beweglichkeit und Enge, Rachsucht und Höflichkeit, Verzagen und Aufschnellen, und durch den Anteil am persönlichen Leben drang er schneller und tiefer in die fremde Dichtung ein, als er durch ein langes Studium an der Sorbonne vermocht hätte. Tag für Tag war er mit Saint-Paul zusammen, und jeden Morgen las dieser ihm einige Stunden aus den Werken des französischen Schrifttums vor, von der Frühzeit beginnend bis zu den jüngsten, noch lebenden Dichtern, und dies mit einer Stimme, die selbst in dem anspruchsvollen Pariser Dichterkreise als eine der besten und schönsten zum Hersagen galt. 19 Bald wurde George mit diesem Kreise bekannt. Es war die berühmte „Plejade der Symbolisten", welche damals im Gegensatz zur parnassischen und realistischen Dichtkunst, der für Frankreich so kennzeichnenden Einheit des 19. Jahrhunderts, standen. Baudelaire war ihr allverehrter Ahnherr, Paul Verlaine stand auf der Grenze der alten und neuen Schule, Stephane Mallarme führte die Jungen, die mit ihm für ihre neue Fühlweise neue Formen des Ausdrucks suchten und den Angriff der Romantik gegen den typischen Stil und den typischen Vers der Jahrhunderte erneuerten. An die Stelle der erzählenden und lehrhaften Dichtungsweise wollten sie die dichte, kurze Zusammenballung möglichst reicher Sinnträger im Vers: er sollte mehr Geheimnis, mehr Traum, mehr Musik erhalten. Sie sahen das Leben nicht mehr als eine Sammlung von „documents humains", als eine banale Folge von Tatsachen, sondern als einen „magisch geordneten Vorgang an, in dem jede Gebärde ein Sinnbild bezeichnet". Nur eine Traumkunst mit allen Fähigkeiten feiner Abschattungen, nur die trunkne Eingebung und das freie Spiel der Seelenkräfte konnten nach ihrem Glauben zum schöpferischen Lebensquell vordringen, zu dem die hemmenden Gesetzlichkeiten bisher den Zugang verwehrt hatten. Der alte Kampf des französischen Geistes gegen die eigene Überspannung des Intellekts hatte sich in den jungen Dichtern zu neuer Bewußtheit erhoben, und im zartesten Punkte des nationalen Lebens, in der Sprache, suchten sie Rettung für die verschütteten oder gehemmten Kräfte. In diesem Kreise lernte George neben den schon genannten Meistern Villiers de l'Isle-Adam, Henri de Regnier, Francis Viele-Griffin, Achille Delaroche, den Belgier Albert Mok- kel, den französisierten Athener Jean Moreas, den Amerikaner Stuart Merrill und andere kennen; hier hörte er von den Toten Poe, Baudelaire, dem verschollenen Rimbaud, und von den Lebenden Puvis de Chavannes, Rodin, Seurat, Cezanne, Gauguin und andre bald gerühmte Namen preisen. Es war ein Lebenskreis von Künstlern, der das Lateinische Viertel gerade um die Jahre 1889 und 1890 mit einer neuen geistigen Spannung geladen hatte 1 ). Es war die Zeit der Gründung oder Blüte der Zeitschriften La Plume, Le Mercure de France, L'Ermitage und der regelmäßigen Zusammenkünfte der Dichtergruppen im Lateinischen Viertel. Alle Fragen der Kunst wurden dort mit einem jugendlich-heiligen Enthusiasmus behandelt und zugleich das kritische Vermögen in eifernden Gesprächen geschult. Es war der einzige geistige Ort in Europa, wo es eine Gemeinschaft von Dichtern gab, die sich durch einen gemeinsamen Willen zur Vervollkommnung der sprachlichen Form verbunden fühlten, und in jenen Jahren einer entflamm- *) Hier waren auch schon alle Werkkunststückchen ausgestellt die bei uns 30 Jahre später als neueste Mode der Malerei aufkamen. 20 ten Geistigkeit an eine Erneuerung der Künste in Frankreich, ja in Europa, durch die Kraft ihrer Werke und Ideen glaubten. Saint-Paul und Mockel erkannten in dem jungen Deutschen, der schon damals nach ihren Erinnerungen seine gewinnende Offenheit durch einen treffenden Spott, seine warmherzigen Ereiferungen durch ein frühgereiftes Urteil mäßigte, der das heitere Lachen der gesunden Jugend hatte, aber nur mit nachdrücklichem Ernst von der Kunst und Schönheit sprach, den zukünftigen Dichter, als sie von ihm noch keinen eigenen Vers, nur einige Übertragungen von Baudelaire kannten. Aber er besaß nach Mockels Worten jene Uneigennützig- keit, Glut und Ehrung der Schönheit, die nötig war, um zu Mallarme zugelassen zu werden. Sie rühmten ihn vor diesem als den jungen Goethe, „den Goethe vor Werther", und Baudelaireübersetzer, und George nahm eine Weile an jenen Dienstagabenden bei Mallarme teil, in dessen enger Stube nur zwölf Platz fanden, und oft vor der Tür schon andere warteten, um nach dem Aufbruch der ersten den verehrten Meister sprechen zu können. Fand Verlaine sich einmal ein, so war es ein seltsames Bild, wenn die beiden Führer am Kamin lehnten: Mallarme, der graziöse Franzose, mit einem kleinen Einschlag der jüngsten Londoner Mode gekleidet, der halb zerlumpte Verlaine mit einem Sokrateskopf, buckliger Stirn, platter Nase und schwülstigen Lippen, die ein faunisches Lächeln umspielte, jener von einer überaus gewählten Form der Rede, die vom hellen Scharfsinn bis zum dunklen Tiefsinn fast immer um künstlerische Mache ging, dieser bei kindlicher Gutmütigkeit von einem lässigen, giftgetränkten Zynismus der Erzählung, die oft um das eigne Leben spielte, um jene „fast keusche Odys 7 see" mit Rimbaud, durch die Verlaine das seltsame Gemisch von Dichter und Trinker wurde, als den George ihn damals kennen lernte: der Halbverkommene, wenn er im verschlissenen Rock auf dem Boulevard St.-Mi- chel dahinschlich, schon eine mythische Figur, vom Schicksal gezeichnet, dem Leid erlegen, langsam verstummend: der verfehmte Dichter. In dem losen Bund von jungen Männern, in dem die ganze sinnlich-geistige Fülle Frankreichs dem Fremdling aus den feinsten Köpfen und heißesten Herzen zuströmte, verbrachte George den Frühling und Sommer. Wir können uns nach den erinnernden Erzählungen vorstellen, wie die ganze Schar von der Rue de Rome, wo Mallarme wohnte, durch das nächtliche Paris am Bahnhof St.-Lazare, an der Oper, der Seine, der Sorbonne vorbei zum Luxembourg zog: in eifrigem Wortgefecht über künstlerische Werke und Fragen streitend und lachend, die Gegner verdammend und die Bürger verspottend, wie sie auf dem Boulevard St.-Michel den begegnenden Verlaine vergebens aus seiner schweigenden Verdüsterung zu reißen suchten und ihn am Pantheon seiner Einsamkeit überließen, wie sie zu Hause in der 21 kleinen Pension der Rue de l'Abbe de l'Epee die Nacht durch weiterplanten: Söhne fast aller Länder Europas, glühend vor Verlangen, ein Hohes zu leisten, am glühendsten der junge Deutsche, der viel horchte und schwieg und noch eine höhere Vorstellung vom Dichtertum in sich trug als jene verehrten Meister und Freunde. „Groß und schlank," so schildert ihn Mockel, „das längliche Gesicht unter einer kurzen Flut von blonden Haaren und von einem fast melancholischen Ausdruck, der durch den lebhaften Glanz der Augen gemäßigt wurde — so wahrte er noch in der Haltung einen Rest von Unschlüssigkeit, die sich bald in vornehme Zurückhaltung wandelte. Eine uneingestandene Schüchternheit wurde bei ihm aufgewogen durch eine schon sehr willensstarke Entschlossenheit. In der Gebärde hatte er die linkische Anmut von zwanzig Jahren, welche die künftige Kraft verrät." In der Mitte des Jahres 1889 begrub George mit den neuen Freunden den stolzen Villiers, der noch den Kreuzfahreranspruch seiner Vorfahren auf ein Königreich sein Leben durch behauptet hatte; dann verließ er Frankreich auf mehrere Wochen. Die Freundschaft zu drei jungen Mexikanern, die er in Paris kennen lernte, hatte ein frühes Verlangen in ihm nach Erlernung des Spanischen wiedergeweckt, und nachdem er sich der Sprache bemächtigt hatte, brach er im Spätsommer allein nach Spanien auf 1 ). Dort überkam ihn das seltsame Gefühl des Wiedersehens mit einer längst entschwundenen Heimat: das Andenken an eine längst verschollene Herrschaft wuchs mit jedem Schritte, den er in das unbekannte Land tat, und verdichtete sich im „Inselgarten" zu Aranjuez zu jenem deutlichen Wiedererkennen, das später in den PILGERFAHRTEN und HÄNGENDEN GÄRTEN dichterische Gestalt gewann. Suchten damals die noch gestaltlos flutenden Kräfte dieser mächtigen Seele einen festen Grund im Spiegel eines vergangenen Daseins, um nicht fessellos in den eigenen Wirbeln umgetrieben zu werden? Erkannte sie das Dunkel-Ersehnte eines herrscherlichen Lebens im Traum einer früheren Wirklichkeit? Oder tauchte tatsächlich aus uraltem Bluterbe ein verborgenes Ehmals auf, dessen Grund uns nicht faßbar ist? Wir wissen es nicht, aber müssen dem Dichter glauben, daß hier in Spanien ein unheimlicher Tiefenraum der Erinnerung in ihm aufbrach und WANDEL DER SEELE GESCHAH. Vor allem im Herzen Spaniens, um Madrid und Toledo, rief die harte, fast unerbittliche Strenge der Landschaft mit den finsterstolzen Königsschlössern gewaltige Bilder einer königlichen Einsamkeit und unnahbaren Größe in ihm wach. *) Saint-Paul irrt in seiner Erinnerung, wenn er meint, George habe die Reise in seiner Begleitung gemacht. — Auch die von Mockel oben angeführte Blondheit der Haare beruht auf einem Irrtum der Erinnerung. 22 Er wandte sich von dort noch weiter südlich zu den Ufern des Segura nach Murcia, dem letzten Herrschersitz der Mauren, und da ihn die einstige Verbindung des gotischen und maurischen Geistes beschäftigte, die noch in der Baukunst und in Resten des völkischen Lebens sichtbar war, lockte es ihn, dem Ursprung dieser seltsamen Mischung im mohammedanischen Norden Afrikas nachzugehen, doch ein Zufall verhinderte die Überfahrt und er kehrte nach Paris zurück. 3. KAPITEL: DER ERSTE GEFÄHRTE UND DAS ERSTE WERK ZU Beginn des Winterhalbjahres 1889 reiste George nach Berlin, um an der Friedrich-Wilhelms-Universität die Vorlesungen über Sprach- und Literaturkunde zu hören. Er fand auch dort keinen Lehrer, dem er sich näher hätte anschließen mögen, aber ein freundlicher Zufall führte ihm in den ersten Tagen seines Aufenthaltes in der fremden Stadt seine jungen mexikanischen Freunde wieder in den Weg. Mit ihnen verlebte er einige Monate herzlicher Freundschaft. Sie durchstreiften gemeinsam die große Stadt und lernten auf weiteren Wanderungen die kargen Reize des märkischen Landes kennen. Am liebsten war ihnen Potsdam, wo noch der Geist und das bitterstolze Gedächtnis des großen Königs den Park von Sanssouci belebte. Ohne seine Freunde hätte George diese Stätten damals kaum gesucht. Hier im nordöstlichen Deutschland wurde der ganze Reiz der Pariser Dichtergemeinschaft erst quälend lebendig. Der hohen Lautkunst des Westens, der klaren und beschwingten Form ihrer rhythmischen Gefüge, der gepflegten und aufreizenden Melodik ihrer Tonfolgen stand in der Heimat die schwächliche Reimerei der Spätlingsschule oder das eben beginnende zuchtlose Gerede der Naturalisten gegenüber. Die deutsche Sprache schien sich zu verzerren und in leerem Getöne oder häßlichen Zweckformen unterzugehen. Die Unmöglichkeit, in ihr den dichterischen Ausdruck für die Bilder und Klänge zu finden, die ihn erfüllten, drängten George in eine quälende Einsamkeit zurück, aus der die heitere und herzliche Beweglichkeit der Südländer ihn nur äußerlich löste. Ja die vollen wohlklingenden Laute, welche ihm täglich aus den geliebten Mündern entgegenklangen, vermehrten eher das brennende Gefühl der Ohnmacht, weil er die spanische Sprache damals für die schönste und geeignetste hielt, in der gehobene Formgebilde zu schaffen wären und die deutschen Laute peinigten ihn geradezu. Wie er in Frankreich schon französische Verse gemacht hatte, versuchte er sich jetzt in fast allen Sprachen, bis er zuletzt in der übersteigerten Not des inneren Ausdruckswillens auf die ersten jugendlichen Regungen seines sprach- 23 liehen Schöpfertums zurückgriff und sich eine eigene von jener ersten ganz verschiedene Sprache erfand, die dem inneren Lautgefühl entsprechen sollte. In dieser Lingua Romana, die neben den lateinischen wesentlich spanische Wort- und Klangformen hatte, dichtete George die ZEICHNUNGEN IN GRAU und die LEGENDEN, ohne freilich ihr inneres Tonbild von der Muttersprache trennen zu können, in die sie bald umgeschrieben wurden. Die Erlebnisse der spanischen Reise waren vorerst noch in eine scheu behütete Heimlichkeit zurückgesunken. Die ZEICHNUNGEN IN GRAU geben eher Kunde von den Kämpfen des leidenschaftlichen Blutes, das nach Gesellung drängt, vom trotzigen Willen einer keuschen Selbstbehauptung und Bewahrung des jungfräulichen Zaubergürtels: besinnliche Augenblicke einer jungen Seele, triebhafte Erschütterungen eines jungen Leibes: Drang nach höherer Erhebung, Zwang eines sinnlichen Bildes, Lust zur Selbstzerstörung, Neugierde nach unerhörten Lastern, aber über allem ein seltsam sicheres Wissen, daß eines bewahrt und nicht in die Triebsphäre gezogen werden darf: das heilige Wort. Selten biegsam, eher spröde und widerstrebend sucht die Sprachform diese Lockungen und Lockerungen zu meistern, sie ist völlig gelöst von jeder bisherigen Überlieferung und Übereinkunft: weder goethisch noch heinisch, weder epigonisch noch naturalistisch, hat weder strenge Metren noch freie Rhythmen. Sie ist fast Prosa, aber von einem inneren Schrittmaß bewegt, ist fast nüchterne Benennung der inneren und äußeren Vorgänge, aber von einem stechenden Brennen durchsetzt, nirgends leichtes Spiel, nirgends zierliche Künstelei noch falscher Schmuck. Wenn etwas darin die Luft von Paris verriete so ist es der Gehalt wie etwa im Gedichte PRIESTER, das man nur dort entstanden denken kann, sonst ist der Einfluß der Symbolisten in diesen Gedichten kaum erkennbar. Gegenüber den ZEICHNUNGEN IN GRAU neigen die LEGENDEN gradweise einer strengeren Formung zu. Das Gesamtgefüge gliedert sich noch in ungleichen Strofen, das Maß in der ersten und zweiten Legende ist noch ein bewegter vierhebiger Vers mit wechselnden Senkungen und beliebigem stumpfen oder tönenden Schluß. In der dritten Legende dagegen taucht schon der strenge fünffüßige Blankvers auf, der später in der vier- zeiligen gereimten Strophe das bevorzugte Maßgebilde Georges werden sollte. Hier ist er noch in freien Gruppen verwendet, reimlos wie überhaupt alle Gedichte der ZEICHNUNGEN und LEGENDEN, aber in dieser Freiheit weder an die frühen Rhythmen Goethes noch die späten Hölderlins gemahnend. Es ist eine besondere nie gehörte und nie wiederkehrende Weise des Dichters, in der er sich vom Früheren löste und noch den eigenen Ton 24 nicht fand, in der schon die Worte aus ihrer gewohnten Fügung, ihrem Gemeinplatz gerissen wurden, aber den befreiten noch kein eigener Klang- und Bildraum gegeben werden konnte: es ist ein Schweben und Prüfen, ein Aufbruch-Wagnis, halb zaghaft, halb trotzig, in Sinn und Ton ein Abschiednehmen von alter Welt und zugleich von der eigenen Knabenzeit. Noch schwanken die Gebärden zwischen Stille und wildem Ausbruch, zwischen Verzicht und Begier, geweihtem Bezirk und offenem Sinnenplan: In der ersten Legende ein Zweifel an der Reinheit der Geliebten, der als Frevel, als lieblose Selbstentweihung mit freiwilligem Tode gebüßt wird, in der zweiten mit Waffen- und Liebesweihe der Abschied von der herrischen Einsamkeit und stolzen Selbstgenügung der Knabenzeit, in der dritten Flucht und Aufbruch in die gefährliche Welt aus der Enge und Ruhe überlieferter Heilslehre und toten Wissens, von Führern und Formeln, denen der Jüngling entwachsen ist. Mit dem Willen, für den gewissen Frieden die Bahn ins Ungewisse, für die stillen Freuden Lust und Leid des Kampfes einzutauschen, treibt es ihn auf: Der alten toten Weisheit zu entraten Bis ich die lebende erkannt: der leiber Der blumen und der wölken und der wellen. Die ersten drei Jahrsieben waren vollendet, der Mündiggewordene trat über die Schwelle und begann den eigenen Weg. Die befreundeten Fremdlinge ahnten nichts von der dichterischen Not Georges, sie suchten den Grund seiner Unbefriedigtheit auf einer anderen Seite des Lebens und mühten sich auf alle Weise, ihn für ihre Heimat zu gewinnen: „drüben" habe er größere Möglichkeiten Macht und Reichtum zu erwerben, dort könne ein Mensch seiner Art viel leichter seine Tatkraft entfalten als im engen Deutschland! George hat einen Augenblick geschwankt, aber er hatte sein Ziel schon nach anderem gesteckt als Macht und Reichtum, und schon war eben der deutsche Gefährte an seine Seite getreten, der über die Fremden hinaus eine geistige Gewalt in ihm erkannte: Karl August Klein. George blieb und der heimatliche Frühling gab ihm zum Danke das Höchste, was er begehrte und dessen er bedurfte, um leben zu können: die erste Dichtung eigner Art. Auf einsamen Wanderungen am Schlosse Bellevue fand er Erhörung für seine quälenden Wünsche. Er dichtete dort die ersten der HYMNEN, die noch das besondere Tongepräge aus den Versuchen des Winters tragen, aber ganz aus dem Geist der deutschen Sprache geboren wurden und zugleich ein unerhörtes Neues aus seiner erwachten Seele unserem sprachlichen Erbgut zutrugen: einen Klang, dessen südliche Fülle unser Ohr bisher nur in romanischen Lauten vermutete, ein Schreiten, dessen strenge Getragenheit wir nur aus antiken und katholischen Hymnen 25 kannten, eine gebändigte Würde, die das leidenschaftliche Leben überherrschte und jedem Neugierblicke über das Kunstwerk hinaus unnahbar den Zugang verwehrte. Daß dies jetzt im ersten Reifejahr geschah, gehört zu den Geheimnissen des Georgischen Lebens, dessen geistige Gezeiten sich mit den Kreisen des Wachstums in unbedingter Einheit zusammenschließen. Nach langsamem herben Knospen war die Zeit der ersten Blüte gekommen, nach scheu bewahrter Haft der fast sprengenden Säfte war der unfindbare Anfang plötzlich da: kein Paulinischer Einbruch von außen, keine jähe Erleuchtung von oben, sondern ein begnadeter Aufbruch des Langerschauten, Keuschgetragenen, eine Weihe, deren Zeichen dem Geweihten die Geburt des Werkes war. Es war auch keine Goethische Entlastung von quälendem Erlebnis und seiner Sühnung in der Werkgestaltung, sondern eine Lösung aus reiner künstlerischer Not, die Gewährung einer neuen Dichtersprache, um das göttliche Sein der Dinge auszudrücken, eines Lobgesanges für die heilige Welt. Die griechischen Lobgesänge auf Götter und Helden waren seit zwei Jahrtausenden verhallt, die Erzeugung der katholischen auf Gott und die Heiligen vor fünfhundert Jahren erloschen und nur ihre matten Abwandlungen noch im Schwange, den protestantischen Choral hatte die Musik aufgesogen, Hölderlins Hymnen lagen unbekannt oder unverstanden in toten Schreinen oder Büchern — und was war Dichtung überhaupt dem Geschlecht der Deutschen um 1890! Und dennoch trotz aller Verhäßlichung der Menschen und ihrer Werke um diese Zeit: waren nicht Himmel und Erde täglich neu, Geschöpfe und Dinge nicht vom gleichen Lichte beseelt und bestrahlt wie vor tausend Tagen, war nicht das Wort unter den Schlacken des verwahrlosten Herdes in seinem innersten Glutkern vom gleichen Zauber zwischen Seele und Stoff wie ehemals in schönerer Zeit? Gewiß war dies so und wird immer sein. Aber es bedarf des göttlich aufgeschlossenen Auges um das Ursprüngliche zu sehen, es bedarf des göttlich begnadeten Mundes, um das Ursprüngliche zu sagen, es bedarf des göttlich gesegneten Menschen, um das Ursprüngliche sichtbar darzustellen und ein Volk ist tot, das ihn nicht mehr aus sich erzeugt. Mit der Geburt der neuen Dichtersprache begann George die Schöpfung einer neuen Menschenwelt: sie beginnt mit der Hymne, dem Lobgesang. Mit dem Lobgesang auf die gewährende Herrin des Gesanges selbst, die dem am heimatlichen Wasser auf die Erhörung Harrenden die Segnung bringt, mit dem Lobgesang auf den Dichter selbst, der inmitten des lockenden Jubels von Pflanze, Tier und Leib sinnversunken und sinnklar zugleich den sich sträubenden Griffel führt, mit dem Lobgesang auf das lösende Geleit der kindlichen Geliebten, auf den sommerlichen Gluttag der großen Stadt, der die brennende Glut des eignen Innern mit rettender 26 Schwäche lindert, auf den quälenden Zauber der einmal begegneten Schönen, auf das stille Festmahl mit dem Prunk geheimen Wissens und dunkler Erinnerungen, auf Licht und Tod, Strand und Meer, Garten und Bild. Das alles bricht wie langgestaute Wallungen auf, rauschend, klingend, farbig, in immer wechselnden Maßen und dennoch ist nirgends ein nacktes Geschehen weder des inneren noch des äußeren Lebens als solches gegeben, die äußeren Vorgänge wie die inneren Schwingungen sind ganz in die berauschenden Klänge und Bilder und Farben eingegangen, sind nur als Dichtwerk und Dichtwert erkennbar und wirkend. Was den Dichter vom Beginn der zweiten Jahrsieben bis zum Ende des dritten mit dämonischer Unruhe heimgesucht, ihn zu den unwahrscheinlichen Versuchen, sich eigene Sprachen zu schaffen oder in fremden zu dichten, getrieben hatte, der tiefe in der kindlichen Frühzeit quälend bewußte Drang nach einem dichterischen Ausdruck für seine innere Welt hatte in den HYMNEN seine Erfüllung gefunden: Der Genius hatte auf eine unerdenkbare Weise das Mittel gefunden, sein Wesen in lebendiger Sprache auszuwirken, er war deutsche Stimme geworden und es war von nun an eine Frage der Kraft seines Geistes, wie groß der Weltstoff sein würde, den er mit ihr durchdringen und wandeln könnte. Man mag in diesen Gedichten einen letzten Nachklang des Goetheschen Tones, eine Verwandtschaft mit den Romantikern aufspüren, man mag ihnen nachrechnen, daß sie den älteren Franzosen den fehlerlosen Bau des Verses und den strengen Aufbau der Strophe, den jüngeren vor allem die seelischen Abschattungen und musikalischen Tonstufen verdankten, unerklärlich bleibt neben allen Erbschaften und Ähnlichkeiten der geheimnisvolle Zauber der Neubeseelung unserer Sprache, die so noch niemals erfüllte Dichte und Gespanntheit des dichterischen Ausdrucks, die so zum erstenmal geschaffene Verbindung der Heiligung und Trunkenheit des Wortes. Ein anderes Gesetz ist dadurch in das Leben des deutschen Geistes gekommen: die Bändigung seiner leidenschaftlichen Bewegung zum festumgrenzten Bild, die Formwerdung seines glühenden Werdens und Strebens in der scharf umrissenen Gestalt. Noch ist diese Bändigung in den HYMNEN manchmal von übertriebener Härte in der Fügung der Worte, die Formgebung von jugendlich quälendem Ungestüm in der Reihung der Bilder und Klänge, aber der eigene Ton ist unverlierbar erobert, der Ort gewonnen, aus dem allein die Seele eines Volkes erneuert werden kann: das ursprüngliche Wort. Kaum hatte der Dichter seine Sprache gefunden, so erhob sich in ihm auch der Wille mit ihr zu wirken und zunächst die Umwelt auf dem eigensten Gebiete des Könnens, dem der Dichtung zu wandeln. Die tathafte Kraft erhob sich zugleich mit der dichterischen, sie auszuwirken bedurfte er der Gefährten und das gütige 27 Schicksal schenkte ihm im ersten, in Karl August, den treuesten und geeigneten Gehilfen seiner Pläne. Er entging so am Beginn dem Los der Einsamkeit unter den geistigen Deutschen, das die Besten in Entsagung oder Wahnsinn getrieben hatte, und fand Ohr und Mund des Menschen, ihn zu hören und zu verkünden. Wie ohne diesen ersten, ohne die wenigen, welche ihm folgten, Georges Geschick in Deutschland gewesen wäre, werden wir erzählen, wenn wir vom öffentlichen Echo seiner Werke sprechen. Karl August Klein, im Jahre 1867 m Darmstadt geboren, hatte George in den Wandelgängen der Universität Berlin kennengelernt und sich dem Gleichaltrigen mit leidenschaftlicher Hingabe angeschlossen. Dieser seltsame Mensch war von der Natur mit einem starken männlichen Trieb und einer zarten fast überfeinen Seele bedacht worden, ein ungezähmtes Blut leuchtete in all seinen Regungen durch, das ihn nie zu einem ruhigen Gleichmaß seiner Kräfte kommen ließ. Ein Dämon im Guten wie im Bösen war er stets zum Äußersten geneigt, und der am Tage mit der betonten Absicht, die ruhigen Bürger zu entrüsten, in snobistischer Kleidung gepudert und geschminkt durch die Straßen der Hauptstadt ging, ritt auch in jäher Wallung auf ungesatteltem Pferde nackt in die nächtliche Landschaft hinaus. Er war unbekümmert um seine äußere Lage und leicht zu betrügen in allen Dingen des eigenen Vorteils, aber sachlich und von diplomatischer Klugheit in allen Angelegenheiten von geistigem Belang. Bei einem hohen Feingefühl und sorgfältiger Begründung seiner Urteile verraten doch seine Briefe eine geheime Selbstqual, einen Mangel an Vertrauen in sein eigenes Können und Urteilen. Dieses schwankend ungestüme und heftige Gemüt spürte in George zuerst die feste Hand, deren Führung er sich mit rückhaltloser Ergebenheit vertrauen konnte. Als dann sein ahnender mehr als wissender Geist in den Gedichten des Freundes ein neues höheres Leben spürte, wandelte sich trotz ihrer beider Jugend diese Ergebenheit in Ehrfurcht um: eine kurze Strophe aus dieser Zeit, die er nach der Lesung eines Georgeschen Gedichtes niederschrieb, drückt tiefe Erschütterung und unbedingten Glauben an den „königlichen Dichter" aus. Ihm geschah zum ersten Male, was von nun an allen geschah, die mit dem Dichter in Berührung kamen: sein Bestes und Edelstes wurde durch die Berührung ausgelöst und blieb als sein Bild, vom Dichter selbst durch Dank- und Preislied bestätigt und geformt, im Lichtkreis des neuen Lebens stehen. Welches auch die dunklen Laufte seines Daseins sein mochten, er bleibt „des ersten stürmejahrs gesell", er bleibt der Folger, der ohne nach eigenem Teil und Heil zu fragen, das ihm Gewiesene ganz und willig tat, der als er weniger tauglich schien und allzu schwere Last auf seine Schultern nahm, wortlos beiseite trat und noch die Selbstverbannung als gerechtes Urteil ehrte, er 28 bleibt das Bild der stummen Treue, die nicht Lohn noch Liebe fordert und unverrückten Glaubens ins Dunkel geht. Solang er dienen konnte, diente er dem Freunde mit ganzer Kraft und gab George bei seinem Handeln in die Umwelt die Möglichkeit, solang es ihm nötig schien im Hintergrund zu bleiben und nur in wichtigen Fällen einzugreifen. Sichere Verschwiegenheit, freudige Unterordnung und unbedingte Zuverlässigkeit zeichneten ihn in diesem Amte aus und da er mit den literarischen Gruppen der Hauptstadt schon bekannt geworden war, konnte er von ihrem Treiben um die Erforschung der Wahrheit und Natürlichkeit berichten. Er sandte dem Freunde noch zuweilen in der Nacht eine kurze Schilderung über das Tun und Gebaren dieser Leute und illustrierte mit grimmigem Hohn ihre Artung durch gleichläufige Stellen aus den vorgetragenen Werken der „Friedrichshagener" oder anderer „Verbrecherkeller". Zwischen der neuen Dichtung und jeder Art von Literatur dieser Jahre Jag eine unüberbrückbare Kluft. Um einen Ort und Mittelpunkt zu schaffen, der unberührt von dem öffentlichen Treiben war, beschloß George schon im März des Jahres 1890 die Begründung einer Zeitschrift, deren äußere Leitung Karl August übernehmen sollte. Doch war der Plan zur Ausführung noch nicht reif: zum Dichter mußten erst die gleichgesinnten Dichter treten. Wo aber waren sie in Deutschland, in dem kein Hauch der Sinnesart zu leben schien, die George forderte? Nur das tiefe Vertrauen seines Genius in die eigne Kraft und die Erlebnisse in Frankreich konnten ihn hoffen lassen, daß in einer tieferen Schicht des europäischen Gesamtlebens schon eine geistige Strömung gegen die Verödung, Erniedrigung oder Verwissenschaftlichung der Dichtung lebendig sei, deren Verkünder in Deutschland er selbst sein müsse. In dieser Hoffnung bestärkte ihn eine Reise, die er im Hochsommer nach Kopenhagen machte. Er wurde dort mit dem Dänen Stanislaus Rosznecki bekannt und hörte von ihm zum ersten Male von einer jungen idealistischen Richtung des Schrifttums in den skandinavischen Reichen, wie sie etwa der Däne Jacobsen und dessen schwächerer Nachfahr Johannes Jörgensen fördere. Dann lockte Frankreich von neuem: der Herbst führte ihn wieder nach Paris und erst als er im Winter nach Berlin zurückkehrte, ließ er die nun vollendeten HYMNEN in einer kleinen für seine Freunde bestimmten Auflage herstellen, ein schmales dünnes Heft, das sich auch in Druck und Ausstattung von allen Schriftwerken des öffentlichen Marktes unterschied. Es erschien im Dezember des Jahres 1890 in Berlin. Als Karl August das erste Heft in der Hand hielt, sagte er halb scherzhaft: „Dies wird einmal so epochal wie das \ Büchlein von der teutschen Poeterey." 29 4 . KAPITEL: NEUE WERKE UND GEFÄHRTEN ALS seine mexikanischen Freunde gegen Weihnachten des Jahres 1890 in ihre Heimat zurückkehrten übergab George ihnen zu ihrer großen Verwunderung beim Abschied in Bremen den ersten Druck seiner Gedichte und schloß damit das Schicksal dieser Freundschaft ab. Dann fuhr er für einige Wochen nach München, das ihn schon beim ersten Sehen erfreute und fesselte und wandte sich von dort im beginnenden Frühling nach Verona und Venedig, wo er die ersten wirklichen Eindrücke italienischen Wesens und Lebens empfing, wie sie die „Gesichte" in den PILGERFAHRTEN bewahren. Auch gab er sich in der Stadt der glühendsten Farben ganz dem bestrickenden Zauber der großen Maler hin, die hier heimatlicher und irdischer erschienen als in den Galerien von London und Paris, Berlin und München, die er schon kannte. Von Venedig fuhr er nach Wien, verbrachte die Spätsommermonate wieder in England und Frankreich und kehrte nach einem zweiten Besuche Münchens im Herbst nach Wien zurück: so im mitteleuropäischen Bildungskreis von Nord nach Süd, von West nach Ost rastlos reisend schauend und suchend. Auf einer dieser Fahrten besuchte er die Königsschlösser Ludwigs IL, zu dem ihn eine dunkle Neigung hinzog seit er am 13. Juni 1886 im Theater zu Mannheim während eines Zwischenaktes die Nachricht seines tragischen Todes unter der erschütterten Menge der Besucher miterlebte. Den größten Teil des Jahres verbrachte er in Wien, wo er die Universität nur wenig besuchte, aber in der reichen Bibliothek sich der ganzen Dichtung der Romantik bemächtigte und in ihr schon manches Gut der neuen englischen und französischen Dichterschulen vorgebildet fand. Die Wanderungen durch Stadt und Umgebung förderten diesen Hang zur romantischen Zeit. Wien hatte nichts von der starken hastigen Triebkraft der Großstädte des Nordens und Westens. Das Leben der Kaiserstadt war ruhig fast bis zur Lässigkeit, aber eine heitere Anmut machte es einschmeichelnd und überdeckte den Mangel an tätigen Kräften. Musik, Theater und Tagesschreiberei hatten überwiegend den Anteil aller Schichten der Gesellschaft und verhüllten die Gefahren eines überalterten von bösen Spannungen drinnen und draußen bedrohten Staates. Hof und Bürgertum fühlten sich noch getragen von einer altgeheiligten Sitte, der Name der schon so lange herrschenden Habsburger, das Bild der Stadt mit der Fülle seiner Bauten und Denkmäler aus frommen und heldischen Zeiten und eine ununterbrochene Überlieferung guter Lebensformen verknüpfte Wien wie keinen Ort sonst noch mit dem Glanz des mittelalterlichen Kaisertums und der Pracht der katholischen Kirche. Dazu war es die südlichste Hauptstadt des Deutschtums, einst das unerschütterliche 30 Bollwerk gegen die Kriegerscharen des Ostens, jetzt noch die Verkehrsund Handelsbrücke zum Orient und das Gemisch der Völker und Sprachen m seinen Straßen gab ihm etwas von der Buntheit jener morgenländischen Fremde, die den Dichter in Venedig schon berührt hatte. Es war die Stadt der leichtesten und farbigsten Geselligkeit, aber George verlebte in ihr fast sein einsamstes Jahr. Die PILGERFAHRTEN, die dort entstanden, sind das am meisten romantisch anmutende Werk des Dichters und lassen deutlich die Luft des Ortes spüren, aber sie verraten noch mehr die Schritte des Einsamen inmitten der bewegten Menge der heiteren Stadt. Der Weg der PILGERFAHRTEN liegt in der Richtung des Durchbruches der HYMNEN: Die Suche nach der „Herrin" in der Doppelbedeutung von geistiger Begnadung und sinnlicher Wunscherfüllung, welche die Jünglingsjahre kennzeichnet, ist Sinn und Ziel der Wanderung. Die Schritte und Halte, Kämpfe u nd Opfer auf diesem Wege spiegeln die Gedichte wider und das Ringen zwischen dem leidenschaftlichen Blut und dem Bewußtsein der höheren Berufung ist ihr am häufigsten wiederholtes Thema. Denn die triebhaften Erlebnisse und Erfahrungen fanden in dieser Seele schon ein Maß vor, an dem ihr natürliches Recht gemessen wurde: nicht ihr eigenwilliger Aufruhr sondern ihr Dienst in der dichterischen Gestaltung bestimmte ihren flatz und der Geist Georges kam gerade in dieser Spannung von Menschenglück und Dichterleid zu sich selbst, erfuhr an ihr sein Verhältnis zur Welt. Noch steht er in den PILGERFAHRTEN unsicher tastend vor dem eingeborenen Geschick: nur das höchste Schöne wählen und dennoch kein Irdisch-Triebhaftes verwerfen zu dürfen, und die Waage schlägt nach beiden Seiten fast zu Verzichten und Verzweiflungen aus. Aber das Maß wird gehalten, über Rausch und Taumel siegt die gelassene Kraft der Bändigung, über das Leid das Lied. In der Glut dieses Ringens ist der Reichtum an innerer und äußerer Welt gegenüber den HYMNEN schnell gewachsen: wir erkennen in den Gedichten die tiefen Eindrücke der spanischen Reise und den üppigen Reiz Venedigs wieder, aber auch „Verjährte Fahrten" der frommen Kindheit tauchen auf und noch tiefer hinab in vorzeitliche Schichten, in längst versunkene Geschehnisse eines ortlosen Ehmals sinkt die Seele des Dichters und zeigt uns, daß ihr innerer Zeitenraum viel weiter und umfassender ist als der durchfahrene Mitteleuropas. Aber in keiner Weite und Tiefe verliert sie sich an ein rein Naturhaftes, noch wird sie überwältigt von einer außermenschlichen Macht. Alles verdichtet sich im Menschen als menschliches Bild, selbst wo der Geist des Dichters in urzeitliche Vorgänge hinabtaucht wie in den Gedichten „Mühle laß die Arme still", „Daß er auf fernem Felsenpfade" und „Wir jagen über weiße Steppen", sind noch die unpersön- 3i liehen Gewalten der Erdentiefe in menschliche Gestaltung hinaufgerissen. Das weiteste Schweifen und Irren dieser Pilgerseele erscheint im Gedicht sicher umgrenzt und schön. So wird die zarteste Regung, die sie durchzittert, wie der heftige Sturm, dem sie sich überläßt, doch immer Sinnbild der festen Zucht, die sie im Werk gewonnen hat. In den HYMNEN und den PILGERFAHRTEN ist dieses Ringen noch von einer spröden Unmittelbarkeit wie später niemals mehr: Jeder Schritt des dichterischen Erlebens, sein Beginnen und Gelingen, Verzagen und Erhoffen, sein Opfern und Entsagen, ist zugleich der zutreffende Ausdruck der Erschütterungen des Herzens. Die sprachlichen Erwerbungen sind spürbar an Tag und Stunde der aufbrechenden Gefühle geknüpft und selbst die zeitliche Folge der Gedichte, wie sie im Verlauf des Jahres entstanden, ist zugleich die Form des Aufbaues dieser Frühwerke. In den HYMNEN ist es mehr ein erster stürmischer Siegeslauf durch das Jahr, in den PILGERFAHRTEN mehr ein Drängen und Suchen über das zeitliche Jahr hinaus in ein geistig bestimmtes: schon ein Pochen an verschlossenen Pforten, ein Sichstoßen an fremden Grenzen, schon eine Ahnung von den Widerständen des äußeren Schicksalsraumes. Die Sprache ist in den PILGERFAHRTEN noch so rauschend wie in den HYMNEN, aber es gibt schmiegsamere Maße und solche von erregender Unruhe im Wechsel von ausladender Länge und kurzhemmendem Rückstoß, die Pracht und Glut der Farben sind noch dieselben aber die Palette ist vielfältiger geworden, Töne von einer entrückten Stille und Bilder von scheuer Süßigkeit und kindlicher Zartheit stehen zwischen solchen von düstrer Urkraft und geschmiedeter Kühle. Über solchen Schöpfungen verging das Wiener Jahr und es schien als ob George so einsam wie er gekommen war die gesellige Stadt verlassen sollte. Nur das Warten auf die nach Lüttich zum Druck gesandten PILGERFAHRTEN hielt ihn noch, als er kurz vor dem Aufbruch im November Hugo von Hofmannsthal kennenlernte und nach langen kargen Monaten für einige Wochen von der stürmischen Hoffnung gewiegt wurde, ein höchster Wunsch könnte sich erfüllen, der Dichter den Dichter zum Freund gewinnen. Der fast siebzehnjährige Hofmannsthal — er war zu Wien am i. Februar 1874 geboren — war damals schon in den literarischen Zirkeln Wiens eine bekannte Figur, hatte unter dem angenommenen NamenLoris Gedichte und Aufsätze in Zeitungen und Zeitschriften und eben jüngst das Dramolet „Gestern" veröffentlicht, das die Anhänger der alten wie der neuen Dichtungsart belobten und als eine Hoffnung der Künstlerschaft begrüßten. „Cherubin", so wird er damals geschildert, — „Gontram oder Guy aber ins Theresianische übersetzt — und Kainz, so etwa lassen sich die Elemente der ersten Empfindung sagen. Das Profil des Dante, nur ein bißchen besänftigt 32 und verwischt, in weicheren geschmeidigeren Zügen, wie Watteau oder Fragonard es gemalt hätte, aber die Nase unter der kurzen schmalen, von glatten Ponnys überfranzten Stirne, wie aus Marmor, so hart und entschieden, mit starken starren unbeweglichen Flügeln. Braune lustige zutrauliche Mädchenaugen, in denen was Sinnendes, Hoffendes, Fragendes mit einer naiven Koketterie, welche die schiefen Blicke von der Seite liebt, vermischt ist; kurze dicke ungestaltete Lippen, hämisch und grausam, die untere umgestülpt und niederhängend, daß man in das Fleisch der Zähne sieht. Ein feiner schlanker pagenhafter Leib von turnerischer Anmut, biegsam wie eine Gerte, und gern in runden Linien ein wenig geneigt, mit den fallenden Schultern der raffinierten Kulturen, von ungeduldiger Nervosität, aber die nicht wie jene des Kainz, an die man immer wieder denken muß, aus den Fingern sprüht, sondern in den hastigen Beinen ist, die immer zappeln. Aber vor allem in jeder Geste, jedem Ton, der ganzen Haltung was unsäglich Liebes: das gewisse österreichische ,lieb', das sich wie ein ewiger Mai in den linden lauen Akzent des Wieners und seinen Walzern wiegt." (Bahr, Freie Bühne, Januar 1892.) Dieser offenbare Spätling und frühreife Mischling aus katholischen und jüdischen Familien der Kaiserstadt hatte durch manche Bekanntschaft mit Menschen und Werken schon ein bestimmtes Urttil über das nördlichere Bruderland, ihm schien unmöglich in Reichsdeutschland wachsen zu können was man in Jung-Wien von einer neuen Kunst erwartete und ersehnte. Er erkannte beim zufälligen Zusammentreffen mit George in einem Kaffeehaus sogleich mit Bestimmtheit die geistige Art dieses herben Deutschen und schon das erste Gespräch gab ihm die Gewißheit, daß sie beide ein Gleiches suchten. Dennoch ging er mit Zagen und der Befürchtung, eine neue Enttäuschung zu erleben, an die Lesung der HYMNEN, welche George ihm schenkte. Aber die Angst, es könnte abermals das Falsche sein, schlug nach der Lesung in Jubel und Begeisterung um, als er erkannte, daß hier die echte Dichtung sei, ja daß ein Ungeahntes aus diesen Strophen dringe, dessen flammender Wind in ihm selbst wie eine Erweckung wirkte, die stummen Saiten seiner Seele erzittern und ihre heimlichen Klänge erst ertönen ließ, wie ein Widmungsgedicht aus diesen Tagen bekannte. Eine kurze stürmische Gemeinschaft flammte auf. Die Gedichte Hofmannsthals aus dieser Zeit zeigen deutlich die Merkmale der Befruchtung durch den stärkeren Geist Georges, sie sind von dem eben erschienenen „Gestern", das sich kaum über die Epigonenschule erhob, durch den Einstrom eines rauschhaften Schwingens unverkennbar unterschieden. Für Hofmannsthal bedeutete das Zusammentreffen mit George den 3 33 Durchbruch seiner besten Kraft, für diesen die Erscheinung Hofmamis- thals das früheste Ereignis seiner Fahrt: Die Findung des ersten dichterischen Menschen deutscher Zunge, eines Jünglings voll Feuer und Anmut und scheinbar vom gleichen glühenden Trieb wie er beseelt. Er schloß sich ohne Rückhalt, mit seiner männlichharten besitzergreifenden Leidenschaftlichkeit ihm an und glaubte einen Augenblick seinen höchsten Traum der Freundschaft verwirklicht zu sehen. Doch mußte er bald erfahren, was er um vieles später erst begreifen lernte: daß es Menschen gäbe, für welche das klare Wissen um das Höchste und Nötigste nicht auch die Norm ihres Handelns sei, daß man in Wien mit großem Ernste von Dingen sprechen und sie mit ebenso großem Leichtsinn bald darauf verleugnen, verlieren und verraten könne. Er erkannte die Vereinbarkeit solcher Widersprüche erst viele Jahre später — damals vertraute er der offenen Begeisterung Hofmannsthals und glaubte jeden Bund des Vertrauens mit ihm schließen zu können. Als Hofmannsthal sich diesem Glauben sogleich versagte, sei es aus Furcht vor der geistigen Übergewalt des neuen Freundes, sei es aus Angst von dem schon beschrittenen eigenen Wege abgedrängt zu werden, als er sich ohne verdeutlichende Erklärung geschickt dem liebenden Zugriff des Freundes entzog und dann brüsk die Freundschaft zerriß, bereitete dies George die erste furchtbare Enttäuschung, das erste Verzweifeln vor einer ihm unerklärlichen menschlichen Haltung. Er empfand wie ein Kind noch als selbstverständlich die Einheit von Denken und Tun, von Wissen und Wollen und stand ratlos gequält vor einem Zwiespalt, der dem Wiener gerade seine Lebensmöglichkeit bedeutete: der Gesunde Starke stand wie verkauft vor der ausweichenden Schwäche des Scheingesunden, der um seinen inneren Bruch wußte und sich sogleich mit dem sicheren Gefühl des Bedrohten der starken Gewalt entzog, die ihm in George entgegentrat. Ein Brief Georges an Hofmannsthal aus dem folgenden Jahre verrät noch deutlich den Groll Georges gegen die leichte Art des Wieners den Bruch zu verwischen: „Wir beide", so schrieb er, „sollen uns doch nichts vormachen. Durch unsere letzte Unterredung in Wien wurde nur einer Form genügt, nichts aufgehoben und neugetan. Das empfanden Sie ja auch so und richteten sich danach oder haben Sie mir je geschrieben? Ich tat alles um mich und meine Handlungsweise aufzuklären. Wenn wir mißtrauisch und uns anschielend durchs Leben gehen, so ist das Ihr Wille." Äußerlich war der Zwist in jener Unterredung geschlichtet worden, aber der innerste Grund der Freundschaft war für immer zerbrochen. George verließ nach dem Erscheinen der PILGERFAHRTEN Wien und erst als er nach einem Aufenthalt in Paris und München im Mai des folgenden Jahres noch einmal in die Kaiserstadt zurückkehrte, schloß er mit Hof- 34 mannsthal eine neue Form der Bekanntschaft auf der Grundlage gegenseitiger Achtung und gewann ihn für seinen Plan, eine Zeitschrift für die neue Dichtung zu begründen. Die persönliche Ferne blieb und erst nach zehn Jahren gemeinsamen Wirkens sollten die beiden sich wiedersehen. Ende Mai 1892 war George nach Lüttich gereist, wohin ihn der Brief des jungen Belgiers Gerardy zog, der die HYMNEN und PILGERFAHRTEN bei Albert Mockel gelesen hatte. Paul Gerardy war um 1870 unweit Malmedy auf deutschem Boden geboren und hatte dort bis zu seinem zwölften Jahre gelebt. Dann hatte ein Verwandter ihn nach Lüttich gerufen und ganz französisch erzogen. Denn Lüttich, von dem ehemals die ganze christliche Kultur des Niederrheins ausgegangen war, war in den letzten Jahrhunderten als nördlichste Stadt von der Welle des französischen Sprachgeistes überflutet worden und stand damals in einem regen und innigen Verkehr mit Paris. Mockel selbst, der das Wort „La Wallonie" als Bezeichnung für eine geistige Gruppe aufgebracht hat, ließ seine Zeitschrift gleichen Namens in Lüttich drucken. Mehrere der Pariser Symbolisten waren seine Mitarbeiter und verknüpften so den wallonischen Bereich noch fester mit Frankreich. Dennoch konnte Lüttich nicht ganz die Nähe des deutschen und flämischen Sprachgebietes verleugnen, obwohl das Flämische nur in den armen Unterschichten der zugewanderten Bergarbeiter gesprochen wurde. Von Geburt Deutscher, durch Bildung Wallone, der deutschen wie der französischen Sprache völlig mächtig trug Gerardy das Wesen zweier Völker in sich. Er verband auf der Grenze der Länder die reife Geistigkeit Galliens mit den lebendigen Elementen des germanischen Katholizismus, hatte von dort eine feste Kunsterkenntnis gewonnen und aus der Heimat, diesem Winkel alten Römertums, ein tiefes religiöses Spüren um das Heidnische und Christliche mit sich gebracht. Er wollte gern ein Heide heißen und seine späteren „Wahlsprüche" sind wahre antike Pansgesänge, aber das Christlich-Romanische herrschte in ihm vor und seine Liebe galt der mittelalterlichen Legende. Er war darum wie die meisten romanischen Schriftsteller der Politik des Tages nicht abgewandt und schrieb als junger Mensch eine Satire auf Leopold von Belgien „Les carnets du Roi" und eine schlimmere auf Wilhelm II. „Le grand roi Patakake", die in Deutschland verboten, aber von einem Wiener Verlag in einer Übersetzung veröffentlicht wurde. Sonst war er freilich in den Geschäften der Welt so wenig erfahren wie die Maler des lateinischen Viertels, nach deren Vorbild er sich ein wenig lässig trug: mit einem braunen Samtjackett und einem kleinen runden Hut auf den braunen Haaren. Um so geschulter war er in geistigen Dingen, eine große Klugheit leuchtete von der ungewöhnlich hohen Stirn, eine germanische Schwermut aus den dunklen weitgeöffneten Augen und beides vereinte der schmerzlich 35 umfurchte aber stets zu Witz und Scherz bereite Mund. Frühere Pariser Freunde nannten Gerardy „un homme haineux" und in der Tat haben manche seiner Gedichte harte selbst böse Züge. Seine Verse sind von breiter derber Machart, so charakterisiert sie einmal Verwey: „Sie erscheinen mehr auf sich gestellte Werkstücke als daß sie mir ein Bild der Persönlichkeit geben. Sie lassen mich an alte flämische Holzbilder denken mit großen ausdrucksvollen Zügen ohne Abtönung. Es ist als ob in Sorge vor dem Stoff der Widerstand leistet, der Künstler leidenschaftlich sein Auge auf das Wesen seiner Vorstellung hefte und dann fest und schnell die Hauptlinien davon ins Holz kerbte." Doch betrifft das nur die eine Seite seines Wesens, in anderen Gedichten ist er von einer fast blumigen Zartheit des Fühlens und vor allem von einer schmiegsamen Einfühlung in späte Menschen- und Völkerschicksale: nur ein Dichter, der durch die französische fin-de-siecle-Stimmung gegangen war, konnte die Endzeit eines Volkes mit solcher Plastik wiedergeben, wie er im Gedicht „Byzanz" getan hat. Gerardy hatte eben seine erste Gedichtsammlung „Les chansons naives" vollendet, als er George kennenlernte. Sein erstes Widmungsgedicht (Blätter II, 2) an diesen gibt uns Kunde von der reinen Höhe ihrer ersten Freundschaft: Auf deiner erhobenen theorbe singen die Sterne Von Goethe von Platen und dem dichtergeblüt Dess klare hoheit entzündete die Sterne Das freudige gold das germanische himmel besprüht. Du Herrlicher singst allein noch die sänge der götter Aus niederer menge die das schweigen entweiht — Du wandelst hehr und die ganze freude der götter Aus deinem mund sich in strahlenden takten befreit. O sänger der mir meine lange torheit verdachte Von dem ich ferne mein leidendes leben verbrachte Ich widme dir meine brüderlichen träume Damit für euch ihr bewohner im heiligen lichte Aus azur und reinem glänze sich errichte Das stolze schloß meiner brüderlichen träume. Es ist neben den kurzen Widmungsversen Kleins und Hofmannsthals das erste veröffentlichte Bekenntnisgedicht an George, das erste von einer anschwellenden Reihe, in denen sich Glut und Verehrung bis heute nicht gemindert haben. Wenn Gerardy später, wie ein zweites Widmungsgedicht (Blätter III, 4) es ausdrückte, in der Liedkraft erlahmt und fürchtete, daß ihm „Mut zum Schaffen und zum Fluge" fehle, so geschah auch dies mit solcher ernsten Trauer im Blick auf den, der ihm den hehren Schwung gelehrt, der in einsamem Stolze und mit Verachtung des niedrigen Heute 36 auf neuer Bahn, wie nur die Größten sie kannten, in die Zukunft wandre, und Gerardy drückte auch dieses brennende Weh, den Freund nicht mehr kräftig genug begleiten zu können, mit solchem Adel aus, daß wir begreifen, wie viel schöner und edler selbst das Versagen nach begeistertem Einsatz ist als kluge Vorsicht und weises Sich-Schonen. Es war wichtig, daß Männer von solcher Hingabefähigkeit wie Gerardy in den Bannkreis Georges traten und selbst wenn sie später wieder in eine dünnere Lebensluft zurücksanken, doch in ihren Jugendjahren zu einem menschlichen Aufschwung hingerissen wurden, der sie eine Weile über ihre Natur erhob. In Gerardy gewann George einen neuen Freund und den dritten Dichter für die geplante Zeitschrift, er verbrachte damals einige Wochen mit ihm und begab sich dann nach Paris, wo er sein drittes Werk, den ALGABAL vollendete. Auf die feierliche Entrücktheit der HYMNEN die sprühende Bildlichkeit der PILGERFAHRTEN folgte die leidenschaftliche Erhabenheit des ALGABAL, auf den Einbruch und das Ringen um den neuen Sprachraum seine triumphierende Eroberung. Sollte nach der im Schrifttum bisher nur von Hölderlin vertretenen Ansicht das „lyrische" Gedicht alle Sphären bis zum Tragischen ausdrücken können, so mußte eine Dichtart entstehen, in der das unmittelbare Erlebnis der Seele, ihr Sinnlich-Stoffliches wie Geistig- Besonderes, ganz zurücktrat, in der die Person des Dichters ganz in den Geschöpfen seiner Schöpfung aufging, der Zeigende nur in seinem Zeichen erschien. Im ALGABAL erscheint der Dichter nur mehr im überpersönlichen Gleichnis seiner selbst, in einer sinnbildlichen Gestalt, die vom Erlebnis nicht einmal mehr „mit der zarten Scheue des Akzidentellen", sondern „in großen und stolzen, festen Tönen und mit entscheidender Verleugnung des Akzidentellen" redet. Mit dieser Möglichkeit sich selbst als geistig-sinnliche Gestalt zu schaffen, mit seinem Tun und Leiden in den ihr zugehörigen Luft- und Weltraum einzugehen, hatte George erst die volle Gewalt über die Sprache gewonnen. Wenn er in den HYMNEN ihr Erwählter in den PILGERFAHRTEN ihr Geliebter wurde, so war er jetzt ihr Herr geworden, der schrankenlos über die Wunder ihrer Liebe verfügte. Schon das Gesetz des Aufbaues zeigt die neue Herrschaft der Gestaltungen: ALGABAL ist nicht mehr nach der Entstehungsfolge im Lauf des Jahres geordnet, an die Stelle der Wachstumsfolge ist die geistig geschichtete Ordnung getreten. Das Gesetz einer festen plastisch ruhenden Fügung der Bilder, das die ersten neuen Gedichte einzeln beherrschte, hat nun den ganzen Gedichtkreis ergriffen, er ist als dreiteilige Fuge aufgebaut: „Unterreich", „Tage" und „Andenken", deren ineinandergreifende Themen erst das ganze Bild erzeugen. Das rhythmische Gefüge und die Gestalt, die es ausdrückt, sind im Wesen eins: hier erscheint der selbstherrliche in sich 37 , X vollendete Mensch zum ersten Male als Wunschtraum einer deutschen Seele. In dem frei über sich und Menschen und Dinge verfügenden Priesterkönig, im Erben der größten Macht mit der größten Aufgabe seiner herrscherlichen Selbstformung, im einsamen allmächtigen Fürsten, dem Wille und Schicksal, Weisheit und Rausch, heldische Tat und vermessener Traum sich widerspruchslos vereinen, fand George über den Sänger und Pilger hinaus den Bildträger für die ganze Fülle seiner leidenschaftlichen Dränge und geistigen Gesichte. Ob das geschichtliche Bild des spätrömischen Kaisers Heliogabalos dem so geschaffenen Sinnbild des Dichters mehr oder weniger oder gar nicht entspricht, ist nicht von Belang. Wie damals in Rom war auch im sinkenden 19. Jahrhundert wieder Endzeit, verzweifelte Weise schrien es von den Bergen, höhnende Umstürzler verkündeten es im niederen Volke und nur die es anging, die bürgerliche Gesellschaft vom Kaufmann bis zum Fürsten, vom Tagesschreiber bis zum Gelehrten, türmte den Wahnbau des Fortschritts weiter und verzerrte Mensch und Erde bis zu nie gesehener Scheußlichkeit. Alles schien damals den Begehrenden möglich, es gab nichts Unerreichbares, Unerkennbares mehr: alle Zonen des Raumes vermischten ihre Gewächse und Güter, alle Stoffe wurden für Forschung und Betrieb nutzbar und anwendbar, alle Zonen der Zeiten öffneten sich den Neugierblicken, alle Sitten wurden vertauschbar, alle Genüsse erreichbar für Seele und Sinne. Die erlesenen Köpfe von Paris bis Moskau hatten schon das ganze 19. Jahrhundert hindurch auf den tiefen Niedergang des europäischen Geisteslebens hingewiesen, die empfindlichen Geister spürten den Endhauch einer Weltzeit um sich wehen und die Fin-de-siecle-Stimmung, wie sie in Kunst und Literatur von Frankreich ausging, war nur der feinste Anzeiger dieser Seelenlage. Sie äußerte sich in der Dichtung nach zwei entgegengesetzten Richtungen hin: einmal als Zerbrechen veralteter, ja Verachtung aller strengen Formen überhaupt und Neigung zum Rohstofflichen der Sachen Zustände und Gefühle, das andre Mal als äußerste Verfeinerung ja Übersteigerung der Formen und Hinneigung zum Seltnen, Erlesenen, Verfeinerten, ja auch Giftigen und Verruchten, Richtungen jeder Endzeit, die den Verlust der bindenden Lebensmitte anzeigen. Sie unterscheiden sich nur darin, daß bei letzter Übersteigerung die erste zur pöbelhaften Auflösung, die zweite zur byzantinischen Erstarrung der Gesellschaft führt, daß jene in der Zertrümmerung aller Gebilde und der Entladung aller gemeinen Triebe, diese in der höchsten Zuspitzung der Gesetzlichkeiten, in der erlesensten Auswahl der Stoffe und der äußersten Verfeinerung der Künste ihre Erfüllung sucht. In Deutschland hatte um 1890 in der Dichtung eben jene rohe Zerlösung begonnen, in den Weststaaten Europas war dagegen die höchste Durchbil- 38 düng der dichterischen Formen im Sinne der Erlesenheit der Stoffe wie der Mittel herrschend, in Frankreich besonders im Anschluß an die frühen jetzt erst zur vollen Wirkung gelangenden Dichtungen Baudelaires. Auch George wurde im Kreis seiner Pariser Freunde tief von der Sprachgewalt dieses Dichters ergriffen. Er hatte im Verlauf des vorhergehenden Jahres eine große Anzahl seiner Gedichte ins Deutsche übertragen und in einer handschriftlichen Vervielfältigung für seine Freunde veröffentlicht. Während ihm der ganze europäische Naturalismus, wie jene erste Richtung in Kunst und Leben genannt worden ist, in seiner offenbaren Niedrigkeit und Unfähigkeit künstlerische Gebilde hervorzubringen, verächtlich war, fand er in Baudelaire und seinen Folgern eine solche Höhe der sprachlichen Formung, eine solche Sauberkeit und Strenge der Versbearbeitung, einen solchen Ernst in der Behandlung künstlerischer Fragen und Aufgaben, daß er sich mit der ganzen Lust des Werkbegierigen dieser Welt der „Künstlichen Paradiese" und „Blumen des Bösen" hingab. Indem er so das Endzeitliche in höchster Verfeinerung als künstlerisches Formgebilde aufnahm, wurde ihm freilich zugleich die späte Reizwelt in all ihren Erlesenheiten und Verderbtheiten als Erbe zugebracht. Es war eine damals noch stumme Frage unseres Schicksals an seine Kraft, ob er wie die bedeutenden Geister des Westens darin verhaftet bleiben oder auch ihrer Herr würde. Einmal mußte seine Seele, da die Kunst in ihrer lebendigen Zeitform nur diese Einheit von Schönheit und Späte hatte, alle Möglichkeiten dieser Reize nicht im sinnlichen Genuß sondern in der geistigen Werkschöpfung erfahren, mußte sie auskosten, um sie hinter sich zu lassen, mußte die Süchte bis zur letzten Übersteigerung ins Dichterische bannen, damit keine Nötigung für einkommendes Geschlecht bliebe, sich an diesen Gefahren der Spätzeiten zu versuchen. Wir wissen es heute, daß nach dem ALGABAL ein Mehr auf diesem Felde nicht mehr möglich war, die Seele des Dichters und mit ihr die unsre hatte sich satt getrunken an den berauschenden Giften und ist ihnen nicht erlegen. Denn nicht aus den Reizbegierden ging seine Dichtung hervor, sondern aus dem tiefen Bedürfen der Seele, ihr menschliches Traumbild in solcher Schönheit, Höhe und Unantastbarkeit hinzustellen, daß zwischen ihm und dem Menschenbild der Zeit, daß zwischen dem einen und der Menge ein Gleichgewicht der Kräfte geschaffen würde: „Ich bin als einer so wie sie als viele." Die Aufreißung der tiefsten Kluft zwischen dieser Seele und der europäischen Menschheit, ihre größte Vereinsamung und ihre größte Entfernung von dieser bot allein die Gewähr eines Sieges über sie in der Zeit der Gleichheit und Einebnung aller Stufen unter Menschen und Völkern. 39 Der Baudelairesche Rat: „Enivrez-vous!" bot George keine Hilfe auf diesem Weg: Die geistigen Räusche, und mochten sie eine noch so hohe Stufe des Künstlerischen erreichen, waren wie die leiblichen nur ein Ausweg aus dem Gemeinen, eine Flucht vor dem Rohen und Vielen, ein Widerspruch gegen das Banale, es war ein Scheinheilmittel, das durch seine Art der Endzeit selber angehörte, es war vor dem grausamen Antlitz des verzerrten Lebens Betäubung in schönem Vergessen und also Verzicht auf Bezwingung und Verwandlung der Wirklichkeit. Daher hat auch die Dichtung ALGABAL nichts von dem unverkennbaren Pariser Parfüm der Baudelaire- Gedichte, nichts von dem besonderen Zeitduft des französischen Verfalls, sie faßt die Endzeit in ihren einfachen menschlichen Grundspannungen und wenn etwas von spätrömischer Luft sie durchweht so deshalb weil der Dichter eine endende Kultur nur dort versinnbildlichen kann, wo sie in großen Figuren nicht wie heute im Massenelend oder Massenaufstieg erscheint. Es gab damals in Europa keinen Adel, kein Herrschertum mehr als in den wenigen, welche es mit fast übermenschlicher Kraft gegen die verpöbelnde Welt, ja gegen ihr eignes alterndes Blut noch in Haltung und Anspruch vertraten, wie etwa Ludwig IL von Bayern und Elisabeth von Österreich. Sie hielten das Bild des entschwindenden fürstlichen Menschen auf dem Throne für ihre Person noch aufrecht, das schon zum Untergang bestimmte Erbkönigtum christlicher Zeit fand in ihnen noch die letzte Verkörperung einer stolzen Hoheit und Unnahbarkeit. Ludwig IL suchte in seinen einsamen Schloßbauten — fast so einsam und zeitfremd wie im Unterreich des ALGABAL — vergeblich noch den letzten freien Prunkraum, das Palatium Majestatis zu schaffen, um überhaupt leben zu können. Für solche Naturen, die in einer schon ganz gewandelten Welt, das letzte Erbe noch einsam, schön aber widerhallos behaupteten, war Wahnsinn oder Dolchstoß das letzte Geschick. Aber ihr Schimmer blieb dennoch unverloren: Die erlöschenden Gestirne stürzen in die aufgehenden und ohne die Spätkaiser der Antike wären schwerlich die Funken von Rom und Byzanz in die Franken gefahren und hätten die Glut unserer Kaisergeschlechter entzündet. So steht heute vor der Dichtung ALGABAL die Aufschrift: Dem Gedächtnis Ludwigs II. Als meine jugend mein leben hob in solch ein licht Kam sie erstaunend deinem nah und liebte dich. Nun ruft ein heil dir übers grab hinaus Algabal Dein jüngrer bruder, o verhöhnter dulderkönig. Der Erneuerer des Bildes herrscherlichen Menschentums wurde zugleich der Bewahrer des Bildes versinkenden Herrschertums. Aus solcher Not, mit dem Blick auf solche Vorbilder und dem Wissen 40 JUGENDBILDNIS um den Sinn menschlicher Maße im Auf- und Untergang schuf George die Gestalt des Algabal, den Fürsten der menschenfernsten Räume und alltagfremdesten Stunden, der nur das eine unerbittliche Gesetz der Hoheit und Einzigkeit, die eine unerbittliche Freiheit des Wandels in den ihm bestimmten Bahnen kennt, den Unbefleckten und Makellosen, der lieber die äußerste Härte als die Duldung des Unzulänglichen, lieber den Tod als die Ernüchterung, lieber den Mord als die leise selbst ungewollte Antastung der Würde will. Mit dieser Gestalt stellte George, was keiner der westlichen Enddichter wagte noch vermochte, wieder Bild und Recht des herrscherlichen Menschen in die Mitte Europas. So leben zu wollen, die Dränge und Kräfte in sich zu fühlen so leben zu können, aber hineingeboren sein in d i e s e n Weltzustand, hieß für den schöpferischen Geist untergehen oder mit dem Mittel seiner Gewalt das Reich erobern, in dessen Luft e r atmen konnte, hieß also für den Dichter zuerst das Wunschbild in der Sprache und als Sprache so wirklich, so groß so schön gestalten, daß die Achse der Zeit sich vor ihrer lebendigen Wucht verlagern und die verwandten Kräfte um die neue Mitte zu kreisen beginnen mußten. Mochten die Wirbel zunächst kaum sichtbar sein, mochte die Ergriffenheit dem scheinbar Ungefährlichsten Untäterischsten nämlich der künstlerischen Schönheit gelten: sie barg diesmal die Gewähr der Weiterwirkung, Traum und Tat zugleich in ihrem sprachlichen Geheimnis. Der welthungrige und zukunftsträchtige Geist des Dichters hob sich schon in der Dichtung selbst über das Verhängnis der Endzeit: das Gedicht „Graue rosse muß ich schirren" sprengt den Weltraum Algabals und läßt den Sturmwind eines unverbrauchten Barbarentums aus der gebärenden Urnacht der Zeit in die Mar- rnorhallen und Ziergärten wehen, das Schlußgedicht öffnet den Blick in die Jungfräulich kalten klaren Himmel, in noch unbetretenen neuen Raum. Aber gab es noch ein Mehr für ihn nach dieser Steigerung und Erhöhung des Menschenbildes? Gab es noch einen Stoff nach diesem Erleben, noch eine Form nach dieser dichtesten Fügung der Worte, noch einen Ton nach diesem Prunk der Maße und Klänge, gab es noch einen Schoß der Sprache, in dem dieser Geist neue Geburten erzeugen konnte? War dies nicht doch das Ende? Eine Weiterführung dieser Linie war nicht mehr möglich, schon drohten die Spannungen das Gefäß des Körpers zu sprengen, der Dichter überwachte noch die Veröffentlichung des neuen Werkes, das in Paris im September erschien, dann warf ihn im Herbst eine schwere Krise seiner Gesundheit in der Heimat nieder, von der er erst langsam im Elternhause zu Bingen genas, als der Frühling ihm die Gewißheit neuer dichterischer Schaffensfreude brachte. 4i 5. KAPITEL: DIE GRÜNDUNG DER „BLÄTTER FÜR DIE KUNST" UND DIE „ERSTE FOLGE" INZWISCHEN hatte Karl August Klein die Verhandlungen über die geplante Zeitschrift mit Hofmannsthal und Gerardy weitergeführt. Er hatte von den wenigen Beteiligten „die größte Offenheit und Rückhaltlosigkeit gegeneinander als einziges Mittel gefordert, um den streng ausschließenden Charakter der Sache zu wahren" und bei jedem „das unbedingte Bedürfnis vorausgesetzt, Namen und Werke nicht in den abgeschmackten befleckenden — sogenannten modernen — Zeitschriften zu verewigen". Obwohl Hofmannsthal sich völlig mit dieser Haltung einverstanden erklärte, ließ er doch in diesen Monaten einige seiner Gedichte in einer Tageszeitung veröffentlichen ohne diese Tatsache mitzuteilen, und fast drohte am mangelnden Vertrauen auch die dichterische Verbindung mit ihm zu scheitern. Ein bittrer Brief Georges rief ihn auf den gewiesenen Weg zurück und im Oktober 1892 erschien in Berlin das erste Heft der ersten Folge der „Blätter für die Kunst" einer Bezeichnung, von der die westlichen Freunde gern behaupten, daß sie ihren „Ecrits pour l'art" entliehen sei. Drei junge katholische Dichter, ein Deutscher, der nur in Paris bekannt war, ein Österreicher, dessen Name man kaum über Wien hinaus wußte, ein rhein-preußischer Wallone, der eben in Lüttich seine ersten Verse veröffentlicht hatte, dazu ein ebenfalls katholischer Schulfreund Georges mit Namen Carl Rouge, vereinigten in einem dünnen Heft von zwei Bogen ihre Dichtungen und es wird immer eine der seltsamsten Erscheinungen unseres Schrifttums bleiben, mit welchem Anspruch sie auftraten und wie dennoch weit darüber hinaus ihre Hoffnungen und Wünsche erfüllt wurden. Eine Auswahl aus den drei schon veröffentlichten Werken Georges, die erste seiner Legenden unter dem Decknamen Edmund Lorm, der „Tod des Tizian" von Hofmannsthal, die „Kreuze" von Gerardy und zwei Gedichte von Rouge nahmen den größten Teil der schmalen Blätter ein. Sie hielten es „für einen Vorteil nicht mit Lehrsätzen zu beginnen sondern mit Werken, die unser Wollen behellen und an denen man später die Regeln ableite". Die Dichtungen unterschieden sich an Gehalt Form und Stoff grundsätzlich von allen literarischen Erzeugnissen der Zeit in Deutschland und ihre Verfasser stellten sich vor allem in Gegensatz zu der „verbrauchten und minderwertigen Schule die einer falschen Auffassung der Wirklichkeit entsprang". Auch jede Zweck- und Lehrdichtung, welche sich mit Weltverbesserungen und Allbeglückungsträumen abgab, wurde 42 von ihnen abgewiesen und vor modernen Schlagworten wie Symbolismus, Dekadentismus und Okkultismus gewarnt, welche auch schon in Deutschland auftauchten und geeignet seien die Köpfe zu verwirren. Die Blätter wollten, wie schon ihr Name sage, der Dichtung und dem Schrifttum dienen und mit Ausscheidung alles Staatlichen und Gesellschaftlichen »eine Kunst für die Kunst" vertreten. Aber ein aufmerksamer Leser hätte schon aus den knappen und andeutenden Sätzen dieser ersten Vorrede erkennen können, daß die formalästhetische Formel des L'art-pour-1'art bei den Deutschen eine andere Bedeutung hatte und sogleich einen in Frankreich unbekannten Inhalt bekam. Diese Veröffentlichung hieß es „will die Geistige Kunst auf Grund einer neuen Fühlweise und Mache". Ihre Verkünder lehnten es ab, mit anderen über das Wesen dieser Kunst zu streiten, aber sie wollten „zerstreute und unbekannte Ähnlichgesinnte entdecken und anwerben". Sie sagten noch nichts aus — außer im Gedichte selbst — welches diese neue Fühlweise, welches die neuen Mittel der Darstellung wären, aber sie wiesen mit dem Rate „sich allen Streites "nd Spottes über das Leben zu enthalten" das bürgerliche Leichtnehmen Und die proletarische Entwürdigung des Wichtigsten zurück und stellten Goethe als mahnendes Richtbild gegen das Zerreden und Zerfasern des Lebendigen auf. Sie grenzten also das Feld ihrer Betätigung sorgfältig auf die engste Aufgabe künstlerischer Gestaltung ab, aber auf diesem Gebiete verkündete der Schlußsatz eine stolze Siegeszuversicht: „In der Kunst glauben wir an eine glänzende Wiedergeburt". Die fünf Bände der ersten folge, welche im Laufe eines Jahres bis zum August 1893 erschienen, rechtfertigen diesen Glauben durch eine Reihe von Dichtungen. Neben denen Georges sind die Beiträge Hofmannsthals, nämlich „der Tod des Tizian", die Idylle und einige seiner schönsten Gedichte die wichtigsten davon. „Die Blätter für die Kunst wurden geboren, weil ein Dichter in einem anderen Dichter eine Flamme entzündete, der gleich, die in ihm selber brannte." Die Gedichte Hofmannsthals zeigen zum ersten Male das Wunder der Weiterzeugung des Georgeschen Geistes in dichterisch erschütterbaren Menschen, sein Weiterschwingen in einem fremden Seelenelement, das Uach der Berührung mit ihm zwar seinen dichtesten Eigenwuchs erhält aber zugleich in Art und Ton seiner Äußerungen Kunde geben muß von dem treffenden Strahl, der es befruchtet hat. Der härtere metallene Klang Georges trat in den Werken Hofmannsthals als weiches fast musikalisches Schwingen auf, die plastische Formung der Bilder als fließendes auf schimmernden Wellen gebrochenes Licht. Der neue Ton erhielt bei dem Sohn der Donau eine offene einschmeichelnde Leichtigkeit, welche für viele erst 43 den Weg zu den strengeren verschlossenen Gebilden des Rheinländers vorbereitete. Die Leichtigkeit Hofmannsthals geht auch in dieser Frühzeit manchmal bis zur Leichtfertigkeit und Unverantwortlichkeit, aber noch in seinen Ungewichtigkeiten und Entgleisungen bleibt er Künstler und ist noch Dichter, wenn er den Faden achtlos fallen läßt. Im Gegensatz zu den Gedichten der HYMNEN und noch der FIBEL scheint ihm alles mühelos zuzufließen und sich dem leisesten Druck seiner Hand einzuschmeicheln. Wenn seine Gehalte nicht immer groß sind, so ist ihr Ausdruck doch von großer Zartheit der seelischen Schwingungen, von zierlich leichter Anmut der Bewegungen und in den besten Augenblicken hat er die Geste des trunknen Sängers neuer Herrlichkeiten. Nicht die Welt der Dichter und Herrscher sondern der Maler und Abenteurer ist sein Bereich und die Künstlergefühle der Renaissance-Menschen hat er in einer Steigerung von Glut und Farbe, Schwung und Fülle gegeben, wie sie damals die deutsche Dichtung nirgendwo hervorbringen konnte. Ein solcher Hymnus wie „Der Tod des Tizian" war noch nie auf das bildende Künstlertum gesungen worden, ein so hohes Lob des festlichen Lebens und der Ablehnung des gemeinen unkünstlerischen Alltags war noch nie in solchen Tönen von knabenhafter Schwermut und hinreißendem Jugendfieber erklungen. Nur aus der lebendigen Gleichung Wien-Venedig konnte diese zitternde Farbigkeit, diese schlanke Schmiegsamkeit und der zarte Schauer um seine Gestalten kommen und die Kentaurenszene etwa ist mehr ein italisches Bild nach Böcklin als nach einer griechischen Vase. Das Farbigfließende lockt seinen Pinsel vor allem, Lebensstufen und Gestaltungsgrenzen gehen ineinander über, Welten und Geschlechter, Seelen und Leiber verschwimmen in bunten ziehenden Wellen. Auch wenn seine Erinnerung in tiefere Schicksalsräume greift, erscheinen Bilder eines dumpfen Getriebenseins, einer endlosen Verstrickung, in der der Mensch wehrlos verhaftet ist. Er hat „zu vielen Göttern Dienst zu tun" und schon früh läuft über all seine bezaubernden Tinten und Schmelze ein Rauch von Müdigkeit, ein Schatten des frühen Ver- strömens. Von den übrigen Mitarbeitern der Blätter, welche im Laufe des ersten Jahres noch zu der kleinen Anfangsschar traten, bewegten sich die Gedichte von Max Dauthendey und Karl Bauer auf derselben malerischen Linie wie die von Hofmannsthal: Gedichte nach Bildern oder Farbenspielen der Natur, aber von der plumpen Nachahmung durch ein Uberschwin- gen ins Traumhafte bei Bauer, bei Dauthendey durch eine Verseelung der Farben geschieden. Sie nahmen Versuche der Romantiker und Symbolisten auf, die für Deutschland in dieser Form noch neu waren und den späteren „Futurismus" und „Impressionismus" schon vorwegnahmen. Georg Edward, ein junger Gießener Student, der später Professor der Literaturge- 44 schichte in Amerika wurde, Carl Rouge der Jugendfreund, zeichnen sich nur durch wohlgepflegte Verse aus, die eine erste Verbindung des neuen Sprachelementes mit dem Goethischen darstellen. Die Vierzeiler von Fritz Kögel, dem späteren Verwalter und Herausgeber der Werke Nietzsches, s md eine Mischung von Goethischer und Nietzschischer Spruchweisheit, die gegen die übrigen Leistungen etwas Altmodisches an sich trug. George selbst trat nur sparsam mit drei Bildern aus dem Schaustück MANUEL und einigen neuen Gedichten aus dem „Buch der Sagen und Sänge", aber um so reicher mit Prosastücken aus den TAGEN und TATEN und Übertragungen fremder Dichter hervor. Von der Prosa Georges haben die Deutschen auch heute nach einem Menschenalter außerhalb des Kreises der Blätter noch kaum Notiz genommen, und fast scheint es als ob sie ihnen noch unzugänglicher wäre als seine Gedichte. Sie bot freilich weder dem rein begrifflichen Denken einen Zugang noch dem weichlichen Ge- fühlshunger eine Nahrung, hatte weder Handlung noch Bekenntnis, weder Gemütsschwang noch Naturschwärmerei. In einer Zeit wo nach einer Hof- niannsthalischen Wendung das schakalhafte Ausstoßen von Wortbrocken üblich wurde, klang sie verschlossen und hart mit ihrem ebenmäßig durchgehaltenen Schrittmaß, mit ihren kalt und klar abgewogenen Satzteilen Und ihrem schmucklos strengen Gefüge. Die Übertragungen Georges, welche in der ersten Folge veröffentlicht wurden, waren Gedichte aus den Werken von Stephane Mallarme, Paul Verlaine, Francis Viele-Griffin, Albert Saint-Paul, Stuart Merrill, Algernon Charles Swinburne, Gabriele d'Annunzio, Jens Peter Jacobsen. Sie machten in Deutschland vielfach zum ersten Male die Namen und Werke dieser französischen, belgischen, englischen, italienischen und dänischen Dichter bekannt, an die sich über die Grenzen der Länder hinaus eine neue dichterische Bewegung in Europa knüpfte. Die meisten von ihnen hatte George schon persönlich kennengelernt und der lebendige Verkehr von Dichter zu dichter gab seiner großen Sprachbeherrschung noch besondere Mittel zur Hand, die fremden Kunstwerke fast ungebrochen in unsere Sprache zu übertragen. Der Klärung und Abgrenzung der eigenen Bestrebungen gegen die des Auslandes und der Abwehr gegen feindliche Erscheinungen in der Heimat diente eine letzte mehr verstandesmäßige Äußerung der Blätter: Die Vorreden und Aufsätze, welche George vielfach mit den Freunden gemeinsam beriet. In der ersten Folge bestritt Karl August Klein in seinem Aufsatz »Über Stefan George, eine neue Kunst" und in den „Unterhaltungen im grünen Salon" den Kampf in diesem Außenbereich, den er auch durch Veröffentlichungen in ausländischen Zeitschriften stützte. Zunächst wies er 45 die Versuche befreundeter Franzosen zurück, George als Glied ihrer Reihe und besonders als Nachfolger Baudelaires, Verlaines und Mallarmes anzusprechen. Das von Albert Mockel veröffentlichte Gespräch mit George aus den ersten Pariser Jahren (Rev. d'All. Nov.-Dez. 1928) zeigt deutlich, wie klar George sich des Gegensatzes der dichterischen Aufgabe in Deutschland zu der in Frankreich schon in der Frühzeit bewußt geworden war. In der gemeinsamen Richtung der geistigen Strömung, welche in allen Ländern dem Realismus gefolgt war, sah er mehr ein Zusammentreffen der Geister auf dem gleichen Wege als eine Abhängigkeit des einen vom andern. Der gleiche Umschwung bedeutete für die Dichtkunst der einzelnen Völker etwas völlig Verschiedenes, weil sie sich auf verschiedenen Stufen des Lebens bewegten. „Klassizismus und Parnasse," so formuliert Karl August Klein die Lage, „traten in Frankreich ganz anders auf als bei uns und die Vollendung des ,Parnasse', die wir noch nicht erreicht, ist drüben schon ein überwundener Standpunkt." Die Ursprünglichkeit Georges schien ihm gerade an der Grundverschiedenheit seines Verfahrens von dem der Franzosen, insbesondere Baudelaires deutlich zu werden: „am Fehlen aller Reflexion, aller Rhetorik. Im Gegensatz zu den Jüngsten, die die Formen auflösen, sind die seinigen streng regelmäßig und er läßt nie die Verständlichkeit und die zusammenfassende Beschränkung vermissen". Aber all diesen europäischen Dichtern war aufgegangen, worin das Wesen der neuen Dichtung liege: „das Wort aus seinem gemeinen alltäglichen Kreis zu reißen und in eine leuchtende Sphäre zu erheben", und Klein wies noch deutlicher als die Pariser damals selber taten, darauf hin, daß die Urquellen dieser Bewegung im germanischen Gebiet, in Deutschland und der deutschen Romantik lagen, daß die hellsichtigen Aussprüche eines Novalis die Erfordernisse der sinnbildlichen Kunst ja jeder Dichtung im strengen Sinne schon umschrieben hatten. Aus ihrem Erbe hatte sich in Deutschland eine neue Kunst entwickelt, die keiner Anlehnung an das Ausland mehr bedurfte: „Ihre Hauptstützen Richard Wagner der Komponist, Friedrich Nietzsche der Orator, der Maler Arnold Böcklin und der Zeichner Max Klinger. Zu ihnen tritt ein Dichter." Man spürt noch heute das Feuer seiner jugendlichen Ergriffenheit durch manche seiner Sätze brennen: „Seitdem die alten Götter tot sind," schreibt er in seinem ersten Aufsatz, „haben wir es zum erstenmal mit den Offenbarungen eines ursprünglichen Geistes zu tun, der aus seinen Gedanken eine Welt für sich gebaut und nach einem ganz bestimmten ihm eigentümlichen Plan ein stehendes abgerundetes Werk geschaffen. Die Form dieses Werkes ist im strengsten Sinne klassisch. Hier gibt es keine falschen unreinen Reime mehr, keinen einzigen leichtsinnigen Fehler im Takt und — ein seltener Reichtum — 46 dasselbe Wort wiederholt sich niemals im Reim.--------Durch genau erwogene Wahl von Konsonanten und Vokalen bekommen wir einen Eindruck ohne Zutat des Sinnes. Jubel und Trauer, Glätte und Härte, Nacht und Licht fühlen wir ohne daß wir die Begriffe dastehn haben. Ganze Verse dünken uns aus einer anderen Sprache und versetzen uns in seltsame Unruhe. Alles läuft auf eines hinaus: den großen Zusammenklang, wobei wir durch die Worte erregt werden, wie durch Rauschmittel. — Aber trotz diesem Ringen nach der höchsten und vollendetsten Form vermissen wir niemals die Seelentiefe. — Die weittragende Bedeutung dieser poetischen Schöpfungen liegt nicht nur darin, daß sie neue Sätze über klangliche Möglichkeiten und Unmöglichkeiten und damit eine neue Poetik andeuten: sie teilen zugleich das sichere Gefühl mit, daß der geistige Gehalt jeder litera- r ischen Gattung auch der erzählenden und dramatischen eine Umformung erfahren muß." Hier war schon klar betont, daß es sich bei der neuen Bewegung um eine Wandlung des ganzen dichterischen Bereiches handle, vor dem die schulbegrifflichen Aufteilungen hinfällig waren. Die Blätter schieden sich von "eginn an von allen literarischen Gruppen und Bewegungen, welche unter der Maske einen besonderen Zweig der Dichtung zu pflegen, der Volks- oder Familienkunde, der Erforschung von Gesellschaftsschichten oder sonst einem nützlichen Geschäfte nachgingen — vor allem vom zeitgenössischen Roman und Theater. Sie maßen den Romanen „jenen bürgerlichen Ausdeutungen der Lebensvorgänge", wie es später in den Vorreden einmal heißt, Und den Theaterstücken der Zeit, in denen die Landesgeschichte flach und langweilig behandelt, der Welt mit leidenschaftlichem Ernst ein Sittenspiegel vorgehalten oder alle möglichen spannenden Streitfragen in Reden umgesetzt würden, nicht anders als den Tageszeitungen vielleicht einen kulturgeschichtlichen aber keinen künstlerischen Wert bei. Im bestehenden Theater war der Hauptanteil so sehr auf den Schauspieler gefallen, daß der dichterische Wert des Stückes darüber gleichgültig wurde: das war, wie die »Unterhaltungen im grünen Salon" sagen „gleichbedeutend mit dem Untergang des Dramas". Auch vom ausländischen Schrifttum konnte man keine Abwendung dieses Untergangs erwarten: Ibsens neueste Stücke zeigten, daß er für seine der Zeit vorauseilenden Sichten keine andere dichterische Form zu finden vermochte „als für seine ganz naturalistischen Gengangere". Frankreich und England waren für das Drama schon lange brach. Wenn der Belgier Maeterlinck mit seinen traumhaften Gestalten, seinen kuppen und seiner perversen Schmächtigkeit damals einige Erschütterung in Theaterkreisen hervorrief, so ließen die Blätter sich auch davon nicht täuschen. Die Aufführung seiner Stücke mit modischen Schauspielern war 47 nach ihrer Darlegung ein völliges Verkennen ihrer literarischen Gattung, die ihren Ursprung in den „Flaireurs", der Originallegende für Marionettentheater von Charles von Lerberghe hatte und deren Technik, wie ein Ubersetzungsbeispiel in den Blättern (I, 4) zeigte, mehr ein letztes Niederreißen als ein neues Aufbauen der dramatischen Kunst bezeichnete. Eine Rettung für diese sahen die deutschen Dichter nur in der Abkehr von der ganzen Äußerlichkeit der modernen Bühne, „ihrer Überschätzung des Schauspielers, ihren abgeschmackten Dekorationen ihrer Parterrenachbarschaft und ihrem Geschäftsbetrieb, eine Erneuerung für sie nur in der Rückkehr der rein-dichterischen Schätzung des Schauspiels, die von selbst eine Änderung des Äußeren nach sich ziehen würde. Sie wünschten ein Wegrücken der Bühne in weiter verhüllender Entfernung nach Art des griechischen Rundtheaters, ein Zurücktreten des Schauspielers hinter die Maske „da sein einziger Beruf ist, in gemessenen Bewegungen die kristallreinen Verse des Dichters herzusagen, wie sie nach dem Traume des Dichters unter dem hellenischen Himmel geklungen haben mögen". Auch auf die Einführung des Chores neben der Wechselrede wurde schon hingedeutet, kurz eine Kunst und künstlerische Darstellung gefordert, die nach einem Worte Kleins „nur vornehmen Geistern einen Genuß bereiten kann. Wer anders aber als ein vornehmer Geist hat sich jemals um ernsthafte Kunst gekümmert — und gibt es nicht genug Geschriebenes für die Menge?" Mit diesen Worten war auch der letzte Grenzkreis, die Voraussetzung einer besonderen menschlichen Artung für die neue Dichtung, in der ersten Folge der Blätter schon umschrieben. Sie schloß beim Urlaub von den Lesern vor dem sommerlichen Verlassen der Stadt mit diesen Worten der Dichter: „Wir werden auch fernerhin Regeln und Schulnamen sein lassen, uns verschließen gegen das Flache und Alte sowohl als gegen das Derbe und Niedre des zeitgenössischen Schreibewesens, aber aller Jugend offenstehen, die nach dem Schönen und Neuen sucht." Und diese Leitsätze des Anfangs gelten auch heute noch. 6. KAPITEL: DIE WIRKUNG IM AUSLAND FRANKREICH hatte sich nach der Meinung seiner besten Köpfe nach der kriegerischen Niederlage von 1870 auf seine geistige Wiedergeburt besonnen, es war der großen Überlieferung des frühen 19. Jahrhunderts, der Erneuerung der europäischen Bildung treu geblieben und hatte die Hoffnung auf seine Wiederherstellung in der Belebung der Künste und Wissenschaften, in der Aufrechterhaltung seiner Sendung gesehen, vor allen Völkern Träger der menschlichen Zivilisation zu sein. Die Schu- 48 len der Parnassiens und Realisten, der Decadents und Symbolisten wurden in den folgenden Jahrzehnten von dieser Bewegung getragen, auch wenn sie scheinbar dem politischen Leben fern sich „der reinen Schönheit" widmeten. Der Stolz, Frankreich an die Spitze des menschlichen Fortschritts zu setzen, belebte sie alle. Dabei waren die französischen Geister dem Einstrom der Nachbarvölker niemals offener als in diesen Jahrzehnten nach 1870, „Frankreich rächen durch die Brüderlichkeit der Völker, die Kaiserreiche abschaffen, Europa schaffen" hatte Victor Hugo als Ziel bezeichnet. Man nahm die englische Bewegung der Präraffaeliten auf und wie man im Militärischen von dem verhaßten Sieger lernte, scheute man sich nicht in der Dichtung an die deutschen Romantiker anzuknüpfen und etwa die musikalische Klangwirkung Wagners auch für die eigene dichterische fruchtbar zu machen. Jean Thorel hatte schon im September 1891 in einer Studie über die deutschen Romantiker und die französischen Symbolisten in den Entretiens politiques et litteraires die innige Beziehung zwischen den beiden Bewegungen aufgedeckt. Um so verächtlicher sahen die Pariser damals auf die literarischen Gruppen des zeitgenössischen Deutschlands herab, ob sie nun in den ausgefahrenen Gleisen der Epigonen weiterleierten oder sich im unbeholfenen Gestammel der Naturalisten versuchten. Erst als ihnen die erste Dichtung Georges, die HYMNEN bekannt wurden, sahen sie in ihm einen verwandten von den literarischen Gruppen seiner Heimat unabhängigen Dichter und einen Bundesgenossen im Kampf um die geistige Einheit Europas. Schon im Oktober 1891 und März 1892 brachte die L'Ermitage in Paris und im September 1892 der Floreal in Lüttich eine Anzahl seiner Gedichte in der Ursprache und in französischer Übersetzung. Die daran geknüpften Besprechungen von Albert Saint-Paul und Achille Delaroche suchten George natürlich als einen Nachfolger Bau- delaires, Verlaines und Mallarmes darzustellen, der vom französischen Symbolismus angezogen nun auch in Deutschland den Kampf gegen die Untauglichen alten und neuen Schulen eröffnen wolle. Er erschien ihnen als »der bemerkenswerteste Dichter des jungen Geschlechtes jenseit des Rheines" und als im Herbst 1892 das Pariser Blatt La Plume einen Aufruf für ein Baudelaire-Denkmal erließ, das Auguste Rodin ausführen sollte, war in dem führenden Ausschuß, der sich bildete, neben den Namen Lecomte de Lisle, Paul Bourget, Francois Coppee, Anatole France, Edmond de Gon- court, Heredia, Huysmans, Lemonnier, Maeterlinck, Mallarme, Mirbeau, de Regnier, Richepin, Rodenbach, Stuart Merrill, Sully-Prudhomme, Swin- burne, Verlaine, Verhaeren und anderen Stefan George als einziger deutscher Dichter vertreten. Die Begründung der „Blätter für die Kunst" verstärkte noch den Wider- 4 49 hall seines Namens in Frankreich und Belgien. Man begrüßte im Mercure de France, im Floreal, der Wallonie und anderen Zeitschriften mit freudigen Wünschen die neuen Verbündeten, welche endlich den guten Kampf in die trüben Bezirke der deutschen Literatur trügen und sah schon in den ersten Gedichten, deren Technik ohne Tadel und deren Eingebung deutschen Gewohnheiten überaus fremd sei, die sicherste Gewähr des Sieges. Eine damals geschriebene und später in den „Portraits du prochain siecle" veröffentlichte Skizze von Saint-Paul wirft am besten das Bild zurück, das man sich damals im Westen von George und seinem Werke machte: „Ein fahrender Ritter mit abgelegter Rüstung an die seine starre Haltung uns noch gemahnt. Sein reines Antlitz mit den schmalen Lippen ist kaum belebt von einem Blick, dessen Mondglanz aus der Mattheit alten Elfenbeins dringt. Diese Erscheinung des Dichters weiht uns schon in sein Denken ein. Die Verse Stefan Georges gestalten Träume eines schwermütigen Heldentums, die von kalter blauer Klarheit — wie Lichter auf Stahl — erleuchtet sind. Seine drei Dichtungen HYMNEN PILGERFAHRTEN AL- GABAL lassen uns wie in einer orchestralen Symphonie das erregende Leben einer überlegen adligen Seele schauen: malerisch in den HYMNEN, bildhaft in den PILGERFAHRTEN, musikalisch im ALGABAL. Beachtens- würdig ist die Verbundenheit des Titels mit dem Gehalt der Dichtung, in der die innige und selbstverständliche Einheit von Poesie und schönen Künsten überhaupt verdeutlicht wird — Mitgift der dichterischen Offenbarung unserer Zeit. Aber vor allem ist zu behalten, daß dieser Dichter in seinem Lande die wahre dichterische Überlieferung wieder aufnimmt, indem er unmittelbar auf die deutschen Romantiker zurückgeht. So geht die Bewegung, die sein Werk hervorruft, in der gleichen Richtung wie die des französischen Symbolismus. In einer kleinen Zeitschrift, die er in Berlin erscheinen läßt, die Blätter für die Kunst, suchen sich um ihn die jungen Dichter zu scharen voll Stolz die ersten Stöße in die Posaune zu tun, die schon ihren Sieg über den endlich zurückgeworfenen Einbruch der Naturalisten verkündet. Stefan George ist außerdem der Verfasser einer Übertragung sagen wir der einzigen deutschen Übertragung Baudelaires, einer bemerkenswerten Arbeit, die in solcher Vollkommenheit nur ein so sicherer Dichter wie wohl unterrichteter Kenner der Sprache zu leisten vermochte." In ähnlicher Weise sprachen sich brieflich nach dem Erscheinen der weiteren Übertragungen fremder Dichter in der ersten Folge der Blätter auch Maeterlinck, Gabriele d'Annunzio und in seiner etwas dunklen Form der Anerkennung Stephane Mallarme aus. Im germanischen Norden machte 1894 zuerst der Däne Georg Brandes 50 »n einem Aufsatz über Gustav Fröding auf das jüngste Geschlecht der lyrischen Dichter aufmerksam, das in allen Ländern auftauche und in Deutschland in dem „merkwürdigen aber schwer zugänglichen Stefan George" seinen Führer und in der „wirklichkeitsfernen und kühlen Zeitschrift der Blätter für die Kunst" seinen Mittelpunkt gefunden habe. Der Lobredner des Volkstümlichen und Volksliedes hatte freilich keine Freude an diesen Dichtern, die völlig der wohltuenden Gabe der Naivität ermangelten und sich darin einig seien niemals zu lächeln. „Sie sind oft feierlich," schloß der seltsame Menschenkenner seine Betrachtung, „am häufigsten melancholisch, vor allen Dingen aber niemals fröhlich." Noch höher im Norden widmete Johannes Jörgensen der jüngsten dichterischen Bewegung in Deutschland eine Studie, die im September 1893 in den norwegischen „Samtiden" erschien. Auch er wies seine Landsleute auf die gesamteuropäische Bewegung in der Dichtung hin, welche sich gegen die naturalistischen Skribenten wende, die wohl die Fähigkeit hätten, eine Handlung zu schaffen, eine Person zu schildern, ein Interieur zu malen aber v °n dem wesentlichen Erfordernis der Dichtung nichts verstünden. Er leitete die neue Bewegung von England her, von dort sei sie nach Frankreich, Belgien und Holland und jetzt auch nach Deutschland verpflanzt worden, w o die jungen Dichter zu ihrem anerkannten Führer Stefan George aufsähen „als zu dem, der den Weg weiß und das Ziel kennt". Jörgensen sah trotz der Betonung des unzweifelhaften französischen Einflusses schon deutlich, daß „George ebenso unzweifelhaft aus tiefer Wurzel des deutschen Dichterstammes entsprungen ist und seine wesentlichen Voraussetzungen innerhalb der Grenzen seines Landes zu finden sind". Das denken und Fühlen in Metren und Reimen erschien ihm als das kennzeichnende Merkmal Georges. Aber der Eindruck „reiner und echter Poesie", den seine Werke machten, stammt nach seinen Worten nicht a us dieser oder jener Seltsamkeit in der äußeren Form, sondern aus dem Fühlen „einer ganz eigentümlichen und eigenwilligen Seele, die sich in souveräner und selbstgeschaffener Form ausdrückt". Diese Form erinnerte ihn im Wesen an Mallarmes Wortmusik und an Verlaines suggestive Kunst: mehr musikalisch als malend, mehr durch das wirkend was sie ahnen ließ als was sie sagte. „Wie traumzeugendes Opium ist diese Poesie. Die Verse buchten sich in seltsamem Schwung wie Rauchsäulen eines Gefäßes mit brennendem Weihrauch. Wie hinter einem Nebel sieht man unsichere Gesichter, unbestimmte Wesen, Gestalten einer Welt über Wolken oder in Meerestiefe. Vergebens sucht man nach diesen Traumbildern zu greifen, sucht vergebens durch den Nebel zu dringen: man muß s tillsitzen und in Andacht lauschen. Und dann wird man ergriffen von die- 5i ser Wortmusik, die Stefan Georges dunkle und dämmernde Dichtung trägt. Diese uns oft unverständlichen oder nur halbklaren Verse haben eine Fähigkeit sich einem ins Bewußtsein hineinzusingen. Sie suchen einen heim in stillen Stunden und man ertappt sich dabei, daß man mitten auf der Straße geht und halblaut einen dieser absonderlichen Rhythmen hersagt... Es ist Zauberei in seinen Versen, Stimmungshexerei und eine Macht, wie sie die Alten gewissen Runen beilegten. Wer mehr fordert, Klarheit, scharfe Gestalten, lieblichen Schein fordert — muß sich folgender Worte von Goethe erinnern: Wenn durch die Phantasie nicht Dinge entstehen, die ewig problematisch bleiben, so wäre es überhaupt nicht viel mit der Phantasie." Jörgensen gab dann, obwohl er selbst sagte, daß die Gedichte Georges sich nicht von ihrer Sprache losreißen ließen, so sehr seien sie mit ihrem Land verwachsen, zwei von ihnen in dänischer Übertragung wieder, die deutlich erkennen lassen, daß die Unklarheit der Gesichter und Gestalten, die er zu fühlen glaubte, von seiner Unkenntnis des Georgeschen Wortschatzes herrührten. Der Schwede Gustav Uddgren, der die Werke Georges in den gleichen Jahren kennenlernte, wurde sich dieses Mangels deutlicher bewußt und gestand, daß diese neuen Dichtungen von Worten wimmelten, denen er niemals früher in der deutschen Dichtung begegnet wäre. Auch er fühlte jenen zauberhaften Sinn in den Gedichten, der ihn zwang, sie in der Stille vor sich selber aufzurufen und suchte ihn in der symbolischen Unterbedeutung der Worte zu erfassen, in deren Geheimnis sich das innere Erleben einer hohen Seele berge. Er hatte George an einem Frühlingsabend des Jahres 1893 durch einen Zufall in Berlin Unter den Linden kennengelernt und schilderte diese Begegnung einige Jahre später in der Nordisk Revy in folgender Weise: „Als ich in das große Cafe eintrat, wo die Fremden aus allen Weltgegenden sich versammeln, um abends ihre Zeitungen zu lesen, alte Bekannte zu treffen oder neue Bekanntschaften einzugehen, fand ich meinen Freund im Gespräche begriffen mit zwei mir ganz unbekannten Personen. Es war etwas so Seltsames und Diskretes über diesen beiden, daß ich stutzte und zweifelhaft wurde, ob ich zu ihrem Tisch vorgehen sollte. Aber mein Freund nickte mir zu und ich wurde als ein Freund vorgestellt. Das unterbrochene Gespräch wurde fortgesetzt. Sie sprachen über deutsche Dichtung und daß die jungen Dichter sich zusammenschließen sollten und sie nannten öfters die Blätter für die Kunst. Ich schwieg und betrachtete die beiden Fremden. Der eine war ein kleiner eleganter Herr, gekleidet nach der letzten Berliner Mode. Er sah aus wie ein junger Philosophiekandidat aus besserer Familie. Aber er hatte etwas äußerst Sensitives in sei- 52 nem Wesen, um nicht zu sagen Feminines. Es war der Herausgeber der obengenannten Zeitschrift, wie sich bald ergab. Der andere hingegen wirkte so stark eigenartig, daß ich die Blicke ein paarmal von ihm wenden mußte, bis ich den Mut fand, seine Gesichtszüge zu erforschen. Es war ein beinah leichenblasses Antlitz mit stark zurückfallender Stirn und mächtigem Hinterkopf mit schwarzem glatt zurückgestrichenem Haar. Die Augen waren tief eingesunken und umgeben von großen dunklen Augenhöhlen. Sein Blick war nur schwer aufzufangen, er war nach innen gewandt und schien beständig etwas Weitentlegenes zu schauen. Da er einige Male auf mich sah, fühlte ich eine unerhörte Glutkraft mir entgegenströmen. Die Nase war leicht nach unten gebogen, der Mund ganz und gar ebengestreckt und mit einem eigentümlich zitternden Zug wie einem stillen Lächeln vor Schmerz, aber über seinem ganzen Gesicht ruhte jene Klarheit, die uns der Kampf mit starken Stürmen verleiht. Ich fühlte instinktiv, daß ich vor mir einen von denen hatte, die des Leidens große Tiefe gepeilt haben. Er hatte etwas Imperatorisches in seinem Wesen. Sein Anzug war schwarz und eng anliegend. Er sprach langsam aber uüt einem Enthusiasmus der keine Widerrede duldete". So sah man allerdings nur in Zenakeln, nicht in der Öffentlichkeit nach drei Jahren seines Wirkens George in Paris und Neapel, in Lüttich und Amsterdam, in Kopenhagen und Stockholm, so sah ihn der Freund und der Fremde und wenn es nur wenige Stimmen waren, so klang — den Allerweltskenner Brandes ausgenommen — in ihnen allen doch eine Ahnung von der menschlichen Bedeutung, ja manchmal schon von dem unheimlichen Zauber durch, der von ihm ausging. — Hören wir nach den Stimmen des Auslandes was die Heimat von ihm wußte und wie sie ihn sah. 7. KAPITEL: DIE NEUE DICHTUNG UND DER DEUTSCHE NATURALISMUS ALS im Jahre 1890 die HYMNEN Georges erschienen, war die deutsche Dichtung noch in allen Schichten der Bevölkerung fast ausschließlich durch die flach- und flaugewordenen Nachfahren der Klassik und Romantik bestimmt. Mit wenigen Ausnahmen wie Hebbel, C. F. Meyer und Leuthold waren diese Dichter nicht mehr imstande lebendige Erzeugnisse von Bedeutung hervorzubringen und auch die besten von J hnen machten der gewöhnlichen Tagesschreiberei durch gefällige Geschichten für die Menge Zugeständnisse, die jährlich an Seichtheit zunah- 53 men. Gegen den hohlen theatralischen Prunk und die immer matter werdenden Aufgüsse dieser Schule empörte sich um die Mitte der achtziger Jahre eine Gruppe der deutschen Jugend, verwarf die gefühlsamen Liebeleien ihrer Romane und Novellen, die Aufgeblasenheit und Gestelztheit ihrer Dramen und die leblose Schablone ihrer Gedichte und nahm sich die Realisten und Rationalisten Frankreichs, die Moralisten Skandinaviens und die grüblerischen Kriminalisten des barbarischen Rußlands zum Vorbild. So echt der jugendliche Drang war, dem eigenen Geschlecht und Zeitalter für die verwandelten Lebensgefühle im Schrifttum Laut und Stimme zu verleihen, so kläglich scheiterten die Jungen bei der Verwirklichung ihrer Absicht. Sie warfen mit den leicht zu besiegenden Nachfahren auch das beste Erbe unserer Großen mit über Bord und wollten die Dichtung der Zukunft lieber als an Goethe an die Gescheiterten und Haltlosen „an Lenz und den titanischen Grabbe" knüpfen, denen sie sich verwandt fühlten. Sie verwechselten die Wahrheit und Wirklichkeit, in deren Darstellung sie das Wesen der neuen Kunst suchten, mit dem Oberflächlichen und Gemeinen. Sie fanden auch niemand in ihren Reihen, der sich an Kraft und Können auch nur über die Ebene des bescheidenen Mittelmaßes erhoben hätte und nur entfernt mit den bedeutsamen Werken eines Zola, Ibsen und Dostojewski hätte wetteifern können. Dazu mißkannten diese deutschen Nachahmer völlig die Bedingtheiten jener Schriftsteller im Raum und Geist ihrer Völker. Wenn der entgöttlichte Franzose „die Haupteigenschaft des Romanschreibers im Wirklichkeitssinne sah", das heißt „die Natur zu fühlen und wiederzugeben wie sie ist" (Zola), so baute sein gallischer Verstand diese gefühlte Natur doch immer nach den klaren Denkgesetzen einer noch ungebrochenen Überlieferung seines Landes auf, wenn der trübe Nordländer seine Dramen scheinbar aus einer allgemeinen Erkenntnis seelischer und gesellschaftlicher Zustände der Zeit erschuf, so pochte doch in ihnen wesentlich ein Nationales: die strengen Grundsätze eines nordisch-pastoralen, eines einsam und kampflos weiter moralisierenden Luthertums, und wenn endlich der gestaltlose Russe Jammer und Elend seiner geknechteten Massen in die unerbittliche Logik fiebriger Wahnsinnsträume bannte, so gab er damit die seelische Wesenheit seines Volkes wieder: die unüberwindbaren Klüfte, die Gliederlosigkeit und das dumpfe verquollene Hoffen auf Rettung in seinen untersten gärenden Schichten. Die Deutschen machten sich mit diesen Zerfallserscheinungen des Auslandes völlig gemein, auch wenn sie weder in Vorgängen noch im Wesen unseres Volkes Boden und Wurzel hatten, sie erhoben was dort noch gewachsenes Erzeugnis überalteter oder erst barbarischer Bildungen war, 54 in die Sphäre unbedingter Gültigkeit und machten es zu einem allgemeinen Grundgesetz der Dichtung. Die Kunst wurde ihnen zu einer Halbwissenschaft, welche die natürliche und gesellschaftliche Wahrheit an sich nachbilden sollte, aber ohne die seit Jahrhunderten durchgebildeten genauen Mittel der Wissenschaft und ohne die seit Jahrtausenden bekannten und angewandten Mittel der Kunst! Was zutage kam, mußte notwendig ein Zerrbild der Natur wie der Gesellschaft werden. Die vielgerühmte Erweiterung des Stoffgebietes durch den „Naturalismus" auf Gesellschaft, Staat, Wirtschaft und Wissenschaft bedeutet künstlerisch nichts solang es nur „ein ernstes Gespräch der Gegenwart mit ihrem e igenen Echo" war. Was erweitert wurde war die Fähigkeit, öffentlich unter dem Anschein der Dichtung von Dingen zu reden, die unter der Ebene des Anständigen lagen und in einer Art, die unter der Ebene der gesitteten Sprache lag. Als Natur galt das Gemeinste und Häßlichste, als Wahrheit das Äußerlichste und Niedrigste: Wenn es in dem blühenden Deutschland nicht anging die unteren Klassen noch tierischer darzustellen als die russischen, so wählte man wenigstens die verkommensten Winkel oder die längst erledigten Nöte schlesischer Weber zum Stoffe der Darstellung, und wenn es im Lande eines noch gesitteten fast prüden Bürgertums nicht anging die Verworfenheit englischer und französischer Zustände zu unterbieten, so wählte man wenigstens statt der verachteten gefühlsseligen nun die gemeine Erotik der Gasse oder die noch gemeinere der Krankheiten zum Stoff. „Die psychopathischen Elemente der Liebe" wagte 1892 „das Magazin" zu schreiben „jene grauenhaften und nur dem Manne der Wissenschaft bekannten und verständlichen Verirrungen des sexuellen Triebes in der Literatur zu öffentlichem Ausdruck gebracht zu haben, ist doch unbestrittenes Verdienst der modernen Dichtung". So und ähnlich für die anderen Gebiete waren die neuen Offenbarungen, Welche aufdämmerten und in unzähligen Ankündigungen, Broschüren und Vorreden als Mittel zur Enthüllung der Wahrheit, zur Lösung der Frauen- Und anderer Fragen, zur Hebung der Massen und Befreiung der Jugend angekündigt wurden. Heute begreift man kaum noch die Anmaßung mit der diese Programme auftraten, denn selbst wer hie und da in der Prose der Naturalisten noch ein erträgliches Stück, in ihren Gedichten noch eine Strophe nach seinem Geschmack finden könnte, muß zugeben, daß in ihren Rezepten das Subalterne und Geistesarme allzu erschreckend war. Sie rechtfertigten die Formlosigkeit ihrer Romane und Dramen mit der Notwendigkeit der „zwanglosen" und „natürlichen" Wiedergabe der Wirklichkeit °der ließen das naturwissenschaftliche Gesetz der Entwicklung auch für den Ablauf ihrer Federstriche gelten. „Da das Entwicklungsgesetz die 55 oberste Norm der beginnenden Zeit ist", so ließ sich einer und ähnlich andre vernehmen, „so ist diese für uns die Entwicklungszeit, welche der Dogmenzeit schroff gegenübersteht. Wir sind Entwicklungsmenschen und begründen die Entwicklungsliteratur". Zum völligen Widersinn mußten diese Anschauungen führen, sobald man sie von der Prose auf das Gedicht übertrug, dessen Wesen schon das geistige Gesetz in sich begreift. Einige Vertreter der neuen Richtung behalfen sich mit „freien Rhythmen" oder dem „Achsengedicht", bei dem ganz äußerlich die Verse um eine senkrechte Mittellinie geordnet wurden, die Folgerichtigsten aber gingen in der neuen „Revolution der Lyrik" (1886) so weit, „Sprache und Form als konventionelles äußerliches Gewand" zu betrachten, als „das sogenannte Künstlerische", an dem man nicht allzusehr haften dürfte. Ja die „Moderne Dichtung" vom Januar 1890 hielt die Form in gebundener Rede, überhaupt die Lyrik als Dichterberuf für überlebt und meinte, wenn die Poesie nur „die Wahrhaftigkeit des Lokaltones, den Erdgeruch der Selbstbeobachtung, die dralle Gegenständlichkeit des Ausdrucks zeige, so sei es einerlei, welche Form der Gedanke sich im Einzelnen wähle". Freilich für die Entstehung selbst solcher Gebilde der Gesetzlosigkeit vertrösteten die unzähligen schnell aufschießenden und schneller verschwindenden Zeitschriften immer wieder auf die Zukunft und als endlich Werke kamen, ließen sie sehen, wie Wolfskehl später sagte, was an der ganzen Sache — nicht war. „Die viel berufene in alle übelriechenden geheimen Kammern hinausgreifende .Erweiterung des Stoffgebietes' — welche Formen schuf, erglühte sie sich? Welcher von all den Sündenliedermachern, Menschenliedermachern, Tagebuchbrünstlingen, Adjutantenrittern fand eine rhythmische Folge, einen aufbauenden Ton, ja nur einen Reim, die nicht von Heine bis Heyse als längst erprobte Kunstmittel im Schwange gewesen wären! Es wird einmal für Literaturgeschichtslehrlinge eine so leichte als erheiternde Aufgabe sein, diese Zusammenhänge festzustellen und vor allem zu zeigen, wie in den damals beliebten mörderischen Vorworten gerade diejenigen der äußersten künstlerischen Frevel geziehen werden, deren vorgebahnte Wege der betreffende Pontifex des Bannstrahls in dem freilich oft nur wie ein Anhängsel wirkenden Werke selber zu wandeln sich gezwungen fühlte". War ein Gedicht einmal lesbar, so war es durchaus Epigonenmache. „Man muß es heute aussprechen: Keiner der damals .Führenden' das heißt eifrig sich gebärdenden Geister hat der Struktur, dem Wesen der Kunst auch nur den geringsten Dienst erwiesen. Einzig die bis dahin herrschend gewesene Sachkonvention änderte sich nach einer für Zeiten sinkenden Lebensge- 56 fühls und sinkender Lebenskraft bezeichnenden Richtung, indem die Lebensbedingungen der unteren Klassen, die sogenannte natürliche Menschheit und die geschlechtlichen Phänomene mehr als bisher und ungenierter verwertet wurden. Seelisch und technisch wurde bei uns in Deutschland dem vorhandenen Gute nichts organisch angesetzt" (Jahrbuch für die Geistige Bewegung, I). Die kleine Schar der „Blätter für die Kunst" hat sich von Beginn an durch keine noch so lauten Trompetenstöße und Theatererfolge der Naturalisten über die gänzliche Belanglosigkeit ihrer dichterischen Leistung täuschen lassen. Daß sie der Ausdruck des erwachten Klassenbewußtseins der unteren Volksschichten oder vielmehr dessen Spiegelung in bürgerlichen Literatenseelen war, ändert nichts und hat auch bis heute in ihren Nachfolgern nichts an der geistigen Bedeutungslosigkeit ihrer Werke geändert. Wohl aber wurde in ihnen offenbar, welch ein zerdrücktes Menschtum hier heraufkam und durch Bürger- Münder nach einem Ausdruck für sein entwürdigtes Dasein suchte. Karl August Klein kennzeichnete ihre Erzeugnisse in seinen Aufsätzen in der L'Ermitage und La Plume (Okt. 1892 und Mai 1893) als eine Vereinigung von Wirklichkeit und Schlüpfrigkeit, Plumpheit und hohler sozialer Red- Uerei, ihre Zeitschriften als Orte, in die man nicht schreiben könnte, ohne sich zu kompromittieren. Er führte, um dem Ausland einen Begriff von dieser Niedrigkeit zu geben, einige Beispiele auf, die sich heute ins Ungemessene vermehren ließen. „Einer unserer beliebtesten Lyriker", so schreibt er, „erklärt den Ursprung eines seiner geliebtesten Bücher: Als e r bei jemandem auf Besuch war, fand er im Nachtkasten einige verlorene Papiere, deren Inhalt er abschrieb, er singt ,von dem König Regnar der froh und frei lebte und dessen Hosen nicht nach Rosen rochen' und von e iner Kuh, ,die träumt von wundervollem Düngerwühlen'. Ein andrer Psalmensänger sagt: ,Was ist mein Schatz? — Eine Plättmamsell. Wo Wohnt sie? — Unten am Gries . . . Wo die Wiese von flatternden Hemden Weht: Da liegt mein Paradies.' Oder auch: ,Die Sonne spuckt ihre Gedärme v on Sternen in die Nacht' oder gar dieses Gestirn wird verglichen ,mit einer verfaulten Orange, die stinkend auseinanderklatscht' und das Firmament mit einem haarigen Lümmel. Das entströmt noch den berühmtesten Pedern. Man könnte über diese gemeinen und lächerlichen Hervorbringungen hinwegsehen, wenn ein Teil der Öffentlichkeit sich nicht ein- hildete, daß sie ,von einem wesentlich deutschen Charakter' wären. Wäre das in der Tat der wesentlich deutsche Charakter, so hätte weder ein deutscher noch ein Ausländer nötig, sich mit deutscher Sprache, Sitten und Gebräuchen zu beschäftigen". Wir könnten heute erst recht darüber hinwegsehen, wären nicht die literarischen Erzeugnisse unserer Tage zu 57 einem großen Teile denen vor vierzig Jahren noch verzweifelt ähnlich — nur daß an Stelle des Rüpelhaft-Burschikosen das Rüpelhaft-Brüchige getreten ist — und wagten "nicht fast alle Literaturgeschichten unter der Maske wissenschaftlicher Unparteilichkeit, die ihre Verfasser jeder Stellungnahme zu den wichtigsten Fragen unseres Geisteslebens enthebt, jene und ähnliche Machwerke und Zerfallsprodukte der achtziger und neunziger Jahre unter dem Kapitel „Stoffkunst", „Herrschaft der Materie", „Hochblüte des Naturalismus" oder ähnlichen gleichberechtigt neben die hohen Erscheinungen des deutschen Geistes der Vergangenheit und Gegenwart zu stellen. In der natürlichen Aufeinanderfolge der Entwicklung bildet dann für sie wie der Naturalismus die Reaktion auf das Epigonentum so die Dichtung Georges und der Blätter für die Kunst die Reaktion auf den Naturalismus. Aber noch bevor der deutsche Naturalismus überhaupt ein Werk von Belang hervorgebracht hatte, stand das Gedicht Georges schon vollendet da und brachten die „Blätter" Strophen von einer Höhe und Schönheit der geistigen Haltung, die als einzige dichterische Erzeugnisse jener Zeit ihren Wert behauptet haben. Die deutschen Zeitgenossen um 1893 freilich standen noch rat- und verständnislos vor diesen Werken. Die wenigen, die sich darüber äußerten, stießen sich an der „verschrobenen Orthographie". „Die Freie Bühne" höhnte, daß von der Lothringer Straße aus, wo es die billigen Mietbuden gäbe, die deutsche Literatur erneuert werden solle, das Wolffsche Tageblatt nannte die abseits vom Wege stehenden Symbolisten, die gerade in den klingenden farbigen Worten das Hauptinstrument des Lyrikers suchten, ein paar talentvolle Leute, aber „sie haben nur Bedeutung als Einzelerscheinung, keinerlei für die Entwicklung" (9. März 1893). Das Literarische Bulletin der Schweiz (1. Dez. 1892) erkannte „das Originelle und Wertvolle der poetischen Beiträge" der ersten Blätterfolge noch an, fühlte sich aber auf so unsicherem Boden, daß es seine Betrachtung schloß: „Das ganze Unternehmen hat übrigens einen Beigeschmack von Mystifikation. Wer weiß welcher Schalk dahintersteckt". Das waren die Stimmen der Heimat! Doch ist bemerkenswert, daß schon in den ersten Jahren nicht wenige „Dichter" von Namen sich mit Briefen und Beiträgen an die Blätter wandten oder in schlichter Ahnungslosigkeit George zur Mitarbeit für ihre Wochen- und Monatsschriften gewinnen wollten. Weder die einen noch die anderen erhielten jemals eine Antwort und niemals hat auch nur einer von den tausend wimmelnden Literaten die Wege Georges persönlich gekreuzt. Selbst dann mißlang eine Begegnung, als seine Binger Freundin Ida Coblenz ihn überraschend mit ihrem späteren zweiten Manne zusammenführen wollte. 58 Das Ergebnis war nur jene von ihr selbst veröffentlichte Briefzeile Georges: „Wenn einer anfängt, schön zu finden, was dem anderen gemein »st, dann ist es Zeit zum Abschiednehmen". Was auch geschah. In beschämendem Gegensatz zu den Ausländern haben die Ohren der heimischen Amtsbrüder von dem Geiste der neuen Dichtung damals keinen Hauch verspürt, nur die besondere Schreibweise, die schwerverständliche Symbolik, die Abweisung jeder Vermischung — „sie glauben die Kunst allein gepachtet zu haben", wie einer der „Lyriker" schrieb — kurz die ausschließende Haltung der Blätter war ihnen peinlich aufgefallen und Wenn ein anderer bekannteren Namens sich als „einen sehr einsamen, sehr sehnsüchtigen, schönheits-glücklichen Dichter" anpries und bettelte „ich will bei den Wenigen Einzigen Entgegenkommen finden für meine stille Kunst und ein bißchen Liebe" — so mußte er lernen, daß sowohl den Begründer wie den Herausgeber der Blätter nichts weniger rührte als solche Gefühle, für sie galt nur eine gute sprachliche Leistung die diesem Eingeber ebenso mangelte wie den übrigen. 59 ZWEITES BUCH DIE KUNST i. KAPITEL: DIE ERWEITERUNG DER BLÄTTER-GEMEINDE AUS dem Pilger und Wandrer George war nach den ersten Werken der Menschensucher geworden, der im gesamten west- und mitteleuropäischen Bildungskreise, nach empfänglichen Menschen für die neue Dichtung forschte. Er verweilte vor allem gern in den alten Städten, deren Luft die Jahrtausende mit unfaßlichen Erinnerungen geschwängert hatten, oder in den neuen Großstädten, in deren fiebriger Regsamkeit die Geister geschmeidig werden und ein Ungeahntes mit freierem Blick begrüßen. Wenn er in den ersten Wanderjahren die europäischen Hauptstädte aus dem Drang nach Bereicherung der Erfahrung und im Westen vor allem nach Erlernung der Sprachen gesucht hatte, so geschah es nun in der Erwartung, an diesen Stätten geballten Lebens und gesteigerter Tatkräfte am ehesten die Menschen zu finden, von denen er träumte: unter der Menge der Wißbegierigen am ehesten die Sehnsüchtigen, unter den Abenteuerlustigen am ehesten die Einsamen, unter den Zehntausend Getriebenen am ehesten die Unzerreibbaren zu entdecken, deren er notwendig bedurfte. Aber da der lebendige Stoff, nach dem er begehrte, kein Stoff des Marktes und der Masse war, so war sein Finden eher eine Sache des Glückes als ein Ergebnis der Absicht, mehr eine Sache des günstigen Schicksals als der überlegten Mittel und Wege. Wieviel junge Leute besuchten damals die Hauptstädte und was brachten sie heim?! Nur den einen führte der rechte Stern. „Daß ich allen diesen Menschen begegnete", sagte er später einmal, „sie fand und hielt, mögen andre Zufall nennen. Wenn einem Armen ein Sack Gold geradeswegs vom Himmel vor die Füße fällt, so mag das wunderbar sein: ich weiß, daß es ein größeres Wunder war, daß ich die fand, welche ich brauchte. Warum Gott mir das gewährte, weiß ich nicht, aber es war wohl nötig so". Er handelte und der Himmel gab das Seine dazu. Zum Handeln gehörte, daß er seine Gedichte im Druck verbreitete wie jeder junge Dichter, aber zur besonderen Art seines Handelns, daß er am Beginn die breite Öffentlichkeit vermied, seine Werke in ungewohnter äußerer Form und sehr geringer Anzahl herausgab: so wurden sie zunächst nur durch ein Weiterreichen von Hand zu Hand verbreitet. Zum 60 Handeln gehörte, daß er sogleich, als er drei Gefährten gefunden hatte, in den „Blättern für die Kunst" ein Organ für das gemeinsame Wirken schuf, 2ur besonderen Art seines Handelns, daß er diesen Blättern eine Eigengesetzlichkeit aufprägte, welche sie sofort und bis heute von allen ähnlichen Erscheinungsformen unterschied. Wenn sie ein Werkzeug des Werbens und der Verbreitung sein sollten, so warben sie doch nicht um die vielen sondern um die wenigen, ja mit erklärter Ablehnung alles Massenhaften: sie suchten kein Publikum auf dem üblichen Wege der öffentlichen Anpreisung sondern erschwerten eher den Zugang durch eigenwillige äußere Formen und hielten sich frei von jedem Einfluß des geschäftlichen Verle- gertums .. sie „honorierten" auch niemals die aufgenommenen Beiträge n °ch sandten sie die unerbetenen und unbrauchbaren ihren Verfassern zurück. Sie waren zwar öffentlich erreichbar, denn sie lagen bei den sichtbarsten Buchhändlern in Berlin Unter den Linden, in Wien in den Tuchlauben, in Paris auf dem Quai Saint-Michel — oder statt des letzten später °ei Littauer in München — zum Verkaufe auf, aber weiter mühten sie sich durch kein zeitgemäßes Mittel weder der Anzeigen noch der Versendung von Besprechungsstücken um Abnehmer und Verbreiter. Dies alles ist von der ersten bis zur letzten Folge so geblieben: die Blätter waren und wurden kein geschäftliches Unternehmen, sie waren ein frei verfügbares Mittel in der Hand des Dichters die Tauglichen für sein geistiges Heer zu werben und dies war auch der sachliche und symbolische Sinn ihrer Aufschrift: „Diese Zeitschrift im Verlag des Herausgebers hat einen geschlossenen von den Mitgliedern geladenen Leserkreis". Zu solchem Unternehmen bedurfte es keines „Kapitals" und keiner „Rente", wohl aber eines reinen großen Willens zu geistiger Tat und der Uneigennützigkeit im Dienste dieser Tat. Zum Handeln gehörte endlich, daß der Führer der ueuen Bewegung mit jedem in persönliche Verbindung trat, der trotz der Wenig anlockenden Formen den Weg zu den Blättern fand. George hat es n 'e versäumt durch eigenen Augenschein ein Urteil über die menschliche Artung eines Mitarbeiters zu gewinnen und es gehört zum besonderen Kennzeichen seiner Führerschaft, daß er sich dabei niemals täuschte. Nie na t ein Menschlich-Niedriges oder Gemeines in den Blättern Aufnahme gefunden. Wohl wurde hier und da ein schwächeres Talent mit kurzen Beiträgen in die Blätter aufgenommen, wenn es eine besondere Farbe oder Neuheit im Schrifttum vertrat, ja ein- oder zweimal sogar mit Absicht e üi abschreckendes Beispiel hineingesetzt, das lag nicht außerhalb der Grenzen ihres Zweckes, aber die meisten von denen, welche in den Blättern zuerst und mit den besten Früchten ihrer Jugend auftraten, sind geächtete Schriftsteller der Nation geworden, auch wenn sie keine Werke 61 mehr hervorbrachten, welche dem Anspruch der Blätter an dichterische Leistungen genügten. In Bingen hatte George schon bald nach dem Erscheinen der HYMNEN und PILGERFAHRTEN in Ida Coblenz, welche später die Frau eines beliebigen Handelsmannes dann die bekannte Frau Isi Dehmel wurde, ein junges Mädchen gefunden, das diese verschlossenen Dichtungen mit sicherem Verständnis und leidenschaftlicher Hingabe aufgenommen hatte. Sie führte ihn in das geistig rege Haus der Frau Luise Brück und ihrer Schwester ein und George hat unter diesen Frauen und Mädchen gern geweilt, wenn ihn sein Wanderweg wieder ins Elternhaus führte. Aber auch sie mußten sich schon der strengen Eigenwilligkeit seines Lebensgesetzes fügen, das er allen Nahkommenden auferlegte. So heißt es in den Erinnerungen, die Franziska Bram veröffentlichte: „Man mußte ihn in allem seinen eigenen Weg gehen lassen, nicht über sein Kommen und Gehen fragen wollen.--------Seine ganzen Lebensformen drängten eben zum Sammeln und Hüten seiner selbst für größere Zwecke. Durchbrach man aber doch dieses ungeschriebene Gesetz, so machte er ein ablehnendes Gesicht und sagte kurz ,ich war am Arno' oder ähnlich. Jede Neugier wäre dabei zu kurz gekommen". Auch Ida Coblenz hat später die fernhaltende Scheu Georges schon für diese Jugendjahre bestätigt, aber sie blieb dem Einsamen durch mehrere Jahre eine getreue Freundin und Mitgenießerin schöner Stunden in ihrem elterlichen Hause. Ihr widmete er in der zweiten Folge die drei Gedichte „zur Erinnerung an einige Abende innerer Geselligkeit" und erst durch ihre Verheiratung nach Berlin und ihre Hinneigung zu anderen Lebenskreisen wurde, wie wir schon erwähnten, diese Freundschaft gelöst. Doch lernte George bald nach seiner Genesung in Berlin durch ihre Vermittlung noch Fritz Kögel kennen, den ersten Herausgeber von Nietzsches Werken, der für eine ganze an Nietzsche gebildete Menschenart bezeichnend war und sich bald von aller Öffentlichkeit zurückzog. In denselben Wochen kam ihm auch Dauthendey zu Gesicht, dessen Beiträge zur ersten Folge der Blätter wir schon kurz gekennzeichnet haben. Max Dauthendey, der 1867 in Würzburg geboren war und damals erst einige Aufsätze veröffentlicht hatte, war zufällig mit den ersten Blätterbänden bekannt geworden und ihr Eintreten „für die Welt der reinen Unwirklichkeit" und „die Anbetung der Menschenseele" hatte ihn nach seinen eigenen Worten angezogen. Nach einem Briefaustausche mit Karl August Klein traf er mit ihm und George zusammen. Er empfand die Begegnung mit den beiden Herren, deren sorgfältige Kleidung und gezüchtetes Auftreten ihn überraschte und etwas bedrückte, nicht von hinreißender Art. Denn sie sprachen mit ihm über einige, wie ihm schien, ganz 62 belanglose Dinge, wie „über die Stellung von Satzzeichen und Stefan George meinte, er wünsche in meinem Gedicht die Fragezeichen, wie es in spanischer Literatur üblich sei, an den Anfang der Sätze zu stellen". Er merkte offenbar nicht, daß der „schlanke gleichfalls vornehm mit Gehrock und Zylinder bekleidete Herr, mit ausgeprägten starken Gesichtszügen, die einem Kardinal gehören konnten", ein wenig mit ihm spielte, u m Art und Haltung zu erfahren, aber er nahm doch aus jener Begegnung den angenehmen Gedanken mit nach Hause, daß es trotz des Maschinenzeitalters und der Wirklichkeitskunst, die in jenen Jahren die Bühnen beherrschten, nicht unmöglich sei, Dichtungen in Versen und Gesängen zu schreiben, „daß es wirklich neue Männer in Deutschland gab, die ihr Leben *ür die Kunst einsetzen wollten und dieses mit Eigenwillen taten". Er folgte ihnen freilich nicht lange auf diesem Wege und verfiel, bald nachdem die Blätter seine ersten Gedichte veröffentlicht hatten, durch neueste Malerei bestimmt, ins Absurde. Von Berlin wandte George sich wieder nach München. Von allen Hauptstädten Europas, die er damals schon besucht hatte oder bald besuchte, s °llte diese mittelste im germanisch-romanischen Räume die Stadt seiner dunkelsten und hellsten Geschicke werden. Mit den Entstehungs- und zugleich Ausgabeorten der drei ersten Werke, der HYMNEN in Berlin, der PILGERFAHRTEN in Wien, des ALGABAL in Paris war der Umkreis seines Wanderraumes im wesentlichen schon fest umschrieben. Berlin als Stätte der Erstgeburt blieb von da an der Druck- und Ausgabeort aller seiner weiteren Werke, aber München wurde ihm zur geistigen Heimat, w ie es der Spruch in den „Tafeln" des SIEBENTEN RINGES später verbündete, zum Ort der größten Erschütterungen und Erfüllungen seines Gebens. Schon im Vorjahre hatte er dort bei einem kurzen Aufenthalte den auch dichterisch begabten Maler Karl Bauer kennengelernt, dessen Zeichnungen später die Linien des Georgeschen Kopfes am meisten in Deutschland bekanntgemacht haben. Der mit George fast gleichaltrige Stuttgarter, — er war 1869 geboren —, hat uns selbst von dem frühen Eindruck Kunde Segeben, den die Gestalt Georges auf ihn machte. „Ich war gleich bei der er sten Begegnung" schreibt er „von dem merkwürdigen Kopfe künstlerisch und menschlich fasziniert. Soviel ich weiß, kam George damals aus Pa ris, wenigstens erzählte er vielerlei von dort, besonders von Verlaine ü nd Mallarme. Die Gesamterscheinung war aber damals eine andere als d»e bekannte des letzten Jahrzehntes, vor allem trat die Danteähnlichkeit n °ch nicht so auffallend hervor wie später. Er wirkte fast mehr wie mittelgroß, da er sehr aufrecht ging und der Hals dabei durch einen hohen vorn 63 geschlossenen Stehkragen mit anschließender weißer Schleife länger wirkte als er sein konnte. Der übrige Anzug war fast immer schwarz von modischem Schnitt. Man hätte ihn für einen Herrn der Gesandtschaft halten können. Die dunkelblonden zurückfliegenden Haare trug er ziemlich kurz und regelmäßig, so daß der kugelrunde harmonische Schädel im Profil klar hervortrat. Der spätere auf meinen Bildnissen oft so hervortretende Hinterkopf entstand durch die längere Haartracht. Die großen schmalen Hände fielen mir durch ihre damals vollkommene Schönheit auf. Wer Hände lesen kann, dem erzählen Georges Hände soviel wie sein Antlitz. Die Hautfarbe des Gesichtes hatte bereits den bräunlich blassen, dabei etwas dunklen Ton. Sehr auffallend fand ich den medusenhaften seltsamen Blick der tief unter den felsigen eckigen Stirnknochen liegenden graugrünlichen Augen, deren Iris um einen Ton heller gefärbt schien als die dunklere Epidermis der Lider und ihrer Umgebung. Dazu kam noch eine gewisse Gleichmäßigkeit im Ausdruck dieser Augen ganz im Gegensatz zu den übrigen Gesichtszügen. Alles das gab und gibt noch heute dem Antlitz etwas Sphinxhaft-Dämonisches, wie wir es bei Napoleon geschildert lesen, wo die großen Augen ähnlich aus dem fahldunklen Fleischton hervorbrachen oder vielmehr schimmerten. Die sehr breite nach oben stark zurückfliegende Stirn — mit den vielen Kanten und Flächen eine richtige Bildhauerstirn — die dichten dicken in ihrem Ansatz damals weit hereinreichenden Haare, dazu das triebsichere impulsive Kinn erinnerten mich an die Büste Alexanders des Großen, ebenso der mächtige löwenhafte Kieferknochen, während mich das Ganze mit dem energisch gepreßten Mund an die Münzen italienischer Renaissance (Malatesta, Coleoni und anderer) denken ließ. Wenn jetzt mehr Deutsches in dem Abkömmling lothringischer Bauern sich bemerkbar machte, so ist es gewiß nichts vom norddeutsch-germanischen Typus, sondern eher süddeutsch-keltisches Element. Wenn ich mich recht erinnere, so hielten andere George damals für einen Sprößling von Liszt, dem Musiker, auch Wagnerisches wurde hinter ihm vermutet. Die große Breite des Gesichtsbaues mit Magerkeit verbunden ist mir nie mehr im Leben vorgekommen. Bei meiner langen Beobachtung und Darstellung an Dichtergesichtern sind mir hauptsächlich zwei Haupttypen (und Mischung unter sich) aufgefallen: ein Schiller-Dante-Typus und ein Goethe-Homer- Typus: Georges Kopf möchte ich mehr zu ersterem zählen.--------Zum Physiognomischen möchte ich noch hinzufügen, daß bei George das Ohr besonders schön gebildet ist. Seine unregelmäßige Nase erscheint (wie die Schillers obgleich ganz gegenteilig im Profil) bald gebogen bald wellig 64 je nach der Drehung des Kopfes mehr halblinks oder halbrechts. Die Ähnlichkeit mit Dantes Maske wird immer hervortretender im Profil, und hier sind tatsächlich so ganz übereinstimmende Züge festzustellen, daß man an eine Wiederkunft denken könnte, zumal auch die bräunliche Gesichtsfarbe mit mangelndem Wangenrot dantesk ist, wie es heißt. Wesentlich verschieden von Dante ist eigentlich nur die untere Hälfte der Nase und der Bau des Kieferknochens. Wahntraum und bändigenden Willen vereinigen Unseres Dichters Züge in seltener Weise. Dem Eindruck des Gefaßten und Stolzen beim ersten Zusammentreffen steht bei näherer Bekanntschaft Lebhaftigkeit der Rede, ja Leidenschaftlichkeit und zarte Reizbarkeit im besten Sinne, die sich gern in Ironie flüchtet, gegenüber, und der Rheinfranke kommt bei der Wärme des Temperaments in der Sprache leicht zum Vorschein. — George sagte gern Verse beim Gehen her, teils von Freunden und auf "itten auch von den seinen. Auch in meinem Atelier und Zimmer hörte ich mn mit seinem hellen klaren oft markigen Organ Verse sprechen, rhythmisch jedes Wort zur Geltung bringend, doch weniger in Litaneienart, mehr den Sinn betonend als oft später. Es war die Zeit der Hymnen, der Pilgerfahrten, des Algabal". Bauer war der erste bildende deutsche Künstler, der mit George in Berührung kam, und wie die jungen Dichter von dessen Werk, so erhielt er v on dessen Zügen einen so starken Eindruck, daß er zu einem innigen Studium der europäischen Dichterköpfe angeregt wurde. Als George im Herbst 1893 wieder nach München kam begegneten ihm dort hintereinander in den drei letzten Monaten des Jahres Klages, Wolfs- kehl und Schuler, die sich damals noch wenig angingen, aber später in dieser Dreiheit von großer Bedeutung füreinander und für Georges Werk u nd Leben werden sollten. Ludwig Klages, der 1872 in Hannover geboren w urde, betrieb damals am Polytechnikum naturwissenschaftliche Studien, besonders die Chemie und beschäftigte sich nebenbei schon mit der Aus- e gung von Handschriften, aus der er in späteren Jahren seine Charakterkünde entwickelte. Der jugendliche blonde Niedersachse war eine hochaufgeschossene Gestalt von fast ausgezehrter Schlankheit, man konnte ihn mit seinen großen blauen Siegfriedaugen eine germanische Schönheit nen- ne n, die nur wenig beeinträchtigt wurde durch seine etwas schief zur Grundfläche stehende Nase. Als George ihn kennenlernte war er noch völ- üg unberührt von Fragen der Kunst, unbedarft in Dingen der großen Welt Un d in beiden noch ohne Geschmack. Seine dichterische Anregung holte er sich bis dahin bei Wilhelm Jordan. Erst in der Gesellschaft des Dichters er hielten Provinzkinder wie er und auch Wolfskehl ein wenig weltmän- 5 65 nische Haltung und Weite der Sichten, erst in der Vertrautheit mit den Künstlern öffneten sich Klages die ästhetischen und philosophischen Einsichten, die er zuerst in seinen Prosastücken in den Blättern, in seinem Werke „Stefan George" und nach dem Verlassen der dichterischen Ebene in erkenntnistheoretischer Form für ein weiteres Publikum niederlegte. „Um das Geheimnis der Welt im Diesseits und im Leben erblicken" zu können, mußte er erst einen von den wenigen gesehen und erfahren haben, die wie er von George bekennt, „bis zur schaffenden Mitte des Lebens dringen" —, um die miteinander kämpfenden Urmächte der geschichtlichen Menschheit erschauen zu können, mußte er erst, um in seinen Wendungen zu sprechen, „eine Seele kennenlernen, die dichtend lebt, deren Leib sehend ist", die die Pforten zur Urheimat der Seele wieder öffnete und das nagende Heimweh nach der Götternähe aus den Eisregionen des vergeisteten Alls zum ersten Male in verschlossenen Sigeln niederschrieb. Um dem Kennertum des heutigen Geistes und den toten Formeln der Wissenschaft, wie seine Sehnsucht lautete, zu entgehen und die „im bildnerischen Einzelwesen wirksamen allgemeinen Grundkräfte .., durch die es zwar zum scheinlosen Tropfen großer Geisterströme vermindert, aber auch erhöht wird zum Körper des Alls", zu erfassen, mußte er erst am Gebilde, an der Form im sprachlichen Organismus lernen, daß im schöpferischen Rausch die Stromkräfte des Alls das Einzelwesen erschütternd durchfluten und in die Geburt des Werkes gebannt als dessen Substanz, als „seine bewußte zentrale Einheit" erscheinen: „einzige Trägerschaft", wie Klages sagt, „metrischer wie gedanklicher Oberflächen", aber auch einziger Wissensquell von jenen allgemeinen Grundkräften des Alls und einzige Ursache, weshalb „die dichterische Sprache das natürliche Ausdrucksmittel religiösen Menschtums ist". Wenn Klages heute nicht mehr von diesen frühen Quellen seines Wissens spricht, so werden wir die Gründe dafür noch erfahren. Damals herrschten in dem Anhänger des plattesten Rationalisten Dühring noch die verstandesmäßigen Kräfte vor, aber wie schon die Liebhaberei der Schriftkunde andeuten mochte, hatte sein Geist eine Anlage, die den Bewohnern unserer Norddeutschen Tiefebene eignet, die Welt und ihre Geschöpfe in Zeichen zu sehen und zu deuten, seien sie sinnlicher oder übersinnlicher Art, Runen, Schrifthäkchen, Träume oder Gespenster. Von dieser Zeichensicht und -deutung her, zu welcher auch ein gewisser Grundzug der deutschen Metaphysik hinabreicht, erhielt Klages einen Zugang zu den künstlerischen Sinnbildern, vor denen „die geglaubte Sachwelt blaßt und zergeht im Glutringe mächtigerer Wirklichkeit". Durch die Gedichte Georges und dessen kurze andeutenden Prosasätze erfuhr Klages, 66 wie er selbst es in den Abschnitten seines George-Buches „Die Wirklichkeit der Bilder" und „Intuitiver Stil" darstellt, daß im Werk des Dichters der Trugschleier des Denkens zerrissen wird und „Konzeptionen keine Denkvorgänge und Kinder keine Allgemeinbegriffe sind", sondern daß aus der Rauschwoge des Blutes nach dem Worte Georges jenes „tief Erregende in Maß und Klang" aufschäumt, und nur die schöpferische alle Denkdeutlichkeit verschmähende Entrücktheit das Urbild heraufführt. Klages lernte hier, daß nur der wahrhaft Gläubige, weil er Weltgeschehen ^bt, um den Sinn des Weltgeschehens weiß, wie uns seine Worte über den Dichter an die wissensstolzen Zeitgenossen bezeugen: „Was ihr unverständlich und verworren scheltet, ist es nur, weil eure Leiber nicht mehr sehend sind — weil ihr hinausgestoßen in die glutlose Helle des Tagesbewußtseins, Leichname der Abstraktion für Wirklichkeiten nehmt! Wem Linien nicht mehr klingen, Farben nicht duften, Töne nicht wärmen °der kühlen, wem nicht weissagend und dröhnend der Feuerkreis aus Blumen und Sternen sich dreht, der höhne den Dichter lieber einen Wahnsin- ni gen als daß er mit Insektenblick seine Hautporen zähle, um ihn zu 'begreifen'". Aus dieser Sicht ins dichterische Werk erhielt die ihm eigentümliche Kraft der Zeichendeutung neue Befruchtung. Er erkannte, daß alles was a n Zaubersprüchen, Mantik und Beschwörungen auf uns kam oder neu entsteht, ohne den Umweg über die unfruchtbare Zahl- und Regellust des Verstandes über den dorrenden Sand der Aufklärung aus Blutgrund und »Goldfeuchte der Scholle" in Wort, Gebärde und Gemeinschaft steigen muß, um neues Leben zu zeugen. Aber freilich blieb ihm von diesem Bezieh her aus der Eigentümlichkeit seiner nordischen Herkunft stets ein **ang ms Innerliche und Dämmrige, ins Weite und Gestaltlose, ins Vor- Ze itliche und Vormenschliche. Er wurde Gespenst und Schemen nicht los, S f iff immer noch lieber zum Zeichen des Lebens als zur lebendigen Gestalt u nd d er so senr um die Urkraft wußte und warb, scheute so sehr eine letzte Eingabe an den erkannten und erschauten Träger der Urkraft, daß er jede webende Näherung mit Flucht ins Einsame, jeden Vorstoß ins Gemeinsame mit trotzigem Rückzug auf sich selbst bezahlen mußte. Er blieb der norddeutsche Mystiker der das Aufgehen im All der Hingabe an die höchste menschliche Erscheinung vorzog und wurde wieder, als jenes mißlang, der Vereinzelte und Protestierende, der noch vom Dichtererbe Ze hrt aber vergeblich mit den verhaßten und damals so geschmähten Mitteln der verstandesmäßigen Erkenntnis das Weltgeschehen zu fassen sucht. Damals in München blühte sein heller Geist und seine dunkle Seele von 67 der „Blutwoge" des Dichters getränkt zu schönerem Leben auf und George suchte ihn von den neuen Gefährten am liebsten und häufigsten. Karl Wolfskehl, den George einen Monat später sah, war 1869 in Darmstadt geboren und hatte dort das gleiche Gymnasium besucht, ohne daß die durch eine Klasse getrennten Schüler sich berührten. Als er Ende des Jahres 1892 in Gießen, wo er das Studium der Germanistik betrieb, durch Georg Edward die ersten Gedicht- und Blätterbände kennenlernte, erfaßten die Gedichte Georges ihn augenblicklich und dieser erste Eindruck war bestimmend für sein ganzes Leben. Das geformte Wort Georges war durch die ihm innewohnende Haltung Entscheidung heischend vor ihn getreten: „Ohne alles vergleichende Werturteil", so schreibt er selbst, „ja ohne auch nur an persönliche Vorliebe, Wesensverwandtschaft mit mir selbst oder irgendwelche näheren Zusammenhänge zu denken, war mir mit einem Male klar geworden, was mit mir, mir selber los sei, wohin ich selber gehöre, was von da ab mein Leben zu bedingen habe.-------Plötzlich war die Welt zwar nicht .vollkommen', aber sie hatte einen Sinn erhalten, man wußte warum man da war und zu welchem Ende" (Liter. Welt, Juli 1928). Bei der ein Jahr später folgenden persönlichen Bekanntschaft wirkte die Einheit von Träger und Werk, die jeder davon Berührte auf allen Lebensstufen des Dichters mit gleicher Macht erfuhr, auch auf Wolfskehl mit der Gewalt einer höheren bisher ungekannten Menschlichkeit und während des ersten Jahres seines Münchener Aufenthaltes, wo er gewöhnlich zweimal in der Woche mit George allein zusammen kam, überließ er sich ganz dem Zauber dieses Geistes, der ihn aus allen gewohnten Regungen riß und ihm das Auge für niegeahnte Bereiche des dichterischen Schaffens öffnete. Wolfskehl war eine spät zu Reife und Einheit kommende Natur, weil sein Anteil sich nicht einem sondern vielen Gebieten des Lebens und Wissens zuwandte: ihn erfüllte ebenso die flammende Neugier nach der Fülle der Erlebnisse wie der brennende Eifer nach der Tiefe des Wissens, keine Enge noch Weite, keine Höhe und keinen Schlund wollte er unbesucht und unversucht lassen, an jeder dunklen Stelle und jedem unvollkommen überlieferten Bruchstück der Dichtung mußte er seinen Spürsinn üben, ein großes Wissen um alle Zonen des Schrifttums befähigte ihn zu vergleichender Erklärung, wie sie wenigen Sonderkennern der gleichen Zweige zu Gebote stand. Die ganze Spanne zwischen Bibel und Edda, zwischen dem Hildebrantslied und dem Allerneuesten des Tages suchte sein unersättliches Verlangen nach den verborgenen Schönheiten und Rätseln dichterischer Gebilde zu durchdringen, aber nur selten und spät von äußerer Not getrieben, faßte er etwas von diesem Wissen in kurzen Einzelstudien zusammen. Denn das gesellige Leben mit all seinen Leiden und Freuden, 68 Flügen und Stürzen füllte die Tage und Nächte des Unermüdlichen, Menschenhungrigen aus und mit vollen Händen unbekümmert um Verderb, Mißbrauch oder Aufgang der Saat schüttete er die Schätze seiner reichen Natur in Gute und Schlechte: wer nicht faßte oder in jugendlichem Vertrauen zu viel verschlang, verdarb daran, wer faßte und in seinen Wirbeln feststand, wurde reich daran. Ihn selbst konnte nichts vernichten, solang seine Bahn um die einmal gefundene Mitte kreiste, mochte er bis an die äußersten Ränder schweifen, in Gluten des Rausches, in Gründe des Ekels tauchen, er faßte immer wieder den letzten Zipfel des Schleiers und rettete sich ins dichterische Gebild. Er hat tausend Menschen verschlungen und sich nicht übersättigt, tausend Abenteuer bestanden und sich nicht verzehrt, tausend Richtungen der Kunst geliebt und sich nicht vertan — seine Kraft, seine Liebe, sein Urteil kehrten immer wieder heim und blieben im Kerne heil. Man hat in vielen Schlüsselromanen die Seltsamkeit seiner äußeren Erscheinung geschildert, die ein wenig stockende stotternde Redeweise, die ewige Hast seiner bewegten Glieder, die Übersteigerung all seiner Urteile über Menschen, die er unglaublich schön, bevor sein kurzsichtiges Auge sie recht gesehen, unglaublich gescheit fand bevor sein schneller Geist ihnen Ruhe zur Äußerung gelassen hatte. Aber diese Schreiber haben nur die skurrile Seite seines Wesens beachtet und selbst von seiner körperlichen Gestalt ein falsches Bild gegeben, weil ihnen die Fähigkeit mangelte sein echtes zu sehen: dieser hohe breitgefügte Körper war von einem wühlenden Fieber bewegt, das nie ermattete, dieses kräftige Haupt, das er oft stolz und jäh zurückwarf, so daß die schwarzen Locken von der hohen weißen Stirn zurückflogen, war von einem Wissen berauscht, das die Besten bannte und in Atem hielt, dieses halbblinde Auge war von einem Feuer durchglüht, das sich an der Schönheit entzündete und vor der Meduse des Grauens nicht bebte, dieser in der Frühzeit von bräunlichem Bart umrahmte üppige Mund schwoll stets von drängenden Worten über, die schmeicheln, verführen, bezaubern konnten Und mitrissen in die Rätselfragen der Wüsten- wie der Mitternachtsonne, die aber niemals Öffneten, was verschlossen bleiben, niemals ein Geheimnis verrieten, dessen Bewahrung dem neuen Leben dienen sollte. Aus dem flackerigen Studenten, dessen Gaben noch schlummerten, wurde Unter Georges Händen jenes Wesen, das in Jachheit und Glut seiner Rede Und Gebärde am ehesten an die Propheten seiner Rasse gemahnt, getränkt fnit dem Wein des heiligen Zornes und giftigen Ekels aus allen Bechern der Zeit bis auf unseren Tag. Zu diesen beiden, die so erst wurden, trat im Dezember Alfred Schuler. Wird man es wieder Zufall nennen, daß Georges erste Wohnung in 69 München der Schulers schräg gegenüber lag? Es ging schon die Rede um ihn in einem Kreis von unbeträchtlichen Genossen, die ihn für geistig schwer gefährdet erklärten. Es war kein Neuling sondern ein schon in eigener Esse Geformter, ein Mann am Ende des dritten Jahrzehnts, ein Sonderling, den nur eins erfüllte, der blieb was er war und dennoch nur weiterlebte und als menschliche Erscheinung sichtbar wurde, weil George ihn traf und ihm die Luft zu atmen gab. Er war im Jahre 1865 in Zweibrücken geboren, ein katholischer Pfälzer und Römererbe aus der Stadt der Bipontiner Ausgaben, von knapp mittelgroßer untersetzter Gestalt, hatte die Züge des männlichen Goethe an seinem schöngeformten breiten Haupt mit der hohen mächtigen Stirn und den großen wenn auch helleren Augen, auf deren Grund eine dem Olympier fremde Schwermut lag. Doch wechselte er in Haltung und Gebärde blitzschnell sein eigenes Bild, glich eben im Gehen und Sprechen einem katholischen Priester und erinnerte gleich danach in plötzlicher Starrheit mit stummen unbeweglichen Zügen an die Büsten römischer Kaiser — zwei Menschenarten also, die bei aller Ferne doch aus einer Wurzel kamen. Obwohl seine akademischen Lehrer ihn sehr geschätzt hatten, hatte Schuler sein Studium der Archäologie schon frühzeitig aufgegeben. Er sah in den Archäologen nur grabschände- rische Schurken, die alles was heilig im Boden wirkte und im verborgenen Dunkel noch menschliches Leben förderte, mit gewissenloser Absicht ans Tageslicht heraufhöben und in den Museen zum wirkungslosen Schaustück erniedrigten. Dieser sein Zorn gegen alle wissenschaftliche Neugier kam aus der Ehrfurcht gegen das einmal Versunkene, die auch dem antiken Menschen eignete, er kam mehr noch aus dem stolzen Gefühl, selbst der lebendige Verwalter des antiken Schatzes, ja der Erbe und spät in fremder Zeit geborene Nachkömmling der Römer zu sein. Er trug sein höheres Wissen von jener versunkenen Welt aus der Ahnenschaft verschollener Geschlechter lebendig im Blute, sah mit einem Blick aus überkommener Schrift oder Scherbe die verlorenen Geheimnisse jenes Volkes, hob mit einem Wort die vom Schutt der Jahrtausende überdeckten Zusammenhänge ans Licht und weste mit keinem anderen Zweck im Kreise blutverwandter Bilder und Gedanken, als um im eigenen Leben den Hauch des römischen Lebens zu verspüren. „In Schuler" so schildert ihn Klages später im Kosmogonischen Eros, „trat uns die unter Zeitgenossen wahrscheinlich beispiellose, aber selbst in der .Weltgeschichte' sicherlich äußerst seltene Erscheinung entgegen einer ganz unbezweifelbaren Wiederkehr vormals gelebter Lebensschauer oder um deutlicher symbolisch zu reden, der Neueinkörperung von erloschenen Funken ferner Vergangenheiten: welchem zufolge sein Träger sich niemals in Werken 70 hätte vollenden können, sondern nur durch Umschmelzung dieser ganzen verdorrenden Gegenwart in einem zurückbeschworenen Ehmals. Und nur, weil sich außerdem noch begab, wofür wenigstens uns kein Vergleichsfall bekannt ist, daß der in solchem Sinn Nochmals-Geborene zugleich sich dessen durchdringend bewußt zu werden die Kraft erhielt, ward er Entzifferer des verborgenen Sinnes mehr als einer Rune der Vorzeit und gab so verschwenderisch als wahllos dem mündlichen Wort an- heim, was i h m freilich nur bedeuten konnte ein beinahe selbstverständliches Nebenher wieder g e 1 e b t e r Ahnenschaft." Als George auf Schuler traf, hatte dieser freilich weder die Möglichkeit zum verschwenderischen Wort noch zum Weiterleben in der wider- hallosen Luft einer geistigen Einsamkeit. Ja er hatte durch das beständige Hinausschreien ohne verstanden zu werden etwas gefährlich Übersteigertes bekommen. Eingesperrt in den Kerker eines verschollenen Lebens, mit zynischer Verachtung gegen alles Heutige, gewiß daß nur e r wahrhaft lebe und alle anderen tote Larven, daß nur er wirklich wisse und alle Gelehrten Narren oder Betrüger seien, gewiß, daß nur er Mittel und Wege zur Heilung der jahrtausendealten Krankheit Europas kenne und alle Priester Lügner, alle Staatsmänner Frevler, alle Gesellschaftsneuerer Verbrecher am Menschen seien — dabei unfähig etwas anderes aus diesem Kerker von Hohn und Verachtung zu äußern als sein für alle Lebenden unfruchtbares Wissen und daher von jedem, zu dem er davon sprach, ja der ihn nur ansah in der unheimlichen Geste seiner unbedingten Fremdheit, für verrückt und wahngeschlagen gehalten: wie mußte dieser beinahe Dreißigjährige, der einsam, unverstanden, beruflos mit seiner alten Mutter lebte, wie mußte dieser Gottbegeisterte ohne Gott, dieser Tatbegeisterte ohne Tat, dieser Wortbegeisterte ohne Wort, aufhorchen, als im AL- GABAL eine Stimme aufklang noch verwegener als die seine, ein Wissen noch abgründiger als das seine, ein Heidentum noch tiefer als das seine Und dies alles nicht winkelhaft und verworren sondern herrisch überlegen in einer rauscherregten und -erregenden Sprache, als Gesicht eines Gegenwärtigen, das die Neugeburt einer verlorenen Menschenart in unserer Zeit verbürgte. Gewiß in aller Hoffnungslosigkeit der Gegenwelt hatte Schulers Stolz keines Trostes, in allem Unverständnis der Umwelt hatte sein Glaube, der sein Wesen war, keiner Bestätigung bedurft, aber ein Mensch dieser Art erstickt, wenn er nicht endlich sprechen kann, wird wirklich wahnsinnig wenn er überhaupt kein verstehendes Ohr findet. Und nun kam einer, von dem das Gleiche galt, der aber bei gleichem Stolz und Glauben vor gleicher Gegenwelt und Umwelt dennoch durch Werk Und Rede zu wirken und zu handeln wußte. Wie mußte der Verfemte 7i aufblicken und vor diesem Einen aufsprühen lassen, was an verschlossenen Kräften und Zaubern in ihm war! Freilich ein Dichterisches, das erkannte George bald, konnte die Ausdrucksform dieses Mannes nicht sein: sein Dithyrambus, den er George fast noch mit dem Pathos des einsamen Wahnes vorlas, war das verworrene Gestammel einer pythischen Stimme, aus dem nur hie und da der blitzende Funke eines zerbrochenen Schmuckstücks, der verlorene Fund eines tiefererregbaren Geistes aufleuchtete. Aber die ganze Wirklichkeit seines fremden Menschentums trat mit unheimlicher Kraft zutage, wenn er in abendlicher Gemeinschaft ein Gefäß, eine Scherbe des Altertums in der Hand hielt oder von Geräten des Volkes redete, an denen noch heute auf dumpf überlieferten Wegen eine Wesenheit jener Zeiten hafte. Dann sprach eine dunkle monotone Stimme und es war keine Erklärung, keine Deutung der Bilder und Dinge mehr, die sie gab, sondern ein Wiedererstehenlassen versunkenen Lebens selbst, ein Aufbeschwören von atmenden Gestalten, als habe die Zeit sich im eignen Schlund zurückgedreht und die Gegenwärtigen zu Mitlebenden eines ehemals kreisenden schöneren Lebens gemacht. George war der erste, der nicht nur begriff was Schuler wollte sondern auch was er war, der Wesen und Äußerung dieser dämonischen Natur gelten ließ und als wertvolles Menschtum in einer verstandesmäßig überzüchteten Zeit erkannte. Er löste ihn aus seiner unfruchtbaren Vereinzelung, indem er ihm einen Kreis zeigte worin er endlich seine Stimme erheben konnte und Widerhall fand. 2. KAPITEL: DIE ZWEITE FOLGE UND DER MÜNCHENER KÜNSTLERKREIS ZUR gleichen Zeit, in der diese bedeutsamen Beziehungen geknüpft wurden, hatte auch ein junger Wiener, Leopold zu Andrian-Werburg sich mit einigen Gedichten an die Blätter gewandt und kam im Februar des Jahres 1894 selbst nach München, um George aufzusuchen. Der damals neunzehnjährige Andrian — er war 1875 in Wien geboren — stammte aus dem alten Geschlechte der Freiherren von Andrian und war von mütterlicher Seite ein Enkel des Komponisten Meyerbeer: sonst ganz Wiener Blut, wie er denn auch in Sprache und Gebaren das Wienerische mehr markierte als etwa Hofmannsthal, mit dem er schon bekannt war. Sonst hatte er wenig Ähnlichkeit mit dessen leiblicher Erscheinung. Er war von kleiner fast zierlicher Gestalt, dunkler Prägung mit leichtem jüdischem Einschlag, aus den stolzen eigenwilligen Zügen seines Gesichtes stachen 72 kluge ja listige Augen mit etwas schwimmendem Blick und die Oberlippe zierte ein für die jugendlichen Mienen überkräftiger Schnauzbart. George traf im gleichen Jahre noch einmal in Wien mit ihm zusammen, als Andrian eben seine Erzählung „Der Garten der Erkenntnis" vollendete, dann sahen sie sich nicht mehr wieder. Andrian trat in den diplomatischen Dienst und ging bald ins Ausland. Sein Name wurde im Weltkriege noch als der des Gouverneurs in dem von Österreichern besetzten russischen Gebiete genannt. Der fromm gewordene Staatsmann blickte auf seine Dichtungen wie auf Jugendsünden zurück, aber nach dem Kriege gab er in einer jener unerklärlichen Wallungen, die in den Jahren der Erschütterung viele ergriffen, seinen „Garten" und seine Gedichte nochmals heraus, die letzteren mit nicht immer glücklichen Zusätzen und Änderungen. Sie fanden in dieser neuen Form so wenig Widerhall bei der Menge wie e in Vierteljahrhundert vorher und Hermann Bahr, der dem jugendlichen Hofmannsthal die große Zukunft vorausgesagt hatte, irrte sich ganz über Andrian, dessen „Garten der Erkenntnis" er damals einen Widerhall in ganz Europa verkündete. Solche Werke sind stets nur von den wenigen geschätzt und geliebt worden, die in ihnen nachfühlend das innerste Schicksal einer Lebensgemeinschaft spüren: hier das des alten Österreich °der genauer des alten Wien. Schuler hat diesen Andrian schwärmerisch verehrt, weil er aus ihm die „Wiener Essenz, die noch schöpferische Substanz der Hofburg" spürte, Verwey widmete ihm eine lange Besprechung Und zeichnete „das Leben eines jungen Wieners im letzten Viertel des x 9- Jahrhunderts", jene brüchig gewordene Einheit von Alltag und Lebenswunder mit leisen Strichen nach. George hatte in den ersten eingesandten Gedichten das Artvertretende des jungen Dichters an der Absichtslosigkeit seiner Äußerung erkannt: s ie waren das noch unbewußte Blühen einer eben auf der Schwelle des Erwachens stehenden jungen Seele, von geringerer Könnerschaft, aber auch Weniger „Literatur" als die Dichtungen Hofmannsthals, im Ton noch z arter als dessen Verse aber von größerer seelischer Bewegtheit und einer fast unerklärlichen feinen Stofflichkeit, die sie heute noch erregender erscheinen lassen als die seines größeren Mitbürgers. Die Natur hatte sich *n ihrer spielenden Willkür eine junge überempfindliche Knabenseele ausgesucht, um eine kurze reizvolle Blüte in ihr hervorzutreiben und ihr dann ein Weiterblühen zu versagen: das ist Andrian. Die wenigen Gedichte v on ihm vereinigen die Anmut der Jugend mit der schwanken Zier der Spätzeit. Sie halten damit eine menschliche Weltminute fest, die zwischen alternder Zeit und jugendlichem Leben an jeder großen Wende pocht ü nd die dem frischen Eroberer auch den versinkenden „Reiz der verwelk- 73 ten Dinge" noch einmal ahnen ja ihm lockend erscheinen läßt, wie dem Barbaren die Töchter und Schätze von Byzanz. Mit dem „Garten der Erkenntnis'", den er 1895 m einem Berliner Verlage veröffentlichte, der „grundsätzlich" keine Poesie aufnahm, beschloß Andrian seine Jugendblüte. — Es war ein Werk, das wie seine Gedichte außerhalb des gewöhnlichen Literaturbetriebes stand und stehengeblieben ist, weil es von der neuen Dichtung jenen Abstand zum Leben, jene geistige Ferne von der nackten Tatsächlichkeit mitbekommen hatte, die der bürgerliche Zeitgenosse nicht verstand. Es gibt auf kaum vier Bogen ein in seiner Art einziges seelenhaftes Bild einer Stadt: dieser bestimmten Stadt Wien in dieser bestimmten Schicksalsstunde, als sie eben noch den ganzen Stolz und Reiz ihrer Überlieferung und schon den Endhauch vor dem Erlöschen in ihren Mauern fühlte, als ihre Musik noch von den Resten der hohen Meisterzeit um die Wende des 18. und 19. Jahrhunderts zehrte und die lockenden wiegenden Töne noch das tägliche Leben ihrer Bewohner bis in die Weinberge vor den Toren ihrer Stadt wirklich mitbestimmten, als ihr Burgtheater, das dritte der großen von Weltberühmtheit neben der Skala in Mailand und der Comedie in Paris, noch unmittelbar in das Dasein seiner Bewohner wirkte und das Auftreten eines Schauspielers in einer neuen Rolle ein Ereignis von wesentlicher Bedeutung für die Wiener war. In dem vergeblichen Suchen Erwins nach dem Geheimnis des Lebens verfingen sich noch alle Bilder des Wiens der heiteren Anmut und des leichten Lebens, der Keckheit seiner jugendlichen oft knabenalten Schriftsteller, der Freude an festlichem Kult und an fröhlicher Feier, verfingen sich auch mit zynischem Witz und Selbstspott die Ahnungen vom Ende, das müde Sich-Beugen unter veraltetem Priesterregiment, der Zweifel am eigenen Können und die erschauernden Blicke in die Seelengründe und Seelenwinkel, aus deren Labyrinth es keinen Ausweg mehr gab als frühen Verzicht oder frühen Tod. Erwin, das Narcissus-Sinnbild der schönen Stadt, stirbt diesen Tod, Andrian nahm den Verzicht auf sich. Denn vor dem Weitergehen im geistigen Bereich, als die Kraft erlosch, vor dem Abgleiten ins literarische Geschäft bewahrte ihn mehr noch als Stand und Reichtum der Stolz und die Sauberkeit seiner Natur: er wählte die tüchtige Arbeit des Amtes und ließ schön zurück was einmal schön in ihm war. Für die Blätter wurden alle diese Erweiterungen des Georgeschen Lebenskreises sofort fruchtbar: zu den früheren Mitarbeitern traten schon vom ersten Bande der zweiten Folge ab, der im Januar 1894 erschien, Klages und Andrian mit ihren Beiträgen, denen Wolfskehl und andere im Laufe des Jahres folgten. Mit unveränderter Führung und den glei- 74 chen Ansichten, wie sie die erste ausgesprochen hatte, wurde die zweite Folge eröffnet. Trotz der wachsenden Bekanntschaft in größeren Kreisen des Schrifttums schien den Blättern die Sorge um eine weitere Verbreitung müßig, solange „das Künstlerische in der Dichtung besonders vom jüngeren Geschlecht gestandenermaßen hintangesetzt und verwahrlost" wurde. Um so ernstlicher wollten sie, wie eine kurze Vorrede betonte, von ihrer kleinen Arbeiter- und Leserschaft aus auf die Forderungen der dichterischen Erziehung und des Geschmackes hinweisen und nach jener höchsten Freiheit der Bewegung streben, woraus erst das Werk entsteht (II, i). Mit einigen bohrenden andeutenden Sätzen, den „sibyllinischen Zeichen aus denen die Jugend ihre tiefste Anregung empfängt", setzten sie sich mit den Strebungen und Schlagwörtern der Zeit auseinander, verwiesen den Begriff des Niedergangs (Dekadenz) in das Gebiet der Heilkunde, die Romane in das Gebiet der Berichterstatterei, wo ihnen immerhin ein gewisser zeitgeschichtlicher wenn auch geringerer Wert als der der Tagesblätter, Richtverhandlungen und behördlichen Erzählungen zukomme, und warnten vor allen Fremdwörtern, unter denen sich leicht das Leere und Unzulängliche verberge: „Wenn ein Satz, der eines solchen Wortes nicht entbehren kann, fortfällt, so wird weder Sprache noch Gesellschaft dadurch einen Verlust erleiden". Diese und noch einige anderen abgrenzenden Sätze über den Schauspieler und den Kunstrichter sind heute nach einem Menschenalter noch ebenso gültig und wichtig wie die bejahenden Über das Kunstwerk. George, denn wir erkennen oft seine Tatze an der Prägung der Sätze, schied schroff zwischen älterer und heutiger Kunst: »Wir wollen keine Erfindung von Geschichten sondern Wiedergabe von Stimmungen, keine Betrachtung sondern Darstellung, keine Unterhaltung sondern Eindruck. Die älteren Dichter schufen der Mehrzahl nach ihre Werke oder wollten sie wenigstens angesehen haben als Stütze einer Meinung: einer Weltanschauung — wir sehen in jedem Ereignis, jedem Zeitalter nur ein Mittel künstlerischer Erregung. Auch die Freisten der Freien konnten ohne den sittlichen Deckmantel nicht auskommen (man denke a n die Begriffe von Schuld usw.), der uns ganz wertlos geworden ist. Drittens die Kürze — rein ellenmäßig — die Kürze". Bis zu der jüngsten »Weltanschauungskunst" war hier jede Sinngebung der Kunst aus anderen Gebieten verurteilt, jeder Überwurf, jede Zweckhaftigkeit außer l hrer selbst verworfen: das Gedicht sei nur zum höchsten geistigen Genüsse da, eine Zweckdichtung gäbe es ebensowenig wie ein Zweckgemälde c der ein Zwecktonstück. Nicht aus der Begrenztheit oder Teilhaftigkeit der Kunst sondern aus ihrer allumfassenden Kraft wollte der Werker sie r ein und in ihrer Reinheit der höchsten Wirkung fähig machen. Kunstwert 75 besaß ihm nur die Arbeit, die Menschen oder Dingen irgendeine neue unbekannte Seite abzugewinnen und als möglich darzustellen wisse. Die sprachlichen Mittel dazu waren ihm Auswahl, Klang, Maß und Reim, das seelische Mittel „als die natürliche Folge geistiger Reife und Tiefe": das sinnbildliche Sehen. Denn „das Sinnbild ist so alt wie die Sprache und Dichtung selbst. Es gibt ein Sinnbild der einzelnen Worte, der einzelnen Teile und des Gesamtinhalts einer Kunstschöpfung. Letzteres nennt man auch die tiefere Meinung die jedem bedeutenden Werk innewohnt". Dazu lese man den Abschnitt „Über Dichtung", der jetzt in die TAGE UND TATEN aufgenommen ist. Diese kühlen sachlichen Sätze rührten an das Kleinste wie Größte des künstlerischen Schaffens und man spürte ihren Widerhall noch in der gleichen Folge in den Aufsätzen von Paul Gerardy und Ludwig Klages. Der erstere umschreibt in seiner „Geistigen Kunst" (II, 4) die Symbolik als die Kraft unter allen bedeutungsvollen Dingen das Größte und Schönste, das durch seine vollkommene Form der unbedingten Einheit dem höchsten Traum sich Nähernde auszuwählen und als die Fähigkeit dies mit klarer schöner und sogar am Abgrundsrande unerschütterter Stimme zu sagen. — Klages durchbrach in seiner „Seelenlehre des Künstlers" (II, 5) die bisherige Lehre vom Schönen und statt auf die Feststellung und Ausmessung der Begriffe Schön und Häßlich gründete er sie auf die Trieb- und Formkräfte des Künstlers, auf sein bewußtes und unbewußtes Wählen, Formen und Bearbeiten des Seelenstoffes, auf seine Fähigkeit Zeichen zu geben für die geheimnisvollen Werte von Seele und Welt. Triumphierend schlägt uns aus beiden das neue Wissen um Kunst und Künstlertum entgegen, sie wollen sich nicht unter dies oder jenes Schlagwort reihen, nicht dies oder jenes tun: nur Künstler sein und Werke schaffen: „Man darf den Dichtern, die sich hier vereinigt haben nicht die leeren oder unvollständigen Namen Mystiker und Symbolisten beilegen, denn das wollen sie nicht mehr sein als die klassischen Meister es waren. Allein der Name Künstler genügt und paßt ihrem geringen Stolz. Eine reine klangvolle strenge und schöne Sprache ohne irgend etwas von dieser leichtfertigen und zerfahrenen Weise die heut im Schwung ist. Kein Dunkel, kein Wirrwarr, die kräftige Schönheit, die Feinheit ohne kränkliche Verziertheit, das ist was die neuen Dichter erstreben. Fern liegt es ihnen, Dinge und Ereignisse zu beschreiben — ihnen heißt es nur: hervorrufen und einflüstern mit Hilfe wesentlicher Worte. Sie werden keine Erfindungen machen, Gesellschaftsfragen lassen sie kalt, die Menschen sind für sie von geringem Interesse. Denn ihre Aufmerksamkeit richtet sich auf den Menschen und Glaubensbekenntnisse haben für sie nur durch den darin eingeschlossenen Schönheitsgehalt einen Wert. 76 Sie sind keine Sittenprediger und lieben nur die Schönheit die Schönheit die Schönheit". So Gerardy und nicht anders als der Ton des wallonischen Franken klang der des weifischen Niedersachsen wenn er von dem tiefsten Kennzeichen des Meisterwerkes sprach: „daß es in uns eine Lust entzündet, etwas Ungeheures hervorzubringen. Aufgewühlt werden in uns schlummernde Tiefen. Wir erwachen aus dem Leben des Alltags wie aus einer öden Vereisung der mächtigen Ströme unseres Innern. Mit Erstaunen glauben wir neue Kräfte zu entdecken und werden einer ungewohnten Spannung gewahr. Dies Ringen und Branden ist der Kampf mit dem Genius des Künstlers — aber es ist ein berauschender Kampf. Die Kunst heizt mit Lebensdurst und großen Selbstgefühlen und das ist die höchste Wirkung, die Dichter und Künstler wünschen dürfen" ... denn „mögen sie sich selbst über den eigentlichen Zweck ihres Schaffens täuschen, es bleibt doch das Nämliche: ein Leben hervorzubringen das höhere Wogen schlägt a ls das wirkliche und mit dessen Notwendigkeiten eine menschliche Willkür schaltet". Und doch waren dies nur die Begleittöne, welche neben den neuen Dichtungen in der zweiten Folge einen kaum nennenswerten Raum einnahmen und erst von diesen her ihren Ursprung und Sinn bekamen! Von George selbst enthielt sie eine Anzahl Gedichte aus den noch unveröffentlichten BÜCHERN, auch die darin nicht aufgenommene Sage „Die Herrin betet", Proben aus dem werdenden JAHR DER SEELE, Übertragungen von Baudelaire, Verlaine, Rossetti und Waclaw Lieder, einige Prosastücke a us TAGE UND TATEN und die Umschreibungen einiger Auftritte aus >Manuel'. Zu den früheren Mitarbeitern, von denen Hofmannsthal drei sonst nicht mehr veröffentlichte Gedichte, Gerardy die schönen „Ritterlichen Träume" „Jungfrauen", und die George-Widmung, Karl August Klein, Dauthendey und Georg Edward ihre Lieder beisteuerten, traten die neugewonnenen Freunde Andrian, Klages, Wolfskehl schon im ersten und zweiten Bande, dann im fünften Bande Richard Perls, von dem noch zu reden sein wird. Die Beiträge der drei Erstgenannten sind von einer Be- sonderung und Eigenwilligkeit, welche die Rede von den „Nachahmern Georges" schon in dieser Frühzeit Lügen straft und sie nur aus einer zu schwachen Hörfähigkeit und mangelnden Unterscheidungsgabe der Beurteiler erklärbar macht. Die Lieder Andrians unterscheiden sich trotz der Semeinsamen Wiener Herkunft noch von denen Hofmannsthals durch eine eigene unverkennbare und unwiederholbare Seelenhaltung: der eines Jungen gefangenen Fürstenkindes, wie er es selber in einem später veröffentlichten Sonett (III, i—2) gezeichnet hat: das mit der Müde und Traurigkeit alter Geschlechter beladen ist, aus der Fremdheit des Zu- 77 spätgekommenen in die harten Rätsel des Lebens schaut und mit der rührenden Anmut der Jugend sich vor dem Unbegreifbaren beugt das schön ist und doch zermalmt. Daneben stehen die Stücke von Klages wie eine nordische Sturmnacht neben einem sanften südlichen Abendhimmel. Wie an seiner Gestalt Desi- derata werden in seiner Seele altersgraue Zeiten wach, die Erinnerung an das schon Schlummernde wird durch irgendein Zeichen in ihr aufgeweckt und sie fährt auf der eigenen Blutfahne rückwärts in ihr gewesenes und doch auch seiendes Leben. Mensch und Ding sind bei ihm vom Geheimnis der Schatten umwittert und stehen immer auf dem Gefahrpunkt eines dunklen Schicksals, seine Gestalten treten nur jäh beleuchtet oder groß- schattig aus der Nacht: im Blitz der sie trifft oder im kleinen Licht des Hauses, das im Sturme zittert. Ein Barbarenhauch der Heide bricht aus diesen frühen Gedichten, die Sprache ist stockend wie aussetzende Windstöße und das innere Gesicht nicht völlig durchformt, als ob Gedanken sich einmischten, die doch zurückgedrängt und verschwiegen würden. Im Gegensatz dazu ist Wolfskehl ganz Dichter, vom Sprachlichen aus bewegt, seine ersten Verse von einer metrisch-strengen Durchbildung, die erst ein Jahrfünft später unter dem Einbruch schwerer Erschütterungen sich zu lockern begann. Hier ist sie noch ganz von der neugewonnenen handwerklichen Zucht beherrscht, obwohl die Maßfolgen reichbewegt und immer wechselnd sind. Man spürt zuweilen noch den Kenner der Klassik und Romantik durch, aber jeder epigonale Rest ist im neuen Feuer aufgezehrt. Sein Seelengut ist älter als das von Andrian, reicher als das von Klages und vor beiden zeichnet ihn eine Kraft der Vergegenwärtigung des Erbes aus, die diese älteste Seele als die jüngste und heutigste erscheinen läßt. Die Gestalten, die sie heraufführt, bewegen sich um das Geheimnis des Opfers und des heldischen Lebens. Die Sinnbilder sind meist dem Vorstellungsbereich des Altertums entnommen, aber sie deuten und bedeuten das Geschehen des Nun und Hier: Sehnsucht und Gefahr des Wachstums, Spähe nach dem königlichen Führer, Bereitschaft zum / Dienst, Spende und Fest. Mit der zweiten Folge begann auch eine Erweiterung der „Blätter" auf das Gebiet der bildenden Kunst, nicht etwa so, daß George mit den wenigen eingeschalteten Kunstbeilagen ähnlich wie mit den Dichtungen ein Muster für die Umordnung des Malerischen zu geben meinte sondern so, daß er allgemein auf die Einheit der verschiedenen Künste hinweisen wollte. Er fand auch auf dem Gebiete der bildenden Künste, besonders der im Vordergrund des Anteils stehenden Malerei, die gleichen Gegensätze wie im Schrifttum vor. Die ihm von Paris her wohlbekannte von Courbet, dem 78 Stürzer der Vendomesäule, eingeleitete Bewegung der naturalistischen Malerei war von der Verwerfung jedes geistigen, ja überhaupt jedes höheren menschlichen Vorwurfes in den neunziger Jahren schon bis zur ausschließlichen Schätzung des freien Vortrages, eines rein optischen Impressionismus gelangt: als Malwerte wurden allein die Reize anerkannt, welche das Auge von außen trafen. Unzweifelhaft hatten die jungen Geschlechter der beginnenden zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein Recht sich gegen die verbürgerten Formen der Kunst zu wenden: dem Epigonentum in der Literatur entsprach ein „Salonidealismus" in den bildenden Künsten, der die überlieferten geistigen Werte zu rührseligen lüsternen und schein- Prächtigen Szenen herabwürdigte, deren Verlogenheit auch ein großes technisches Können nicht mehr rechtfertigen konnte. Aber was die Umstürzler an seine Stelle setzten war weder eine größere Technik noch ein höheres Leben, sondern eine Auflockerung von beiden. Die Schilderung des bürgerlichen Reichtums, der Harems- und anderer Diven wurde ersetzt durch die Schilderung des Schwächlichen, Kranken, Gedrückten und Verbrecherischen, die pikante Schönheit durch das pikante Elend, der erklügelte Prunk durch die niedrige Häßlichkeit. Unter der Behauptung, die u >nge zu malen wie man sie sehe, malte man nur die Flecken flüchtiger un- Seformter Sehreize, die zu einer stetigen Steigerung nervenerregender kichtflimmer, wirbelnder Bewegungen und verschobener Blickpunkte führte, in denen alle Gegenstände, Menschen, Tiere und Dinge, da sie nun ei nmal nicht völlig in Farbflecke aufzulösen waren, in wüster Verzerrung °der häßlicher Verschmierung auftraten. Genau wie die Naturalisten des Schrifttums sahen die Impressionisten der Natur die „Wahrheit" im Nied- n gsten und Gemeinsten und ihre Technik vollendete die ihnen innewohnende Ehrfurchtlosigkeit gegen Mensch und Ding durch ein Übertreiben, z erzausen und Karikieren aller Erscheinungen der Erde. Während die Werke der Franzosen gleicher Richtung, eines Monet, Renoir, Degas u. a. ■8 Gegenstand und Malweise immer noch Geschmack und Feinheit behielten, wurde den deutschen Malern die Freiheit von alten Regeln zur Willkür, die Selbständigkeit der Person zur Zuchtlosigkeit und der Kampf Segen das Überlieferte zu einer talmudisch-metaphysischen Rechtfertigung ° e s Umsturzes aller Bilder des großen geistigen Erbes der Jahrhunderte. Aber in eben diesem Deutschland waren zu gleicher Zeit auch in der Ma- le rei noch Kräfte lebendig, welche Frankreich und die anderen Nachbarn w eder in dieser Fülle noch Könnerschaft besaßen: neben Feuerbach und Marees, die schon in den achtziger Jahren starben, vor allem der umkämpfte und kämpfende Arnold Böcklin. Er war der einzige, der weder in der verbürgerten Malerei der Gründerzeit noch in der proletarischen des 79 Naturalismus und Impressionismus aufging, sondern als Könner stark genug war, die technischen Mittel beider Richtungen zu beherrschen und zu überherrschen, als Person groß genug, um in allem Wechsel der Meinungen und Schulen, Befeindungen und Belobungen seinen Eigenwuchs ungebrochen zu behaupten, als Künstler tief genug, um bewußt oder unbewußt die künstlerische Schöpfung in der sinnbildlichen Gestaltung zu finden. Er war als Deutscher an geistiger und sinnlicher Glut reich genug, um das überkommene Erbe von Antike und Renaissance, Klassik und Romantik nicht allein zu bewahren, nein mit einem eigenen urtümlichen Feuer zu beseelen und seinen Wesen und Landschaften — beide Geschöpfe gleichen Ursprungs — jene unvergleichliche Echtheit des Lebens zu geben, die uns ihren Atem mitatmen, ihr gesteigertes Pulsen durch gesteigerte Lust des Daseins mitpulsen macht. Es bedeutete in jenen Jahrzehnten des Zerfal- lens der überlieferten Werte, sowohl der christlich-religiösen wie der adligweltlichen Sitten und Bilder, ein Ungeheueres für das deutsche Schicksal, daß ein Künstler bis zu einem urtümlichen Grunde durchstoßen konnte: dem des schönen und starken Wachstums, auf dem Mensch und Tier, Halbmensch und Halbtier, Pflanze und Stein in einem leiblichen Sinne fromm und in schaubarer Einheit lebten; daß dieser Künstler trotz der Verflachung und Erniedrigung des privaten wie öffentlichen Lebens seinen Erscheinungen eine durch alle Stufungen und Regungen sichere Getragenheit der Geste vom Feierlichen bis zum Burlesken gab und trotz der grauenhaft wachsenden Seellosigkeit ringsum seinen Geschöpfen jene tiefe tragische Heiterkeit des Auges verlieh, die verriet, daß noch neues Geheimnis im deutschen Blute glühte. Eine Reihe von Künstlern, Klinger, Stuck, von Hofmann, Lechter, einige von der Münchener Gruppe der „Jugend" u. a. mochten sie in vielem, als Kinder ihrer Zeit, unter den gleichen Bedingtheiten stehen wie die gegnerischen Schulen, blieben durch Böcklin und Marees vor dem Aufgehen in der plebejischen und ungeistigen Reizkunst bewahrt und suchten im Bildwerk wieder menschlich-wesentliche Seelengehalte zu geben und Linien, Farben und Lichter der Formung bedeutender Gegenstände dienstbar zu machen. Die Liebe zum höheren Leben verband sich bei ihnen meist mit einer sorgfältigen Pflege und eignen Ausgestaltung der Werkmittel und es ist kennzeichnend, daß besonders von Männern dieser Richtung die Erneuerung des Kunsthandwerks ausgegangen ist, jene schlichten Versuche — heute schon wichtiger als die ablaufende Tafelmalerei —, die Dinge des Gebrauchs in schönen Maßen, guten Stoffen und Farben herzustellen und die im Maschinenzeitalter verlorengegangenen Handfertigkeiten wieder zu erwerben. 80 Diese Künstler und nur diese lernte George in der Mehrzahl um die Mitte der neunziger Jahre kennen. Alle, die vom Naturalismus und Impressionismus los wollten, fühlten in ihm nach dem Erscheinen seiner ersten Dichtungen den Gleichgesinnten und als schon die ersten Folgen rühmend die Namen Böcklin und Klinger nannten und ihren Werken Beschreibung und Lobrede widmeten, auch den Mitstreiter auf dem gemeinsamen Kampffelde. Im Laufe des Jahres 1894 traf George mit Thomas Theodor Heine dem bekannten Zeichner, Otto Eckmann, dem späteren Lehrer der Berliner Kunstgewerbeschule, dem Zeichner und Maler Hermann Schlittgen, dem Bildnismaler Leo Samberger, einem Altbayern, und Gebhard Fugel, einem katholischen Schwaben, zusammen. Der letztere malte bald ein Porträt Georges, das er in der Münchener Jahresausstellung im Kgl. Glas- Palast ausstellte. Die meisten von diesen Künstlern nahmen durch Beilagen, Heine durch eine Umschlagszeichnung auch tätigen Anteil an dem v °n den Blättern im Augustband verkündeten Plan: sich auch den verwandten Ton- und bildenden Künsten zu erschließen und wie schon die belgischen Freunde so auch die heimischen Künstler zur Mithilfe an ihrem Unternehmen zu bewegen. Schon der zweiten Folge lagen die Abdrucke je ei ner Zeichnung von August Donnay, Fernand Khnopff und eines Bildes von Leo Samberger bei. Die Tonkunst wurde vertreten durch den Berliner Komponisten Kurt Peters, den späteren Musikmeister in Hamburg Karl "allwachs und den späteren Münchener Theaterintendanten Clemens von Franckenstein, die inzwischen persönlich mit George in Berührung gekommen waren. So stand der Dichter schon nach kurzer Zeit in der Isarstadt in einem Kreis junger Männer, die alle vom gleichen leidenschaftlichen Trieb zur Erneuerung der Kunst beseelt waren. Ihre Meinungen und Absichten gingen Sewiß weit auseinander und manche dieser Talente wogen nicht allzu schwer, a °er sie besaßen jenen Ernst in Dingen der Kunst, auf den es George ankam und der sie befähigte auch den neuen dichterischen Ton zu ver- n ehmen. Was sie daran ergriff, lag nicht so sehr in der Richtung der vom dichter selbst noch ersehnten Klarheit und Kühle der Form noch im tathaft nüchternen Willen, den seine Sinnbilder bargen, sie entzündeten s, ch mehr an der leidenschaftlichen Heiligung und rauschhaften Erhöhung der Kunst, die aus den neuen Gedichten sprach. Aber es war für George besonders wichtig, daß die bildenden Künstler, und nicht die Literaten zu- er st seine Dichtung aufnahmen, daß die nicht literarisch verbildeten und n »cht wissenschaftlich beengten Geister sofort das Sinnlich-Bildhafte der ne uen Dichtung augenhaft erfaßten und mit erschüttertem Herzen als das Land ihrer Träume begrüßten. Es war ihm ein Zeichen, daß die unge- 8! schwächte Sinneneinheit ohne Umweg Gebilde begreifen konnte, welche den rational zugespitzten Mitteln der meisten deutschen Zeitgenossen noch undurchdringlich und unverständlich waren. Unter solchen Genossen wurde der Winter 1894 au * 95 e i ne Zeit des lebhaften Austausches von Erfahrungen und Meinungen über die Kunst. Auch Gerardy verbrachte diesen Winter in München und verstärkte die erregenden Gespräche nach einer besonderen Seite hin, da er einer der besten Kenner der mittelalterlichen Künste war, die damals noch nicht den Anteil der Wissenschaft wie heute fanden. Eine gewisse Begierde wurde im Eifer des gegenseitigen Lehrens und Lernens bei den Freunden laut, sich mehr als bisher erklärend und deutend den Fragen der Kunst zu widmen und die Gedanken darüber in den Blättern niederzulegen. Aber George warnte in der Vorrede des fünften Bandes vor dieser Erweiterung, ihm schien es fast „das Wesentliche in unseren Blättern wie in unserer ganzen Kunstübung: die verdehnte hergebrachte Redeweise zu mißachten und vom Selbstverständlichen, genugsam Behandelten endlich einmal zu schweigen". Für die jüngeren Anhänger sei es nicht so sehr das einzelne der Gehalt, wie das allgemeine die Haltung, was sie schnell bemerkt und sich lebhaft angeeignet hätten. Die Freunde und wissenden Gönner aber „würden uns den lästigen Ausleger kaum verdanken". Doch fand diese Lust zur weiteren Ausbreitung damals ihren Ausdruck in zwei Sonderheften der „Allgemeinen Kunstchronik", welche Georg Fuchs, ein Freund von Wolfskehl, im November 1894 u °d Februar 1895 herausgab und ganz den in Deutschland noch kaum bekannten Dichtern, Musikern, Malern und Bildhauern widmete. Sie berichteten über die Vorbilder der neuen Bewegung Goethe und Platen, Böcklin, Wagner und Nietzsche, gaben eine Anzahl der in der zweiten Folge der Blätter schon veröffentlichten Gedichte und Aufsätze wieder, machten zum ersten Male zwei Bildnisse Georges bekannt und brachten neue Aufsätze von Gerardy über die junge belgische Kunstbewegung. Ein „Sendschreiben" von Karl August Klein gibt am ehesten etwas von dem Geiste wieder, der damals diese Künstlergemeinschaft beseelte. „Die Blätter für die Kunst", schrieb er, machten zuerst den Unterschied „zwischen dem Schaffen aus innerer Notwendigkeit und dem aus gewerblichen Gründen--------sie zogen einen Kreis von Künstlern heran, die fern von der Menge weiter nichts wollten als sich leben, frei von allen geschäftlichen und journalistischen Nebengedanken und sie gaben zuerst die Anregung alle gleiches erstrebenden Vertreter der verwandten Ton- und bildenden Künste zu vereinigen, deren Hand-in-Hand-Gehen in anderen Kulturstaaten eine beispiellose Kunstblüte erzeugen half, eine Kunstblüte, nach der wir noch vergeblich 82 schmachten". Der Weg zu einer solchen war freilich schwerer und weiter als damals die jugendlichen Kunstjünger ahnten. George sah schon beim Erscheinen der „Kunstchronik", deren zweites Heft der Herausgeber zu seiner Selbstverherrlichung gebrauchte, daß jeder zu frühe Schritt in die Öffentlichkeit sein Werk eher gefährde als fördere. Wenn es den jungen "Ucher trieb die Umwelt kennenzulernen, so erfuhr er dabei am ehesten, w as ihn nicht anging und fand sich in seinem innersten Glauben bestätigt, daß nur in der engsten persönlichen Verbindung mit Gleichgearteten auf dem von ihm beherrschten Boden der Blätter ein fruchtbares Wirken möglich war. Und das Nötigste, Gefährten, gewährte das Schicksal. Noch bevor die zweite Folge abschloß, trat im Januar 1895 ein neuer an seine Seite, jung aber schon vom Tode gezeichnet, arm an Freuden aber rei ch an Wissen und fremden Erfahrungen: Richard Perls. Der im Jahre x ^73 in Gleiwitz geborene Schlesier war von kleiner zarter Gestalt, hatte kohlschwarzes Haar und große schwarze Augen, aber die blasse durchsichtige Haut eines Kranken. Ein inneres Fieber hetzte ihn von einem Ort Eu m andern ruhelos durch ganz Europa, wie Nietzsche begeisterte er sich w enig e Tage für eine Stadt um sie kurz darauf unerträglich und scheuß- llc h zu finden und wie dieser gebrauchte er gegen seinen Dämon der Un- r uhe Mittel, die ihm völlig die Ruhe raubten und seinen frühen Tod herbeiführten. Aber von einem unersättlichen Wissenshunger erfüllt, benutzte er noch seine schlaflosen Nächte, um das Schrifttum und die neuen Kunstbewegungen der Länder, die er durchreiste, vor allem den ganzen romani- Sc hen Bildungsraum zu durchforschen und wurde ohne geregeltes Studium auch ein guter Kenner der deutschen Philosophie vor allem Schopenhauers und Nietzsches. Weltwanderer und Sammler hatte er eine der besten Büchereien der EndJahrzehnte des 19. Jahrhunderts, des Fin-de- siecle-Schrifttums von Barbey d'Aurevilly und Baudelaire bis Verlaine u nd Rimbaud in Frankreich, von Eiskamp bis Verhaeren in Belgien mit le idenschaftlichem Eifer gesammelt und in München aufgestellt. In George tr af er auf die Kraft, die seine Triebe und Neigungen teilte, ja selbst besaß aber in gerader bejahender Umkehrung: auf den Wanderer nicht aus Ziel- losigkert sondern aus zielsicherem Willen, auf den Liebhaber der feinsten aus gebildeten Künste, aber nicht aus Liebe zur Spätzeit sondern aus lehenschaffender Lust, auf den Freund der Bücher aber nicht den Sammler s °ndern Werkmeister und endlich auf den Träger alter und neuer Weisheit, aber nicht aus dem Studium der Philosophen sondern aus eigner Fülle de r Gesichte. Daher liebte der Zarte in George das lebendige kraftvollere >ld seines Selbst mit voller Inbrunst und suchte ihn in den kurzen Jah- 83 ren gemeinsamer Wanderungen überall auf, in Paris, in Brüssel, in München und anderswo, wohin den gleich Leichtfüßigen die Freunde riefen. Auch George liebte diesen einzigen wirklichen deutschen „Dekadent", der zu der seltsamen Umkehrung seiner Kräfte doch auch die gleiche Unbe- dingtheit seiner Natur mit ihm teilte. Unvergleichlich war Perls in der Sicherheit seiner Aussagen über Menschen und Dinge: sein Urteil besaß die Giftigkeit aber auch die Hellsichtigkeit der Kranken und in guten Stunden hatte er den sprühenden Witz und Tiefblick der Todgeweihten. Nicht zuletzt: seine Bewegungen waren die eines ruhigen vornehmen Weltmannes der alles Hastige und Laute haßte, aber freilich durch sein seltsames Gebaren dazu beigetragen hat, die ganze Blättergemeinschaft in den Ruf eines Ästhetenkreises zu bringen. „Er war sehr schön," schrieb Wolfs- kehl jüngst bei der Versteigerung seiner Bücherei von ihm, „leichtester geschliffenster anmutigster Geistigkeit, ein unvergleichlicher Leser, Beobachter, Errater, Sager. Viele seiner Zufallsworte, schillernden oder tiefen Sätze sind heute noch unvergessen, nicht nur im Gedächtnis der Freunde blieben sie bewahrt, man trifft sie mehr oder weniger umgebogen immer wieder als schärfste meist freilich ablehnende Formulierungen einer Stellungnahme zu den Problemen der Zeit, die in ihrer Weise an Oscar Wilde erinnert". Dieser Müde aber Getriebene, Todnahe aber Unverzagte, der mit zwanzig Jahren mehr vom Leben wußte als die Alten und Gesunden, hat einige wenige Gedichte verfaßt, als er in die Wachstumsluft Georges getreten war, welche „den wenigen, die damals um deutsche Dichtung wußten oder sich mühten, durch ihre Reinheit, Entstofflichung und das zum Lächeln verklärte Leid ihresSchwingens ganz nahe gingen und deren Zauber die Empfänglichen heute und immer rühren und berücken wird". Sie sind die ins Wort gebannte Geste dieses Lebens: die blaue Blume der Sehnsucht, die seinem Auge noch einmal in der Dichtung aufleuchtet, ist zugleich die Blume des Todes und man spürt: das irdische Wissen um sie wird bald vom neuen tieferen Wissen um sie im hohen Sphärenklang abgelöst werden. Aber durch die schwere klare Traurigkeit des unabwendbaren Abschieds klingt ein leiser verhaltener Jubel über das Stolzgetragene und Nahgeschaute: Grüße des Sinkenden an das schöne Leben! 3- KAPITEL: VON BELGIEN BIS POLEN ÜBER der wachsenden Fülle gemeinsamen Lebens mit den Gefährten in Deutschland hatte George den Verkehr mit seinen Freunden im Westen nicht versäumt. Er besuchte Gerardy und Mockel in Lüttich und der Generaldirektor der belgischen Museen Glesener hat uns launig aus der Erinnerung geschildert wie er ihn damals in Mockels Begleitung sah: »einen vornehmen Fremden, dessen gequälte Stirn und gebieterischer Kiefer, dessen sardonisches Auge und blitzendes Monokel sogleich einen starken Eindruck auf mich machten-------der sein Glas mit der Gebärde eines Gottes leerte, indem er es wie eine Schale Ambrosia schwenkte". Er verweilte mit Gerardy auch einmal auf dessen Wohnsitz in Tilff in der Nähe v on Lüttich, wo er dessen Freund Auguste Donnay kennenlernte. Seit l8 94 blieb er regelmäßig bis zum Ende des Jahrzehnts auf den Fahrten v on oder nach Paris einige Monate in Brüssel, wo die Freunde aus Lüttich und Deutschland und zuweilen einer der Pariser mit ihm und Gerardy zusammentrafen. Hier machte er die Bekanntschaft von Charles v an Lerberghe, dem Vorläufer und Freunde Maeterlincks, von Emil Ver- "aeren, der schon durch eine Anzahl von Werken in Belgien und Frank- r eich bekannt geworden war und Edmond Rassenfosse, der eben die hübsche Dichtung „Dit un Page" herausgab und bald Übertragungen Georgescher Gedichte im Reveil (Okt. 1895) veröffentlichte. Zu diesen Richtern gesellten sich mehrere bildende Künstler: neben Donnay der Zeichner Armand Rassenfosse, ein Schüler von Felicien Rops, und der Maler Fernand Khnopff, der bei einem Aufenthalt in England noch Burnes Jones gesehen hatte und George unmittelbare Kunde von den Präraffae- hten brachte, als sie in Deutschland noch kaum jemand kannte. In diesen Künstlern mischten sich, wie in Brüssel selbst, die wallonischen und flämischen Elemente, wenn auch die ersteren vorherrschten und geistig bestimmend waren. Sie erinnerten sich wieder der untergegangenen Herrlichkeit Burgunds, dessen Ausstrahlungen lange erloschen blieben, nachdem das Land seine letzte Verbindung mit dem alten Heiligen Reiche verloren hatte. Jetzt wachte der Stolz auf dieses Erbe wieder auf, bei den einen die Zeit wo flämisch so viel wie gut und edel bedeutete oder die Freiheit in den Schwertfäusten flandrischer Bürger ruhte, bei den andern die Zeit der Prunkvollen Höfe der Brabanter, Burgunder und Habsburger, als die Kunst der Bildhauer, Goldschmiede, Holzschneider und Kupferstecher ihre wundervollen Werke schuf, bei beiden die Erinnerung an die heiteren Lieder der Vorfahren, an die großen Namen der Tonkunst wie des Roland de Lattre und Josquin des Pres und die nicht geringeren der Malerei: der 85 Brüder van Eyck, des unvergleichlichen Roger van Weyden und der späteren Rubens, van Dyck und unzähliger anderer, die aus diesem Zauberkessel germanisch-romanischer Mischung mit berauschenden Farbenwundern emporgestiegen waren. Dies alles und noch manches Gedenken an glänzende und blutige Tage witterte um den goldgrauen Marktplatz der flämischen Unterstadt, und die Palast- und Kirchenhöhen der wallonischen Oberstadt und durchzog die Gespräche und Werke der Dichter und Künstler. Nach schwerem geistlosem Schlafe war in dem selbständig gewordenen Lande ein eigenes Schrifttum lebendig geworden. Man suchte aus dem früheren Widerspiel zwischen dem „lachenden zweifelsüchtigen Paris und dem fanatisch rohen Flandern" zu einer belgischen Einheit zu gelangen und die fast unvereinbaren Gegensätze zwischen den Landschaften der grünen blumigen Teppiche und denen der traurigen bleichen Erdflächen, „wo Pflanzen wie struppige Fäden und Bäume aus Sargholz wachsen", zu einer heimatlichen Dichtung zu verschmelzen, — Einheitsträume die heute wieder verweht sind. George stand durch seine Lütticher und Pariser Freunde mit dieser Bewegung, welche für das jüngere Geschlecht von den Zeitschriften Le Re- veil, L'Art Moderne, La Jeune Belgique, Van Nu en Straks, La Wallonie und Floreal getragen wurde, in naher Verbindung und hat Verhaeren durch die Übertragung seiner Gedichte, Gerardy durch tiefere Einbeziehung ins Deutsche für die heimatliche Kunstbewegung fruchtbar gemacht. Er selbst nahm aus dem lebendigen Austausch mit den beweglichen Belgiern Kraft und Bestätigung für den eigenen Weg. Auf diesem Schnittpunkt zwischen Holland, Deutschland, Frankreich und England nahmen wie die staatlichen so auch alle künstlerischen Fragen einen besonders gesamteuropäischen Ausdruck an. Belgien war noch ein letzter Rest — und leider ein allzu schwacher — des alten Zwischenreiches, das die tiefen Wesensspannungen zwischen Germanen- und Romanentum überbrücken sollte. Damals hörte man in Brüssel Vorträge über die Dichtung Georges und machten die Blätter Werke von Donnay, Khnopff, Verhaeren, Gerardy und anderen in Deutschland bekannt. Als ob das alte sterbende Europa den Keim einer neuen Gemeinsamkeit noch in den deutschen Dichter senken wollte, so mutet es an wenn wir erfahren, daß George in eben diesen Jahren in Paris, das er alljährlich noch besuchte, auch den polnischen Dichter zum Freund gewann. Selbst für sein an Wundern reiches Leben bedeutete das Aufblühen der Freundschaft mit Waclaw Lieder ein wunderbares Glück. Waclaw Rolicz-Lieder war 1866 in Warschau geboren und stammte aus einer katholischen polnischen Adelsfamilie, die wie ihr Beiname War- 86 rninsky zeigte, ehmals aus Ermland gekommen war. Schon sein Vater hatte polnische Volkslieder gesammelt und der Sohn überkam wohl von »hm das dichterische Geblüt. Als Student widmete Waclaw sich den Sprachwissenschaften vor allem der Erforschung des Orients und hat neben anderen Studien auch eine arabische Grammatik und Übersetzungen von persischen Dichtern verfaßt. Wie viele vornehme Polen lebte er lange in Paris wo George ihn schon 1889 kennenlernte, aber dem Erschlossenen jungen Manne erst nach mehreren Jahren näherkam. Denn e r war der ernsteste und finsterste unter den Freunden in Paris: der staat- u nd vaterlandslose Gast unter den Erben der ältesten und festesten Staats- Und Volksgebilde. Dann freilich als die beiden einander aufzuschließen begannen und aus langsamem Zögern und Werben die Flamme schlug, verband die Fremdlinge eine Freundschaft, die keiner von ihnen bei den Franzosen gefunden hätte, in deren Beziehungen ein letzter literarischer Rest das tiefere menschliche Verhältnis hemmte. Lieder pflegte zu sagen: allen französischen Dichtern fehlt das Priesterliche. Die Augen Georges hatten in der Begeisterung des Aufbruchs in den französischen Zirkeln *nehr gesehen als sie gewähren konnten, es waren die Augen des Deutschen, der ein anderes Reich suchte als jene nur denken konnten. Die »litterature", die für den Franzosen jener Inbegriff von technischem Können, publizistischem Wirken und feinstem Genießen ist, war etwas anderes als die Dichtung, welche er fühlte und suchte. Auch die kühnsten Pariser Neuerer konnten gleichsam nie ganz ohne Akademie sein und sahen in der dichterischen Äußerung stets mehr die Mitteilung an die Umgebung, die formale Beziehung zur Gesellschaft als die Erschütterung des ursprünglichen Geistes. Ihre Auffassung von der Dichtung hatte gegen die Waclaw Lieders etwas Profanes. Er sah wie George in der Dichtung die Stimme des Göttlichen, die Weltstimme des Menschen, der unbekümmert Ur n das Draußen sich äußert weil er muß und singt was ihm drinnen geboten wird. Doch war es anfangs für George schwer bis zu diesem Kerne gleicher Anschauungen vorzudringen, weil er noch ohne Kenntnis des Polnischen, also auch ohne Einblick in die schon bestehenden polnischen Dichtungen Waclaws war. Dieser beherrschte zwar das Deutsche durchaus, w ar aber schweigsam und verriet von seinem inneren Wissen und Wesen nichts. Er war ein schöner hoher bleicher Mann mit dunklem Haar und dichtem Bart, der in späteren Jahren wegfiel, mit tiefdunklen Augen, aus denen ein ruhiger Blick souverän über alles hinwegschaute, von vornehmer Haltung und gemessen freundlichen Formen des Umgangs: in der äußeren Erscheinung wie im ganzen Wesen der ritterlichste Mensch dem George begegnet ist. Seine adlige Menschlichkeit wurde noch durch die 87 V Herkunft aus einem Lande getragen, in dem einst jeder adlig war und König werden konnte, ein Anspruch der in den edleren Naturen auch nach den furchtbaren Geschicken ihres Vaterlandes noch als hohe Forderung an sie selbst und als Verpflichtung zu einer getragenen Lebenshaltung weiterwirkte, wie es stolzen Verbannten auch selbstverschuldeten Schicksals geziemt. George lernte viel von ihm für die Gestaltung seines Selbst und sagt es gern, wie Großes er ihm dankt. In den folgenden Jahren kam er fast nur um Waclaws willen nach Paris, lernte um seinetwillen die polnische Sprache und genoß im schnelleren Näherrücken mit ihm einen wunderbaren Austausch inneren Lebens. Sie sagten einander Dinge, wie sie nur Dichter sich zu sagen haben, die über anderes sprechen müssen und können, als sonst Menschen tun, und ihre dichterischen Geister schlugen so innig zusammen, daß polnische Gedichte aus Waclaws Munde sich in Georges Ohr und Mund sogleich zu deutschen formten. So entstanden durch die beiden gemeinsame Schöpfungen wie aus einer Seele und als Waclaw sie im dritten Bande seiner poetischen, dem fünften seiner Gesamt-Werke 1897 veröffentlichte setzte er dem Bande als Ehrung dieser Einigung die Widmung in deutschen Versen vor: Wir der Bewahrer des geistigen Erbes: An Stefan George mit der Seele des nächtigen Rheins. Er einzig unter den trüben germanischen Völkern Freite zu wahrem Bund das unfehlbare Wort. Feierte sein Geschick in erhabenen Strofen Sang mit Frömmigkeit seine stolzesten Lieben. In der Unsterblichkeit treuen Armen Wird er verhauchen gleich hehren Festgesängen. Erde zu jener Zeit sei leicht für ihn War er für dich ja nur ein Kuß von Gott. Er nahm in diesen Band auch das ihn bezeichnende Gedicht Georges ,An Kallimachus' und sieben jener Gedichte, die am nächsten ihr Erlebnis berührten, in deutscher und polnischer Sprache auf. Sie sind in einem höheren und wirklicheren Sinne als es bei manchen Umdichtungen Ge- rardys und Verweys durch George der Fall ist, zweigezeugte Früchte gleichstarker männlicher Geister und haben aus dieser einzigen und nie erhörten Entstehung eine besondere Weite und Schwere. „Man «schätzt" schrieb Verwey einige Jahre später von ihnen, „in einem so großen Lande lebend, die verschiedenen Pflanzen die aus anderen Rassen und Erden aufreifen. So ist, seine polnische Sprache ablegend, Waclaw Lieder zu seinem Nachbarn übergegangen. Es ist in diesem polnischen Geist etwas, das zuerst nicht deutsch scheint, etwas Morgenländisches vom Hohenlied, aber 88 dann hat Platen in seinen Gaselen auch schon für morgenländische Begeisterung die Sprache bereitgemacht. Erst durch Bearbeitung von George wurde der polnische Dichter in den Blättern eingeführt: denn den Schwung seiner hochgestimmten Verse kann nur ein hochgestimmter Geist wiedergeben. Eben darin aber auch in Darstellungen einer durchdringenden veilchenfarbenen Schwermut liegt sein Dichtertum" (Twee- maand. Tijdschr. Jan. 1898). In der Tat dieser „Träume Zweigesang", wie e s in einem der Gedichte heißt, berührt zunächst durch Fremdheit und Schwermut. Ihre Bilder liegen auf einer mit uns verbundenen Linie, der katholischen, und auf einer fremden, der slawischen mit ihrer Verlängerung ins Orientalische, das bei Waclaw noch durch sein forschendes Eindringen ins Asiatische verstärkt war. Aus diesem Slawisch-Orientalischen haben sie jene überklaren Umrisse wie in einem dünnen Luftraum, jene sinnliche Nähe und Nacktheit der stofflichen Dinge wie in regenklarer Luft, die ihnen eine unheimliche und fast beängstigende Fremdheit gibt. Aber die Fremdheit wird aufgewogen durch die menschliche Artung, w elche aus den Gedichten spricht. Wie — um es am Beispiel deutlicher 2 u machen — Swinburne uns nahe ist durch den gemeinsamen Bildungsbereich und uns daher in seinen Bildern unmittelbar sprechend ja schmeichelnd anrührt, aber als menschliche Artung als männliche Haltung fremd v ernebelt fast gestaltlos erscheint: so wird umgekehrt der in der Bildart fremde Waclaw Lieder uns durch Gebärde und Sitte nahegerückt, die östliche Unmittelbarkeit der Bilder wird beruhigt durch den großen Wurf des adligen Menschen, der jeder Strofe eine feierliche Bewegung gibt u ud selbst mit dem Fernen und Ungewöhnlichen schaltet wie ein großer v iele Länder überschauender Fürst. Seine Schwermut ist nicht minder ein Erbteil der weiten traurigen Ebenen des Ostens, aber sie hatte in dem s ohn des unterworfenen Volkes, des von seinen Nachbarn aufgeteilten Vaterlandes noch eine besondere Wurzel: er gehörte nicht zu den Lands- Senossen, die noch auf die Wiederherstellung Polens hofften, mochte sie 'hm äußerlich als Erlangung staatlicher Selbständigkeit auch nicht unmöglich scheinen, aber er glaubte nicht mehr an die Kraft seines Volkes 2 u eigener höherer Gestaltung. Dieses herbere Schicksal seines Vater- 'andes bedrückte ihn tief und das Erlebnis mit George dem hoffnungs- ^utigsten Kämpfer für seine Welt ließ ihn noch deutlicher das furchtbare sinnlose Gesicht erkennen: wissend und schauend für etwas schaffen 2 U müssen, das nicht war und nicht mehr sein konnte. Er ging wenige Jahre später in eine Art freiwilliger Verbannung und Entsagung und kreuzte den Weg Georges nur noch einmal ein volles Jahrzehnt später: e 'n Vierzigjähriger mit einem Antlitz, in dem die Runen eines tief von 89 Schaudern und Leiden gequälten Lebens, eines hoffnungslosen Unterganges eingegraben waren. Aber unverändert war Gestalt und Haltung geblieben und unverändert was auch der Schwermut in seinen Gedichten jede romantische Note nimmt: der trauerüberherrschende Stolz, die unantastbare Hoheit dessen, der ein schweres Schicksal würdig trägt, und nicht zuletzt der große Sternklüfte überbauende Glaube an den Dichter, der dem Ton dieser Seele die hohe Erhabenheit und den reinen Adel gibt. So spannten sich um die Mitte der neunziger Jahre die Flügel Georges schon vom romanischen bis zum slawischen Räume — nicht durch Studien, nicht durch Briefe, sondern durch Menschen die würdige Träger der Eigentümlichkeiten ihrer Völker waren, durch Jünglinge und Männer, deren Freundschaft er erwarb und die in ihm den höchsten und reinsten Träger deutschen Geistes unter den Lebenden verehrten. Die aufmerksamen Blicke der Ausländer sahen in dieser Mittelstellung Georges bereits damals eih staatliches europäisches Moment, als bereite sich hier im Dichterischen ein völkerversöhnender Austausch der Kräfte vor, der in der Tat bei wachsender Ausdehnung eine tiefere Näherung der Völker hätte bewirken können als politische Besuche und wirtschaftliche Verträge. Wie der Holländer Verwey bald mit dem Ton freudiger Zustimmung auf das innige Bündnis des deutschen und polnischen Dichters hinwies, so hatte der Welschschweizer William Ritter schon im Frühjahr 1895 in einem Aufsatz über die neue deutsche Dichtung in der Genfer Semaine Litte- raire (2. HI. 95) geschrieben: die junge französische belgische und deutsche Dichtung stünde in gemeinsamer Front gegen den Naturalismus und vollziehe in Lüttich eine Einung von Frankreich und Deutschland „un veritable phenomene d'endosmose litteraire". Der bekannteste Lütticher Dichter Paul Gerardy, so erläuterte er diesen Vorgang, schreibe so gut französisch wie deutsch und der Führer der jungdeutschen Plejade, der feine und außergewöhnliche Stefan George betrachte das Französische als seine zweite Muttersprache. „Die politischen Sieger haben sich mit dem Zivilisationsherd der Besiegten inspiriert und die Blätter für die Kunst sind voll von Übersetzungen von Baudelaire, Verlaine, Moreas, Regnier, Griffin, Merrill und anderen.... Dabei gibt der deutsche Ernst niemals seine Rechte auf und Stefan George hat in seinen Urteilen über andere stets eine Milde und Zurückhaltung geübt, die schnurstracks der Ungebunden- heit und Boheme entgegengesetzt ist, wie sie vor etwa zehn Jahren im lateinischen Viertel Mode waren". Es waren die Jahre, wo nach dem Sturze des kriegslustigen General Boulanger eine Entspannung zwischen Frankreich und Deutschland in 90 ihren politischen Beziehungen statthatte und eben im Frühjahr 1895 versöhnliche Männer eine öffentliche Rundfrage in Frankreich veranstalten konnten, ob fortgesetzte geistige Beziehungen zwischen den beiden Ländern erwünscht seien. Mallarme antwortete darauf, indem er für die deutsche Seite auf die Blätter für die Kunst hinwies, daß die Wünschbar- keit dieser Beziehungen nicht mehr in Frage stehe, sie seien schon da: nBaudelaire ist übersetzt, ich klatsche Beifall!" Und schon damals fühlte auf seinem neutralen Beobachterposten Verwey, der George noch nicht Persönlich kannte, die Wichtigkeit der geistigen Bänder, die sich so zwischen den feindlichen Völkern neu zu knüpfen schienen und schrieb 2 U jener Antwort Mallarmes in seiner zweimonatlichen Zeitschrift: „Die liebenswürdige Hoheit dieser Erwiderung ist um so schöner, weil die Antwort selbst eine vollkommene Kenntnis und durchsichtige Wahrheit ist, Ur n die jedoch von all den Menschen, welche die Frage beantwortet haben, nie mand wußte, und die von diesem Dichter wie von einem Eingeweihten, e 'nem göttlichen Orakel auf den Markt gesprochen wurde. Hoch ist diese Antwort, weil sie die ganze Aufzucht furchtbar wuchernder, hüben und drüben des Rheins schwappender Theaterbewunderung, die es doch mit l hrem Geschwatze dem Ohre schwierig genug macht, gar nicht zu bemerken scheint. Liebenswürdig, weil sie dieser Abschätzung des Minderen n Ur durch eine Anerkennung des Höheren Ausdruck verleiht. Und wahr u nd vollkommen wissend ist sie, weil es für jeden Kenner deutscher Gedichte deutlich, ja offenbar ist, daß die einzige Erscheinung in Deutschland in diesem Augenblick von höchster, weil dichterischer Bedeutung "inerhalb jener geistigen Beziehungen die .Blätter für die Kunst' und die "erse ihres Dichters, zugleich des Übersetzers Baudelaires, sind: Stefan George". 4. KAPITEL: DIE BÜCHER ALS die seltsamen Stimmen des Auslandes ertönten, die den in Deutschland nur von ganz wenigen beachteten, der Öffentlichkeit noch gänzlich unbekannten Dichter schon mit europäischen Fragen in Zusammenhang brachten, legte dieser nach der Rückkehr nach Deutschland die letzte Hand an das Werk, von dem er in den Blättern schon eine Anzahl Gedichte veröffentlicht hatte: DIE BÜCHER DER HIRTEN-UND PREIS. G EDICHTE, DER SAGEN UND SÄNGE UND DER HÄNGENDEN GÄRTEN. ^ r vollendete in der Heimat, was er in der Heimat begonnen hatte, als er ar n Rheine langsam von den Erschütterungen des ALGABAL genas. Es hegt daher die Stille nach dem Sturm der ersten Dürchbruchsjahre über 9i dem Werke. Die Sprache, das Drängen des Gottes zu sagen, war geschaffen, die Kraft, das Leben zu durchdringen, war geweiht, die unantastbare Ferne über der eigenen Zeit war erreicht. So gewappnet und gefeit tat der Geist des Dichters den ersten Blick in das Wo und Wann seiner Umwelt. Er trat aus dem innersten Ring des Ich an den ihm nächsten Stoff: an die ihn selbst bedingende geistige Ahnenschaft, an sein Erbe als Deutscher an diesem Ort und in dieser Stunde der Welt. Noch bevor er mit Schuler die Spät-Antike, mit Gerardy und Lechter das Mittelalter, mit Waclaw und Wolfskehl den Orient liebend und schauend durchfuhr, hatte George die Gestaltung der BÜCHER begonnen und die Grundbedingungen unseres geistigen Baues, jene drei großen Bildungswelten in den Bereich seiner Dichtung gezogen. Die ihn durchbebende Erregung dieser Gesichte gab in diesen Jahren dem Freundesgespräche über das Morgen- und Abendland, gab den gemeinsamen Fahrten durch „unsere noch unentweihten Täler und Wälder — unsere mittelalterlichen Ströme und die sinnliche Luft unserer angebeteten Städte" jenen begeisterten Schwung und Atem, der in den Prosestücken und auch den Dichtungen der Gefährten seinen Ausdruck fand. Dem Dichter gab dieses Mitschwingen der Nächsten die lebendige Luft der Gegenwart, deren er zum Schaffen bedarf: er muß das Menschentum auch ältester Ahnen im Beben lebender Seelen spüren, die ihn erschüttern und rühren, um es ins Hier und Heute bannen zu können. Die schon trümmerhaften und die noch stehenden Werke der Vergangenheit in Landschaft, Kirche und Palast, in Sage, Buch und Bildwerk spiegelten sich ihm aus Wort und Miene von Freund und Freundin wider und nicht ihr gewesenes sondern ihr noch seiendes Menschtum nährte seine Einbildung. „Von unseren drei großen Bildungswelten" sagt die Vorrede zu den BUCHERN „ist hier nicht mehr enthalten als in einigen von uns noch eben lebt". Es bleibt freilich dem nachforschenden Verstände unbegreiflich, wie der junge Dichter eine solche Gesamterkenntnis und ein solches Einzelwissen von jenen großen Bildungswelten besitzen konnte, das zu erlangen ein Studium mehrer Jahrzehnte nicht zu genügen scheint. Es bleibt uns nur die Erklärung, daß nicht nur das erworbene Bildungserbe des letzten Jahrhunderts wie es die Künste und Wissenschaften aufgehäuft hatten, in George lebendig gegenwärtig war: daß vielmehr darüber hinaus sein Wissen rätselhaft in jene Zeiten selbst zurückreichte und in seinem Blute, wie er es in Spanien tief erschüttert gefühlt hatte, die Erinnerung von Jahrtausenden schlummerte. „In jedem Menschen" sagt Jean Paul, „wohnen alle Formen der Menschheit, all ihre Charaktere, und der eigne ist nur die unbegreifliche Schöpfungswahl Einer Welt unter der Unendlichkeit 92 von Welten, der Übergang der unendlichen Freiheit in die endliche Erscheinung. Wäre das nicht: so könnten wir keinen anderen Charakter verstehen oder gar erraten als unsern von andern wiederholten.--------Nur unterscheidet sich der Genius dadurch, daß in ihm das Universum menschlicher Kräfte und Bildungen als ein mehr erhabenes Bildwerk in einem hellen Tage liegt, indes dasselbe in andern unbeleuchtet ruht, und dem seinigen als ein vertieftes entspricht. Im Dichter kommt die ganze Menschheit zur Besinnung und zur Sprache, darum weckt er sie wieder leicht in andern auf". In diesem Sinne trug George, wie Friedrich Gundolf es Serade für die BÜCHER unvergleichlich geschildert hat, die menschlichen Urformen unserer Bildungswelten in seinem Innern und führte sie durch die dichterische Eingebung ins helle Licht der Sprache herauf. Aber indem er die reinen Menschenbilder der Geschichte, das heißt der einmal dort und damals zeitgewordenen Gottesseele in seiner lebendigen Seele wiedererstehen ließ, erfaßte er doch zugleich auch ihre späteren historischen Spiegelungen im deutschen Geiste und unsere klassische Wiedergeburt, unsere Mittelalter-Romantik wie unser orientalischer Märchen- und Schicksalsschauer, der von der Gralsage über Goethes West-östlichen Diwan bis zu Wagners Parsifal und Nietzsches Zarathustra schwingt, ist in seinen Dichtungen mitverfangen. George offenbarte sich gerade in diesem Werke zu- ef st als der umfassendste Geist der Gegenwart. Er ist weder Klassizist °och Romantiker noch Orientalist, aber was wir mit diesen Bezeichnungen a n Dichtersehnen und Denkermühen, an Fernfahrersüchten und Kinderträumen umfassen und noch atmender Teil unseres Wesens ist, auch dies Und gerade dies hat George mit in sein Werk gehoben: nicht mehr als Quälende Sehnsüchte und vage Stimmungen sondern als unvergängliche erfüllte Gestalt unseres eigenen Menschentums. Wir dürfen seitdem — u nd es ist im jungen Geschlecht schon geschehen — an die Wiedererwek- kung der Vergangenheit gehen, ohne Furcht uns selbst zu verlieren: am hellenischen Traum zu verbluten, am christlichen Seelenflug zu verschwär- nie n, am morgenländischen Herrscher- und Weltenprunk zu verflüchtigen. Wie ALGABAL den Endrausch unserer Zeit aufgefangen hat, um dem beginnenden Leben freien Weg zu geben, so haben die BÜCHER unsere rernsüchtigen und rückgewandten Triebe wieder ins Gegenwärtige heimgeholt, ja sie haben uns von der ganzen Belastung der Geschichte als eines 2 Um Selbstzweck gewordenen toten Wissens vom Vergangenen befreit u nd sie uns wiedergeschenkt als vertieften Schicksalsraum unseres handelnden und bildenden nicht nur unseres erkennenden Selbst. Der Aufbau des neuen Werkes brachte die weitere Vollendung des Gesetzes, das wir auf der Linie von den HYMNEN zum ALGABAL sich ge- 93 stalten sahen: das ganze Werk ist in einer dreiteiligen zyklischen Ordnung geplant und durchgeführt, jeder der drei Bereiche vollendet sich in einem geschlossenen Gedichtkreis, der selbst wieder eine Zwei- oder Dreiteilung des Raumes aufweist. In jedem der Gedichtkreise ähneln die Versmaße und Strofenbauten sich leise den Zeiträumen an, denen der sinnbildende Gehalt entstammt, aber nirgends sind die alten Formen wie im Barock und in der Klassik einfach nachgeahmt. In den HIRTEN- und PREISGEDICHTEN sind antike Maße in freier Umformung verwendet oder nur anklingend durchgeführt, die SAGEN UND SÄNGE geben nicht den Aufbau proven- zalischer oder deutscher Minnelieder wieder, aber haben von ihrem Tonfall so viel aufgenommen um das Ethos jener Lieder anklingen zu lassen. Für die HÄNGENDEN GÄRTEN liegen überhaupt keine unmittelbaren Vorbilder vor, höchstens klingen die poetischen Stellen aus Tausend und einer Nacht — persischer Herkunft wie alles Poetische darin — und etwa das Hohelied von ferne an. Die zarte Ferntönung bleibt an keiner Stelle fremdes Element, ja es ist das Wunder dieser Gedichte, daß die Ort- und Zeitfarbe der vergangenen Bildungswelten ganz ins Heutige eingegangen ist. Der eigene Ton Georges überherrscht alle Maßgebilde mit unbedingter Gewalt, er war es ja der schon im Durchbruch der ersten Werke dem Wort sein neues Geheimnis gab und nun auch die neuen Seelenbereiche für die verwandelte Sprache eroberte. Gerade das Weiterschwingen dieses Tones in den völlig veränderten Stoff- und Maßgefügen der BÜCHER zeigte an, daß es sich bei seiner Erscheinung nicht um die gelegentliche Gefühlslage eines Dichters noch um die Ausklügelung technischer Kunstgriffe handelte, sondern um den notwendigen Ausdruck einer dichterischen Wesensart, wie sie alle Völker und Zeiten einer einheitlichen Lebensbildung besessen haben. Es ist der festlich durchgehaltene, der „Dauerton", wie Gundolf ihn genannt hat, der über die nur persönliche und nur gelegentliche Gefühlsäußerung hinaus von einem Bleibenden, Göttlich-Lebendigen in Leib und Seele kündet, von der ewigen Feier eines gläubigen Geistes, für den die heilige Welt eine unbezweifelte Wirklichkeit ist. Im zarten Liede wie im Zorn- oder Lobgesang behält dieser Ton ein gehobenes durchwaltendes Maß und gibt dadurch erst den Boden her für eine feste dichterische Überlieferung, für Schöpfungszeiten von langanhaltendem Atem, in denen sich eine künstlerische Stileinheit bilden kann. Im Georgeschen Gedichtkreis ist diese Stileinheit bei völliger Durchbildung und Selbständigkeit der Einzelgebilde vorgeschaffen. Die lebendige Unter- schiedenheit der Teile wird gebunden durch e i n Gesetz, dem jeder in sich und in der Aufeinanderfolge aller gehorcht, so daß im Wechsel der Einzeltöne zugleich der Einklang des Ganzen liegt. Ja noch die Titelgebung 94 der Gedichtkreise, die bei George nie etwas Zufälliges hat, wird als äußerster Rand von der Toneinheit erfaßt und deutet als sinngebendes Vorzeichen die Gesamtlage der Dichtung an. Daß ein solcher Ton, der eine gerundete Götter- und Menschenwelt voraussetzt, in einem einzelnen Menschen in gottloser Einsamkeit wieder erklingen konnte, ist ein Rätsel, das s »ch der begrifflichen Erklärung entzieht und nur das Geständnis erlaubt: «8 diesem Menschen lebt und beginnt eine neue Welt. Und welch eine Welt trat hier in das waffenstarrende und warenstrotzende Ende des 19. Jahrhunderts! Ein fremdes Inselreich, dessen Gestalten von all dem nicht berührt schienen, was sich ringsum als „das Leben" gebärdete, die von anderem Ernst und anderer Lust brannten als die Zeitgenossen für die ihre priesen. Und doch besaß der Dichter zugleich was sie als ihr Höchstes achteten in größerem Reichtum als sie selbst: Er war wessen sie sich rühmten: Sohn der Erde aus einer tieferen Schicht und in dichterer Fülle als sie nur ahnen konnten. Es ist bezeichnend für die Form der „Erinnerung" von der wir sprachen, daß sie sich bei George nicht auf Platonische Ideen noch christliche Uberhimmel richtete sondern auf verwandten Ort und Leib, auf irdisches Gewächs und Ding. Denn es unterscheidet Götter und Welten wie die großen schöpf er ischen Seelen ihren Ursprung °der die Heimkehr in ihr Eigen fühlen, ob zu den ewigen Bildern wie Piaton, den Wohnungen des Vaters wie Christus, den Bogen des unendlichen Lichtes Wie Dante — George sah sie in den BÜCHERN in den Altern der Erde wo der Mensch am schönsten blühte, er war von Bildern einer göttlichen Heimat trächtig, die sich hier auf mütterlichem Grund vollendet hatten und Wieder vollenden sollten. Drei orphische Sphären des Vergangen-Gegenwärtigen öffnen die BÜCHER: die des heldischen und opfernden Menschen wie ihn vor allem Griechenland, die des ritterlich-frommen und min- ne nden Menschen wie ihn das christliche Mittelalter, und die des schick- salswilHgen und sich vergeudenden Menschen wie ihn das Morgenland in den klarsten Grundformen gestaltet hat. Welches Alters oder Geschlechtes dieser Mensch ist, in welche Schicksale oder Begebenheiten er gestellt ist: lr nmer ist dieser Mensch schön oder ersehnt doch wie der Flurgott und °er Faun die Schönheit als höchstes Gut, immer ist die Landschaft und Umgebung in die er gestellt ist schön vom erhabenen Sinnbild der unberührten Traumeinsamkeit des „Herrn der Insel" bis zu den lichtüberstrahl- te n Trümmern der eroberten Stadt in den HÄNGENDEN GÄRTEN. Wie Sc hön muß diese Dichterseele sein, da noch das Häßliche und Ungenügende, das Sieche und Trümmerhafte in ihren Gesichten groß und schön er scheint und uns durch die Trauer des Verzichtes, die Scheu das Voll- •°mmnere zu stören oder ein stummes Beiseitegehen entzückt und rührt! 95 Vor diesen Gedichten erinnert man sich am ehesten, daß nie ein gemeines Wort über die Lippen Georges kam, daß keiner je eine häßliche oder obszöne Rede von ihm hörte. Die Gestalten der BÜCHER sind die menschliche Erscheinung des vollkommen schönen Gefüges der göttlichen Welt. Ihnen allen ob sie Sieger oder Gescheiterte, Erkorene oder Verworfene, Glückliche oder Verzichtende sind ist die Kraft des Dichters mitgegeben, vor dem Schicksal zu bestehen, das Notwendige fraglos und klaglos auf sich zu nehmen als Teil des Wachsens oder Welkens. Und diese Kraft zum willigen Aufgang oder willigen Untergang ist immer ein Lebenbejahendes, ein Schönsein im Tempel der Welt. Um die HIRTEN-GEDICHTE weht die griechische Luft, jenes innige Einssein von Mensch Natur und Schicksal, wie seit Winckel- mann und Goethe vor allem wir Deutsche es gespürt haben. Seit dieser Aufbruchszeit war durch die Künste und Wissenschaften, neues Forschen und neue Funde ein noch tieferes Sehen der Antike möglich geworden. Durch die Werke der Vasenmalerei und Bildnerkunst und nicht zum mindesten durch die Böcklins und Marees, also auf dem augenhaften Wege hatte George vor allem den Zugang in die hellenische Frühzeit gefunden und hier sein eigenes heroisches Fühlen und Schauen verkörpert gesehen. In zweimal sieben Gestalten hat er den heroischen Geist in seiner maßvollen Gelassenheit und opferwilligen Hingebung dargestellt: die hellen wie schwermütigen Zauber seiner Verflochtenheit mit Stern und Quell und Pflanze und die ernsten wie düsteren Geschicke eines erbarmungslos wählenden und verwerfenden Lebens von einer tragischen Unbedingtheit, die Goethe noch erschauern machte und deren Erschütterungen er am liebsten vermied. Aber eben weil die Seele des deutschen Dichters vom gleichen Lebensgefühl wie die der Griechen bebte, sind seine Gestalten und Landschaften keine fernen Märchen mehr: Brunnen, Pappel und Fichte, Mädchen, Knaben und Männer sind seines sind unseres Wesens und atmen die heimische Luft. Auch wenn die PREISGEDICHTE nicht die Aufschrift trügen „Auf einige junge Männer und Frauen dieser Zeit", würden wir unter den antiken Figuren nicht minder laut den Pulsschlag unserer Herzen fühlen und ahnen, daß hier im Gleichnis des Alten dem heimatlichen Leben eine neue Form der Feier entstanden ist: die Verklärung von Tag und Stunde, Ort und Fahrt im Verkehr mit den Nächsten, die Heiligung der freien Gebärde in der Freund- und Liebesgemeinschaft, die Ehrung der Schönheit als täglichen Gasts bei Mahl und Gespräch. Damit taucht zum ersten Male die bislang in der lyrischen Gattung für unmöglich geltende Form auf, die von nun an in allen Werken Georges wiederkehren und zur höchsten Voll- 96 endung geführt werden sollte: die Darstellung lebender Persönlichkeiten m ihrer Einzelerscheinung, ihrem Verhältnis zum Dichter oder zu einem weiteren Kreis der Geselligkeit. Obwohl ihre Namen hier noch ins Sinnbild gehüllt sind gibt dieses doch Zeugnis von der Glut und Unmittelbarkeit, von der Milde und Mäßigung mit der George vor jeder großen und kleinen Menschlichkeit seiner Gefährten und Gefährtinnen stand und das Bild der höchsten geselligen Stunden mit ihnen liebend und ehrfürchtig erhob und bewahrte. In den SAGEN UND SÄNGEN sind in gleicher Weise nur in der Sphäre einer anderen geschichtlichen Sinnbildlichkeit die Triebe und Dränge, Wünsche und Gewalten der Dichterseele Gestalt geworden. Urmensch- hche Leidenschaften und Eigenschaften, Fernzauber und Fahrfreude, Mannentreue und Frauendienst, Gottversunkenheit und Gottverlassenheit sind in der besonderen Spiegelung, wie das christliche Mönchs- und Rittertum, wie die aus ihnen genährte Sagen- und Legendendichtung u nd der noch währende Kult der katholischen Kirche sie ausgebildet und bewahrt hatten, mit einer von der ganzen Romantik vergeblich erstrebten Sinnfälligkeit in diese Lieder eingegangen. Ja sie haben hier zum ersten Male die große Dichterstimme gefunden. Denn was sich an menschlichen Geschicken frommer und tapferer Art in der gott- und minnesuchenden Zeit begab und in ihren Gemeinschaftsformen, Bildern und Bauwerken e inen vollkommenen Ausdruck erhielt, hatte in der Dichtung des deutschen Mittelalters keine gleichwertige Gestaltung gefunden, wie etwa die hellenischen Lebensbilder in der ihren. Die großen Gewalten des Daseins, das Diesseit und Jenseit, das Sinnliche und Übersinnliche, das Leibliche und Geistige mußten sich in jenen Zeiten zweier Sprachen, der völkischen Ur »d der lateinischen, bedienen und jede von ihnen entbehrte die der anderen zufallende Hälfte des Menschenwesens für seine dichterische Gestaltung. So blieben die Minnelieder ungeistig, die Kirchenhymnen unsinnlich, soweit sie sich nicht gelegentlich vom gegnerischen Körper Nahrung ent- hehen. Nur Dante ist es bekanntlich gelungen, diesen Zwiespalt aufzuheben, indem er die ganzen himmlischen Sphären in die Volkssprache einbegriff, ja mehr noch die ganze übersinnliche Welt auf seiner göttlichen Reise mit den Gestalten und Leidenschaften seines sinnlich-irdischen Dichtertums erfüllte. Die mißtrauende Kirche hat daher sein Werk erst vor wenigen Jahrzehnten — ein Zeichen ihres alternden Feingefühls — v om Index der verbotenen Bücher gestrichen. Sie wird die Kraft nicht mehr haben, die SAGEN UND SÄNGE Georges darauf zu setzen, in denen der weltliche Dichter frommere Weisen des ewigen Lebens singt als einer der geistlichen seit einem Halbjahrtausend, in denen der Laie tiefere Gebete 7 97 an die Mutter des ewigen Lichtes richtet als einer ihrer Priester mit verwelkten Herzen und erloschenen Gluten. Die Gedichte dieses Buches haben bald den trotzigen Klang eisenbewehrter Kämpfer und Beter, bald die Zartheit der keuschfingrigen Maler des mittleren Alters und zum ersten Male sind hier die geisternden Seelenkräfte eines christlichen Jahrtausends ganz deutsches Sprachgut geworden. George hat sie aus dem Bereich romantischer Sehnsüchte und verstockter Gelehrten-Überlieferung erlöst und auch sie zu Spannungen und Schichtungen des lebenden deutschen Menschen gemacht. Im Buch der HÄNGENDEN GÄRTEN, einem der wenigen Werke Georges mit abklingendem Rhythmus und entspanntem Schluß, ist der Traum des kindlichen Königtums zu Ende geträumt. Der immer noch wache Trieb nach unmittelbarer Auswirkung in einem staatlichen Handeln mußte in den dichterischen Kraftkern gezogen werden, wenn die geistige Herrschaft ganz erstehen sollte. So führt der Dichter seine Seele im Bilde des östlichen Fürsten durch die Sphäre des Verzichtes, des Sich-Verlierens und Erlöschens, Er verlegt diesen Vorgang in das Land des Unwahrscheinlichen und Willkürlichen, in das Reich der märchenhaften Phantastik, in der uns der Orient seit der Alexandersage, den Kreuzzügen, seit den Epen Tassos, Ariostos, Wielands und noch dem Diwan Goethes und seinen Folgern schimmert. Denn nur in diesem fernsten fremdesten Raum konnte die Entsagung wahrscheinlich, die Verflüchtigung möglich erscheinen. Hier war das Ungewöhnliche alltäglich, unerwartete Erhebung und Sturz auch der Größten ein häufiges Spiel. George hat von dem Unendlich-Mannigfaltigen des morgenländischen Märchen-Reiches genommen, wessen er bedurfte um den Luft- und Umkreis sichtbar zu machen, in dem die über den Rand der Gestaltenwelt schweifende Seele sich bewegt: den glutvoll erschlaffenden Atem um alle Dinge, die schwüle Begehrlichkeit aller sinnlich bunten Reize, den betäubenden Prunk von Stahl und Purpur, Weihrauch und Blumen. Der Blutrausch der Schlachten wie der Friedensabend, der Jubel der Feste wie der stillste Mittagstraum sind nur Zeichen für den einen, der einmal ganz sich lösen und im Traum der Lust versinken will- In dieser schwelgenden Verschwendung von Lichtern und Wassern, Gärten und Bauten, Kriegern und Frauen ist die Herrschaft, nicht wie im ALGABAL eine brennende Aufgabe mehr, sondern ein zu verschwendender Überfluß und ihr Träger ist von schrankenloser Hingabe in der Liebe, von willentlicher Unterwerfung unter die Schläge des Schicksals, von demütigem rachelosem Dienst vor dem glücklicheren Sieger. Wer das widerstandslose Erlöschen der Herrschaft in solcher Unbedingtheit fassen konnte, mußte wie der Dichter der HÄNGENDEN GÄRTEN schon den Bo- 98 den der neuen Herrschaft gewonnen haben, um die versunkenen und versinkenden Träume in solcher Schönheit erstehen zu lassen. Daß der Fürst sich nicht aufbäumt sondern auch das Äußerste hinnimmt, daß ihn die gesteigerten Leiden nicht erbittern und die scheue Traurigkeit vermehren, daß der ganz Verlassene sich dem versöhnenden Wasser übergibt, um ins Dunkel gleitend Vergessen und erlösende Ruhe zu finden, ist Sinnbild des inneren Geschickes, auf das George hier schon zurückschaut: auf die Gefahren und Leiden, als der kindliche Königstraum erlosch und in den größeren der geistigen Eroberung der Sprache einging, als er in das mütterliche Element der Seele tauchte, um verwandelt zu erstehen. Man muß die frühen Aufsätze von Hofmannsthal, Gerardy, Wolfskehl, Verwey, Klages gelesen, die Erinnerungen der bildenden Künstler jener Tage gehört haben, um zu begreifen, welch eine neue Erde ihnen in den BUCHERN aufging, wie die keusche und doch bezwingende Gebärde, die adlige Anmut und Stärke der Gestalten sie ergriff! Es war die Zeit eines hohlen und groben Theaters und einer lauten nervenreizenden Musik, das Jahrzehnt, in dem auch die Staatsmänner zur bombastischen Geste, die Kaufleute und Unternehmer zur schreienden Reklame und die Massenführer zum Straßen-Schlagwort griffen. Schon damals stellte die Dichtung Georges Welt gegen Welt. In den BÜCHERN war alles Grelle gedämpft, alles Laute vermieden, aber gerade am leisen Aufhub schwerer Wuchten spürten die Künstler den Anbruch eines schöneren Menschenmorgens. Nicht ein Klassisches, nicht ein Romantisches, nicht ein Orientalisches hörten sie aus den Gedichten schwingen, wohl aber die Befreiung von den Forcen der eng gewordenen Überlieferung und den schlimmeren der künstlerischen Verrohung ihrer Zeit: sie fühlten die Erweckung einer ursprünglichen ewigen Menschlichkeit gleich edel wie die der Antike, gleich fromm wie die des Mittelalters, gleich schicksalsgläubig wie die des Orients — aber unseres Herzens und unseres Landes. Wir wollen von jenen Stimmen n ur die eine von Hofmannsthal, einige Sätze aus seiner schönen Bespre- c hung der BÜCHER anführen, da sie in seinen Werken bisher nicht wieder gedruckt worden ist. „Obwohl in einer reichlichen Breite der inneren u nd äußeren Erfahrung webend" schrieb er in der Wiener Wochenschrift »Die Zeit" vom 21. März 1896, „ist in diesen drei Büchern Gedichte das Leben so völlig gebändigt, so unterworfen, daß unserem an verworrenen Lärm gewöhnten Sinn eine unglaubliche Ruhe und die Kühle eines tiefen Tempels entgegenweht. Wir sind in einem Hain, den wie eine Insel die kühlen Abgründe ungeheueren Schweigens von den Wegen der Menschen abtrennen. Es ist ein Hauptmerkmal der schlechten Bücher unserer Zeit, daß sie 99 gar keine Entfernung vom Leben haben: eine lächerliche korybantenhafte Hingabe an das Vorderste, Augenblickliche hat sie diktiert. Zuchtlosigkeit ist ihr Antrieb, freudlose Anmaßung ihr merkwürdiges Kennzeichen. Hier nun redet wieder die hochgezogene Seele eines Dichters. carmina non prius audita Musarum sacerdos Virginibus puerisque canto. Diese Gedichte speien freilich nicht das gierig verschluckte Leben in ganzen Brocken von Sensationen von sich, wie die Schakale und Hunde, aber sie sind ganz mit Leben durchdrungen und es ist gar nicht völlig aus ihnen herauszuwickeln. So eins sind in echter Poesie, wie in der Natur, Kern und Schale, daß uns ein Teil des Gemeinten auf einem Wege zugeht, der dem Verstand unauffindbar ist.-------- Das Buch der „Hirten und Preisgedichte", als erstes gestellt, ist erfüllt mit dem Reiz der Jugend. Es ist die gehaltene Anmut antiker Knabenstatuen darin, jenes bescheidene und nachdenkliche .Gürten der Lenden für die Reife des Lebens'. Die lieblichsten Schüler des Sokrates schweben ungenannt vorüber: Me- nexenes, Apollodoros, Charmides, Lysis; man ahnt, wie sie sich bewegt haben, man erinnert sich, wie schnell sie erröteten. Es ist fast keine Zeile in dem Buch, die nicht dem Triumph der Jugend gewidmet wäre.-------- Das scheue Wesen, die ahnungsvolle Fülle und Leere wird in schönen Beispielen ländlichen, einsamen Lebens gemalt und hier tritt eine frühe, halbsinnliche Frömmigkeit auf, eine knabenhafte Andacht zur untergehenden Sonne und zu dunkelnden Wolken.------------Die gleiche Gesinnung verbannt aus diesen Gedichten die breite Schilderung, die orgiastische unreife Wiedergabe des dumpf Angeschauten. Es ist nichts von Qualm darin. Strenge Hintergründe bieten das Notwendige: den Strand, eine Straße, das Schiff, sparsame und bedeutende Linien wie an alten Krügen, vieles sagend, wie im Traum, Umrißlinien des unterworfenen Lebens. Diese Übereinstimmung zwischen Gesinnung und Manier hätten wir nicht entbehren dürfen, ohne irre zu werden. Denn die künstlerische Kraft und das Weltgefühl eines Künstlers sind eins. An wem die Welt mit verworrenen Auspizien zerrt, wer sich nicht selbst gehört, der hat keine Gewalt, die Worte anders als scheinhaft und gemein zu setzen. Wer lügt, macht schlechte Metaphern. Die Verse, die ein Mensch schreibt, sind auf ewig ein unentrinnbares Gefängnis seiner Seele, wie sein lebendiger Leib, wie sein lebendiges Leben. Es ist ganz so unmöglich, von außen Schönheit in ein Gedicht zu bringen, als es unmöglich ist, durch den Willen den Ausdruck seiner Augen schöner zu machen. ioo Die Bilder sind spärlich, groß und gehen aufs Wesen; und neben ihnen erscheint die metaphorische Reichlichkeit vieler Dichter aufgedunsen und übel angebracht. Von einem Sieger ist gesagt: Er geht mit vollem fuße wie der löwe Und ernst... Der sinnlich geistige Eindruck einer singenden Menschenstimme wird so gemalt: Wenn deine stimme sich in lieder löst, verbreitest Du warm und tief behagen und genuß. Einzelne Bilder sind vom überspringenden Feuer, vom Sternenhimmel, von den einfachsten, sozusagen ewigen Hausgeräten genommen. Der vielfältige „verklausulierte und zersplitterte" Zustand unserer Weltverhältnisse ist in den ungeheuren Abgrund des Schweigens geworfen. Auf das mannigfaltige Aufdringliche, innen und außen, wird nicht angespielt. Das grenzenlose Formale ist abgetan und damit eine verworrene Gewissenslast abgeschüttelt. Diese Menschen scheinen freier, leichten Hauptes und leichter Hände, behender und lautloser ihr Atem, minderes Gewicht auf ihren Augenlidern. Wir erkennen unser Dasein in ihnen wieder, aber in einem neuen, freieren Verhältnis gegen die ganze Natur fortgesetzt. Man wird an jene glücklichen Bewohner entfernterer Gestirne erinnert, die aus leichterem und feinerem Stoff vermutet werden.------- Es wird niemandem ein gewisses Verhältnis der „Hirten- und Preisgedichte" zu den Alten (und mehr zu dem Tone des Tibull und Horaz, als dem der Griechen), ein gewisses Verhältnis der „Sagen und Sänge" zu dem Tone der Deutschen des 13. Jahrhunderts entgehen. Auch wird hier die giebelige Stadt, die Kapelle, die beblümte Au der Miniaturen sparsam angedeutet, wie dort das Entsprechende in der Art der geschmückten Krüge. Nur ist dieses Verhältnis nicht stärker herbeigezogen, als es für Menschen später Geschlechter ganz unaufdringlich und selbstverständlich in den Landschaften, den ererbten inneren Zuständen und äußeren Manieren zu liegen scheint. Wir sind von vielfältiger Vergangenheit nicht loszudenken. Aber freilich ebensowenig in eine bestimmte Vergangenheit hineinzudenken. Hier wird der Takt eines Künstlers alles entscheiden; das Widerwärtigste und der feinste Reiz scheinen hier durcheinander zu liegen. Wir geben uns kaum Rechenschaft darüber, wie viel von dem Zauber eines jeden Tones diese mitschwingenden Obertöne ausmachen, dieses Anklingen des früheren Herben im späten Milden, des Kindlichen im Feinen, dieses Mitschwingen des Homer in den späten Griechen, der Griechen 101 in den Römern, dieser Abglanz der Venus in den Bildern von christlichen Heiligen. Und sind nicht die Antike Goethes, die Antike Shelleys und die Antike Hölderlins drei so seltsam verwandt-geschiedene Gebilde, daß es einen traumhaften Reiz hat, sie nebeneinander zu denken, wie die Spiegelbilder dreier sehr seltsamer Schwestern, in einem stillen Wasser, am Abend? Einen freieren, unsicheren Hintergrund haben die Gedichte des dritten Buches. Bald über der Welt, bald wie im lautlosen Kern der Erde eingebohrt, immer fernab von den Wegen der Menschen. Diesen traumhaften Zustand bezeichnend, heißt es das „Buch der hängenden Gärten". Sterne werden nur durch das Netzwerk phantastischer Blätter erblickt, das Wasser nur, wie es aus den Schlünden von Fabeltieren in ein Becken springt. Aber auch in diesen tieferen Betäubungen der Phantasie finden wir das Gemüt wieder, das uns in den „Hirtengedichten" und in den „Sagen und Sängen" nahe gekommen ist. War es dort zart, nach dem Leben begierig, bewundernd und dienend, so sind die Gedichte der „Hängenden Gärten" prächtig, ja ruhmredig und heftig, voll vom Begriff eines höchst persönlichen Königtums und voll von dumpfen und grausamen Erfahrungen. Aber eine hochgespannte innere Reinheit und das Gefühl der Berufung geht nicht verloren, in allen An- und Abspannungen kommt keine erniedrigende Schwere in diese Gebärden. Er ließ sich einsam hin auf hohem steine. Mit keinem maßloseren, keinem unwürdigeren Wort ist der verlassenste, traurigste Zustand gemalt. Die angeborene Königlichkeit eines sich selbst besitzenden Gemütes ist der Gegenstand der drei Bücher. Nichts ist der Zeit fremder, nichts ist den wenigen wertvoller. Die Zeit wird sich begnügen, aus den schlanken tyrannischen Gebärden, aus den mit schmalen Lippen sparsam gesetzten Worten, aus dieser leichtschreitenden hochköpfigen Menschlichkeit und der im unsicheren Licht der frühen Morgenstunden gesehenen Welt einen seltsamen Reiz zu ziehen. Einige wenige aber meinen nun mehr um den Wert des Daseins zu wissen als vorher". 5. KAPITEL: HOLLAND UND ENGLAND ALS George noch in Belgien weilte, erhielt er um die Mitte des Jahres 1895 einen Aufsatz des schon öfter erwähnten Holländers Albert Ver- wey zugesandt: „Twee Dichters", in dem die Gedichte Georges und Ver- haerens besprochen waren. Verwey, der in seiner Heimat schon seit 102 einigen Jahren für eine gehobenere Stellung der Dichtung kämpfte und überall in den Nachbarländern die Bewegung des Schrifttums verfolgte, hatte aus Deutschland auch die ersten Bände der „Blätter für die Kunst" erhalten. Sofort erkannte er: hier ist das Gesuchte, und schrieb den eben erwähnten Aufsatz, von dem wir die begeisterten Worte über Mallarme und George schon angeführt haben. Verwey untersuchte darin das Verhältnis Georges zu den französischen Dichtern und stellte im Gegensatze zu Karl August Klein eine Verwandtschaft nicht so sehr seines Dichter- tums wie seiner Persönlichkeit mit Baudelaire fest. Sein Ton sei freilich der erste selbständige seit den großen Deutschen, seit Heine gäbe es kein Lied von so sauberem Gang, so süßen Lauten und faltenloser Dünung, seit Platen kein auch nur annähernd gleich gestaltendes Vermögen, ein Gemälde von so kräftiger Farbe und strengem Charakter aufzubauen. Die innerliche Gediegenheit dieses Dichters beruhe auf dem Klassischen seines Satzbaues, dem Streben nach Kürze, dem Vermeiden des unreinen Reimes, einer besonderen Sorgfalt im Technischen und einem kargen Gebrauch v on störenden Satzzeichen. Aber in seiner Persönlichkeit, in der verkörperten Natur, „die der Stoff des Künstlers ist und von der allein es abhängt, in welcherlei Gestalt er die Phantasie seiner Leser berühren wird" glaubte er die Welt Baudelaires und der französischen Dekadenz zu erkennen, die Welt derer „für die die Berührung mit dem kräftigen Leben von Natur und Menschheit kein Genüge mehr ist, derer die das gesunde Aufschwellen von Leben zu Leben, den Erguß und die Verkuppelung der Körper und Seelen, wodurch dieser Kosmos lebt, fürchten, weil sie ihnen z u mächtig sind, derer denen nur fremde Reizung und bizarre Nuance eine vorübergehende Genugtuung gibt". Verwey spürte dennoch in der scheinbaren Schwäche die unverkennbare Hochherzigkeit des neuen Dichters. Wenn nach seinen Worten ein Gedicht wie die „Spange" eine bizarre Persönlichkeit verrät, so muß es doch eine königliche Pilgerseele sein, die dies gebieten kann, wenn Algabal ein kranker Kaiser ist, so muß man doch ein Kaiser sein, um so die Träume seiner Krankheit zu verbildlichen und zu verwirklichen. Eben darum beklagte er tief, daß jetzt auch in Deutschland der Dichter, dem das höchste Lob gebühre, bei den Dekadenten aufträte, denn gegenüber dem damals schon berühmteren Dichter Verhaeren, den er im zweiten Teil seines Aufsatzes behandelte, schien ihm der Deutsche doch die wichtigere Erscheinung von beiden zu sein. (Tweemaand. Tijdschr. Mai 1895.) George ließ Verwey durch Karl August Klein auf einiges Falschgesehene aufmerksam machen und ihm seine bis dahin veröffentlichten Dichtungen senden. Als er im Herbst in Bad Scheveningen weilte, folgte 103 er einer Einladung Verweys nach Noordwijk-aan-Zee. Von nun an kam er öfter in dieses immer unveränderte Haus in den Dünen: er hatte hier auf nicht mehr deutschem aber ganz germanischem Boden einen großen Dichter und Freund gefunden. In der jahrhundertelangen Trennung vom Mutterlande hatte Holland mit dem eigenen staatlichen Schicksal auch eine eigene Bildungseinheit erworben. Dieses Land, das zur Stauferzeit den Vater des Minnesangs, Heinrich von Veldeke gebar, den Wolfram als seinen Meister und Gottfried als den Pflanzer des ersten Reises in deutscher Zunge preist, das im Spätmittelalter die innigen Brüderschaften hervorbrachte, deren mystische Liebeserschütterungen auf Ekkehart, Ruysbrock, Tauler, Thomas von Kempen und noch Luther einwirkten, dieses Land der Rhein-, Maas- und Scheideniederungen hatte sich im Verlauf seines Unabhängigkeitskampfes gegen Spanien-Habsburg und dann im Dreißigjährigen Kriege mehr noch als durch eine staatliche Grenze durch eine seelische Kluft vom alten Reiche geschieden. Indem es sich in allen geistigen und gesellschaftlichen Bewegungen den westeuropäischen Völkern anschloß und auch deren weltumgreifende wirtschaftliche Formen auf Gedeih und Verderben teilte, hatte es dem immer mehr auf sich zurückgeworfenen Deutschland gleichsam den Rücken gekehrt und nur in den schlimmsten Nöten die Hilfe seiner Krieger gerufen. Man kann gewiß nicht sagen, daß diese Wendung dem Ansehen seines Staates, dem Vorteil seiner Wirtschaft, der Höhe seiner humanistischen Wissenschaft und der Blüte seiner bildenden Künste geschadet habe: der Ruhm der Holländer auf allen diesen Gebieten ist unbestritten, aber gewiß ist auch, daß er seit dem 18. Jahrhundert allmählich mehr und mehr verblaßte. War ein altes Erbe aufgezehrt und fehlte der Nährboden des alten Mutterlandes, der den Holländern zur Zeit ihrer höchsten Blüte noch ihren größten Dichter beschert hatte? Joost van Vondel, ein Sohn kölnischer wiedertäuferischer Eltern und selbst noch in Köln geboren, war gewiß kein Dichter von weltvertretender Größe. Durch seinen Übertritt zum Katholizismus hat er nicht einmal die volksschaffenden Kräfte des holländischen Kalvinismus umgreifen und das Bild der heldenhaften Zeit seines Volkes dichterisch gestalten können. Aber dieser Rheinländer hat dem Schrifttum seines zweiten Vaterlandes doch die romanisch-klassizistische Schulung erobert und es damit auf eine Stufe der gemeineuropäischen Überlieferung gehoben welche die barocke Dichtung in Deutschland nicht erreichte. Doch diese hohe Ebene Vondels hatte das holländische Schrifttum nicht lange gehalten, Vondels frömmelnde Art vermochte den aufgeklärten Geschlechtern des 18. Jahrhunderts nichts mehr zu sagen und als in Deutschland die große Wiedergeburt anbrach, stand Holland auf dem tiefsten Punkte sei- 104 ner dichterischen Bildung. Die geistige wie staatliche Lage seines Volkes am Ende des 18. und bis tief ins 19. Jahrhundert hinein umschrieb Verwey selbst einmal mit den Worten: „Ein machtloses, charakterloses an Freude leeres Volk, das noch immer nicht absehen konnte vom Stolz auf seine frühere Größe, ja sich das beste in Europa wähnte, das war das Volk von Bilderdijk (1756—1831) und so war auch er. — Andre Völker besaßen das volle Heute, wir das Vergangene in leerer Abgezogenheit, andre freuten sich, wir mußten leidend unser Großes festhalten". Nur langsam kam mit der von außen einbrechenden Romantik ein frischeres Leben in den niederländischen Geist und wenn auch Potgieter nur erst „eine Renaissance der Renaissance", ein Zusammenstoßen aller Formen der niederländischen Dichtung seit dem 16. Jahrhundert war, so löste er doch die Holländer dadurch aus ihrer Vereinzelung und Vereinsamung, daß er sie unter dem romantischen Blickpunkt als Volk in der ihm eigentümlichen Besonderheit unter den anderen Völkern sah und gerade hiermit die Grenzen öffnete. Der frühverstorbene Jacques Perk stieß dann vollends um 1880 in den klassischen Raum Goethes und den katholischen Dantes vor — auch er mehr von den südlichen Tälern des bisher so verhaßten katholischen Belgien als von den nördlichen niederländischen Ebenen erregt — und befreite das junge Geschlecht plötzlich von der ganzen verwässerten Renaissance- Überlieferung von Vondel bis Potgieter. Es war ein Durchbruch durch den „ganzen römisch-klassizistischen Apparat" und dem großen europäischen Zuge folgend ein Aufbruch in das Reich der freien Natürlichkeit und der natürlichen Menschlichkeit. Die jugendlichen Amsterdamer Dichter Verwey, Kloos, Gorter, Van Eeden und andre gründeten gegen die bisher führende literarische Zeitschrift „De Gids" im Jahre 1884 „De Nieuwe Gids", dessen Kampfansage Segen den alten „Führer" mit den Worten schloß: „Wir sind keine Naturalisten, aber wir nehmen sie und ebenso Hypersymbolisten auf, wenn ihre Werke haben was wir fordern: Wir wollen den gesunden Verstand in der Kunst". Hier kündete sich also mehr ein jugendlich brausender Wille zur Sprengung jeder Überlieferung, zur Außerachtlassung jeder Grenze und Fessel, kurz eine mehr auf Ablehnung und Verneinung als auf einer sicheren Kunstanschauung beruhende Bewegung an. Wir werden aus der Betrachtung der künstlerischen Ideen Verweys bald deutlicher ernennen, warum dieser sich nach dem Gelingen des Durchbruchs in zehnjährigem Kampfe von seinen Genossen trennen mußte und im Jahre 1895 toit Ludwig van Deyssel zwei neue Zeitschriften gründete, die „Tweemaan- delijksch Tijdschrift" und „De XX. Eeuw" (Die Zweimonatliche Zeitschrift Und Das Zwanzigste Jahrhundert), die nach abermals zehnjährigem Be- 105 stehen seit 1904 durch die von ihm allein herausgegebene „De Beweging" abgelöst wurden. In diesen Zeitschriften, welche für sein kleines Land durch die größere Sichtbarkeit aller Öffentlichen Äußerungen eine weitaus stärkere Bedeutung haben als Erscheinungen gleicher Art in Deutschland, hat Verwey fast vier Jahrzehnte hindurch sowohl durch Förderung und Veröffentlichung junger Dichtungen wie durch kritische und darstellende Aufsätze einen zähen Kampf dafür gefochten, dem Dichter in seiner Heimat einen gebührenden Platz in der Gesellschaft neben dem Geistlichen, dem Staatsmann, dem Wissenschafter und Wirtschafter zu erobern. Nach dem Erlöschen der Zeitschriften faßte er seine eigenen Aufsätze nochmals zusammen — so in den Büchern Toen de Gids Werd Opgericht, Amsterdam 1899; Stille Toernooien 1901; Luide Toernooien 1903; De Oude Strijd 1905; Proza 10 Bde. 1921—23 — und setzte durch diese Sammelbände den Kampf in geschlossener Ordnung fort. Mit einer Übertragung von Shelleys „Verteidigung der Dichtkunst" hatte der Jugendliche diesen Kampf um das Jahr 1880 eingeleitet und in einem Vorwort der bürgerlich-protestantischen Anmaßung seiner Landsgenossen die trotzige Erklärung entgegengeschleudert, daß nicht Luther sondern Dante der erste Neuformer, der erste Erwecker des in Schlaf gefallenen Europa gewesen sei und daß alle Gründe hinfällig seien, aus denen man vom Dichter gefordert habe, die bürgerliche Krone an Redner und Werkleute abzutreten. Das Vorwort zu seiner zehnbändigen Prosaausgabe schloß er vierzig Jahre später mit den gleichen Gedanken in gereifter Form: „Die Idee der Dichterschaft bildend und betrachtend stellt sich in die Gesellschaft. Sie bestimmt da ihr Verhältnis zu Künsten und Wissenschaften, Religion und Philosophie, Staatskunst und Volkswirtschaftslehre. Sie gibt Führung den jungen Dichtern. Sie ordnet die Vergangenheit der vaterländischen Dichtkunst und sucht Verwandtschaften im Ausland. Sie zeigt an einer großen Anzahl Erscheinungen Kunst und Leben betreffend wie die Welt, von ihr aus gesehen, werden muß. Denn die Idee der Dichterschaft ist nicht nur von Bedeutung für Dichter. Sie ist die schaffende Einbildungskraft, die am unmittelbarsten in der Dichtkunst verkörpert wird, die aber als erster menschlicher Trieb mit dem Leben selbst zusammenfällt. Jeder Mensch hat Augenblicke wo er Dichter ist. Jede große und gute Tat kommt hervor aus der dichterischen Einbildungskraft.-------- Dies ist die Überzeugung, die wie ich hoffe, aus dieser Ausgabe sprechen wird. Die Dichterschaft die sie verkündet, ist nichts anderes als der eingeborene Glaube an die Göttlichkeit der Welt". 106 In der Zeitspanne zwischen diesen Aussprüchen liegt ein Lebenswerk, das ganz durchglüht ist von der Idee des Dichtertums: Durch Zeichnung und Rangschichtung heimischer Dichter, durch scharfe Unterscheidungen zwischen Vers und Prose, durch Erläutern fremder Geister und Geistesarten und nicht zuletzt durch eigene dichterische Schöpfungen hat Verwey der Verteidigung, Klärung und Gestaltung dieser Idee alle Kräfte seines scharfen Verstandes und seinen weiten Umblick über die Geschichte und Gegenwart Europas gewidmet. Das hohe Bild des Dichters, wie er es von Beginn an in sich trug, ist das des schöpferischen Genius, des Urdichters, w ie Gundolf es später genannt hat, der die im Ursprung der Sprache vorhandene aber durch Schrift, Gewöhnung und Verschleiß stets bedrohte und zerreißende Einheit von Bild und Gebärde rettet und wiederschafft, er „der erneuende lebenerweckende Gott der Sprache", der alles was geformt und erstarrt nur totes Kapital für die Menschheit ist, erlöst und wieder mit Leben füllt. Nur große vom inneren Schöpferdrang getriebene Seelen haben die Kraft zu solcher Wiedergeburt. Denn niemand, heißt es in dem Aufsatz über dichterische Sprache vom Jahre 1884, „niemand der nichts Großes in seiner Seele hatte, ist Meister über die Sprache geworden: der Geist ist nicht stark genug die Natursprache aus dem toten darüber lastenden Haufen auszugraben, wenn er sie nicht notwendig braucht, um ein Bedeutendes damit auszudrücken. Wer Eingebung hat sucht sie nicht w eil er fremd oder anders sein will wie die meisten, sondern weil er anders licht sagen kann, was er sagen muß" (De Oude Strijd). Der Dichter tritt, so formuliert Verwey es später anders, aus der alten, weil er eine neue Gesellschaft beginnen muß und scheint einen Augenblick außer jeder Gesellschaft zu stehen (Proza I). Wir berührten schon, daß er im ersten Jahrzehnt seines Wirkens mit den Genossen im „Nieuwe Gids" die überkommenen Formen abschüttelte. Die jungen Stürmer glaubten weder dieser noch anderer Stützen der Gemeinschaft hinter und um sich zu bedürfen und jeder vertraute bei der Gewinnung neuer Formen und Gehalte auf die Vernünftigkeit und Natürlichkeit seiner eigenen Person. Dadurch ging, wie Verwey selbst im „Anbruch der neuen Dichtung in den Niederlanden" (Proza II) ausgeführt hat, Jede bindende Innerlichkeit der Gedichte verloren: gefühlsmäßige Erregungen, „Organ- und Nervenreflexe" im Gedicht aufzufangen, galt Schließlich als die Norm und es entstand „eine Poesie der Anarchie und Auflösung", der jede tiefere Einheit von dichterischem und menschlichem Wesen fehlte. Dieser auf die Spitze getriebene Ichkult brach in den neunter Jahren um. Wir sehen Verweys Anteil daran überhaupt mehr in Seiner Kampfstellung gegen das Alte, gegen die hausbackene Literatur 107 und Literaturbetrachtung, die selbst der deutschen an spießbürgerlicher Flachheit weit überlegen war. Denn wer wie er schon am Beginn jener Bewegung eine Studie wie „Das Sonett und die Sonette Shakespeares" schreiben konnte, von einer so wundervollen Deutung der rhythmischen Möglichkeiten des Sonetts, seiner Technik im allgemeinen und bei Shakespeare im besonderen, von einer so bezaubernden und erhellenden Darstellung des Blankverses im Vergleich zum Acht- oder Zwölfsilber, wie wir etwas Ähnliches vergeblich in unserer Wissenschaft suchen — der war vor einem völligen Abgleiten in die naturalistische Auflösung gesichert. Er löste sich, sobald er den Weg für das junge Geschlecht geöffnet sah, langsam von den Mitkämpfern, noch ungewiß zu welchen neuen Zielen. Eine Reise nach Italien (1890), der Anblick so vieler Werke der hohen Kunst aus drei Jahrtausenden, vor allem seltsamerweise der römischen Bildnisköpfe in Neapel lenkten seine Gedanken von den natürlichen Ichgefühlen auf das künstlerische Gebilde, von Eindruck und Vorstellung auf den Geist, vom Wort auf den Satz: „Denn Lust- und Nervengefühl äußern sich durch das Wort, die tiefere Einheit des Geistes drückt sich im Satze aus" (Proza II, 47). In diese Wandlung, deren Gegensätze er mit solcher Klarheit erst später erkannte, fiel die Bekanntschaft mit den Gedichten der ersten Blätter- Bände und dann die Begegnung mit George selbst. In nichts zerflog bei dessen erstem Anblick das Bild des „Dekadenten", in nichts die Sorge um die Endschaft-Süchte auch des deutschen Geistes! Jugendlich strahlend bewegt, von der fast kampflosen Klarheit und Wachstumsfreudigkeit wie diese ganzen Monate eines reichen Zustroms von Freunden und Gefährten, schön minnend gelassen wie diese Jahre der Entstehung der Hirten- und Preisgedichte ihn gestaltet hatten, trat der schlanke brünette Deutsche vor ihn: mit dem vollen welligen Haar, der gewaltigen Stirn, den blitzenden dämonisch festen Augen, den löwenkräftigen Kinn- und Kieferknochen, einem Antlitz das ihm von vorne breit und mächtig, von der Seite schmal und feingliedrig erschien, ein Mensch ohne Spur von Müdigkeit wenn auch mit jener Schwermut auf dem Grund der Seele, welche die Wissenden kennen. Vor allem, was Verwey aus den Werken schon wußte, aber in den Gesprächen tief bestätigt fand: ein Dichter in jedem Blick und Nerv stand vor ihm, ein solcher wie Verwey, gleichgültig auf welche Person oder Frage angewandt, ihn seitdem immer wieder gezeichnet hat, einer der glaubt „daß der Kunsttrieb eine Naturgewalt ist die nicht getötet werden kann, daß das Kunstwerk nach eigenen Gesetzen geht und daß ein Leben hingebracht in der Schöpfung der Kunst-in-Worten mehr denn jedes das Leben lohnt", einer der Leid und Leidenschaft und alle Bereiche des 108 natürlichen Daseins bis in die Tiefen fühlt aber zugleich Herr über die dunkelflutenden Gründe ist und sie mit den beherrschenden Mitteln seines Geistes im Kunstwerk bändigt. Wer, um bei der Unbekanntheit von Verweys Schriften in Deutschland nur eines seiner vielen Dichter-Bilder wiederzugeben, wer, der ihn kennt, dächte bei diesem hier nicht an George? „Lassen wir uns nicht unnötig schwierig machen durch lästige Umschreibungen dessen was Kunst sein °der nicht sein müßte. Wenn ich aus jemandes Worten höre, daß er tief erschüttert ist und ich fühle dann zugleich, daß er in vollkommenem Selbstbesitz spricht, dann stelle ich nicht zuerst die Frage ob das was er sagt Kunst ist: ich stelle überhaupt keine Frage: ich lausche". Soviel erhellt aus diesen wenigen Stellen: mit welcher Freudigkeit diese beiden Seelen zueinander eilen mußten! Verwey sah durch den Rheinfranken den dunkelgefühlten Weg plötzlich in vollem Lichte und aus der Klamme der Verneinung tretend die Gipfel hohen künstlerischen Wirkens klar vor Augen, George fand in dem blonden um drei Jahre älteren Niederländer mit dem borstigen Haupthaar, der hohen hellen Stirn, den blauen ebenso klugen wie tiefgründigen Seemannsaugen und unter kräftiger Nase dem kräftigen Mund, um den ein schütterer Bart die Züge von Witz- und Spottlust nicht verdecken konnte — er fand in diesem weltkundigen und Sc hon in Streiten gereiften Amsterdamer eine germanische Wesensart in besonderer Reinheit und Stärke: Verwey hatte das was wir Deutsche »Tiefe" nennen, etwas das der Romane ablehnt oder belächelt weil es ihm Unsympathisch und unverständlich ist. Ein Etwas, um ein Augenbeispiel 2 u nennen, das uns mit unheimlicher Gewalt entgegenspringt, wenn wir in " e n Uffizien nach dem Betrachten italienischer, spanischer und französischer Meister plötzlich vor den Gemälden Rogers van der Weyden und Hug os van der Goes stehen: ein seelischer Farbenabgrund und eine mystische Bewegtheit der Gebärden, die von etwas anderem aussagen und Woanders hinreichen, als alle Farben und Gebärden die wir vorher sahen. Es ist jene andere Fragestellung an das All, die auch allen dichterischen Werken Verweys eigentümlich ist und ihnen das völlig germanische Merkmal gibt. Mochte der kalvinische Holländer und Erbe der englisch-franzö- Sl schen Aufklärung vor katholischem Kult und Papsttum schaudern, er ls t dennoch eine tiefreligiöse Natur. Freilich schwingen seine Gedichte wie seine dichterischen Anschauungen um das mystische „Selbst" und „Sich", Ur n die leidende Gott-Tiefe und -Innigkeit mehr als um die leibliche G ottgestalt. Der Dichter der SAGEN UND SÄNGE war nie empfänglicher für diese Schwingungen unserer germanischen Seele als damals. Den alternden Kir- 109 chen gegenüber waren sie beide Zweifler, der Gott-Natur und ihrer unendlichen unzerstörbaren Schönheit galt beider Verehrung, nur ihre Erscheinung war dem einen dunkler Spiegel dem andern helle Gestalt. In jenen ersten Jahren ihrer Freundschaft aber tauschten sie ihre innere Habe rückhaltlos miteinander aus, hatten nur das eine gemeinsame Ziel der Wiedergeburt der Dichtung in ihren Ländern vor Augen. Gedankliche Erörterungen, für Verwey eine notwendige Ausdrucksform seines Wesens, waren für George im Schrifttum nur eine begleitende Note aber im Gespräch ein Kampfspiel und die Würze der Stunden. So führte die Gemeinsamkeit der Sichten und des Willens zu einem tiefen dichterischen Bündnis der Söhne solang getrennter Bruderstämme: als reife Frucht der Vereinigungsjahre erschien im gleichen Jahre DAS JAHR DER SEELE von George und DE NIEUWE TUIN (Der neue Garten) von Verwey, und beide Werke verraten schon im Titel etwas von der Gegenseitigkeit der Gaben: der Seelentiefe beim einen, der neuen Form beim andern. Das Wichtigste was Verwey dem deutschen Dichter dankt, ist ein neues dichterisches Erwachen. Denn sein an allen Kunstbewegungen geschultes Malerauge das auch den neuesten Zersetzungen noch einen gewissen Geschmack abgewinnen konnte, war in Gefahr gewesen auch schon in der Dichtung zu blinzeln. Die Gedichte des „Nieuwe Tuin" und der nächstfolgenden Versbände dagegen haben gerade wo sie dem Sinn nach am meisten holländisch sind, einen beinah heroischen Ton. Wie die geistigen hatten die beiden auch die Schätze der heimatlichen Fluren ausgetauscht. Es erleichterte die Einung, daß beide doch Söhne des Rheines waren. Die wenigen Fäden, welche von Holland noch nach Deutschland liefen, waren ja an den Strom geknüpft: die gemeinsame Schiffahrt auf ihm, die Erinnerung, daß das holländische Herrscherhaus von den Ufern der Lahn stammte, gleichnamige Landstriche dies und jenseits der Grenze und die noch immer übervölkische Wölbung der Kirche, welche die rheinischen Katholiken mit den südholländischen in Verbindung hielt. Wie George von nun an alljährlich die Niederlande, so besuchte Verwey den Rheingau und noch heute klingt das Erstaunen durch seine Erinnerung über den ersten Besuch im Elternhaus des Freundes in Bingen, das Erstaunen wie dieser Dichter des ALGABAL, der Schöpfer der höchsten Kunstformen und Gefährte der feinsten Geister in den großen Städten, wie der Mensch so großer geistiger Ansprüche zu Hause in schlichtester Einung mit den Seinen lebte und die Sorgen des Tages wie Freuden des Abends sohnlich und brüderlich mit ihnen teilte. In einigen Gedichten seines Buches „Tage und Taten" hat Verwey das seltsame Doppelbildnis Georges festgehalten: im Zyklus „Der Einsame" den leidenden Menschen, no der als Künstler zum Mehr-als-Menschen ward, den um seine Herrschaft streitenden Dichter mit dem stillen Antlitz, den die Gefährten umdrängen, daß er spreche, weil sie wissen, daß nur Reiche meistern kann, wer in sich das Weltall bezwang — in dem Gedicht „Familie im Rheingebiet" den geselligen Menschen in der Umgebung des heiteren weinfrohen Vaters, der sorgenden Mutter, der rüstigen Geschwister, des emsigen Arbeitsvolkes •m festen Hause und all das umrahmt und umblüht von dem unbeschreiblich vielfältigen Leben des Stromes und der Berge, der Schiffe und Bahnen — und im „Strom"-Gedicht endlich glüht die Abendwache der beiden Freunde unter dem rheinischen Farbenhimmel auf, wie dem Älteren aus dem Munde des Jüngeren „Worte voll unendlichen Hoffens" entgegenbangen, wie diesem der Strom zum Bild der Dichtung wurde, in dem er Se in langes Verlangen löschte: in ihn sollten die Völker den Stahl härtend e intauchen, in ihm der Geist aller Deutschen sich tränken und im Spiegel des Vergangenen das Künftige preisen. Auch mit ihren Freunden machten die Freunde sich nach und nach bekannt. George lernte bei Verwey den Dichter Gorter, den Prosaisten Ludwig van Deyssel, den Maler Jan Toorop und den Baumeister Berlage, den späteren Erbauer der Neuen Börse, und andere kennen, während er den v on Verwey schon getrennten Kloos nicht sah. Er fand in diesem Kreise e m so freies gelöstes Verhältnis zur Umwelt, daß er sich auf die Bitten der Holländer zum ersten Male entschloß, eine öffentliche Lesung zu halten. Ende März 1896 las er im „Haagschen Kunstkring" eigene Gedichte u nd solche von Hofmannsthal und Gerardy. Die Wochenschrift „De Kro- n iek" (5. April 1896) und van Deyssel in der Tweemaandelijksch Tijd- Sc hrift (Mai 1896), welche darüber berichteten, nannten die Lesung ein gesellschaftliches Ereignis ersten Ranges, weil denen die Zweifel hegten, wie sich die Stellung des Schriftstellers als solchen in der Gesellschaft techtfertige, wieder eine sichere Anschauung und ein schönes Vertrauen Segeben wurde. „Denn wer meinte" heißt es bei dem letzteren, „der durch Se ine höheren Geistesfähigkeiten lebende Mensch könne eigentlich nur zwei Wege gehen: nämlich sich absondern von der Welt um der Abstraktion und "eschauung zu leben, oder sich ganz der Welt hingeben, eingefügt in das Mosaik wozu das Menschheitsleben geworden ist, als Lehrer und Leiter (Geistlicher und Staatsmann), wer also meinte, der Schriftsteller sei ein — "ald seltsamer bald schöner — ungeheuerlicher Auswuchs der modernen ^eit: ein Blick auf Stefan George verändert das Unfertige einer solchen Vorstellung. Man gelangt zur gerade entgegengesetzten Anschauung von lft m als einer Lebensmitte statt eines Auswuchses, harmonischer Einheit st att eines Mißwesens, zur Anschauung also, daß der Schriftsteller an in Ganzheit und Zusammenhalt gewinnt, wo er an Höhe der Lebensbewegungen hinter dem Betrachter und an Wärme der Mitteilung hinter dem Lehrer zurücksteht". Deyssel nannte diesen Verwandten des echtesten geistigen Adels, diesen Nachkommen der Fürsten und Helden des Geistes und der Seele — auch äußerlich betrachtet — vornehmer als den Adel der mit dem Gewicht der Abstammung von alten Geschlechtern auftritt. Er verglich den von verhalten gleitender Eleganz durchdrungenen Dichter- Künstler, diesen „Boten der Anmut" mit den damals am meisten bekannten Typen männlicher „Eleganz" wie Oscar Wilde, den Prinzen von Wales oder den aus d'Aurevillys Büchlein bekannten Brummel mit dem Ergebnis: „Ihr werdet einen Unterschied sehen wie zwischen einer aufgeputzten Kutsche und einem Bildchen alt und fein. Die Kleider und Nägel und Bewegungen der einen werden ein Ganzes von hoher äußerlicher Lebenskunst bilden, mehr eine gesucht vollkommene als die des anderen. Aber bei ihm, in dessen Wort das edlere innere Leben spricht, wird ein Gesamt von äußerer Bewegung, von tieferer einfältiger Schöne, ein Winken, Schreiten und pflanzenhaft schlankes Neigen auf den wechselnden Rhythmen des Lebens sein, das allzeit tief in ihm singt". „De Kroniek" schrieb in ähnlicher Weise von dem „zart-majestätischen Adel dieser Gestalt und dem feinen stillen Klang womit er seine Verse vortrug", wies aber vor allem auf die allgemeine Bedeutung der Erscheinung Georges hin. Deutschland, so führte sie aus, war den lebenden Holländern als das Land der vorzüglich musikalischen, wissenschaftlichen, philosophischen und militärischen Leistungen bekannt. Mochte dort auch ein einziger großer Maler, Böcklin und der größte Prosaist des Jahrhunderts Nietzsche leben — es gab doch im engeren Sinne keine eigentlich dichterische Kultur, auf die Holland in Verbindung mit Frankreich und Belgien so stolz war. Trotz der näheren Verwandtschaft mit Deutschland konnten wir diesen Bruder nicht lieben, „wenn unser Gemüt die Leere bei unseren Stammesgenossen fühlte". Nun sei mit Stefan George eine junge Dichtung in Deutschland emporgewachsen und die Holländer freuten sich darüber. — Die Hoffnung auf eine tiefere geistige Verbindung mit Deutschland, die wir schon in Frankreich und Belgien hatten laut werden hören, sprang so auch in Holland auf, kaum ein halbes Jahr nachdem George das Land betreten hatte. Zu England, das George seit seinem ersten Aufenthalt in London nur einmal wiedergesehen hatte, trat er in eine neue Beziehung durch den jungen Cyril Scott, der sich mit Clemens von Franckenstein in Frankfurt a. M. in der deutschen Musik ausbildete. Der kaum siebzehnjährige Engländer von den Ufern des Mersey war von einer auffallenden Schön- 112 heit, die scharf ausgeprägten Linien seiner Rasse waren durch weichere Züge, welche den Musiker kennzeichnen, etwas gemildert und eine Büste des Zweiundzwanzigjährigen ist man versucht, ebenso mit William Pitt wie rnit Amadeus Mozart zu vergleichen. Er wurde von George einige Jahre sehr geliebt, weil er in ihm etwas fand, das es in Deutschland nicht gab: eine völlig durchgebildete Art junger Mensch, der in all seinen Ausdrucksformen, Gebärden und Äußerungen stets eine unverkennbare unbedingte Gleichartigkeit bewahrte, der beim Gehen oder Sitzen, Essen oder Trinken, Plaudern oder Schweigen, ja bis in seine Unarten und Frechheiten hinein stets dieselbe Eigenheit, das Sichgleichbleiben einer ausgeprägten Rassigkeit Ze igte. George hat sich eine Weile sehr um die Gesamtausbildung des jungen Engländers bemüht, ihm wie Scott selbst in seinen Years of Indiscre- tion (London 1924) erzählt, erst den Sinn für Dichtung und Malerei, Wissenschaft und Philosophie geöffnet und dadurch auch die musikalische Grundfähigkeit des „neuen Debussy", wie ihn bald ein deutsches Pamphlet n annte, befruchtet. George veranlaßte auch den Leiter der Darmstädter Qper Willem de Haan, in dessen Hause er verkehrte, das erste Orchester- w erk des jugendlichen Scott in Darmstadt aufzuführen und führte ihn bald seinen musikalischen Freunden in Berlin zu, wo er sich mit besonderer Hinneigung Lechter anschloß. Aber so anreizend dieses Menschenbild war, So blieb doch die Fühlweise dieses Ausländers dem Deutschen im letzten fremd und war George in entscheidenden Augenblicken so unbegreiflich z ynisch, daß eine trennende Linie von vornherein spürbar blieb. Sein Verkehr mit Franzosen verstärkte die Anlage Scotts sich nie ganz ernst zu ne hmen, eine Anlage, die ihm auch die Möglichkeit nahm, das Werk seines * reundes und Erziehers ganz ernst zu nehmen, obwohl er ihn sehr verehrte Ur >d ihn in seinen Erinnerungen in Erscheinung und Art die auffallendste u °d ungewöhnlichste Persönlichkeit unter den zahlreichen Künstlern nennt au f die er im Laufe seines Lebens gestoßen sei. Scott war klug gewandt Ut id hat sich auch mehrfach als Dichter versucht. Er lernte das Deutsche u nter Georges Leitung sehr gut und seine 1902 veröffentlichten Uber- tra gungen Georgescher Gedichte ins Englische sind bis heute weitaus die besten geblieben. Auch von allen Vertonungen seiner Gedichte gefielen George die von Cyril Scott gesetzten „Sänge eines fahrenden Spielmanns" ar n besten, weil sie am wenigsten das Dickliche hatten, das er an allen ^ledkompositionen als störend empfand. Die choralhaften Töne Cyrils "atten am ehesten etwas von dem Schauer der Frühzeit aufgefangen. ^Päter freilich hat er seine Kunst unter dem Einfluß Debussys und anderer Modernen zu verzerrenden Überreizen gesteigert und nicht nur seine mu- Sl kalische Kraft erweichte sich durch seine Hinneigung zur spiritistischen 113 Theosophie. Heute ist Cyril Meir Scott — seinen wallisischen Doppelnamen Meir hat er später abgelegt — in der angelsächsischen Welt längst eine anerkannte Berühmtheit, aber um das Jahr 1896 stand der noch unbekannte Inselknabe in der Blüte seiner wahrhaft unbekümmerten Jugend und vermehrte den wachsenden Freundeskreis Georges in Europa durch ein neues englisches Element. An seiner Person erlebte George den Umschwung des englischen Geistes, der am Anfang des 19. Jahrhunderts nach der deutschen Seite aber gegen dessen Ende immer mehr zu Frankreich hinneigte. Zwei Jahre später fuhr George nochmals nach England, um den einsamen den Engländern selbst kaum bekannten Ernest Dowson zu suchen, dessen Gedichte ihn und Verwey entflammt hatten und den dieser schon vergeblich aufzufinden versucht hatte. George fand auch diesen letzten Nachfahren der englischen Überlieferung ja vielleicht den letzten Dichter des adligen Englands, aber er war schon krank und erschöpft von Elend und Enttäuschung aus denen der Tod ihn bald erlöste. Scott selber wurde erst durch den Deutschen auf seinen eigenen Landsmann hingewiesen und hat einige seiner schönsten Lieder komponiert. Aus dem schönen Bund der Präraffaeliten die Rossettis Dichterkraft erweckt hatte, war keine lebendig weiterwirkende Gemeinschaft erwachsen: die Dichter gingen einsam in England und auch der alternde Swinburne lebte fast verschollen. 6. KAPITEL: BERLIN ALS MITTELPUNKT ZWISCHEN den verschiedenen Besuchen in München und den westlichen Nachbarländern war George einige Male nach Berlin gereist, um mit Karl August Klein die Zusammenstellung der neuen Bände der Blätter für die Kunst vorzubereiten und in der kleinen Werkstatt des braven alten Felix Cynamon den Druck der BÜCHER zu betreiben, die Ende des Jahres 1895 an die Freunde und Bekannten ausgegeben wurden. Damals begann sich in der Hauptstadt des Reiches ein neuer Kreis von Gefährten zu bilden, der bald von großer Bedeutung für George wurde. Es waren besonders wieder bildende Künstler wie die Maler Lechter, Lepsius, Stoeving und der Musiker Ansorge, welche den Weg zur neuen Dichtung und von ihr zur Person des Dichters fanden. Zu ihnen traten schon früh auch einige Gelehrte der großen Friedrich-Wilhelms-Universität wie Des- soir, Simmel, R. M. Meyer, Botho Graef und einige Jahre später Kurt Breysig und Wilhelm Dilthey — Künstler und Gelehrte wie schon die Namen besagen von einer geistigeren Richtung, einer empfänglicheren 114 Aufgeschlossenheit für höhere Werte des Bildens und Wissens, meist Außenseiter, die weder den überalteten Schulen der Wissenschaft noch den neuen überlauten Gruppen der Kunst gehörten. George fand auch diese Menschen durch jenen „glücklichen Zufall", der ihn stets zu dem ihm Verwandten und Angemessenen führte und der sich freilich in diesen Jahren schon nicht mehr von der Wirkung trennen läßt, welche seine Werke auf ähnlich gesinnte Seelen ausübten. Nachdem „der grüne Salon" in der Lothringer Straße des Berliner Nordens verlassen war, wohnte George viele Jahre in den Herbst- und Winter- monaten im Westen und war lange bei dem alten Bildhauer Martin Wolf zur Miete, der brav das Handwerk seines Vaters weitertrieb. Schon 1894 stieß er in Berlin auf den ersten Wissenschaftler seines Bekanntenkreises auf Max Dessoir, der, damals ein zurückgezogener und anspruchsloser Privatdozent, Philosophie und Kunstlehre verband, vor allem die Gesetze der Ästhetik z u ergründen suchte und in seinen Vorlesungen auch die moderne Dichtung in den Bereich seines Forschens zog. Dessoir war schon frühzeitig au t die Blätter für die Kunst aufmerksam geworden und hat als erster deutscher Gelehrter auf seinem Lehrstuhl und in seinen Schriften die unterscheidende Grenze zwischen der Dichtung Georges und dem Wust des Naturalismus aller Richtungen aufgezeigt. George hat oft mit diesem angenehmen Plauderer die weiten Fragen, die sich damals beim Zusammenbruch einer alten Kunstlehre vor dem Erforscher der Gesetzlichkeit des Schönen auftaten, durchgesprochen und ihn selbst einmal in einer Vorlesung durch eine kurze Lesung eigener Gedichte zur Erläuterung des n euen Tones unterstützt — bis heute nach einem Menschenalter die einige Lesung seiner Gedichte in diesen Hallen der Wissenschaft. Selber mehr als Gelehrter denn als Person bedeutend führte Dessoir den dichter mit einem Manne zusammen, bei dem die Bedeutung der Person die des Gelehrten, die menschliche Artung ein umfassendes Wissen überwog und ein im Gespräch geäußertes Wort oft seine ganze Lehre übertraf: tnit Georg Simmel. Dieser Mann ein geborener Erkenntnissucher mit dem S a nzen Rüstzeug des Verstandes, ja was mehr ist, mit der zartesten Fein- 'ühligkeit des geistigen Taktes ausgerüstet, hatte das Unglück, in einer * e it zu leben, die dem Erkenner kein Ganzes mehr zur Erkenntnis darbot, ^er geistige Bau unserer Menschenwelt war von innen gesprengt, durch- schwebte in tausend wirbelnden Stücken den Raum und schwirrte in tausend und aber tausend immer wechselnden Bezügen durcheinander. Er täuschte freilich dem aus geformter Welt herkommenden oder an geformten Gedankenbauten unseres Idealismus geschulten Blick noch in dieser ß eziehungsvielheit eine Einheit oder ein Ganzes vor, das nicht vorhanden "5 war. Da Simmeis Geist zu rein war, um ein nur erdachtes Ordnungsschema für ein lebendiges System, zu stark war um eine Geschichte der Philosophie für eine eigene Philosophie zu halten, so blieb ihm nichts als in jenes vorgetäuschte Ganze von den tausend Blickpunkten der Zeitwirklichkeiten einzudringen im festen Glauben, jede anpeilend müsse er endlich die Mitte der vielfältigen Erscheinungen erkennen. Er war als seelische Artung darin dem Zeitkind Hofmannsthal verwandt: nur daß dieser leidend sich als durchfahrenen Schnittpunkt unendlich vieler Beziehungen fühlte, Simmel tätig auf den Bahnen unendlich vieler Beziehungen den Schnittpunkt aller im Weltall und damit den Kernpunkt seines Rätsels finden wollte. So versuchte er sich an Michelangelo, Kant, Goethe und der Persönlichkeit Gottes ebenso wie an Abenteuer, Mode, Geschlechterproblem und weiblicher Kultur, an der Metaphysik des „Und" ebenso wie an der Philosophie des Geldes, und war ebendarum, dürfen wir sagen, der einzige echte Philosoph seiner Zeit, wahrer Ausdruck ihres zersplitterten Geistes, auch darin, daß er aus dieser mangelnden Fähigkeit Mitte zu bilden, schülerlos blieb, obwohl 500 Studierende jährlich zu seinen Füßen saßen. Was George zu Simmel hinzog war dessen ungewöhnliche Bewandertheit in allen Dingen der Kunst. Er faßte auch menschliche Zuneigung zu dem ungewöhnlichen Gelehrten, der auf dem einmal für recht erkannten Wege ohne Nachgiebigkeit und schwächliches Ausweichen weiterging, auch als Mann von Weltruf lieber ohne amtlichen Lehrstuhl blieb als der Zunft etwas einzuräumen und bei vornehmer alter Gelehrtenart als Seele von größter Sauberkeit und Zartheit war. Seine Grundartung änderte sich auch im häufigen Verkehr mit dem Dichter nicht, die Dichtung konnte für ihn nur eine der Bahnlinien in die vorgestellte Mitte sein und wenn seine Einsichten in das Wesen der neuen Dichtung, von denen wir später noch sprechen werden, auch eine tiefe Erschütterung, eine Ahnung von der Un- erkennbarkeit des tiefsten Lebens verraten, so blieb doch in der Anschauung der Welt der größte Gegensatz zwischen dem Denker und dem Dichter bestehen. Wenn George etwa spottete und die moderne Welt unter einem Zahlenbilde vorführte, wie sie Nullen an Nullen hänge, aber nie zu einem festen Werte komme, weil die Eins vorne fehle, so meinte Simmel nach mancher Hin- und Widerrede zum Schluß indem er in seiner seltsamen Art die Finger krümmte — er dachte gleichsam mit dem ganzen Körper —: „Man kanns nicht wissen, vielleicht haben wir noch nicht genug Nullen aneinandergereiht, vielleicht wenn wir immer weiterreihen wird doch einmal eine Eins daraus". Oder wenn ein andermal der Forscher seine Arbeitsweise verteidigend wahrscheinlich machen wollte, daß man vorn Umkreis der Welt auf unzähligen Einzelpunkten sich nach innen wendend 116 endlich zum Mittelpunkte gelangte, so erhielt er die Antwort des Dichters: „Wer nicht in der Mitte steht gelangt niemals hin". Aber das Unvereinbare solcher Anschauungen war in jenen Jahren noch nicht sichtbar, die Gegensätze dienten vielmehr der lebhafteren Entwicklung der Meinungen über Kunst und Weisheit und nicht zum mindesten wurde diese Lebhaftigkeit gefördert durch den dritten Partner der Gespräche, Gertrud die Gattin Simmeis, die sich als Schriftstellerin Marie- Luise Enkendorf nennt: eine Frau von hoher Bildung und eigner philosophischer Begabung, die George durch die größere Tiefe ihres Fühlens einige Jahre hindurch fast näher stand als Simmel selbst. Noch vor der Bekanntschaft mit diesen und einigen anderen Gelehrten, die mehr zum Werke als zur Person des Dichters in Beziehung traten, hatte George einen engeren Freundschaftsbund mit Lechter geschlossen, von dem er schon im Jahre 1894 einige begeisterte Briefe über die Blätter erhalten und den er im folgenden Frühjahr selber aufgesucht hatte. Melchior Lechter war am 2. Oktober 1865 zu Münster i. W. geboren, einer Stadt in der die Überlieferung alter dem kirchlichen Kulte dienenden Handwerke noch gerade lebendig war, hatte dort mit vierzehn Jahren die Glasmalerei erlernt und im Drange nach höherer Ausbildung im beginnenden zwanzigsten Lebensjahre die Berliner Hochschule für die bildenden Künste bezogen, die Tage studierend, in den Nächten durch Glasmalerarbeiten sich die Mittel zum Studium und Lebensunterhalt erwerbend. Von mittelgroßem gedrungenen Körperbau und unverwüstlicher Kraft, dem Erbe westfälischen Bauerntums, stellt er in jeder Bewegung Und Haltung den Maler, ja in einem höchst verfeinerten Sinne den Hand- Werker edler Künste dar. Die Hände, mit dem großen Opalring geschmückt, sind voll lebendigen Ausdrucks und zeigen zugleich das Stämmige des ganzen Gliederbaues, der von dünnem Blondhaar bedeckte Kopf hat bei Weichen runden Formen vielfältige Flächen und wird beherrscht durch das hellblaue scharfe in der Erinnerung fast brauen- und wimperlose Auge mit dem feststehenden klaren Malerblick unter der breitgewölbten Stirn. Um die fleischige kurze Nase und den kräftigen meist zusammengepreßten Mund spielen in leicht veränderlichem Wechsel die Züge tiefen Ernstes Wie leichten Spottes, schöner Güte wie heftigen Zornes. Niemals auch in den Stunden von Leid, Krankheit und verzweifelter Trauer sahen wir seine von feinem Geäder durchbluteten und schon in leichter Erregung heftig geröteten Stirn- und Wangenflächen schlaff oder ohne Spannung Wie es bei Musikern häufig der Fall ist. Wenn vielleicht einige Formen seines Gesichtes an diese erinnern, so hebt der von einer anderen inneren Kraft bestimmte Ausdruck seiner Züge diese Erinnerung sogleich wieder 117 auf. Ein tief erregbares, für Lust und Schmerz gefährlich offenes Gemüt steht bei ihm in fruchtbarer Spannung zu dem beherrschenden Trieb: dem Dienst am Werke. Dem „Trachten nach dem Werke" mußte von Jugend auf sich alles unterordnen, er prägte den Geschicken der Liebe und Freundschaft, der äußeren Umgebung wie der inneren Haltung Lechters ein unverkennbar eigenes Zeichen auf: das eines eigenwilligen von Schulen und Strömungen unabhängigen Künstlertums fast außer der Zeit, ja gegen die Zeit. Er wich niemals nur um Haaresbreite vom gewählten Wege, vom strengsten Anspruch an das eigene Können, an die Beherrschung der alten wie neuen Werkmittel, der unbedingten Sauberkeit wie Haltbarkeit der Ausführung bis auf Rahmen und Faden, der klaren Darstellung eines auf innerem Gesicht beruhenden Ganzen, nicht eines Eindrucks oder Ausdrucks augenblicklicher Reize. Man mag seine Kunst archaisierend oder formal, ornamental oder gedanklich nennen — hier ist der Ort nicht weder sie einzureihen noch zu werten — gewiß ist nur, daß seine Erscheinung als Künstler von einer Ungebrochenheit und Strenge vor uns steht wie kaum die eines anderen dieser Jahrzehnte. Wenn seine Unverbundenheit mit den hundert wechselnden Schulen und Schülchen ihn vom lauten Erfolg des Tages ausschloß, so bleibt sein Ruhm der Helfer und Gefährte des Größten unter den Lebenden gewesen zu sein, ein Ruhm, der dauern wird, wenn keine Silbe mehr von den Namen meldet, die heute den Preis der Richter und Makler für sich haben. Als Erbe seiner katholischen Heimat und der Stadt altkirchlicher Handwerkskünste brachte er die Liebe zu den niederländischen, Kölnischen und westfälischen Meistern mit und fand von ihnen den Weg zu den frühen Sienesen, Florentinern und Venetianern. Den lebendigen Einstrom der Gegenwart nahm er von Böcklin, Puvis de Chavanne und den englischen Präraffaeliten, aber nicht weniger unmittelbar auf sein geistiges Zentrum wirkten Wagner und Nietzsche. Es sind scheinbar fast unvereinbare Ströme, die so in dem jungen Dränger zusammenflössen, aber er nahm und nährte aus ihnen die eine ihn bewegende Triebkraft: die höchsten geistigen Gesichte in Linie Farbe und Raum zu bannen, das unsagbar göttlich Eine in Zeichen und Lichtern auszudrücken, das innerste Schwelgen der Seele in Blumen und Leibern, Gefäßen und Geräten augenhaft faßbar und schön zu machen. Die Einheit des höchsten Geistigen mit der größten Schönheit ist immer Lechters letzte Sehnsucht geblieben und hat ihn später in die Bahn einer mystischen Wissenschaft geführt, wo Werk und Leib in Gefahr geraten sich zu verflüchtigen. Damals sah er den Weg zu dieser Einheit noch nicht im Geheimwissen der Mystiker, das nur Nahrung für seinen Bildungshunger und begeistertes Mitschwingen im Reiche 118 großer Seelen war, sondern in der Werkgestaltung und Verwirklichung der Träume im Bild, in der stofflichen Versinnlichung der inneren Gesichte. Aus dieser Einstellung zum künstlerischen Schaffen erfaßte Lechter, als er die Gedichte Georges kennenlernte, sogleich die geistige Sphäre, aus der sie geboren waren. Ohne schulgerecht die Bildungsart seiner Zeit erworben zu haben, eher durch die musikalische Gefühlswelt bestimmt, der er sich seit der Anhörung von Wagners Parsifal in Bayreuth aufs tiefste verbunden wußte, ergriff er mit leidenschaftlicher Wärme von den dichterischen Gebilden Besitz. Sie waren ihm Schmuckstücke von unerhörter Kostbarkeit, Werkstücke von einer bisher unbekannten Feinheit und Sorgfalt der Mache und zugleich Zauberstücke von unergründlicher quellender Tonfülle, die den Kenner und Könner auf eins entzückten. Wie sie aus einem unverbildeten Ganzen kamen, so sprachen sie hier zu einem ganzen unverbildeten Menschen unmittelbar und waren seinen ungebroche- ne n Sinnen ohne Mittelweg zugänglich und verständlich. Als George bei seinem ersten Besuche im zweiten Hofe eines großen Berliner Mietshauses die vielen Stufen bis zum fünften Stockwerk emporgestiegen und in die Wohnung Lechters eingetreten war, fand er sich wie Jeder der dort hingekommen ist, plötzlich der Großstadt ja überhaupt jeder zeitgemäßen Umwelt entrückt in einer Umgebung, in der jedem Ding, dem Lichte selbst, nur e i n Atem entströmte: der des Bewohners. Es war nu r ein großes Atelier mit zwei kleineren Zimmern daneben, zu denen s Päter ein drittes als Ausstellungsraum hinzutrat, aber vom Türschild und Wandornament, von der Lampe bis zu Stuhl und Tisch, Bett und Schrank w ar jedes Stück vom Künstler selbst entworfen, die Fenster mit den von ihm gemalten Scheiben erleuchtet, die Wände und Böden mit den von ihm gezeichneten Matten und Teppichen bekleidet. Den Gestalten der Glas- lenster Tristan und Isolde, Sanctus Sonus und Sanctus Odor, den in Holz geschnitzten Blumenranken und Sprüchen der Schränke, den Einbänden der Bücher und allem worauf das Auge traf, entströmte eine schlichte Feierlichkeit und Künstlerfrömmigkeit, welche von allem Draußen abschieden und die vom Lärm der großen Straßen erregten Sinne beruhigten. ^ s gab kein zweites Heim dieser Art in der Stadt der Millionen. Der darin lebte war gewiß kein Heiliger sondern ein vom Lieben und Leiden geschüttelter Mensch, gewiß kein Verzichter sondern ein von Trotz und Ehrgeiz erfüllter Künstler, aber er gab hier dem tätigen Alltag seine schöne Heiligung und dem festlichen Abend seinen heiteren Ernst. Was Wunder wenn George dorthin wiederkehrte und Lechters Wohnung der erste Versammlungsort für den Freundeskreis wurde und es Jahre hindurch blieb. Zwischen den beiden jungen Männern wurde eine fruchtbare 119 Einung geschlossen, deren Auswirkungen auf vielen dem öffentlichen Getriebe verborgenen- Wegen weitergegangen sind, aber in der Buchkunst bald auch sichtbar auf die Entwicklung des künstlerischen Handwerks Einfluß übten. Über ein Jahrzehnt lang zeigten die Bücher Georges, wie wir noch sehen werden, das Gepräge der Lechterschen Hand und im selben Zeitraum ging die Form des Georgeschen Kopfes und vielfach auch seine Haltung in die Gestalten Lechters ein, freilich in einer übergeistigten und der leiblichen Wirklichkeit entkleideten Weise. Die überschlanke Anmut, die asketischen Züge, der entrückte Ausdruck des schöpferischen Augenblicks, die hingerissene oder tiefdemütige Gebärde der Gestalten Lechters waren einer Seite des Georgeschen Wesens und Werkes verwandt, die, wenn sie allein auftritt, die Blut- und Erdnähe ihres Trägers abschwächt. Lechters herber eckiger Strich und seine glutvollere Farbe schied seine Gestalten zwar von den weichen Präraffaeliten, aber sie gehörten doch mehr einer christlich-verzichtenden als einer Welt der blühenden herrscherlichen Leiber an, die Georges Dichtung durchstrahlte. Doch was damals in Deutschland vor allem zu betonen nottat, besaßen diese Gestalten Lechters einzig vor denen der Berliner Zeitgenossen: die geistige Zucht und Schönheit, die hohe Andacht und Ehrfurcht vor den göttlichen Mächten, die vornehme adlige Haltung und in immer wechselnden Sinnbildern den triumphierenden Lobgesang auf die heilige Quelle der Freuden: die Ars Coelestina wie Ars Humana! Hier lag der Einungspunkt zwischen Maler und Dichter. Seit der ersten Begegnung war George ein regelmäßiger Gast im hohen Atelier, wo sich bildende Künstler und Liebhaber und Liebhaberinnen der Künste in kleiner Anzahl zu versammeln pflegten. Auch George führte seine vertrauteren Freunde dorthin wenn sie auf kürzere oder längere Zeit in Berlin weilten und hielt mit ihnen und Lechter in dieser Burg der Abgeschiedenheit jene Leseabende, welche den Süd- und Norddeutschen, den Holländer und Belgier, den Polen und Engländer mit dem gleichen einigenden Atem der Dichtung durchdrangen. Unter den Freunden Lechters gewann er ein näheres Verhältnis zu Curt Stoeving dem feinen norddeutschen Künstler, der aus ganz anderen Wurzeln wie Lechter stammend, doch in der gleichen Richtung einer geistigen Kunst arbeitete, auch er in umfassenderem Sinne als die marktgängigen Tafelmaler der Kunstbörse dem Gesamtbereich des hohen künstlerischen Handwerks zugerichtet: Baumeister, Erz- und Tonbildner, Entwerfer von Gebrauchsgeräten und einer der ersten neben Lechter, Eckmann, Olbrich, Behrens und Van de Velde der ganze Räume und Wohnstätten aus eigener künstlerischer Idee gestaltete und das bürgerliche Haus von den schrecklichen „Möbeln im Stil der Gotik, Renaissance, Louis-Quinze, Bieder- 120 maier" und ähnlichem Schutt befreien half. Stoeving hat zwischen 1897 und 1899 auch einige Bildnisse Georges von großer Vornehmheit und Zartheit gezeichnet und modelliert und in langen Jahren der Beobachtung schien ihm als kennzeichnender Grundzug des Georgeschen Wesens und Werkes vor allem das Plastische hervorzustechen: „Sein unerbittlicher Wille zur Plastisch starken unveränderbaren konzentrierten letzten Form", so schreibt er „schien mir immer als größte Kraft seiner großen Kunst, damit dem eigenen geistigen Gehalt bis zum Letzten dienstbar; und auch die bezwingende klangbildende Schöpferkraft, die jedes Wort zu einem neuerlebten Laut und einem neu zu denkenden Sinn erhebt, ist Teil dieser plastischen Kraft. Mir scheint, daß er selbst dies als Hauptzug seines Schaffens empfindet, wenigstens erinnere ich mich bestätigend eines Gespräches, daß er wohl Bildhauer sein könnte, wenn er nicht Dichter wäre". — Der Kreis dieser Berliner Künstler und Gelehrten wurde im Herbst des Jahres 1896 auf das glücklichste erweitert durch die Bekanntschaft Ge- ° r ges mit Reinhold und Sabine Lepsius. Die beiden hatten bei ihrem letzten Winteraufenthalt in Rom Richard Perls kennengelernt, der ihnen von George sprach und dessen Gedichte gab. Sie erwarteten nach diesem Vorbild einen „Ästheten", aber bei dem Erscheinen Georges war der wirkliche Eindruck ein völlig verschiedener von dem vorgestellten und die elementare Menschlichkeit des Dichters drang stark auf sie ein. Für die Erkennung menschlichen Wesens aus Gestalt und Antlitz waren die Künstleraugen der beiden Lepsius noch besonders geschult, da Sabine sich fast ganz, Reinhold ausschließlich der Bildnismalerei gewidmet hatte. Reinhold Lepsius war vielleicht nach Franz von Lenbach, der größere Würfe m it leichterer Verantwortlichkeit wagte, der bedeutendste Bildnismaler der Jahrzehnte um die Jahrhundertwende, er wäre der beherrschende geworden, wenn die Zahl seiner Arbeiten auch nur in irgendeinem Verhaltes zu ihrer eindringenden Tiefe gestanden hätte. Aber schnell und leicht z u arbeiten, ja auch nur das Begonnene auf dem besten Punkte des Erreichbaren abzuschließen, hinderte ihn eine doppelte Anlage seiner Natur: aus altem Gelehrtenhause stammend war er ein ebenso feiner Kenner als Künstler und ein allzu helles Bewußtsein verwehrte ihm den sicheren Abschluß seiner Bilder. Das Wissen um die letzten Bedingnisse der Wirkung forderte stets neue Überlegung, die Überlegung stets neue Versuche, das Geleistete noch zu übersteigern. Es ist wohl kein Zufall, daß neben seinen schönen Frauenbildnissen die besten seiner Männerbildnisse die von Gelehrten in höheren Jahren wie des Ägyptologen Lepsius seines Vaters des Philologen Curtius und des Archäologen Carl Justi sind. Diese Köpfe entsprachen seiner inneren Fragestellung: er erfaßte die Bildnis- 121 maierei wie „eine Wissenschaft der Kunst", deren Aufgaben nicht durch triebhafte Unbefangenheit sondern durch ganz bewußte Einsicht in das Wesen der darzustellenden Personen gelöst werden könnten. Je vielfältiger dieses Wesen war um so mehr reizte es seinen reichen vielgeschliffenen Geist und sein prismatischer Blick suchte die Einheit eines Charakters am liebsten über die Zusammensetzung von Einzelzügen zu gewinnen. Dieser Weg stellte sich im formalen Bau seiner Bildwerke selber dar: aus einer unendlichen Menge von Flächen suchte er einen einheitlichen Person und Luftkreis gleichmäßig bindenden Raum, aus einer unendlichen Fülle von Schatten und Lichtern eine einzige das Seelenwesen kennzeichnende Bewegung oder Ruhelage, aus einer unendlichen Stufenleiter von Farbtönen eine einzige höchstens zwei Grundfarben zu gewinnen und so eine an den späten Rembrandt erinnernde Vielfältigkeit der Einzelteile zu einer geschlossenen Wirkung zu bringen. Was aber dem Maler Lepsius sein Handwerk erschwerte, machte den Menschen zum angenehmsten Gesellschafter und hob jedes Gespräch mit ihm auf die Ebene edelsten Genusses und geistiger Erquickung. Er war von schlanker fein- gliedriger Gestalt, eine immer gleichbleibende Überlegenheit lag über seinen klugen Zügen, er hatte mehr die Gebärde und Haltung eines vornehmen Marquis vergangener Zeiten als eines Berliner Malers im Wilhelminischen Zeitalter. Von feinster Bildung in allen Fragen der Philosophie und Künste, mit der für den Künstler seltenen Fähigkeit begabt, seine Erfahrungen und Einsichten auch klar zu umreißen, ja oft in den Formulierungen von schärferer und tieferer Umgreifung des Gegenstandes als selbst Simmel, erweckte er bei spielender Sicherheit auf allen geistigen Gebieten doch den Anschein eines Mannes, der nur zufällig zur Unterhaltung des Gastes von solchen Dingen redet und sie nach der schönen flüchtigen Stunde wieder vergißt. Unbekümmert verstreute er sein hohes Kunstwissen und manche Gelehrte wie Simmel, Breysig und andre bis hinab zu Walter Rathenau haben von ihm gezehrt und große Anregungen für ihre Schriften aus seinen Gesprächen empfangen. Er selber zeichnete nie etwas auf, er hatte einen wahren Abscheu davor etwas niederzuschreiben, ja schon vor dem Schreiben selbst. Dieser Mann wußte George in die reiche Geselligkeit seines Hauses zu ziehen, fast dem einzigen damals in dem die beste Überlieferung des alten Berlin, eine feingeistige und musikalische Unterhaltung von hohem Anspruch, eine wahrhaft häusliche Kultur noch gepflegt wurde. Für George war der Besuch dieses Hauses die schönste Form sich von der gesellschaftlichen Vereinzelung, in der er auch mit den zerstreuten Gefährten noch befangen geblieben war, zu befreien und das Schicksal einsamer Ge- 122 nies in Deutschland zu vermeiden: trotz aller Kräfte in Winkelhaftig- keit zugrunde zu gehen. Hier leitete die stillen wie bewegten Abende Frau Sabine, selbst als Malerin ein tüchtiges Talent, in Musik und Gesang von hoher Schulung, in geistigen Dingen ohne besondere Eigenbildung aber von großer natürlicher Klugheit, die von ihrer hohen Männerstirn und den klaren durchschauenden braunen Augen ausstrahlte, als Frau von den neuen Gedanken der Frauenbewegung angerührt und für sie eintretend, aber eine Gattin und Mutter von dem ungebrochenen Opfersinn alter Art für Mann und Kind und Haus. Da Reinhold von allem nichts zu verstehen behauptete was ihn störte, trug sie die ganze Last, ein großes Haus zu halten, und ihre stete strahlende Freundlichkeit und ihr belebendes Feuer zogen Ernst und Anmut zu Gaste. George selbst brachte manche seiner Freunde ins Haus und sah hier viele Männer und Frauen der großen Stadt, mit denen er nicht in nähere Fühlung trat. An einem der Leseabende erschien dort Nietzsches ehemalige Freundin Lou Andreas-Salome und brachte •hren Schützling, den damals noch völlig unbekannten jungen Rilke, mit. All diese Männer und Frauen bewegten sich handelnd und denkend im Bereich der Künste und von der Kunst des Altertums über Gotik und Barock bis zu den jüngsten Zeiterscheinungen spannten sich die Neigungen und Gegensätze. Nicht immer standen sich die Meinungen so ruhig gegenüber wie im Verhältnis von Lepsius und Lechter, dem feinen Berliner Rationalisten von höchster ästhetischer Schulung und dem erdhaften starken Mystiker aus Westfalen, dem Rembrandtliebhaber und dem Verehrer Lochners und Simone Martinis — einem Verhältnis zweier Größen die sich stillschweigend anerkannten ohne die Unterschiede ihrer Anschauungen zu sehr zu betonen. Denn eines verband sie damals alle: daß sie von v erschiedenen Punkten her Zugang zur neuen Dichtung hatten, das Schöne hebten und das Häßliche haßten. In diesem Räume konnte George eine Zurückhaltung lockern, die ihm in einer fremden ja feindlichen deutschen Umwelt jede Öffentlichkeit noch zu meiden befahl: er hat bei Lepsius. neben den Lesungen im engeren Freundeskreise im November 1897 und »n Oktober 1898 zwei Vorträge seiner Dichtungen vor einem größeren Kreise von Geladenen gehalten. Der erste dieser Vorträge fand durch 2w ei der geladenen Frauen, die sich schriftstellerisch betätigten, auch e >nen öffentlichen Widerhall und wir führen diese Auslassungen an, weil ihre lügnerische Ausschmückung durch Unberufene bestimmte Kreise des literarischen und wissenschaftlichen Schrifttums ergriff, denen wir bald begegnen werden, und von dort her das Urteil der Öffentlichkeit über den dichter fast anderthalb Jahrzehnte trübend beeinflußt hat. Marie von Bun- s en berichtete in einer Tageszeitung über „Stefan George, ein Dichter und 123 eine Gemeinde", daß vielen gewissenhaften Kennern der neudeutschen Literatur selbst dieser Name noch unbekannt sei, daß sie selbst durch einen überschwenglich begeisterten Aufsatz über ihn in einer belgischen Zeitschrift aufmerksam geworden, auch Berliner Künstler von ihm sprechen hörte und zwar als von einer Bereicherung und Verklärung ihres Daseins, daß sie dann nach mühevollem Suchen seine Gedichte gefunden und gelesen habe: „Seitdem erscheint mir Stefan George als der bedeutendste sympathischste Lyriker unserer Tage". Nach einer Besprechung der bisher erschienenen Werke schildert sie dann: „Es war ein Spätnachmittag im November, unbestimmte graue Häusermassen, dunkle vorbeieilende Menschensilhouetten, weißes Glühlicht und ein gelblichgrün absterbender Himmel, einer jener mystisch-schönen Momente, welche die Großstadt denen, die Nerven dafür besitzen, wohl bringt. Unser Wirt war der feinste subtilste Bildnismaler Berlins. Wir saßen in den mit verschleierten Lampen matt erleuchteten Räumen auf florentinischen eingelegten Sesseln, auf verblaßtem Brokat. Bekannte Menschen waren zugegen. Nur in gedämpften Tönen wurde gesprochen. Dann glitt aus einer Seitentür ein Mann herein und setzte sich nach einer Verbeugung an das gelbverhüllte Licht: hinter ihm eine japanische golddunkle Stickerei, nicht weit von ihm Lorbeerzweige und orangerote Blüten in getriebenem Kupfergefäß. Niemals in meinem ganzen Leben ist mir ein so merkwürdiges Gesicht begegnet: Blaß, verarbeitet, mit müden schweren Lidern, mit herbem ausdrucksvoll vibrierendem Mund. Die Backenknochen sind stark geprägt, wuchtig wölbt sich die Stirn, aus der sich schwere dunkle Haarmassen erheben. Von Gedanken und inneren Kämpfen ausgemergelte Züge, weit weit älter als seine 28 Jahre. Das Profil hat eine verfolgende Ähnlichkeit mit dem Dantebild im Bargello. Der ganze Kopf, die mageren nervösen Hände erinnern sonderbar an den jungen Liszt. Er las mit leiser gleichmäßiger Stimme, mit feiner diskreter Betonung. Hin und wieder störte sein rheinischer Akzent. Obwohl ich die meisten Gedichte kannte, war es nicht leicht, den immerhin ungewöhnlichen Gedanken- oder Bilderverbindungen zu folgen. Aber mehr und mehr wurden wir hypnotisiert, in die Stimmung hineingebannt. Zum Schluß erhob er sich, sagte noch ein Gedicht her und schlug zum erstenmal die Augen auf: matte etwas rote Lider, dunkle starre, nicht große Augensterne. Dann verbeugte er sich und ging- Erst allmählich begannen wir im Flüsterton zu sprechen. Einigen waren seine Gedichte gänzlich fremd gewesen, ich glaube, jeden hatten sie gepackt und bewegt. Als ich später von dieser Stunde erzählte, meinte man, es klänge etwas theatralisch und .gemacht'. Dies war keineswegs der Fall- Das Ganze entsprach in der echtesten Weise der Richtung, dem Geschmack 124 unserer intim künstlerisch empfindenden Wirte, ihrem Verhältnis zum Dichter. Es war nur .esoterisch'". (Voss. Ztg. 9. 1. 98.) Lou Andreas-Sa- lome in ihren „Grundformen der Kunst" sah schon damals deutlich, daß George nicht zu den „Dekadenzpoeten" zu zählen sei: „sonst wäre er uns nicht die Fülle seltsamer und unheimlicher Seelenregungen der Krankhaftigkeit schuldig geblieben und würden wir auch bei seinen Schülern auf solche stoßen". Doch glaubte sie ein Überwiegen von hoher Formenschönheit über den Gehalt feststellen zu müssen, das nur aufgehoben würde sobald man den Dichter selber seine Gedichte sagen hörte. Denn »bei Stefan George ist jeder Inhalt, den er zugrunde legt, nicht nur in Wunderbar intimem Zusammenhang mit seiner technischen Äußerungsform gebracht, sondern steht auch zum Äußern und Innern des ganzen Menschen, zu seiner Haltung, seiner Stimme, seinem Antlitz, seinem Liebeln in so fein abgetönter Harmonie als machte eben diese Persönlichkeit nebst der von ihr geschaffenen Lyrik erst vereinigt das eigentlich Wahre Kunstwerk aus. Gewiß ist das ein wenig paradox ausgedrückt, aber dem Kern nach verhält es sich so und das erklärt manches von der schrankenlosen Bewunderung einerseits und von der überzeugten Bemängelung der dichterischen Qualitäten Stefan Georges andrerseits, die sich meist an die Erwähnung seines nicht viel aber stets mit einem besonderen Nachdruck genannten Namens zu schließen pflegen. Für mich hat ein Gedicht °och niemals eine solche siegreiche und überwältigende Umwandlung erlebt, wie Stefan Georges Gedichte in seinem mündlichen Vortrag. Es War als wenn sorgfältig getrocknete und schön geordnete Blumenleichen Unversehens aus einem Herbarium in einen blühenden Garten zurücksprängen und jedes kleinste ihrer Blättchen goldgrün schimmernd in der Sommersonne dehnten. Dieses Bild ist bewußt falsch, insofern in der Ly- l 'ik Georges die reinen und strengen technischen Formen das Leben seines Kunstinhaltes keineswegs töten und austrocknen, vielmehr sich diesem ge- ra de in allen seinen Nuancen so meisterhaft anschmiegen wie es nur dem ganz großen Techniker gelingt. Aber der Eindruck, den dieses falsche ■Üd vermittelt, ist dennoch im wesentlichen richtig------------denn obgleich Form und Inhalt meistergültig ineinander aufgehen, kann es sehr leicht v orwiegend ja weit überwiegend das Formhafte sein, das unsere Bewunderung für diese Poesie fortwährend in Anspruch nimmt und fesselt. Denn es e uthüllt nur ihre originelle Note. Das wird nun ausgeglichen, wenn zum zurücktretenden Kunstinhalt die Persönlichkeit des Vortragenden tritt, die ihn dadurch ohne daß sie es will betont, indem sie ihn mit unwider- s Prechlichem Leben füllt, von dem wir nun nicht willkürlich auf die Form abgleiten können. Und dennoch bleibt die Wirkung eine rein künstle- 125 rische, nicht unkünstlerisch durch persönliche Mittel ergänzte, weil die Persönlichkeit gleichsam an sich noch einmal ihr Kunstwerk wiederholt, noch einmal an ihrer menschlichen Außenform gleichsam stilisiert symbolisch anmutet, als sei sie ihrerseits aus ihren eigenen Gedichten herausgesprungen und deren Geschöpf nicht minder wie deren Schöpfer" (Pan, 4. Jahrg. 1898). Was diese Frauen also sahen — und Frauen sehen in diesen Dingen oft schärfer als Männer — war die volle Übereinstimmung von Geist und Haltung, Stimme und Gedicht, die tiefe schlichte Einheit von Mann und Werk, eine Sicht, die erst dreißig Jahre später in den gebildeten Kreisen des Volkes durchdrang. 7. KAPITEL: DIE DRITTE FOLGE UND DAS JAHR DER SEELE WIR sind vorausgeeilt: all diese Erweiterung der menschlichen Beziehungen Georges in Deutschland und den Nachbarländern hatte nur Sinn wenn der innere Kern seiner Welt, die Dichtung und die Dichtergemeinschaft weiterwuchs: nur von diesem aus erhielt der Trieb bis an die ersten Ränder des gesellschaftlichen öffentlichen Lebens vorzudringen, seine nährende Kraft. Nur soweit der innere Raum erobert war, konnte der äußere betreten werden. Die dritte Folge der Blätter deren fünf Bände vom Januar bis Oktober 1896 erschienen, berichtete mit Freude den wachsenden Anhang unter den bildenden Künstlern und brachte als Inlagen den Abdruck eines Glasgemäldes von Melchior Lechter, einer Zeichnung des in Paris lebenden Malers Paul Herrmann und zwei Tonstücke von Clemens Franckenstein und Karl Hallwachs. Von den lebenden Dichtern des Auslandes wurden neben den früheren Gerardy und Waclaw zum ersten Male die neuen Freunde in Holland Albert Verwey, Hermann Gorter und auch ihr ehemaliger Mitstreiter Willem Kloos, aus England Algernon Swinburne und als Vertreter einer neuen Schönheitslehre John Ruskin in Übertragungen aufgenommen. Die Blätter sahen freilich ihre Aufgabe, wie sie ausdrücklich betonten, nicht in einem sinnlosen bloßen Herübernehmen alles ähnlich Gerichteten aus dem Ausland: sie „brachten nur das, was durch die Art der Übertragung eigenster Besitz geworden, für unsere Sprache, unser Schrifttum und unser Werk im einzelnen natürlich und zuträglich war". Niemals wurde um der Vollständigkeit oder anderer Gründe willen der höchste künstlerische An- 126 spruch auf die lebendige Aneignung eines Fremden aufgegeben und gerade ciurch die in geringer Anzahl aber in vollkommener Eindeutschung wiedergegebenen Gedichte erhielten die fremden Dichter in den Blättern ihr eigenstes Gesicht und fügten sich zugleich dem deutschen Ganzen ohne Widersprüche ein. Die Werke von Gerardy und Waclaw behielten auch in dieser Folge die seltsame Spannung und fremde Schönheit des zweigezeugten Gesanges. Gerardy lebt fast ganz in Sinnbildern der Vergangenheit und Ferne, seinen »Jungfrauen" sind die „Ritter" gefolgt und verraten die Einwirkung der SAGEN UND SÄNGE. In den „Tänzen" aber stieß er durch ein Tor, das seit Hölderlin verschlossen war und das die Romantiker oder ihre Nachfahren nur umgaukelt hatten. Hier tauchen wieder Völkergestalten in der Dichtung auf: Hellas, Gallien, Germanien, Arabien, Indien und werden in Je drei Strofen von wechselnden zwingenden Rhythmen farbig und plastisch hingestellt: gewiß keine Gegenwartsbilder der Völker aber von Jener tief ergreifenden Wahrheit, welche im Ehmals und Heute ihre ewigen Grundzüge erscheinen läßt, die unverwischbar sind. Waclaw Lieder ist bis in Bild und Vorwurf ganz Gegenwart. Zwei Klagen „Am Totenbett" und „Nach dem Begräbnis" Paul Verlaines, doch mehr als Klagen, hohe Worte eherner Bereitschaft und männlichen Gedenkens, eine Magische Bewegung der Hand, die mit einem Schlage die ganze Luft „auf ^ankt Genovevens lateinischer Höhe" und das sagenhafte Haupt des armen Lelian erscheinen lassen — fünf Widmungen an Stefan George und doch mehr als Widmungen: die schönste Ruhmestafel, die nach Goethes Gedicht u "er Schillers Schädel ein Dichterfreund dem anderen geschrieben hat, hl er ein Lebender dem Lebenden, in gleicher Höhe der Bahn mit ihm krei- Se nd und beider Tage als zwei Sterne sehend „Die brennen werden über Weichsel und Rhein" — zehn oder mehr Gedichte der Liebe, der Land- Sc haft, der Einsamkeit oder wie man sie nennen mag: es sind die sprechenden schreitenden ruhenden Zeichen eines Mannes, der mit der Abendschwermut eines ganzen Volkes, ja eines ganzen Weltzeitalters beladen ist Ur »d dennoch Schulter und Haupt aus dem Dunkel bis an die Sterne hebt Und trauernd aber groß und schön auf die Stunden und Dinge des engen Daseins schaut. Dl e Gruppe der holländischen Dichter betrachten wir erst bei der sechsten °»ge, in der besonders von Verwey eine größere Auswahl von Übertragungen aus seinen zahlreichen Werken veröffentlicht wurde. Hier am Beginn der Verbindungen mit ihnen gaben einige Stücke aus „Mai" von Hermann Gorter und einige der schönsten Sonette von Willem Kloos und ■albert Verwey vor allem einen Begriff von der hohen geschulten Vers- 127 kunst der Niederländer, die gerade in diesen Stücken mehr die englische und romanische als die deutsche Überlieferung anklingen ließ: nur bei Kloos spricht unser Platen mit. Auch die Dichtungsart von Algernon Charles Swinburne lag ganz auf der westlichen Linie, er hat seine dichterische Schulung mehr bei den Franzosen und Römern als bei den Deutschen gesucht, obwohl eine unmittelbare Liebe zu den Griechen ihn mehr mit uns zu verbinden scheint. Die von George nachgebildete „Widmung" aus dem ersten Band der „Gedichte undvBalladen" gab ein Beispiel seiner durchformten leidenschaftlich-bewegten Rhythmik, in der die Wellenstöße des Meeres und ein unaufhörlicher Wind in immer wechselnden Tönen vom blumigen Felsengarten abgleiten und eine traumhaft aufgelockerte Bildlichkeit schwingt, deren bezaubernde Wiedergabe durch George uns zeigt, wie weit er auch in diesen Jahren seine strenge Gebundenheit der Sprache lösen und weiten konnte. Weder Verweys noch kaum Swinburnes Gedichte waren damals in deutschen Übertragungen bekannt, — König Ludwig II. von Bayern hatte sich Swinburnes Drama „Chastelard" schon 1872 übersetzen lassen, — und erst die Blätter wiesen die Deutschen auf die größten Dichter des neuen Holland und England hin, mit denen wir im übrigen in den lebhaftesten Handelsbeziehungen standen. Von den neuen deutschen Gefährten nahm die dritte Folge einige Proben dichterischer Prose aus „Sieben Nächte am mystischen Quell" von Melchior Lechter auf: Farbentraum des Malers, Musikrausch des Liszt- Begeisterten, Vernichtungswunsch des Mystikers: verzücktes Sehnen, dessen seine kräftige Natur zur Vergeistigung der sinnlichen Stoffe bedurfte; dann einige „Seufzer seiner blonden Liebesjahre" von Emil Rudolf Weiß, dem Zeichner und Maler, und eine Anzahl Gedichte von Oskar Schmitz, der schon im Frühjahr 1894 mrt Wolfskehl in Rom bekannt geworden war. Er hat dieses Zusammentreffen später in seiner Bekenntnisschrift „Dämon Welt" geschildert und gibt dort einen bezeichnenden Eindruck vom ersten Hören der ihm noch unbekannten Dichtung wieder: „Die Verse--------versetzten mich in einen Taumel des Entzückens. Ich schlief die ganze Nacht nicht. Während ich mich der mitgeteilten Verse zu erinnern suchte, entstanden neue im selben Stil und nun wußte ich, was jahrelang mein Dichten gehemmt hatte: Die Furcht, in der alten abgegriffenen Sprache alltäglich zu sein. Selbst eine neue zu schaffen wie George und Hofmannsthal--------hatte ich nicht vermocht. Jetzt aber wo sie mir geboten wurde, ergriff ich sie gewissermaßen in einer Nacht und meine Zunge war gelöst.-------Wolfskehl schüttelte sein langes Haar und schaute verzückt in die Luft, nicht wegen der Herrlichkeit meiner ganz unselbständigen Gedichte sondern gewissermaßen um die Götter als Zeugen an- 128 zurufen für das Wunder meiner Transfiguration, wie er es schon bei mehreren jungen Dichtern erlebt hatte. Die flüchtigste Berührung mit dieser neuen Kunst war für jeden Berufenen eine sofortige gründliche Reinigung von Naturalismus und Stillosigkeit". Oskar A. H. Schmitz war 1873 zu Homburg vor der Höhe geboren und hatte schon seit mehreren Jahren in stetem Hunger nach Erlebnissen die Welt durchfahren, ohne viel erlebt zu haben. Jetzt wurde er durch die Berührung mit der neuen Dichtung und den Verkehr mit Wolfskehl aufs tiefste aufgewühlt: „Wolfskehl eröffnete mir einen üppig sprießenden Zaubergarten, dem etwas Dunkles in nur zutiefst entsprach. Schauernd erzitterte ich bisweilen bei seinen Worten in meinen Grundfesten und leise begann sich in mir etwas wie ein eingefrorenes Mühlrad im Frühling zu drehen, als sollte das Unterste zu °berst gekehrt werden". Die Aufnahme einiger seiner Gedichte in den Blättern betrachtet er auch heute noch als seine eigentliche literarische Sporen- Weihe. Aber wenn er glaubte darin ein Werturteil über seine Begabung z u erkennen, so mußte er später selbst gestehen, daß dies ein Irrtum war: »Georges Urteil entschied nicht die Talent- sondern die freilich ebenso Wichtige Niveaufrage". Ja der Irrtum lag noch tiefer, wie Schmitz einige Jahre später erfahren sollte. Die Mitarbeiterschaft an den Blättern enthielt auch kein dauerndes Urteil über die Person und entschied ebensowenig etwas über das Verhältnis zu George wie über die Zugehörigkeit 2 u seinem engeren Lebenskreise. Dies wurde nicht durch noch so gute Gerichte sondern die Bewährung des Menschen im lebendigen Mit und Neben erworben. Dazu gehörte vor allem unbedingtes Einstehen des einen *ür den andern und aller für das Ganze, zum wenigsten ein Zurückstellen Persönlicher Meinungen und Zwiste nach außen. Im Innern gab es schon Kräfte genug für jedes geistige Gefecht und Kampfspiel, aber bei der gefährdeten Stellung des kleinen Häufleins, an dessen Spitze George für eine Welt wider eine Welt kämpfte, war ein Abwerten der eigenen Gefährten an irgendeiner öffentlichen Stelle schon ein Übergang zum Feinde. Weder das Talent noch die Höhe der Könnerschaft also entschieden über einen Menschen sondern seine Art und Haltung. George zog zunächst den jungen Begeisterten auch in seinen persönlichen Umgang. Er traf ihn im Jahre 1897 in Paris auf einem Dienstag-Empfang der Madame Rachilde- "alette, bei der die Künstler sich zu treffen pflegten, machte ihn dort mit seinen Freunden bekannt und öffnete ihm bald auch die Berliner und Münchener Kreise. Seine Gedichte in den Blättern und seine Sammlung „Orpheus" im Verlag der Blätter — es blieben die einzigen, welche veröffent- icht wurden — verrieten den stärksten Einfluß von George und Wolfskehl, s ie zeigten aber, zu welchem Anspruch die neue Dichtung schon verpflich- 9 129 tete und bis zu welcher Gehobenheit der Formung auch ein mäßiges Talent durch gutes Beispiel und gute Schulung gelangen konnte. Wie anders freilich verhielt sich vor den gleichen Vorbildern eine aus eignem Kern genährte Natur wie Perls es war! Aus den wenigen — seinen letzten — Gedichten in der dritten Folge bricht selbst bei unmittelbaren Anklängen an Schrittmaße des ALGABAL eine nur ihm eigentümliche Gebärde, ein nur ihm gehöriges Wissen der Seele hervor und wir glauben dem Hochmut seiner Todesaugen mehr als den matteren des Gesunden. Auch von Klages sind nur wenige Gedichte da, von denen das Bild des Reiters, aber vor allem „Die Beschwörung" zum ersten Male an die Gewalt gemahnen, welche ihn ein Jahrfünft später völlig beherrschen sollte: Da wird selber gejagt, der den hinjagenden Gestaltensturm bannen will und endet — anders als Faust — „auf den Trümmern ungelebten Lebens". Noch ist es Bild: aber sind nicht Gedichte Spiegel der Seele oder mehr noch trinken Verse nach Klages eigenen Worten nicht Blut, und lebt und stirbt nicht unsere Seele in ihnen und mit ihnen? „Im Dichter sind nicht zwei Dinge: ein Erleben und eine Mitteilung desselben, sondern dichtendlebter, was ihm Tiefstes zu leben vergönnt war". In fast allen Gedichten von Klages aber lebt das Endgrauen und nie ein Aufgang. Noch in den düstersten Gesängen von Waclaw Lieder oder in den trübsten Liedern von Wolfs- kehl, selbst wo dieser später im Fimbulwinter das Endgrauen zum Vorwurf hat, schwingt der Ton heller südlicher wie zum Lebensbeginn. Vollends in der dritten Folge sind die „Kreuzgang"gedichte, die „aus der großen Wüste", die auf Ulais, die Totenklagen um Adonis und Corona ein einziger schwellender Dithyrambus auf Dionysos, auf sein Reich von Leben und Tod, auf den Anfangszauber mitten im Untergang. Man fühlt seine Kehle vor Liedern pochen und unermüdlich wandelt und wechselt sie die klangreichen Maße in der Lust des Singens. Im geraden Gegensatz dazu haben die Gedichte Hofmannsthals fast nur einen Gang, ein langsam gemessenes zögerndes Schreiten, wie eines sehr guten sehr sicheren aber ermüdeten Tänzers, der nicht weiß wann und warum enden, der niederschauend auf dunklem Schicksalsgrund, aufschauend unter dunklen Sternen sich in immer gleicher Weise getrieben fühlt und seine schönen Figuren unter dem Zwang eines unfaßlichen Wesens zieht, das er selber nochmals ist. Die Gedichte „Terzinen über Vergänglichkeit", „Manche freilich müssen unten sterben" und „Weltgeheimnis" geben am reinsten diese auch in den Märchen der Völker vielleicht traurigste Frage der selbstverlustigen Seele wieder: „Der Gefangene ist da, aber wo bin ich?" George selbst hat zur dritten Folge die Lobrede auf Jean Paul, eine Erinnerung des Sophokles aus TAGE UND TATEN und weitere Gedichte aus 130 dem JAHR DER SEELE beigesteuert, die wir im Zusammenhang betrachten werden. Die sparsamen Einleitungen und Merksprüche, welche die Gedichte begleiteten, ließen keinen Zweifel über die gleichgebliebene Abgrenzung nach außen. Hier und da spürt man am Urteil über fernergelegene Bereiche, am vorausschauenden Blick in die Zukunft, an Hohn und Mahnung für den Gegner das drängende Pochen eines Willens, der alle Kräfte "n Innern sammelte und erst die künstlerisch geschulten dichterisch gebundenen zum Kampf entließ. Der von einigen Schriftkundigen vorgebracht«. Unterschiebung, die Kunst, welche in den Blättern dargestellt werde, habe als Losung etwas wie eine Scheu vor dem Wirklichen und eine Flucht in schönere Vorzeiten, Salt die Antwort, daß die Dichter jede Wirklichkeit und Gegenwart, jede Ferne und Vergangenheit nicht durch Abschildern sondern durch Gestal- tu ng ins Reich des Nahen, Persönlichen und Heutigen rücken, daß ihnen Wesentlich sei die künstlerische Umformung eines Lebens — „welkes Lebens? ist vorerst belanglos". Der Naturalismus, so fassen einige Merksprüche die Frage zusammen, hat streng genommen die Wirklichst nie wiedergegeben, aber durch den wissenschaftlichen Trieb zur Vollständigkeit auch in allen Nebendingen jedes Werk großen Zuges unmöglich gemacht. Zu danken war ihm der Wille mehr als die Kraft, die Kunst v on der süßlichen Genüßlichkeit der Epigonenzeit loszureißen. Denn „Mit ^-rnst und Heiligkeit der Kunst nahen: das war dem ganzen uns vorausgehenden Dichtergeschlecht unbekannt. Keiner der Epigonen — so wenig der hochgeborene Schack wie der bescheidene bürgerliche Reimer — ist ""ei von der abstoßenden behäbigen Bravheit und diesem Rest von Barbarentum, den von Goethe bis Nietzsche alle großen Deutschen getadelt haben". Auch die sogenannte „Volks"dichtung von Bauern und Bäuerinnen ■— später kamen noch Arbeiter und Landstreicher hinzu — wurde als v erhüllte Mittelmäßigkeit der künstlerischen Ansprüche gegeißelt, vom Gordischen und russischen Geist zu schweigen, von dem „dem Deutschen ni cht viel zu lernen bleibt, was er nicht schon besitzt ohne die Verzerrungen". Die Blätter verteidigten dagegen „die große und ewige Kunst, so tuend w as seit Jahrzehnten keinem mehr Tuens würdig war". Sie wollten „eine Kunst frei von jedem Dienst: über dem Leben nachdem sie das Leben durchdrungen hat: die nach dem Zarathustra-Weisen zur höchsten Aufgabe des Lebens werden kann: die nach dem unsterblichen Meister des Titan sogar im Gewaltigen und Schrecklichen nicht umwölken und verdunkln, sondern erheitern und erhellen soll: eine Kunst aus der Anschauungs- tf eude aus Rausch und Klang und Sonne". Aus jungfräulichen und uner- 131 schöpften Welten, die den großen Vorfahren noch gegeben waren, war sie nicht mehr zu gewinnen, ihnen beizukommen nur möglich durch innigere Empfindung, liebevolleres Anschauen, zusammengefaßtere Ausführung, kurz sie mußte aus den Tiefen statt aus den ungehauenen Wäldern und un- ausgebeuteten Feldern geholt werden, die jenen in unserem Volkstum noch verfügbar waren. Ebendarum tat das eine zu wissen doppelt not, daß der Sinn der Dichtung nicht darin liege einen Gedanken auszudrücken, eine Geschichte zu erzählen oder den tatsächlichen Worten Takte und Reime einzupressen, sondern eine zwingende Bewegung der Seele in Klängen und Maßen auszudrücken und auch Worte Gedanken ja Bilder der körperlichen Darstellung dieser Sangesweise dienen zu lassen. Denn so klang die leicht andeutende und doch in ihren Folgerungen so tiefe Frage des Dichters: „Wäre das Spiel mit Takten und Reimen überhaupt eines vernünftigen Wesens würdig, wenn diese sich nicht unwiderstehlich als Sangesweise aufdrängten?" (III, 2.) Nur von dieser Sicht aus war ein Urteil über die Echtheit der dichterischen Erzeugnisse zu gewinnen gewesen und gewonnen worden, doch bis heute ist es den meisten unserer rational-gebildeten Deutschen am schwersten, das Gedicht aus dieser unwillkürlichen Herkunft aus der Geburt seines Tones zu verstehen. In den neunziger Jahren wußte kaum ein halbes Dutzend Menschen in Deutschland, was ein Gedicht sei, denn dieses Wissen setzt dichterisches Wesen voraus und die Blätter begrüßten daher eher freudig das langsame Anwachsen ihres Anhangs, weil ein schnelleres Zunehmen sogar bedenklich geschienen hätte. Die Blätter waren des stolzen Glaubens, daß sie schon in diesen Anfangsjahren das Höchste gesammelt hätten was in einem bestimmten Fache menschlichen Könnens eine ganze Stämmevereinigung hervorzubringen fähig war, und der sicheren Hoffnung, daß durch sie auch den Werdenden und Kommenden die Pfade geebnet wären, auf denen sie weiterschreiten könnten zur Entdeckung neuer immer reinerer Kunsthimmel. Diese Zuversicht ließ sich auch nicht durch die Tatsachen erschüttern, daß es damals in Deutschland kein künstlerisches und dichterisches Ereignis geben konnte und wir in einem Bildungsstaat zweiter Ordnung lebten, daß das Schrifttum in Deutschland der geistigen Hefe überlassen war und alle fähigen Köpfe sich einer staatlichen Laufbahn oder den Gebieten der Wirtschaft zuwandten. Die Blätter spornten die wenigen Gefährten uro so eifriger an, sich in der neugeborenen Kunstauffassung nicht mit einer halben Sachführung zu begnügen, auch nicht zu erschrecken oder fangen zu lassen von Prophezeihungen vom völligen Dahinschwinden der Dichtung und Kunst und der Notwendigkeit ihres Untergangs in dieser Zeit : „Denn die werdende Jugend wird darüber lächeln und den vom Alter tot 132 zurückgelassenen Formen in unerwarteter Weise neues und glühendes Leben einhauchen". Dieses glühende Leben freilich — immer wird dieser Rat "wiederholt — soll sich nicht im Ausbruch der Kraft, nicht in Schmerzoder Lustschrei äußern, sondern im Bezwingen des Ausbruchs, in der Verklärung von Schmerz und Wollust, damit man aus der Größe des Steges und der Verklärung Größe und Echtheit der Erregung fühle. „Und sagen die einen zu uns: Eure Haltung ist uns denn doch zu kalt und ruhig und zuwenig der Jugend angemessen. So wir zu ihnen: Seid ihr noch nicht vom Gedanken überfallen worden, daß in diesen glatten und zarten Seiten vielleicht mehr Aufruhr enthalten ist, als in all euren donnernden und zerstörenden Kampfreden?" Es sollte noch mehr als zwei Jahrzehnte dauern, es mußte erst namenloses Elend über Deutschland kommen, bis einige in unserem Volke diese Sprache zu hören begannen, es muß erst die ganze plebejische Ideenlehre der Revolutionen, der Glaube an die Erneuerung aus dem Umsturz von Thronen und Staaten, die längst zerbröckelt und morsch sind, wenn sie fal- ler », es muß erst der ganze Glaube an das Heil von unten aus den Köpfen Ur id Herzen ausgetilgt und ausgemerzt sein bis die Tauglichen verstehen, w as hier gemeint, gewollt und begonnen ward. Denn jene Worte bezogen Sl ch nicht auf Lehrmeinungen oder Grundsätze, sondern auf das Werk, Sle sprachen nicht von einem Aufruhr, der durch Erklärungen und Auf- Peitschungen von Massentrieben erst vorbereitet werden sollte, sondern v on einem der schon geschah: von der Umgestaltung des innersten menschlichen Kernes, der Neuschaffung jeder Seh- und Fühl- und Denkweise durch die neue Dichtung. Ein Jahr nach dem letzten Bande der dritten Fol ge, im Herbst 1897 erschien DAS JAHR DER SEELE und vielleicht ist niemals in der Menschengeschichte, so weit wir blicken können, die Angel der Zeit mit leiserem Finger gedreht worden als durch dieses Werk. Nur einige wenige Gedichte im Mittelteil lassen etwas von der Bewußtheit des zurückgelegten und vorgeschauten Weges erkennen, sagen etwas aus v °n der Spannung des Dichters zwischen Traumwelt und Umwelt, zwi- Sc hen dem Denkbild seiner Tempelgesänge und dem der sanften mütter- uchen Lehre seiner Jugend, zwischen dem Leid der Armut und Arbeit und dem Leid der Fülle und herrscherlichen Höhe, ja verraten, daß dies alles ers t „der Morgengang" der Lebensreise sei und daß Lieder warteten, die n °ch nicht zu singen waren. Dieses Buch ist ohne faßbares Sinnbild, das uns führt und hält: keine "errin, kein Pilger, kein Herrscher, kein Sänger oder Spielmann mehr, n °ch schon wie später ein Engel oder Gott — nur selten wird sie im Liede genannt um deretwillen der Dichter das Schweigen bricht: die düstre 133 Schwester, die nicht leben kann ohne Trank und Licht der Gesänge. Es ist ihr JAHR, doch nirgends in seinen Monden und Gezeiten erscheint sie als Gestalt, nicht holde Psyche noch leuchtende Anima, nicht verklärte Beatrice noch hinanziehendes Gretchen, nicht die Jungfräuliche noch die Mütterliche, weder unter altem noch neuem Bilde — und doch DAS JAHR DER SEELE?! Seit Piaton sie aus Gewächs und Leib gehoben und gepriesen hatte, gab es kein Bauwerk, kein Bild, kein Wort, kein Zeichen in zweitausend Jahren, das nicht von ihr sprach, das nicht die Runen ihres Schicksals trug. Von der mütterlichen Erde und den geschwisterlichen Gewächsen war sie gelöst, in den Wesen der Elemente lebte sie nicht mehr, die brüderlichen Leiber wurden ohne sie gezeugt und starben ohne sie und in dem einzigen der sie umhüllte, dem des Menschen, war sie nur Gast oder mehr noch Gefangene in unwürdigem Kerker. Nur einer trug sie im brüderlichen Leibe heil durch alle Reiche: Dante der Dichter. Das war die Wende des Schicksals: der Weg zu fernem Ziel. Aber welche Mühsal wartete ihrer bis dorthin! Die kristallenen Schalen der Himmel zerbrachen, die Schlünde der Hölle stürzten bröckelnd ein und der unendliche wohnlose Raum lag über und unter ihr. Nur die Dichter hüllten zuweilen die Frierende ein, weinten über sie, nannten sie die Schöne und suchten ihr Leid in Träumen und Tönen aufzulösen, aber ihr Mantel reichte nicht und ihre farbigen Schleier waren nicht dicht genug, um sie vor dem Bösesten und Schlimmsten zu bewahren: der kalten Liebe der Erkenner und der lieblosen Kälte der Erforscher. Sie war müde diese Seele von Fahrten und Qualen, der Liebe der Engel wie der Teufel, der Neugierigen, Wisser und Gaffer müde und auch der alten Priester. Sie sank auf das ehmals verlassene Lager zurück verwundert staunend über seine Herrlichkeit und Schönheit, ganz hingegeben und versinkend in den neuen Freuden und doch vor dem Schlummer noch einmal erschauernd, von der Schwelle sich selber rückwärts und vorwärts schauend. Denn wiedergeboren wird sie ein anderes sein, nie mehr Psyche, die holde zarte, schwebende, die leidende blutende gemarterte, die verklärte und verdammte die Ewige — sondern eingeboren in die Leiber und Kräfte, unlöslich eines mit den Gewächsen, mit ihnen werdend und vergehend die Sterbliche, die nicht von einst und anders weiß, ein mitwachsendes Leben, Kind von Sonne und Regen und Wind, gebräunt von den Strahlen, geschwellt von den Säften, genährt von Brot und Wein der Erde, der Erde Tochter aus neuer Zeugung: ein neues Glück und neues Leid. So lebt sie im JAHR DER SEELE, das schon Hölderlin ahnend erhoffte: 134 Dort wo die seligen all nieder zu kehren bereit Dort wo die adler sind die gestirne, die boten des vaters Dort wo die musen, woher helden und liebende sind Dort uns oder auch hier auf tauender insel begegnen, Wo die unsrigen erst blühend in gärten gesellt Wo die gesänge wahr und länger die frühlinge schön sind Und von neuem ein Jahr unserer Seele beginnt. Noch freilich bevölkern von diesen Ersehnten erst wenige das Jahr der Seele, seine schönen Gezeiten durchschreiten die Liebenden und Gefährten, alle anderen Gestalten fehlen. Haus und Garten, Gemark und Landschaft liegen wie in einem engen Lichtkegel, jenseits dessen sich dunkle unbe- seelte Räume und Einöden dehnen von unbenannten Mächten bewohnt, ungestalt und dennoch seiend, unfaßbar und dennoch alldurchdringend, kein Kosmos noch Hades, kein Himmel noch Schlund, eine trostlose Einsamkeit durch die nur „böse Sterne" und „ernste Gestirne" stechen. Daß George auf der Schwelle zwischen den Zeiten stehend das Ungestalte schauend, aber im Grauen ehrend, den ewig unerklärten Grund wissend aber furchtlos ganz bejahend — daß er in den Traurigen Tänzen von diesem letzten Verhängnis der Seele, ihrem Bedingtsein im unerbittlichen Werden und Welken, in schwermütigen Liedern und dunklen Zaubersprüchen zu singen wußte, daß er aus diesem weitesten Flug ungebrochen und n ichts verleugnend wiederkehrte, war sein Sieg im Kampf mit dem Drachen der Zeiten, der das Erste und Letzte erkennen will: George sang die finstre Rätselwildnis und beugte die Stirn vor ihr. Von diesem Kampf her begreifen wir die Schatten die über das dreimal dreigeteilte JAHR DER SEELE fallen: Ein welkes Seelenbild verging, das unerbittliche Geschick neuer Schöpfung taucht auf. Die tiefsten Schatten liegen über dem Kreis der Traurigen Tänze: Sinkendes Jahr und sinkende Liebe, Abschied und Tod, stummes Leid und einsame Pein, selbst der Frühling voll stiller Trauer, selbst der Trost noch im Gram, selbst die flammenden Wälder noch ohne Heil. Und dennoch trotz des „Grollens der schrecklich Fernen", trotz der bleichen Bilder und welken Einsamkeiten, trotz der trübsten Stunde: ein Wachen ein Weiterschreiten, ein Preis der Wunden und Gruß an den neuen Wind der Weiten. Über den beiden ersten Kreisen liegen die Schatten weniger dicht: Hier *st die Seele eingegangen in die Körper und Dinge des gestalteten Lebens, eines Wachstums mit ihnen, weder All- noch Einzelseele und nicht im Zwiespalt mit den Gewächsen der Erde, sondern die göttliche Leiblichkeit der Dinge selbst, der Zauber ihrer Erscheinung, der Duft ihrer Blüte, der Schmelz und die Süßigkeit ihrer Früchte. Schwingt sie im dritten Kreis mit den ewigen Mächten des Weltenjah- 135 res, so im ersten mit den blühenden reifenden und welkenden Geschöpfen, mit den strahlenden fließenden und starrenden Elementen des irdischen Jahres, ist sie die herbstliche Liebe, das schüchterne kurze Geleit, zum Scheiden vorbestimmt wie die reife Frucht zum schnellen Verzehr, aber Gedenken ihrer Süße lassend für trübe Zeit — ist die winterliche Liebe, ein winterlicher Fund, ein stummes Leid „vom geist der flur aus der wir stiegen" angetan mit allen Schimmern der starren Kristalle, umworben mit aller Wärme des hoffenden Lebens, aber trostlos wie ihr Ursprung im Reif der Qualen und darum zerbrechend vor dem Lenzsturm wie die Eisdecke des Stroms — ist die sommerliche Liebe, die alle Schmerzen vergessen macht, die im Reich der Sonne und Freude „als dankbereite Gäste" zu leben lehrt und einmal in der lohnenden Stunde mit Kuß und Einung das ganze süße Leben füllt, die in offenem Schmerze endet, aber neues Erwachen erhofft. Der Dichter hat selbst verwehrt nach Ich und Du dieser Liebe zu fragen, was hier sich sehnt und stirbt und wieder sehnt, was hier glüht, vergeht und wieder glüht, ist ununterscheidbar Liebe zur Geliebten und Liebe zur Schöpferlust, leidenschaftlicher Drang des Blutes wie leidenschaftliche Glut des Geistes, ist neue Seele, ist das willkürlose Wachsen und Wandeln und Welken wie der Geschöpfe der Erde, nötiger Anfang und nötiges Ende unter dem brennenden, reifenden oder kältenden Gestirn. Der Pulsschlag der Liebenden schlägt im gleichen Takt mit tropfenden Strahlen, fallenden Früchten, rieselndem Schnee und brausendem Anbruchswind. Denn Seele und Leben aller Gezeugten und Gewachsenen, Seele und Natur, sind eines Schicksals geworden und alles Geschehen vom Schimmer des Steins bis zum Klopfen menschlicher Herzen, ja bis zum höchsten Schaffen des Geistes sind Äußerungen des einigen Lebens, Erscheinungen des ewigen Alls in diesem Augenblick, an diesem Ort, in dieser Gestalt, nie so gewesen, nie so kehrend, so nur Jetzt und Hier. Immer körperhafter, immer herznäher wird dieses Jetzt und Hier zur Mitte hin im JAHR DER SEELE. Im zweiten Gedichtkreis wie fast immer im Georgeschen Werk liegt die dichteste festeste Achse, der haltende Grat für die weit ausschlagenden Schwingen: so zwischen HYMNEN und AL- GABAL der persönlichste Raum der Leidenschaft in den PILGERFAHRTEN, zwischen dem Buch der HIRTENGEDICHTE und dem der HÄNGENDEN GÄRTEN der heimatliche Raum der SAGEN UND SÄNGE, zwischen dem Wachstumsjahr und dem Weltenjahr der Seele das Jahr des nächsten Lebens: des Dichters selbst und der Befreundeten und Geliebten, ohne schützendes Sinnbild, ohne geschichtliche Fernluft; mitgelebte und mitlebende Gegenwart, unmittelbares Bekenntnis zu persönlichen Gestalten. Auch dieser Kreis ist in sich wieder dreifach geteilt. Der erste Teil 136 'St ein Schauen rückwärts und vorwärts: auf die eigene Wegsuche, auf die frühen kindlichen Schmerzen des Vorbestimmten, die ersten einsamen Kämpfe des Jugendlichen, das reife Wissen um die Leiden der königlichen Höhe und die noch drohenden auf der Bahn nach dem Mittag des Lebens. Der zweite Teil enthält die Erinnerung an Tage und Nächte des frohen und schmerzlichen Liebens, der freudigen Gesellung am heimatlichen Strom Und Ufer, der quälend beglückenden Wachen unter dunkelndem Stern. Der dritte bringt das ernsteste Spiel: „Eure flüchtig geschnittenen Schatten zum Schmuck für meiner Angedenken Saal": die weiblichen, wie die Scheu es erfordert, ohne Namen, die männlichen mit den Initialen bezeich- ne t, zwölf Gefährten nach eigner Würde und dem Beginn der Freundschaft gereiht, wie wir sie kommen sahen. Diese Achtzeiler sind Gestaltung, Dank und Urteil zugleich, sie umreißen die Person, stellen sie in den Luftkreis ihrer Landschaft und ihres geistigen Wirkens und berühren mit Männlich-keuscher Zartheit aber fest und offen das Verhältnis der Freundschaft, in dem der Dichter zu jedem steht, die Beziehung zum Werke, die er mit jedem teilt. Er bannt mit den Schattenrissen der Gefährten die ganze Junge Glut der Lebens- und Werkgemeinschaft dieser Zwölfe, von denen der jüngste achtzehn, der älteste zweiunddreißig Jahre war, in das JAHR £>ER SEELE — wie der Gärtner Gewächse in den neuen Garten pflanzt m it einem Segensspruche und dem stillen schweigenden Blick der sagt, daß er pflanzen und pflegen kann, aber den Willen der Himmel nicht kennt. Der leiseste Stolz und die leiseste Schwermut des Jahres ruht über den Gefährtensprüchen, voll und reif hängen ihre Früchte inmitten der Gezeiten. Voll und reif ist Blick und Farbe, Maß und Klang in diesem Buche, ° e laden mit der ganzen Glutschwere der beginnenden Lebenshöhe des Richters, gesättigt von der Fülle der Gesichte und dem gewonnenen Reichtum menschlichen Gutes, getragen von der Erwartung wachsender Liebe. "Jeder Rest spröder Glasstärke ist geschwunden. Alles hat sich gelockert, •st zerlöster, schmelzhafter, aromatischer geworden. Nichts mehr vom schmalen Stolz zierdeloser Säulen, vom nackten Brennen herrischer Wände: We hflackernde Ranken und tiefweiche Moose haben die zerbrochene Vorzeit wuchernd umkleidet. Wir sind auf neuem Land und in anderer Zeit-------------Im JAHR DER SEELE stehen die tönendsten Verse, die Ge- ° r ge geschrieben, Verse die lind gleiten wie lautere Bäche über geheimnis- v °U-funkelndem Grund und die gleich dem dunkelblinkenden Wasserspiegel weder Kanten noch Sprünge zeigen. Sehr häufig ist bei George ^e Tonsilbe kurz, im JAHR DER SEELE selten oder nie. Härten der Abfolge der Vokalklänge werden wir hier am wenigsten begegnen und in 137 der Kunst, aus Lauten Farbenwunder zu schmelzen, hat er die Höhe seiner Kraft erreicht". So hat Klages und ähnlich immer wieder haben die Dichter selbst die rätselbeladene Glut und die mit allen Tonzaubern schwingende Sprache dieses Werkes empfunden und auch vielen, die sonst fremd vor der Dichtung Georges standen, hat es die volle Süße und der satte Wohllaut dieser Strofen angetan und die Verlockten wurden und werden ohne es zu merken mit fremden Düften und Giften getränkt, wo sie Luft der heimatlich vertrauten Landschaft und romantisch unverpflichtende Genüsse zu atmen glauben. Denn freilich hat George im JAHR DER SEELE ein Element unserer Sprache, das die romantische Dichtung erworben hatte und das schon völlig verloren zu gehen drohte, die Klangfarbe, das musikalisch Rauschhafte gerettet und freilich hat er es gerade in seiner Ursprungs-Verbindung mit den Sinnbildern der Natur zu neuem Leben erweckt und ebendarum dem Meister der landschaftlichen Träume und der klangerregten tonberauschten Sätze Jean Paul schon in der dritten Folge die Lobrede gewidmet. Aber die Musik seiner Landschaften und Sterne ist nicht mehr vergleitendes Schwärmen noch versprühende Verzückung der romantischen Seele, sondern die neue der harten leibgebundenen Seele und unter dem scheinbar vertrauten und farbigen Kranz der Natur schaut das anteillose Auge des Künstlers nicht weniger fest erhaben und geheimnisvoll als aus den Säulenhallen des ALGABAL. 8. KAPITEL: SCHRIFT UND DRUCK DAS JAHR DER SEELE war das erste Buch Georges, dessen Ausgabe von Melchior Lechter besorgt wurde. Es ist den Bücherkundigen bekannt, daß sich von diesem Buch der Beginn einer neuen künstlerischen Bewegung der Buchausstattung herschreibt, aber die wenigsten kennen die Leistung Georges auf diesem Gebiete in den sieben Jahren, welche dem Erscheinen jenes Werkes vorausgegangen waren. Wir nehmen daher Gelegenheit, dieses bisher übergangene Geschehen im Zusammenhang zu betrachten. Soweit wir die Zeiten übersehen können, haben Sprache und Schrift der Völker stets in inniger Verbindung miteinander gestanden, sie sind für den Historiker die sich bedingenden Wertmesser für die Bildung eines Volkes zu einer gegebenen Zeit, und wie eine hohe Sprachbildung mit sorgfältiger Schriftverfassung Hand in Hand geht, so spiegelt eine schlechte und vernachlässigte Schrift mit Bestimmtheit die Verwilderung der Sprache wider: der Kundige kann an den Runenzeichen der Schrift von 138 Jahrhundert zu Jahrhundert, ja von Jahrzehnt zu Jahrzehnt und in noch geringeren Abständen den Wechsel von Aufstieg und Niedergang in den Geschicken der Völker ablesen, und selbst Scheinblüten enthüllen an diesen untrüglichen weil unwillkürlichen Zeugnissen ihre innere oder erst beginnende Fäulnis. Zur Zeit der größten staatlichen und geistigen Vorherrschaft der Deutschen von Karl dem Großen bis zu Kaiser Friedrich II. besaßen wir die klare schöne Karolingerminuskel, aus der dichtesten Vereinigung antiken und germanischen Wesens entsprossen und wie die romanischen Dome Ebenbild der großen stolzen Männlichkeit jener Jahrhunderte. Mit ihrer Verwandlung in die gotischen Steil- und Eckformen ging das Element der erdenfesten Leiblichkeit verloren, das Überwiegen einer strebenden Bewegung, einer Entsinnlichung zugunsten des Übersinnlichen teilte sich Jedem Buchstaben jeder Zier und Schmucklinie mit. Aber trotz beginnender völkischer Unterschiede durchdrang die gesamtgeistige Haltung R och alle Teile: die gotische Schrift ist Gebärde des gotischen Mensch- turns und erst ihre späte Übersprödigkeit und Spinnenlinigkeit verrät uns deutlich die innere Schwächung der christlichen Bildungsgemeinschaft. Als die großen staatlichen und kirchlichen Spaltungen begannen, hatte nian sich in den west- und südeuropäischen Völkern unter dem Einfluß der „Wiedergeburt" im Glauben die antike Schrift der Römer wiederzugewinnen zur Karolingerminuskel zurückgewandt, die dem neuen Sinn der Erdenschönheit und weltlichen Bildung am besten zu entsprechen schien. Nur in Deutschland und den nordischen Ländern hielt man unter dem Einfluß der lutherischen Erneuerung christlichen Glaubens und Fühlens an den immer brüchiger gewordenen Formen der Spätgotik fest und entwickelte aus ihnen fast unmittelbar die barocken Formen der sogenannten deutschen Schrift, deren wir uns heute noch vielfach bedienen. Die Jahrhunderte der Ausbildung dieser Schrift waren nun leider die der tiefsten deutschen Erniedrigung durch Spaltung, Sondersucht und Zerfleischung der Stämme und Gemeinschaften, Vereinzelung und Winkelhaftigkeit der Menschen bis zur Kauzerei und Eigenbrötelei, des Widerstreites der Bekenntnisse und Bildungsgruppen und der dadurch bedingten Abhängigkeit bald von diesen bald von jenen Mächten des Auslands. So wurde die Schrift dieser Zeit ein Bild der inneren Schwäche und Zerrissenheit. Form und Gestalt unserer Schriftzeichen wurde durch die Zierkunst des Barock bis 2 Ur Unkenntlichkeit entstellt, einfache Grundformen, die ehmals zwei Züge der Feder erforderten, wurden zu Verschlingungen die öfter zehn und 2 wölf Züge benötigten und die Bedeutung des Schriftzeichens kaum noch e rkennen ließen. Als dann im 18. Jahrhundert unter dem Zwang der Ver- 139 einheitlichung in den größeren deutschen Staaten eine Vereinfachung dieser verwirrenden Formen durch fürstliche Erlasse erfolgte, blieb ein skeletthaftes Gebilde des toten Barock als staatlich anerkannte und geforderte Schriftart übrig, während die Gelehrtenwelt sich daneben der von Renaissance und Humanismus überkommenen internationalen „Latein"schrift bediente. Beiden Schriften lag, wenn auch die Schreibkunst mit dem Vordringen des Buchdrucks allmählich verlorengegangen war, doch noch eine Überlieferung zugrunde und mit der vermehrten Pflege der Dichtersprache im ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert, ist noch einmal eine vermehrte Sorgfalt der Schriftführung zu beobachten, aber dann brach mit dem Jahrhundert der Wissenschaft, Technik und Wirtschaft ein solcher Verfall aller überlieferten Formen, eine solche Vermengung aller geschichtlichen Stile, eine solche Verwilderung ja Geringschätzung der sprachlichen Gebilde ein, daß auch unsere Schrift in den ersten Jahrzehnten des neuen Reiches auf den Tiefpunkt ihrer Ausbildung gelangte: Ungestalt oder mechanisch leere Schematisierung im Dienste der Nützlichkeit waren ihre Kennzeichen geworden. In allen nordischen Ländern, welche durch die Reformation und den baltischen Handel noch im Einflußbereich unserer Barockschrift gelegen hatten, erlosch deren Gebrauch allmählich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und heute wird sie weder in den Schulen der nordischen noch der baltischen Staaten und ebensowenig in Polen und der Tschechoslowakei mehr gelehrt. Die sogenannte deutsche Druckschrift teilte dieses Schicksal. Die Erfinder der Buchdruckerkunst waren bekanntlich zunächst bestrebt gewesen, in ihren Druckschriften getreu die Handschriften nachzuahmen, und wenn man auch bald die Druckbuchstaben in ihrer Eigengesetzlichkeit weiterentwickelte, so blieben doch ihre wesentlichen Grundlagen die Schreibschriften der Zeit, also die spätgotische und die von den Humanisten wiederbelebte Karolingerminuskel, die Antiqua oder Altschrift. Diese letztere wurde die Schrift der weltlichen humanistischen Bildung in ganz Europa und gelangte in den süd- und westeuropäischen Staaten in den folgenden Jahrhunderten schnell zur Alleinherrschaft. Die „gotische" Druckschrift wurde in Italien ebenfalls unter dem Einfluß der Kunstformen der Renaissance der Ecken, Schwünge und Ausladungen der Spätgotik entkleidet, gerundet und zur sogenannten Rotonda fortgebildet, die in Deutschland etwas abgewandelt als „Schwabacher" über ein Jahrhundert die herrschende Druckschrift wurde. Luthers Schriften sind fast alle mit ihr gedruckt worden. Neben dieser Schwabacher und der Altschrift kam im Laufe des 16. Jahrhunderts in Deutschland allmählich die sogenannte Fraktur oder Bruchschrift empor und wurde in der Zeit der deutschen 140 Selbstzerfleischung, der tiefsten nationalen Entwürdigung und der unseligen religiösen Wirren die vorherrschende deutsche Schrift. Vielleicht — die Tatsache steht nicht sicher fest — entsprang sie einer Künstlerlaune des alternden Dürer, der ihre Großbuchstaben — außer dem fehlenden • — unter Verwendung des Elefantenrüssels (/) aus der Schwabacher Renaissance-Form ins Barocke weiterbildete und die Kleinbuchstaben unter Aufspaltung einiger Längsstriche, Verbindung eckiger und geschwänzter Striche und Verbindung eckiger Striche mit langgeschwänzten Ober- und Unterstücken, zu spätgotischen Formen rück bildete. Diese wulstige, wenig einheitliche aus Rüsseln, Ecken, Schnörkeln und Schwänzen zusammengesetzte Bruchschrift entsprach dem barocken Geschmack des 17. und 18. Jahrhunderts in Deutschland, wo sie die Trägerin des religiösen schöngeistigen und ungelehrten volksmäßigen Schrifttums, vor allem auch der Zeitungen, wurde. Sie eroberte durch die religiösen Zusammenhänge auch den protestantischen Norden Europas, während sie im Süden und Westen einschließlich Hollands nur gelegentlich zur Verwendung kam. Mit dem Abklingen des Barock verlor die Bruchschrift im I 9- Jahrhundert immer mehr Gebiete ihres außerdeutschen Raumes, seit etwa 1880 ging von den skandinavischen Staaten und nach dem Weltkriege auch von den baltischen und den österreichischen Randstaaten einer nach dem andern zur Altschrift über, nur Bibeldrucke und einige Zeitungsköpfe wurden in Bruchschrift beibehalten und heute ist Deutschland wie auf die engsten Grenzen so auch auf den engsten Machtbereich seiner Schreib- und Druckschrift beschränkt. So spiegelt die Schrift auch hier das politische Schicksal wider. Auch in Deutschland war schon frühzeitig von Leibniz, Bodmer, Kleist Und anderen „die vorzügliche Schönheit der runden Lettern" aufs neue verteidigt, nach der Überwindung der barocken Kunst- und Gesellschaftsformen war die Sehnsucht nach einer vereinfachten Schrift bei Wieland Wieder lautgeworden. Goethe hatte sein schon beim Druck des „Werther" geäußertes Verlangen nach der Altschrift wenigstens einmal bei der Erstausgabe des West-östlichen Diwans erfüllen können, und Jacob Grimm schrieb in der Einleitung zum Wörterbuch: „Es verstand sich fast von selbst, daß die ungestalte und häßliche Schrift, die noch immer unsere meisten Bücher gegenüber denen aller übrigen gebildeten Völker von außen barbarisch erscheinen läßt, und einer sonst allgemeinen edlen Übung unteilhaftig macht, beseitigt bleiben müsse. Leider nennt man diese verdorbene und geschmacklose Schrift sogar eine deutsche, als ob alle unter uns 'm Schwang gehenden Mißbräuche zu ursprünglich deutschen gestempelt, dadurch empfohlen werden müßten". Die von ihm gegründeten Zweige 141 der Wissenschaft folgten seinem Beispiel der Übernahme der Altschrift unter Weglassung auch aller durch barocke Launen geschaffenen Großschreibungen der Hauptwörter, Verdoppelungen der Buchstaben und überflüssiger Dehnungszeichen. Richard Wagner und Lagarde taten anfangs das Gleiche. Auch Nietzsche übernahm die Altschrift — die häßliche Volksausgabe hätte er verabscheut. Im neuen Reich begann bald ein Streit um Bruchschrift oder Altschrift, dessen Gegnerschaften uns hier nicht im einzelnen kümmern sondern nur als Zeichen dienen für das Schwankendwerden der gesamtgeistigen Lage unseres Volkes, gerade nachdem es seine äußere Weltgeltung wiedergewonnen hatte. Unter der Oberfläche des Kampfes um die Schrift deuteten sich die Gegensätze viel tieferer Kräftelagen leise an und ein wenig wurden sie schon in den Urteilen sichtbar, in denen Altschrift und Bruchschrift zum deutschen Wesen in Beziehung gesetzt wurden. Die Freunde der Bruchschrift — wir führen absichtlich nur ihre Urteile an — nannten die Altschrift steif, frostig, nüchtern und phantasielos, die reine Linie und äußere Übersichtlichkeit ihrer festbegrenzten Formen sei den Deutschen unsympathisch. Was seinem Gemüte dagegen behage wäre das malerisch Verworrene, Unerschöpfliche und Unbegrenzte und zum deutschen Gemüt spräche das Schwung- und Phantasievolle, das Nek- kische, Lustige und Verschlungene der Schnörkel und Elefantenrüssel, wie die Bruchschrift sie in unvergleichlicher Weise seit Jahrhunderten besäße ... Kurz diese Bruchschrift entsprach noch immer der deutschen Geisteshaltung aus der Zeit ihrer Entstehung und weitesten Ausbreitung: sie war das Sinnbild der Formunklarheit, des beständigen Triebes jede eindeutig feste runde Form zu sprengen und zu durchbrechen und den eigentlichen Leib des Buchstaben in ein Gespinst gebrochener Strichelchen, Bögelchen und Schwänzchen aufzulösen. Alle Versuche der letzten Jahrzehnte, die Bruchschrift zu retten oder zu verschönen, mußten jedoch notwendig auf ihre Vereinfachung ausgehen, mußten Rankenwerk und Ver- schnörkelung vermindern und also die Buchstaben den Formen der Altschrift wieder annähern, auch sie mußten dem deutschen Gemüt statt malerischer Verworrenheit und Verschlungenheit wieder klarere festere Begrenztheit zumuten. Als der vierzehnjährige George in sauberer Lateinschrift zwei Petrarka- sonette abschrieb und die beiden Kolumnen mit roter und schwarzer Linie umrahmte, als der neunzehnjährige sein Gedicht Ikarus niederschrieb und eigenwillig bald kleine bald große Anfangsbuchstaben für die Hauptwörter gebrauchte, als er dann zwei Jahre später in der Niederschrift der Zeichnungen in Grau und der Legenden immer deutlicher die Vorstufen der ihm 142 ei gentümlichen Schreibweise ausprägte, wußte er von all den geschichtlichen Entwicklungen und den eben begonnenen Streitbewegungen in der Schriftfrage noch nichts. Aus innerem Trieb hatte er schon in seiner Jugend die Gedichte so schön als möglich aufzuzeichnen gesucht und übte dieses Tun von Werk zu Werk solange weiter, bis er allmählich die ihm gemäße Schrift zur Aufzeichnung von Gedichten im vollendeten Werkstück gewann und ausgestaltete. Er ergriff dabei ohne bewußtes Vorbild eine Grundform der Schrift, welche die meiste Ähnlichkeit hat mit der alten Karolingerminuskel und zwar mit der der Kapitale verwandten scriptura °ünuta erecta. Die Buchstaben sind also zur Bildung der Wörter ohne Verbindung aneinandergesetzt und zwar mit dem schon früh auftretenden und ständig wachsenden Bestreben, die ungleichen Höhen und Unterlängen "erabzumindern. K und T wurden daher nach und nach auf die zweilinigen Formen dieser Buchstaben in der alten Minuskel zurückgeführt und eben- So wie die Form von £ stärker dem dorischen Alphabet, der ursprünglichen Wurzel des lateinischen, angeglichen. Die Ober- und Unterstücke v °n d f g h 1 p q wurden möglichst gekürzt und Großbuchstaben nur ar n Anfang des Verses, aber nicht innerhalb der Zeile, also auch nicht bei den Hauptwörtern angewendet. Alle Buchstaben erhielten im Laufe der Schriftgestaltung immer mehr ein angemessenes Verhältnis von Höhe und breite, eine ruhige abgewogene Rundung und klare Gestaltung, in welcher °hne jeden überflüssigen Zusatz nur die zur Formung des Buchstabenbildes notwendigen Züge gezogen werden. Die Großbuchstaben beruhen auf der alten Kapitale sind aber meist ebenfalls weich gerundet und durch die Vereinfachung von KT£ den Kleinbuchstaben mit wenigen Ausnahmen ln allen Zügen gleich. George bildete so auf unserem besten germanisch- omanischen Erbe fußend, ohne es nachzuahmen, die ihm eigentümliche "andschrift aus, welche durch die genaue Nachbildung seiner Niederschrift der Dante-Stellen (1909) und aus den Tafeln in der Gesamtausgabe seiner Werke bekanntgeworden ist. Aber längst vor der Veröffentlichung dieser Proben hatte sein Vorbild und seine Forderung, das Schöne schön zu schreiben und sich für Dinge, welche einer besonderen Sorgfalt würdig sind, auch die nötige Muße zu gönnen, auf seine Gefährten und die Kunst- 'erkreise seiner Bekanntschaft gewirkt und die Kunst des Schönschreibens a üf der von ihm gewonnenen Grundlage erneuert. Manche der öffentlichst unbekannte Tafeln und geschriebene Bücher sind seitdem entstanden, Welche den Vergleich mit früheren Werken der Schönschreibekunst nicht z « scheuen haben, und durch die stille aber stetige Anregung solcher von Wand zu Hand gehenden Stücke regt sich heute in weiteren Kreisen der Kunstgewerbeschulen auch in diesem Zweige wieder neues Leben. Den 143 deutschen Gelehrten, ewigen Protestlern gegen jede geistige Bindung und unentwegten Verteidigern der bedrohten freien Persönlichkeit, welche um der neuen Schrift willen gegen Jüngere oft den Vorwurf der Aufgabe ihrer Selbständigkeit erhoben haben, geben wir zur Sache folgendes zu bedenken: erstens daß die Schreiberhände in einer schönen Schrift sich nicht nur ebenso deutlich sondern deutlicher in ihren Charakterzügen unterscheiden als die einer unschönen flüchtigen und gemeinen — wie jeder weiß der Schriften älterer Zeiten zu lesen und zu deuten hat —, zweitens daß sie selbst mit ihrer sogenannten deutschen Schrift nichts anderes sind als Nachahmer des königlichen Geheimsekretärs Hilmar Curas, dessen Kanzleischrift auf Befehl des Preußenkönigs mit dem Krückstock zur Alleinherrschaft gelangte. Der Vereinfachung der Buchstabenformen entsprechend vereinfachte George auch die Rechtschreibung, in deren Säuberung von barocken Elementen ihm die staatliche Unterrichtsverwaltung schon vorangegangen, aber auf halbem Wege stehengeblieben war. Wir erwähnten schon die Kleinschreibung der Hauptwörter, deren Großschreiben nichts anderes als ein staatlich geregeltes Überbleibsel der barocken Gewohnheit ist, einzelne Worte und keineswegs nur die Hauptwörter, sondern auch Zeitwörter, Beiwörter und andere, wahllos je nach der Schnörkellaune des Schreibers groß oder klein zu schreiben, wie man noch aus Goethes Handschriften erkennen kann — einer Gewohnheit, welche die meisten Völker, die sie damals angenommen hatten, längst wieder aufgegeben haben. Aus demselben launenhaften Ausschmückungstriebe stammten auch die massenhaften Buchstabenhäufungen, die sinnlosen oft doppelten und dreifachen Dehnungszeichen der Barockschreibweise, die wir erst ganz allmählich wieder abgetragen haben, ohne doch bis zu den einfachen Gesetzen vorzudringen, wie sie etwa die mittelhochdeutsche Schreibweise hatte. George ließ wenigstens bei der unaussprechlichen Verbindung t z t das erste t fallen. Aber hier wie auch in der Frage der Satzzeichen enthielt er sich jeder eifernden Ausschließlichkeit und suchte nur das Umständliche und Überflüssige zu beseitigen. Er wollte keinen Kanon aufstellen, sondern glaubte, daß die Lesezeichen sich dem Stil eines Schriftstellers anpassen müßten: in der Prose fördere ihre möglichste Beschränkung die Klarheit und Abgewogen- heit des Satzbaues, in der Dichtung seien sie bei einfachem strofischern Bau, wo sich die meisten Einhalte durch die Metrik ergäben, fast unnötig für den der ein wenig rhythmisches Gefühl besitze: ihre sparsame Anwendung erschwere höchstens dem flüchtigen Leser das Verständnis der Dichtung, wie es in den ersten Folgen der Blätter heißt. Auf den für die Handschrift gewonnenen Grundlagen baute George in dem gleichen ruhi- 144 gen schrittweisen Vorgehen die Drucklegung seiner Werke auf. Wir können uns heute nur noch auf rückschauenden Ausstellungen einen Begriff davon machen, auf welche Stufe der Scheußlichkeit die europäische Buchkunst zumal die deutsche im Laufe des 19. Jahrhunderts herabgesunken war. Mit der wachsenden Masse der Erzeugnisse und dem stetig gesteigerten Fortschritt der Maschinentechnik geriet die künstlerische Ausstattung der Bücher wie die Entwicklung der Druckschrift selbst in einen trostlosen Niedergang. Die Schreckensherrschaft der schwülstigen Prachtwerke begann damals ihr fürchterliches Wesen zu treiben. Ihr zusammengewürfeltes Etwas von schlechtem Glanzpapier, schlechtem Druck, unmöglichen Ornamenten und protzigem Goldschnitt und Goldlederpressung beleidigte Jeden guten Geschmack und selbst Max Klingers „Amor und Psyche" aus dem Jahre 1880 konnte sich trotz mancher schönen Einzelerfindung nicht a Us dem Banne des „Illustrations"-Werkes lösen. In den gewöhnlichen Büchern aber kam nicht einmal mehr ein mittelmäßiger Handwerksge- schmack zur Geltung. Eine Fülle von Schriftarten und Zierformen aller Jahrhunderte, Schnellpresse, Gießmaschine und unzählige ausgebildete Vervielfältigungsverfahren standen den Setzern und Druckern zur Verfügung, aber alles wurde nach erstarrten Regeln, sinnlos gewordenen Vorbildern und ohne jeden künstlerischen Gedanken gebraucht und führte zu Jenem schmierigen Druck auf schlechtem Löschpapier, zu jenen elend gehefteten Bogen und verpfuschten Einbänden, in denen man kaum einen e dleren Inhalt zu vermuten wagt und die in der Tat dem gleichläufigen Zerfall des Sprachbaues in den meisten Fällen entsprachen. Zwei Strömungen des Auslandes wirkten auf diesen Zustand in Deutschland am Beginn der 90er Jahre ein: von Frankreich kam der neue Plakatstil, in dem einige Verleger ein gutes Ausrufmittel für den Inhalt und ein gutes An- r eizmittel für den Verkauf ihrer Bücher erkannten und der zu den schreienden Buchumschlägen der Naturalisten führte, von deren unsagbarer Geschmacklosigkeit eine jüngst stattgehabte Gerhart-Hauptmann- Ausstellung viele Beispiele gab. Von England kam aus der Bewegung der Präraffaeliten geboren, von Burne Jones, William Morris und Ernery Walker getragen, das Vorbild für eine ästhetische Belebung des Buchgewerbes. Morris und seine Freunde hatten schon seit 1859 eine Erneuerung des englischen Kunstgewerbes auf fast allen Gebieten eingeleitet und auch wieder handgeschriebene und illuminierte Bücher geschaffen. Aber erst 1891 richteten sie nach manchen vorbereitenden Studien und Arbeiten die Kelmscott-Presse ein, deren künstlerisch und handwerklich vollendete Bücher von außerordentlicher Wirkung für den ganzen europäischen Buchdruck wurden. Nach Deutschland kamen sie frühzeitig 145 auf Veranlassung Lechters in das Berliner Kunstgewerbemuseum und wirkten alsbald auf einige Künstler ein, ohne noch den großen Markt der Büchererzeugnisse zu berühren. Noch vor der Gründung der Kelmscott-Presse und ihrem Bekanntwerden auf dem Festland hatte George seit 1890 die Ausgabe seiner ersten Bücher begonnen und schon in der ersten Folge der Blätter den Kampf für „Das doch nicht Äußerliche", das heißt auch für die Gesamtgestaltung des Buches begonnen. Er hatte bei diesen ersten Werken weder einen bildenden Künstler noch Formenschneider, weder eine große Druckerei noch einen großen Verleger zur Seite und beschränkte sich seiner Art nach darauf, mit den geringsten Mitteln ein möglichst geschlossenes, der inneren Vorstellung vom Einfach-Schönen entsprechendes Bild seiner Dichtung im gedruckten Buche wiederzugeben. Ebendarum unterschieden sich die drei dünnen Hefte auch äußerlich schon von allen Erzeugnissen der Buchdruckerkunst jener Jahre in Deutschland und Lechter nannte die HYMNEN als er sie fünf Jahre später kennenlernte, das erste wieder anständig gedruckte Buch in Deutschland. Aller überflüssige Zierat war in ihnen fortgeblieben: in schlichter Einfachheit aber guter Zeilenstellung die Innen- und Außentitel, die Gedichte auf den Seiten so geordnet, daß jedes einzelne von ihnen für das Auge ein eindrückliches Bild ergab, das Papier kräftig und getönt, die Type eine gute schlichte Antiqua, deren ruhige Wirkung noch durch das Weglassen aller Großbuchstaben und aller überflüssigen Lesezeichen vermehrt wurde, die Überschriften in kräftigen Versalien und im Verhältnis zu den Strofen wie auch diese und die Zeilen untereinander in schön abgewogenen Abständen — Dinge, deren Bedeutsamkeit man erst begreift, wenn man die schönheitswidrigen Erzeugnisse der deutschen Buchkunst jener Jahre „sowohl den rohen Flitter- und Emporkömmlingsprunk der einen als die platte und nüchterne Alltäglichkeit der andern" danebenhält und wie die Blätter sagten „das Äußere als den nie trügenden Spiegel des Innern" betrachtet. Die bildenden Künstler erkannten damals sogleich „die geniale Neuheit und monumentale Einfachheit" dieser ersten Gedichtbücher und eben Männer wie Eckmann, Th. Th. Heine, E. R. Weiß und andere, welche schon in dieser Frühzeit mit George und den Blättern für die Kunst in Berührung traten und die neuen Drucke kennenlernten, werden unter den ersten genannt, die sich um die künstlerische Ausstattung der nunmehr seit der Mitte der 90er Jahre mit großem Aufwand neugegründeten Zeitschriften-Unternehmungen bemühten. Aber während es sich bei diesen Zeitschriften meist um zufällig zusammengetragene Beiträge von Schriftstellern und bildenden Künstlern handelte, geschah durch die Vereinigung 146 von George und Lechter auf dem Gebiete der Buchkunst etwas Neues: in Fortsetzung der vom Dichter begonnenen Linie wurde der gesamte Aufbau eines Buches in e i n e künstlerische Hand gelegt. So entstand durch die gleiche Vorstellung der beiden Geister von der Hoheit des dichterischen Gebildes und ihren Willen nach einer seiner würdigen äußeren Form das kostbare aus den besten Stoffen hergestellte reichgeschmückte, kurz das sakrale Buch, das in seiner Gestalt schon den Ernst und die Wucht des Gehaltes bezeichnen soll. Nehmen wir zum Verständnis der Entwicklung der Blätter-Bücher auf dieser Linie in den folgenden Jahrzehnten zunächst einmal voraus: die Vereinigung des Dichters und des Künstlers beruhte nicht auf einer Gleichheit ihrer Ansichten über die Buchgestaltung, sondern stellt sich als Spannung zweier fast entgegengesetzter Willen dar, die nur durch die Lust zu gemeinsamem Wirken möglich und fruchtbar Wurde. George ging von der Handschrift aus, das gedruckte Buch sollte dem geschriebenen so ähnlich als möglich werden, er liebte das Einfache, Schmucklos-Klare, seine Aufmerksamkeit galt dem Buchstaben und dem Buchstabenaufbau der Seite, er suchte daher nach einer seiner Handschrift entsprechenden Drucktype. Er hat aus einer vorgefundenen geeigneten Antiqua allmählich durch Ausmerzung und Neuschneiden der leisten Buchstaben in drei Jahrzehnten die St.-G.-Schrift gewonnen und arbeitet auch heute noch an ihrer weiteren Durchbildung. Sein Ziel war: durch die fast ungemindert gleichmäßige Stärke des Strichs mit geringen ^b- und Anschwellungen eine vermehrte Wucht der Kleinbuchstaben zu e rreichen, dabei aber die Stärke zugleich so maßvoll und biegsam zu hal- te n, daß die enge Zurichtung der Buchstaben zum Wortbild, der enge Anschluß zur Bildung einer dichten Zeile und die feste Fügung der Zeilen zum geschlossenen Block möglich blieb. Es liegt darin das für jedes künstle- r ische Verhältnis von Teil und Ganzem wichtigste Streben nach einem Gleichgewicht von Vereinzelung und Verbindung, das in der Bruch- schrift wie überhaupt im Barock einseitig zugunsten der Verbindung also e mer malerischen Lösung gestört worden war. Die St.-G.-Schrift hat die griechische plastische Lösung, die Gleichwertigkeit von einzelnem Teil Und verbundenem Ganzen, auf dem Uberlieferungsgrund der Karolinger- Minuskel und der venezianischen Humanisten-Druckschrift aber im neuen deutschen Formgefühl wieder hergestellt. Lechter hatte zu dieser Frage der Schriftgestaltung keine innere Begehung und hat sich nie an ihr versucht. Seine Handschrift besteht aus dünnstrichigen Großbuchstaben der eckigen Kapitale mit nur geringen un- t! alen Rundungen und eine Druckschrift von Kleinbuchstaben ließ sich aJ so aus ihr nicht entwickeln. Aber auch eine geschlossene Druckschrift 147 von Großbuchstaben hat er nie entworfen, sondern nur immer neue Alphabete von Zierbuchstaben geschaffen, die sich weniger durch die Buchstabenleiber als durch die Raumornamentik, worin diese gestellt sind, voneinander unterscheiden und innerhalb deren auch die gleichen Einzelbuchstaben häufig in ihren Formen wechseln. In diesen wechselnden Formen und den sie umschließenden Raum- und Sinnbildern ist er freilich von unerschöpflicher Fülle und einer Erfindungskraft, die vor keiner noch so großen und vielfältigen Anforderung versagt. Bei George liegt der Nachdruck auf der Einfachheit und Schönheit des Schriftbildes selbst, bei Lech- ter auf dem monumentalen Schmuck, in den das Schriftbild eingebettet wird. Zu diesem Schmuck gehörten aber nicht nur Rahmen, Schlußleisten und Zierbuchstaben, sondern der ganze architektonische Aufbau und die ganze Stofflichkeit des Buches: Inneres und Äußeres, Stoff, Ton und Linie, die kostbaren Papiere, Pergamente oder Seiden, Titel, Inhaltsverzeichnis wie Seitenzahl, Schmuck und Block sind jeweils in einer einheitlichen Ordnung gebunden und fügen sich wachstumsmäßig zu einem Ganzen. Nichts am Buche das unbedacht, nichts in der Ausführung das unüberwacht blieb und nur durch die äußerste Sorgfalt und seine unermüdlich treibende Willenskraft gelang es Lechter auch für seine größeren Werke, was George schon in der Stille für seine frühen Bände gelungen war: den veralteten Kanon der Setzer und Drucker zu überwinden und der neuen Buchkunst die Bahn zu brechen. Das Spannungsverhältnis Georges zu Lechter in der gemeinsamen Buchgestaltung drückt sich deutlich in den drei großen Hauptwerken aus, die sie im Jahrzehnt ihrer engsten Arbeitsgemeinschaft von 1897—1907 herausgaben: DAS JAHR DER SEELE, DER TEPPICH DES LEBENS und DER SIEBENTE RING. DAS JAHR DER SEELE ist mit Ausnahme des Einbandes und Titelblattes bis in Format, Satzbild, Dreifarbendruck, Fehlen der Seitenzählung und des Inhaltsverzeichnisses eine genaue Wiedergabe der Georgeschen Handschrift des Buches, die Lechter so vollkommen schien, daß er mit kältester Verachtung der Bedürfnisse des Publikums nichts daran änderte. DER TEPPICH DES LEBENS dagegen trägt unverkennbar am stärksten das Gesicht Lechters, wenn auch der innere Bau des Buches mit seinen dreimal vierundzwanzig vierstrofigen Gedichten einer strengen wuchtigen Teilung entgegenkam. Die Großheit, Reichheit und Einheit der Titel und Schlußblätter, der dreimal wechselnden Rahmen um die zwei mit Zierbuchstaben geschmückten Gedichtkolumnen ist bisher im deutschen Schmuckbuch unübertroffen geblieben, gleichgültig wie man über die archaisierenden gotischen Formen Lechters denkt, die ihm wesenhaft sind und lebendiger wirken als eine mißverstandene Modernität. Im SIEBENTEN RING endlich 148 trat die Forderung Georges nach dem strengen schlichten Druckbild wieder stärker hervor, Lechters schöne Umrahmung und Vorblätter sind einfacher und zurückhaltender, mehr Begleitnote als selbständiger Teil des Werkes und konnten in einer zweiten Ausgabe ohne Veränderung des Satzspiegels weggelassen werden. Noch vor dem JAHR DER SEELE im Januar 1897 hatte Lechter schon den Druck des ULAIS von Wolfskehl besorgt, der außer dem Lechterschen Titelblatt noch ganz das Gepräge der frühen Georgeschen Bücher, vor allem der 1895 gedruckten BÜCHER DER HIRTEN hatte. Aber erst die reicheren Formen im JAHR DER SEELE erweckten den Anteil einer weiteren Öffentlichkeit in Deutschland. Der um diese Zeit gegründete Verlag Diede- richs übertrug dem Künstler die Besorgung eines Buches von Maurice Maeterlinck „Der Schatz der Armen", in dem Lechter die von George im JAHR DER SEELE angewandte ununterbrochene Seitenfüllung auf die Prosaseiten anwandte: die schweren Linien des ebenmäßig fast bis zum Rand fortlaufenden Textes lassen nur zuweilen Initialen oder schmale dunkelrote Füll- und Schlußleisten aus dem tiefen Schwarz hervortreten. Es ist das Buch, das bei der Unbekanntheit der in diesem Kapitel geschilderten Vorgänge auch heute noch häufig von den Buchkundigen als „Markstein in der Geschichte der neuen deutschen Buchkunst" bezeichnet wird, aber auch von den früheren Bänden bemerkte die damals neu gegründete »Zeitschrift für Bücherfreunde" (11,5/6 Aug./Sept. 1898): „Beispiele für die Ausstattung in derart komponierter Weise sind sehr selten; ich nenne zuerst die »Blätter für die Kunst' und im Anschluß daran die Gedichtbücher v on Stefan George und Wolfskehl. Ich erwähnte diese schon einmal weil sie — der Erkenntnis folgend, daß schnelle Lesbarkeit, also alltägliche Deutlichkeit, nicht immer das oberste Gesetz bildet — statt der großen Anfangsbuchstaben der Worte die kleinen setzen, sie geben auch keine Interpunktion. Und sie haben dadurch einen unendlich vornehmen, abgeschlossenen Eindruck gewonnen: die Bücher haben das was den andern fehlt — Geschlossenheit. Sie haben ein sehr starkes rauhes gelbliches Papier, sie sind mit lateinischen Lettern gedruckt und zeichnen sich durch eine außergewöhnliche Anordnung des Satzes aus.--------Bei dem ganzen Kreise dieser jungen Dichter überrascht die Einheitlichkeit und die Reife, die sie jetzt schon besitzen, und die Zielbewußtheit mit der sie vorgehen. Sie sind gewissermaßen die ersten die erkannten, daß ein Buch aus Papier und Type besteht." Nach dem Erscheinen dieser Bücher begannen rührige junge Verlage auch in Deutschland wieder das schöne Buch zu pflegen, holten bald neuerweckte Liebhaber die letzte Enkelschülerin von Morris an die Kunstschu- 149 len von Düsseldorf und Weimar und versuchten sich immer mehr Künstler an der Schaffung neuer Druckschriften, bald die Altschrift, bald die Bruchschrift zur Grundlage nehmend, bald der eigenen Laune, bald dem Angebot eines Verlages oder einer Gießerei folgend. Ernst und reiflich wie Deutsche es tun, ergrübelten sie die typographischen Gesetze und Bedingtheiten, aber alle ohne den nötigsten Grund: die Schaffung und Weiterbildung der lebendigen Handschrift aus innerer geistiger Gesetzlichkeit und gemeinschaftlicher Notwendigkeit. Der „Verlag der Blätter für die Kunst" in dem seit der Gründung der Blätter die obengenannten und noch zu nennenden Erstausgaben der Gedichtbücher Georges und seiner Gefährten erschienen, bedurfte keiner Kräfte außerhalb des um den Dichter geschlossenen Kreises, er betrieb kein Geschäft und die Verwunderung der bürgerlichen Welt über den Reichtum derer, die solche kostbare Bücher herstellen und halb oder ganz verschenken konnten, kennzeichnete nur ihr Unvermögen, eine Entstehung aus lebendigem Sich-Widmen an Person und Sache zu verstehen. 9. KAPITEL: DAS BILD GEORGES UND DER NEUEN DICHTUNG DRINNEN UND DRAUSSEN WENN wir die betrachtenden Darstellungen über George und die Blätter-Dichtung in den Jahren 1894—1898 überblicken, so finden wir drei Gruppen, Dichter und Künstler, Gelehrte und einige Frauen, die sich mit seiner Person beschäftigt haben. Fast alle diese Darsteller waren schon oder traten bald mit George und seinen Freunden in persönlichen Verkehr und gehörten nicht zu den öffentlichen Tagesschreibern und Kunstrichtern, welche die „Kritik" als Beruf oder Geschäft betreiben. Die neue Dichtung konnte in ihrer feurigsten Jugend fast ein Jahrzehnt lang unbescholten und unberührt von der deutschen Öffentlichkeit weiterwachsen. Der Herausgeber Karl August Klein notierte heiter, daß von einem Blätterbande in der einzigen Stadt Utrecht mehr Stücke angefordert wurden als im ganzen Deutschen Reich: nämlich siebenzehn. Gerardy sah die Dinge bitterer an. In einem Aufsatz „Der deutsche Geist von heute", den er 1896 im Mercure de France veröffentlichte und der auch in Deutschland übertragen wurde, knüpfte er an das Nietzsche-Wort: „Es zahlt sich teuer zur Macht zu kommen: die Macht verdummt", eine ingrimmige Klage über die Versumpfung des freien und großen Gedankens in Deutschland an. Die deutsche Presse, in der er den jüdischen Einfluß für weit gefährlicher hielt als in der der romanischen Länder, kennzeichnet er als die niedrigste und ISO gemeinste aller geistigen Nahrungen in Europa, die Wissenschaft als eine Brillenweisheit, die ihren alten hohen Anspruch auf schöpferisches Denken aufgegeben und sich mit größter Peinlichkeit auf kleinste Teilgebiete zurückgezogen habe, um zu registrieren, zu klassifizieren und wie ein Schakal in Gräbern zu wühlen, die Kunst der Naturalisten als eine klägliche Nachäfferei der Fremden, die sich mit den Russen mitleidvoll, mit den Norwegern moralistisch und mit den Franzosen mystisch und symbolisch gebärde. „Der deutsche Biedermann — stolziert wenn er getrunken hat, mit leerer Seele wohlgefällig einher, er betet Öldruckbilder von Mondscheinlandschaften an und all diese Bettelware, die man auch bei uns hat einführen wollen, das sentimentale Lied, töricht wie ein Weihnachtsbaum: Klein- Leute-Glück und Ergießungen für Ladenmädchen! Und an dieser erstarrten Wüste des Todes ging Nietzsche vorüber, übermächtig und strahlend wie ein Meteor, nur Verblüffung und Staunen erweckend, ging auch Böck- W gleich ihm vorüber: sie fanden keine Folger, sie wurden nicht begriffen". Aber Gerardy blieb nicht an diesem Zeitbild haften, er hatte ein Wissen darum, daß der deutsche Genius nur bei furchtbaren und unerwarteten Erschütterungen aufwacht: „Nach langen Zeiten des Schlafes, der Starrheit, man könnte glauben des Todes erhebt unter dem Andrang einer großen und neuen Idee, oft aufgestachelt im Augenblick unheilbaren Elends Wenn der endgültige Untergang sich drohend ankündigt, die deutsche Seele s ich mächtig und glänzend in der Verzweiflung von tausend Schmerzen inmitten blutender Trümmer. Viermal warf ein solches Erwachen die erstaunte Welt in neue und ungeahnte Bahnen, viermal störten Zermalmung "nd Schmerz die Germanen-Ruhe auf und jedesmal sah die Welt sich gewandelt von dem Stoß der ungeheuren Erschütterung". Nach diesen vier Stößen, der Völkerwanderung, der Staufer- und Minnesängerzeit, der Reformation und klassischen Dichterzeit kündete sich nach seiner Meinung in der neuen Starre der Deutschen auch die neue Erschütterung Europas an. Schon flog die Schwalbe dem Sturm voraus und der Geist der Dichter erwachte wieder. Wie ein plötzlicher Sonnenstrahl, schrieb die L'Art Moderne im März 1896 über einen Vortrag Gerardys von ähnlichem Inhalt, brach in das düstere Gemälde des heutigen Deutschland der Ausruf des Vortragenden: „Hier in einem Winkel klarer und reiner Hoffnung ist Freude, hier ist Kunst, hier ist Schönheit! Es lebt ein Dichter in Deutschland, der fast unbekannt und unbeachtet sich nur seiner Kunst und der glühenden leidenschaftlichen Verehrung seiner wenigen freunde erfreut. Triebsicher fand sein Geist die Überlieferung wieder oder besser gesagt: er gab sich selbst in seiner ganzen Schönheit und befand Sl ch so mit seinem Genius ganz natürlich in der großen unterbrochenen I5i Überlieferung". Die großen deutschen Dichter der Vergangenheit, so erläuterte Gerardy, hatten fast alle Formmöglichkeiten, zu der die logische Entwicklung der französischen Sprache jetzt führte, schon verwirklicht und bei seiner Wanderung durch die lateinischen Länder brachte George nur einen verfeinerten Geschmack mit, der fähig war jede Anmut und Schönheit zu fühlen: er klärte sich in der Sonne des Südens wie alle Starken seines Stammes es tun, um die strahlendere Entfaltung des Lebens zu schauen. Aber seine Aufgabe war eine gänzlich andere als die der französischen Dichter, die den erstarrten französischen Vers aus einer unbeweglichen Eisenmühle befreien mußte. Die gänzliche Gestaltlosigkeit und unvorstellbare Dürftigkeit hatten aus dem deutschen Vers eine Prosa von banalen Rhythmen gemacht, deren Sinn ebenso leer und gewöhnlich wie die Form war und jeder Kunst Hohn sprach. — George, der Gedanke und Form, Kunst und Dichtung wunderbar vereinte, wußte die Häßlichkeit und barbarische Ornamentik des parnassischen Verses ebenso zu vermeiden wie die Nachlässigkeit der deutschen Lieder und das reinste Metall in eine reine und erlesene Harmonie zu bringen, ohne Schlaffheit und ohne überflüssige Zierlichkeit. Er sammelte in den wenigen Dichtern der Blätter das wahre Deutschland um sich, das langsam gegen den fremden Geist, gegen den jüdischen Geist, den slawischen Geist, das Berliner Händlertum aufstehe, das wahre Deutschland das aus den heiteren und fruchtbaren Gefilden Deutschlands komme, die noch lebten und bebten: „Die Ufer des Rheines, des majestätischen Stromes, wo die ganze deutsche Seele sich in den Erinnerungen gewaltiger Sagen spiegelt, haben mit ihrer ganzen glorreichen Vergangenheit an der Wiege der neuen Dichter gelächelt und der gebieterische Zwang der Landschaft-------enthüllt sich hier in seiner ganzen Macht. Das wahre Deutschland, das des Südens, der Ufer des Rheines und der Donau, das Deutschland der Franken, der Schwaben, der einzigen Stämme, welche das Geschenk der schönen Künste offenbart haben, wird bald gegen das fremde Deutschland, das falsche Deutschland der Bettelware und Tageserfolge, das Deutschland der Nachahmung und Einfuhr kämpfen und die Empörung wird siegreich sein. Der Haudegen von Berlin mag sein Eisenzepter, sein Zepter der Bedrückung des Geistes ausdehnen: niemals wird er die germanischen Hirne auf das Maß seines Barbarenhelmes herabdrücken. Die Schar der Blätter wird ohne Aufhören gegen den zerstörenden Einbruch der Barbaren kämpfen und sollte sie dennoch durch die wilde Wut vernichtet werden, so wird von ihr noch die Erinnerung an die letzten schönen Werke eines unglücklichen Stammes weiterleben. Aber der Geist und die Schönheit sind unsterblich. Sie allein werden am Ende siegreich sein und bald wird 152 Deutschland stolz und herrlich wieder erwachen. Wir sehen in der traurigen Wüste die Wunderblume aufsprießen und wachsen. Es wird noch Licht kommen, da nun hier schon zu unserem Trost und unserer Freude ein Werk steht, bei dem unsere Träume lange verweilen, — und klares Hoffen für morgen". Heute nach einem Menschenalter, nach tiefer Wandlung der Geschicke und dem Beginn der neuen gewaltigen Erschütterung unter den Deutschen er greifen uns trotz des Mitschwingens französischer Voreingenommenheiten die Worte Gerardys durch die tiefe Echtheit ihres Tones und die Sicherheit ihrer gläubigen Voraussicht. — Diese Fremden und Halbfremden sahen uns vom Außenwall besser als wir selbst und vor ihren Blicken "°b sich darum auch das Bild des geistigen Erneuerers deutlicher von den dichten Schatten ab, die über unserem Volke lagerten. Die Unbedingt- "eit, mit der die Holländer George begrüßten, lernten wir schon kennen, "erwey suchte seine Tiefe und Gestaltungskraft, van Deyssel die Wuchs- e mheit seiner geistigen und leiblichen Erscheinung zu umgreifen: „Das Schönste ist: unter dem Haupt, das von weitem den Abglanz seiner Un- Semeinheit den Blicken des Betrachters entgegensendet und in unmittelbarer Nähe aus Flächen und Fächern zusammengefügt scheint, deren jedes a 's Teil des einheitlichen Gesichts durch Eigenart schön ist, im Leib den Stengel zu sehen, der mit ihm zusammengeht, mit den Wendungen von "fust und Rücken, den Greifgebärden der Arme, den Tretgebärden der Beine wie ebenso viele Blatt- und Blütenzweige gemäß dem Seelenleben v °n inndn, das sie gestaltet, und der Berührung mit dem Leben von außen, de m Sehen der Dinge, dem Hören der Worte von andern, das sie erregt m it Licht und Wind". Nicht anders schrieb der Franzose Saint-Paul um d >e Mitte des Jahrzehnts von der Gewißheit, daß die Gedichte des tiefge- Jiebten Freundes in Deutschland die Herrschaft erlangen würden und daß a »e die es leugneten in wenigen Jahren gezwungen sein würden, die Wahrheit zu gestehen. Der Welschschweizer Ritter billigt „dem einzigen Träger der neuen deutschen Kunst" schon 1895 einen so außerordentlichen Einfluß auf seine Gefährten und das junge Dichtergeschlecht Deutschlands zu, daß man ihm das Merkmal eines fast okkulten Zaubers zusprechen m üsse. Der Österreicher Hofmannsthal, der Pole Waclaw Lieder huldigen ihm in Prosen und Versen von nie erhörter Glut und Siegeszuversicht. In Deutschland selbst scharten sich Dichter und Künstler, Jünglinge und Männer um ihn als ihren Führer zu einer neuen strahlenden deutschen Kunst, ja einer schöneren würdigeren Gestaltung des ganzen Daseins und »Ire Begeisterung suchte in allen Sphären nach solchen Bildern der Ho- " e »t, Größe und Erhabenheit um das wunderbare Begebnis auszudrücken, 153 so daß die törichte Menge bald diese hohen Bilder gesteigerter Erregung in äußerlichster Weise mißverstand und nach ihrer Art den geistigen Reichtum mit dem stofflichen verwechselte. Wenn Klein, Wolfkehl, Klages, Schmitz und andere in ihren Aufsätzen über George und seine Dichtung nach den höchsten Gleichnissen aus den staatlichen und religiösen Bereichen griffen, wenn sie von Mysterien, von elfenbeinernen Tempeln und Säulenhallen, vom königlichen Priester mit der flammenfarbenen Binde um die hohe, helle Stirn sprachen, dessen schlanke Hände die Scheite der Opferbrände schichten und schwerduftende Narden in die Gluten gießen — so sagten diese Bilder damit vom äußeren Geschehen noch nichts, vom Inneren aber, der Spannung der neuen Kräfte eher zu wenig aus. Sie deuteten die Höhe der Ebene, auf welche die erschütterten Seelen der Jünglinge die Kunst erhoben, die Tiefe des Raumes an, der ihren Blicken geöffnet wurde und nur wer den neuen Rausch des Schönen an der hoffnungslosen Öde der häßlichen Umwelt jener Jahre mißt, versteht die Glut ihrer Gleichnisse, nur wer den unwiderstehlichen Zauber des jugendlichen Führers kennt, der sie aus eigner Enge und schnödem Alltag riß, versteht ihre gegenwartsfrohen und zukunftstrunknen Worte, wie sie um eines für viele zu setzen, Karl Wolfskehl dem „Priester vom Geiste" in der dritten Folge und in „Ulais" widmete: „--------Eigene Flamme hatte dich geläutert, du selbst hattest das Ziel gefunden, das unerreichbar stets erreichte. Ihr eigenes Leben mußte deine Seele hingeben, auf daß sie leben könne, leben im Reiche des Wirklichen, im lichten Saale der Vereinigung: der Küste, zu der nie ein einzelner gelangt, die dennoch Einzelseins Strahlung ist. Im ringenden Sehnen nach diesem Lande, im Hegen und Erweitern seiner Grenzen und goldenen Gaue, darin fand deine Seele Ziel und Lohn für alle Zeiten. Wie leuchtet nun ihr jugendlicher Blick, wie rüstet sie sich zum Streite und bebt in Kampfbegierde! Ihre Sehnsucht wandelt gleich einer Sonne über die Gefilde, wie ein Frühlingsregen weckt sie die Geister des Haines, nimmer aber erschöpft sich der Born der Lust. Ohne Ende entquellen die Ströme harmonischen Wirkens der neuen Schale, verschwunden ist alles Tageszagen: weggefegt die ängstliche Eigensucht, die immer am Vergänglichen klebt und jedem Werden abhold ist, die Kleinmütige! Ein neues Priestertum ist erstanden, ein neues Reich den Gläubigen zu künden. Brausend fühlt die Seele des Schaffens, des echten Schaffens unaussprechliche Wonne. Da zeugt jeder Glücksgewinn ein kühneres Hoffen: nur ein Meilenstein zum Weiterschreiten mahnend dünkt jeder Sieg: ein jubelndes Vorwärts ist alles Erringen. Der Pfad zum Leben ist gefunden, der heilige Weg, auf dem jeder Schritt ist gleichwie ein Triumphgesang. Nicht bloß sich zu retten aus dem dumpfen Zucken 154 des Allseins heischt fürder der Wille des einzelnen: tief ekelt ihn des schnell erkämpften Preises. Sehend zu werden hat seine Seele wiederum Sl ch hingegeben, aber nicht in den gestaltlosen Schlamm zurück scheuchte s ie ihr Leid wie dies ehedem geschah: als Opferrauch loht sie nun empor, aufwärts zum Reich der Reiche". Der so schrieb — und dies gilt in gleicher Weise für die andern — konnte fast zu derselben Zeit schreiben: „Stefan George ist kein Mystiker, kein Stifter neuer Religion, kein helldunkler Zauberer und seine Werke zeigen eine zum Einfachen, Ungeschminkten, Strengen fortschreitende Entwicklung" und konnte das einzige aber furchtbar strenge Gesetz seiner Muse, das unerbittliche Schönheitsbegehren um jeden Preis, die Forderung des Gleichmaßes von höchstem Zweck und reinstem Ausdruck zum Gegenstand seiner sachlichen Erörterungen machen (Pan IV, 4. Mai 1898). **Urz dem hymnischen Rausche fehlte wie bei George selbst auch bei sei- ne n Anhängern nicht die Nüchternheit des Geistes, der von Gesetz und Wirkung dem Verstände Rechenschaft gibt. Gerade die Verbindung beider Kr äfte machte ihre Einsichten tiefdringender und fruchtbarer als sie in der Vereinzelung einer der Kräfte geworden wären und wenn wir die Meinungen der befreundeten Gelehrten jener Jahre über George und die Dichtung betrachten, so finden wir sie weniger eindringend und schnellerem Wechsel unterliegend, gerade weil sie einseitig aus der verstandlichen Teilkraft st arnmen. Max Dessoir untersuchte in Westermanns Monatsheften vom April 1896 «das Kunstgefühl der Gegenwart" und zeichnete mit harten Worten die Jahrzehnte seit der Mitte des Jahrhunderts, deren Götter Dampf und Elektrizität, deren Evangelium Freihandel oder Schutzzoll und deren Tempel ß Örse und Fabriksaal hießen, Jahrzehnte, in denen neben den Wirtschaftern gelehrte Barbaren herrschten, die Bildung an Ausdehnung gewann, a °er erschreckend schnell der Tiefe verlustig ging und die Kunst dem verödeten Weltverständnis entgegenkommend, Gedankenrätsel und Hirn- m usik, häßliches und langweiliges Stoffhäufen bis zur Roheit und Gemeinheit erzeugen konnte. Auch das große Jahr 1870 hatte die Hoffnung auf eir »e neue Blüte der Kunst getäuscht, „denn aus dem arbeitsamen Geschlecht erwuchs niemand, der das neue Leben wahrhaft gemeistert, die TT Unsicherheit der sittlichen Begriffe überwunden und dem deutschen Volke gesagt hätte, was es leidet und was es fühlt". Die Naturalisten hatten nach seiner Meinung die Öffentlichkeit zwar wieder an Kunst und Künstler denken gelehrt, aber ihre Kunst war eine Dirne geblieben. Der erste Schritt zur Überwindung dieser künstlerischen Ohnmacht schien ihm ein „naturalistischer Subjektivismus" der nach dem inzwischen in Frankreich erfolgten 155 Umschwung den Wirklichkeitssinn nach innen wandte und die natürliche Wahrheit nun statt in Krankenstuben und Verbrecherhöhlen im Aufspüren und Zergliedern seelischer Vorgänge fand. Den zweiten Schritt sah er im völligen Verlassen der Lehre von der Wahrheit und vom „Milieu", wie es die Blätter für die Kunst erstrebten im Wissen, daß die Kunst nicht Sinn sondern Form als höchste Forderung habe, daß die große Überlieferung heilig, aber weder Plebejertum noch Phantastik eine Gewähr für künstlerische Gebilde seien, daß es für die Kunst überhaupt kein Dogma des Verstandes gebe und ihre Wirkung mehr auf das Gefühl als auf den Gedanken gehe. Wenn Dessoir dann am Schlüsse meinte, die einen wie die andern übersähen, „daß die Kunst zu allen Zeiten ein soziales Phänomen war und bleiben wird" und daß an der Notwendigkeit der Massen als Unterlage für die Erzeugung drei oder vier genialer Menschen keinesfalls zu zweifeln wäre, so glitt er damit in die befehdete Lehre vom Milieu zurück oder sagte nicht mehr als daß die Kinder Kinder ihrer Eltern, die Männer Männer ihres Volkes sind — woran zu zweifeln sich niemand unterfangen wird. Richard M. Meyer wollte (in den Preuß. Jahrbüchern vom April 1897) zum Verstehen einer Dichtergruppe anleiten, die „vielen kaum weniger fremdartig erscheinen wird als die eben ausgegrabenen Mimiamben des Herondas oder andere Dichtergrüße aus verschütteten Welten", er hoffte aber für diese deutschen Zeitgenossen auf einen gleichen Anteil rechnen zU können, wie man ihn Mitteilungen aus altgriechischer oder neuspanischer, deutschlateinischer oder russischer Literatur zuteil werden ließ. Er sah iß der neuen Dichtung ihrem inneren Beweggrund nach vor allem eine Gegenbewegung gegen den Naturalismus, ein Erwachen der uralten Sehnsucht nach der Schönheit und ihre Verwirklichung in einer für die Dichtung neuen Technik, nämlich nicht die Wiedergabe oder Vorzauberung der Dinge oder Gesichte selbst, sondern ihrer Eindrücke in der Seele des Künstlers in einer möglichst vollkommenen Form. Diese Formvollendung der jungen Dichter bestimmt sich aber nach seiner Ansicht im Gegensat« zu Platen und Theodore de Banville nicht nach äußeren festen Regeln sondern nach der Reinheit der durch ein Kunstwerk im Betrachter erweckten Stimmung. Die Reinheit der Wirkung dieser Stimmung erfordert einen persönlichen Stil für jeden der Dichter, der gerade die Eigenart seiner Seele und seines Erlebnisses wiedergibt. So fand er in den Dichtungen Georges und Hofmannsthals bei gleicher dichterischer Durchformung eine große Unterschiedenheit der Ausdrucksweise: Während die Visionen Georges sich architektonisch mit breiten Räumen und tiefem Hintergrund aufbauten, erschienen sie bei dem weicheren fast weiblichen Hofmannsthal als Basreliefs. George nehme seine Traumbilder ganz aus Stoff und Ar* 156 der wirklichen „großen Natur", während Hofmannsthal dazu neige, schon diese Welt selbst künstlerisch durchzuarbeiten, nicht bloß ihre poetischen Abbilder: „So reflektiert er denn auch mehr, greift bewußt zum Symbol Und schafft sein Schönstes, wo ein tief andeutender Sinn seiner Dichtung gleichsam die dritte Dimension verleiht". Auch die übrigen Dichter der Blätter begleitete Meyer mit einigen klugen Worten und nur bei Waclaw Lieder glaubte er „die Demut des echten Künstlers zu vermissen", begreiflich da der kleine Berliner Professor einmal persönlich vor diesem unnahbaren adligen Menschen gestanden hatte. Befremdlich blieb ihm auch der Gesamteindruck, den die Blätterdichtungen trotz der persönlichen Eigensten ihrer Verfasser erweckten. Er erklärte ihn aus der Idee, in der sie sich 2 u einer Gemeinschaft verbunden fühlten und erläuterte diese Idee an einem Worte Hofmannsthals, das dem Plauderton Meyers mit einem Male eine größere Tiefe gab: „Wir sind gute oder schlechte Magneten, aber allemal s >nd wir beherrscht von ungeheuren Kräften, deren Wucht alle irdische Erhebung in Machtentfaltung, Schönheit, Geist als Spiel erscheinen läßt. Und dle großen Mächte sind es, auf die der Magnet der Dichtung hinweist. ^tWas was entfernt an die alten Träumereien von der Harmonie der Sphä- re n erinnert, was die Philosophie der Sophie Germain mit ihrer Psychologie der mathematischen Schönheit erneut hat, etwas was man im höchsten Sinne religiös nennen muß, ist der Untergrund der kunstreichen Bauten dieser merkwürdigen Werkmeister. In diesen Dingen vor allem stimmen die Genossen überein: in dem Fundament einer realistisch-mythologischen Weltanschauung, der Licht, Wärme, Schönheit wieder wie den alten Grieben lebende Gottheiten, wirkende Kräfte geworden sind und in der Kunst, die auf dieser Grundlage die Illusion vollkommen schöner Eindrücke her- v °rrufen will". Georg Simmel berührte die Frage der Gemeinschaft der Blätter-Dichter überhaupt nicht, er behandelte allein George und dessen Dichtungen. °eim Kennenlernen dieser Dichtungen erhielt er im Gegensatz zu den "ödenden Künstlern zunächst keinen tieferen Eindruck, aber er fühlte doch ein Fremdartiges und Verschlossenes darin, das ihn mehr und ^ehr beunruhigte. Erst im einsamen Arvenwald der Hochalpen, wohin er die Gedichte mitgeführt hatte, öffnete sich ihm bei einem Sonnenuntergang plötzlich das innere Ohr für die neue Kunst und aus diesem ersten Verstehen heraus schrieb er seine „kunstphilosophische Betrachtung: Stefan George." (Die Zukunft, Febr. 1898.) Er ging bei feiner Betrachtung von einer Transzendenz des Ichgefühls aus, von Jener tiefsten Schicht des Ich, in der es sein Gefühl nicht unmittelbar a ' s seine besondere persönlich-leidenschaftliche Fühlweise sondern s o 157 fühlt „als wäre das Ich nur das Sprachrohr einer viel breiteren Macht der Notwendigkeit". Auf dieser ursprünglichen Leidenschaft des Gefühls, der Form des Gefühls, welche das Nur-Persönliche seiner Betonung ausschließt, beruht nach seiner Meinung alle Kunst höheren Sinnes, weil unser Fühlen erst in dieser Schicht die Gewähr trägt, über die Zufälligkeit der momentanen Erregung hinaus zu gelten, ja überhaupt einer Ordnung jenseit des nur-persönlichen Ich anzugehören. Die Lyrik aller großen Dichter hat sich also von der Vergewaltigung durch den ersten Anstoß zu befreien gesucht, doch erst in der Lyrik Georges schien ihm das Gründen auf jene tiefere (übersubjektive) Schicht des Gefühls, das Sich-Zurückhalten von seinem unmittelbaren Anstürmen zum unzweideutigen Prinzip der Kunst geworden. Wobei Simmd auf das schärfste betonte, daß darum bei George „keine Spur jener Forma* listik sei, die sich überhaupt auf kein Gefühl mehr beziehen, sondern von der Vollendung der nur äußerlichen Gestalt von Reim und Rhythmus leben will. Vielmehr handelt es sich darum: fühlend über dem Gefühl zu stehen, an jener Grenzlinie innerhalb seiner sich anzubauen, die ich z u schildern versuchte und die die Provinz naturalistischer, ich möchte sagen 1 unartikulierter Gefühlsäußerungen von der Grundlage der Kunst scheidet". Die ganzen Gebiete der Gefühlserregungen und -ausdrücke, sonst der Zweck der Lyrik, werden nach Simmeis Darlegung bei George vorn Kunstwillen erfaßt, werden zu einem Mittel des künstlerischen Zweckes, und erst nach ihrer Ausgeglichenheit, Durchgeistigung und Rhythmisi*' rung zum Worte zugelassen. Das künstlerische Schaffen vollzieht sich ' n jener Sphäre einer höheren Gültigkeit, in deren Grenzen die bloße lehne'* hinweggeläutert ist und in der ihm die Gestaltung zum „schönen Schein nicht mehr genügt, sondern die Gestaltung um der Gestaltung willen aß e Kräfte dienstbar macht. Das Kunstgefühl hat sich damit über den Unterschied der Gemütstemperaturen erhoben, es ist nicht kalt sondern alle' n ' herrschend, nicht alt sondern zeitlos, nicht grausam sondern unbekümmer um Lust und Leid geworden. Indem der Dichter den ganzen Kreis dessen- worüber sein Wille zur Kunst herrscht, durch seinen eigensten innersten Bereich, das Ich mit all seinen Ursprünglichkeiten, schließt, ist er unu" 0 ' schränkter Herrscher über die Welt geworden und seine Kunst die erst* und selbstherrliche Macht, die sich aus den Inhalten der Wirklichkeit selb st ihr Gefolge bestimmt. Den Anspruch auf Erlösung von der Not des U a seins würde sie ebenso zurückweisen, wie ein edler Wein den Anspr" c ' den Durst zu löschen: „Weil sie nicht aus den Leidenschaften geboren "»' wie die Kunst Michelangelos und Beethovens, wirkt sie auch auf sie nie" so vertiefend und dadurch erlösend zurück, sondern wie Giorgione ^ n 158 Bach steht sie von vornherein im Hellen, und ihr Befreitsein und Befreien v °m Dunkel ist nicht ein Aufstreben aus den heißen Tiefen erlösungsbedürftiger Leidenschaft, sondern ein Jenseits ihrer". Von diesen Voraussetzungen aus kam Simmel zu dem Schluß, daß das Kunstwerk Georges mit der inhaltlichen Bedeutung des Stoffes nichts zu tl »n habe, daß in ihm kein der Kunstform gegenüber selbständiger Wert mitwirke. Wenn er dies auch im Sinne des in George erreichten Gegenpoles der Lyrik im Verhältnis zum sentimentalen oder gar naturalistischen Pol a ls höchste Vollendung preist, so weist er doch als auf das Grundmotiv dieser Lyrik darauf hin, daß die vollkommene Einheit von Form und Stoff n ur durch die Verbannung alles dessen aus dieser Einheit erreicht wird, Wa s nicht ihr, das heißt dem Kunstwerk als solchem dient, obwohl es an s ich vielleicht wirksame und bedeutsame Werte, etwa intellektuelle, et «ische, sinnliche, religiöse und andere sein könnten. George verkörpere nur eine Idee aus unserem Wertsystem, eben den besonderen Reiz der u nstlerischen Gebilde und selbst aus der vielfachen Bedeutung des Wortes 0r ge er keinen Reiz in das Kunstwerk hinein, der nicht allein aus dem anzen des Kunstwerkes käme, in dem er das Wort gebraucht. Simmel lr *t damit am Ende seiner Betrachtung die schwerwiegende Frage nach er Bedeutung der neuen Dichtung auf, die erst durch die Bedeutung des n "alts nachzuweisen sei, eine Frage, die nach seinen Worten mit der nach er Schönheit und Größe des eigentlich dichterischen Talentes Georges Us ammenfällt. Wenn Simmel auch die Lösung dieser Frage nicht unter- n nnmt, so deutet er doch an, daß die Bedeutung Georges als Künstler über Se mer besonderen Bedeutung als Dichter stehe, daß bei ihm vielleicht die Ausbildung und die Vertiefung des allgemeinen Elementes Kunst die besondere Artung, die differentia specifica überrage, die aus dem „Künstler ÜD erhaupt" den Dichter macht. Bedenkt man, daß den Dichtern der An- llc e, des Minnesangs, der Renaissance und der romanischen Länder, ja } e dem Dichter eines Landes, wo eine dichterische Überlieferung herrscht, J e ne von Simmel an George besonders aufgewiesenen neuen Formwerte Se lbstverständliche Forderungen sind, ja daß wie Simmel selbst an einer tel le bemerkt, dies von ihm herausgeschälte Prinzip der Georgeschen Dich- , Un g ein in aller Dichtung von jeher wirksames Kunstmoment gewesen st > das George gegenüber dem Naturmoment nur zu unbedingterer Reinst und Herrschaft führte, so sieht man, daß Simmel vor der Untersuchung er wesentlichen Frage halt gemacht hatte. Sein Entdeckungseifer für das ästhetische Problem hatte ihm die Sicht auf die Gehalte der Dichtung ver- ec kt, und als Simmel kurz nach der Abfassung des Aufsatzes George in °m traf und durch einige Angriffe von Freunden gereizt sich beim Dichter 159 selbst die Bestätigung für die Richtigkeit seiner Ansichten holen wollte, antwortete dieser lachend, es gäbe keine Zeile seiner Gedichte, die nicht ganz erlebt sei. Simmel suchte nach der ersten Bestürzung noch seinen Begriff der reinen Kunst zu verteidigen, die ohne Rücksicht auf ein Erlebnis aus Freude am formalen Reiz entstünde und für die jeder Gehalt zum gänzlichen Aufgelöstwerden in die künstlerischen Werte bestimmt sei' Aber das Wort des Dichters wirkte in ihm nach und Simmel erkannte allmählich die Einseitigkeit seiner ersten Ansicht, die nicht in Mitte noch Tiefe der neuen Dichtung reichte. „Als der Teppich des Lebens erschien' i so lautet ein Brief von ihm, „begann ich einzusehen, daß hier kein von vornherein nur in der Ebene der Kunst verlaufendes Schöpfertum vorlag, sondern daß eine Lebenstotalität mit all ihren tiefsten Erschütterungen so restlos in die Kunstform eingegangen war, nirgends hinausragend und nichts leer lassend, daß ich sie eben zuerst gar nicht wahrgenommen hatte, sondern gerade nur im Kunstwerk zu sehen meinte. Während diese Erkenntnis sich aufarbeitete, schrieb ich den zweiten Aufsatz über Stefan George (in der Neuen Rundschau), der deshalb ein einigermaßen schwankendes noch nicht rein ergriffenes Bild zeigt. Erst als der SIEBENTE RING erschienen war, habe ich in der kleinen Besprechung in den Münchener Neuesten Nachrichten mit größerer Deutlichkeit auszusprechen versucht, was mir das Georgesche Werk bedeutet. Die drei Aufsätze spiegeln die Entwicklungsstadien meines nur langsam sich klärenden Verhältnisses zu diesem Werk in ihren entscheidenden Zügen ab". Diese schon auf spätere Jahre deutenden Zeilen zeigen uns, wie schwer es damals einem deutschen Gelehrten und sogar einem Denker von der Schärfe und Beweglichkeit des Geistes wie Simmel war, in den Bäumen auch den Wald, in den Werken auch den fühlenden Dichter zu sehen. Auch Kurt Breysig, dessen Aufsätze freilich ein und zwei Jahre späte r liegen, begann wie Simmel mit einem langsamen denkerischen Ein' dringen in das Wesen der neuen Dichtung. Er war einer der wenigen deutschen Gelehrten, dessen Denken und Fühlen durch die Schriften Nietzsche 8 bestimmt wurde und der in den neunziger Jahren schon mit tapferen Wo f ' ten auch öffentlich für den Verfehmten focht. Das war damals für das An' sehen des jungen Gelehrten — er war 1866 in Posen geboren — nicht un' gefährlich, wenn man bedenkt, daß auch jetzt nach weiteren dreißig Ja* 1 ' ren der Ordinarius für Philosophie in Berlin den Denker und Weisel 1 Nietzsche als „noch nicht kathederreif" zu bezeichnen wagt. Von Nietzsche her als dem Forderer höherer Formen der Kunst und des Lebens fand Brey sig den Zugang zu George. Er neigte zunächst (Magazin für Literatur' April 1899) mehr zu Hofmannsthal als zu George, in dem er seltsamerweis e 160 mehr die malerische im Gegensatz zu der plastischen Dichtungsart des Wieners vertreten sah. Aber schon in der großen Studie des folgenden Jahres „DieLyriker unserer Tage" (Zukunft Jan.—Febr. 1900) galt ihm George als der entscheidende Vertreter einer neuen Kunst, die er im Gegensatz zu der untergehenden Stoffkunst als Formenkunst bezeichnete. Auf dem Gegensatz dieser beiden Begriffe baute Breysig die Theorie einer Kunst- und Kulturbewegung auf, nach der die Geschichte eine wechselnde Abfolge von einer beschreibenden, die Wirklichkeit bis ins Einzelne und Kleine wiedersehenden Stoff kunst zu einerwählenden phantasiereichen, wirklichkeitzwin- Senden Formenkunst mit einer Vorliebe für große und allgemeine Stoffe aufweist. Die letzten Jahrzehnte zeigten nach seiner Meinung ein besonders Stoßes und deutliches Bild dieses immerwährenden Kampfes und zwar eine Unvergleichliche Wendung von der Stoff- zur Formenkunst, weil „so folgerichtig und bewußt noch keine Stoffkunst aufgetreten war, wie die, welche Se it den Tagen Walter Scotts und Delacroix', des Kleist der Novellen und «er Düsseldorfer, Allessandro Manzonis und der Schule von Fontainebleau 111 immer neuen radikaleren Vorstößen sich bis zu dem Naturalismus Flauberts und Zolas, Millets und Manets und aller seiner außerfranzösischen Seitenbewegungen und Nachahmungen gesteigert hatte". Aber schon lange v °r dem Ausschwingen dieser großen Bewegung hatte sich die Gegenströmung geltend gemacht: in der Malerei durch Moreau, die Präraffaeliten, u nd in einem seltsamen unbewußten Umschlagen selbst durch Manets Schüler Monet, in der Dichtung durch Baudelaire, den späten symbolischen *&sen, Jens Peter Jacobsen, Gabriele d'Annunzio und den ebenfalls im Besinn stoffkünstlerischen Maeterlinck. In Deutschland hatten dann bildende Künstler hinter Böcklins Führergestalt die gleiche Bewegung zur unwirklichen, phantasie- und formentrunknen Kunstübung gegen die noch in v °Her Kraft dastehende Stoff kunst vollzogen: Klinger, Ludwig von Hof- ^ann, Leistikow, Peter Behrens, Hans Thoma und der Bildhauer Hilde- bf and. Auch in der Dichtung war diese Bewegung bemerkbar, „aber der e üizig e nennenswerte Versuch auf dem Gebiete der Theaterkunst, eben von dem Führer dieser Stürmer und Dränger der Wirklichkeitskunst unternommen, mißglückte gänzlich". „Die versunkene Glocke" ist, nach Breysigs Worten, „das Stück eines virtuosen Naturalisten, der sich vorgenommen "at, sich einmal als Phantasten zu maskieren. Nach deutscher Art geschieht es etwas gelehrt und deshalb absichtlich, auf historischem Wege: durch Wiederanknüpfung an die Romantik .. . aber selbst die szenischen Anweisun- Sen, die Gabriele d'Annunzio zwischen den einzelnen Auftritten seiner Gio- c °nda geschrieben hat, haben mehr Klang und quellende Schönheit als alle erse der versunkenen Glocke". Dagegen hatte schon mit Nietzsche der 161 ernsthafte Versuch der Lyriker begonnen, den Deutschen das Ohr wieder für Rhythmus und klingende Sprachschönheit zu öffnen und in Stefan George war ihnen der Dichter erstanden, der die Verheißungen des Philosophen-Poeten wahrmachte, die Kraft mit neuer Schönheit verband und wirklich ungehörte Lieder zu singen wußte. Ein Hauptmerkmal der neuen Dichtung fand Breysig in ihrer engen Verkettung mit der Musik, die sowohl technisch wie innerlich bestünde, was durch die lang ausgehaltene Melodie ihrer Grundnoten etwas an die ewige Melodie Wagners erinnere. Die Gedichte appellierten wie ein feierlicher aber ganz unbestimmter Gesang wohl an das Herz aber nicht an den Verstand, sie verführten den Hörer, sich nur von den Wogen dieser rauschenden Musik tragen zu lassen und nicht mehr nachzusinnen, was eigentlich Forderung und Inhalt ihrer zauberischen Klänge sei, die sich erst beim weiteren Eindringen in die nicht eben leicht sich öffnenden Höfe dieser Poesie erschlössen. Er sah ein weiteres Merkmal in der rätselhaften und oft nur andeutenden Art der Dichtung, von den Dingen der Wirklichkeit zu sagen: sie w ä h 11 unter den Wirklichkeiten, verschmäht die alltäglichsten, den Erdgeruch der Realität, und sucht die fernsten fremdesten und seltensten auf. „Alles unnütze Beiwerk wird abgestreift und in der Schilderung nur das herausgehoben, was dem höheren ganz künstlerischen Zwecke dient". „Und selbst ein allgemeinstes von den Gütern des irdischen Lebens ist hier nur wie von fern winkend, nie ganz greifbar nah gezeigt: die Persönlichkeit". Als drittes Kennzeichen und zugleich letzte Schwierigkeit für den bequemen deutschen Leser sich der Georgeschen Dichtung zu nähern, bezeichnete Breysig die Verbindung einer äußersten Formenstrenge mit einer großen Gedrungenheit der Gedanken und Vorstellungsfolgen: die denkbarste Strenge in Rhythmus und Metrum sei mit einer prägnanten Konzen- triertheit der Diktion verbunden, der reichste Inhalt auf den engsten Raum gezwungen, ein harter Zwang, der sowohl die Leser der Goldschnittbänd- chen wie der freien Rhythmen erstarren mache. „Selbst wo die Strenge dieser Rhythmen, dieser Sprachbilder," schließt Breysig seine Betrachtung» „doch nicht ganz die Fülle der Gedanken und Gefühle bändigt, hat man ein Wohlgefühl wie angesichts der ungefügen Quaderspalten, die der Fassade des Palazzo Pitti ihr Gepräge nicht nehmen, sondern erst recht geben. Das ist das pindarische Element dieser Kunst, das ihrem Kranz kein einziges seiner Blätter raubt. Bis zu spiegelglatter Reinheit hat sich noch kein starker Strom gemäßigt." Es ist uns heute kaum mehr faßlich, wie sich bei allen diesen Gelehrtennaturen das theoretische Denken irgendwie vor die Person des Dichters 162 s chob und ihnen den Blick für die lebendigen Vorgänge der künstlerischen Bewegung trübte. Verließen sie freilich einmal den umgrenzten Bereich der r ein verstandlichen Forschungsweise und versuchten sich am lebenden Menschen, so strauchelten sie um so leichter auf dem fremden Boden, der ungebrochene Instinkte verlangt, wie wir es von Breysig später zu erzählen haben. Der beiden Frauen, welche sich in diesen Jahren an öffentlichen Stellen über die neue Dichtung äußerten, Marie von Bunsen und Lou Andreas- Salome, haben wir schon gedacht, zu ihnen tritt als dritte noch Ria Clas- sen-Schmujlow, eine Freundin Hofmannsthals, welche einige Jahre lang in dem Münchener Dichter- und Künstlerkreise verkehrte und seit 1896 in Arbeiterzeitungen und Sozialistischen Monatsheften, denen sie durch ihre Politische Anschauung nahestand, über die Blätter für die Kunst und vor- ne hmlich über die Gedichte und die inzwischen erschienenen kleinen Theaterstücke Hofmannsthals mit liebender Wärme schrieb. Es berührt noch heute seltsam zwischen Abhandlungen über die Wahlpolitik der Anarchisten und das Verhältnis der Kommunisten zur individuellen Freiheit zu le sen, daß in den Blättern deutsche Dichter aufgetreten seien, deren grundsätzlicher Bruch mit allen geltenden Literatenformen seinen tiefsten Grund ln der veränderten Stellung dieser Dichter zum Leben habe, deren Kunst ein ganz reiner Ausdruck des veränderten Weltbildes sei, „das wir aus der Modernen philosophischen und der modernen Naturerkenntnis empfan- ^ en • • ., jener Erkenntnis, die wie früher den idealistischen, nun auch den Materialistischen Dogmatismus aufgegeben hat und all unseren Besitz an Wirklichkeit in die inneren Vorgänge und in die Formen setzt, worin sie au ftreten". Was weder den Klassikern noch den Romantikern gelungen ist, so meinte Ria Classen, die heilige unaussprechliche geheimnisvolle Nacht, •1 die Novalis sich versenken wollte, das lebensträchtige Chaos der Urkraft, ZXi dem Karoline von Günderode sich hinabsehnte, all das tief unsagbare a uf dem Grunde der Natur in seiner ganzen dunklen Majestät haben wir lr nmer noch nicht in der künstlerischen Sphäre der Ordnung und des Lichtes zu bannen vermocht und wir werden es nur im Symbol des Höchstein- tachen vermögen, das zugleich die tiefste Allbedeutung umschließt, eben im Symbol der heiligen Schönheit der Linien und des klaren nie entstellten "hythmus, wie die neuen Dichter sie geben. Solche Meinung an solchem ° r t spiegelt deutlich den inneren Bruch des Sozialismus in jenen Jahren Wl eder, sein Abrücken von der rein stofflichen Erklärung der Welt, und w enn Ria Classen glaubte, daß in den Dichtungen der Blätter gerade die v erborgensten Zeitgedanken lebendig würden und nach Ausdruck rängen: dl e ungeheure Tragik im Verhältnis einer leichtschreitenden hochköpfigen 163 Menschlichkeit, einer leichtbeschwingten Geistigkeit zu der trägen Masse des zurückgebliebenen Lebens, das sich zentnerschwer an sie hängt, die Tragik der Königlich-Geborenen in der unerbittlichen Zusammengehörigkeit alles Lebendigen, so konnte sie freilich aus Hofmannsthal keine andere Befreiung von diesem Schicksal ersehen als ein Verschweben und Hingleiten spielender Gebärden, als einen träumerischen Halbschlaf über der Furchtbarkeit des wachen Lebens. Erst als sie einige Jahre später George persönlich kennenlernte und tiefer in sein Werk eindrang, brach durch jene „silberne Trauerwolke der leichtbeschwingten Einsamkeit" der freudige Ton einer neuen Gewißheit, eines gewaltsam-schöpferischen Vorwärtsdrin- gens, eines starken Harfenklanges, mit dem der Dichter „auch im Zaudern eines dunklen Zieles sicher" die Seinen führte. „Denn in dieser Zeit ungeheuerer innerer Umwälzung stehen wir da so gut wie führerlos wer, da Propheten nicht mehr aufzustehen pflegen, soll uns weiterhelfen können, wenn nicht der Dichter: Der Dichter, der in seinem Werk unpersönlich geworden allein noch mit der Stimme der Notwendigkeit zu reden vermag!? Solch ein Wecker und Helfer könnte uns Stefan George sein, ein Helfer neu sich regender Sehnsucht, ein Wecker zukunftsgärenden Lebens in uns — wenngleich die allzu Schlafsüchtigen meinen, daß er am Leben vorbeigreife, weil es i h r Leben nicht ist, das er formend in der Hand hält"- (Sozial. Monatshefte Jan. 1902.) Klang diese Stimme aus den führerlosen Gruppen der Aufrührer gegen Staat und Gesellschaft nicht wie ein Ruf nach Hilfe und ahnten sie da drunten, daß der größte Gegner, der ihrem Allbeglückungsträumen erwuchs, auch der einzige war, der das Heilmittel für die zerrissene Ordnung kannte und nicht am Rande der Nöte sondern in der Mitte am Elend der Herzen den Hebel ansetzte, um eine verfallene Gesellschaft aus den Angeln zu heben, zu der sie trotz ihrer Propheten und Dogmen noch allzusehr selber gehörten und noch gehören? Die vierte Folge der Blätter hatte schon am Ende des Jahres 1897 em mn " deutendes Merkwort für diesen Bereich des öffentlichen Lebens gegeben: „Eine ganze niedergehende Welt war bei all ihren Einrichtungen aufs ängstlichste bedacht, den Armen im Geiste gerecht zu werden: möchte eine aufgehende sich vornehmen, der Reichen im Geiste zu gedenken". Für den der zu hören verstand, ließ dieser Wunsch für den Wandel der Zeitgesinnung nichts an Deutlichkeit zu wünschen übrig. 164 io. KAPITEL: DIE VIERTE FOLGE IN ihren übrigen Merksprüchen und Prosestücken faßte die vierte Folge, deren zwei erste Bände mit einer Beilage Lechters im November 1897, deren drei letzte erst Ende 1899 als ein Band erschienen, noch einmal die gewonnenen Erfahrungen über künstlerisches Schaffen und Leben zusammen: die Notwendigkeit des gemeinsamen Wirkens aller Künste, „die Ablehnung aller unkünstlerischen, real-programmatisch-tendenziösen" Bestrebungen, um dem Ausspruch eines bewährten Tondichters der Zeit zu f °lgen, und die strengste geistige Zucht sowohl im Hervorbringen wie im Genießen der Kunstwerke. Denn auch denen, hieß es, „die jetzt zur allgemeinen Umkehr mahnen, ist durch die lange Gewohnheit so das Gefühl erstarrt und der Blick getrübt, daß ehe sie sich wieder mit Kunst beschäftigen, man ihnen raten muß, sieben Jahre hindurch über nichts mehr nach- 2 udenken als über das: warum ein Gedicht schöner sei als eine Gleiches sagende Rede, ein Gemälde schöner als das genauere farbige Lichtbild, ein Bildwerk schöner als die treuere Wachsform". Und denen die mit allzu raschen Schritten die Schwenkung mitmachen wollten, galt der Rat, die Anmut nicht an fremden Kunstwerken abzusehen, sondern zunächst die Anmut der eigenen Haltung und Bewegung zu lernen: „es ist bedeutsam, daß lr| r merkt wie sehr sie euch fehle, doch ist es langwierig den Reigen zu er- le rnen mit nicht mehr jungen Gliedmaßen". Hofmannsthal, Wolfskehl und Klages bemühten sich in kürzeren und längeren Aphorismen den bildlichen Ausdruck im Kunstwerk, den immer wieder betonten Gegensatz zwischen der wesentlichen Wirkung des Kunst- w erkes als eines rhythmischen Gebildes und der üblichen stofflichen An- re gung durch das Erzählte, die Geschichte oder sonst einen „eigentlichen s inn hinter ihm" zu erläutern. Vor allem aber sprachen sie vom schattenden Künstler selbst, von seinem Verhalten zu den Dingen der Wirklichst und ihren Spiegelbildern im Bereich des schöpferischen Rausches, von seinem Niedertauchen in die gärenden Kräfte und seinem Aufschwung in aas verklärende Lichtreich der Träume. „Die schöpferischen Naturen" schrieb Klages, „kennzeichnet die tiefe Liebe zum Leben. Aus ihr fließt die Begeisterung — das ist die Kraft zur Selbstaufopferung, zur Auflösung in den Gegenstand der Bewunderung. Glaube und Anbetung sind in der Seele ae s Schaffenden. Der leidet am tiefsten dessen Liebe am größten ist. Bis m den Grund muß er die menschliche Ohnmacht erfahren und mancher er- lie gt dem Leiden. Der Schaffende aber läßt seine Enttäuschungen, läßt die große Zerknirschung hinter sich, wissensohnmächtig und dennoch entsagungsfähig wandelt er ü b e r den Verwirrungen des Lebens und schlägt 165 ihr Bild in die Fesseln lächelnder Schönheitsform. In blutender Seele flammt ihm grundlose Begeisterung. Über der Leere des Abgrunds entfaltet er das Gewebe von Schönheit und Erhabenheit". Denn diese Schaffenden sind es, die das Leben dem Werke zum Opfer bringen, die nur Ruhm und Ehrgeiz kennen um des Werkes willen, die mit ihrem unbedingten selbstmörderischen Willen nur das eine treiben und treiben müssen, von dem sie bis zur Besessenheit erfüllt sind und die aus ihrem unerschütterlichen Glauben an den bedingungslosen hohen Wert des Erstrebten auch die zähe Geduld der echten Bildnerlust schöpfen, ohne die oft bedeutende Naturen scheitern- Von denen, die sich um die Schwierigkeit der Mittel nicht kümmern und in Entwürfen steckenbleiben, oder von jenen die über der Beschäftigung mit den Mitteln den Zweck aus dem Auge verlieren und im formalen Spiel mit Äußerlichkeiten enden, unterscheidet der Meister sich dadurch, „daß er die Glut ewiger Jugend aus aller Beinlichkeit handwerklichen Bemühens unvermindert davonträgt". Wenn diese Männer im Künstler den Heiland sahen, der erhöhtes Leben in jugendlicher Frische sprossen läßt und den Gott aus starren Felsen löst, daß ein neugeschaffenes Sein durch die Zeiten wandert, so forderten sie von ihm auch den schwersten Weg im Taumel der Unendlichkeit und unter den tausend Kräften, die sich umschlingen und erdrücken, sich fliehen und wieder fassen und stets im Dunkel zerrinnen wollen, forderten von ihm die glühende Hingabe eines ganzen Erdenlebens. Und da ihnen ein Vorbild von solchem Ausmaß erschien und als Lebender unter ihnen weilte, so begriffen sie von seiner Unbedingtheit und Größe auch die Unbedingtheit und Größe vergangener Gestalter auf eine neue Weise, die verrauschten Zeiten öffneten sich einer neuen Lust und neuen Erkenntnis und das Bild „Der Eroberer", in dem Klages ein Sinnbild Napoleons auf der Höhe seines Weges zeichnete, gehört wie die noch früheren Lobreden Georges auf Jean Paul und Wasmann zu den ersten Andeutungen einer geistigen Neuerfassung des geschichtlichen Stoffes, die von der Dichtung Georges ausgehend später den ganzen europäischen Raum durchdringen sollte. Vorerst wuchs die Blättergemeinschaft noch im innersten Räume in der Stille weiter und zog immer neue jugendliche Kräfte an sich. So hatte Karl Bauer den ungebärdigen jungen Karl Gustav Vollmöller zu George geführt, einen im Jahre 1877 geborenen Stuttgarter, der schon als blonder blauäugiger Schulbube keck in Haltung, keck in Kleidung, keck in Blick und Worten war und kaum der Schule entwachsen eine kleine vorlaute Schrift über „Die Sturm- und Drangperiode und den modernen deutschen Realismus" veröffentlicht hatte. Mehrere seiner besten Gedichte, einige Stücke aus „Assüs und Sumurud" und das schönste der vier Bilder seines 166 Spieles „Katharina von Armagnac" wurden in die vierte und fünfte Folge der Blätter aufgenommen, dann hat er dem Beispiel Hofmannsthals folgend sein Heil in der Schreibung von Mirakelstücken für das Theater gesucht, die heute schon verschollen sind. Der Ton seiner Gedichte und Spiele zeigte früh die starke Verwandtschaft mit Hofmannsthal: die gleitende Musik, die überschwellenden Farben und jenes Element der schwülen Sünde und schwelenden Todesbrunst, das die Seelengehalte vergange- ne r Zeiten in die bedenkliche Nähe unserer psychopathischen Wissenschaft brachte und eine Weile die deutsche Bühne beherrschte. Die ersten Gedichte blieben unter dem Einfluß Georges, den er in einer sinnbildlichen Darstellung des Rheins (V, 94) als den Erretter aus verschlungenen Talen und wirren Schluchten, als „Strom von Wein und Blut" und „der Sitten Straße" pries, am freiesten von jenen späteren Dünsten, und solche Strogen wie in „Odysseus" und „Parcival" sind von einem einheitlich großen "ang, den keine kleinlichen Abschweifungen unterbrechen. Weniger prächtig und leidenschaftlich aber von größerer Sicherheit der Technik und Bildführung auf beschränktem Raum sind die Gedichte des Zweiten Neulings in der vierten Folge: des 1872 zu Wien geborenen August Mayer-Oehler. Der junge Österreicher hatte sich schon frühzeitig ein großes Wissen um die antike Dichtung erworben, die HIRTEN- UND PREIS- GEDICHTE gaben seiner Gelehrtennatur die Gegenwartsluft für die gehebten klassischen Vorstellungen und regten die eigene dichterische Erzeugung in ihm an. Aus diesem Ursprung stammen „Die Feste der Ephe- ben" und „Pharos der Feigengarten": Bilder aus der heldischen Griechenzeit, die ein etwas zartes aber reines Herz in unsere Luft und Landschaft überzeichnet. Seine Vorwürfe sind einfache unverwickelte Begebenheiten, großgesehene ernste Geschicke von Knaben und Mädchen, die in einer gott- er füllten Welt und unter einem göttergläubigen Geschlecht spielen. Um alles weht eine klare durchsichtige zuweilen etwas dünne Luft, die Gleich- nis se sind zurückhaltend und ungesucht, die Worte von so schlichter un- bemühter Einfachheit, daß der Dichter mit einer geringen Erhebung seines iQ nes, den er gern in den Schlußvers legt, eine schöne leicht überraschende Wirkung auszuüben vermag. Einer Erweiterung und Wandlung war diese ^yllische Kraft Oehlers freilich nicht fähig, nach dem Spiel „Die Mädchen v °n Phaesana" in der fünften Folge wandte er sich der Übertragung helle- ni stischer Epigramme und seiner Forschung zu, doch blieb er bis zu seinem r °de (1919) m it George und dessen Freunden im Verkehr und diente mit Se vnem erstaunlichen Sachgedächtnis den Liebhabern der Antike. Zu gleicher Zeit mit diesen Süddeutschen stießen in Berlin zwei Ostdeutsche zur Gemeinschaft der Blätter: die Simmelschülerin Gertrud 167 Pauly, die einzige Frau in den Blättern, deren schöne volltönende Verse den Einfluß aus dem JAHR DER SEELE verraten, aber doch von eigenem Reiz und Wohllaut sind, Ernst Hardt, der später durch seine „neuromantischen" Dramen bekannt und dann Generalintendant des deutschen Nationaltheaters in Weimar wurde. Es ist ein rührender Ton in den Gedichten dieses rührenden Menschen, aber es sind gute Schulverse ohne besondere Eigengestaltung. Zu diesen vorübergehenden Mitarbeitern trat in den letzten Bänden der dritten Folge Friedrich Gundolf aus Darmstadt, der fast ein Vierteljahrhundert George und sein Werk begleitete, der jugendlichschönste in der Schar der Münchener Freunde: als er George im April 1899 bei Wolfskehl kennenlernte, war er ein noch nicht Neunzehnjähriger, der eben die Schule verlassen hatte, von hohem Wuchs und schlanken Gliedern, die schwanken Schultern bekrönt mit einem gewinnend schönen Knabenkopf, die feinen ebenmäßigen Züge des Gesichtes von einem Wall blauschwarzen Haares umrahmt, ein voller wohlgeschnittener Mund lag unter einer schmalen kaum merklich gebogenen Nase und unter der breiten hohen klaren Stirn zwei leuchtend hellblaue Augen mit den flachen Sternen der Adlervögel, deren fernstechenden Blick sie auch später annahmen. Damals hatten sie noch den weichen Schimmer der ersten Jünglingsjahre und drückten mehr Zagheit als Mut, mehr bebendes Glückverlangen als Kampfbegierde, mehr Wissensdurst als zuversichtliches Urteil aus. Gundolf hatte trotz seiner jüdischen Abstammung in seiner äußeren Erscheinung etwas vom romantisch-deutschen Jüngling. Das wesentliche Erbteil aus seinem Ursprung war ein außerordentlich beweglicher Verstand, ein fast mathematischer Sinn für große begriffliche Ordnungen und ein so ungewöhnliches Gedächtnis, daß er später seine umfassenden Werke, auch etwa ein Buch mit den unzähligen Belegstellen aus allen Jahrhunderten wie seinen „Caesar" ohne schriftliche Denkhilfen und Zettelkästen aus dem Kopfe niederschrieb. Diesen großen verstandesmäßigen Fähigkeiten hielten zwei Eigenschaften die Waage: einmal ein seltsamer Spott- und Spieltrieb, der ihm bis in das Mannesalter eigen blieb und das heitere leichte Geselligsein verlieh, die erquickende Gabe, dem Allzuschweren im Gespräch seine Wucht und zwar nicht dem Ernste aber der muffigen Ernsthaftigkeit in Rede und Widerrede ihre Last zu nehmen. Zum zweiten ein unstillbarer Hunger nach sinnlicher Fülle, eine Sehnsucht nach Tatsächlichkeiten, die sich aber nach der Grundanlage seiner Natur nur immer an schon durchgeistigten Stoffen, an Gedanken, Gedichten und Bildern wie sie in den Werken, ja in den Büchern der Geistesgeschichte niedergelegt waren, ersättigen konnte. Ja auch in diesem Bereiche hat ihn immer nur die höchst verfeinerte Speise: Werk und Bild — nicht einmal Tat und Schicksal — der großen Persön- 168 hchkeiten gelockt. Vor dem großen Manne und dem großen Schriftwerk erscheinen ihm Reiche und Kirchen, Staaten und Bünde, selbst wenn jene sie geschaffen, gewandelt oder bewirkt haben, als weniger wichtige Ausstrahlungen, fast als zeitliche Zufallswirkung, die dem Bilde des Urhebers nj cht mehr zugehört. Diese Sicht des 19. Jahrhunderts auf die Vereinzelung _ nicht die Einzigkeit — der großen Person, die aus den späteren Werken Gundolfs noch bis in ihre Titel merkbar ist, wurde aber dadurch a us der gefährlichen Nähe der monographischen Wissenschaftsform jener Zeit gerückt, daß Gundolf auf den lebenden großen Menschen traf. Von ihm genährt, erzogen und gebildet erfuhr er an ihm die tiefe Einheit in allen ^ebensäußerungen eines ursprünglichen Geistes vom hohen Flug der Werk- Sestaltung bis zur schlichten Einfachheit des täglichen Wirkens und lernte ai *i lebendigen Dasein des Großen das Wesen der geschichtlichen Größen tiefer erfassen als durch die eifrigsten Studien. Seine eigne Geistesrichtung, der Zug ins Individuelle wurde dadurch nicht geändert, aber fruchtbar gedacht für eine neue Betrachtungsweise der schöpferischen Genien. Indem ^undolf sich mit der ganzen Hingabe seines jugendlichen Herzens an George band, von ihm das Gesetz des Geistes wie die Richte des Tages n ahm, wurde sein Trieb zur Vereinzelung gebunden: George als Person w ar für ihn das Gesamt der Welt, sittliches Gebot wie Vorbild der Haltung, Urteil für die Wertung wie Norm für das Handeln. Je mehr George ihn ln den nächsten Jahrzehnten an sich zog, aus dem Führer ein Freund, aus em Erwecker ein Mithelfer in gemeinsamer Arbeit wurde, um so unbeding- er gläubiger vertrauender band Gundolf sein Leben an ihn und stellte alle seine Kräfte in den Dienst der von ihm gesetzten Aufgabe, der um ihn sich "denden Gemeinschaft und der aus ihm erwachsenden neuen Welt. Moch- er * die Freunde wohl einmal anders über das Verbundensein in irdischer e meinschaft oder die Verpflichtung zum Staate denken, er war im Glau- en an George, im Handeln mit und für George eins mit ihnen und von ■ eicher Unbedingtheit, ja lange der Nächste seinem Herzen und der Sc hrtellste und fruchtbarste auf dem Plan der öffentlichen Betätigung. Als r kam war er bei hellem Verstand doch fast ein unerfahrenes Kind, in Din- & e n der Welt von einer rührenden Vertrauensseligkeit und Unbedachtheit, le auch dem Manne blieb und in geradem Gegensatz zu seiner Weite, c härfe und Beweglichkeit auf allen Feldern des geistigen Streites stand: °n Scharfsinn aber ohne List, voll Gedanken aber ohne Wissen um die Richte des geselligen und öffentlichen Lebens. Was ihn von früh an Us zeichnete war eine überraschende Beherrschung der sprachlichen Mittel, e für George um so merkwürdiger war, als sich nur wenig ursprüng- c °es aus der Sprachkraft stammendes Dichtertum in Gundolfs Versen 169 äußerte. Aber das Sagenkönnen, die gute wenn auch nicht dichte Fügung ist in seinen Gedichten außerordentlich groß. Diese große Beweglichkeit der Sageweise befähigte seinen rasch aufnehmenden Geist aus allem ein wunderbar blumiges rankiges Spiel zu formen, er versagte sich kaum oder nie, ein Drängen des Gefühls, ein Blitzen des Gedankens zum Gedicht zu machen, darum wird bei der Unsumme von Einfällen oft das Bild nicht plastisch, bei wundervoller Reimkunst oft der Rhythmus nicht zwingend. Am sichersten führt er den Griffel wo seine Leidenschaft von einem mythischen oder historischen Gegenstand ergriffen wird und um eine feste Achse schwingt: daher die Kraft seiner Zwiegespräche und die Stärke seiner großen Shakespeareübertragung. Das Gedankliche, das in den späteren Jahren immer stärker vortrat, ist in der Frühzeit noch umblüht von pflan- zenhaftem Schmelz und umwölkt von Wachstumsschwermut, mit zager Gebärde hebt sich die junge Seele aus Nacht und alter Müdigkeit, und die zarte Stimme fragt noch ohne Selbstvertrauen ob ihr das schwerere Spiel in neuer Luft gelingen wird. So wuchs die Schar der Gefährten und Mitarbeiter an den Blättern von Jahr zu Jahr und Verwey schrieb schon nach dem Erscheinen der ersten Bände der vierten Folge in seiner zweimonatlichen Zeitschrift (Jan. 1898): „Ich beneide Deutschland um eine Jugend, die so in die Welt tritt. George kann zufrieden sein. Schon wird der Drang der Öffentlichkeit nach größerer Verbreitung seiner Werke und Zeitschrift stärker. Nun ist es an ihm klar zu machen, daß er sein Ziel, die Vereinigung aller Guten in Deutschland, erreicht hat. Er kann stolz zurückhalten und antworten, daß noch keinen, der ihm wert war, die Mühe verdroß, sich den Weg zu seinen Werken zu bahnen. Doch gibt es Zeichen, daß die Bewegung bald zu größerer Öffentlichkeit gelangt. George steht dann umgeben von einem Freundeskreis und von seinen Gedichten, deren fünfter Band unlängst erschien"- Wir wissen heute, welchen tiefen Grund der schöne Neid des westlichen Gefährten hatte: weder in seinem noch in den Nachbarländern erstand den führenden Dichtern eine junge Schar von gleicher Unbedingtheit der Hingabe und gleicher Sachlichkeit der Schulung wie dem deutschen Dichter in Deutschland, und wenn die Holländer, wie wir sahen, noch zwei Jahre vorher mit Hochmut auf den deutschen Bruderstamm herabsahen, weil er ohne tiefere dichterische Bildungseinheit sei, so sahen sie nun vor ihren Augen das Unerwartete geschehen, daß hier in Jahren schneller und reicher wuchs, was die gereiften Völker rings als langgewahrtes Erbe der Jahrzehnte und Jahrhunderte rühmten. Denn neben den jungen Ankömmlingen standen auch die älteren Gefährten in der vierten Folge mit neuen Erzeugnissen bedeutender Art: Sie enthält von dem fraulich-unberechen- 170 baren Hofmannsthal die freundliche „Botschaft" und das tiefsinnige Selbstgespräch des Jünglings mit der Spinne, von Gerardy die märchenklare Fernfreude von „Heimkehr und Fahrt", das „Domfenster" mit der unvergeßlichen Gestalt „Sankt Georg unter dem Eisen Seele die betet" und das traumhafte „Gespräch" zwischen Mutter und Kind — von Wolfskehl di e an den BÜCHERN DER HIRTEN entzündeten „Sühnopfer" und das Sc höne Bild des Fremdlings bei den „Phäaken" — von Klages die nord- Sc hwangeren „Wandlungen" und das sonnentrunkne „Salambo" — von George endlich die ersten Gedichte „Seit der Ankunft des Engels", ein völlig neues Feld des Lebens aufbrechend, eine ungeahnte Sicht des Geizes vorverkündend. Ja darüber hinaus sagte er den Kampf gegen die Zeit ln einer Überschrift, die Eroberung eines bisher unberührten Bereiches ln der gewandelten Dichtform an: „Noch ein Goethespruch" zu den vielen damals bei der Feier der Wiederkehr des hundertundfünfzigsten Geburts- ta ges des Großen Allzubetasteten Allzuwenigbefolgten. Der Wurf dieses Gedichtes flog um ein Jahrzehnt fast dem Gesamtwerk voraus, das ihn a Ufnehmen sollte, aber es zeigt uns die Spannkraft, mit der der Dichtergeist geladen, die Angriffslust, mit der er befeuert war. Schon hatte auch in seine Reihen der Tod den ersten Hieb getan: Richard ^erls war im Jahre 1898 gestorben, der dritte Band der vierten Folge br achte einige Verse aus seinem Nachlaß und drei Gedenksprüche der freunde, die das Zwingende Verführerische Dunkel-Schöne dieses kurzen "'allers noch einmal aufleuchten und was unverlierbar an ihm war ins ewig e Bild treten ließen. Aber die Trauer um nötiges Geschick hob das nö- t! ge Tun des Tages nicht auf und der „die vergeblich dunklen Bahnen haßte" w arf bald den Blick auf die Gebliebenen und Kommenden und in die tau- Se nd Reden und Sprüche zur Jahrhundertwende klang sein stolzes Wort a m Beginn der vierten Folge: „Daß ein Strahl von Hellas auf uns fiel: daß nsre Jugend jetzt das Leben nicht mehr niedrig sondern glühend anzu- e hen beginnt: daß sie im Leiblichen und Geistigen nach schönen Maßen Su cht: daß sie von der Schwärmerei für seichte allgemeine Bildung und Beglückung sich ebenso gelöst hat als von verjährter lanzknechtischer Bar- arei: daß sie die steife Gradheit sowie das geduckte Lastentragende der u mlebenden als häßlich vermeidet und freien Hauptes schön durch das Le- , e n schreiten will: daß sie schließlich auch ihr Volkstum groß und nicht lr *i beschränkten Sinne eines Stammes auffaßt: darin finde man den Um- chwung des deutschen Wesens bei der Jahrhundertwende". 171 DRITTES BUCH DIE MEISTERSCHAFT i. KAPITEL: DIE ÖFFENTLICHEN AUSGABEN UND IHRE WIRKUNG ALS George in den ersten Monaten des Jahres 1898 in Rom weilte, traf er dort mit dem Maler Ludwig v. Hofmann zusammen, der damals schon seit mehreren Jahren neben Böcklin, Marees, Khnopff und anderen als Vertreter einer idealistischen Richtung genannt und bald als einer der wenigen Schöpfer monumentaler Werke der Malerei bekannt wurde. Der im Jahre 1861 geborene Hesse hatte in Darmstadt das gleiche Gymnasium wie George besucht und harrte nun wie er uns schrieb, der Begegnung mit seinem überrheinischen Landsmann nicht ohne feierliches Bangen, das durch die damals von ihm umlaufenden Schilderungen hervorgerufen wurde. Daher war der Eindruck von Georges wirklicher Erscheinung und seinem ungezwungenen, ganz „natürlichen" Auftreten eine sehr wohltuende Überraschung für ihn und bestätigte nur den tiefen Eindruck, den er von seiner Dichtung empfangen hatte. Er traf von nun an auch in Deutschland öfter mit ihm zusammen und wie wir es schon bei anderen bildenden Künstlern dieser Richtung bemerkten, wurde auch für Ludwig von Hofmann „die strenge Stilsicherheit Georges und seine Übertragung der Natur ein äußerst wertvoller Antrieb und die willkommenste Bestärkung auf dem eigenen Weg". Es war der Weg den er von Puvis de Chavannes und vor allem von Marees beschritten sah: die ganze Kraft in den Dienst einer sinnbildlichen Darstellung für die Welt einer höheren Wirklichkeit und des Menschlich- Wesentlichen zu stellen. Im römischen Atelier Ludwigs von Hofmann hatte George eines Tages den jungen Berliner Verleger Dr. Georg Bond» angetroffen der die Blätter-Ausgaben der Dichtungen Georges bereits kannte und mit dem Vorschlag heraustrat eine öffentliche Ausgabe zu veranstalten. Da sowohl die persönliche Art des Mannes wie auch die Ung«' färbtheit seines Verlages ihm zusagten, ging George darauf ein und trat nach seiner Rückkehr in die Reichshauptstadt über die Einzelheiten in Verhandlungen mit ihm. Je mehr die neue Dichtung in inneren Kämpfen gereift und stark genug geworden war, um die Stille und Zurückhaltung ihres beginnlichen Da' seins entbehren zu können, desto mehr hatte George sie im Laufe eines 172 Jahrzehntes aus der Hut eines unbesprochenen Daseins unter Gefährten u nd bildenden Künstlern in einen weiteren Kreis des Lebens gestellt. Wir s ahen wie er von den ersten ganz privaten Drucken der HYMNEN, PILGERFAHRTEN, ALGABAL zur Gründung der „Blätter für die Kunst" und des gleichnamigen Verlages schritt, in dem die BÜCHER DER HIRTEN, DAS JAHR DER SEELE und der ULAIS von Wolfskehl erschienen, Werke, die ebenso wie die Blätter selbst in den drei genannten Buchläden von Berlin, Wien und Paris aufgelegt und also jedem Suchenden zugänglich waren. Vorträge und Aufsätze seiner Gefährten, seine eigenen Vorlesungen in Ber- lln und im Haag und sein Auftreten in geselligen Häusern der großen Städte, sein Verkehr mit bildenden Künstlern und Gelehrten hatten Art Un d Bestreben der neuen Dichtergemeinschaft schon tief in die höheren Seistigen Schichten der Nachbarländer und zuletzt auch Deutschlands getragen. Ja weit über sachliche oder persönliche Kenntnis hinaus ging ein Faunen und Reden über den Dichter und seinen Kreis durch die Zirkel der ^teratur wie der Wissenschaft und auf den Universitäten Berlin und Götzen, Wien und Heidelberg schrieben Studenten schon vom neuen Ge- ^imnis des deutschen Lebens und suchten alte Professoren und junge Mädchen zur strengen Schönheit zu bekehren, ohne sich freilich selbst dem ^kannten Führers persönlich zu verpflichten. Es begann schon damals jenes ^verantwortliche Spielen mit Geheimkreisen, deren Mitglieder ohne auch nu r einen Hauch seines Geistes verspürt zu haben, sich gern als die „eigent- ^hen" Anhänger Georges berühmten und von deren schwächlichem oder v erzerrtem Gebaren Blinde und Böswillige gern ihr Urteil über den Dich- er und die Seinen nahmen. Aber auch auf die Breite der literarischen Erzeugung hatten die Blätter fur die Kunst bereits eine sichtliche Wirkung ausgeübt. Schon 1895 schrieb Kar l August Klein in seinem „Sendschreiben": „Was die Wirkung der 'ätter im weiteren Publikum angeht, so wurden sie, wie sehr wir das auch 2u vermeiden suchten, vielfach einer Besichtigung unterzogen und man hat et zthin bemerken können, wie hie und da unser Programm nachgeahmt nd Ideen von uns herübergenommen wurden. Von der Gründung dieser 'ätter rechnet man die — scharenweise — Heimkehr der jungen Deutschen vom Lande des nackten Wirklichen, das wohl schon früher einige ^ e ute für überwunden ausgaben, die jedoch in ihrem Werk noch tief in e niselben befangen sind. Es erwachte auf einmal in dem jungen Deutsch- a °d das Bedürfnis nach .höherem Ton' und .feinerem Stil', ein Bedürfnis, as früher nie gefühlt wurde. Die kommende Zeit wird zeigen was die lUnge Generation von uns gelernt hat. Soviel aus mancher Einsendung n unsere Redaktion und aus den Beiträgen in anderen Zeitschriften zu 173 entnehmen ist, dürfte zunächst auf eine Epoche des verworrenen Naturalismus eine Epoche verworrener Phantastik folgen". Diese Epoche, von den Kunstrichtern bald die „Neuromantik" getauft, war in der Tat schon angebrochen. Der ausschließlichen Elendsmalerei und Krankheitsdarstellung des Naturalismus waren Erzeuger wie Hörer schon überdrüssig geworden und gingen auf „die Suche nach einem frischen Quellwasser der Lyrik". So gerieten sie an die für ihre Begriffe phantastischen Bilder der Blätter-Dichter, mischten sie aus Unwirklichkeit und Reizmittel eine neue Theatermode für das Publikum: an die Stelle der Hinterhaus- und Vorstadtdramen traten nun Spiele wie Vasantasena, Talisman, Hansel und Gretel, Königskinder und Versunkene Glocke, deren Gestalten schon öfter in Versen sprachen, ohne dadurch freilich ihre niedere oder pathologische Herkunft verbergen zu können. Auch kehrten ihre Verfasser in gemessenen Abständen gern wieder in die Fuhrmannskneipen zurück, ein Verfahren, woraus die wissenschaftlichen Erkenner folgerten, daß es eine allein berechtigte Kunstform nicht gebe und der wahre Dichter die Neuromantik so gut wie den Naturalismus beherrschen müsse. „Aus dem fruchtbaren Erddünger des Naturalismus ersprießt die blaue Blume der Romantik" so kennzeichnete es einer von ihnen und also auf dem Zeitpunkt stehend, wo sich Idealismus und Realismus, Naturalismus und Romantik, Materialismus und Orthodoxie, Monarchie und Demokratie berührten, glaubte man in der gleichen Konstellation wie vor etwa hundert Jahren den Genius wieder erwarten zu können, von dessen Laube man doch eben erst die neuen Blätter ge- pflückt hatte, um die kahlen Stirnen ein wenig zu bedecken. Auch die naturalistischen Lyriker waren schon den bezeichneten Weg der Verbindung des stofflichen Realismus mit dem formalen Idealismus gegangen, doch hatten sich ihre ältesten tapfersten Verfechter dabei auf einen solchen theoretischen Holzweg wissenschaftlich starrer Formeln festgerannt, daß ihnen nichts als Rückkehr in den ehemals so geschmähten verdammten und verachteten bürgerlichen Journalismus übrigblieb. Denn also rief die „Heimatscholle" gegen die Jahrhundertwende: „Der moderne Realismus und Naturalismus hat abgewirtschaftet, die Deutschen kommen dichterisch im Ausland nicht mehr in Betracht. Sind das nicht traurige Tatsachen? Auch die Ergebnisse die der vor zehn Jahren in Szene gesetzte modern e Sturm und Drang auf literarischem Gebiet zeitigte, sind verschwindend belangslose. Wo sind sie geblieben die größenwahnsinnigen Führer einer neuen Epoche des Realismus? Der Schoß der Journalistik nahm sie auf . •" Und also, um das Bild zu runden, eröffneten damals die Revolutionäre der Lyrik im Deutschen Musenalmanach, in Neuen Bahnen und ähnlichen schnellsterbenden Zeitschriften die Periode des aristokratischen Indivi' 174 Dualismus, der Neuromantik, ja schon des Neumystizismus in der Literatur. »So werden jetzt", bemerkten die Blätter zu diesen Erscheinungen „eigentümliche Ubergangsarbeiten hervorgezogen. Mit eifrigem Bemühen sich äußerlich als neue einzuführen und noch ganz im alten barbarischen Geist befangen. Die Gefühle verworren, die Anschauungen verwischt, die Stile Ve rmengt — mit hier und dort einem Dämmern des neuen Geistes in Ent- w ürfen, Ansätzen und Flecken: vielfarbige Stücke, Stürze und Splitter". WV| i.) Mit diesem Seitenblick ging George an ihnen vorüber. Neun Jahre nach der Entstehung der HYMNEN, gestützt auf die Vollendung dreier großer Werke, umgeben und geliebt von einer Schar geistiger Helfer und Gefährten, gelobt und geehrt von bedeutenden Männern des In- ü nd Auslandes tat er den Schritt in die allgemeine Öffentlichkeit, den junge ichter gern als ersten zu tun pflegen. Ohne das von ihm geschaffene Werk- f eu g. das ihm damals und heute noch die unbedingte Freiheit der Bewegung ln allen dichterischen Veröffentlichungen gewährte, ohne den Verlag der Rätter aufzugeben, in dem die Blätter für die Kunst und die meisten Erst- aus gaben seiner Werke wie der Gefährten auch weiterhin erschienen, gab r im Verlag Georg Bondi einen Sammelband der i.—4. Folge der Blätter Un d seine bisher erschienenen Dichtungen heraus und wahrte auch innerhalb leses Verlages noch durch besondere nur ihm zur Verfügung stehende 'ättermarken eine Geschlossenheit der seinem Lebenskreise angehörenden ^ c hriften. So erschien im Spätherbst 1898 mit der Jahreszahl 1899 im "öffentlichen Buchhandel die erste „Auslese der Blätter für die Kunst aus den Jahren 1892—98", deren Vorwort die Gründe der Veröffentlichung * Ur z darlegten, und zu gleicher Zeit erschienen in je einem Bande HYMNEN - PILGERFAHRTEN ALGABAL, DIE BÜCHER und DAS JAHR DER ßELE mit wenigen kleinen Änderungen ganz in der früheren Form, doch »mit den manchmal erbetenen wiewohl oft entbehrlichen — und auch jetzt ür sparsam gesetzten — Lesezeichen". Erst zwei Jahre später erschienen e > Bondi DIE FIBEL und DER TEPPICH DES LEBENS. Wie Weg- und Dankzeichen stehen vor diesen Bänden kurze Widmungen und Aufschriften: Vor der FIBEL „Meinem Vater und meiner Mutter * s sc hwachen Dankes-Abtrag", vor den HYMNEN „An Karl August Klein, em Trauten und Treuen seit der Jugend" und ein Spruch an die neuen °hne unseres Volkes, vor den PILGERFAHRTEN: „Dem Dichter Hugo °n Hofmannsthal, im Gedenken an die Tage schöner Begeisterung" mit em düsteren Spruch des einsamen Aufbruchs, vor dem ALGABAL: „An D ert Saint-Paul, den Dichter und den Freund in langen Erlebnissen und genießendem Künstlertum" mit der hindeutenden Aufschrift „Dem Ge- ac "tnis Ludwigs des Zweiten". DIE BÜCHER sind mit den Namen dreier 175 Dichter: Paul Gerardy, Wenzeslaus Lieder, Karl Wolfskehl geschmückt. DAS JAHR DER SEELE ist der Schwester „Anna Maria Ottilie, der tröstenden Beschirmerin auf manchem meiner Pfade", DER TEPPICH DES LEBENS mit einer erläuternden Vorrede „Melchior Lechter" gewidmet. Auf die Hü' ter und Begleiter der ersten drei Jahrzehnte blickte der Dichter so von der Höhe des Lebens noch einmal zurück und neigte sich vor ihnen in dankbaren und bewundernden Worten, welche die schlichte sichere Menschlichkeit seines Wesens bezeigen. Um so seltsamer stachen von dieser Haltung die Äußerungen der öffentlichen Schreiber in Deutschland über Person und Werk des Dichters ab, als nun die Bondischen Ausgaben auf dem üblichen Wege an sie gelangten' Wir lernten bisher, um die Wirkungssphären Georges zu umschreiben, die Äußerungen der Dichter und Künstler kennen, welche die neue Dichtung sofort als menschliche Anforderung erfuhren, die entweder ihr ganzes Dasein in Frage stellen oder es wandeln und erhöhen mußte. Sie zerbrachen daran oder wurden von dem begeisternden Feuer, das sie anglühte, hinge rissen und sagten bald rauschhaft bald nüchtern aber immer in ihrer Ergriffenheit aus, was sie gesehen und erfahren hatten. Wir lernten weiter die Äußerungen der Gelehrten kennen, welche zwa f nicht in ihrem ganzen Menschtum erschüttert, woran jahrhundertalter Hochmut nicht minder wie fachliche Vereinzelung sie hinderte, aber von der Größe der neuen Erscheinung so gepackt wurden, daß der ernste Trieb, sie zu erkennen, zu erklären und vielleicht in die Reihe ihrer Probleme einzureihen, geweckt wurde und die besten von ihnen zu einem jahrelangen Ringen um den Sinn der neuen Dichtung und die Bedeutung ihres Trägers führte. Zu den schon Genannten kamen in den nächsten Jahren noch die Studien von Karl Lamprecht über den psychologischen Impressionismus (1901), von Kuno Zwymann über das Georgesche Gedicht (1902) un» einige Aufsätze der Simmelschülerin Gertrud Kühl, Schriften, die n» 4 löblichem Bemühen die neue Dichtung als notwendige Stufe der Entwicklung, als Station auf dem Wege zum großen deutschen Dauerstil' als höchstes Beispiel für die ästhetischen Gesetze des Bedeutungs- Schall' und Knüpfungskunstwerkes und anderes erwiesen, und die bei mancher Flachheit der Sicht und Verschrobenheit des Urteils den Gegenstand ihrer Bemühung mit Ernst und Eifer zu erfassen suchten. Wir lernen jetzt als dritte Sorte die öffentlichen Tagesschreiber und Kunstrichter von Beruf kennen, die meist keine Zeit haben sich mit einer ernsten Sache ernsthaft zu befassen und um den Neuheitstrieb ihres Publikums zu befriedigen, alljährlich eines oder mehrere Genies entdecken und als Hoffnung der Zukunft preisen und bald wieder verdammen müssen. Wi f 176 fassen hier zusammen, was wir in gut zwei Schock Besprechungen aus den Jahren 1899—1904 gelesen haben. Es sind die Namen fast aller „ausschlaggebenden" Tagesschreiber jener Jahre, die zum Teil auch heute noch ihr Handwerk treiben, es sind die Namen fast aller „führenden" Zeitungen und Mteraturzeitschriften darin vertreten, und dieser Chorus unterschied sich nu r in der mehr oder weniger groben Art und Weise, nicht aber in der Einmütigkeit, mit der er die neue Dichtung diesmal nicht entdeckte sondern Verurteilte. Wir ordnen diese Stimmen und führen sie hier und da auch wört- lc h an, einmal als Beitrag zur Sozialpsychologie, der beweist, daß die ganze Gr uppe des öffentlichen Kunstrichtertums einer Nation in unserer Zeit un- a ">g ist, mit ihren Mitteln eine Erscheinung von Rang zu erfassen, ferner, ^ e ü einiges davon bis in die h e u t i g e n Lehrbücher und Gedichtsamm- Un gen fortspukt, vor allem aber um unsere Jugend an dem hellen Gelächter ei «vehmen zu lassen, das uns beim Lesen und Vorlesen dieser Zeitstimmen r götzte, wenn wir unsere Bilder in diesen schiefen und verschobenen c haubudenspiegeln verzerrt und kränkelnd schwanken sahen, die wir doch & e sund und heil und fest dasaßen und -standen. Was zunächst George selbst und sein Werk betraf, so war es offenbar die Srößte Pein für seine öffentlichen Bewerter, daß sie ihn nicht verstanden. er Vorwurf über seine Unverständlichkeit begegnet uns am häufigsten n d ist nur darin unterschiedlich, daß die einen ihn für unfähig halten „seine Geheimnisse in unserer Muttersprache zu verraten", die anderen das myste- >öse Dunkel seiner Gedichte für absichtlich halten, für „die Mystik einer e heim sc hrift, zu der der Schreiber den Schlüssel vorenthält". Ein Dritter fand freilich diesen Schlüssel darin, „daß George zur Schaffung seiner chönheitswelt höchst einfach die grammatische Form des Pluralis benutzt: ^twas irdisch mehr oder weniger Seltenes wird im Plural gebraucht, sofort etu steht die bewundernde Empfindung, daß es in der Welt Georges etwas ^'tägliches sei". Man wird es heute kaum begreifen, daß manche von die- en verlegenen Tastern in dem ihnen dunklen und unbekannten Land der u nst, wie die Blätter sie nennen, kein Wort von der Dichtung verstanden, le jetzt ihre Enkelkinder auf den Schulen lesen. Ihre Unfähigkeit zu ver- e hen lag auch nicht an der mangelnden Einsicht in den grammatischen au der Gedichte, deren Klarheit und Einfachheit heute unbezweifelt ist. be r die menschliche Art des in ihnen dargestellten Gehaltes war jenen Li- er aten so fremd, die Haltung und Fühlweise, die hier Sprache gefunden atte , so unbekannt und unzugänglich, daß sie vor einer unübersteiglichen au er standen und die Muttersprache ihnen wie ein unbekanntes Idiom etlt gegentrat. zuweilen brach das Bewußtwerden eines tiefen menschlichen Unterschie- U 177 des auch ungewollt aus den vergeblich um Verständnis Ringenden hervor. Sie gestanden dann — und einer darunter hat zwei dicke Bände über die deutsche Sprache geschrieben —, daß sich ihrem plebejischen Verstände nur mühsam einiges entschleiert habe, oder daß sie auf eine zukünftige Änderung ihrer Organe hoffen müßten. Denn die zweite gebräuchlichste Ablehnung Georges bezog sich auf die unnahbare Vornehmheit, auf die verächtlich abwehrende Gebärde und das aristokratische Gefühl, die aus seinen Dichtungen sprächen, eine Aristokratie freilich die zur Herrschaft unfähig sei, weil sie nicht den Willen zur Herrschaft habe. Seine Kunst mußte daher für immer der großen Masse des Volkes fremd bleiben: sie war eine Kunst aus einer anderen Welt, für seltsame verfeinerte Leute, ihr Urheber bald ein arabeskenseliger nervenmüder Märchenprinz mit gänzlich geschwächtem Willen und von weltflüchtiger weicher Schönheitstrunkenheit» bald ein kalter abstrakter Beherrscher seines Handwerks, ein marmorscho- ner aber auch marmorkalter Stilist, ein aus den greisenhaften Teilen des zweiten Faust erwachsener Virtuose und Formalist, in dessen Wortmusik» wie „die Insel" schrieb, „kein Wein serviert wird, nicht einmal des Wassers anspruchlose Labung, sondern nur die vielfarbigen und schön geschl»' fenen Gläser vor den Durstigen hingestellt werden. Man glaubt es müßten Zaubertränke sein, und der Unwille über die Täuschung wächst je kunstvoller diese ist". Aber schlimmer vor deutschen Ohren wog noch ein dritter Vorwurt- George ist weder ein Philosoph noch ein Metaphysiker! „Er reißt d 1 Menschheit nicht zu neuen Gedankenpunkten, er sagt uns keine Erlösungen, er gibt uns keine neuen Werte. Er ist nur ein prächtiger Wandelstern, der an unserer Welt leuchtend vorüberfliegt — — ein farbig flammende Zeichen aus anderen Sphären" (Wiener Rundschau i. i. 99). Er mag ei wundervoller Künstler sein, schrieb ein anderer, der unserer Sprache eine - Klang und eine Fülle des Wohllauts gegeben hat, die sie vorher nicht hatt » er mag eine so selbstherrliche Behandlung der Sprache haben, eine so wun derbare Kunst, etwas Beseligendes und Entrückendes, wie es noch nie 0 uns war, aber — es ist nicht das Höchste was wir vom Dichter wollen, <* uns die Rätsel des Lebens lösen, den Dingen Werte geben, das Leben ° herrschen soll: Denn Können hat eine Höhe, Wollen ist unendlich. Es fa eben schwer, wie ein Dritter meinte, „in den Gedichten Georges eine me Physische Quelle rauschen zu hören-------George sucht eine Philosoph 1 und ist bereit dieser Göttin die herbsten Opfer zu bringen — vergeben Diese Göttin versagt sich ihm und wo er einen Zipfel ihres Mantels zu e haschen scheint, da ist es keine neue, sondern eine alte Schönheit, die * Goethe oder den Griechen stammt.. . Zuweilen gibt ihm sein Künstler 178 Opfermut, sein tiefer Priesterernst im Dienst der Schönheit würdige Seelen- Worte und glücklich herbe Bilder ein .. . Aber an ein gewaltiges letztes Lebensgesetz rühren wir nicht und damit auch nicht an eine letzte erste Schönheit". Es gehört die ganze abergläubische Verranntheit der Deutschen in •hre Philosophie dazu um so zu reden und daraus zu folgern, wie einer der eben Angeführten, ein sehr geachteter Schriftsteller der Nation, es tut, daß m an sich durch die Schönheit der Gedichte nicht solle täuschen lassen, die Blätter seien noch weit materialistischer als der Naturalismus: „Die Schönheit Georges ist das müde Verzichten auf alle hohen Ziele und das Streben, Sl ch schön einzurichten im Niedrigen". Wir wollen mit der Beschränktheit derer nicht rechten, die ein Wachsen ^es Asketisch-Christlichen, vor allem des Mitleids in George bemerkten, der l m TEPPICH DES LEBENS „die Hände mit besonderer Frömmigkeit zu e m Gotte emporhebt der Christus heißt" und von ihm erhofften er werde 0c h „ein Tröster alles Lebendigen" werden. Im Gegensatz dazu hieß es u ch: Er könne keine Volkslieder singen wie Eichendorff, weil seine Vordren „lange Reihen der Geschlechter in einem abgeschlossenen Stadtvier- el eingesargt, ohne Grundbesitz, ohne Zusammenhang mit dem Manne der e n Pflug führt" gewesen, so daß nun der Enkel ebenso Himmel und Erde ehe wie jene die aus niedrigen Fenstern ins Treiben der Wolken starrten *" u nd solcher tiefgründigen „Untertöne" mehr. De n schlimmsten Anstoß aber nahm man an seiner Schreibweise: den an gelnden Großbuchstaben und Lesezeichen. In diesem Punkte fehlten as t alle Besprecher gegen die einfache „Blätter"-Regel: „Es ist sowohl ein e ichen gewöhnlichen Geistes das Äußerliche in eigener Sache zu vernach- ass igen als es bei andern unmäßig hervorzuheben und zu tadeln, um der es Prechung des Innern, das man nicht begreift, überhoben zu sein". Hieben also empörten sich die Federn ganz besonders und es regnete von 0r ten wie lächerliche äußere Gigerlei, die mit Gewalt tiefsinnig erschien will, typographische Maskerade, äußeiliche Seltsamkeiten, um öffent- lc h aufzufallen, Verrat an der deutschen Schreibweise, aristokratischer Zug er lyrischen Garde, um dem Pöbel die Schriften unleserlich zu machen und .eher Blütenlesen der Zornigen mehr, die gar nicht bedachten wie demo- r atisch und für Ausgleichung der Stände unter den Wörtern die neue Blät- er schrift sei, während die großgeschriebenen Hauptwörter den auch heute °ch unausrottbaren Drang der Deutschen nach Standesunterschieden und 0r gesetzten verrieten. Doch leugnen wir nicht, daß nach einem Merkwort r dritten Folge diese Äußerlichkeiten neben anderen Zwecken „als ein 0, lwerk gegen den Ansturm wilder Horden dienten, deren sich noch 3nnigii c h erinnert und deren laute Zügellosigkeit den erbarmungswerte- 179 sten Teil unserer Schrifttums-Geschichte füllen wird . ." wie denn auch ein kluger Kieler, dem die kleinen Hauptwörter und fehlenden Kommas keine Schwierigkeiten machten, sie schon 1901 „Stacheldraht wider Unberufene" nannte. Schon frühzeitig hatte der Klatsch aus Literatenklüngeln um Georges Person die abenteuerlichsten Gerüchte gebildet, was nur angeführt zu werden verdient weil auch ernsthafte Männer dergleichen nachbeteten. Ein schriftstellernder Psychiater glaubte in „Die Rheinlande" (Sept. 1904) den Nachweis führen zu können, daß das ihm so unsympathische Hieratische nicht wie Klages meinte aus dem Rheinisch-Katholischen sondern aus dem Judentum Georges herstamme, und ein sogenanntes wissenschaftliches Nachschlagewerk (Kürschners Literaturkalender, Jahrgang 1912) ließ ihm nicht einmal seine ehrlichen christlichen Namen. Immerhin, George selbst ge- standen doch einige Stimmen, wenn sie ihn auch im allgemeinen oder besonderen aburteilten, eine Könnerschaft, eine neue Kunstform, eine Erzeugung von traumhaften Stimmungen zu, sie wiesen darauf hin, daß auch Goethe und andere Große nicht gleich verstanden wurden und auch heute noch nicht auf der Heerstraße lägen, oder meinten wohlwollend, daß George der erste Lyriker Deutschlands würde, wenn er auf seine griechischen Erinnerungen und chinesischen Träume verzichtete. Auch erkannte man ihm im Vergleich mit Hofmannsthal die größere Feierlichkeit, die ernstere Pracht zu — er ist mehr „Vates" meinte Maximilian Harden — und nur die Wiener loben stets ihren Hofmannsthal als den größeren und klareren Dichter, „dem leichter zu folgen ist, weil er uns entgegenkommt" und dem daher die Zukunft gehöre. Hier und da klang auch die Befriedigung durch, daß George endlich der groben Kunst der Zeit die innerliche Kunst entgegensetzte, und manchmal zeigt die Mischung von höchster Bejahung und krassester Verneinung eine solche Unsicherheit des Urteils, daß unser Vermögen zwischen Dummheit und absichtlicher Lüge zu unterscheiden hier versagt. Aber diese Unsicherheit hörte sofort und mit wenigen Ausnahmen bei allen auf, wenn es sich um die Bewertung der Anhänger oder überhaupt mit Einschluß Georges und Hofmannsthals der ganzen Gruppe der zwölf Dichter handelte, die durch die erste Auslese sich als abgeschlossene Schule, als einen Kreis von Gleichgesinnten vor die Öffentlichkeit stellten. Man nannte diese Schüler, welche in Georges eigenen Widmungen „ihre kompromittierten Persönlichkeiten durch die Welt trugen" eine Gesellschaft auf gegenseitige Bewunderung, die dem Dichter durch ihr Lob nur schadeten, ihn wie eine waltende Gottheit auf den hohen Sockel der Bewunderung stellten und ihn dadurch hinderten, künstlerisch auszureifen. Bald mißbilligte man ihr gleichsam herdenmäßiges Auftreten und rief George zu diese Anhänger abzuschütteln» 180 bald bedauerte man, daß unter ihnen die starke Persönlichkeit ihres Führers »fast unumschränkt mit allen grausamen Insignien der Gewalt herrscht" und riet den Schülern sich zu befreien und Eigene zu werden. Insgesamt betrachtete man Führer wie Geführte als ausnahmslos reiche Leute, die in Luxus und Behaglichkeit aufgewachsen, die Annehmlichkeiten des Lebens ergründet, ja bis zum Rest ausgekostet hatten, Genießer, die keine Beziehungen zu den großen Bewegungen der Zeit und den großen Fragen der Menschheit besaßen und daher müde und kampflos in ein dekadentes Traumleben versunken waren. „Nur wenige Getreue" so schrieb ein Revolutionär der Lyrik „die ein vorsorgliches Geschick mit begüterten Vätern gesegnet, folgten der verlassenen Göttin Poesie in die Einöde, wo der Mond sich in ihren Brillantringen spiegelte und unter seltsamen Pappeln die unter seltsamen Himmeln ein seltsames Rauschen vollführten, trieb nun ein seltsamer Kultus sein seltsames Wesen. Ich kondensiere nur, ich übertreibe nicht. Das Kleid dieser wohlhabenden Jünglinge war schwarz vom schweren Violett der Trauer, sehnend grün schillerten ihre Hände und ihre Zeilen i— Explosionen sublimer Kämpfe — waren Schlangen, die sich wie Or- c hideen wanden. Der große Regenfall der Alltagsasche erstickte sie. Sie Sollten das schreckliche Leben der Felsen begreifen und erfahren, welchen erhabenen Traum die Bäume verschweigen. Aus ihren Büchern der Preisend Hirtengedichte, der Sagen und Sänge, der Hängenden Gärten und der heroischen Zierate, der donnernden Geyser und der unausgeschöpften Quellen dufteten Harmonien in Weiß, vibrierten Variationen in Grau und Grün, schluchzten Symphonien in Blau und Rosa. Noch nie waren so abenteuerlich gestopfte Wortwürste in so kunstvolle Ornamentik gebunden. Half n ichts. Ihr Dasein blieb ein submarines und das deutsche Volk interessierte Sich für Lyrik nur noch, insofern sie aus den Damen Friederike Kempner Und Johanna Ambrosius träufelte". Ihre „Kunst für Kunst" hatte nach der Meinung der Richter keinen Schimmer von Berechtigung mehr nach dem Erstarken des nationalen und Stammesbewußtseins und dem kräftigen Aufblühen des Volkstümlichen, sie ^ar nur noch Artistenlyrik, Versdressur und Reimgymnastik für abnorme Leser und Gourmands der Seele, eine verstiegene Wortspielerei von so Schwindelnder Höhe, daß sie beim nächsten Schritt ins Lächerliche fallen, ln r Sinn zu Unsinn, ihre Schönheit zu Verzerrung werden mußte. Unter diesen „Reflexionen", die den selbstgeforderten Bedingungen an Gerichte nicht entsprächen, witterte ein Neunmalkluger der Frankfurter Zeitung weniger griechische als „ungesunde bacchisch-asiatische Lustgefühle". A ndre hatten die Empfindung zugleich ergriffen und gefoppt zu sein, denn es fehlte der versunkenen absentierlichen Poesie dieser ewigen Epheben 181 „die Extension des All". Sie bildeten jeder eine Insel, „sind nicht dort wo man ihren Körper glaubt, seltne späte Menschen, frühreif und doch nicht überreif, fertig und voll entwickelt und dennoch ohne Weiterentwicklung ------harmonieren sie in sich" wie Perlen in der Muschel. „Im Priester- oder Königsgewande, langweilig-gelangweilt, traurig müde lächelnd, eine Pfauenfeder in den mit opalenen Ringen geschmückten Dandyhänden so wandeln diese Samt -und Seidendichter feierlich, hieratischen Schrittes durch unsere munter aufblühende Lyrik, (sie).-------Im Zeitalter der mächtig arbeitenden Gesellschaft- und Naturwissenschaft haben sich diese von allen Kenntnissen reinen Ästheten in eine seidene Traumwelt geflüchtet------- 1 Ihre Gedichte sind kalte ganz unbeseelte Puppen künstlich drapiert mit einem schillernden, schimmernden weichen Mantel von Worten. Es sind Gedichte, die keine Kraft, keinen Kampf, keine Liebe, keinen Groll sondern nur etwas unsäglich Schmeichelndes Streichelndes haben — seidene Gedichte". Daß diese aristokratischen Feinschmecker, diese sich ausschließenden Wenigen, diese frenetischen Übermenschen und resignierten Impotenten ebenso unverständlich waren wie George selbst verstand sich, aber mit den öffentlichen Ausgaben, wußte die Frankfurter (Ende 1903) zu berichten, hatte sich der Sinn ihrer Abschließung enthüllt: „Die Gruppe hat ihr aristokratisches Prinzip aufgegeben--------es hat seine Reklame erfüllt. Aber diese Konzession an die demokratische Wirkung kommt verspätet. Nun ist die Einwirkung der Formpflege nicht mehr vonnöten. Die Lyrik ist von selbst — Entwicklung von unten! — über die Verwilderung, wenn sie j e schlimm war, hinausgekommen — — Nun dürfen wir sogar über zu viel Form klagen und das heißt immer Leere bedauern". Das ist die Sicht „von unten" und man möchte glauben, daß damit die Niedrigkeit ihre tiefste Stufe erreicht hätte. Aber es blieb unter diesen wenn auch hämischen so doch wenigstens ernst gemeinten Äußerungen der Kritik noch die leichteste und verantwortungsloseste Form der Verunglimpfung: die bequeme und salzlose Parodie. In den drei deutschen Zentren des boshaften Witzes in Zürich, Köln und Berlin trat auch sie gegen die neue Dichtung auf den Plan. Die „Zürcher Discussionen" brachten den Gesang dreier Münchener Schwanenjungfrauen mit Lilienstengeln in den Haaren auf „Stefan-den-Georgen", die Kölnische Zeitung verglich die Wirkung der Gedichte Georges der des Bung-Bung, eines Instrumentes wilder Medizinmänner, mit dessen monotonem Betäubungslaut diese den Zuhörer einlullen und heilen. Bei George aber sei die weiche schläfrige Stimmung Zweck nicht Mittel zur Heilung: „der müde dämmrige Zustand ist Wille und Endzweck dieser ganzen Kunst —" heißt es da und in heller 182 Wut fährt der Vernichter fort: „Ob junge Hysteriker sich an Absinth berauschen oder Georgischen Offenbarungen war gleichgültig, solange die Gemeinde unter sich ihre impotenten Orgien feierte. Aber jetzt verzichten s ie auf ihre Abgeschlossenheit, und ihre frechen Stimmen, die für Ideen und Werke ernster Arbeit nur höhnische Worte haben, sind nachgerade re cht laut geworden und da ist es denn doch an der Zeit, ihnen ein wenig Bescheidenheit beizubringen." In Berlin versah der Altphilologe Ulrich von Wilamowitz-Möllendorff ^s parodistische Amt, ein Mann an dem der traurige Ruhm haften »leibt, daß er jeden deutschen Genius, den seine Zeit gebar, Wagner, Nietzsche, George angemistet hat. Da der Herr Professor seine Parodien lu, r in privaten Zirkeln verbreitete, könnten wir uns mit der privaten Be- m erkung Dernburgs begnügen, der den Unwillen seiner Gäste bei der Verlesung einer solchen Parodie mit den Worten beschwichtigte: „Aber meine Ferren, wenn Wilamowitz sich erlaubt hat, den Sophokles zu parodieren, w arum soll er nicht auch George parodieren dürfen!" Doch wir gehen in Berücksichtigung der Schüler- und Verwandtschaftsgrade wohl nicht fehl, w enn wir den Aufsatz von Babette O. in der Frankfurter Zeitung (18. 5. 01) Ur den authentischen Ausdruck der Meinungen des Wilamowitz-Kreises "alten. Sie stützte sich auf Berliner Nachrichten von einer „Rezitation Georges vor der Gemeinde" und glaubte feststellen zu können, daß „das Geheimnisvolle und die höchsten Prätensionen der Vornehmheit, in deren Abglanz sich jeder der Versammelten selbst leuchten fühlt, wohl die größ- tei » Reizmittel sind, durch die Stefan George die meisten seiner Jünger gewinnt und so stark an sich kettet", und sieht die wirksamste wenn auch ^absichtliche Art des Proselytenmachens in dem tiefsten Schweigen über a "e Eindrücke vor Verständnislosen. Daß „der Kreis" das Verderben Georges ist, scheint auch ihr wahrscheinlich und sie wünscht ihm, es mö chte einmal die Stimme der Ungläubigen an sein Ohr dringen, nämlich s °lcher die seine Gedichte nicht verstehen, ob sie sie von vorn nach hinten °aer von hinten nach vorn lesen. Gewiß verdient nach ihrer Meinung ein tehter Beachtung, der Widerwille gegen das Abstoßende der buntscheckigen Wahrheits- und Häßlichkeitsideale zeigt, aber leider sind ihr die neuen deale merkwürdige Phantasiegebilde von weichlich ekstatischer Schönst, erfüllt von Seelenpathos und gewollter Innerlichkeit, Stimmungs- Seräusche, in denen unendlich eitle Manieriertheit mit Schönheit verwech- Se lt wird. Sie bedauert, daß hier ein gutes Talent aus mangelnder Selbst- er kenntnis nicht zur Entfaltung kommt und daß der kindlich welterfahrene ^reis von 27 Jahren, der sogar Professorenfrauen über die Schwermut der Vollendung belehren wolle, nur die vom Wohlergehen Übersättigten an 183 \ dieses Weltschmerzgigerltum fesseln könnte. Vor allem aber sie versteht die Gedichte gar nicht: in den meisten steht dasselbe, sie sehen sich un- unterscheidbar ähnlich: „Alle Erinnerungen an Satzbau lassen uns dabei sofort im Stich — keine Hauptwörter, keine Kommas: .Kommas sind für Kommis' soll der Dichter sagen —, imposante Kolonnen einzelner Adjek- tiva, ganze Wortkombinationen von tiefster Düsterkeit, hier und da ahnen wir, wie verschleiert von grünlichen Nebeln, Teile eines Bildes — Teile» denn wie käme ein Ganzes trotz aller malerischen Absicht bei dieser Häufung und Verworrenheit überhaupt zustande?!" Arme Babette O-' Doch genug davon! Das Lachen der Jugend wird uns die Mühe lohnen all diese Dummheiten gelesen zu haben, die so noch ein Jahrzehnt und länger die gleichen Themen weiter spielten, bis sie vor der Gewalt der Tatsachen — so sagt man doch? — langsam verstummten. Was an diesem Anfangstone verwunderlich bleibt, ist die auffallende Heftigkeit des Hohnes und Hasses als Antwort auf die Veröffentlichung von vie f kleinen Gedichtbüchern und einigen Prosestücken in einem Deutschland, das jährlich tausende von Büchern und Gedichten auf den Mark 1 warf. Spürten die Aufgeregten doch schon den „Aufruhr in diesen zarten Seiten"? Fürchteten sie, wie einem klugen Sachsen schon 1899 schwante, daß beim Durchdringen dieser neuen Dichtung „ein großer und nicht der unbedeutendste Teil aller Lyrik beseitigt werden würde"? Fühlten sie, daß hier eine andere Art Verbundenheit aufwuchs» die das Kunstrichtertum überflüssig machte, da „der Kreis" auch des Publikums enthebt? Spürten sie, daß das Urteil in ihm nicht mehr ai>s ihrer Sphäre genommen wurde, daß durch den Kreis selbst die berühmt* Art des Totschweigens unmöglich gemacht war? Oder gar, daß hier di e Jugend durch strengste Zurückhaltung vor allzu früher Verführung un* 1 Vorführung in der Öffentlichkeit bewahrt und also auch nicht mehr ,,en'' deckt" werden konnte? Wie dem auch sei, in einem hatten sie, von Theo' dor Wolf bis Ulrich Wilamowitz, recht: in der Vorstellung, daß es sie* 1 bei diesem Dichter und Dichterkreis um etwas von ihrer Welt gänzli cJl Verschiedenes handle. Mochte diese Vorstellung aus dem Haß oder Hohn» aus der Bosheit oder Gemeinheit kommen, sie drückte die wahre Meinuni ihrer Urheber aus, daß ihnen hier ein Fremdes Unbegreifliches entgegen* trete, das mit allen Mitteln zu bekämpfen sei. Sie mußten damit selb» den Gegensatz der neuen Dichtung zur Umwelt aufrecht halten, dafü' sorgen, daß der Kreis der Blätter für die Kunst nicht in die Schubfäche r der Schlagworte oder des Auch-nicht-anders-seins eingeordnet wurde. P a sie aus der Stärke des Gegensatzes auf diese bequemen Abwehrmittel verzichten mußten, hat bis heute ein inneres Gefühl auch die Widerwilligs tefl 184 gezwungen von Stefan George und seinem Kreis in anderer Tonart zu reden als von anderen Dingen. Gerade an den sinnlos heftigen und gereizten Angriffen, die in keinem Verhältnis zur behaupteten mangelnden Bedeutung des Gegenstandes standen, offenbarte sich in Wahrheit die Ahnung von der fremden Macht, von der noch undurchdringlichen Gefährlichkeit der jungen Dichtung für eine gewisse bürgerliche Lebenshaltung und Geistesverfassung, einer Bedrohung, aus der die Gedichte und Merksprüche der Blätter bis dahin keinen Hehl gemacht hatten und von der sie bald noch deutlicher reden sollten. Wenn wir nun zum Schluß die Wirkung der öffentlichen Ausgaben in dem von uns betrachteten Jahrfünft noch durch die wenigen Stimmen der p resse vervollständigen, welche sich verstehend äußerten, so ergibt sich die seltsame Tatsache, daß diese alle am äußersten Umkreis in den Grenzendem des deutschen Sprachbereiches laut wurden, wo offenbar das ruhige Urteil nicht durch die Literaten- und Reporterzunft der Großstädte getrübt w urde: in Steiermark, Schlesien, Posen, Schleswig-Holstein und dann, schon in den weiteren Umkreis des Auslandes übergehend, in Holland, e 'gien, England, Frankreich, Italien und Griechenland, wo noch ver- e >nzelt aber schon außerhalb des früher geschilderten Gefährtenkreises die große Bedeutung Georges gewürdigt und weitere „Meisterwerke" von ihm er hofft wurden. Der Führer und Dichter der großflamischen Bewegung Pol e Mont hob in mehreren Besprechungen der „Vlaamische School" auch gerade die Besonderheit der einzelnen Blätterdichter und ihre wachsende e deutung gegen die jetzt noch gerühmten Namen des Naturalismus her- v °r und wies als einer der ersten auch auf die vollkommene, seit Goethe stl lsicherste Prose Georges hin. Nur in Frankreich meldeten sich neben en wohlwollenden zum ersten Male gegnerische Stimmen, die bezeich- e °d genug derselben Literatenschicht wie in Deutschland angehörten n d auf denselben Ton gestimmt waren. Von besonderer Bedeutung für n sere Darstellung sind vor allem die wiederholten Ausführungen des ra zers H. Ubell, der uns das Bild eines unmittelbar und plötzlich von er Lesung der Gedichte Ergriffenen in der südlichsten Grenzmark des e utschtums bietet und die für manches Vorhergesagte erläuternde An- e *"kung machte „daß bis jetzt nur wenige Zeitungen mit einem sehr hoch- .enden geistigen Niveau ihres Publikums es wagen durften, diesen ^hter für Dichter ihren Lesern vorzustellen .. . für ihn wird im stillen °n Freund zu Freund gewirkt und geworben: eine Art der Wirksamkeit, le einen großen endlichen Sieg dieses Dichters vorausahnen läßt." (Die Pro Pyläen, März 1904.) 185 2. KAPITEL: DAS HERSAGEN VON GEDICHTEN ALS George im Frühjahr 1890 Karl August Klein, mit dem er schon manche Gedichte gelesen hatte, die ersten HYMNEN vortrug, überraschte und bezauberte den Freund eine neue Art des Hersagens aus dem Munde Georges, die wie er bald erkannte dem inneren Sprachgesetz dieser Gedichte entsprang. Seitdem sind alle, die George Gedichte hersagen oder vorlesen hörten, von dem gleichen tiefen Eindruck getroffen worden und auch für die mit den Gedichten Vertrauten hob oft von solchem Augenblick ein neues Wissen an um die Größe und Schönheit einer Welt die dieser Ton verkündete. Die Dichter wie die bildenden Künstler haben dieses Hören als besonderes Glück empfunden, als einen unmittelbaren überzeugenden Aufschluß über das Wesen des Dichters selbst, und wer das erste Hersagen eines neuen Gedichtes erlebte, weiß von der eindringenden Wucht der Rhythmen, vor allem aber von dem unvergleichlichen Wohllaut zu erzählen, der so kaum wiederkehrte: als ob das Erstgeborene des Gedichtes, die geheime Melodie noch einmal über Maßbewegung und Bedeutung mit besonderem Zauber schwebe. „Man kann die Art seines Lesens" berichtet eine der Binger Jugendfreundinnen „nur mit der Besonderheit seines Schreibens vergleichen. Ein Lesen mit einer hellen nicht lauten aber sehr eindrucksvollen Stimme, am Schluß niemals diese Stimme senkend sondern ein Weiterklingen Höherstreben ins Unbestimmte hinaus, in andere Regionen". Die öffentlichen Stimmen, welche unmittelbar nach seinen Vorlesungen in Berlin berichteten, haben wir schon erwähnt. Hier betonten auch die Fremden, daß sie von dieser leisen gleichmäßigen Stimme mit feiner zurückhaltender Betonung in einen unentrinnbaren Bann gezogen wurden, daß in ihr die Persönlichkeit an sich ihr Kunstwerk nochmals wiederhole, als sei sie nicht nur Schöpfer sondern auch Geschöpf der eigenen Gedichte. Diese im Hersagen erscheinende Einheit von Gestalt und Werk des Dichters sprach auch aus dem Bericht eines Unbekannten über die Vorlesung in der Gesellschaft „Letteren en Kunst" zu Boschoord, die George am 25. Mai 1901 gehalten hat. „Wer bei dem Worte Dichter" schrieb jener in der Zeitung Het Vaterland drei Tage später darüber „an einen geistvollen Sohn Apollos denkt mit glänzenden Augen und helleuchtender Stirn oder an einen still-melancholischen Jüngling mit Traumaugen und einer Byronlocke über der hohen weißen Stirn und diese Vorstellung gern bewahren will, der darf nicht horchen auf Stefan George. Wie er da saß, immer die Augenlider wie schwere Decken nieder, das knochige ganz rasierte Gesicht mit dem stark entwickelten Unterkiefer. 186 energisch vorstehendem Kinn, eingefallenen Wangen, scharfer Nase und vierkantiger Stirn unter einer schweren Kappe von dunkelbraunem, auf- Und hinterwärts glattgekämmtem Haar: ließ er an einen Bußprediger oder strengen Asketen denken. Und schwer wie Litaneien kamen die Verse mit eintöniger Psalmodierung aus diesem seltsam-strengen Mund, dann und wann etwas stärker durch die nur wenig voneinander weichenden Zahnreiben gepreßt und oft wie mit einem Grabklang langsam hertönend zwischen den dünnen Lippen.--------Das energische in sich selbst schauende Asketengesicht spricht von Verdichten der Kraft, von Kampf gegen die Leidenschaft, von einem innerlichen Leben in höchster Potenz. Nur mit furchtbarem Ernst muß dieses Leben für die Kunst ihn erfaßt haben, daß selbst wenn seine Verse von Freuden sprechen, seine Augen keinen Augenblick mehr aufleben und kein Ton von Heiterkeit die düstre Weise des "ortrags erhellt. Allen, welche die Kunst als Spielerei oder als Modesache "ebhaben, muß dieser Dichter wohl als ein Bußgesandter, als ein lebendes »Bekehrt Euch' erschienen sein". Hier wurde in der Tat ein Schlüssel zwar nicht für die Art und Weise d es Hersagens aber für den tiefen Ernst der Georgeschen Haltung in allen dichterischen Dingen genannt. Er stand in einer bürgerlichen Welt, deren Unvorstellbare Verständnislosigkeit für Dichtung wir eben geschildert " a ben. Das Bequemste und Alltäglichste, Platteste und Gemeinste wenn Uicht gar das Süßliche und Kitschige aus einer verlogenen und verbogenen Gefühlssphäre galt ihr in irgendeine gereimte oder reimlose Ordnung oder Anordnung gebracht oder noch lieber in schlechten Gesprächs- und Satz- forrnen des Schauspiels und Romans genossen als Dichtung. Das Wissen Ur n Dichtung als ein Werk der Kunst drohte damals verloren zu gehen, da s Gefühl für ihre hohe Bedeutung, die sie zu allen Zeiten und bei allen Volkern gehabt hat, war fast erloschen. ^ie Kunst, sagt Goethe, ist eine Vermittlerin des Unaussprechlichen. Achtung, sagt Shelley, ist dem Ursprung des Menschen mitgebürtig: Sie Pflückt eine Art Verdoppelung vom Baume des Alls, indem sie die Ur- Sa chen aller Erschütterungen, die wir von dort empfangen, im Spiegel der Sprache zurückwirft und so durch Zeichen und Sinnbilder die vorher un- be griffenen Beziehungen von Kräften und Dingen bezeichnet, sichtbar macht und ihre Begreifung dauernd bewahrt. Sie gibt das wirkliche Bild ^es Lebens ausgedrückt in einer ewigen Wahrheit, sie ist „etwas Gött- Uches, zugleich Mitte und Umfang des Wissens: sie ist das was alles Wissen Umfaßt und das worauf alles Wissen bezogen werden muß. Sie ist zu gleicher *eit Wurzel und Blüte aller anderen Gedankenbauten: sie ist das woraus all e entspringen und was alle schmückt, und sie ist das, was beim Verder- 187 ben Frucht und Samen verweigert und der unfruchtbaren Welt die Ernährung und die Nachfolge der Sprößlinge vom Baume des Lebens vorenthält' • Wenn nicht immer neue Dichtung entsteht, jene Bilder nicht immer neu aus dem Urgrund zurückgeworfen werden, so erstarren die Gedanken, vertrocknen die Begriffe und werden die Worte welk, die aus den lebendigen Zeichen in allen Ableitungen geschaffen wurden, und die Sprache wird tot für alle höheren Formen menschlichen Umgangs. Die heiligen Glieder der Kette, welche von den ewigen Mächten über die großen Geister zu den Geistern und Herzen der empfänglichen Menschen hinabreicht, sind alsdann zerrissen und die Lichtkraft, welche vom unsichtbaren Quell bis in alle Leben ausgesandt wird, verweigert den Samen der Erneuerung- Die blühende Dichtung aber webt unaufhörlich die heiligen Glieder vom Thron des All-Lebens der ewig kreist, bis zum Herzen der endlichen Menschen, wo er stetig errichtet werden muß, und ihre Sprache ist der Vorgang dieser Verbindung selbst, die Darstellung des Ewigen im Endlichen durch die dem All wie dem Menschen eingeborenen Mächte von Klang» Maß und Sinn. Denn Klang Maß und Sinn sind zwar menschlich-sprachliche, aber zugleich übersprachliche Mächte: es gibt auch Klang außer der Sprache vom Schrei bis zum Donner, es gibt auch Maß außer der Sprache vom Schritt und Pulsschlag bis zum Kreisen der Gestirne, es gibt auch Sinn außer der Sprache vom Augenblinzeln bis zum Blitz und Aufgang des Lichtes. Es sind die Zeichen und Gesetze der göttlichen Mächte der Welt, die in der Sprache das höchste umfassendste menschliche Mittel haben und als Dichtung in einer sonst für uns unerfaßlichen Einheit alles Wirklichen sichtbar werden. Die Unendlichen fügen sich hier in einen endlichen Ring und sprechen in der begrenzten Ordnung — die wir die schöne nennen — zum endlichen Wesen des Menschen. Sie bannen sich in einen festen Raum : den Gesang, den Auftritt, das Gedicht, die Strofe, und binden sich an ein einförmiges immer wiederholtes Durchschreiten dieses Raumes im Fuß, im Schnitt, im Vers, sie knüpfen sich weiter an ein gleichmäßig wiederkehrendes Echo der Töne, Gleichklang oder Einklang im Anlaut, im Reim oder an ein verhüllteres aber nicht minder gesetzliches Spiel der Entsprechung von Lauten im gemessenen Raum, sie unterwerfen sich endlich den menschlichen Bildern des Seins und Geschehens, Wollens und Denkens und erscheinen unter Sinnbildern in Satz und Satzglied als der dritten Stufe der Ordnung, ohne welche die Dichtung in Stoß und Stamp' fen, Schrei und Stammeln zerfiele. In dieser dreiteiligen Ordnung des dichterischen Gebildes bindet der Klang die Laute vom Buchstaben bis zur Lautgruppe, das Maß die Silben 188 Und Worte, der Sinn die Satzglieder, Sätze und Satzgefüge. Ihre Einheit lr n größeren oder kleineren Raum — die Klanglinien, Schrittmaße und Sinnbilder vereinend — ist der Rhythmus, die fließende Wellenbewegung der Form, die Gestalt oder der Ton des Gedichtes. Je vollkommener diese Einheit ist um so vollkommener ist das Gedicht: je mehr die unendlichen Mächte im Ebenmaß, im schönen Verhältnis aller Teile in ihr gebunden s ind, um so sichtbarer, herrlicher, wirkender ist ihre sinnliche Entfaltung "n endlichen Gebilde. Das Gedicht auf dieser Stufe der Gestaltung ist Stimme der Erfüllung, Offenbarung des Göttlichen in uns und außer uns, e s rückt uns aus einer Welt des Unendlichen, Übermächtigen, Unbegreiflichen, ja Ungeordneten in eine Welt der schönen, maßvollen und sinnvollen Ordnung, wo Freude und Trauer des Alls göttlich und menschlich zugleich sind. Im vollkommenen dichterischen Gebild ist, wie wir sahen, vom Buchstaben bis zum Satz alles künstlerisch durchformt. Das Hersagen des Gedichtes besteht also in der Wiedergabe dieser künstlerischen Form, und e utsprechend der Verschmelzung der drei Kraftbereiche zu einer Ordnung, ei nern Rhythmus oder Ton, muß auch die Hersage die Einheit der dreimaligen Ordnung wiedergeben. Der Dichter schafft diese lautliche verstandesmäßig nicht aufzulösende Klang- Maß- und Sinnverbindung von Porten in einer Gesamterschütterung seiner Kräfte und macht die mensch- Uch-göttliche Einheit auf allen Stufen des sinnlich wandelbaren Lebens in 'hr sichtbar. Der Dichter ist daher auch der Meister des dichterischen Sa- ßens, seine Stimme drückt den gesamten Bau und Gehalt des Gedichtes a m reinsten aus, ganz gleichgültig, welche Stimmittel ihm zur Verfügung stehen, und sein Ohr hat das beste Urteil über die Wiedergabe des Gewehtes durch andere Stimmen: er lehrt durch Vorbild und Winke das hersagen der Gedichte. Die Verlautbarung des Gedichtes ist die Wieder- er Weckung der gleichen Erschütterung, aus der es geboren wurde: die A eilhabe am Weltgang des Dichters. £*a in einer Sprach- und Volksgemeinschaft alle am Worte teilhaben, so 0 n n e n auch alle an der Erschütterung durch die dichterischen Gebilde te ilhaben, aber wie in allen menschlichen Bezirken wird die Teilhabe sich uach den geistigen Kräften stufen, die jedem mitgegeben sind — wie wir °enn annehmen müssen, daß von den im Theater versammelten Athenern al ie von den dunklen Worten eines Äschylus ergriffen wurden, auch die w elche wenig ja kaum etwas davon begriffen. Die Größe der sinnlichen Er- schütterbarkeit ist das unterscheidende Maß für die Stärke des geistigen Erfassens. Zu dieser Kräftestufung, die für alle Zeiten und Orte gilt, tritt n °ch eine Artungsstufung wie in der Antike zwischen Freien und Sklaven, 189 Griechen und Barbaren, im Mittelalter zwischen Adligen und Nichtadligen, Christen und Heiden, Stufen die auf gesellschaftlicher und geistiger Ab- schließung und Sonderung von Gemeinschaftsgruppen beruhen und nur den Trägern gleicher Artung eine volle Teilhabe an der Dichtung ihrer Gemeinschaft ermöglichen. In den neueren Jahrhunderten verlor sich allmählich das Merkmal der menschlichen Gesamtverpflichtung, das den früheren Rängen der Gesellschaft gemeinsam war, und schrumpfte zu einem einseitigen Bildungsunterschied, dem zwischen Gebildeten und Ungebildeten zusammen. Ja es ist das kennzeichnende Streben dieser Jahrhunderte bis heute geblieben, überhaupt alle Stufen und Sonderungen aufzulösen und innerhalb der Völker, ja womöglich der ganzen erdbewohnenden Menschheit zu einer Ausgleichung und Angleichung der Menschen zu kommen, die allen alles zugänglich macht, ein Verfahren, das bekanntlich im 19. und 20. Jahrhundert zur Vermischung, Ausbreitung und Verbreiterung aller geistigen Güter führte und eine Allgemeine Bildung schuf, die ihre Maße und Ansprüche an menschliche Artung und Haltung immer mehr von unten nehmen, immer tiefer herabsetzen mußte, um dem herrschenden Grundsatz gerecht werden zu können. Dieser Einebnung aller Lebensgebiete, die zur Verödung des ganzen Erdendaseins, zur Auslöschung aller höheren menschlichen Eigenschaften führt und auch die Menge selbst zum Verlust der höheren geistigen Güter verdammt, die nur von Oberschichten geschaffen und getragen werden können . . dieser Verflachung der ganzen Bildung stellte George sich in der Dichtung entgegen und schuf in seinen Werken das Bild eines Mensch- tums von solchem Anspruch an Adel und Herrschaft, Schönheit und Stärke, daß es der Masse seiner Zeitgenossen den Atem des Verständnisses verschlug und sie ihn am liebsten schon am Beginn seiner öffentlichen Bahn durch Hohn und Verlächerlichung vernichtet hätten. Aber an diesem Punkt zeigte sich, daß der Dichter auch der Meister war, der im künstlerischen Raum schon die neue Sonderung vollzogen hatte. Indem er sich selbst den Zeitbedingtheiten entrückte, hatte er zugleich eine Schar von Gefährten um sich gesammelt, einen Kreis von Gleichen erzogen und g e ' wappnet, die ihm folgten und sich auf dem scheinbar kleinen, in Wahrheit wichtigsten Gebiete der dichterischen Erneuerung einer unterscheidenden Artung von der Umwelt bewußt wurden. So lange sie diese in Georges Geiste zu behaupten und weiterzubilden die Kraft hatten, waren sie für alle Anwürfe unangreifbar, die ihnen ja noch wüster und gemeiner a' s ihrem Führer zuteil wurden. Der Dichter hatte ihre künstlerischen Kräfte in eine neue Bahn gelenkt, der Meister hatte sie auch gelehrt, die Gebilde der Dichtung in einer neuen Weise zu singen und zu sagen und so die ur- 190 sprüngliche Erschütterung in ununterbrochener lebendiger Weiterwirkung zu hegen und fortzupflanzen. Um die Wichtigkeit dieses meisterlichen Tuns und die Möglichkeit der Bildung einer neuen Übung und Überlieferung des dichterischen Sagens ganz zu begreifen, müssen wir noch einen kurzen Blick auf die geschichtliche Entwicklung des Hersagens werfen. Über die Verlautbarung der hohen in der Einheit von Wort Ton und Tanz dargestellten Dichtung der Antike besteht kein Zweifel. Es ist sogar mehr als wahrscheinlich, daß a He Schriften von Wert vom antiken Menschen laut gelesen wurden, ja selbst das Schreiben unter lautem Hersagen geschah. Wenn die Nachrichten darüber spät sind, so ist es kein Zufall, daß die weitaus meisten Stellen darüber dem 4. Jahrhundert nach Christus entstammen, jener Zeit, in der s 'ch zwei geistige Welten begegneten und daher Dinge geäußert wurden, ■• sonst in glücklicher Gewohnheit zwar getan, aber nicht besprochen Wurden. Was wir aus allem entnehmen können, ist ein tiefer Gegensatz zwischen der sinnlich-leibhaften Welt der Antike und der innerlich-seelen- "aften des Christentums auf diesem Gebiete. Die katholische Kirche hielt im Gottesdienst die herbe männlich-unmusikalische römische Form des Hersagens, die schon durch das Vorlesen der p salmen, Episteln und Evangelien gegeben war, aufrecht und führte ge- r ade im vierten Jahrhundert die eben zu ihrer höchsten Blüte gelangte griechische Singweise der orientalischen Kirche ein, aus beiden das wunderte — auch noch in der „stillen" Messe — gesprochene Wort der Litur- & ,e und den herrlichen Bau des Gregorianischen Gesanges gestaltend. Die Verbindung von Wort, Ton und Handlung war für den göttlichen Bezirk Wiedergewonnen, aber freilich tief verwandelt. Das Wort hatte seine beherrschende Stellung, die es von Homer bis zu Piaton und noch Jahrhunderte darüber besaß, aufgegeben. Es war nicht mehr der bestimmende ^eib, die bildhafte Gestaltung des Lichtes, sondern spiegelnder Träger e 'nes unendlichen ungestaltigen oberen Lichtstroms, Hauch des Heiligen feistes, mystischer Laut des mystischen Leibes Christi. Der Ton erklang "fi Gregorianischen Gesang — und auch im engeren Sprechton der Liturgie — nicht wie in der Antike m i t dem Worte, sondern über dem Worte Ul *d der Wortsinn bekam einen vom Gesang getrennten geistigen Stand. Aber was die Kirche so erhielt, waren die noch am meisten ergreifenden Klangzeichen der antiken Seelen, war noch das seelenhafte Spiegelbild der einstigen dichteren Verbindung, und es gehört zu den Wundern der geistigen Überlieferung, daß diese liturgischen Sageformen — heiliges Erbe bewahrend —, weiter dauerten, als in den neueren Jahrhunderten sich Ton u *vd Wort allmählich immer weiter voneinander trennten, bis endlich in der 191 Moderne der Ton gegen das Wort erklang, Musik und Gesang außer- ja gegendichterische Kräfte geworden waren. Die Dichtung war Jahrhunderte hindurch allmählich ihres öffentlichen Ausdrucks beraubt worden, ja das Bedürfnis nach dem gesprochenen Wort als der Erscheinung eines dichterischen Gebildes war im 19. Jahrhundert so erstorben, daß dem Laien nichts fremder und enttäuschender war, als einen wirklichen Dichter Verse vortragen zu hören, und umgekehrt war alles was der Laie Vortrag nannte, den Dichtern ein Greuel. Die drei Ur- elemente des Rhythmus, Klang Maß und Sinn, waren auseinandergetreten und hatten jedes in der Vereinzelung ihre besondere Vortragsweise ge- funden: der Klang im Musikrausch, das Maß in der von wissenschaftlichen Poetiken und Schulbüchern gelehrten skandierenden Humanisten-Metrik» der Sinn in dem von Schauspielern geübten und im Naturalismus völlig verwahrlosten Bedeutungsvortrag. Die Übung eines einheitlichen Hersagens wurde erst wieder möglich, als im Georgischen Gedicht jene Ur- kräfte eine neue Bindung gewonnen hatten, ihr Gesamtrhythmus eindeutig bestimmt und im Lautgebilde unmittelbar zu finden war. Die strenge Gesetzlichkeit der Form bei George, wie sie bisher mit solcher Folgerichtigkeit nur in der Musik durchgeführt worden war, gelangte zu einer solchen Klang- Maß- und Sinneinheit, daß wie Simmel es einmal für die Bedeutungssphäre der Worte aufwies, alle Nebenbedeutungen eines Wortes, die nicht zur Gesamtlage des Gedichtes gehörten und also die Tonreinheit stören könnten, durch die den Ort des Wortes bestimmenden Klang- und Maßverhältnisse im Gedicht für unser Ohr ausgeschaltet werden. Da s gleiche ließe sich auch für die Klänge, die Zeiten und die Stärke der Ikter» nachweisen, wenn nicht das Beispiel der „Zwymänner" schon die Gefahr enthüllt hätte, daß durch eine solche zerlegende Erkenntnis das lebendig e Gebilde aufgelöst aber für die Schönheit der Wiedergabe eines Gedichtes nicht das geringste gewonnen wird. Das Gedicht i s t der gestaltete Rhythmus oder Ton und zwar hat die Gesamtdichtung Georges, wie wir früher zeigten, einen getragenen Grundton, einen langausgehaltenen Dauerton, der in jedem einzelnen Gedicht als besonderer Ton aufklingt. Ihn aus der Einheit des Gedichtes mitschwingend zu erfassen und lautwerden zu lassen, ist die Aufgabe des Hersagens. Die strenge Gesetzlichkeit des Baues verbürgt, daß er immer wieder erzeugbar ist, aber er ist weder durch ein fixiertes Notengesetz noch andre Zeichen festlegbar, sondern nur durch die gleiche Erschütterung der im Lautgebilde gebannten Kräfte vernehmbar und darstellbar. Wie er unserer lebendigen Sprache entsprang, so beruht sein Lautwerden auch nur in der lebendigen Schwingung unserer Sprachkräfte in Klang Maß und Sinn. 192 Für die griechische Sprache, welche keine ausdrückliche Betonung der Wurzelsilben kannte, sondern ihre Wucht im Gleiten und Schweben der Worte, im Zusammenhang eines gegliederten An- und Abschwellens fand, "nögen wir die unwiederherstellbare Einheit ihres Rhythmus in der höchsten Gestaltung ihrer Wiedergabe etwa so deuten: zwei ruhige Formen, die Regelung der welligen Maßbewegung durch feste Zeiten — Längen und Kürzen —, und die Regelung der Klangbewegung durch die in geringer Entfernung um einen Mittelklang gelagerten Töne, standen in Spannung ■B der dritten bewegteren Sinnform, die sich im Auf und Nieder, in einem erregteren Höhen- und Tiefenunterschied der ursprünglichen Sprachmelodie ausdrückte. Das Wunder der gegenseitigen Verhältnisse dieser Formen im einheitlichen Raum vermögen wir zwar nicht wieder herzustellen aber doch zu ahnen am Wunder des neuen Hersagens, um das wir Sern das Opfer des vereinzelten Musikrausches, des skandierenden Marschtrittes und des schauspielerischen Rollens zwischen Flüstern und Donnern, Schleppen und Übereilen, Wimmern und Zürnen gebracht haben. Unsere Sprache muß die Formkräfte im dreidimensionalen Sprechraum des dich- te rischen Lautgebildes notwendig anders lagern als die griechische oder r °mische oder eine von diesen abgeleitete. Statt eines melodischen Gleitens und Schwebens kennzeichnet sie gerade die leidenschaftliche durch h eftig en Stoß (Iktus) auf die einzelnen Wurzelsilben hervorgetriebene kinnäußerung. Die Maßform ordnet daher die Bewegung dieser Stöße durch teste Stärken: durch einen gesetzmäßigen Wechsel von Hebungen und Senkungen der Stimmgewalt. Die Klangform setzt dieser Stoßbewegung eine Gegenbewegung entgegen: nicht eine Eintönigkeit sondern eine Aus- Seglichenheit von Klanghöhen und Tiefen innerhalb der Silben jeder Zeile ü nd zwischen den einzelnen Zeilen selbst. Diese Höhen- und Tiefenunterschiede machen im musikalischen Sinne nur selten ganze, meist nur halbe Und Viertelstöne aus. Sie heben sich nicht wie Falschunterrichtete behauptet haben, sondern senken sich zur letzten Zeile der Strofe hin und ** tr Abschluß der Strofe klingt schwebend in gleicher Höhe aus. Die Hinform tritt nun zur Gesetzmäßigkeit der Hebungen und Senkungen und 2y r Ausgeglichenheit der Tonhöhen und Tiefen durch das neue Element er Zeit in eine dritte Spannung, indem sie die Stimme zum längeren oder Kürzeren Verweilen auf den für die Bedeutung wichtigeren oder unwichtigeren Satzgliedern zwingt und so auch das letzte Sprachelement des Ge- ,c htes in den Rhythmus des künstlerischen Hersagens einfügt. In ihrem Ursprung freilich hat diese erst von George vollendete Einheit de s Hersagens nichts mit der gedanklichen Gliederung zu tun, durch die ^ lr sie hier zu fassen versuchten. Das neue Hersagen Georges wurde im ' 3 193 eigentlichen Wortsinne willkürlos mit seiner Dichtung geboren. Es teilt die Gesetzmäßigkeit und Getragenheit des dichterischen Vortrages mit dem musischen der Antike, aber es ist seinem Wesen, dem gegenseitigen Verhältnis seiner Formelemente nach eine neue Weise des ewigen Strebens nach gehobenem Ausdruck des sakralen Wortes: die deutsche Weise, die auch mit den gleichzeitigen Romanischen nichts zu tun hat. Das italienische und französische — und ähnlich auch das englische — Hersagen war von den großen Theatern bedingt, besser gepflegt und mehr von erhaltener Überlieferung getragen als das gänzlich verwilderte deutsche der Zeit» aber im Wesen nicht von ihm unterschieden: auf das Pathos des Schauspielers nicht des Dichters gegründet. Die jüngeren französischen Dichter beanstandeten den Vortrag auch der Comedie und lasen dichterisch wie alle Dichter von Rang. Mallarme legte den Wert auf das Geheimnisvolle („le mysterieux") in seinem mehr verschwebenden als gehaltenen Vortrag. Was das Hersagen Georges von den andern unterscheidet ist die Umschließung aller Spannkräfte der Dichtersprache. Ebendarum wurde es zu einem einzigen Werkzeug des Meisters, weil es dem leichten Genuß ebensowenig zugänglich ist, wie dem kritischen Spürsinn. Denn ein Teilhaftes läßt sich durch Aufzählung einfangen, eine Einzelheit oder mehrere lassen sich begrifflich erfassen, aber ein lebendiges Ganzes erschließt sich nur dem, der sein ganzes Selbst dem Einstrom des Schönen öffnet, der sich der gleichen Erschütterung unterwirft wie der Schöpfer des schönen Maß' gebildes, und nur der völlig Hingegebene kann so vom Gesamtton vom Rhythmus des Gedichtes durchdrungen werden, daß er die ganze gesetzliche Einheit der lebendigen Ordnung wiedertönt. Auch ein Wissen um alle Teilformen, wie wir sie oben zu umgreifen versuchten, hilft keinen Schritt zum Hersagen eines Gedichtes, sowenig wie wir aus allen Theorien des Hellenismus das griechische wieder herstellen können. Nur das lebendige Überliefern von Mund zu Mund, nur das Vorbild des Gleichgearteten gibt dem Gleichgearteten den Schlüssel weiter. Da es die Erschütterung des ganzen Menschen voraussetzt, wurde das Hersagen für George eines der untrüglichen Zeichen für die Artung des Menschen, ein Mittel des Urteils vor dem kein Verstellen hilft und jeder Täuschungsversuch versagt 1 alles verrät sich an ihm, man muß hersagen wie man ist — auch über die eigne Selbsterkenntnis hinaus — und kann es so wenig verschönern w> c man den Blick seiner Augen willkürlich schöner machen kann. Es gib* Widerstrebende aus innerem Eigenwillen, die noch fähig sind, das Hersagen nach der Einschmelzung ihres Eigenwillens zu lernen, es gibt aber Naturen, die unfähig sind, es zu wollen und zu können. Es ist schwer hier 194 Unterscheidendes zu sagen. Die guten Hersager kennzeichnet ein Doppeltes: eine innere Haltung von fester Art als Grundzug und eine zarte Regsamkeit und Schwingungsfähigkeit der gebändigten Kräfte. Bei den schlechten Hersagern hat eine dieser Seiten eine übertriebene Ausbildung °der fehlt auch völlig, sie sind zu starr oder zu weich, zu rational °der zu musikalisch. Wer den Musikrausch nicht opfern will, schaudert vor dem Hersagen, wer zu verstandesmäßig ist müht sich an !hm vergebens. — Auf die Auswirkung des Hersagens im späteren Lebenskreis Georges und die geschichtlichen Einsichten, welche sich daran knüpften, kommen wir noch zu sprechen. 3. KAPITEL: DER TEPPICH DES LEBENS NACHDEM in der vierten Folge der Blätter für die Kunst im November 1897 die ersten Gedichte aus einer neuen „Nach der Ankunft des Engels" betitelten Reihe Georges veröffentlicht worden waren, vergingen w enig mehr als anderthalb Jahre bis zur Vollendung des ganzen Werkes, de m jene Gedichte angehörten: es war der TEPPICH DES LEBENS. In der Sommermitte des Jahres 1899 hatte George es schon bei Lechter vorgelesen und dem Künstler die Handschrift zur Gestaltung des gedruckten Buches überlassen. Die schöne Handschrift bestand aus einem recht- ec kigen Heft von grauem Büttenpapier, auf dessen Seiten je zwei Gedichte ln Kolumnenform nebeneinander geordnet in schwarzer Schrift mit roten Anfangszeilen oder roten Überschriften standen. Lechter war von den Gedichten aufs tiefste ergriffen worden und setzte seine ganze Kraft dar- an > dem neuen Werk auch in der äußeren Buchform die Wucht und Pracht s eines Gehaltes zu geben. Er behielt sowohl die Farben der Handschrift, Schwarz und Rot auf grauen starken Büttenblättern, wie auch die Anord- n ung der Gedichte in zwei Kolumnen auf jeder Seite bei. Doch ließ er die ^trofe je mit einem Zierbuchstaben beginnen, die im allgemeinen von Speicher Größe, doch zuweilen im Maß wechseln oder ganz fortfallen, weil die Schreibung der Gedichte es erforderte, die Lechters zarte Hand stets bestehen ließ. Er vergrößerte aber das Format der Handschrift auf ein »iereck von 36 : 36 cm und füllte die dadurch entstehenden leeren Räume u ber und unter den Kolumnen durch breite und an den Seiten schmale Um- r ahmungen aus, die nach der Dreiteilung des Buches dreimal wechseln: 2 Uerst ein Brunnen- und Kerzen-, dann ein Schlangen- und Baumranken-, u °d endlich ein Rosenblütenornament. Vor jeden Teil ist der Teiltitel in ei n Vollbild gestellt: es sind „die Bilder des über Wolken thronenden En- 195 gels, der lebenergießenden Blumen und der Harfe in der Hand der letzten Leidenschaft". Den Schluß des Buches fängt eine in Rosen Sternen und Weihrauch schwebende Leier mit zersprungener Saite auf, den Beginn bildet mit zwei aufflammenden Leuchtern und der durch Stern und Wolke herabschießenden Taube des Geistes der Gesamttitel von kräftigen schönen Großbuchstaben in Schwarz und Rot. Dem starken moosgrünen Leineneinband ist der gleiche Titel noch einmal in abgetöntem Blau eingepreßt. Als Druckschrift war eine fette Antiqua gewählt und große Sorgfalt auf die Sattheit der Farben gelegt worden. Das Buch machte auf die Zeitgenossen — mochten sie widersprechen oder zustimmen — einen außerordentlichen Eindruck und bis heute kann sich ihm kein neues deutsches Buch an Großheit und Geschlossenheit vergleichen. Denn nicht aus irgendeinem Zufälligen sondern aus einer tiefen Ergriffenheit durch das Werk und einer großen Verehrung seines Dichters war das Buch unter Lechters Händen gediehen und spiegelte in seinen Formen die erschütternden Gesichte wieder, welche die Gedichte des Freundes in ihm ausgelöst hatten. In Lechters Schmuck war die alte „Illustration" so gut wie die neue „Reklame" in der Buchausstattung überwunden, war aus geistiger Beglückung und menschlicher Dankbarkeit eine einmalige und so nicht wiederholbare aber fruchtbar weiterwirkende Grundart des heiligen Buches geschaffen worden, das jedem freundlichen wie feindlichen Blicke den hohen Anspruch und die Unantastbarkeit seines Inhaltes verkündet. Es ist das Werk der männlichen Reife und heute noch so schwer betretbar und durchdringbar wie zur Zeit seines Erscheinens: das Werk der größten Zeitferne des Genius, der nicht vom Nächsten und für viele spricht, sondern „wie herab vom Äther" redet und das Buch selbst ein Siegel nennt, das sich den wenigen nur in seltner Stunde öffnet. Und dennoch scheint sein Inhalt sich auf das Allgemeinste zu beziehen, das allen eigen, allen zugänglich, ja vertraut erscheint: auf das Leben selbst. Das „Leben" war besonders seit Nietzsche das gebräuchlichste Schlagwort der Zeit geworden: der Stoff aller Dichtung, der Vorwurf aller Staats- und Gesellschaftskünste. Aber von dem also gemeinten Leben der Vordergründe, der Nachahmung, des Nutzens, des Genusses, der Regelung und Fürsorge findet sich bei George nichts, kaum eine Andeutung, daß es in seinen augenhaften Formen von Markt und Ufer, Spiel- und Kampfplatz als Bereicherung des künstlerischen Sinnes gewertet ist oder daß es in einer Gegensätzlichkeit als Welt der vielen überschaut und diese als fremd verwiesen ist, außer in den seltnen Fällen einer großen Schicksals- und Schmerzgemeinschaft mit der Menge. George sah in der Umwelt seiner 196 Zeit nur Splitter des großen Lebens, das alles Geschaffene durchströmt und in immer neuen Geburten sich selbst erfüllt. Dieses Leben ist die unerfaßliche umfassendste Urmacht, die in raumzeitlichen Formen erscheint und deren Erscheinung zum Bewußtsein des menschlichen Geistes erhoben wird durch die Auflösung dieser Formen, durch den Tod, der jeder lebendigen Form schon mitgeboren ist. Er ist Grenze und Ende der Formen, aber indem er durch ihre Auflösung das Allgemeine Urmächtige sichtbar macht, aus dem sie herstammen, zugleich die Vollendung des Lebens, die nötige Angel seiner ewigen Wiederholbarkeit im irdischen Raum. Leben und Tod sind unserem Geist die ewigen Dioskuren, die ihm die Schwelle zwischen Geist und Dunkel setzen, grausam in ihrem unerbittlichen Wandel, schön in ihrem immerwährenden Auf- Und Untergang. Solange der Wechsel besteht werden Geschöpfe und Gestalten gezeugt und geboren und die Schwermut des Einzelwesens beruht in der Unaufhebbarkeit der im Wechsel bedingten Gegensätze von All und Ich, Licht und Finsternis, Werden und Vergehen, Gott und Mensch, Einer und Viele und all jenen Widerstreiten in den Höhen und Tiefen. Aber das furchtbare Grauen des Geistes besteht nicht im Tod der Einzelleben sondern in der verhüllten Gefahr der Auflösung des tragisch-schönen Lebens, der Vernichtung dieses Wunderwerkes durch das Ungestaltige, das alle Spannungen Lösende, alle Stufen Ebnende, allen Wechsel ins Laue Glutlose Leblose Stürzende, das Nicht-mehr-Sein und Nicht-mehr-Wirken: die Welke der Welt. Diese Welke ist der Feind des Lebens selbst: mit allem Zeugen, Wirken, Bauen und Gestalten wirft es sich ihm entgegen, und die schöpferische bildnerische Kraft des menschlichen Geistes ist nur die höchste zur Bewußtheit des notwendigen Kampfes gelangte Kraft des Lebens. Die schaffenden Geister, und unter ihnen zuerst die großen Dichter, sind die Führer des lebendigen Heeres und die Dichtung ist die feinste Waffe im heiligen Streite der Lebensgestaltung, des Sichtbarmachens der Formen, sie ist die größte Retterin gegen das halt- und bildlose Versinken, gegen die immer drohende Ungestalt. Denn in ihren Werken ist bei dichtester Fülle kein grenzenloser Raum, bei geschlossenen Grenzen doch stete Bewegung, bei Jeidenschaftlicher Bewegung kein überquellendes randloses Maß, bei strenggemessenen Verhältnissen keine tötende Starre und bei festem Gefüge doch e »n fließendes Spiel zwischen Ganzem und Teilen. Die Dichtung stellt die höchste Notwendigkeit und den tiefsten Sinn des Lebens: das Ordnen in schönen Maßen, das in der Natur und allen anderen Bereichen außer der Kunst nur im steten unbarmherzigen Kampfe oder in unüberschaubarer Wirrnis sich vollziehen kann, im ruhigen Spiegel des vollendeten Werkes 197 als ewiges Gleichnis, als Gesicht des schauenden Geistes dar. Sie hebt keine Gegensätze auf, aber sie bindet ihre Pole zu einer lebendigen Schönheit und vollzieht so das Gesetz des großen Lebens selbst. Wenn George in der dritten Folge der Blätter gesagt hatte: „Wesentlich ist die künstlerische Umformung eines Lebens — welches Lebens? ist vorerst belanglos", so war nun auch deutlich, welches Leben gemeint war: das Schöne Leben, das hieß: nicht das leichte, gelöste oder gar genüßliche Leben, sondern das gestaltete Leben in all seiner sinnlich-frohen Fülle aber auch in all seiner dunklen schwermütigen Tiefe, mit all seinen herrlichen Lichtern und Leibern aber auch mit allen seinen Härten und unlöslichen Widersprüchen, mit all seinen freundlichen Scheinen und düsteren Schatten, mit all seiner Lust und all seiner Qual. Wir fühlen heute aus dem ganzen Tun und Wirken das Recht des Dichters seine Gesichte des Schönen Lebens als wahrhafte Zeichen des großen urmächtigen Lebens zu setzen, wir schließen aus ihrer Klarheit, Wucht und Tiefe auf die Lauterkeit, Stärke und Fülle seines Wesens, er aber mußte damals mit einer unausdenkbaren Spannung aus der Glut seines Dranges, aus der Einzigkeit seiner Gesichte, aus der Sicherheit seines Griffels den Anspruch und das Recht zu solchem Unterfangen in der innersten Einsamkeit des Geistes spüren, wo Freund und Gefährte, jedes sichtbare Ziel und selbst die berauschenden Antriebe des ersten jugendlichen Blutes fern waren. Und dennoch verrät unter allen Bildern schwerer Geschicke kein einziges auch den Hauch eines Zweifels an der Gewißheit des an ihn ergangenen Rufes, auch nur die Spur einer Furcht vor dem Versagen oder Versiegen der werkhaften Kraft: in ihm war nichts von Welk e Verzicht und Lauheit, er war ein Streiter des Lebens vom Kern bis in die letzte Fiber. Aber gerade deshalb, wie wir anzudeuten suchten, waren die tragischen Spannungen des Lebens in ihm nicht geringer sondern stärker geladen- Der Mensch ist Gefäß des ganzen göttlichen Lebens in dem doppelten Sinne Träger und Getragenes der mehr-als-menschlichen Macht zu sein, er stellt den Schöpfer und das Geschöpf, das Eine und das Viele, das Ewig c und das Endliche in all seinen Widerstreiten und Einungen dar. Je mächtiger die spannenden Kräfte um so gleichgewichtiger erscheinen sie, J e höher die Lage des Gleichgewichts um so dichter und unergründlicher ist ihre Einung im Wirken und Leiden. Wir sahen schon und werden es noch deutlicher sehen, wie sie im Leben und Werk unseres Dichters sich m«t weiten Flügelschlägen manchmal bis an die Ränder des Unsagbaren spannten, manchmal das Gefäß zu sprengen drohten, aber dennoch fähig waren sich auf jeder neuen Werkebene inniger ineinander zu fügen. Das 198 neue Werk tat schon in der abermals gesteigerten Straffheit seines Aufbaues dar, daß eine noch größere Vielheit der Lebenserscheinungen in ihm Umgriffen und zu einer dichteren Einung als bisher verbunden war. Dreiteilig wie schon die früheren Werke ist in ihm die ganze leidenschaftliche Glut mit noch größerer Strenge als vorher gefaßt: jeder Teil ist aus vierundzwanzig vierzeiligen Vierstrofern gefügt und nur selten einmal wechsln die Maße und Reimfolgen der Gedichte. Wie ein Bauwerk in regelmäßigen Säulenpaaren und Quadergruppen geordnet steht das Ganze als das vollendetste Kunstwerk unter den bisher geschaffenen Werken da: von körperhafter Dichtigkeit und unbedingter Reinheit der Bilder und Formen, von unbeirrter Bestimmtheit der Farben und Klänge. Und nicht nur in der Einheit des Ganzen, auch in der Unterschiedenheit der Teile hat hier der dreiteilige Gedichtkreis seine strengste Durchbildung erfahren: im ersten überwiegt die Bewegung in der Zeit und daher auch das Zeitwort, im leiten das Stehen im Raum und daher auch das Dingwort, im dritten das Schweben über Raum und Zeit und daher auch die Eigenschaften und umstände bezeichnenden Wörter. Selbst der größere oder mindere Nachdruck auf die dichterischen Mittel von Sinn, Maß und Klang ist in dieser Aufeinanderfolge für die drei Teile leicht ersichtlich. Es ist ein sonst nur dem heiligen Bauwerk eignendes Gleichmaß des Ganzen und der Teile, das Sc non in der ursprünglichen Empfängnis des Werkes die ganze Stoffmasse Unter das Gesetz des Einklangs zwingt. Es ist das Wunder des großen Kunstwerkes, in dem die Kräfte der hohen Vernunft und der hohen Ein- "dung eins geworden sind, wie wir es in vollkommenster Geschlossenheit an Dantes Göttlicher Komödie kennen. Nicht die Strenge noch die Bän- d'gung selbst war das Neue, das sich äußerte, sondern die vollendete Ge- ^tzlichkeit dieser Strenge, die Unbedingtheit ihres Sieges und die Ein- Ugung der ganzen leidenschaftlichen Lebensdränge in den gesteigerten 0r mwillen der dichterischen Zucht. * m »Vorspiel" sagten wir, überwiegt die Bewegung in der Zeit, es ist J a matisches Spiel vor den Bildern und Klangträumen, seine Gedichte sind a ndlung im weitesten Sinne: Einzel- oder Zwiegespräche als gegenwär- l ge Vorgänge, Gleichnisse früherer oder kommender Zeit in handelnden ^ es en, Befehl und Lehre, Mahnung und Tröstung mit dem Ton und der . es te sich Aug in Aug gegenüberstehender Personen. Das Leben erscheint ' n seiner gespanntesten Bewegung und Gegenbewegung von Du und Ich, hr und Wir. Nach der Wiedergewinnung der leiblich-seelischen Einheit at de r Geist des Dichters „die Wendung zu sich selbst" gemacht und jene w eiung vollzogen, die wir an Dante und Vergil und in der Widerspruchs- r m an Faust und Mephisto kennen: sein höheres Selbst, sein göttliches 199 Teil erscheint ihm als Bote des Schönen Lebens. Was ihn bisher in den Erschütterungen des dichterischen Schaffens von Augenblick zu Augenblick entzündet und genährt, gelenkt und gezwungen hat, überherrscht nun ganz und dauernd den menschlichen Teil, ist bleibende Erscheinung geworden und aus der in den Traurigen Tänzen noch fast erdrückenden Gegenwucht des ganzen Alls, aus der namenlosen Weite der waltenden Mächte des Lebens ist sein Genius selbst als Herr und Meister, als guter und getreuer Geist, als Freund und Führer an seine Seite getreten. Der Engel, wie Lechter ihn gezeichnet hat, ist der purpurumwallte Hüter des Gesetzes, die thronende Macht mit dem Diadem auf der Stirn und den Tafeln in Händen, aber der hier im Vorspiel dem Dichter erscheint, ist nackt, ohne Krone, blumentragend und rosenbekränzt, lächelnd und fast mit der Stimme des Dichters selbst. In dem einschränkenden „fast" der gleichen Stimme liegt freilich die ganze Spannung des zweieinigen Göttlich-Menschlichen im Dichter, liegt die ganze Weite des Abgrunds, den seine Sehnsucht im neuen Werke zu überbrücken sucht. Daher führt sogleich das zweite Gedicht den Traum der Kindheit herauf, wo allein es diesen Abgrund nicht gab, wo Wunsch und Vollendung eins und das Höchste schon irdisch-wirklich war. Was seitdem der Erwachte in 1 Kampf um Liebe und Herrschaft, um Glück und Berufung, um Sinn und Widersinn des zwiespältigen Daseins gelebt und gelitten: alle Fahrten und Rasten, Leiden und Wonnen, die auf diesem Wege lagen und liegen und noch bevorstehen, bildet den Gegenstand für das selbstherrliche Gespräch des Dichters mit seinem unsterblichen Führer und Lenker. Das Vor und Nach vertauscht sich auf dieser Ebene: früheres Streben wie sehnendes Wollen wird gegenwärtiger Wandel mit dem Boten des Lebens. Er hält w Unheil, Sturm und Wahn das Steuer, er hob drohend die Fahne, wenn der Schmerzbewegte das leichtere Glück am Herzen der Liebe suchte, er bannt den Fernwandrer an den heimatlichen grünen Strom, er mahnt ihn an di e Schrecken, als den Trotzenden die Empörung bis an die Grenze des Frevels, bis vor die Verleugnung seines Amtes trieb, er weist den Dichter aU* den Ort der Überschau über dem Menschengewimmel im Tal, er deutet ihm das Verhalten der Edlen vor Schicksal, Schuld und Tat. In ihrem erhabenen Umgang bietet der Engel Gnade Lohn und Tröstung aber auch die Schonungslosigkeit des höheren Wissens, bekennt der Dich' ter Verehrung und Treue aber auch die Schmerzen der schweren Wanderschaft bis zum bitteren Ende. Ein Gruß unendlicher Süße trifft nach der Erinnerung an die steile Pracht der Beginnerjahre die Heimatlandschaft, ein flammender Ruf, nach dem Blick auf das Treiben der Rührigen. di e nächtige Freundesrunde, wo das neue Wort mit neuer Stimme erklingt- 200 wo schon die Lobesstimme der schönsten Jugend den Erlöser aus dumpfem Dasein, den Lehrer neuer Tänze und Erdenfreuden, den Bildner künftiger Herrscher preist. Wie der Dichter selbst in den Gesprächen von seinem Schützergeist gemessen und gewiesen, gewarnt und belobt wird, so richten sich auch die Worte und Blicke des Meisters — und oft sind beide Bewegungen im gleichen Gedicht ununterscheidbar vereinigt — auf die Seinen messend und befehlend, warnend und lobend. Leisester Wink und unerbittlicher Spruch e rgeht: von der Einzigkeit des Neuen Lebens im Wirrsal tausender Mei- n ungen, von seinem unerhofften Aufgang in toter Zeit und unter stürzenden Welten, vom Tröste fürstlicher Seelen vor den wechselnden Bildern, v om Verhältnis der Wenigen zu den Vielen und von den sicheren Gründen der Kraft: dem reinen Licht und dem unterirdischen Wachsen der Säfte, "ur ein tiefer Unterschied herrscht zwischen den beiden handelnden Gruppen, Engel und Dichter, Meister und Jünger. Trotz aller früheren Kämpfe ^Od Widerstreite ist an der unbedingten Gefolgschaft des Dichters, an seiner Einswerdung mit dem Führergeiste nicht der geringste Zweifel übriggeblieben und ihre Zweieinigkeit ist bis zur Todesstunde als un- e rschütterlicher Bund gesichtet. Doch durch die Bilder der Gemeinschaft des Meisters mit den Jüngern bricht trotz all deren Lieben und Preisen der Gedanke an Feigheit und Flucht der Allernächsten. Die Furcht des Verlassenwerdens, des Alleingehens auf schwerer Bahn und c, es einsamen Todes bricht in erschütternder Klage auf. Hier lag drohend ein Ungenügen und bebte ein Schmerz viel tiefer als der Kummer um die Vergänglichkeit des Ruhmes, die er mit den Größten teilt, viel trostloser a ls der Hunger nach neuer Zehr, den ein lichtender Morgen wieder stillt: v °r der Freundverlassenheit am Ende der Bahn steht keine Tröstung des Engels und sein Weinen an dieser einzigen Stelle zeigt an, daß hier ein Un gestilltes Hoffen pochte, daß hier eine Frage an den Schutzgeist gestellt w ürde, auf die er nur eine entsagende Antwort wußte. Eine Entsagung °hne dichterischen Lohn? Es lag ein tiefer Widerspruch zum ganzen Lebenswerk in dieser Antwort, aber da der Engel selbst sie gab, schien, ja Wa r eine andere damals nicht möglich und zwischen einer letzten Sehnsucht und ihrer Erfüllung klaffte ein offener Abgrund, jenes „fast" das be im ersten Gruße aufklang. Das Unerbittliche ja Drohende des Werkes, aas wie Verwey einmal schrieb schon aus dem Titel spricht, hat hier seinen °rt. Vor dem Unausweichlichen wird jede Gebärde herber und strenger. ö 'e Gedichte vom Übermaß des Glückes und Übermaß des Grames, worin da s »Vorspiel" ausklingt, bezeichnen für den höchsten Traum die wachende Einsamkeit und den Tod. Wohl weiß der Dichter sich für den hei- 201 ligen Führer, den strengsten Herrn auch zum letzten Opfer bereit und fühlt ihn auch dann noch schirmend zu Häupten stehen. Aber der Tod steht hier auch für das Ende des Schaffens, er ist dem Traum bis zur Vereinigung nahegerückt, selbst der Geist der Dichtung, der alles lösende erhöhende und stärkende Engel, wird ihn nicht bannen können. Der Tod trinkt das Leben wie die Lebenbilder, den Triumph wie den Rausch, und das „Vorspiel" wie die „Lieder" klingen in ihm aus: beide Male schauen männlich-gefaßte Augen ihn an: ohne Klage, ohne Verletzung der Würde — aber nichts weist über ihn hinaus: mit ihm scheint hier Leben und Werk zu enden. Im Handeln in der Zeit mußte das Leben aus seiner Einheit in ein Ich und Du und Ihr auseinandertreten, damit aus dem bewegten Spiel der Getrennten ein künstlerisches Ganzes vor unseren Sinnen erscheine. Im zweiten Teile des Werkes im TEPPICH DES LEBENS entfaltet es sich in 1 Raum und stellt sich in seiner Vielfalt und Fülle, im Reichtum der Verkörperungen dar. Nicht e i n auch in der Doppelung an das Ich gebundener sondern viele Träger des lebendigen Daseins erscheinen, deren ruhende Bildlichkeit keine handelnde Spannung zu einem Persönlichen erfordern. Sie stehen nebeneinander, in sich geschlossene Körper, erhalten aber im TEPPICH durch die Gegenüberstellung je eines Paares, das ohne sich z u berühren im Gegensatz verbunden ist, eine bewegtere Ordnung als in der unbedingten Einzelstellung. Diese gleichgewichtige Anlage wird noch dadurch zum Raumgefüge erweitert, daß jeweils mehrere Paare durch einen gemeinsamen Gehalt zu Gruppen verbunden sind, die von einer erdhaft' elementaren zu einer reinmenschlichen, von einer geschichtlichen zu einer höchsten geistigen Sphäre aufstreben. Es ist, wie das erste Gedicht selbst andeutet, ein weites Gesamt von Räumen und Gestalten, das in seltner Stunde aus dem Rankenwerk des Teppichs tritt. Das frühe Ziel der „geistigen Kunst" ist hier zur Vollendung geführt: die im Vielfältigen der räumlichen Erscheinungen verborgenen und unfaß' baren Lebensmächte: die Urgewalten von Licht und Luft, Wasser und Erde, die Zaubergewalten von Gewächsen und Leibern und noch die schöpferische Gewalt des Geistes selbst in Werk und Tat sind hier i° sprachliche Gebilde gebannt. Sie erscheinen bald in ihrer aufbauenden bald in ihrer sprengenden Natur bald als Bewahrer einer Ordnung bald als ihre Widersacher, aber immer als geistige Grundbilder, erschaute Gesichte, die in all ihrer Kürze und Einfachheit schwerer mit dem Sinn des großen Lebens beladen sind als tausendseitige Einzelschilderungen und tiefsinnig c Systeme der Philosophen. Diese Lebenbilder rücken einen ewigen Wert des flutenden Zeiten- 202 Stromes in gegenwärtiges Ereignis, sie bannen ein immer wiederholtes lr nmer schwindendes Geschehen der Erd- und Himmelsmächte wie das Gewitter in ein menschlichgestaltiges Spiel, sie heben einen Zauber, eine Leidenschaft, eine Not aus dem Bereich des Dumpfen, Wilden und Un- Sreifbaren ins hohe geformte Beispiel, in jene augenhafte Wissensform der Sprache, die den hellsten Sinn, das Gesicht erfaßt und sich tiefer in den Geist prägt als Lehrsätze und Formeln. Sie haben die Sagenferne einer "errischentrückten Schau und sind doch tiefer aus unserem deutschen Land üt *d Leben geboren als alle früheren Gedichte Georges .. selbst die durchgehende vierzeilige Strofe des ganzen Werkes ist die artvertretende deutsche seit dem Nibelungenlied. Wenn das Vorspiel schon ein Verblassen der südlichen Wunder und die Eir »kehr in die Heimat preist, so ist DER TEPPICH DES LEBENS ganz aus en erdhaften geschichtlichen und geistigen Stoffen unseres Volkes ge- 'rkt. Aber nicht die tagflüchtige Zeitform unseres Volkes erscheint in ftr n sondern sein urtümliches Sein, wie es in der Seele des Dichters am re »nsten lebte. damals um die Jahrhundertwende waren die zerstörenden Kräfte schon ltl gebrochen, die heute in wüsterem Ausmaß weiterwirken, und mit der e Utschen Erde wie dem deutschen Menschen den schlimmsten verzehren- e ° Raubbau treiben. Der Dichter gönnt ihnen in diesem Werk weder ll ck noch Wort, er stellt in seinen reinen Raum nur die lauteren Bilder Se "ier Schau: als Gegenbild des „Teppichs", aus dem die geistigen Gestal- etl treten, die „Urlandschaft" den nährenden Grund, aus dem die dump- en wie hellen Geschlechter des Volkes steigen, den „Freund der Fluren" 11(1 das „Gewitter", als die menschlich-hegende und himmlisch-erschüt- ^rnde Macht der bebauten Erde. Der Sagen- und Märchenschauer des °rfes steht neben der leeren rätsellosen aber noch treu am Erbe haften- en Phantastik der Epigonen, die tiefe fromme Wundergläubigkeit neben lc hter ahnungsloser Aufgeklärtheit, die einst das dumpfe Grollen der teren Elemente nicht spüren wollte. Man glaubt zuweilen noch Ort und ^dschaft unseres Vaterlandes zu erkennen, aus denen die Gleichnisse ar nmen, und was an seelischem Bestand unwiederbringlich verlorenging, ** der Dichter in die Sprache gerettet bis zur Erstehung in neuer Geburt. °ie drei nächsten Paare beschwören die Urbilder einer Menschlichkeit, e noch mit der ungebrochenen Leidenschaft geschwellt ist, wie unsere 0r iahren sie besaßen und wie sie im ersehnten Menschtum des Dichters ult: den wilden Rachezauber und die Ruhe des Todgewillten vor Frevel ncl Untergang . . den morgenfrohen Aufbruch des Kühnen, hinter dem s Schwermut der Unzulänglichen klagt, und die Opferwilligkeit des 203 Starken vor seinem Herrn .. den demütigen Stolz des Erkorenen und den verborgenen Bruch des Verworfenen, der das Leben vorwegnimmt und den Kranz verspielt. Immer ist es der heldische Einsatz des ganzen Daseins- das stolze Spiel mit dem Schicksal die hier als Vorbilder aufblitzen. D' e Verfehmtheit und Einsamkeit um die Häupter der Jünglinge und die unbedingte Hingabe an den Führer sagt uns, daß wir hier in der Luft unsere' eigensten Sage stehen, wie sie von der Vorzeit bis heute die Geschicke der Besten umweht und uns mit diesen besonderen Merkmalen heldischer Ar tung angeboren ist. Das gilt nicht minder für die geschichtlichen Bildet Die „Romfahrer" behaupten das Recht unserer tausendmal befehdeten Südersehnsucht, die „natürlichste aller deutschen Stammeseigenschaften: in dem Süden die Vervollständigung zu suchen, in dem Süden, von dem unsere Vorfahren Besitz ergriffen, zu dem unsere Kaiser niederstiegen ufl 1 die wesentliche Weihe zu empfangen, zu dem wir Dichter pilgern, um * ü der Tiefe das Licht zu finden: ewige Regel im Heiligen Römischen Reich« Deutscher Nation". So konnte freilich nur der in Sang und Merkspruch reden, der damals auf die Frage nach der Berechtigung solcher Süder- fahrten einem Jüngeren die Antwort gab: „Nur dem der die Weite kenn 1 ' wird die Heimat fruchtbar". Und gerade neben die „Romfahrer" stellte ef „Das Kloster" als das Bild der ruhigen Beschaulichkeit im Frieden unserer Täler, stellte er als die Wahrzeichen und Tröster in düsterer Zeit: nich die fremden sondern die Meister vom Rhein und Maine, Holbein vor alle 111 und Jean Paul, den Maler der klarsten herbsten Linie, vor dessen unerbi**' licher nüchterner Stofflichkeit den südlichen Naturen fröstelt, und de" Dichter der blumen- und sternentrunkenen Traumwelt, dessen klang' berauschte Sprache der frostigen Verständigkeit der Deutschen von d a ' mals noch verschlossen war. Mit den „Standbildern" schließt der TEPPICH. Im Anschauen des äU e ' sten und jüngsten Gutes, der dunkelsten und hellsten Triebkräfte v ° n Blut und Geist umfaßt der Dichter noch einmal sein Volk- und Mensch" tum und schließt sich bewußt und groß in das Schicksal der deutschen Erde ein. Wie an den Pfeilern eines Domes stehen die Standbilder v"O f uns: Die klare Hellas und die inbrünstige Gotik, Bilder des Glaubens- ihnen gegenüber das langverhüllte, jetzt enthüllte Sinnbild aller schwär merischen Antriebe junger Jahre, die nun dem Manne nicht mehr dienender der Härte des Tatsächlichen fest ins Antlitz blickt. Daneben "' Strenge, Zwangfordernde — am ehesten dem Engel Lechters gleichend " vor deren starren kalten Mienen ehedem der heitere Schwärm der Gespiel en flüchtend zu neuer Freude stob und als ihre Gegenspielerin die Verführ*' rin mit den unergründlichen Lust und Rasen, Qual und Knechtscha* 204 ^eckenden Augen . . . dann schließen die Reihen die beiden letzten, in denen sich all das nochmals spiegelt, sie denen alle Leidenschaft dieses e rsten Jahrzehnts gewidmet war, in deren Zauber seit Jahrtausenden "ie brennenden Gesichte der Schöpfer weben: die Statuen der bildenden ^unst und der Dichtung. N'"mals seit Platens Lobpreisungen in seinen Ve netianischen Sonetten und sinnblühender als in ihnen, sind so die Töpfer und Maler und Bildner durch den von ihren Werken verzückten Dichter gepriesen worden, der sich sehnt mit ihren Gestalten eins zu Verden und sie neu erschafft, indem er sie genießt. Doch sie wie alles lebendige zwingt die Dichtung in den Bann ihres wirbelnden Schleiers. Weder würden die Wunder der Dinge und Kräfte gesehen, noch blieben Sl e als tröstende Sterne stehen und öffneten Söhnen und Enkeln die Tore *ü neuen Wundern, wenn nicht die Dichtung den Schleier schwänge und ae n Schimmer und -Schein der Zeiten in ihm verfinge. Nur die höchsten chöpferischen Geister haben wie hier George gewagt, auch das eigne "* e rkschaffen im Sinnbild zu sehen, weil nur sie vor solcher Selbstschau, v °r dem Wissen um den eignen Weg, das jeden schwächeren Geist verachtet, den Schutz besitzen, der die Selbstauflösung hemmt: das gött- •che Wirken müssen, das eine höhere Kraft ist als selbst das tiefste bissen. Im letzten Standbild endet die Gestaltung im Bilde des schaffenden ül chters selbst, wie sie im ersten Gedicht „Der Teppich" von ihm ausging: er Raum ist erfüllt und ein Drittes beginnt. Die Spannung der Handeln- ^n in der Zeit wie die Vielheit der Einzelbilder im Raum ist in den FEDERN gelöst und das Leben spiegelt sich an den zeit- und raumlosen grenzen seiner selbst: an Traum und Tod. Diesen beiden ist das Unfaß- ,c he eigen, sie heben das Körperlich-Gestaltige und seine Bedingtheiten ,Rl Zeitraum auf, beide sind Kinder des Schlafes, der Tod nur der Traum es ewigen Schlafes, aus dem das Leben wie aus dem irdischen wieder eu Und stark erwacht: im Schlaf zum Dasein im gleichen Leibe, im Tod üt *i Dasein in neuer Geburt. Wenn so im All-Leben der Tod nur Grenze zwi- ^«en den Einzelwesen ist, ist er für diese das Ende des Daseins und die 0r Perlosen Träume sind dunkle Spiegelscheine aus dem Reich der Grenze J^d deuten hin, daß auch all unser Tagestun, Triumphe und Mühen des Ie inen Lebens nur Träume des großen unfaßlichen sind. In dieser verborgenen Einheit sind Traum und Tod in den „Liedern" ge- *J*hlt: die Taten und Leiden des Dichters sind Träume des Lebens, der r aum des Lebens ein Ahnen vom dunklen Abgrund des Todes. Die „Lie- er " sind ein immer wiederholtes Gleichnis des auf dem Grunde jeder Le- e nsregung wachen Gefühls vom Untergang, vom ewigen Schlaf in uns: 205 es spricht aus der schönen Stunde als schnelles Vorübereilen, aus dem Frieden des Hauses als unstillbare Sehnsucht, aus der heißesten Sommerglut als Schwermut der Fülle oder als erster herbstlicher Purpurschein. • eS spricht aus großen Trümmern wie aus seliger Landschaft, aus großer Erschütterung der Einzelseele und welkendem Volk, aus Freundesabschied und Freundestod. Unfaßbar wie die Wehmut eines Blickes schimmert diese verborgene Trauer aus dem Wunder des „Gartenfrühlings" wie dem „Morgenschauer", deutlich wie das Blut des Pulses unter der Haut aus den Gedichten „Pochen" und „Lachende Herzen", wie ein offner Schmerz aus den „Flutungen" um das Umworbene und noch nicht Gewonnene, bis endlie* 1 die drei; letzten Gesänge in den höchsten und doch schlichtesten Sinnbildern den Schauer von Licht und Dunkel, Aufgang und Vergänglichkeit verfan- gen: in Tag und Nacht, in Traum und Tod. Auch hier sind die Gedichte wieder in Gruppen von zweien oder dreien vereinigt, aber diese Gruppe 0 sind weniger durch Gegenreden oder Gegenbilder getrennt als durch Gleichklänge oder Abwandlung desselben Tones verbunden. Ein tieferer Einschnitt liegt nur in der Mitte des ganzen Teiles: die zwölf ersten Li e ' der sind Freunden gewidmet, die zwölf letzten ohne Verknüpfung rni einem Draußen, innerste Spiegelschau des einsamen Geistes. Die Bew» d ' meten sind meist die neuen Freunde, von den Namen aus dem JAHR D™ SEELE sind hier nur als letzte Gruppe Andrian, Klein und Perls geblieben- zwei durch die Wirbel des Geschickes Gefährdete und ein Abgeschiedener- Es ist auch nicht mehr die Widmungsform aus dem JAHR DER SEELE. d ,e Freunde erscheinen nicht als Mitwirkende und Waffengefährten, ihre B l der sind nicht gezeichnet und umrissen, sondern ihre Namen schwingen m 1 einer Schicksalsstunde, einer Landschaft, einer Schau auf Volk und ^e bensgemeinschaft, an welche sie geknüpft waren oder durch einen Zug ihres Wesens vom Dichter gebunden werden: Die beiden Gattenpaare Lep sius und Verwey an die Gartenstunde und das meerumbrauste gasth c Haus, von den beiden Engländern Cyril Scott an die seltsamen Bilder ste benden und steigenden Glaubens, steigenden und sterbenden Jahres, die de Klängen seiner Musik entstiegen scheinen, Ernest Dowson an die Kinde Schwermut des hohen Sommers, die seiner früh müden Jugend entspra und ein wenig an die tropischen Blumen seines Freundes Beardsley er» nert... Ludwig von Hofmann an den ewigen Zauber Roms und des sU liehen Meeres., von den beiden Österreichern Franckenstein an den £ weckenden Strahl einer Freundesnacht, Andrian an ein Bild seines gd ie ten Vaterlandes, wie es George durch all die Jahre erschienen war: je* 1 * sieche Österreich, dessen welkenden Spätzauber Andrian am vollkomme sten gestaltet hatte, jenes brüderliche Österreich, dessen lebendige Spr° 3 06 s en der Dichter mit sich in das Leben reißen möchte. Die zwei letzten Namen binden sich am nächsten an Person und Schicksal der Freunde selbst u nd die Gemeinschaft des Dichters mit ihnen: Karl August erscheint als der Vergeblichsuchende, dem vor der Bahn in die Finsternis schaudert, Richard ^erls als Vollender im Tode, der sterbend den Sieg im Kampf ihrer Geister Umkehrt und den Preiser des Lebens in die Nacht des Verzichtens lockt. So neigt auch die Mitte der Lieder zum dunkelsten Grund und wenn im atzten Zwölft die Woge des Lebens am Beginn wieder aufschwillt, so wis- Se n wir, daß sie wieder zum Bild des Endes hinabsinkt und mit dem Wort ^s Todes schließt. Von der Höhe des Lebens schaut der Dichter am tieften in den Abgrund des Todes. Je stärker seine lebendige Erregung aufbauschte um so tiefer und gewisser mußte auf dieser Höhe auch das Gefühl 'hres Schwindens schwingen: Der stärkste Ton hat die längste Bahn des Abklingens, die weiteste Spanne vom vollsten Klang bis zum leisesten ^ a Uch. Gerade wo die dichterische Lebenserschütterung in ihrer unzer- ^tickten Fülle, weder in Handlung von Spieler und Gegenspieler noch in le Vielheit der Bilder geteilt, dem lebendigen All sich nähert und „wie mit dritten der Götter einhergeht", wo die Dinge und Kräfte nur ein Einzig schwingender Töne sind und die Welt fast in der Freiheit des Traums tanzt, gerade da muß die Mit- und Grenzmacht des Lebens, der Tod Uc h am vollsten durch die Erschütterung schwingen und gibt den letzten ^Ölf Liedern die ganze Sattheit der Farben, die ja Mischung von Licht und Utl kel sind. Der Geist des Dichters, der das Lichtmaß erst am Tode wahr- »nmt — denn das unendliche Licht hat keine Maße — muß ihn nun auch ' * dem Lichte als ewige Macht in sich pochen fühlen und sagt von bei- er Einheit als dem lebendigen Ganzen der Welt ein Helles und Dunkles u gleich aus: hell dem Maße nach, dunkel dem Sinne nach und aus beiden ls cht er die Klangfarbe der Worte, die so in deutscher Sprache noch nie 'Schien. „Nur eine Sprache" hat Gundolf später diesen Ton beschrieben |" r Unken und geschwellt von Schau, von Wesen und Gegenwart, beladen w elthaltigen Augenblicken, konnte so süß und gewaltig dröhnen wie e letzten Lieder von Traum und Tod. Nicht mehr Einzelstunden, sondern ganze Lebensflug und -zug, Aufgang und Niedergang der Geistesflut, e >gen und Sinken des Weltlichts tönt im Taggesang .. das fertige Sein, e runde Masse seiner Inhalte im Nachtgesang dreisätzig noch einmal auf: - la ggesang der zeitlose Ablauf, das Nacheinander, der Rhythmus dieses e oens, im Nachtgesang sein raumloses Wesen, sein Ineinander, seine Ton- le - .Traum und Tod' endlich ist sein Viel- und Einhall: sämtliche Sphä- Q ie im Vorspiel panoramisch sich wölben, vom Engel erschlossen und anmessen, erschallen hier harmonisch miteinander, und der Tod, der 207 blinde Urgrund, durchdringt das stumme Sein mit sternschaffendem Menschengesang". Schon hier ist darauf hingedeutet, was uns zum Abschluß noch zu sagen bleibt, daß in dieser dunkelsten Färbung des Tones das Sinnfällig-Einzelne Augenhafte niemals verlorengeht. Alles traumhafte Schweben und Schwingen bleibt an die Lichtachse des Tatsächlichen gebunden: an Garten, Gang und Spiel, an Schickung, Haltung und Gebärde, an Stunde, Tag und Nacht. Wenn aus der dunklen Dichterstimme auch die allumfangenden grenzenlosen Mächte tönen, so ist ihr Lied helles festgefügtes geistiges Sprachgebilde, es erscheint „nicht als Schatten und Traum, sondern als lebendigaugenblickliche Offenbarung des Unerforschlichen", wie Goethe es von der wahren Symbolik fordert. Denn der Dichter darf mit Hölderlins Worten ehrend zum alten Kronion hinabsteigen, aber nicht in ihm untergehen, sondern muß seine Kräfte klar, nüchtern gesetzlich ins Gebild erheben als Blüte der Natur: „Da wo die Nüchternheit dich verläßt, da ist die Grenze deiner Begeisterung. Der große Dichter ist niemals von sich selbst verlassen, er mag sich soweit über sich selbst erheben als er will. Man kann auch in die Höhe fallen wie in die Tiefe. Das letztere verhindert der elastische Geist, das erstere die Schwerkraft, die im nüchternen Besinnen liegt". Die Weite, welche ein Dichter zwischen Höhe und Tiefe durchmessen kann, hängt freilich von der Flügelkraft seines Geistes und der Schwerkraft seiner Sinne ab und der Ton einer Dichtung von der Richtung seines Fluges im Augenblicke der Empfängnis oder Geburt. Die erhabene Sprache des Vorspiels, des Teppichs und der Lieder, die von der klaren Sageweise bis zu wunderbaren fast übersinnlichen Klängen schreitet, hat sichtlich den g e ' senkten Flug und taucht den Fittich bis in die Schatten Kronions hinab. I 111 Gegensatz zu den meisten früheren Werken, die mit einem Auftakt endigen, schließen alle drei Teile des neuen Werkes mit einem abschwellenden Dunkelton. Die Wucht dieses Tones wird gegen das Ende jedes Teiles und wiederum das des ganzen Werkes voller und stärker, aber erhebt sich nicht mehr ins Helle, in die Schau einer neuen Fahrt, eines kühleren Himmels» eines künftigen Frühlings oder doch eines Aufgehens im erneuenden Element, sondern bricht im ersten herb, im letzten rauschend ab und bleibt nur im Mittelteil in einer ebenen Schwebe stehen. In dieser Dreiheit klingt die Weise des männlichen Lebens in ihrer tragischen Grundform auf: zuerst aufstrebend und leidenschaftlich, handelnd und lehrend trotz des Wissens um Vergängnis, Einsamkeit und Ende, dann gelassen und stetig, leuchtend und bildend bei offenem Blick in die Scheine und Schleier der Dinge, z u ' letzt schwingend traumhaft-schwebend, farbig-sinkend mit inniger Be- jahung von Ruhm und Lust wie von Qual und Tod. Alle schwermütiger* 208 Formen des rhythmischen Tanzschrittes werden zuletzt vereinigt, alle Reimformen vom einfachsten Anklang bis zum vollsten Doppelklang verbunden, alle Sinnformen mit solchem Schwergewicht beladen, daß die Verse und Strofen mit einem tiefen Glockenklang austönen und noch einmal am Schluß das Merkmal des ganzen Werkes, die Neigung zum Sinken, den Flug in den Abgrund, im Fallen des Tones bis in die letzte Lautwerdung bezeugen. 4. KAPITEL: DEUTSCHE DICHTUNG SO wenig die Lechter-Ausgabe wie die allgemeine Bondi-Ausgabe vom TEPPICH DES LEBENS erweckten in der deutschen Öffentlichkeit a uch nur den Haueh eines Verständnisses für das, was hier in unserem "olke aufgestanden war. Mit Ausnahme einiger sachkundigen „Bücherfreunde", die sich an der Pracht des neuen Buches freuten, ergoß sich nur Wohn über das Werk Lechters bis zu dem Vorschlag die damals strittige * ra ge nach dem richtigen Jahrhundertanfang einfach dadurch zu lösen: uaß man zu zählen beginne: „Beim Erscheinen des Buches der verrückten Farben". Der öffentlichen Stimmen über die Dichtung selbst haben wir schon zur Genüge Erwähnung getan, auch sie gipfelten in der Verhöhnung, der Dichter möchte doch noch die überflüssige Trennung der ein- Ze lnen Worte aufgeben und alle aneinanderhängend drucken. Unter den Gefährten und Befreundeten, die sich wie Verwey, Klages, S immel, Breysig, Gundolf und andere über den TEPPICH DES LEBENS in Aufsätzen oder Büchern damals äußerten, war nur eine Stimme, daß dieses Werk Georges die höchste Vollendung seines Künstlertums darstellte n d unter die ganz vollkommenen Sprachdenkmale der Erde zu rechnen ei - Sie bemerkten an ihm zunächst die gesteigerte Dichtigkeit und ußerste Gesetzmäßigkeit des Aufbaus, durch den die Gattung der geflossenen Zyklen in die Form des Epos oder Dramas erhoben wurde, uann das tiefer und satter gewordene Inkarnat der Farben und die innigste Verbindung von Musik und Sinngehalt, die unmittelbare Versinn- Ic hung der dichterischen Erschütterung in einem rhythmischen Klang- str om. Das ist Gesang, kein Sprechen mehr, schrieb Breysig. — Das biegt Un d glüht und schweißt die Worte — es zertaut mit heißem Anhauch le sprödesten Wendungen — es bringt in Lauten zum Ertönen, was sie J e nseit ihrer Begreiflichkeit an wunderwirkendem Wahnsinn bargen, Sc nrieb Klages: „Nachdem geschlechterlang der Vers zum grell bemalten e *äß banaler Gedanken erniedrigt war, steht einer auf, der unter kälte- er Verachtung des Sinnes kultische Spracherlebnisse für Dichtung aus- M 20g zugeben wagt. Und nicht, wie etwa bei Hölderlin, sind es die überschwenglichen Augenblicke einer im Weltwehen leicht mitzitternden Seele — sondern bei fast phantasieloser Triebstrenge des Erlebens scheint der Dichter völlig der unzerteilbaren Sphäre einer erhabenen Notwendigkeit anzugehören. Man kann sie beschreiben — nicht verstehen". (Der Lotse Dez. 1901.) Es ist die gleiche unfaßliche Fähigkeit, welche Simmel meint: die ganz allgemeine Form unserer höchsten Wertpotenzen unter einem sinnlichen Bilde erscheinen zu lassen: „Der Engel ist der Sinn, den das Leben in sich und zugleich die Norm, die es über sich hat. Nach Goethe weiß ich keine Dichtung, in der ein so völlig Allgemeines, durch keine Einzelbestimmung festzulegendes, wie der Engel, so künstlerisch anschaulich, in der das Ungreifbare doch so fühlbar gemacht wäre--------Durch welche Eigentümlichkeit der Zusammenordnung, der innerpsychischen Akustik, der Verflechtung zwischen logischem Inhalt und Versbau ihm dies gelingt, kann keine Analyse feststellen. Es ist aber als ob die Worte und Gedanken, Reime und Rhythmen hier erst zu ihrem eigenen Rechte kämen, als gehörten die inneren Bewegungen in uns zu ihrem eigenen Wesen als dessen sachliche Konsequenz". Das zweite Erstaunen betraf die ungeheure Wirklichkeit, welche das neue Werk umgriff: daß alle Irrtümer und Entdeckungen, die ein ganzes Jahrhundert an seinem Leibe gemacht hatte, ihren Saft, ihr frisches Blut in diese Kunst hatten gießen und zum Aufbau ihrer lebendigen Schönheit dienen müssen, ja daß anderthalb Jahrtausende vom frühesten rätselhaften Heidentum bis zu den entsagenden Gluten des Christentums, vom uralten Volksbrauch bis zum launenhaften Spiel des galanten Rokokoadels sich hier dem Zwange einer hieratischen festlichen Sprache fügen und Glut und Haß, Inbrunst und Entrücktheit der vergangenen Geschlechter an ihrem Licht erglühen mußten. Diese ganze leidenschafterfüllte Wirklich" keit war heraufgehoben ohne romantischen Historismus ohne den Will* 11 zur Wiederbelebung gewesener Zeitalter und ohne die Nachahmung alter Formen. Sie war ganz Gegenwart, ganz unser Tag, ganz Seele und Geste des lebenden Dichters, nur ohne die Modetorheiten der Zeitgenossen, ohn* die kränkelnde Blässe der Verfallswilligen und Untergangssüchtigen, 3 a völlig ohne die groben wie verhüllten Lüsternheiten des Geschlechtlichen» zu denen das hohe Liebeserleben Goethes bei seinen Nachfolgern herabgesunken war, ohne die Tyrannei des naturalistischen Trieblebens, der di* meiste Lyrik des 19. Jahrhunderts — mit der leuchtenden Ausnahm« Hölderlins — anheimgefallen war: als ob nur dieser eine und in seiner gröbsten Form! von allen geistigen Lebenswerten, von allen tausend Ma* 1 ' nigfaltigkeiten der Seele der künstlerischen Darstellung würdig gewese« 1 210 Wäre! Daß George gerade die unmittelbarste dichterische Äußerungsform, die Lyrik, von dieser Enge und Armut befreite, die ganze Fülle der Lebenswerte vom leidenschaftlichen Stolz des Täters bis zur zartesten Schwingung der todmüden Seele ins sprachliche Bild erhob und durch die ftöhe seines Tones der Liebe selbst wieder ihr ewiges Gesicht, ihre über- Seschlechtliche Sphäre zurückgab, das dankten die Betrachter ihm damals besonders und dankt ihm noch heute eine ganze Jugend die nicht ins Gemeine zurücksank. Die Offenbarung einer adligen Seele und ihres persönlichsten Fühlens ohne Aufdeckung und unziemliche Enthüllung über Slc h selbst im reinen Gebilde überzeugten Simmel so sehr von der Einheit des Menschen und Künstlers George, daß er fast erschreckt bekannte, über er schöpferischen Formung die darin eingegangenen menschlichen Er- c hütterungen früher nicht wahrgenommen zu haben. Wenn er auch jetzt ° c h die Dichterpersönlichkeit als den nur idealen Brennpunkt des Kunst- er kes von der realen Individualität abschied, so „gewährte sie doch e mer Dankbarkeit für das Empfangene, aus der Form der Bewunderung ltl die der Liebe überzugehen". Aber seine philosophische Betrachtungsweise verwehrte ihm ein Drittes an rzunehmen, das freilich tief an die „Individualität" geknüpft war und n den übrigen als ein besonderes Merkmal des TEPPICHS hervorgeho- n wurde: nämlich die Aufrollung aller geschichtlichen und seelischen "der unter dem Gesichtspunkt der Deutschen. In diesem Werk, so sahen sie ' war nicht nur inniger und öfter die Rede vom eignen Volk und Vater- and sondern die ganze Weite und Tiefe gerade seiner Menschenart sftben die Gedichte in der verklärten Gestaltung eines höheren Daseins le der. „Mir scheint" schrieb Verwey „hier ist mehr als die meinen, e 'che in der Dichtung nur von einer Seite greifbare Mitteilung sehen °"en. Hier ist ein Gesamt, das (um nicht über Deutschlands Grenzen u gehen) an den zweiten Teil von Goethes Faust erinnert. Ebenfalls ein e, st der die ganze wundersame Mannigfaltigkeit der deutschen Denker, n e Betrachtung welche die ganze Arbeit eines kulturgeschichtlichen ei Uschlands hinter sich hat, eine Persönlichkeit die sich unbestreitbar 'Wirft zum Dichter des deutschen Volkes. Auch nicht an das Heute, as strömende, sondern an das Einst mit seiner Überlieferung wendet sich er Dichter um Bilder, als ob er bevor die Zeit sein Volk weiterträgt, erst a s Wesen des Volkes unantastbar feststellen müsse, das Wesen des Vol- s ' dem man erst seit Georges Kinderjahren ein Dasein nach außen zu- . re 'ben kann, sowie es nach innen schon lang bestand, und das nun in rn . dem fast zugleich mit dem Reich Geborenen, seinen ersten Dichter r ch Recht der Geburt besitzt--------den Dichter, mit dem in Deutsch- 211 land ein Zeitraum abschließt und nach dem man einen neuen benennen wird." Die Blätter für die Kunst hatten schon am Beginn den Charakter des ausdrücklich Deutschen in der Neuen Dichtung vertreten und wie wir zeigten in der Ersten Folge betont, daß die Urquellen auch der „NoU- velle Poesie" der Nachbarn in der deutschen Romantik zu suchen seien. Um diese Ursprünge deutlicher hinzustellen, beschloß George einige Bände DEUTSCHE DICHTUNG herauszugeben, die zunächst den Zeitraum der letztverflossenen anderthalb Jahrhunderte, den der deutschen Wiedergeburt und ihrer Auswirkung umfassen sollten. Eine Lese aus der mittelalterlichen Blütezeit und sogenannter Volkslieder sollte später folgen. George ließ es sich um die Jahrhundertwende mehrere Jahre gemeinsamer Arbeit mit Wolfskehl kosten, dessen wundervolle Bücherei hier sehr von Nutzen wurde, um eine Sammlung ohne Rücksicht auf schulmäßige oder literarische Gewohnheiten im Geiste der neuen Dichtung herzustellen- Seine Absicht war zunächst ein Denkmal des Dankes und der Ehrung für die Väter zu setzen, denen er seine dichterische Bildung verdankte, dann für die Jüngeren das Schönste aus dem Erbschatz der verehrten Meister in der strengsten Äußerungsform zu vereinigen und sich endlich auch jenem Anwurf entgegenzusetzen, daß die neue Dichtung nur romanisches Gut sei und ihre Wurzeln im Französischen, Italienischen oder wie ein Schandmaul behauptete im „Gallo-Semitischen" habe. Die Buchausstattung der Sammlung, die nach der Gesamtvorrede weder die geschmacklosen Prachtausgaben der oberen noch die nicht schlechteren Notausgaben der unteren Masse verdrängen, sondern nur dem gehobenen Geschmack eines Kreises von Künstlern und Schönheitliebenden entsprechen wollte' wurde in die Hände Melchior Lechters gelegt, der die schlichten Bände in Blau Rot und Gold mit der rosenumkränzten Marke der Blätter schuf» die noch heute zu den schönsten deutschen Büchern zählen. Drei Bände wurden unter dem Obertitel „Deutsche Dichtung" in der Reihenfolge der Jahre von 1901—1903 im Verlag der Blätter für die Kunst veröffentlicht 1 „Jean Paul, ein Stundenbuch für seine Verehrer", „Goethe" und „Das Jahrhundert Goethes". Es war ein kühnes Unterfangen neben die jung e Dichtung das gewaltige Erbe der letzten anderthalb Jahrhunderte « u setzen: aber mit dem TEPPICH DES LEBENS hatte George eine Vollendung erreicht, die ihm die Meisterschaft neben den Großen sicherte, er konnte auf ein Unzerstörbares blicken, das auch den höchsten vergleichenden Maßstab ertrug. In der Mitte, wie sich gebührt, steht Goethe. Die Auswahl aus seinem 212 Werke ist auch taktisch so aufzufassen daß sie sich den damaligen sehr häufigen Goethe-Auslesen entgegensetzte, die durchaus das Leichtflüssige vorzogen als eine Art Rechtfertigung der zeitüblichen völlig gewichtlosen Versmache. Goethe war in den etwa hundert ausgewählten Gedichten so Wenig völlig zu umfassen wie in der doppelten Zahl, aber George und Wolfskehl erhoben in der Vorrede den Anspruch das gewählt zu haben Was ihnen die tiefsten Lebensgluten des Dichters in der schönsten Bändigung zu enthalten schien: seine eigensten und wesentlichsten Gebilde, die ^gleich den Grundstoff aller seiner breiteren Schöpfungen bergen. Sie uahmen aus dem gewaltigen Werke des Olympiers in knappster Zusammenfassung die Elemente, welche den eigentlichen dichterischen Schauer des Beginnes oder der Höhe einer künstlerischen Lebenserregung haben Ur id hoben die Gedichte heraus, welche den betreffenden Ton der von Goethe selbst gebildeten Gruppen am einheitlichsten wiedergeben. So entband ein Bild des Sprachgewaltigen in all seinen dichterischen Regungen, au seinen Früh- und Reifezeiten, das durch Geschlossenheit und Klarheit de n Reichtum seiner Vielfalt nicht vermissen läßt. Denn hier haucht uns der Atem Goethes am glühendsten an: das unmittelbare Wortwerden Se uies Gefühls, als ob der Pulsschlag seines erregten Herzens sich ohne Urnweg in rhythmische Laute verwandle, die Deutlichkeit seiner Bilder Und Gleichnisse und die Klarheit seiner Räume, die Helle seiner Gedankensichten, die sich in klaren Arabesken um ein Gegebenes schlingen, ^ er tiefe in der Jugend berauschte im Alter feste Blick auf die Dinge der Natur und ihre wundersame Einfügung in die Ordnungen seines Geistes Un d die ganze strebende Bewegung seines großen Lebens, die keine Leidenschaft befriedigt und keine Weisheit einschläfert, die immer nur in ''lern ihren ruhenden Gegenpol, ihre Selbstdarstellung findet: im schöpferischen Gebilde, im Gedicht. Neben Goethe steht nicht sein Freund und Schüler Schiller, sondern Sei n ergänzender Gegensatz Jean Paul, den gerade die Höhe der Goethi- Sc nen Meisterschaft davor bewahrte, sich an der ihm versagten Form des Gedichtes zu versuchen und der dennoch den Weg fand, seiner gewaltigen Prachkraft eine Form zu geben, die neben der großen Dichtung bestehen Und die Zeit überdauern konnte. Daß er selbst sich dessen bewußt war, Wl e die Bemerkungen über den Prosaisten und seine „Begeisterung- Stellen" (in der Vorschule der Ästhetik) zeigen, und sich in vielem als Vollender der im „Sturm und Drang" aufgebrochenen Kräfte Herders und des jungen Goethe sah, gab ihm die Kraft auch neben dem klassischen Genius auszuharren. Er konnte sein besonderes Verhältnis zu Mensch Und Ding, Natur und Volk in einem eigentümlich deutschen Sinne be- 213 haupten, der sonst in der weltbürgerlichen und antikisierenden Luft von Weimar verlorengegangen wäre. Gerade sein Beiseitestehen erhielt seine kostbare so nur ihm zugeborene Sprachglut, aber sie trieb auch die deutscheste seiner Eigenschaften, die Eigenwilligkeit und Eigenbrödelei bis zum äußersten zutage: der Edelstein wuchs auf einem Muttergestein von krausester und bröckeligster Art. Er wurde der Erbe der Kleinstaatswelt, der Winkelstädterei, der höfischen Intriganten und Kleintyrannen wie der engen bürgerlichen Verschrobenheit, des Gelehrtendünkels und der jugendlichen Tatenschwärmerei ohne Raum und Mann .. der deutschen Jünglingsfreundschaften ohne den Hintergrund einer Polis, Kirche, Land' oder Seemacht, wie der herzbrechenden Liebschaften ohne Boden und Gesetz, kurz er war die deutsche Seele mit all ihren Freiheiten vom Sterntaumel bis zum spiessigen Spleen, vom Heldentraumbild bis zur zimperlichen Jungfer, vom Geistertanz der Welten bis zum Schnörkelwahnsinn des Sammlerkabinetts — Genius und Kauz zugleich. All dies war er und bewahrten seine Romane auf, aber das Bürgertum des 19. Jahrhunderts, ob ihm freundlich oder feindlich gesonnen, sah nur seine schnurrigen oder weichgefühligen Seiten, weder die Tiefe und Glut seiner Seele noch die überschauende Weisheit seiner Lehren und am wenigsten die Schönheit jener „Begeisterung-Stellen" in denen er laut seinen eigenen Worten nach dem höchsten Wortklang verlangt und ring 1 und nicht reden sondern singen will. Auch George sah in seiner Jugend nur den barocken und gefühlsseligen Jean Paul und erst als er selbst in seinen frühen Werken die klangliche und farbige Pracht unserer Sprache gewonnen und mit dem JAHR DER SEELE trächtig ging, spürte er aus Jean Paul den Atem der deutschen Landschaft, die Luft des deutschen Mittelgebirges, seine besondere musikalische Sprachbeschwingung, das Geheimnisvolle seiner Lichtsichten, das Schweigen und Weinen der Seelen zwischen den Dämmerungen, ihr Jubeln und Klingen in den Gärten und den Rausch der namenlosen Schauer unter den Gestirnen der Nacht. Erst vom selbsterworbenen Reichtum aus erkannte er die Fülle gleicher oder ähnlicher Sprachelemente in Jean Paul und schrieb jene in der dritten Folge d er Blätter (März 1896) veröffentlichte „Lobrede auf Jean Paul", die mit den Worten beginnt: „Von einem Dichter will ich euch reden, einem der groß' ten und am meisten vergessenen und aus seinem reichen vor hundert Ja"' ren ersonnenen Lebenswerk einige Seiten lösen von überraschender Neuheit, unveräußerlicher Pracht und auffallender Verwandtschaft mit euch von heute, damit ihr wieder den reinen Quell der Heimat schätzen lernet und euch nicht zu sehr verlieret in euren mennig-roten Wiesen, euren l° s ' 214 tornen Gesichtern und euren Lilaträumen". Die Seiten welche George damals für die Lobrede auswählte und dann im Jean-Paul-Bande der DEUTSCHEN DICHTUNG in reicherer Fülle zusammenstellte, waren eben Jene „Begeisterung-Stellen" des Dichters, welche bisher nie beachtet oder geradezu als abgeschmackt und krankhaft beschmäht worden waren. Es w aren die den Deutschen fremdesten Seiten Jean Pauls, welche wohl unwillkürlich auf die dichterischen Kräfte der Romantik wirkten aber nicht •ns Bewußtsein unserer Bildung eingingen und ohne die Spracherneuerung treorges verschollen wären. Sie enthalten die Träume und Sichten dieser deutschen Seele in einem rauschhaften Element der Sprache, das die klassische Dichtung eher vermied als suchte, in einer gesteigerten klanglichen ~ rf egung, welche dem dichterischen Wort in seinem Ursprung eigentüm- •ch ist, aber seit der Verselbständigung der Musik sich mehr und mehr v °n der Dichterstimme trennte und eben damals in dieser Kunst zur höchsten Sonderbildung in Mozart und Beethoven erhob. Jean Paul erweckte dieses Element, dessen Wesen in der unmittelbarsten sinnlichsten Gefühlserschütterung, gründet, wieder in der Rauschkraft des Wortes, er g a b ihm statt der klassischen reinen Linie eine romantische Farbigkeit, st att der räumlichen Ordnung eine Tanzbewegung, das heißt: er spiegelt l m dichterischen Wort nicht die klaren Gegebenheiten der Natur und des Geistes wider, sondern glüht sie mit den Eindrücken auf, die ihre Spiege- lun gen in seiner Seele erweckt haben, entfernt sie dem Tatsächlichen und läßt alle Dinge und Wesen in einem entrückten Taumel schwingen. Sie entstehen und vergehen wie die Seelen in Emanuels Traum im Farbengetümmel „süßer am Lichte", im heißen Blumendunste „süßer am Dufte", lIn einschneidenden Schwirren der Klänge „süßer an Tönen", in der dunkln großen Wonneträne „am süßesten an ihren Geliebten". Das Streben des modernen Künstlers, im Kunstwerk den Eindruck des Äußeren auf den frieren Sinn wiederzugeben, ist für den Bereich der Klänge Töne und Farben zuerst bei Jean Paul gestaltetes Wort geworden. Daher das Flu- I er * und Wechseln seiner Bilder, deren Zug freilich fast immer durch ein überwölbendes oder steilaufsteigendes Schlußbild geschlossen und so niemals form- und grenzenlos wird. Aber sie scheinen unmittelbar der vom Zauber der Natur berührten Seele zu entströmen und sich unvermittelt au s der Erregung des dichterischen Überschwangs zu erzeugen. In dieser Freiheit und Unmittelbarkeit des Seelenschwunges vermag Jean Paul die Weitesten Spannungen vom brausenden Gefühlssturm bis zum zartesten s timmungston, vom weitesten Weltenflug bis zum traumhaft verwehenden **auch zu umgreifen. Ja in der Fähigkeit dieser Umgreifung selbst beruht das formale Mittel 215 seiner Darstellung: die Steigerung der Wirklichkeit durch die Aufhebung aller Gewichte und Entfernungen. Um die eigene übermächtige Erdschwere zu überwinden bedarf Jean Paul der Flugkraft der Entrückung, um der winkelhaften Enge seines Daseins zu entrinnen der leichtesten Schwebung zwischen Höhen und Tiefen. Nur in höchster Trunkenheit vermag er sich über den Zwiespalt seiner Natur und die Widersprüche des Tatsächlichen zu erheben, ganz Eins und Einer zu sein: nicht Schilderer noch Verneiner, nicht Spötter noch Humorist, nicht Phantast noch Kleinmaler, sondern traumbegeisterter und sprachmächtiger Dichter. Nur im kühnsten Auffiug vermag er den störenden Einbruch seiner Einfälle und Schnurren, Zweifel und Zerpflückungen abzuwehren und — bevor ihn das Schwergewicht seines Alltags wieder hinabzieht — sein Schönstes in einem Gewitter von Klängen, einem Nordlicht von Farbenwundern vor uns hinzuzaubern. Dann ist sein Festtag und alles Leiseste Innerste wird in Beziehung zum Größten, zu All und Gott, alles Zarteste in Beziehung zu den höchsten Gewalten, alles Leid und alle Wonne des Herzens in Beziehung zu den großen Gedanken und Ideen der Menschheit gebracht: Blick und Kuß der Liebenden falten sich zu Welten auf, und kreisende Sonnengürtel und Sternstürme falten sich zu Blüten in den Fingern der Geliebten. So wirbelt er die Elemente und Wesen des Weltgefüges in- und durcheinander, um ein menschliches Empfinden groß genug sagbar zu machen, so schüttet er die Farbenklüfte der Himmel zur Durchleuchtung aller Tiefen und Finsternisse aus, um die Gewalt eines einzigen Augenblicks der Entzückung auszudrücken und steigert wiederum die Wucht eines einzigen Schmerzes, um mit seinen aufgetürmten Schatten die Freuden von Jahrtausenden zu erdrücken und die strahlenden Lichter der Unendlichkeiten auszulöschen. Mit einem einzigen starken Flügelschlag steht er auf den höchsten Planen der Geister, mit einem jähen Sturz stößt er durch die einbrechenden Gräber der Toten. Das Eis der Pol e und die Glut der Wüsten genügen ihm nicht um die Kälte der Verachtung und die Wut der Leidenschaft zu benennen, der Schmelz der Blumen und der Schimmer des Mondlichts sind nicht zart genug, um die leisesten Regungen des Herzens zu spiegeln: aber in allen Stufen ihrer Entgegensetzung verbildlicht er seine Garten- und Menschenträume. In diesen feierlichen Aufschwüngen und alles Verstandesmäßige weit überfliegenden Eingebungen seiner Dichterseele, in denen sein witzelndes und vernünftelndes Ich schweigt, vermochte Jean Paul bisher unausdrück- bare Sphären für unsere Sprache zu gewinnen, hat er unendlich viel von dem früheren keuschen Verhältnis unserer Seele zu Mensch und Stern und Blume aufbewahrt, hat er zugleich als Erster die bunte, erregende Spiege- 216 lung des Menschenherzens im Weltgeschehen und die Widerspiegelung ues Weltgeschehens im Menschenherzen, jenes Doppelspiel zwischen sinnlicher Erscheinung und seelischem Eindruck verlautbart, in dem die bewegtere Kunst unserer Tage ihren Ursprung hat, wie auch der Schluß der »Lobrede" Georges besagt: „Wenn du höchster Goethe mit Deiner marmornen Hand und Deinem sicheren Schritt unserer Sprache die edelste B auart hinterlassen hast, so hat Jean Paul der suchende der sehnende ihr gewiß die glühendsten Farben gegeben und die tiefsten Klänge". Nachdem diesen beiden die Säulen errichtet waren, schloß der dritte ° a nd „Das Jahrhundert Goethes" die Sammlung mit den zwölf Dichtern a °> welche um den Größten gelagert auf ihn hinweisen oder von ihm ab- ftat *gen. Der erste von ihnen Klopstock wurde 1724 geboren und veröffent- lc hte 1748 seine ersten Oden, der letzte von ihnen C. F. Meyer hatte seine Ge dichtsammlung 1882 herausgegeben und starb 1897 als DAS JAHR DER E ELE erschien. Innerhalb des Zeitraums von 1748 und 1882 durchforsch- etl George und Wolfskehl die Werke von mehr als einem halben Hundert e utscher Dichter. Ihre" Wahl wollte nur die Verfasser treffen, denen ein 0l * so eignete, daß er keines anderen sein könnte, denen wenigstens e i n edicht gelungen wäre, das sie als Träger eines besonderen Rhythmus anzeichnete. Es bedurfte mancher Prüfung mancher Überlegung um aus er großen Menge alles auszuscheiden, was diesem Anspruch nicht ge- u gte. Viele Dichter waren dem Ohr von Jugend auf vertraut, andere schon Ver gessen und beide mußten überprüft werden, viele waren im Schwange, le durch andere als künstlerische Werte berühmt und gepflegt waren und ° n nten dennoch einmal ihren Eigenton gefunden haben. So war es, um Wenig e Beispiele anzuführen, sehr leicht die Schubart, Bodenstedt, Freilig- at h und ähnliche, leicht die Freiheitsdichter und Uhland aber schon weni- §er leicht die Tiedge, Tieck und Arnim, Rückert und Leuthold auszuschei- en - Es blieben gewiß auch außer den Aufgenommenen noch manche, denen ln gutes Lied oder eine gute Reihe von Gedichten gelungen war, aber sie Standen nicht vor jenem strengen Gesetz der Auswahl, das nur die ur- P r Üngliche dichterische Leistung zuließ. Deshalb spiegelte die neue Samm- n g wenn nicht die ganze Mannigfaltigkeit so doch den wertvollsten eichtum und die ganze Höhenlage des deutschen Geistes wieder, die das •[ ah rhundert Goethes zur Erscheinung brachte. Von selbst wurde dadurch le übermäßige Betonung des Bürgerlich-Erotischen vermieden, die in a Uen lyrischen Blütenlesen üblich war, und ein Bild zurückgedrängt, das es onders durch Heine bis zum Überdruß unser Schrifttum füllte, Jugend le Alter mit flauen weichlichen Gefühlen fütterte und den Blick auf andere ee lenlagen versperrte. Es wird offenbar, sagte die Vorrede zu der engen 217 Wahl der Zwölf, „daß der Garten der deutschen Verskunst nach dieser Sichtung sich nicht ärmer, sondern in um so deutlicherer Pracht erweist • KLOPSTOCK erscheint als der Vorklang des Jahrhunderts als Durchbruch durch Schulregeln und Verstandesschranken, als Aufbruch der i° langem Schlummer gesammelten Kräfte, der an die Stelle des metrischen Schemas das aus der Erregung des Herzens, aus der Liebe zu Göttern und Freunden geborene Schrittmaß, die harte pindarische Fügung der SatZ' glieder setzte und „den Silbentanz" begann, wie Goethe von ihm sagte- Wenn er nur selten die sinnliche Welt unmittelbar zur Anschauung brachte, mehr den Bereich der gedanklichen Erschütterung durchkreiste und alles durch das Mittel eines unendlichen Raumes und eine geistig' religiöse Zwischenluft sah, so ist doch seine herbe und phrasenlose Sprache immer von hohem Flug, ihr Gehalt von erhabenen Gesichten und von jenef unendlichen Wallung im Göttlichen erfüllt, wie die Jugend sie liebt und wie sie tief auf so unterschiedene Geister wie Goethe, Herder und SchillC' Jean Paul und Hölderlin wirkte. Nach diesem Vorklang, der wie schon jene Namen besagen, noch wei { in das Jahrhundert weitertönte, folgen die Dichter, welche auf den Schultern Goethes stehen und zugleich mit Ausnahme Schillers von dem El e ' mente berührt wurden, das in den Prose-Gedichten Jean Pauls am blühend' sten aufgeklungen war. SCHILLER, der neben Heine mit der geringsten Zahl der Gedichte »° unserer Sammlung vertreten ist, hatte nach einigen Äußerungen Goethes „einen Überfluß und eine Exuberance der Gedanken die er nicht bändig el1 konnte .." er hatte etwas von jenem unsinnlichen unfaßlichen und aufdrO' selnden Wesen der deutschen Philosophen das ihn trieb über alle Ding e nachzusinnen und ihm fehlte „ein wesentliches Erfordernis der Poesie ■ die Verdichtung aller gefühlsmäßigen und geistigen Kräfte ohne Denke*" Störung. Er ist von Natur Denker und Redner, seine Heimat das Geb« e der hohen Ideen, seine Kraft die wuchtige Darstellung sittlicher Gedanke 0 ' Darum sind seinem strebenden Geiste nicht Leidenschaften und Handln 0 ' gen als solche, seiner beschwingten Phantasie nicht sinnliche Gestalte 0 und Gegebenheiten als solche wichtig sondern ihre Beziehungen zu ein e sittlichen Ordnung. Aus dieser zieht er seine glühenden Erlebnisse un den Gang seiner Verse bestimmt nicht die Stimme des Blutes sondern e» zweckhafter Sinn, der überreden und überzeugen will. Er spannt ohne >° nerste Nötigung und also auch ohne letzte Einschmelzung überliefert Bilder vor allem der Antike und entliehene Bilder der natürlichen oa e ideellen Ordnung in dichterische Maße: mehr edle Gesinnungen als leide 0 ' schaftliche Erregungen, mehr Meinungen und Vorstellungen als seelisch 218 Erschütterungen in Sprache wandelnd. Nur selten bricht durch den hohen Gedankenschwung das unmittelbare Pochen des Herzens und überrascht Ul *s dann durch die ungeahnte Tiefe, überrascht durch die schönste Eigenschaft dieses männlichen Geistes: über sich selbst hinauszuweisen auf ein Menschlich- und Göttlich-Höheres das sein Adlerblick erkennt. Die zehn übrigen Dichter sind, wie im letzten auch ihre Väter Goethe Uf id Jean Paul, gemeinsame Kinder des klassischen und romantischen Geizes, bald mehr vom klaren helleren Strahl, bald mehr vom farbigen dunk- ler en Strahl getroffen, Kinder zweier Grundkräfte des deutschen Mensch- tu ms, die in liebendem Ringen und gegenseitiger Durchdringung das w under der deutschen Dichtung schufen und gerade in den schönsten Gedichten ihrer Vertreter am deutlichsten die Einheit des Ursprungs er- en nen lassen. Der Atem Goethes, wenn nicht die weitesten Pole so doch le größte Dichte der Grundkräfte bindend, hat sie alle angehaucht und elbst wenn sie gegen ihn stritten, klang ihre Stimme doch in dem Raum, etl er umgrenzt und gebaut hatte und bekam von daher den gemeinsamen ° n - Ob sie einen Kunsttrieb, den er mit vielen in sich gepflegt, noch tärker heraustrieben und dadurch für diesen Zweig einen volleren Klang, ltl bewegteres Maß gewannen oder ob sie aus neuen Landschaften ihm ^bekannte Bildreize, aus verwandelter Umwelt neue Sichten entdeckten, le blieben dennoch in seinem Reiche. Seine weite Herrschaft überwölbte n diesen Dichtern den gewaltigen Raum vom Rhein bis nach Schlesien n d Ungarn, von Schleswig-Holstein bis zur Schweiz und ließ ein deut- Cr »es Volk mit neuer Sprache entstehen, als noch seine Staaten in Feind- c «aft standen und die Versuche der Einheit — bis heute noch vergeblich ar i alten und jungen Widerständen zergingen. Die gewaltige erhaltende Kraft des Dichters Goethe stand in allen Jahr- e hnten gegen die ungeistigen Kräfte der reinen Verneinung. Ludwig ° rr »e hat als Zerstörer und Auflöser mit dem Blick des Hasses gut gehen wenn er 1832 schrieb: „Goethe ist der König seines Volkes: ihn ^stürzt und wie leicht dann mit dem Volke fertig zu werden! Dieser an n eines Jahrhunderts hat eine ungeheure hindernde Kraft, er ist ein j> r auer Star im deutschen Auge, wenig, nichts, ein bißchen Hörn — aber Zeitigt das, und eine ganze Welt wird offenbar. Seit ich fühle habe ich °ethe gehaßt, seit ich denke, weiß ich warum". Wie Börne dachten be- u ßt oder unbewußt bald viele im Bürgertum und Proletariat. Sie glaub- en > die Welt des Geisterfürsten zertrümmern zu können, wenn sie die te n Ideen und Erbwerte von innen zerlösten und die alten staatlichen n d gesellschaftlichen Einrichtungen von außen zerschlügen. Aber über le Brüche und Stürze lebte und wirkte er fort durch das Ewig-Dichte- 219 rische in den zeitlichen Formen seiner Werke, durch die unwiderstehlich« Kraft seiner Rhythmen und Klänge, die noch jedes lebendige Herz und vor allem das der Künstler erschütterte und zum geistigen Bilden antrieb. Auch die Dichter, bei denen nach der Mitte des Jahrhunderts ein verwandelter Weltgehalt sichtbar wird, dichten noch immer im Bann seines Tones, in der Schwingung seiner Maße. Der Bilderzug ist bei ihnen ärmC geworden, manches ehemals Geglaubte versunken, auch der Rest der ge»' stigen Habe schon bedroht. Das urmächtige ungeformte Leben begann unter den verbröckelnden Formen der Zeit schon spürbar zu werden und in die Künstleraugen fielen Schimmer des ewiggleichen Tages, an ihr e Ohren drangen Töne der ewiggleichen Sturmflut der Nacht. Daß es in Deutschland noch Dichter und Maler gab, welche die ersten dumpfen Ur laute auffingen, war ein Zeichen noch geheimer lebendiger Kräfte in 1 Volke, daß aber ihre Seelen sie ertrugen ohne zu zerbrechen, daß dt« Künstler diese Laute in Gebilde zu fassen vermochten, war die weiterwirkende bewahrende Macht des Königs Goethe. HÖLDERLIN, der erste von den zehnen, hätte nach der Meinung G«" orges und Wolfskehls, auch wie sie ihn damals sahen, fast mit allen Gedichten aufgenommen werden müssen, doch trat die Vorliebe für ihn zurück hinter der Forderung des Gleichgewichts der Sammlung und deren Absicht ihn im Räume Goethes zu zeigen. Auch da freilich steht er s\ 5 der Eigenste im Umkreis des beherrschenden Genius und in der gefähr' lichsten Spannung zu ihm: im Dichterischen von der gleichen Unmittelbarkeit des Gefühls wie er, dabei von dem schwungvollen Sphärenflug Klopstocks und von der großen geistigen Gebärde Schillers, im Verhältnis zur Natur sogar unmittelbarer als die drei und von einem noch ungekannte 11 Einsgefühl mit allem Urleben, im Verhältnis zur Antike tiefgründig^ als alle Zeitgenossen und als erster Deutscher vom tragischen Schaue f der Hellenen ganz wissend und ganz erschüttert. Diese Ansammlung mächtiger Kräfte in einem feinfühligen Geist und das Bewußtsein nebe* 1 den Großen seiner Zeit Träger einer besonderen dichterischen Sendung zu sein, gab seiner Sprache den Ton unheimlicher Leidenschaft und holdester Zartheit zugleich, machte sie jugendlich-herb und klang' lich-schmiegsam, rauschhafter als die Goethes und gestaltiger als di e Jean Pauls. Bis diese Elemente von Rausch und Helle in George ein e neue Einung erfahren hatten, mußte Hölderlin den einen zu schwäf merisch, den anderen zu denkerisch erscheinen, sahen die einen nur sein' Flugkraft, die anderen nur sein Zerbrechen, aber niemand den ganz e11 Dichter. Aber daß er möglich war neben jenen Großen und noch Ung e ' ahntes heraufhob, an das sie nicht rührten noch rühren durften, erschein 220 Ur »s heute als das größte Wunder unseres Reichtums und aus dem Jahrhundert Goethes gesehen als Aufbruch darüber hinaus in eine neue Gestaltung des deutschen Geistes. Die Romantiker dagegen stehen ganz innerhalb des Goethischen Baues, soweit er Dichtwerk ist, aber sie glauben nicht an seine geistigen Bilder: sie sind scheinbar bewahrender noch als er, aber indem sie zurückgreifen au f vergangene gewesene Lebenbilder, verwerfen sie die seinen und zer- sprühen Vergangenes und Gegenwärtiges in einem farbigen Untergang von bezaubernder Kühnheit. Wo sie zu retten suchten, lösten sie die Cn ristliche Seele in tausend Brechungen und Spiegelungen auf, spielten lr onisch in ihren Träumen und Gesichten mit allen Elementen der Innen- u nd Außenwelt, flößten Lebendiges und Totes, Geschöpfliches und Gei- tj ges, Gewächs- und Seelenhaftes ineinander bis kein Festes mehr blieb als die Schaukel zwischen den Dingen, auf der die Trunkenheit von Gräbern zu Sternen, von Täuschung zu Enttäuschung fliegt, wie am grau- a msten schon in Jean "Pauls Rede des toten Christus, daß kein Gott sei. Die romantischen Dichter haben die feinste Reizbarkeit für alle Schwingungen des Gefühls, für alle Abschattungen des Gedankens, für alle Zau- er des Diesseits und Jenseits. Denn noch sind die Welten da, an denen as Sprühen und Funkeln der aufblitzenden Phantasie sich bricht: ihre be rlieferungen, Ideen, Körperschaften und Sitten, so morsch und mürb le schon waren, gaben die Stofflichkeiten für diese Spiele der Laune, es Witzes, der Sehnsucht und Tollheit, der dunklen Trunkenheit und J* r überspitzten Erhellung noch einmal her, die Seele glühte zum letzten ^ a le in dieser Abenddämmerung des antik-christlichen Kosmos farbig, ° ne nd, berauschend auf und bestimmte auch in ihrem Nachglühen noch le ganze abgeschwächte Gefühlsleiter der folgenden Geschlechter. Nur an dieser Weltwende war es möglich wie NOVALIS zugleich lc hter und Verneiner aller geformten Wirklichkeit, zugleich Sprach- talter und Feind aller gestaltigen Ordnungen zu sein. Für seine Dich- n g gibt es keine festen Gegebenheiten, nur grenzenlose Bewegungen, ls chung und Entmischung, Tanz und Vertauschung aller Dinge und 'der. Seine Stimme wird noch getragen von der welthaltigen Luft des hristentums aber nicht mehr des lebendigen erdüberherrschenden son- rn eines romantisch wiedererweckten. Die in den Schoß des alten Chri- er »turns rückgekehrte Seele schwankt stets zwischen Gewesenem und euersehntem und schwingt auch noch die festeste Bindung in die Will- r des Märchens hinüber. Auch der neue Goethesche Daseinsgrund der ll *nlichen Natur wird aufgelöst: Geist und Leib, Leben und Tod, Tag Nacht sind vertauschbar geworden und dienen dem Dichter nur als 221 Mittel, um die Welt aus den Formen der Wirklichkeit zu befreien, nur als Zeichen um ihren geheimen Sinn, das stetige Fließen und Entfließen in der Liebeseinheit, zu enträtseln. Von diesem Spiel und Spiegeln hat seine Sprache den prismatisch gebrochenen Farbenglanz und die traumhaft schwankenden Tanzmaße, die Fähigkeit alles Wunderbare Geheimnisvolle und Unzusammenhängende, alles Tiefe Dunkle und Dämmrige. alles Verschwimmmende, Unerklärliche und Plötzliche wiederzugeben, er machte die Sprache beweglicher für den Ausdruck von Gegensätzen, biegsamer für die Verbindung getrennter Gebiete und Stoffe, für das Grenzspiel von Geist und Natur, Sollen und Sein, Begreifen und Fühlen. BRENTANO hat die gleichen Elemente wie Novalis aber männlich gehaltener wo jener weiblich-verschwärmter ist und in den religiösen Bildern als echter Sohn der Kirche ohne das Andringende und Übersteigerte eines der Neukatholiken. In seinen Gedichten wird deutlicher als bei den anderen Romantikern, daß die neue Klangfarbe aus dem Musikalischen stammt. Im Gegensatz zu Goethe, der bei höchster Empfänglichkeit für ihre Werte die Musik im dichterischen Bereich allmählich auf die einfachste Wortbegleitung herabmindern wollte, wurde bei den R°' mantikern die äußerste Seelenschwingung gerade durch das Musikalisch- Klangliche erregt und als Dichter strebten sie danach, es in der Sprache so aufzufangen wie sie es bei den höchsten Musikern hörten. Nachdem Goethe den Sprachraum gestaltet, Jean Paul den Klangrausch geöffnet hatte, wurde das Ohr gerade durch die vollkommenste Ausbildung der wortlosen Musik empfindlicher und empfänglicher für alle Klangreize. Ihre Einschmelzung ins Sprachliche war für den Allvermischungs- und Alleinheitsdrang der romantischen Dichter ein lockendes Ziel. Brentano suchte „die dunklen Wunderwellen" wie er sie in den „Nachklänget Beethovenscher Musik" benennt, für die Dichtung zu gewinnen und ein sprachliches Tonbild wie ein musikalisches Thema — so am vollkommensten in dem Gedicht „Aus einem kranken Herzen" — abzuwandeln. „Wi e konnte er singen und was für ein Sager ist er gewesen!" schreibt Wolf s ' kehl, der auch zuerst die „Nachklänge" wieder entdeckt hat, „Keines andern Deutschen Wort ist, in Klang und Mißklang so sehr Musik — nich im Verstand der .schönen Sprache' sondern im tieferen des Tonwerts, de» musikologischen Anschlags und der symphonischen Verknüpfung un Ausarbeitung der Themen". Dieses Streben nach musikalischer KomP 0 ' sition, nach dem Klangzauber der Worte schloß von selbst die beschreibende Art der Dichtung aus und führte die Romantiker zu der sinnbü d ' liehen Darstellung, der alle Sinnenreiche unterschiedlos nur Mittel zum inneren Erleben sind. 222 Novalis und Brentano bereicherten auf diesem Wege das Werk Goethes und Jean Pauls und wirken daher noch als Neu- und Mitbildner an de r dichterischen Welt der Großen. EICHENDORFF und PLATEN stehen a ls erste schon im vollendeten Raum. Das Klassische wie Romantische lst in ihnen nicht als Drang und Not sondern als gegebene Einheit vorfänden, es ist in die deutsche Luft und Landschaft eingegangen, sie sind 11 den neuen Geist hineingeboren und singen in der von ihm gebildeten u «d geschmeidigten Sprache. Wenn sie etwa vom Dichter im Liede aussen, so geschieht es nicht mehr mit den glühenden Leiden und Freu- e n, die jene schüttelte: er ist nicht mehr der Beherrscher der Dinge noch er Sinner und Seher des Weltgeheimnisses, er ist nicht mehr der Deuter ler sinnlichen und geistigen Erscheinungen, der den Schleier zu Sais e °t und dem die Kunst das höchste aller menschlichen Werkmittel, ja le Weltmacht selber war — sondern für sie ist „der Dichter" schon ein " e r ihnen stehendes Bild, eine gewordene umgrenzte Bildnerart. dadurch stehen ihnen die dichterischen Sprachmittel weniger Ursprung- ctl aber leichter zu Gebote: bei Eichendorff, in dem das romantische e *nent vorherrscht, legen sich die Worte liebend und schmiegsam um e Dinge und Gefühle und es entsteht selbst an der Darstellung gewal- , Ser oder düsterer Vorgänge jenes liebliche und holde Klingen der Verse, ner Schimmer der leisen unfaßlichen Regungen, die uns eine besondere fische Empfindungsart unserer Väter, das deutsche Gemüt, in seiner eu schesten Form vermitteln. Platen, in dem das klassische Element vor- er rscht, obwohl gerade er Jean Paul besonders hochschätzt, bringt den 0r nnvillen der großen Weimarer zur höchsten technischen Ausbildung, Glaubt sich keine Freiheiten im Maßgefüge, seine Reime sind, wie °n Jacob Grimm rühmte, fast ohne Tadel, aber bei aller Einbildungs- a Erfindungskraft fehlt ihm nach Goethes Worten eine Tiefe des Ge- e s, bei allem Reichtum glänzender Eigenschaften das wichtigste Er- a ernis des Dichters: die Liebe. „Die unselige polemische Richtung" das „Negative" in seinem Talent, wie Goethe bei seinen Dramen , te > kommt freilich in den Gedichten am wenigsten zur Erscheinung, r es drückt sich doch in einem Mangel an Leidenschaft aus, der ihn lert die strengen Formen ganz zu erfüllen, die untadligen Fügungen ^ nz zu durchglühen. Die hohe adlige Gestalt, welche nicht mehr völlig r chblutet ist, bezahlt den Versuch die Farbenträume Jean Pauls und '-mienklarheit Goethes zu vereinigen, mit einer Kühle in seinen Ge- e n, die uns in der höchsten Bewunderung stehen läßt, wo wir hin- g nssen ihm gern noch weiter folgen möchten. Die Herausgeber der nimlung wurden freilich nicht durch die gemeinübliche Ansicht von der 223 Marmorkälte Platens benommen: sie nahmen eine unverhältnismäßig große Anzahl seiner Gedichte auf und legten dabei besonderen Wert auf da s Gruppenartige ganzer Gedichtfolgen, an dem seine hohe formale Durchbildung kenntlich wird. Gerade an diesem Punkte wird der ganze Absturz zu HEINE sichtbar^ Heine stößt uns von jedem Punkte ernüchtert oder enttäuscht hinab und beschmutzt den Flügel der Dichtung, mit dem er uns aufzuschwinge" schien. Wir meinen nicht nur die absichtlichen Schlußernüchterungen* die in den wenigen Gedichten, welche die DEUTSCHE DICHTUNG voO Heine aufgenommen hat, fehlen, sondern auch jene Unregelmäßigkeite" der Form, welche aus einer scheinbaren Gefühlsschwankung hervorgehet aber in den meisten Fällen gewollte oder nachträgliche Überarbeitung 6 " sind und den Reiz in der Brüchigkeit und Auflockerung der Forme" suchen. Heine erzeugt den Schein der unmittelbaren Gefühlsäußerung oder zerstört selbst die echte, und geht mit einem witzelnden Seitenblick oder ätzenden Selbstbetrug an den Höhen und Tiefen des Lebens vot' über, die eben noch eine Welt bedeuteten. Er bezeichnet den Umschwung und macht die Linie des Zerfalls erschreckend sichtbar. Seine Wirkung besteht vor allem in der Übermittlung der klassisch-romantischen Di cf1 ' tung an die Epigonen in der leichtesten einfließendsten Form, und es i s für die Entwicklung der deutschen Dichtung nicht belanglos daß ma" eine Zeitlang Goethes Gedichte mit Heineschen Augen ansah und gerao er bestimmend wurde für die Gefühlswelt der bürgerlichen Schichte"' Dennoch haben auch einige nicht zu unterschätzenden Geister Heine g e ' liebt, weil er dem deutschen Geist der Schwere durch seine Beweglich^ 1 entgegenwirkte. Denn was er hinzubrachte war nicht nur die Aufwe 1 ' chung der Sprache für die gefühlige Rührseligkeit, sondern auch für de" beißenden Hohn und die Erfassung politischer Stimmungen — Dinge, d' e sich auszuschließen scheinen, aber auch im niederrheinischen Nature 1 (Köln!) zuweilen eine seltsame Eintracht finden. Klarer und reiner klingt der Goethische Ton aus den vier letzten Di c "' tern des „Jahrhunderts" wieder. Jeder von ihnen ist bestimmt durch sei* 1 ' Heimatlandschaft: LENAU und MÖRIKE durch die des Südostens « n des Südwestens, HEBBEL durch die des Nordens, Conrad Ferdinan" Meyer durch die der Schweiz, und in diesem Landschaftlichen wände»" sie das Erbe Goethes in neuer Befruchtung ab. Aber in diesen weiteste" Bereichen Goethescher Wirkung im großen deutschen Räume verbind e sie zugleich eine tiefere Gemeinsamkeit der dichterischen Artung, die V 1 als ein Vollerwerden der Schatten und ein Wachsen der Farbigkeit t> e ' zeichnen können. Noch immer im Räume Goethes lösen sie sich doc" 224 an gsam aus dem Ringe klassischer-romantischer Vorstellungen und Gefühle. LENAU ist noch am tiefsten mit seinem Ton darin verhaftet, gewinnt aber in seinen späteren Liedern eine neue Gedrungenheit des Wort- Un d Klanggefüges und tritt aus den überlieferten Bereichen in eine Urwelt, wo er im Traum schon die Flöte Pans mit anderem Ohre hört al s die Väter. Auch HEBBEL und MÖRIKE haben diesen Blick in noch u nbetretenen Raum. Bei dem halbheidnischen Holsteiner wie bei dem st 'Hen schwäbischen Christen schweigen in den besten Gedichten fast alle We rte der Überlieferung und ihrer Zeit. Wenn sie in ihren Dramen und Erzählungen noch in der sittlichen Weltordnung Schillers oder im Mär- c nenbann der Romatiker stehen, so spricht aus ihren Gedichten die groß- § e schaute Wirklichkeit der Dinge ohne Bindung an die Bildungsgehalte " re r Umwelt. In der Erschütterung des dichterischen Augenblicks ahnt e bbel, daß die bestehende Form der Welt in sich zusammenbricht und ln e neue dämmernd aus dem Nichts heraufsteigt. Mörikes Geist wittert le Luft des Unberührten und das Rauschen der uralten Wasser und sein er s „Was aber schön ist selig scheint es in ihm selbst" ist wohl ohne 'nckelmanns und Goethes antikenselige Augen nicht möglich und doch | ne Unklassizistische Prägung für das ewige zeitlose Bild der Schönheit: le könnte vom späten Hölderlin stammen. Diese innere Loslösung, ein fast freies Treiben in der Zeit, das dem per- ° n Hchen Schicksal der letzten vier Dichter etwas Unseliges gab, verlieh ren Blicken in die Natur eine neue Eindringlichkeit, ihrem dichterischen ^üsdruck eine größere Farbigkeit, die sich bei C. F. Meyer zu einer ls her unausdrückbaren Hochfarbigkeit des Tones verdichtet. Hebbel hat Uer st die Nebelschleier der feuchten Dithmarschen, die meergraue Däm- er ung, streifende Schimmer und die lastende Enge unter dem schmalen 0r dischen Licht in seinen Liedern aufgefangen. Auch die nur dem Nordischen faßliche Mischung von dunklem Bild und hellem fast kaltem edanken ist ihm eigentümlich. Aber seine Dichtung hat leicht etwas ra nkelndes als ob die Sonne sie nicht ganz durchdrungen hätte und ctl eint mehr aus der Anspannung eines mächtigen Willens als dem Über- u ß einer ergiebigen Natur entstanden. Die tiefsten Schatten und die ar sten Lichter fehlen in seinen Gedichten aber sie haben, wie die Maler a £en, „die Intelligenz der Mitteltöne", die das besondere Merkmal unse- rer Tiefebene ist. Bei Mörike dagegen scheinen heller Tag wie sichtige Nacht aus reinem ° ne nden Licht gewirkt und ein Bild etwa wie „Der klare Gürtel blauer üft" W ä re bei dem Dithmarschen so unmöglich wie die Schlußzeilen des dichtes „Auf eine Lampe" und der Anfang von „Nachts". 15 225 Bei C. F. Meyer vollends, dem in noch südlicherer Landschaft gebore- nen, dem Liebhaber Italiens und der Maler der italienischen Wiedergeburt ist die Helle und Weite des südlichen Lichtes ganz in unsere Dichtersprache eingegangen. Dieser letzte unmittelbare Erbe Goethes ist zugleich der erste deutliche Vorklang der neuen Dichtung Georges. So tiefe Schatten, so satte Farben und helle Scheine konnten nur die von der großen Natur geweckten, von der ewig jungen Erde und der ewig jungen Sonne bezauberten Augen unter südlichem Himmel erfassen wo in heißer Glut die purpurne Veltliner Traube kocht und die lichtatmende Luft den Tönungen aller Dinge ein erhöhtes Leben gibt. Vergessen wir dabei nicht, daß neben ihm der augenhafteste Mensch der Zeit, Arnold Böcklin, den gleichen ja vielleicht tieferen Blick in die neue Sinnenwelt tat als selbst die Dichter: auch er zum Jahrhundert des Olympiers gehörig und ohne ihn nicht denkbar, aber ein selbstschöpferischer Geist, dessen urwüchsige Gestalten schon aus verwandelter Welt kamen und für die Augen Goethes wie Jean Pauls nicht erträglich gewesen wären. Dieses dumpfe tierhafte Dämmern, trauernde Schweigen und helle Gelächter der elementaren Geschöpfe und vor allem das tiefe beglückende Wunder von Licht und Farbe, das Land und Meer uhd Himmel durchglühte, lag schon fernab von allen klassischen und romantischen Zwischenschichten, von Augen die etwa Raffael Mengs oder Thorwaldsen den Werken der Antike und Renaissance oder die Nazarener mit einem Giotto und Angelico gleichwerten konnten. In Böcklin offenbarte sich ein heidnisches Freiwerden von antikisierenden wie christlichen Uberlieferungsformen, ein Hinabtauchen in eine sinnlich tiefere Schicht des Lebens und wie der große Dichter den Maler, hat der Maler wieder die Dichter mit schönen Träumen befruchtet. So waren am Ende des Jahrhunderts Goethes zu dessen Reichtum neue Klanghöhen und Farbentiefen für unsere Sprache gewonnen worden und während auf einer absteigenden Linie seine Schätze verdünnt und verschlissen wurden, mehrten die fruchtbaren Geister unser Gut und weisen eine geheime Wandlung unserer Fühl- und Sehweise auf, die schon » n Georges ersten Werken ihre volle dichterische Entfaltung und Sichtbarkeit gewann. Dieser Vorklänge wurde der Dichter sich erst mit der Sichtung von Jean Paul bewußt. Aber die frühen Hinweise in den Blättern auf Goethe, Hölderlin, Platen und Böcklin deuteten schon an, was er >° der DEUTSCHEN DICHTUNG als schönstes Vermächtnis der Vergangenheit anerkannte und in neues Licht erhob. Auch die schrifttumkundigen Gefährten waren überrascht, wie sehr die Auswahl Altbekanntes verwandelte, Unbekanntes erscheinen ließ. Während in dem „Stundenbuch" — de f 226 schöne Name fand bald Anklang — ein ganzer Kreis wertvoller Menschen 2 uerst einen rechten Begriff von Jean Paul bekam und dies dankbar anerkannte, erklärten freilich die Wissenschaftler: „wissenschaftlich ist es völlig wertlos." Und doch sieht man heute schon, daß auch die Forschung, wenn sie sich mit Jean Paul beschäftigt, nicht mehr an der vom „Stundenbuch" geöffneten Sicht vorübergehen kann. Auch Brentano und Hebbel Wl rkten wie neue Entdeckungen, andere sahen ein völlig verändertes Bild von Mörike und selbst von Schiller. Gegenüber der literarischen und s chulüberlieferung stellte die Blättersammlung eine vom höchsten dichte- ri schen Anspruch bestimmte Ordnung dar, die bald auch das Urteil weiterer Kreise beeinflußte und heute gilt Auswahl und Ausscheidung, die "•ernach vorgenommen wurde, schon als selbstverständlich und von jeher gebräuchlich. 5- KAPITEL: DIE FÜNFTE UND SECHSTE FOLGE WÄHREND der Sammlung und Herausgabe der „Deutschen Dichtung" hatte George die Arbeit am eigenen Werke nicht ruhen lassen: J e am Ende der Jahre 1901 und 1903 erschien die fünfte und die sechste °lge der Blätter, welche wir gemeinsam betrachten wollen. Das Vorigen größerer einheitlicher Beiträge hatte die Zusammenfassung der bis- " er einzeln herausgegebenen Bände zu ei n e m Buche nötig gemacht: Es War en dies die dramatischen Spiele und Gespräche, welche damals zuerst ln den Blättern auftraten und den beiden Folgen ihr besonderes Gepräge gaben. Schon im Beginn der neunziger Jahre, wie wir anmerkten, hatten die la tter sich mit der Frage des Schauspiels beschäftigt und die unkünstle- 1Sc hen Formen, welche die moderne Schaubühne beherrschten, abgelesen. Eine Belebung der Bühne schien ihnen nur möglich durch ein yölliges In-Hintergrundtreten des Schauspielers und vor allem durch eine e Ugeburt des dichterischen Geistes aus dem ehemals auch unsere Schauspiele genährt worden waren. Mit dem steigenden Überhandnehmen des a uß eren Apparates und der Vortäuschung der Wirklichkeit — und welcher /^irklichkeit! — war, wie schon Anselm Feuerbach bemerkte, der letzte Ke st eines Kunstgefühls von der Bühne verscheucht und ein Barbarismus e s Geschmacks erzeugt worden, „von dem die Kunst sich abwendet und en Staub von ihren Füßen schüttelt". Seitdem war auch noch das letzte 227 Gut einer großen Überlieferung, die Sprechkunst, vernichtet worden und „man gewöhnte sich" wie die vierte Folge am Ende des Jahrhunderts schrieb „Rhythmen zu sprechen gleichsam um Entschuldigung bittend und verlor damit jeden festen Grund: das Schauspiel wurde ersetzt durch die Vorführung körperlicher oder geistiger Gliederfertigkeit des einzelnen- Mag man auch die Anstrengung und Eigenart mancher Brettergröße bewundern, keine hat eine ernstliche Neuerung gewagt und vor allem scheint uns keine geschickt zur Hersagung der neuen klanglichen Gebilde. Bedeutsame Zeichen des Rückzuges sind sichtbar geworden — — und all e vornehmen und verfeinerten Geister sprechen vom Theater wie von einem schlechten Ort" (IV, 5). Die Künstler der Blättergemeinschaft hielten sich daher vom Theater fern und beschränkten sich darauf in größeren Wohnräumen wie bei Lep- sius in Berlin und Wolfskehl in München eine Reihe von Vorlesungen und kleine Aufführungen mit möglichst einfachen Gegenüberstellungen abzuhalten, bei denen alle berufsmäßigen Darsteller ausgeschlossen wurden und nur die Dichter und bildenden Künstler selbst Vortrag Bewegung und Anordnung bestimmten. „Die Abrichtung der Stimme zum Hersagen der neuen rhythmischen Gebilde, das Hervortreten der Körperlichkeit in einem schönen Licht, das Beschränken der Bewegungen als strenge Beglei' ter des Wortes" — so lauteten die knappen Leitregeln. Alles übrige erhoffte man von einem langsamem allmählichen Reifen der Kräfte durch das Zusammenwirken im Kreise: „Strenge Überlegung, kalte Schlicht- heit, selbst absichtlich bis an die Grenze hinab, das kann allein helfen. • Nur Hofmannsthal erwartete noch etwas wie von der öffentlichen Presse so auch von der öffentlichen Bühne. Er ließ im März 1899 auf einem Berliner Theater seine beiden Stücke „Die Hochzeit der Sobeide" und „Der Abenteurer und die Sängerin" von Schauspielern, denen das Sprechen von Versen gänzlich unmöglich war, aufführen mit dem Erfolg, daß ihm die Kunstrichter einige höhnische Freundlichkeiten über seine „dünnen lang' weiligen Spielchen" sagten, „deren Feinheit und erklügelte Beleuchtung man in der Hetzjagd des Theaterbetriebes nicht genießen könne" (D' e Zukunft März 1899). Um dem Gefährten nicht noch schlimmeres über die Handhabung der dichterischen Sprache durch die Schauspieler sagen z u müssen, wich George nach der Aufführung einem Zusammentreffen n" 4 Hofmannsthal aus, den er kurz zuvor noch einmal gesprochen hatte. Aber in den ersten Merksprüchen zur fünften Folge ließen die Blätter keinen Zweifel darüber, daß sie die Entstehung des Dramas auf einem anderen Boden erhofften, als dem der modernen Bühne. Nach ihrer Meinung konnten Kunstschöpfungen wie das Drama weder durch starke einzelne 228 noch durch bloße Zusammenrottung gewisser Berufsklassen zu Berufs- u nd Unterhaltungszwecken entstehen, sondern einzig auf der Grundlage »einer geistigen und künstlerischen Gesellschaft, die sich verbunden fühlt durch ganz bestimmte Ablehnungen und Bejahungen, durch ein besonderes Lebensgefühl". Eine solche Gesellschaft, die Goethe noch überkommen und selbst unter Eindämmung ja Opferung seiner dämonischen Triebkräfte mit Güte und "arte, mit werbender Anziehung und rücksichtsloser Ausschließung zu ^halten gesucht hatte, mußte am Ende des Jahrhunderts in Deutschend erst wieder geschaffen werden. Eine neue Bildungseinheit konnte nur e ntstehen, wenn der vom Dichter offenbarte Lebensrhythmus zuerst von e 'ner Gemeinde, dann von einer größeren Volksschicht angenommen w Urde. In der Gewißheit, daß diese Gemeinde sich aus dem kleinen Anlangskreise stetig weiterentwickeln würde, umgrenzten die Blätter auch ln den neuen Folgen einige Bereiche unseres geistigen Lebens. Sie verwarfen mit dem Hinweis auf die Formenstrenge der frühen rheinischen Geister und vor allem Holbeins die billige Vorspiegelung als ob Form- re mheit etwas dem deutschen Geiste unangemessenes, mehr dem Süden e 'genes sei: „es gibt allerdings zwei Linien des deutschen Geistes — und n Ur durch den beständigen Hinweis auf die eine kam man zum Glauben, ö aß die andre nicht bestehe: freilich nach den staatlichen und Glaubens- ^rren des 16. Jahrhunderts machte sich im Deutschen eine Vorliebe gel- te nd für alles Platte, Eckige, Vernünftelnde". Gegen diese Vorliebe, die dur ch das „kunst- und kulturfeindliche System des Preußentums" noch Ver stärkt worden war, forderten die Blätter eine tiefere Durchbildung des künstlerischen Urteils, eine Wiedergewinnung der Gestalt des Dichters ü nd vor allem die Schaffung einer gesamtdeutschen Menschenart, eines Urchgeformten Typus des Deutschen über Preußen und Österreich hin- e g: „Daß der Deutsche endlich einmal eine Geste: die deutsche Geste e komme — das ist ihm wichtiger als zehn eroberte Provinzen". „Die Jü gend", so schließen diese Merkworte, „die wir vor uns sehen, gestattet ns den Glauben an eine nächste Zukunft mit höherer Lebensauffassung, 0r nehmerer Führung und innigerem Schönheitsbedürfnis. Sollten aber S r oß e Umwälzungen und Ausbrüche entstehen, wissen wir, daß diese ganz a nderer Art sein müssen als die staatlichen und wirtschaftlichen Plän- kel eien die heute die Gemüter erfüllen". Mit diesen Sätzen wurde der n gere Kunstkreis des ersten Jahrzehntes verlassen. Das bewußte Hinaus- lr ken, wie es sich in den öffentlichen Ausgaben der Bücher ankündigte, as Bewußtwerden der Verwurzelung im eignen Volke und Boden, wie es " m TEPPICH DES LEBENS und in der DEUTSCHEN DICHTUNG seinen 229 Ausdruck fand, tat sich in der fünften und sechsten Folge als Handeln in die Zeit schon dar. Der Dichterkreis setzte sich nach seiner inneren Festigung in Bezug zur Volksgesamtheit und ging zugleich zu einer neuen Ausprägung der dichterischen Handlung im engeren Sinne über, welche eine Gemeinschaft zur Voraussetzung hat. Beides geschah zunächst noch vorsichtig und tastend: im ersten Bereich durch das Grabgeleit für Nietzsche und Böcklin und die ersten Zeitgedichte Georges, im zweiten durch die dramatischen Spiele und Gespräche: „Die Aufnahme in den Orden" von George, einen Auftritt aus „Das gerettete Venedig" von Hofmannsthal, die Einzelrede aus einem Trauerspiel von Wolfskehl, „König Kofetua", „Alexandros", „Antinous" von Gundolf, das vierte Bild der „Katharina von Armagnac" von Vollmöller, „Die Mädchen von Phaesana" und zwei Einzelreden „Kalypso" und „Der Abschied" von August (Dehler, und die Chöre und Auftritte aus „Polyxena", „Anikate Machan" und „Der Leibwächter" von Heiseler. Obgleich alle diese Versspiele im Ton der neuen Dichtung schwingen, lassen sie doch in ihrer Handlungsform deutlich zwei Wurzeln erkennen: die Hofmannsthals und Vollmöllers nähern sich der älteren dramatischen Form aus dem Jahrhundert Goethes, sie haben noch das überkommene Theater zur Voraussetzung, die übrigen sind in ihrer vereinfachten Handlungsart vom VORSPIEL oder den Doppelbildern im TEPPICH erregt und haben die festlichen wie gestalterischen Bedürfnisse der neuen „geistigen und künstlerischen Gesellschaft" zur Voraussetzung. Sie spiegelten noch unter geschichtlichen Namen und Sinnbildern das Geschehen der eigenen Lebensgemeinschaft wieder oder suchten große Gestalten der Vergangenheit in den Raum des eigenen Erlebens zu ziehen, immer aber blieben sie innerhalb des engsten Lebenskreises und fanden ihre Darstellung ohne fremde Orte und fremde Kräfte in der schlichten Form des dichterischen Hersagens oder der einfachsten Form der Aufführung durch mehrere Freunde. Das Theater hatte für diese Einheit von Ereignis und Gestaltung des gemeinsamen Lebens keinen Sinn mehr. Wer in die Außenbezirke ging, vertat nutzlos sein Gut an die Vielen und Fernsten ohne auch diesen damit aus der Wahrheit zu helfen. Nur wer im Bunde mit dem Meister und den Gefährten seine Kräfte dem nächsten und wichtigsten widmete, nährte den Keim des Neuen Lebens, aus dem allein auch einer größeren Gesamtheit das Heil erwachsen konnte. Das war auch der Sinn des Weihespiels „Die Aufnahme in den Orden", das unter mittelalterlichem Gewand den Ankömmlingen den ganzen Ernst der Verpflichtung an das gemeinsame Wirken vor Augen hielt. Es waren vier Neulinge, deren Namen in der fünften und sechsten Folge 230 zum ersten Male auftauchen. Felix Maltz, dessen giftig schillernde Landschaften auf eine Abhängigkeit von Baudelaire deuten, war eine vorübergehende Erscheinung und verschwand bald. Henry von Heiseler, aus ursprünglich deutschem Geschlecht, hatte auch Westeuropäisches Blut in den Adern. Er war im Dezember 1875 in ^t- Petersburg geboren und ist im tiefsten Rußland unter dem Schatten des Kreml aufgewachsen. Im Weltkrieg bei dessen Beginn er gerade in Rußland weilte, stand er als russischer Offizier auf Seiten des Zaren und °ach der Umwälzung brachte ihn das wirbelnde Geschick in den obersten Stab der Sowjetarmee gegen Polen. Durch eine abenteuerliche Flucht und Unter Verlust seiner Güter entzog er sich den bolschewikischen Macht- habern und kehrte nach Deutschland zurück, wo er sich schon um die Jahrhundertwende im Inntal angesiedelt hatte. Als George ihn im Winter ^02/03 in München zuerst kennenlernte, fiel der junge Deutsch-Russe durch eine schöne schlanke Gestalt und gewählte Haltung auf, die auch den Mann nach all jenen Stürmen der Zeit noch ausgezeichnet hat. Seine "■rt sich zu geben, entsprach ein wenig der des reichen verwöhnten Jüng- lln gs der Bibel, der mit dem schönen sicheren Blick des Vornehmen die ^ r Öße des Meisters ganz erkennt, aber das letzte Opfer der Hingabe, den "erzieht auf die bunte Vielfalt der Dinge, nicht zu bringen vermag. Damals bezwang ihn beim ersten Sehen, wie er uns erzählte, „die natürlich- hebenswürdige Anmut" Georges um so mehr als auch ihn das Gerede von der „äußerst exklusiven Haltung" des Dichters schon erreicht hatte. Ein ktztes Zögern blieb, aber in den nächsten Jahren überließ er sich im Kreis der Münchener Freunde ganz der meisterlichen Führung und seine Gedichte in der sechsten und siebenten Folge sind ein Zeugnis dafür, wie a uch das östlichste fast schon der Heimat entfremdete Deutschtum jenseit der baltischen Marken in die Glut der neuen Dichtung eingeschmolzen w urde. Denn Heiseler fand umgekehrt wie andre nicht in Rußland sondern in Deutschland seine Heimat wieder und vermied dadurch die Gefahren, denen diese bis zur Verleugnung des Mutterbodens unterlagen. Das fremde ru ssische Element tönte freilich in Heiseler noch unverkennbar nach, als Sein Geist sich schon längst von der alten Steppenhochburg gelöst hatte. "'"* hörten schon bei Waclaw Lieder jene slawische Note des Ostens fingen, aber die katholischen Polen stehen doch noch im römisch-kirch- Ilc hen und westeuropäischen Raum, in den Kaiser Otto III. sie einbe- schlossen hatte, die Russen dagegen sind geistig nach Byzanz und seelisch n ach Asien gerichtet, sind für uns ein Undurchdringlich-Fremdes, in dem e "i anderer Takt des Lebens schlägt. 231 Die russische Seele schwankt für unser Gefühl in unvereinbaren Gegenpolen: sie wechselt leicht von trotzigstem Übermut zu weichster Hingabe und wieder von brennendem Schmerz zu kalter Grausamkeit, sie ist Vam- pyr und auch Vampyropfer, saugt andre quälend aus und läßt sich ebenso gern gequält von anderen aussaugen, sie taumelt vom Hochgefühl des Stolzes in einem Augenblick in wehes schmelzendes Mitleid, ja gleitet — für uns ein scheußlicher Anblick — von herrischer Höhe so tief in die eigne Hingegossenheit hinab, daß sie mit dem Untersten im Wollustrausch der Selbsterniedrigung selig verschmelzen kann. Heiseler war von Geblüt ein Deutscher, aber er verlebte die empfänglichsten Jahre der Jugend in Rußland. So nimmt nicht wunder, wenn wir in seinen Gedichten in den Blätterfolgen — und mehr noch in sonst veröffentlichten Dramen und Geschichten — einen Hauch von jener seltsam schwankenden Seelenlage finden, deren Sinnbilder das endlose Meer, die weite Steppe und die wehende Birke sind. Aus fernen Räumen tauchen Todgesichte schauernd auf: Schicksallose aber vom Blutrausch gepeitschte Geister. Selbst wo antike Bilder die Gleichnisse tragen, ist es für uns, als klänge ein fremderer Ton darin als der von den Ufern des Jonischen Meeres bekannte: wilder aber auch ungeformter, weicher aber auch düstrer, ein Hall, der über das Schwarze Meer und die schwarze Erde nach Norden zog. Da Heiseler ein Deutscher und Schüler Georges war, so wurden freilich diese fremden Schauer von den sicheren Formen der neuen Sprache aufgefangen. Wie sein dämmerndes Lebensgefühl einen Halt so haben hier seine weichen schwermütigen Rhythmen eine feste Führung gefunden. Seine dichterischen Eigenmittel waren nicht groß aber sie g e ' wannen in dieser Verbindung einen schmeichlerischen Wohllaut, der in den chorischen Gesängen der sechsten Folge an das Raunen und Rauschen Swinburnscher Lieder erinnert: ein Zeichen, daß auch diese östlichste Seele in den großen niederdeutschen Zug von England bis zu den Baltischen Marken eingebettet lag. Waren aus diesen östlichen Marken nicht vor anderthalb Jahrhunderten im „Sturm und Drang" die Erreger und Allmischer gekommen: Ha' mann, Herder, Lenz, Hippel? Und hatten sie nicht vom äußersten westlichen Flügel den Geisterfürsten der britischen Inseln nach Deutschland gebracht? Nicht als den Sprachgestalter und Dichter strenger Formen» sondern als Mischer aller Kräfte und Säfte, als naturwüchsige Macht, als Sturmwind, in dessen Atemstößen die schicksaltrunknen Seelen seiner Menschen trieben? Die deutsche Mitte hatte durch Goethe die Stürme von beiden Enden aufgenommen und unter ihrer Befruchtung ein solches Wunder an Saaten geboren, daß wieder bis in die fernsten Stämme ein 232 Jahrhundert lang die Samen des Mainfranken flogen und keimten. Wir begreifen an dieser Erinnerung, wie viel gesichert war, als nun, bevor die Stürze einer untergehenden Welt das Werk begraben konnten, der Rhein- franke kam und nach kurzen Sucherfahrten seiner Jugend sicher den Raum seines Wirkens zwischen Westen und Osten absteckte und München zum mittelsten Ort erwählte. In den Grenzen von Paris, Wien und Berlin konnte ihm keine geistige Regung von Wert entgehen, und bis in die Außenbereiche konnte bald keine deutsche Seele mehr dichterische Luft atmen, die nicht von seinem Hauch schon durchweht war. Schon erweckten die ausgestreuten Keime seines Werkes ihm immer ne ue Jugend: nach dem lutherischen Balten den katholischen West- Preußen Lothar Treuge, der 1879 in Danzig geboren war, als Student "ach Berlin kam und dort bis zu seinem Tode blieb. Er war in vielem ein Gegenspiel zu Heiseler: Dieser der reiche Adlige aus der hohen Petersburger Plutokratie, jener ein armer Bürgersohn aus beschränkten Verhältnissen, beide von hoher schlanker Körpergestalt, aber der erste von 2 arten geschmeidigen Gliedern, Treuge bei größerer Hagerkeit von federnden Muskeln und eisernen Sehnen, jener von weichem gütigem, dieser von ste chendem beinah höhnischem Blick aus blaugrauen Augen. Treuges ge- le nkiger Leib konnte sich ebenso leicht in gelöster Anmut der geselligen Bewegung wie in eckiger Gespanntheit der Streiterstellung geben. Sein ^°Pf kam in der Grundart mit geringeren Ausmaßen dem Georges nahe: die ^ u ge von nur wenigen bezeichnenden Linien zwischen den Flächen waren a Usgeprägter und schärfer als Lechter sie' in seine Studie „Ritter Keuschheit" übernahm, wo sie dem Zweck entsprechend weichere Formung haben. A Uch verloren sie früh die frische Spannkraft und durchgeistigte Feinheit er Jugend, denn dem harten Beginn seines Lebens gab Treuge selbst eine artere Folge, die zwar diesen stählernen Körper nicht brechen aber zu e 'tig mit Runen und Strichen der Leidenschaften durchfurchen konnte. Jede Bindung war ihm verhaßt und noch von George ließ er sich lieber n den, als jenen zu suchen. Er war Bohemien aus Hang zur Ungebundenst und aus Trotz gegen jedes bürgerlichsatte Behagen, er erstrebte trotz beutender Fähigkeiten weder akademische Grade noch unterwarf er sich sta atlichen Prüfungen und behielt auch in seinem freien Lehrerberuf, wo er a lte Sprachen, Mathematik und Naturwissenschaft unterrichtete, niemals lange eine feste Stellung bei. Seine Verachtung gegen das Amtlich- ^nge und Bürgerlich-Dumpfe ließ ihn jeden Vorteil verlieren, den ihm ei &ne Kenntnis und Freundeshilfen boten. Der Hang zum freien Dasein auch u m (j en p reis des Hungerns, eine Reizbarkeit des Stolzes, den auch der c «einbare Hinweis auf ein Ungeregeltes schon verletzte, machte jede 233 Hilfe hinfällig. Er wollte der Künstler sein, der außer der bürgerlichen Gesellschaft steht und sie darum verachten darf, ja der sich etwas zu vergeben glaubte, wenn er im geistigen Bereich für Geld eine andere als freiwillige Arbeit leisten sollte: Die Bürger sollten warten bis ihm die Götter seine Stunde schickten. Eben dieser aber war in Einem unerbittlich streng, peinlich, sauber, arbeitsam und von unermüdlicher Ausdauer: nämlich im dichterischen Handwerk. Seine ersten wie seine letzten Gedichte sind im ganzen Aufbau von der größten Sorgfalt und in jeder kleinsten Mache von gewissenhafter Feilung. Er war in Geste und Gedicht der echte „Poeta": mit dem Sinn für höchste Verantwortung in Dingen der Bild- und Klangfolge, des Schrittmaßes und Tonfalles, der Lautreinheit und Silbengleitung. Er tat sein Tagwerk sonder Haß noch Liebe, zu keinem fruchtbaren Tun befähig 4 als die Kunstübung mit Könnerschaft und Feinheit zu betreiben: gute und sehr formale Gedichte zu machen, wie man sie damals — und bis heute noch — in ähnlicher Ausgeglichenheit vergeblich sucht. Für George war diese sonst in solcher Reinheit nicht vorhandene Grundart des Poeten sehr willkommen, er suchte den unbekümmerten Kämpen in seinen einsamsten Winkeln immer wieder, ging jahrelang gern bei ihm aus und ein und seine unbürgerliche Haltung war ihm eher genehm, solange sie die hohe Verantwortung vor dem einen geistigen Gesetz, solange sie die Strenge des Dichtertums nicht störte. Die Gefahr für Treuge auf diesem eigensten Felde wurde erst später sichtbar. Seine Gedichte in der fünften und sechsten Folge aber sind von höchster dichterischer Zucht: wenn sie im Gehalt an ALGABAL und DIE HÄNGENDEN GÄRTEN anklingen, so erinnern sie im Bau an die Verskunst von Horaz, der in Treuge auch seinen besten Übersetzer gefunden hat. Es wiederholt sich hier ein Vorgang, den wir i° der Dichtungsgeschichte bei Johann Heinrich Voß schon kennen: Wenn der Norddeutsche von einer südlich-strengen Form ergriffen wird, ist er geneigt, diese Form in sich zur höchsten Ausbildung zu treiben und er erreicht dadurch eine wundervolle Schmeidigung des sprachlichen Mittels- Wenn die Durchglutung der Bilder auch nicht groß genug ist um uns ga° z zu erwärmen, erfreuen wir uns bei Treuge immer wieder an dem Wunderwerk der Arabesken, an dem niemals stockenden Fluß der ornamentalen Klangbänder und überlassen uns gern der zaubervollen Musik, die uns selbst in Blumen und Gärten umdeutet und noch entzückt, wenn der Geist schon entglitten ist. Es ist reine Oberfläche im guten Sinne: auf den malerisch-flächenhaften Gebilden erscheinen mehr die Linien der sauberen Kunstübung selber als körperhafte Gesichte. Ja es ist uns, als ob oft die Tiefenwirkung absichtlich um der höchsten Vollendung der Mache wiU en 234 vermieden wäre, wenn wir plötzlich bei einem Gedicht wie dem „Ihr kamt v om Strom" aus dem geschliffenen Kristall einmal dunklere Gluten und dichtere Bilder brechen sehen. Es ist der umgekehrte Vorgang — wenn wir die angezogene norddeutsche Linie in den neuen Folgen nun weiter nach Westen verfolgen —, den wir schon früher an den Gedichten des Niedersachsen Klares bemerkten: bei diesem ist die Sorgfalt des Baues absichtlich, fast ver- ac htlich vermieden, damit der Blick in die wogenden purpurnen Lichter der Schattengründe falle, ja er hat in den neuen Gedichten dieser Folgen den Vers zum Teil schon aufgegeben, um in rhythmischen Prosasätzen den „bleichen Brand der saugenden Mondnacht", den „fahlen Fernblick hinter dem Schleier des Alls" zu fassen, und nur ein älteres Gedicht wie »Die Wettertanne" bezeugt, bis zu welch klarer Bildhaftigkeit und strenger °rm sich auch dieser schweifende Geist aus den Nebeln erheben konnte, s olang er die Gestaltung noch wichtiger nahm als Stürzen und Schwären. Doch davon bald. In Verwey am westlichen Strand vollendet sich unsere Linie. Seine ^ e dichte umfassen ein Drittel der sechsten Folge. Es sind weniger Über- ra gungen als „Umschreibungen ins Hochdeutsche" da bei der Schwester- Prache „die Annäherung an die Urworte sogar in unklingender und un- e "olfener Form einem vollständigen Umguß vorgezogen werden mußte". w ie Heiseler entstammte der Niederländer einem fremden Bildungsbe- re ' c h, doch war dieser dem deutschen nicht fremd wie der russische, son- err > kam aus derselben abendländischen Wurzel. Ja die selbständig gewordene niederländische Sprache hatte das gemeinsame Gefüge mit der putschen nicht verloren und unverkennbar bildet bis heute die volkliche P* l genart der Holländer in Denk- und Fühlweise, ja in jenem ungreifbaren er halten zu den Dingen der Welt, die man als Geste der Seele bezeich- e n könnte, eine Einheit mit den deutschen Stämmen in den niederen Lan- en an den Gestaden des Meeres. Verwey ist der größte Dichter in dem kannten Zuge. Daß er der westlichste und südlichste ist, erhellt sogleich Us der dichteren Einung von Form und Tiefsinn, die er vor jenen besitzt, ein Werk ist die schönste Verbindung der niederländisch- und im e »testen Sinne niederdeutschen Art mit der rheinisch-süddeutschen Art Georges. Die Gedichte „Cor Cordium", sowie die schon in der dritten Folge verpflichten Auszüge aus der Sonetten-Reihe „Von der Liebe die Freund- Cft aft heißt", stammen aus den achtziger Jahren, ein Denkmal wie fern der landische Naturalismus dieser Zeit, wenn man ihn schon so nennen will, e m beginnenden deutschen war: der Gebrauch des Sonetts und die sorg- 235 fältige Prägung des Blankverses zeigt die ungebrochene Weiterführung der formalen Überlieferung an, und die „Nähe der Wirklichkeit" drückt sich nur in einigen Gleichnissen und Bildern der unmittelbaren alltäglichen Umgebung aus. Aber auch diese Einbeziehung der Dinge des Gebrauchs, fast möchte man sagen des Hausrats, in den Bereich der dichterischen BÜ' der stammt mehr aus einer Eigentümlichkeit der niederländischen Sehweise, die wir aus unseren niederdeutschen Dialektdichtern bis zur Übertreibung kennen: nämlich der liebenden Erfassung des Kleinen, des Heimlichen, Häuslichen und einer scharf umrissenen Sachbezeichnung, welche die Gegenstände wie bei den großen holländischen Malern in ihrer ganzen stofflichen Nüchternheit erscheinen lassen. Aber wie bei diesen das Licht die inneren Räume durchflutet und alles farbig verzaubert, ohne den Dingen ihre Stofflichkeit zu nehmen, so stehen auch bei Verwey alle Bilder und Gleichnisse in einem inneren Leuchten, das alles Gewohnte, Gewöhnliche in eine höhere Wirklichkeit, alles Alltägliche in einen schöneren Sonnentag hebt. Die Dinge der Welt sind der eine, das Leuchten seines inneren Selbst der andere Pol seiner Dichterkraft. Dies blieb im Wesen das gleiche auch als er mit George zusammengetroffen war: nur die Luft um die Dinge und die Sprache der Seele wandelte sich in dem gemeinsamen Suchen nach Kraft und Schönheit mit dem Freund der „von Süden kam, wo jeder Satz aus süßem Geläut und klaren Linien stieg und dem noch der Chorhall deutscher Kathedralen und der Sturm von Wäldern im Ohre hing", wie es i fl einem seiner Widmungsgedichte heißt. Daß die Holländer und auch Ver weys nächste Menschen noch immer seine frühen Gedichte am meisten h ben und fast eine Art Grauen vor der strengeren Formung der späteren nac der Berührung mit George entstandenen haben, kennzeichnet vielleicht a besten die tiefe Wandlung, welche diese Berührung in ihm hervorrief. & 1 neuer Ton klang nach dieser Wandlung Verweys auf, der so vorher in H° land nicht hörbar war und den die Holländer noch heute nicht ganz gem ßen. Denn schon durch dieses von der Allgemeinheit unterschieden Schwingen erhob sich die Dichterseele über die eingeborene Gemütlichke seiner Landsgenossen und verletzte die Gleichheit durch eine adlig sich so dernde Erhebung über das Bürgerlich-Allgemeine. So offenbarte sich in de Betrachtungen um die Jahrhundertwende die alte Polarität unter eine höheren Gesetz, nachdem sie in den beiden Werken „Der Neue Garten (1897) und „Der Brennende Dornbusch" (1899), aus denen die meiste Übertragungen stammen, ihre höchste dichterische Gestaltung gewönne hatte. Von einem südlicheren Strahl geküßt, deutsche Städte und Dom ' deutsche Ströme und Künstler preisend ist Verwey dennoch in ihnen g a der Dichter unserer germanischen Tiefebene: unvergleichlich in der Fäh»* 236 keit den goldnen Lichtreiz aus Nebeln und Finsternissen entstehen zu lassen .. unübertrefflich in der tiefen Deutung des Leides und, ohne kirchengläubig zu sein, das Christliche in seinen ewig menschlichen Werten zu erfassen .. wunderbar in der Größe seiner Meerbilder, vorbildlich in der Liebe 2 u seinem Land und unbegreiflich darin, wie seine klaren Gedankensichten sich mit bunten großgeschauten Märchenzügen paaren und seine Schau ins Dinglich-Nahe, ja zuweilen Gegenständlich-Harte sich plötzlich beschwö- re nd und verführend in ein Rauschhaftes überschwingt und unsere Einbildung wie bei den Schlußgedichten der sechsten Folge in die Schauer des Jodesgottes hinabreißt, mit dem der Dichter einen Atemzug lang verschmilzt und nur weil er dichtend besteht auch uns wieder ins Licht führt. u ies hat er vor Rembrandt mit dessen Selbstbildnis auf einer kleinen frühen Radierung er bedeutsame Ähnlichkeit hat und den er über alles verehrte 0r aus: bei Rembrandt wirkt der Durchbruch nicht immer siegreich, son- er n oft bleibt sein Dunkel ringsum drohend geballt, während die Licht- au le starr im Raum, ja manchmal nur ein Lichtfleck an einem gleichartigen oder gar häßlichen Etwas hängt.. Verwey bleibt klar auch wo er le *> schön auch wo er sachlich ist. Wäre George nicht die verbindende Mitte zwischen diesen Männern ver- c hiedener Stämme, so wüßten wir kaum einen Weg zu dem vierten Neuling er Blätterfolgen: so fern erscheint all denen, die wir bisher betrachteten, er eine Ludwig Derleth, der wohl undurchdringlichste von allen Gefähr- en Georges, dem öffentlichen Deutschland noch heute ein Unbekannter und ° c h neben George eine der stärksten Kräfte unter den deutschen Dichtern es letzten Halb Jahrhunderts: ein katholischer Mainfranke vom Südhange es Spessart, wo er im Jahre 1871 in Stadtprozelten am Main geboren Ur de. Nach einer kurzen Lehrtätigkeit an höheren bayrischen Lehranstal- en lebte er hoch über dem Marienplatz in München mit seiner Schwester n na Maria in großer Einfachheit und mit der längst verschollenen Strenge ere r, die nur das Gebot ihres göttlichen Herrn erkannten und seine Macht Erden mehren wollten. Derleth war im Gegensatz zu seiner hellgold °nden und blauäugigen Schwester sehr dunkelhaarig und dunkeläugig, °n kleiner Mittelgröße, aber äußerster fast überstraffer Haltung, sein Ic k war scharf und fordernd, stolze Falten standen über der geraden ' "malen Nase und um den festgepreßten Mund. Alles an ihm war napoleo- ls ch-ekklesiastisch, Befehl und Priesterheischen seine Rede. Aber er war ' aller Gespanntheit ganz Würde und Adel und ohne störende Ver- e "Ung: ein einzelner, aber rein in sich. Wie ein Adler beobachtete er aus r Höhe seiner Zurückgezogenheit die Bewegungen seiner Zeit, ob sich Wa ein Feld zum Handeln biete, die Schwester war seiner Unbedingtheit 337 folgend und ihm dienend, sein Ohr mit dem er drunten hören ging .. er der strengste Forderer an sich selbst, der ohne Unmut alle äußeren Beschränkungen ertrug, aber unnachgiebig und ohne Milde im geistigen Urteil, sie die harte Keusche mit der sicheren Überschau über ihr Geschlecht, alles Streben nach Losgebundenheit und Gleichberechtigung verhöhnend aus dem Wissen um das höhere Gesetz der Frau, die nur durch Opfer siegen kann — so lebten die Geschwister und suchten, in Erwartung größerer Aufgaben, der Kirche durch die kleineren Hilfen der Zurückführung ver- irrter Lämmer zu dienen. Aber die großen Aufgaben blieben aus: die Kirche stellte sie ihm nicht und hätte ihm nur „solch ein Amt zu leihen vermocht das tausend andere ebensogut ausfüllen könnten". Derleth stellte sich dem Collegium Germa- nicum in Rom zur Verfügung, aber die Jesuiten wollten diesen „Ultra' nicht haben, weil es ihm an der nötigen Demut fehle, sie brauchten „vernünftige Leute", und kein Blick sagte ihnen, daß sich hier der letzte große Redner und Dichter der Kirche anbot. In seinem Drang zu wirken, dachte er daran, in einem Wallfahrtsort in der Rhön vor den großen Prozessionen zu reden oder wie wir noch sehen werden, durch gewaltige Anrufe die ganze Christenheit in Flammen zu setzen und zu neuen Glaubenstaten z u erwecken. Sein feuriger Geist suchte nach Mitteln das Unangreifbar-Zerfließende des Zeitkörpers anzugreifen und sein Späherblick hatte bald in George eine Kraft erkannt, die solche Mittel zu besitzen schien. Aber er schaute ihm lange erwägend zu, beobachtete ihn in der Mitte der neunziger Jahre selbst in Paris unter seinen Freunden, ohne sich ihm zu nähern. Die beiden streiften sich zuerst in einem Boulevardcafe dieser Stadt, die Derleth als Wiege des Napoleonischen Ruhmes und als Wiege des Jesuitenordens besonders ehrte. Mit Schuler hatte ihn eine frühe aber bald zerstörte Freundschaft verbunden, er suchte ihn wieder auf, als er dessen häufige 11 Umgang mit George bemerkte und wollte so in nähere Beziehung mit diesem kommen. Dann aber verfeindeten sich die beiden abermals aus geistigen Gründen bis zum bittersten Haß: die Erzkatholiken waren sich i 01 Wesen zu nah, in der Haltung zu fern, Schuler zu heidnisch, Derleth z u dogmatisch. Daß sie ihre großen Kräfte kannten und sich doch gegenseitig weder nutzen noch schaden konnten, trennte den katholischen Römer und den heidnischen Römer für immer, nie durfte der Name des einen vor dem anderen genannt werden, und so kam Derleth auch nach der Bekanntschaft mit George nie in die Runde bei Wolfskehl, sondern hielt sich wie vorher abseits und trat nur mit einzelnen in persönlichen Verkehr. George und Derleth, fast gleichaltrig, fast auf der gleichen 238 Zonenlinie Deutschlands geboren, vom gleichen Tatwillen, von der gleichen Unbedingtheit der Hingabe an geistiges Wirken, vom gleichen rücksichtslosen Einsatz alles persönlichen Glücksverlangens, von der gleichen stolzen Verachtung gegen alle Verflachung in Kirche und Staat, Volk und Gesellschaft erfüllt und jeder von der Gewißheit getragen auf dem Felde seines Könnens als Erneuerer zu siegen — so traten die beiden Männer einander gegenüber und ihre Gemeinsamkeit, nie durch einen Hauch des Unmuts getrübt, mußte zugleich ein Kampf um das höhere Recht, um die Unberufene Entscheidung des Schicksals sein, wessen Fahne steigen und dessen Fahne sinken sollte. George war zunächst trotz aller Weite und Weltgewandtheit gegen den Verschwiegenen, in einsamster Zucht Geprüf- ten . Schritt und Wort berechnenden Späher der Gefährdete, fast Unbe- bahrte, der nichts gedanklich zu umhüllen gewohnt war, wenn der erregte Augenblick seinen leidenschaftlichen Anteil aufrief. Derleth verriet sich nj e in seinen Zwecken, er leitete seine kargen Sätze meist mit einem „Ich ^urde sagen" ein, in dem er das zu Sagende scheinbar schon entwirk- lc hte, aber zugleich bis in die letzte vermutete oder vorhandene Schwäche aes Partners vorstieß. Jedes Gespräch Georges mit ihm, so kurz es war, r uhxte an ein Äußerstes zweier Welten und spannte zwischen den beiden Männern die letzte Kraftfiber an. Gegen die Gefahr der Bloßlegung seiner Se tt>st, zu der ihn Derleth wissentlich oder unwissentlich drängte, sicherte Sl ch George anfangs nur aus Triebgefühl und gewann erst allmählich an u^sem und den anderen Gefährten in München die Überschau über die ^ e iahrlagen des geistig handelnden Mannes. In der sechsten Folge der Blätter erschien Derleth zuerst mit einer r °se „Vom Wissen und Wege", die in fünf Stücken das große Kräfte- s Piel de S Alleinen, Ausstrom und Rückstrom der ewigen Bewegung in die evv ige Stille, die bindende Kraft der Liebe zwischen den Anderheiten, den We g der Gestalten und der göttlichen Erinnerung des Seins und Wer- en s darstellt. In der Sprachführung ist hier und da ein Ton von Nietzsche Pürbar, aber sie geht tiefer ins deutsche Erbe bis zu unsern mystischen ^°ttesschauern des Mittelalters zurück, eine Prose von weiter Gedankenspanne und kühner Bildlichkeit. Ihr folgten bald die Gedichte. So schlössen sich neue Menschen und Kräfte immer voller und dichter l n der Gemeinschaft der Blätter zusammen und mit dem Erwähnten ist nur ein Teil dessen betrachtet, was in den beiden Folgen an schönen Er- eu gnissen sichtbar wurde. Von George brachten sie außer dem „Weihe- P le l" und den Verwey-Ubertragungen auch neue Baudelaire-Ubersetzun- & e n, die ersten Stücke seiner Dante-Übertragung und die ersten Gedichte l nes Tones, der eine Erschütterung über alles bisher Erlebte ankün- 339 digte. Paul Gerardy, Waclaw Lieder und Leopold Andrian sind noch einmal mit einigen Gedichten aufgenommen, deren müde Traurigkeit seltsam absticht gegen die leidenschaftlich bebenden Rhythmen, welche inzwischen im innerdeutschen Räume entstanden waren: ihre Gedichte sind noch immer schön, aber in den meisten singt nur Trauer und Müdigkeit sterbender Seelen. Wie eine Ahnung mehr als persönlichen Untergangs ist das Bild des wehrlosen Byzanz, das Gerardy in seinem Gedicht „Das Ende der Runde" gemalt hat, es kündete einen Zustand der Geister und Staaten an, dem heute alle versagenden und erschlafften, friedens- und sicherheitshungrigen Triebe der Völker diesseit und jenseit der Meere zustreben. Von den Liedern Wolfskehls endlich werden wir sogleich in anderem Zusammenhang handeln. 6. KAPITEL: DIE KOSMIKER IN MÜNCHEN DAS jüngste Dasein wurzelt im ältesten, darum sucht der jüngste Gedanke seine Rechtfertigung in der ältesten Zeit. Die deutsche Seele war damals willens, wieder mit Leib und Wachstum vermählt und von der Zwiespältigkeit des Stofflichen und Beseelten, des Diesseitigen und Jenseitigen befreit zu werden. Da wurde über einen mehrtausendjährigen Zeitraum hin eine frühere menschliche Daseinsform dem geschichtlich g e " schulten Auge sichtbar: ein fernes Verlorenes, die wahre Natur des Menschen, der tiefste Grund des religiösen Erlebens, die Urreligion bot sich erstaunten Blicken dar und die wenigen, welche dies zu sehen glaubten, überkam ein wilder Rausch abzutun was bisher war und ringsum webte, sich hinabzustürzen zur Ursprungsquelle und sie wieder ins Leben hinaut- zureißen, auf daß die Völker sich in ihr erneuerten. Es schien kein Zweifel, daß die Zeit zum Untergang reif sei: wozu und worauf also warten, da der Blick in den mütterlichen Schlund getan war, aus dem die Gewalten des Aufbruches quellen mußten? Es galt nur die Kräfte zu ballen und das Ungeheuerste geschah ... So begann der Kosmikertaumel xn München, von dem wir nun zu erzählen haben. Wir sahen schon bei der Darstellung des JAHRHUNDERTS GOETHES, daß der Vorgang der Sichtbarwerdung vorzeitlicher oder zeitloser Urwel kein plötzlicher war sondern allmählich in den Dichtern deutlicher wurde und ein Gleiches ist jüngst für die deutschen Denker zwischen Winckel- mann und Nietzsche nachgewiesen worden. Doch fast all diesen Dichtern und Denkern ist gemeinsam, daß sie in ihren Gedichten und Gedanken unbewußte Zeichen dieses Vorgangs gaben, aber nicht selbst bewußt e 240 tr kenner und Beweger der ihm zugrunde liegenden Wandlung unseres ^enschtums waren. Die wenigen dieser Art, Hölderlin und Nietzsche vor a Hen, büßten ihr Wissen und Wollen mit Wahnsinn, da die Wucht des "irer Einsamkeit Entgegenstehenden untragbar für sie wurde. Für die äderen verlagerten sich ihre dunklen Ahnungen und seelischen Schauer ltl dichterische Bilder oder gedankliche und geschichtliche Sichten von freilich so verschlossener Art, daß sie der zeitgenössischen Schrifttums- ku nde und Wissenschaft meist fremd und unverständlich blieben. Erst als George mit gleichem Blick und Willen wie Hölderlin und "ietzsche begabt die Not der Einsamkeit, den Druck der ganzen ihm ent- ge genwuchtenden Welt bestanden hatte, erst als sein Werk und Leben Nieder eine feste Mitte setzte, wurden alle Tag- und Nachtgedanken unse- ^ r Dichter und Denker bis in ihre letzten Höhen und Tiefen sichtbar. le geistige Wirklichkeit dieser Bilder und Sichten wurde offenbar, das e, ßt der Untergang einer alten Welt und die Geburt einer neuen rückte "is Bewußtsein der Zeit, ins Körperlich-Gegenwärtige, wurde Handlung n d Kampf zwischen dem Bestehenden und Werdenden, wurde Frage ach Weg und Mittel zur Gestaltung. Es war natürlich, daß dieser Kampf lc h zuerst in George selbst und mit den nächsten von ihm Erweckten °llzog : in ihnen befanden die Kräfte und Gegenkräfte des deutschen esens sich in der gespanntesten und empfindlichsten Lagerung. Es waren c nuler, Wolfskehl und Klages, die sich mit der dauernden Niederlassung °lfskehls in München im Jahre 1899 zu einer dichteren Einung zu- at ntnenfanden und in den folgenden Jahren jenen Wirbel höchster Er- e gung der Seelen und Sinne hervorriefen, von dem heute schon die Sage ra unt. Sie waren jeder auf seine Weise, wie wir sahen, vom Dichter erschüttert 0r den und jeder hatte unter seinem Anhauch seine ursprünglichen An- gen weiterentwickelt. Sie waren auch alle drei von den aufwühlenden a °ipfreden Nietzsches und seinen tiefen Einsichten in den antiken und "östlichen Kosmos ergriffen worden, aber obwohl Schuler von einer genen Dämonie besessen war, schlugen ihre erregten Flammen erst in- 'ftander, als sie gegen das Jahrhundertende in Bachofen auf einen der "len deutschen Denker trafen, dessen großes Lebenswerk bis dahin in eu tschland fast unbemerkt geblieben war und jetzt erst Ereignis wurde. Es war Karl Wolfskehl, der bei den Studien und Vorarbeiten zu seiner l ssertation über Androgynismus in Sage und Mythos auf „das Mutter- *cht, eine Untersuchung über die Gynaikokratie der alten Welt nach re r religiösen und rechtlichen Natur" gestoßen war und Schuler und la ges alsbald von dem gewaltigen Eindruck Mitteilung machte, den 16 241 dieses Werk auf ihn ausübte. Bei ihnen war der Eindruck der gleich« obwohl der Zugang zu dem Werke bei allen dreien verschieden war. Nachdem heute schon eine Anzahl größerer und kleinerer Arbeiten über Johann Jakob Bachofen erschienen sind, können wir die Kenntnis seines Werkes voraussetzen, das in dem Gedanken der Muttergebundenheit alle 8 gewachsenen Lebens gipfelt und aus den religiösen Mythen und Symbolen der alten Welt vor allem des Totenkultes eine bis dahin verlorene innere Geschichte der Menschheit, den Kampf der Geschlechter um die Lebensherrschaft im frühen Mittelmeerräume erschloß. Ob seine Einzelergebnisse für die Wissenschaft haltbar sind, bekümmert uns an dieser Stelle nicht- Hier sprach ein Begeisterter in priesterlichen Worten und zugleich ein Gelehrter von allumfassender Sachkenntnis von einem nur in Sagen un» Sinnbildern der Natur niedergelegten mutterrechtlichen Lebenszustano unserer europäischen Menschheit von urmächtiger Gewalt. Er durchsetzte nach Bachofens Meinung trotz des siegreichen Vaterrechts Apollinischer Herkunft und Herrschaft doch alle Götterkulte der antiken Völker ja den ganzen Kreislauf ihrer Feiern und Feste, er kam in den Mysterien ebensogut wie in den Kampfspielen zur Erscheinung und verhielt sich zum hellen Tag des apollinischen Lichtes wie die dunkle Nacht des dionysischen Totengottes, zum herrscherlich bauenden Geist wie die stumme lebenbewahrende Seele, zum zeugenden Manne wie die Mutter, des Sohnes Gebärerin. Über den so gegründeten Kosmos der antiken Völker hinaus sah Bachofen freilich eine noch ältere Menschheitsschicht, wo eine rein mutterrechtliche Ordnung herrschte und noch darunter eine Schicht der ungeregelten Geschlechterverhältnisse des Hetärismus, des rein stofflichen Seins der Sumpfzeugung unter der Allgewalt des Eros, in dem — wie I* allen Zeiten schrankenloser Triebmischung — das Weib ordnungsl° s herrschte. Es ist bezeichnend für die Zeitlage — für die letzte romantisch-christliche Weibschätzung und die beginnende Zersetzung & e christlichen Ordnung auch im Geschlechtsbereich —, daß Bachofen he 1 aller Lauterkeit seines geschlechtlichen Denkens und Fühlens doch diese unterste Stufe des chaotischen Sumpflebens mit allen glühenden Farben der Entdeckerfreude geschildert hat. Aber die zwischen 1859 un< ^ : erschienenen Schriften Bachofens fanden so wenig wie die Nietzsches eine lebendige Anteilnahme der Zeitgenossen. Das unterirdische Pochen dieser Leben als symbolischen Ausdruck eines geistigen Geschehens m Europa verstand man nicht. Erst als der Dichter die neue geistige Kuns* und das Schöne Leben in großen Werken verkündet hatte, wurden auch die früheren deutschen Träume, welche auf eine Wandlung unseres Menschtums deuteten, wieder ernst genommen und — wir bezeichneten 242 den Ort — zum ersten Male von Georges Gefährten auch die Gesichte «achofens als Zeichen unseres Gesamtlebens gefühlt. Jeder von ihnen 'and in den reichen Schätzen des Basler Patriziers die Bestätigung seines e »genen Seins und Sinnens: Wolfskehl in den mannweiblichen Mischungsformen orientalischer Götterkulte, Schuler im Kult der Erdmutter und den aus Gebräuchen und Geräten erschlossenen „Substanzen" des römischen Altertums, Klages in den Zeichen und Sinnbildern des pelasgischen Menschen. Allen dreien aber bedeuteten die Forschungen Bachofens die Bestätigung ihres Glaubens an die Macht des frühesten Heidentums, an die Wirklichkeit einer bisher verschütteten Menschenwelt, welche alle 'Agenden Zeiten an Lebensfülle überschattete, ja sie mit ihren Kräften senährt hatte und deren letzte Reste eben in Gefahr waren völlig ver- lc htet zu werden. Würde die Erinnerung an die geheimnisvollen Mächte ralter Vergangenheit noch einmal in der Seele aufrauschen? Würden sie eu geweckt noch einmal die erstickenden Mechanisierungen des Ver- tendes brechen, den ganzen Unrat des gegenwärtigen Zeitalters weg- c hwemmen und wieder eine Welt gleich glühenden Menschtums wie das er Vorzeit schaffen? Im Mittelpunkte dieser Fragen stand zunächst die Sfoßte den dreien sichtbare Seelenkraft des Dichters, dessen Person und e lt ihnen die Augen erst aufgeschlossen hatte. Wir haben zu schildern le sich das wandelte und stellen uns deshalb das Bild der drei in dem Scheidenden Jahrfünft vor Augen um dann ihr Handeln zu verfolgen. Als Wolfskehl allmählich mit einigen älteren und jüngeren Gefährten e °rges in München, Berlin und im Ausland bekannt wurde, bemerkte er > daß sie auch ohne stärkere Freundschaftsverknüpfungen unter den IIlz elnen durch die gleiche besondere Art der Gemeinsamkeit verbunden , aren: nämlich durch das beglückende Gefühl, ein Einziges und von lr "em Gekanntes zu besitzen, ein geheimes Wissen um etwas, das man Sstlich vor Außenstehenden oder solchen die dafür galten, hütete und Cn nicht in den leisesten Andeutungen weitergab. Die Kraft der Ab- nderung vom Gewohnten und Gewöhnlichen, welche den Ergriffenen c h dann erfaßte, wenn er ihren bejahenden Sinn noch nicht begriffen te > war von Beginn an ein Zeichen für die verpflichtende Wesensart s Meisters, der schied und löste noch ohne Urteile zu sprechen, der a nd, ohne noch zu heischen und zu fordern. An Wolfskehl mußte sich e se Kraft vielleicht am stärksten erproben, weil sie in ihm die schweifte und ausschweifendste Natur unter allen Gefährten binden mußte. Ie Anlagen seiner Natur hatten sich am Ende seines dritten Jahrzehntes nz entfaltet. In ihm vereinigte sich ein scharfer unbestechlicher Ver- an d mit einer wenn nicht zur Zügellosigkeit so doch bis zum äußersten 343 Randmaß drängenden Leidenschaft, eine an allen Methoden der Wissenschaft und Talmudistik geschulte kritische Einsicht mit einer blühenden wuchernden fast überquellenden Einbildungskraft, eine von jahrtausendealten Erfahrungen seiner Rasse genährte Überschau über alle geschichtlichen Seelenlagen von Menschen und Völkern mit einem unheimlichen Wissen und Wittern für abgründige und ursprüngliche Kräfte und Vorgänge an den Rändern der Alter oder Wenden der Zeit. Er besaß den seelischen durch den Lebenskampf unzähliger Geschlechter erworbenen unauflösbaren Kern, der jedem Leid und Logos widersteht und aus Siegen wi e Niederlagen unzerschlagen hervorgeht, aber er hatte doch auch wie all e unterworfenen oder lang unterdrückten Rassen den Trieb zur Zerlösung alles Festen, zur Zersetzung alles Mächtigen, zur Überreizung alles Jugend' lich-Gesunden, das die uralten Gifte nicht verträgt, und äußerte ihn um so gefährlicher je geschulter und listenreicher sein geschmeidiger Geist, j e tätiger und drängender sein immer regsamer Wille war. Ob an Frau oder Freund, Schüler oder Meister, Kreis oder Welt, er mußte diese Kräfte an allen versuchen und hat auch George bis zum letzten versucht wie der Teufel den Herrn. Aber so viele auch unterlagen, an der unausweichliche 11 Wirklichkeit des Georgeschen Denkens, an den unzerlöslichen Tatsachen* die der Dichter dem unheimlichen Frager und Wittrer aller Schwächen entgegenstellte, fand er immer wieder seinen Meister, der dem ruhelosen Geiste Maß und Grenze setzte. An ihm lernte George früh, daß das Zu- Ende-Denken der geistigen Gebilde nur deren Zersetzung bedeute, daß d» e großen Fragen des Daseins wie der menschlichen Gesellschaft logisch niemals lösbar seien und vermochte von dort her nicht nur die südlichen w» e nördlichen Lockrer in seiner Nähe scheitern zu lassen, sondern auch d» e ganzen Gebiete des nihilistischen Staats- und Gesellschaftsdenkens, der Endphilosophie und der Zerfallskünste von Paris bis Moskau zu überschauen Wolfskehl blieb allen Strebungen dieser Art immer hingegeben und hat m» 1 Leidenschaft jede neue Bewegung vom Zionismus bis zum Expressionism» 15 ergriffen, als ob aus jeder gerade das neue Heil erwachse. Aber so ketzerisch aus schweifendem Leichtsinn, so zerlösend aus Urvätertrieben, ja so ach' tungslos vor allem Festgefügten er sein konnte, in einem blieb er unbestechlich richtig: im Dichterischen, und Einen ehrte er unbedingt und rückhal*' los: George selbst. Eben diese letzte Bindung an die Person des Meister 6 bewahrte ihn vor dem letzten Sturz, und wo und wie er auch drauße" schwärmte, war sein klares Urteil über das Dichterisch-Echte stets sein e Rettung und verbürgte ihm immer die Heimkehr. Die Formen seiner Dichtung spiegeln dieses ganze Wesen wieder. Sein e Gedichte in der fünften und sechsten Folge der Blätter verraten zum erste 11 244 Male eine Lockerung und tiefe Erschütterung des geistigen Gefüges. Ihre Maße und Gehalte sind schwerer faßbar als früher: ein schwingender fließender Atem herrscht in den meisten vor, aber bricht oft jählings ab °der ist von stoßweisen Takten durchbrochen, um dann wieder zum anfänglichen Schrittmaß zurückzukehren. Die früher häufig benutzte Wiederholung ganzer Zeilen zur Verschlingung der Strofen, wie wir sie besonders Vor » Clemens Brentano her kennen, so daß der Eindruck einer regelmäßig Wiederkehrenden Klangbewegung, eines fugenhaften Bandes entstand, ist letzt zu einer unregelmäßigen sprunghaft wechselnden Ornamentik benutzt, dieser Linienführung entspricht auch der Gebrauch von Bild und Gleiches: sie deuten eine Erscheinung nur an, begnügen sich mit einem zucken- ae n Hinweis, als seien die Eindrücke ins Wort geschleudert. Sie sind mehr e tschütterte Gebärden der Seele als Bedeutungsträger und haben oft — nic ht nur in der „Einzelrede" — einen dramatischen Schauer, der das ve geneinanderstehen zweier Gewalten im Dichter ahnen läßt. Zu den r uheren Sinnbildern Osiris und Helios, Herodias und Semele, Jakchos und ^riadne mit ihren Rätselfragen sind jetzt die düsteren der Mütter, Dämonen und Gespenster getreten. In die hymnischen Gebete und Gesänge au s der Panstunde mischen sich beschwörende Formeln alter Kulte, wieder- er Weckte verschollene Urworte, Zaubersprüche aus erdgöttlichem Bereich n d Stimmen „An den alten Wassern". Diese aus altem Erbe herauf- Sehobenen Bilder haben aber niemals das Merkmal der „Historien"-Malerei: es sind Darstellungen von Begehungen für die es noch keine deutschen F °rmen gab und die sich darum in die Schleier des Vergangenen hüllen: "as Epithalamium etwa nur in der Überschrift eine antike, in Wesen und ^inn aber eine deutsche Hochzeitsweihe, die Strofen „Um die Mutter" ein e Anrufung an die syrische Magna Mater sondern an die eigne Erd- ^utter auf dem „Stein in der Mittagsglut", die in der starren Helle christ- lc her Ewigkeit auf die Zeichen des göttlichen Wandels harrt. Und ähnlich * e ht auch der Abschied Mosis vom Gelobten Land in schöner menschlicher e utung am alten Vorgang das für jeden neuen Aufbruch gültige Gesetz, a » die Herren der Wanderung andre sind als die der festen Sitze. Allen Richten ist ein Gemeinsames eigen: sie spielen auf der Schwelle von ell e und Düster, Gestaltung und Leere, Leib und Gespenst, dort wo die ^ r enze aufhört, das Gefäß überquillt und das Ungebändigte sich über die ander ins Ungebundene stürzt. Es bestätigt das Dichtertum Wolfskehls, ^ß er alle diese drängenden Flutungen und Flatterungen zum schönen ^aß. Und Klanggebilde fügen kann. Aber es bestätigt auch die unaufheb- *re Notwendigkeit des Schweifens auf der Schwelle der Reiche für diesen eis t, daß die dunklen Gedichte die hellen überwiegen und noch bei diesen 245 ihr Ursprung aus dem Dunkel erkennbar ist. Sie alle wissen um den Tod und manche lassen ihn fast erscheinen. Albert Verwey hat im Jahre 189 8 in seiner Zeitschrift Wolfskehl so geschildert: „Es ist eine dionysische Na' tur, einer in den wie in mehr junge Deutsche ein Funke von Nietzsche fiel- Aber die Bacchantenfreude und der reigentanzende Gliederwurf haben ihren verwirrenden Zauber unter den Spiegeln eines vielgeschliffenen Geistes Ich kann mir eine Gestalt wie diese nicht als Held eines Volkes denken, aber nur aus den tiefen Wundern der deutschen Erde konnte doch dieser gärende Brodem sich färben und nur durch den Saal sehr geschulter G*" danken konnte er in so feinen Formen spiegeln. Daß man nicht der erste und doch so vollkommen sein kann bewundre ich." Er müßte dieses Bü° für das folgende Jahrfünft mit den gleichen aber tiefgedunkelten Farben malen, mit den Farben jener aufgebrochenen Schlünde, die Wolfskehl selber in der Totenklage auf den griechischen Maler Nikolas Gysis g e ' braucht, wo der helle Himmel Griechenlands und das selige Wunder fronv mer Inbrunst zurücksinkt vor dem neuen Gesicht: Der erde rote gluten brechen aus Ein uralt neu geschlecht von gott-dämonen Rollt seine donner über uns. Blutqualm Schwält aus den höhlen auf in flackernde nacht Die von gebärenswehen schwer erstöhnt. In rauschesreigen schlürfen wir das dunkel: Doch unser dankgedenken ehrt dich ewig: Der ein elysisch schaun uns noch gegönnt. Dieser Mensch mit dem Gehalt von Jahrtausenden in seiner alten Seele- mit einer überquellenden Aufbruchslust in seinem jungen Geiste, vom Meister in allen Schichten seiner vielfältigen Natur aufgeweckt und m« neuen Hoffnungen geheim genährt, dieser brodelnde Orientale und tiei e Deutsche zugleich trat nun durch die Entdeckung Bachofens in eine näher e Verbindung mit Schuler und Klages. Keinem von beiden war er anfang 8 besonders willkommen gewesen: Schuler hielt die Juden für eine nieder e Menschenklasse und verachtete sie, Klages wollte mit ihnen nichts zu tun haben, mußte sie aber immer suchen, und beide verfielen ihrer uralte Schläue. Sie hatten sich Wolfskehl nach und nach genähert und ließen sie» 1 von ihm auch da erschließen, wo sie nicht wollten, sie unterlagen seiner stärkeren Magie und ergrimmten nachher aufs tiefste, daß sie sich hatten öffnen lassen, Schuler, weil er die dumpfere unbewehrtere Natur war- Klages weil der seiner Selbst-Ungewisse stets einer Erhöhung seines Selb s bedurfte, um zu bestehen und dadurch die Kraft des Gegners zu niedrig schätzte. In der Ehrlichkeit und Echtheit des Wesens waren ihm daher Schuler sowohl wie Wolfskehl überlegen, jener log nicht mehr zu sein als er 246 w ar, dieser nicht mehr zu wollen als er konnte. Wolfskehl war der einzige von den dreien der unmittelbar bis an die Schlünde des Ungestalten reichte, wo jene noch an ein Daseinsüberbleibsel an ein trümmerhaftes Gemäuer oder urbarbarisches Hünensteinmal sich halten mußten. Wenn Schulers bezaubernde Schatten nur Schemen und Wiedergänger blieben u nd die Beschwörungen von Klages Räume durchdringen wollten, die nirgends waren, so nährten sich die Sichten Wolfskehls wirklich vom dunkln Lebensgrund, wurden seine orphischen Erschütterungen wirklich Gedicht und konnten so einer neuen Schöpfung dienen. Seine Gefahr vom äußersten Rande zwischen Kosmos und Chaos auf dem er kreiste ganz ins dunkle hinabgezogen zu werden, bedrohte sein Dasein in dem Augenblicke am stärksten, wo er der Verführung jener beiden unterlag: an die "teile der Wachstumskräfte den blitzhaften Zauber der Beschwörung, an a,e Stelle der Lichtmächte die des Totengrundes zu setzen. Pur Schuler brachte die Kenntnis des Mutterrechts von Bachofen eine n erhörte Bestätigung dessen was er bisher aus der Versenkung in das c hrifttum und die künstlerischen Überreste der Antike, aus der Betrach- Un g seiner schönen römischen Silbermünzen und der noch volkstümlichen ^ es te in Deutschland erschaut hatte. Seine tiefen Gedanken über den ^ros der Ferne und den Kult der Erdmutter, für die er bisher im deut- Cn en Schrifttum nur in einigen Werken Goethes, Nietzsches und Georgs einen Niederschlag gefunden hatte, erhielten plötzlich eine Eides- he lferschaft durch Bachofen von gewaltigem Wissen und von glühender Meisterung für ein heidnisches Alter, in dem das Leben unter niemals ru hender Liebesglut aufgewallt, die Seele unaufhörlich mit inneren Schauern gesättigt worden war, ohne je am Gegenständlichen zu ermatten ° de r vom feindseligen Logos geknechtet zu werden. Es ist nicht unseres ^ttites den Versuch einer Deutung der Schulerschen Geheimnisse zu fachen, da er bis zu seinem Tode sich selbst eine Darstellung seines "Essens versagte und seinem Wesen nach versagen mußte, wohl wis- ^ n d, daß echtes Leben sich nur sinnbildlich in Werk oder Tat, Kult oder ^ a Uung äußern kann. Die Wissenschaft hat sich nach den Erschütte- Un gen und Lockerungen des Weltkrieges auch seiner Dinge bemächtigt ^d wird nicht zögern — Klages versichert es selbst — zum Tiefsinn leser lebendigen Seele „den erkenntnistheoretischen Schlüssel zu bieten". ns ist nur wichtig zu wissen, daß es diese leibhafte Einkörperung an- *«en Wissens und Fühlens wirklich gab und wie seine elementaren Kf äfte im Zusammenstoß mit dem Lebenskreise Georges wirksam Wurden. Es war bezeichnend für die Artung Schulers, daß seine Erbwerte nicht 247 im Griechischen, sondern im Römischen wurzelten und wenn sie nach seiner Vorstellung auf dem italischen Boden auch bis in die ältesten Schichten noch unbenannter Vorzeit reichen mochten, so fühlte er am lebendigsten doch die Erinnerungen an das Kaiserliche Rom, über dessen Trümmer er einmal neun Tage lang gewandelt war. In dessen Prunk und Größe war er zu Hause: in den ungeheuren Spannweiten Cäsarischer Bögen, bei den reuelosen Leidenschaften jenseit von Gut und Böse, ja fa st schon bei den schlimmen aber ungeheuren Sittenbrüchen jener Geschlechter des verderbten späten Rom, das nach seiner Meinung unter Nero den Gipfel frei aufschäumender Lebensgewalt erreichte. Was vorher schon von griechischen Philosophen und Priestern begonnen, in den Kaisern stoischer Lebensrichtung auch in Rom erschienen war, brach dann, so sah er es, mit dem Christentum vollends über das Abendland herein: di e Herrschaft des Verstandes, das weiße Licht aus kalter Höhe, kurz da s Molochitische, wie er es nach dem kinderfressenden Moloch der alten Semiten nannte. Denn während für ihn die Arier die aufbauende Lebenskraft darstellten, vertraten die Semiten das zersetzende oder erstarrend« Element und das Schimpfwort Jude diente ihm zur Bezeichnung eines Lebensfeindlichen, wie er etwa Luther einen Juden nannte oder im Zorn selbst seinen Nächsten, den Niedersachsen Klages, verdächtigte: „Man weiß ja, die Phönizier kamen auf ihren Handelsfahrten die Ems und Weser herauf, ließen dort ihre Spuren: also Klages? — wohl auch Jude! Platoniker, Juden und Christen also hatten die Welt des von Dionys° s bewegten leibsinnlichen Stoffes durch den Logos zerstört, und im Vergleich mit der schicksalträchtigen Lebensfülle der Geschlechter der Vorzeit erschienen ihm die Männer und Frauen der christlichen Zeit w> e blasse blutleere Schemen, der mütterlichen Erde nicht würdig, die diese erstorbenen Larven noch gerade duldete. Die Deutschen hatten von ih r ursprünglich gewaltige Blutkräfte erhalten und in der Mischung mit R orrl zum Blühen gebracht, noch jetzt waren um Rhein und Donau erdhaft e heidnische Substanzen, wie er es nannte, lebendig geblieben, aber sonS* war überall wo Protestantismus und Rationalismus herrschten ein f aS hoffnungsloser Niedergang des europäischen Menschtums erfolgt. Er verachtete das gänzlich unkosmische Rußland, verabscheute die mechanisierten Westmächte und haßte Preußen, das von Westen Wirtschaftstaurne und Geldgier zu uns gebracht hätte. Wie unbedingt in der Zuneigung war er auch leidenschaftlich und maß' los in der Ablehnung: gegen Feinde brach er in wildes haßerfülltes SchimP' fen aus und schleuderte seine xrj^« dann, Geschosse des Gottes, von beiße 0 ' dem Hohn und Ingrimm gegen alle Vertreter eines verachteten Sehe« 0 ' 248 lebens: Luther betitelte er den Brunststier von Wittenberg, Bismarck die "erbrecherdogge von Friedrichsruh, welche die letzten Möglichkeiten der P Bayern und Österreich liegenden Erneuerungskräfte zerstörte. Seit dann Fortschritt und Technik in Deutschland den Sieg davongetragen hatten, schien ihm ein Durchbrechen der immer riesenhafter anwachsenden Zweckverbände und tausend anderer rationaler Verklammerungen l mmer schwieriger zu werden. Nur durch die arische „Blutleuchte", das Unerwartete Aufblitzen heidnischer Erbwerte in der Seele eines großen Menschen erhoffte er noch die Befreiung des Lebens aus der molochi- tis chen Knechtschaft. Für jeden der nicht die Echtheit seines ganzen Wesens erfaßt hatte, mußte Schuler durch die alles Gewohnte übersteigende Fremdheit seiner Äußerungen toll erscheinen, der französisch-klare Gerardy, den Schuler a ' s den Inbegriff des Unkosmischen, Uberhellen haßte, nannte ihn „abso- lu ment fou", aber es ist bezeichnend, daß die kluge in Männersachen so erfahrene Gräfin Reventlow, die in ganz München bekannte Lebedame, die ec «te Gewalt dieses Mannes anerkannte und uns einige Bilder aufgezeichnet hat, die selbst wo sie spottet von dem Unheimlichen Zeugnis geben, das ihn umwitterte. Er war kein Schwarmgeist im Sinne eines verschwommenen oder ungeregelten Denkens, sondern klar und nüchtern bis zur Peinlichkeit in Anordnungen und Ratschlägen, aber er konnte plötzlich d Urch eine Geste oder einen Wechsel des Tones den gegenwärtigen Raum 2 ersprengen und das Alltägliche so ins gänzlich Fremde reißen, daß die um •hn waren wie vor einem Spuk oder Zauber erschraken. Seine Tollheit War die Besessenheit eines Menschen, der einzig um die Dinge seiner ^elt bemüht war und in jeder Lage nur um die geheimnisvollen Bilder leiste, die ihm allein als lebendige Wirklichkeiten galten. Ihm erweckte nilr Anteil was seinem Wissen diente: die Art der Stoffe bei kultischen ra uchen, ihre Bedeutung in alten Opferdiensten, ihre Sinnbeziehung zur £°ttlkhen Substanz. Im kultisch-richtigen Gebrauch der Stoffe lag diesem beiden zugleich die Bannung des Göttlichen begriffen, die Wiedererwek- Kung d er ec hten alten Formen bedeutete auch die Auferstehung der gött- lc hen Kräfte, und Schuler hat einmal die Absicht gehabt den kranken Nietzsche durch eine antike Heilkorybantiasis gesund zu machen, doch ^eifelte er, ob die Kupferbilder und -becken — Kupfer war ihm das kosmische Metall — und auch alles andre sich echt werde herstellen lassen. °o verwebt waren ihm Kräfte und Stoffe und ein Mensch, dessen Blut Sle in dichtester Mischung in sich trüge, stünde von diesem Glauben aus s ursprünglicher Schöpfer da und ballte die Welt wie Wachs in seinen bänden. Die brennende Frage für Schuler also war: wo ist der Mensch, 249 den die Geburt mit dieser Erlebniskraft begabt hat, wie wird er handeln, um die Erde umzuschaffen, um durch die erstarrten Krusten der verderbten Zeiten wieder zum Anfang durchzustoßen, zur Urmutter, die alle Stoffe und Kräfte birgt. .? Hier erhebt sich die Frage nach Schulers eigenen Gestaltungskräften- Dieser Mensch konnte mit unbeschreiblicher Gewalt die in seiner Seele ruhenden Bilder verschollener Welt vor den Augen der Hörer erglühen machen. Wenn Klages die zündende Kraft des Redners im exaltiert-nordischen Sinne etwa der Art Langbehns eigen war, so besaß Schuler woi» als einziger Deutscher eine Dämonie des Vortrags die das Unmöglich 6 möglich machte: daß seine Schilderungen sich zu Gestalten verdichteten und der Raum von Erscheinungen lebender Wesen gefüllt erschien. Aber er konnte dies nur, indem er die Bilder an Überresten und Splittern geformter geistiger Welten, an Vasenscherben, Torsen, Holzgalerien und anderen Bruchstücken zeigte und diese einen Augenblick als Träger der flüchtigen Zauber nutzte. Dem Licht des Morgens hielten seine Scheine nicht stand und in keinem Falle konnte er sie zum dauernden Werk in welchem Ston auch immer verdichten. Sprachlich erschien alles Bleibende nur als dunkles Stammeln wie in seinem korybantischen Dithyrambus, von dem j etz einige ausgewählte Zeilen gedruckt vorliegen, sein einziges Sonett in den Blättern ist unvollendet, alle feindliche Äußerung wurde Zote oder wüster Spruch. Wollte er den Versuch einer Niederschrift machen, so ballte e einen rohen Satz, in dem alles lag was er sagen wollte und gab es dann auf. Wenn Klages ihn zwei Jahrzehnte später verführen wollte, sein tiefe Wissen einmal im Buche niederzulegen, so war dies nur der späte Versuch, ins Gedankliche zu zerlösen, was an Schuler wirklich echte Menschentum war: das zwecklose Verströmen seiner leiblichen Glut. D e Tod hat Schuler davor bewahrt, dieser letzten Versuchung zu erlieg en ' aber der anderen ist er in dem von uns geschilderten Jahrfünft unterlegen- als er sich verführen ließ den uranfänglichen Grund durch willentlich Mittel heraufzuheben, obwohl gerade er „der Römer" wußte, daß Mag 1 an kultische Handlung gebunden ist, aber nie dem Willen unterliegt sei denn als schwarzer Frevel. Für Klages hatte der Wolfskehlsche Fund wohl die größte Bedeutung unter den dreien. Das Mutterrecht Bachofens bestätigte seine dumpf & fühlten Ahnungen einer urtümlichen aber erkennbaren Welt. Seine roma tisch-schwärmerischen wie seine erkenntnissüchtigen Triebe die im die terischen Bereich unwillig gebunden blieben, sprühten mit einem Male » ihm auf, das neue Wissen schien ihm das Recht einer lebenfördernden, J lebenerweckenden Macht zu geben und den Zwiespalt seiner Natur ohne- 250 Ja über dem dichterischen Genius zu lösen. Bei diesem lichtlosen nordischen Alben, der das Gestaltige wohl erkannte aber nicht bilden konnte, die freie Leiblichkeit wohl suchte, aber nicht besaß, mußte die dichterische Tätigkeit notwendig gering bleiben und je mehr in der Übung und Wertung sinken, je stärker eine seiner Teilkräfte aufschoß. Was am Beginn seines dichterischen Jahrzehnts in ihm Laut und Bild wurde, drang aus e iner unserem Schrifttum fast unbekannten Lage der stummen Erinne- ru ngen: aus dem nur im Bauerntum nördlicher Ebenen bewahrten Grauen v °r den Gewalten der Nacht und der Tiefe, vor den Schlachtplanen der Wanderzeit und den Schrecken alter Totenfelder. Aus der Seele Georges w aren diese unheimlichen Töne zum ersten Male aufgerauscht. In den schon erwähnten Gedichten der PILGERFAHRTEN und des ALGABAL ^ar er bis zu den Schicksalsgründen hinabgestiegen, deren Schauer sonst nur in unseren ältesten Heldenliedern und Märchenresten verfangen ist, ütl d Klages selbst, der solche Gedichte vor allem liebte, hat uns von der Erschütterung Kunde gegeben, die ihn bei der Berührung mit ihnen traf: "Hier lebt die Landschaft nicht kraft ihres Zusammenklanges mit den chwingungen der Seele, nicht als goldender Strahlensaum inneren Er- «^ühens, sondern sie selbst ist das Bild, das mit subanimalischen Kräften en Beschauer bannt. Die Heidewillruhen und formt im dumpfen c hweigen ihrer Tauwetterahnung den Gaukelzug der im See ertrinken- en Kinder. Zartfühlender Betrachter wird auch am Strofenbau erhor- c " e n, daß ein fremdes Element den Dichter einhüllt und zum Epiker um- gezwungen hat. — Es drängt sich die Frage auf, was es denn sei, das hier ,c h einer so festgestellten Bildnerkraft bedient und auf erborgtem Wege etl noch mit zwangloser Sicherheit in die Erscheinung tritt. Wer immer etn Glauben an die Eigenmächtigkeit des Schaffenden zugetan ist, steht er vor etwas Unfaßlichem. Uns jedoch vermöchte nur das zu erstaunen, 13 der Dichter auch bei so fremdem Andrang doch nicht die reif sondernde a hung seiner Geistigkeit verliert. Das kleinere Rätsel wird uns erspart, ** ein größeres tritt an die Stelle. (Wir schalten ein: Klages möge zur Lö- J* n g dieser größeren Rätsel einige Male die oben [3. Kap.] angeführten °rte Hölderlins über die Nüchternheit in der Begeisterung lesen!) In le setn Gedicht — und ähnlich jedesmal in den verwandten — hat George en mit Überlieferung gespeisten Boden verlassen. Er hat ein Land be- rete n, auf dem noch keine Kulturschicht seßhafter Menschheit abgelagert Urde — denn die Hünengräber und Steinhäuser der Heide sind dunkle al e schweifender Völker. Die dem Geräusch der Marmorböden und be- »ester Pfade geneigte Sohle berührt zum erstenmal die nackte Erde: wie l ge Wolkenschatten läuft ein Schauern unerweckter Vorwelt über die 251 Seele des Dichters. — Nur zögernd verlassen wir dies Rätseldickicht und versagen uns Aufschluß zu geben, warum der Charakter des Unheimlichen und Düstern zum Echtheitszeichen solcher Visionen gehört.-------Hier — in dem Gedicht ,Graue Rosse muß ich schirren,' geschieht es zum dritten und stärksten Mal, daß die lyrische Schranke dem inneren Pochen weicht- Von furchtbarem Strome erfaßt treibt Algabal in barbarische Vorzeit zurück. Aus Blutsignalen raucht uns in greller Traumdeutlichkeit ein thra- kisches Bild heroisch-kosmischer Zermalmungen. Gleich Dämonisches ha* George nicht zum zweiten gedichtet. Erzdonner aus der Nacht des UranoS dröhnt uns aus diesen Strofen und Taumelschrei eiserner und kupfern^ Zeitalter". Auch trotz ihrer versteckten Einschränkungen machen uns diese Worte deutlich, was den widerspenstigen Geist des nördlichen Weifen zu dein rheinischen Waibling gezwungen hatte: er sah in ihm auch sein Element aus der Abgrundtiefe groß und ungebrochen ins Licht der Sprache steigen- Was in ihm selber schlief wurde aufgeweckt und die Sturmnächte ältester Geschlechter rangen nun auch in seinen Strofen aus dem Dunkel des Ver- gessens in den Tag der angeschauten sprachlichen Leibhaftigkeit: denn nur was im Gedichte Form gewinnt, bleibt uns gewonnen. Die bleiern« Decke über tausendjährigen stummen Bauerngedanken und HirtenschreK- ken wird einen Augenblick lang gelüftet und entläßt die Bilder des Gewesenen wieder ins Blühwerk oberer Erde: aus dem Düster aufblitzende Gesten, Zwielicht dunkler Stuben und einsame Heidezüge. Vandalisch e Weite und Wikingermeer umgeben seine Menschen, auch wo der sanftere Hauch gegenwärtiger Gezeiten ihn anrührt, bleiben Luft und Landscha* südenlos, fast lieblos. Kaum gibt es sonst so weite Gegensätze deutschen Naturempfindens wie in den gleichnamigen Gedichten „Vorfrühling" vo fl Klages und Hofmannsthal: ein zartes beinah zierliches Klingen bei dem Wiener, ein herbes beinah kaltes Pochen bei dem Niedersachsen, dem d> e heißere Luft den Traum verschlug. — In dem Mangel an südlicher Helle und Dichte lag bei Klages wie beif 1 Niederdeutschen überhaupt die Gefahr der Vereinzelung oder Verflüchtigung, einer machtlosen Mystik oder vernünftelnden Gesetzlichkeit. & ist beiden nacheinander unterlegen: zuerst dem „Umgetriebenwerden de schweifenden Seele von Weite zu Weite", dann der trocknen Sucht, da Leben in Begriffsgespinsten zu fassen. Da er die Mitte verließ, kreist e heute um den Kenotaph einer leib- und seelenlosen Erkenntnis. In der persönlichen Lebensgemeinschaft war dieses mitteflüchtige Str e ' ben von früh an bemerkbar. Etwas in seinem protestierenden Ich wid eI " sprach durch alle Jahre des gemeinsamen Weges der befreienden Hingab' 252 e m stetes Gefühl der Furcht vor dem Aufgehen in George hinderte stets ■M volle menschliche Nähe zwischen den beiden, nach scheinbar engem Anschluß ging Klages immer wieder monatelang beiseite, vergrub sich in s eine grüblerische Einsamkeit, um plötzlich wieder mit den Ausdrücken inniger Zuneigung zurückzukehren. Kaum jemals ist ein solches Schwan- * e n in der Freundschaft zarter aus dem gebenden und nehmenden Verhältnis zweier Seelen gedeutet worden als in dem Spruch L. K. im JAHR DER S EELE, wohl niemals männlich-duldsamer um den Nordbruder mit der °ckung der gemeinsamen Heimat des Lichtes geworben worden. Wenn üe nnoch in einem Manne solche Furcht vor dem Aufgehen im anderen begehen bleibt, verwandelt sie sich notwendig in Gegnerschaft, er muß nach * ln er Rechtfertigung für die Beharrung im Eigenbrodel suchen, muß zur e hauptung des eigenen Selbst ein Wertvolleres in sich finden, als die Ei- nu ng mit dem Freunde oder Meister oder Gotte es böte: eine Rechtfer- •gung für das verweigerte Opfer der Hingabe, sei es ein tieferes Wissen, ln größeres Können, eine höhere Gerechtigkeit oder was sonst immer aus et n trüben Spund der Eigensucht quillt. Bei Klages entstand durch den Us ammenstoß mit dem Werke Bachofens das Gefühl der größeren Ein- lc nt und daraus genährt für einige Jahre das Gefühl der größeren Macht. Um dies zu verstehen müssen wir uns erinnern, daß trotz aller Zurück- a 'tung nach außen in George und der Dichtergemeinschaft der Blätter ^ r Anspruch auf eine Erneuerung, auf „eine glänzende Wiedergeburt der ^-Unst" und von dieser Kraftmitte aus des menschlichen Lebens in seiner ganzen Tiefe und Breite herrschte. Während George hierin von der Ge- ^heit dessen war, den sein getanes Werk schon in die Reihe der großen e stalter rückte, litt Klages an der quälenden Frage, ob dieses europäische e nschtum und vor allem die Deutschen überhaupt noch einer Wandlung ahig wären. Die Zweifelsfragen, welche er schon in der vierten Folge erben hatte: „Wäre vielleicht doch unsere Kunst die traurige Glut einer kenddämmerung über einem Menschheitstage welcher untergeht? Ist der er stand die feindliche Gewalt und fähig, die Glut des Wollens zu löschen? er den alle Leidenschaften schließlich untergehen in einem Fanatismus es Erkennens und dieser selbst noch in teilnahmloser Allwissenheit?" lese Fragen kehren in zwei Aufsätzen vom Ende der neunziger Jahre "Vom Selbstbewußtsein des Künstlers" (Die Zeit Febr. 1899) und „Be- ■^rkungen über Goethe" (Soz. Mon.-Hefte Sept. 1899) abermals wieder. r schließt den ersten mit den Worten: „Wird — die Entwicklung weiter u bisher noch nicht erfahrenen Formen der künstlerischen Würde fort- ^"reiten können? Droht etwa aus dem Lager der Wissenschaft dem u nstlertum als einem selbständigen Machtbereich seelischer Antriebe ein 253 letzter Untergang? Oder wird umgekehrt das intuitiv bildnerische Gemüt sich wiederum des Gesamtlebens bemächtigen?" Er beginnt den zweiten mit dem vernichtenden Urteil über die Deutschen: „Welches Volk wäre geneigter Goethe mißzuverstehen als die Deutschen! Denn diesem Volke gebricht es an einer Grundvoraussetzung nicht nur der Kunst, sondern zur Ganzheit des Lebens überhaupt: an vollerwachter Sensualität- Wenn es im Leben der realen Leidenschaften an Gewißheit fehlt, dann darf man sie noch weniger in den Idealen vermuten. Wo sich der Deutsche z u kunstähnlichen Gestaltungen erhebt, da gefällt ihm: vieldeutige Verworrenheit der Bilder, schweifende Dunkelheit des Stils, Mangel an Klarheit und Plastik des Wollens — kurz jede Art von Verachtung der Form- Sich wolkenwandlerisch im Unmöglichen ergehen, über allem Tasten und Suchen das Leben zu versäumen; zu schwach, die Erde zu besitzen, doch wenigstens mit großen Worten zu prahlen und jede Barbarei erdulden, indem die Seele sich mit blauem Dunst umhüllt — das ist der Sinn jenes traurigen .Idealismus', um dessentwillen bösartiger aber gerechter Spott diese Nation das Volk der .Dichter und Denker' nannte. Und für diesen Mangel an lebensgestaltenden Kräften ward dem Deutschen Ersatz: er ist eigensinniger Grundsatzmensch, Gesinnungsdogmatiker, Berufsvirtuose und Verstandesclown. Seine Unsicherheit im Triebleben möchte er verheimlichen durch seine .Wissenschaft'. Hinter seiner allzu gern z ur Schau gestellten Denkschärfe und Wortpeinlichkeit versteckt sich das unbeholfene Zaudern blindgeborener und strauchelnder Instinkte. Einer solchen Gemütslage gilt im Leben wie in der Dichtung als der Maßstab höheren Wertes die physiognomielose Ernstlichkeit drohender Sittenstrenge. Schillers Ruhm gründet sich auf diese deutsche Vorliebe. Vor Goethes in sich beschlossener pflanzenhaft notwendiger Größe verharrt sie in ewig verwunderter oder widerwilliger Dumpfheit". Der in diesen Ausführungen schon so schroffe Gegensatz zwischen 1°' stinkt und Verstand, zwischen triebhaftem künstlerischem Schaffen und wissenschaftlichem Erkennen verwandelte sich unter dem Einfluß Bachofens in den metaphysischen von Seele und Geist und zwar der Seele als des lebengebundenen, des Geistes als des lebenhemmenden, ja lebenzersto- renden Prinzips. Man weiß, daß der Gegensatz in dieser Form eine völlig e Umkehrung der Sicht Bachofens ist und Klages daher eine Unterscheidung zwischen Herz- und Kopfgedanken Bachofens vornehmen mußte. Er wür' digte den Geist, das Apollinische Licht, zu einer Gegenmacht des Lebens herab und verstand unter ihm nur noch den zerlegenden oder mechanisierenden Verstand und zwecksetzenden Willen. Dies geschah schon in seinen ersten öffentlichen Schriften über George in der Zeitschrift „Der Lotse' 254 \*Jez. 1901) und dem 1902 bei Bondi erschienenen Buche, und in beiden Sind die Umdeutungen Bachofens zugleich verdeckte Angriffe gegen Ge- 0r ge oder besser Versuche, den Dichter von einem höheren Wissenspunkte aus zu überschauen und einzugliedern. Der Triumph Apolls über die Urweltdämonen, des Sohnes über die Mut« te r» des Tages über die Nacht ist bei aller Liebe zur neuentdeckten Mutter- We lt die strahlende Zeitenbahn, die Bachofen wies. Aber was Bachofen als II le g des Geistes sah, sah Klages als Sünde des Geistes und diese Sünde be- ra f nicht nur die Entfremdung des christlichen Logos von der mütter- lc hen Erde, sondern reichte von Homer bis George und bald noch weiter Zu rück. Mit einem Satze sprang Klages über die männlichen Jahrtausende ru ckwärts in die Zeit des Mutterrechts, nein noch weiter des mütterlichen Ur npflebens, im Verhältnis zu dessen kultischen Schöpfungen alle gerichtlich bekannten Religionen als verdünnte oder zersetzte Restbe- tande erschienen. Weit über die bisherigen Wünsche romantischer und eit genössischer Bewegungen wurde die weibliche Seite des Menschtums des ganzen Kosmos plötzlich zur höchsten Wertung gesteigert. Die Zeu- ° Un g trat zurück vor Empfängnisbereitschaft und Schwangerschaft, die at und Handlung vor Puls und Wogung, der fordernde Wille vor dem rie bhaften Wünschen, die helle Gestaltung vor dem dämmernden Traum, er Geist wurde der Feind, „der zwischen Ding und Ich die Kluft aufriß", er »adelt was von Natur der Weihe nicht teilhaftig ist". Das Licht, die °smische Entsprechung des Geistes, wurde die erbarmungslose sengende lut der Mittagshöhe. In der mütterlichen Sphäre aber herrscht das Dun- el oder der milde Dämmer: „Die heidnische Welt ist die des Nachtbe- u ßtseins, das pflanzenhaft teil hat am unsichtbar magnetisch strömen- e ° Planetenschicksal. Es bedarf wohl des Raumes und der Zeit, aber nicht e s Lichtes. Es wirkt kräftiger durch Poren als durch Augen und es offen- r * sich am mächtigsten, wenn alle Sinne schlafen: denndannwacht er Leib,welcherdieSeeleis t". A Ue Rufe „Zurück zum Ursprung" der Neuerungsbewegungen des 2 ten Halbjahrtausend, das Zurück zur Antike, zum Urchristentum, zur at Ur, zu den Wilden, zur einstigen Freiheit und Gleichheit, zum Urkom- ^ismus verblaßten vor dem „Zurück zur Glut und Schönheit der ur- Prünglicnen Seele!" Um die Seele von der Tünche der Jahrhunderte zu f eien strich Klages damals diese Jahrhunderte allmählich als unwür- ge Verzerrungen des Geistes aus der Geschichte aus: nach dem Götzen- m der Neuzeit wurde das Christentum verdammt als „Weg nach oben", »un höchsten Zenith unbeweglich saugend ein farbloser Lichtpunkt eht : das Gegenherz der Welt, der Logos", dann wurden die Griechen als 255 götterlose Aufklärer verworfen, verworfen auch ihre Tempelwerke, die z u rational, wie bald auch die Pyramiden der Ägypter, die schon zu süßlich waren — bis als würdiger Ausdruck kosmischen Ursinns nur mehr übrigblieb das phallische oder besser das Kteis-Steinbild irgendeiner grauen Urzeit, des pelasgischen Alters. Vor anderthalb Jahrhunderten war der kalvinische Genfer Rousseau sich seiner Vorstellung vom Urvolk als eines Gedachten bewußt geblieben und hatte auf diesem fiktiven Abwehrpunkte gegen die Zustände seiner Zeit den scharfen Aufriß seiner Staatslehre gegründet. Der deutsche Lutheraner ging in die reine Erkenntnis über und hat später sein pelasgisches Alter als ein „Gewesenes", seine Ahnenseelen als „Vergangenheitsseelen" verflüchtigt. Damals aber glaubte er an die Wirklichkeit der Urbarbarei und sog aus diesem Glauben di e Überzeugung eines tieferen Wissens von den Geheimnissen der Welt, als er es im Dichter sah. Wie er bei Wolfskehl orientalische, bei Schuler italische Substanzen lebendig wußte, so fühlte er nun in seinem Blute noch ein Urstoffliches der nordischen Vorzeit verfangen, das ihn befähigte- tiefer als die „jüngere" Seele des Dichters in die Bedingnisse des Lebens vor den Bildungswelten einzudringen, durch die Mauerringe der Zeiten und Kulturen hindurch in den Grund des unbelasteten Ehmals zu schauen und die gewaltigen Kräfte des unverbildeten Lebens, des allvermischenden Eros zu erahnen. Klages wußte wohl, daß diese Kräfte nicht nur w a r e n > sondern immer sind und in göttlichen Geburten erscheinen können, da« Seele wie Sonne an jedem Tage neuerstehen. Aber da er die gegenwärtigen Urkräfte nicht besaß, sondern nur darum w u ß t e , so verfiel er dem grausamen Irrtum des Spätlings und Romantikers, der den Ursprung mit Vorzeit, den ewigen Mutterschoß des Lebens mit dem in den Schoß zurückgesunkenen Ehmals verwechselt und das Wissen um dunkle Zusammenhänge höher achtet als die weltumschaffende Kraft, die neben ihm geht- Von seinem Wissen her glaubte Klages den überschauenden Blick für das Werk Georges gewonnen zu haben, über das er jetzt schon nur, wie sein neuer Hochmut sagte, mit Selbsteinschränkung und Zurückdrängung höherer Lebenswerte schreiben konnte — auf deren Offenbarung wir übrigens bis heute noch vergebens warten. Je sorgfältiger man die eigentümliche Schrift über George liest, um so deutlicher erkennt man, daß afl e wesentlichen Anschauungen über Welt und Kunst, Eros und Sexus» Rhythmus und Metron, Liebe der Nähe und der Ferne, ja auch seine zentrale Schau über die Wirklichkeit der Bilder unmittelbar aus den Dich- ' tungen und Merksprüchen Georges hervorgegangen sind und daß nur jen e unhaltbare Polarität von Seele und Geist, aus der Übersteigerung Bach- ofens entstanden, das Gut des Schreibers ist. Von dieser Polarität aus 256 m aß er den Dichter und sah von den ersten Büchern bis zum TEPPICH DES LEBENS ein stetes Schwächerwerden urzeitlicher Seelensubstanzen und ei n immer Stärkerwerden des Geistes, das heißt von seiner Sicht aus des christlichen Logos: „Wir kennen", so faßt er in seiner etwas schwerflüssigen Prose diese Linie des dichterischen Werkes in dem Lotse-Aufsatz 2u sammen, „kein Buch aus der neueren Geistesgeschichte, in dem wie hier So marmorspröde Kälte der zeitlose Augenblick so fesselloser Wildheit w äre. In Georges ALGABAL lebt etwas aus jener Zeit, da das Heidentum Sc hon im Kampf mit fremdartigen Schauern die unergründliche Isis beschwor und im Urboden seiner Herkunft Vulkane einer anderen Weitende pochen hörte. Aber wie damals aufgärende Göttlichkeit a st völlig zerbrach vor dem Marterholze der Christen, so senkt sich auch ln Georges Dichtung die gebäumte Woge und blaßt unter frostig herein- br echender Helle". Klages verfolgt nun in den BÜCHERN und im JAHR ^R SEELE diese „Wendung Georges zur Kunst und Meisterschaft", wie er es nennt und fährt dann fort: »Völlig hat sich die Bühne verändert im jüngsten Werk Georges: DER TE PPICH DES LEBENS. Nicht nur, daß der Schimmer der Jugendlichst dem herberen Zug der vollen Reife wich — tiefere, von der Person des lc hters unabhängige Brüche haben sich inzwischen ereignet. Wir stehen u * christlichem Boden und unter dem leuchtenderen aber wärmeloseren ar benhimmel einer transzendenten Kirchlichkeit. Nicht mehr erdhafte ns tinkte wölben sich zu sinnlichen Symbolen, sondern der Geist herrscht, was ohne ihn der wahren Weihe ermangeln müßte". ß as Buch selbst malt diese historische Schichtung des Georgeschen Werkes, die wir nur im Auszug zitierten, in noch leuchtenderen Farben au s, und noch schrecklicher erschallt der Ruf der Klages'-Kassandra gegen etl tötenden Geist im Werk des Dichters, in dem wohl Urleben ist aber ls späte reifeschwere Kultur, in dem wohl das All Mensch geworden ist, ber nicht das Leben des Urwalds und nicht dämonische Erdnatur, in dem °"1 dionysisches Altertum sich zu gegenwärtigem Leben erneuert hat, ber nicht der Märchenzauber germanischer Vergangenheit. Durch Ge- r ges Werk hat nach Klages Worten „ein Umlaufsjahr der Seele sich voll- eri det", so daß wir ))( jem Kern um eine Spanne näher sind als zwischen den y^ndlichtern der Romantik", aber das alles ist für Klages „noch Fata "Organa, ist Spiegelung einer Landschaft zu der wohl ein weiteres miauf jähr uns geleitet". Man spürt aus diesen wenigen Andeutungen, a ß hier noch Ausdruck glühenden Lebensdranges ist, was später in der "Erkenntnistheorie" verblaßte: es war verhüllte Kampfansage, Aufruhr lc ht nur gegen die neue geistige Gestaltung des Dichters sondern gegen »7 257 die ganzen geschichtlich überschaubaren Gebilde der Menschheit, und nicht nur gegen diese selbst, auch gegen die schöpferischen Kräfte, welche sie hervorbrachten — dem Kampf von Marx und Engels gegen die „Ideologien" vergleichbar. Aber es handelte sich nicht mehr wie bei diesen um kämpfende Gesellschaftsklassen, sondern um die weltdurchwaltenden Mächte unseres Menschtums selbst. Klages sagte den Kampf an für das Dunkel wider das Licht, für die Seele wider den Geist, für die Weibwelt wider die Manneswelt. Nicht der weltschaffende männliche Eros, wie ihn die Griechen sahen, sondern der leidende chaosschaffende weibliche Ero s war in der quälenden Frage gemeint, die er vor der rauschhemmenden Sachwelt stellte: „Muß der götterlose Tag, der an uns zerrt, muß dies Heute von Eisenmaschinen Not und Mißgunst stürzen, ehe Eroskehrti der Gottder Allvermischung — oder kann sich auch über dem Essenrauch wimmelnder Städte die Sonne wandeln und in Purpur fahle Hast der Emsigen begraben?" Diese Frage war damals gleichbedeutend für ihn mit der andern nach dem Erwecken der Urzeit, nach der Erweckung der pelasgischen Seele in uns. Erst die Verwirklichung dieser Möglichkeit konnte zum tieferen Wissen auch die größere Macht fügen. Doch führ* dies schon über die Betrachtung des Einzelbildes von Klages hinaus. Seine Einsichten in dem Buche über George waren, wie er selbst gestand, im Ringen mit Wolfskehl und Schuler erwachsen, so daß sie ebensogut Eigentum der Freunde wie seines seien. Gerade im Zusammenstoß mit ihnen hatte sein Glaube an die Kraft des Logos Schiffbruch erlitten, durch Schuler war die rationalistische Schranke in ihm gebrochen worden und da ef weder ursprünglicher Dichter war wie Wolfskehl noch auf festem Erbgrund stand wie Schuler, so trieb er am steuerlosesten auf der Rauschwog e der Seele und mußte versuchen den selbstentfesselten Kampf im Bunde rm 1 jenen auf magischem Wege zu gewinnen. 7. KAPITEL: DIE KOSMISCHE RUNDE ES war keine eigentliche Gemeinschaft, welche die seltsamen drei, den blonden Wikinger, den braunen Römer und den schwarzen Orientale 1 verband, sondern mehr ein Bündnis dreier Einzelzauberer zum ZwecK einer gemeinsamen Beschwörung des Lebens. Durch George und um seine Mitte kreisend hatten sich hier drei große Intelligenzen zusammengefun- den, die gerade durch die vereinigende Strahlung in der sie standen » nr Außerordentliches entfalten und ihr dunkles Sprühen in die gemeinsame geistige Luft verströmen konnten. Der leidenschaftliche Erkenntnistrieb« 258 l a das fast wollüstige Eindringen in Zeitschichten und Seelenwinkel bei Klages, die zauberhafte Kraft der Verbildlichung und Vergegenwärtigung gewesener Leben bei Schuler, das Wissen und Wittern um alle Räume u nd die treibende Sucht alles Zuständliche aufzulockern und den Brodelkessel ins Gären zu bringen bei Wolfskehl waren Elemente, die nicht ohne w eiteres zur Verbindung neigten. Schuler, der süddeutsche Katholik, der m ^ antiken Schatten lebte und Klages, der nordische Protestant, der tischen überhellem Verstand und verschwommener Mystik schwankte, st »eßen sich eher ab: als dieser noch in wissenschaftlichen Bemühungen Urn logische Einsichten warb, strich jener um die Kneipen der Vorstadt u 1d die Buden der Auer Dult, um aus Gebärde, Schnitzwerk und Spiel es Volkes alte heidnische Reste zu erspähen. Da er in alten Sitten die Jemals kultischen Begehungen eines größeren Lebens suchte, liebte er Uch die festlichen Formen des Lebens von der kirchlichen Feier bis zum a sching als Darstellungen kosmischen Geschehens und nahm Schnitt und erzierung eines antiken Maskenkostüms ebenso wichtig wie der gläubige Mensch die Vorbereitungen zu göttlichen Feiern. Klages dagegen haßte 0 'chen unnützen Prunk und verachtete Verkleidungen und Masken, in * ner » der ernsthafte Lutheraner sich nicht bewegen konnte. Denn die a ske setzt eine Verwandlungsfähigkeit voraus, die dem Individualisten erloren gegangen ist, er kann nicht mehr eingehen in ein anderes, nicht j^ehr mitschwingen in einem vom Rausch erfaßten Gesamt, an dem er als kennender aber nicht als Hingerissener und Ergriffener Anteil hat. Ge- ^e aus dieser mangelnden Wandlungsfähigkeit entsteht im Norden das es Penstersehen und die Neigung zu Spuk und Hexerei. Das Leben rächt . c « an den Vereinzelten, sie müssen versuchen herbeizuzaubern, was sie . . tausch nicht als bluthafte Macht fühlen können und setzen darum lc ht an Stelle des leiblichen Glühens „das Prachtvoll-Verworrene". Da- r blieb Klages, mit einem Rest von Barbarentum behaftet, ohne die Ge- "toeidigkeit und südliche Leichte der meisten Münchener Gefährten und s dem Gefühl eines Mangels, der unaufhebbar war, stand er zu den Usc hhafteren Seelen der Süd- und Westdeutschen in einer steten inneren Pannung. Nur Wolfskehl kam er zunächst nahe, weil dessen bügelloses "Reifen seinem nordischen Wolkenjagen verwandt war, gerade das Un- bundene lockte ihn an diesem Ruhelosen, dem wiederum mit Schuler le festliche überquellende Lebensfreude gemein war, der Blick für die ese eltheit alles Stofflichen und das Erspüren von altem Erbgut in Ding d Sitte. Dieser dionysische Wühler mit seiner Lust zur Mischung und eweg un g ; von nicht geringerer Schau- und Denkkraft aber von größerer estaltungskraft als die beiden und selber seltsam aus nördlichen und 259 südlichen Wesenheiten gemischt gab das umsetzende Mittel für die Verbindung der drei Elemente her. Mit seiner vortreibenden Gewalt, die all e Gärungen zur höchsten Reife führte, immer das Äußerste des Möglichen suchte, stieß er die Kräfte und Sehnsüchte aller bis in die Tiefe auf und trieb das gemeinsame Wissen bis zur letzten Folgerung gemeinsamen Wollens. So stießen sie zusammen, stachelten und erhitzten sich gegenseitig in ihrem Bunde und erzeugten in den Jahren 1900—1904 jene Glutluft in München, welche alle die hineintraten verwandelnd ergriff, die Stadt zu einem Orte neuer Trächtigungen machte, ja in ihren Folgen weit über die Stadtgrenzen hinaus die geistigen und seelischen Lagerungen in Deutschland umschichtete. Denn alle inneren Wandlungen und Wallungen des deutschen Menschtums, die von gesellschaftlichen, staatlichen wissenschaftlichen und anderen Bewegungen und Strebungen überdeckt waren, kamen damals in München in bedeutenden Menschen zur Erscheinung. Ihre Träger, die Kosmiker, wie sie später genannt wurden — wobei mit dem Worte kosmisch insofern eine Umdeutung vorgenommen wurde als es nicht mehr den Sinn von „rund" „geordnet" sondern „zum Urgrund dringend" erhalten hat — die Kosmiker also stritten zunächst mit, dann gegen George um die Verwirklichung aller aufgebrochenen Sehnsüchte und maßen sich in einem äußersten Entscheidungskampf um das Neue Leben. Jede Stunde der gemeinsamen Zusammenkünfte brachte vermehrtes Wissen und gesteigerte Kräfte, auf nie erhörten Festen stellten sich di e aufgewühlten Gesichte in den Personen der Träger selber und der sie umgebenden Männer und Frauen lebendig erregend dar und die Erschütterung der Geister gab sich in der Gebärdung der Leiber sichtbar wandeln^ kund. Ja die bürgerlichen Feste der Münchener selber wurden für einige Jahre mit in den neuen Umtrieb gerissen, ihr Taumel hatte einen anderen vorher und nachher unbekannten Ton und in der Erinnerung zitterte auch bei denen ein Schimmer davon nach, die an sich ganz unbeträchtlich waren aber nicht minder tief erregt wurden. Das alles geschah in einem Deutschland rationalster Gelehrsamkeit, betriebsamster Wirtschaft und bürokratischster Staatsart. München freilich, auf noch unvernutzter Erd' kraft ruhend, war noch das allverstehende und allaufnehmende gastliche München, der Mutterboden für alle anderswo entstandenen Keime, die hier zum Blühen gebracht wurden und für ihr Gedeihen jene unnachahmliche Lebensluft fanden „mit jener begrifflich schwer zu fassenden und dennoch unserem Gefühl so deutlichen so vertrauten Einheit von Werden und Verschwenden, von ewiger Gegenwart, zweckloser Schönheit, Hin' gäbe und Rausch". Diese in seinem Volkstum so verschlossene, doch i° seiner geistigen Lage so offene Hauptstadt der Bayern war damals noch 260 n »cht von Betrieb, Hast und Zweckversteifung überwältigt worden. Wie a Uen ihren Gästen erlaubte sie auch den Dichtern und Künstlern ohne Rücksicht auf Nebendinge ein vollkommen selbstgewolltes Leben zu führen m >t gänzlicher Ablehnung alles Zeitbedingten und ohne Bekümmerung u ni die Not des Tages. In einem Zeitalter der „Münchener Neuesten" und °es „Berliner Tageblattes" mußte natürlich eine solche Leidenschaftlichst für das Geistige dem verständigen Bürger für verrückt gelten und seine Vertreter mußten ihm als aus der Ordnung geratene Menschen er- Sc heinen, während diese das mechanisierte Bürgertum für ein völlig aus der Weltordnung geratenes Wesen erklärten. ^ie Kosmiker stellten gegen die Endseelen jeder Art in Europa den w illen, zu einem glühenderen Leben durchzubrechen. Alles was der Logos gewirkt und die träge Bürgerei zur bleiernen Decke verdickt hatte, 0 Ute in den Schmelztiegel der Erneuerung gerissen werden. Bald wurden Uf ch den Zusammenprall so bedeutender und zu einem Drange sich Versender Menschen Dinge lebendig, die in Europa fast verloren schienen, n d eine Aufwühlung erstarrter Elemente innerhalb der bürgerlichen e lt ward an Erlebnissen sichtbar, die jeder Deutung des Verstandes Rotteten. Jeder Mitschwingende, der noch ursprünglicher Erschütterung a hig war, spürte in jenen Jahren eine stete Anreicherung und Verdich- Un g seines Daseins und über den Kreis der unmittelbar Erlebenden hin- Us ballte sich damals ein Raum großer Erwartungen und nutender Hoff- Utl gen, in dem das entscheidende Erlebnis Georges erst gedeihen konnte. er Meister stand in den treibenden Wirbeln der Kosmiker als unerschüt- er Hche Mittelachse, die das Kreisen von Gewalten möglich machte, e lche ohne ihn sogleich versprüht wären und später ohne seinen Halt Uc h machtlos zerfielen. In jenen lebenswichtigen Jahren aber konnten Ie Kosmiker wirklich die Luft mit Geistern schwängern, weil George lc " ihnen nicht entzog sondern sich mitten in ihre Runde stellte, wenn er 'tischen Weihnachten und Ostern in München weilte. Er teilte ihren Menden Drang nach dem ursprünglichen Leben, er fühlte, daß in einer Pönalisierten und mechanisierten Sachwelt, wo alles berechnet oder er sichert ist, das Nötigste Seelen seien, die durch alle Gestänge und u briken, Formeln und Verschnürungen bis zum Muttergrunde der Triebe rin gen und in heiliger Wut das Äußerste versuchen müssen, um die arr e zu brechen. Einmal mußten in dieser entseelten Welt die chaoti- hen Gewalten aufgerufen werden, einmal mußte die Schlange den eic hnam beißen, daß seine Gefäße aufgeschwellt und gesprengt würden, nd dieses eine Mal mußte der Meister selbst durch das Reich der Dämonen reiten, um sie hinter sich zu lassen und nicht mit in sein Reich zu 261 schleppen. Es müssen Naturen solcher Art in einem Volke leben, wenn überhaupt noch Säfte der Fruchtbarkeit in seinem dunklen Samen schlummern, sie wachsen meist dumpf und ungewußt und werden zu' weilen als ein Tierhaft-Leidenschaftliches im Fest- oder Kampfrausch sichtbar. Damals in München traten sie einmal kurz in einer Gemein' schaft geistiger Menschen in die Helle des Bewußtseins und zeigten damit den Untergang der alten Geistigkeit und die Wende des Zeitalters an. George befand sich nach der Vollendung des TEPPICHS in der schlimmsten jener heftigen Krisen, die ihn meist nach dem Abschluß eines Werkes trafen. Vor der öden scheinbar unwandelbarstarren Wirk' lichkeit seines Volkes ließ er sich von der wilden Hoffnung der Gefährten tragen und hat eine Weile mit ihnen im Glauben gelebt, die neu« Welt ließe sich unmittelbar durch beschwörenden Zauber ins Dasein r u * fen. Es war ein bestrickender Gedanke der Kosmiker, daß die Rückkehr zur Urheimat der Seele zugleich die Umkehr ja den Umsturz der bestehenden Weltordnung von innen her bedeute. Kehrte die Seele zu ihrem ursprünglichen Selbst, zu ihrer ersten Jugend zurück, in der der all" geborene Eros ihr einziger Herrscher war, drang sie in „die Höhle der Toten, die noch nicht geboren sind" und riß sie mit hinauf in ihre Wiedergeburt, so mußte der schöpferische Augenblick, in dem ihr früheres D a " sein gegenwärtig wurde, ohne willentliches Handeln die Angel der Ze» 4 umdrehen und die andere Wirklichkeit, das mütterliche Reich erscheinen lassen. Denn es gab eine Zeit, wie Klages im Verfolg eines Georgischen Wortes über das Alter des Sinnbilds ausführte, „wo Visionen ohne D a ' zwischenkunft der Willkür sichtbar wurden. Sie wuchsen durch den Menschen hindurch oder sie wölkten im Dampf magischer Formeln. Wa s an Trümmern aus Sagengeschlechtern der Nacht hinüberdrang in das Alter der Sonnenherrschaft, ist von so dunklen Schauern umflossen, daß wir den Abgrund der Jahrtausende fühlen, der unerbittlich wachsend uns trennt von schwarzer Scholle und nacktem Muschelstrand. Schon das Altertum im Glanz seiner Mittagsschönheit sah die Erinnerungen der Urzeit durch einen Schleier von Ehrfurcht und Grausen. Gleich fernabklingenden Donnerwolken versank am Saum seiner gelichteten Himm e das Verhängnis — aber hinter den rächenden Göttinnen schlössen sich für immer die Tore der mütterlichen Unterwelt. Seitdem ist Not un" Arbeit bei den Menschen eingekehrt, Wahnsinn der Entzückung beig e " mischt und wunde Sehnsucht schaffendem Überschwang. Nicht traurn- wandlerisch bannen wir urbildliches Leben mehr. Schlafloser Wille stell* in Stein und Wort ihm nach und zittert in Dankbarkeit, wenn nur ein 262 Schimmer ferner Glut ihm sprüht: solches Gebilde heißt uns Symbol. — Wie es geschieht, daß ein von Menschen Gemachtes göttlichen Wesens ls *> daß der Himmel mit allen Gestirnen in Liedern oder gemeißelten Blöcken lebt — dies Wunder symbolischer Identität ist den .irdischen s »nnen rätsel'." Gab es aber, wie die Kosmiker glaubten, unter dieser beschränkten Ma gie der künstlerischen Gestaltung dennoch eine des Gesamtgeschehens, der Heimkehr aller Bilder in die mütterliche Heimat, so mußte eine völ- *ge Wandlung des Lebens von der Seele her möglich sein, die der Sinn de s Leibes, wie dieser die Erscheinung der Seele sei. Wenn nur ein Er- e oen groß und mächtig genug aufstieg, um den beseelten Leib der Welt ^t Liebe durchglühen und alle ungehobenen Bilder in einem lebendigen hitstrom aufwallen zu lassen, wenn so ein Mehrtausendalter im Blute a Ufleuchtete, mußte die Menschenwelt sich neu gebären. Im Augenblick re >Hch, wo dieses Erlebnis im Bewußtsein als Forderung statt als Vorsang auftauchte, wo es aus der Stille trat und Wille wurde, wo man da- °n sprach, bevor es geschah, war seine Möglichkeit schon erloschen. Die a gie ist stumm und die Zwiesprache mit den dämonischen Mächten ist da s Ereignis selbst. Hier waren also Deutsche um die Jahrhundertwende, welche mit den er haßten bestehenden Zuständen zugleich deren tausendjährige gerichtliche und geistige Wurzeln verurteilten und nur von deren Auf- ebung eine Gesundung der Menschheit erhofften. Sie wollten diese Auf- e bung nicht um eines neuen praktischen Zieles willen: eines Vernunft- 0rt schrittes, eines Zukunftsstaates, einer neuen romantischen Kirche oder er Herrschaft des Übermenschen. Sie gingen hinter alle gewordenen le denkbaren Formen der Gesellschaft zurück in den Seelengrund ohne °rrnen, in den Mutterschoß ohne Gestalten. Sie priesen als erste unter en Neuerern und Umstürzlern — denn Anarchisten sind nur abge- Prengte Atomreste alternder Gesellschaftskörper — sie priesen als ein- l Se das bau- und herrschaftslose entgeisterte Chaos als würdigste Wirk- Cn keit, das Pfeil-Nu des vom Allvermischer im Liebesrausch Getroffenen s würdigsten Augenblick, in den alle Zeiten eingehen, von dem alles as ein lebt. Solches Leben der höchsten und freiesten Empfänglichkeit """ s ° glaubten die Bachofenkenner — war einmal im pelasgischen Alter, ^ Reich der Erdmutter wirklich gewesen als „des Acherons schilferfüll- er dunkler Abgrund" offenstand und die wilde Zeugung und Unter- ngslust der ungezügelten Triebe den hemmungslosen Flug des Taumel- s°ttes verbürgte, als noch kein Apollinisches Mittagslicht die feuchte c "Olle ausdörrte, kein Vaterrecht die Mutter unterjochte, keine Plato- 263 nische und Christliche Lehre den kalten Himmel der Unsterblichkeit wölbte und kein Logos die unzähligen starren Systeme des letzten Jahrtausends aufgerichtet hatte. Von dieser Sicht aus wurde mit den Ein' richtungen auch der Sitte dieser Jahrtausende das Urteil gesprochen, die geschlechtlichen Freiheitsstrebungen der Romantik, des Liberalismus, der Frauenbewegung und der eben damals einsetzenden Jugendbewegung wurden weit überstiegen und vor allem das Vaterrecht der Ehe verworfen: es gab eine Aphroditische Zeit — so wußten die Bachofenkenner — in der die Ehe Frevel gegen die Urmutter Erde war, Amazonentum und Demeterkult, schon Abschwächungen des Ursprünglichen, enthielten noch Spuren davon, in der dionysischen Religion unter „dem phallischen Herrn des üppigen Naturlebens" blühte der Aphroditismus in gewandelter Form noch einmal auf, um dann endgültig dem übersinnlichen Licht Apollons zu erliegen. Erklärte man also die urmütterliche Zeit als die lebendigste und wirklichste, so mußte man auch das hetärische Dasein bejahen und die mütterliche Hetäre preisen, das Weib das sich allen preisgibt und zugleich außerhalb jeder Eheform Mutter wird und werden will. DieKosmiker waren so echte Gläubige der Allvermischung, daß sie vor dieser letzten Folgerichtigkeit auch Schwester und Geliebte — mit einer leichten Einschränkung männlicher Tyrannis im letzteren Falle — in einer so vollkommenen Lebenshaltung bestärkten. Da der Leib die Seele ist, so waren diese äußeren Folgerungen für die Kosmiker nur Zeichen für die Echtheit ihres Glaubens. Zugleich erhellt daraus deutlicher, daß sie den Eros nur von der empfangenden Weibseite, aus der erdmütterlichen Sicht erfassen konnten und daß die Befreiung der Triebe aus der hemmenden Geistfesse» für sie gleichbedeutend war mit der Aufglutung der Seele. Ein Wort Schulers beleuchtet wie ein Blitz die weibliche Verfassung der Kosmik : Als nämlich der Meister ihn auf seine ablehnende Haltung gegen die Kunst befragte, was er denn wolle, wenn schon keine Kunst, antwortete jener: „Ich möchte leben, fast hätte ich gesagt gelebt werden !" Wie in jedem Genius war in der meisterlichen Natur auch die empfängliche Hälfte, die im kosmischen Sinne weibliche Wesenheit der Liebe, in ihrer ganzen Fülle vorhanden, auch er stand auf der Seite des Rausches und der Begnadung gegen den intellektuellen Hochmut der Zeit, der Festlichkeit des Lebens gegen die Schätzung der Arbeit um jeden Preis, der freien Entfaltung der triebhaften Kräfte gegen die rationale Verknöcherung unserer Bildung und Lebensführung. „Selten", so hatte Klages sein Buch über ihn begonnen „erhebt sich zur Bewußtheit, was den geistlos webenden Mächten alles Wachstums verwandt ist. Geschieht es dennoch, so zerrinnt vor einem Blicke Ziel und Willkür und nichts bleibt als bauendes 264 Müssen. Mit solcher Gesinnung ist unter deutschen Dichtern George der einsame Erneuerer eines Glaubens, der seit den Tagen der Romantik vertaten ging". Gewiß all dem war die männlich-tätige, die geistige Hälfte sei- n er Natur, die des Zeugens, Bildens und Herrschens unlöslich eingewölbt. ße i dem Erscheinen seiner Werke war von allen Künstlern das gänzlich u nromantische seines Wesens sofort empfunden worden, denn all jene Sc hweifenden nur in ihrem auflösenden Streben gefährlichen Kräfte hatte er > wie wir dargetan haben, im Klangzauber seiner Sprache gebannt und als Gestaltung erscheinen lassen. Aber nun traten nach der höchsten Werk- s chöpf un g i m Augenblick der Entspannung des Schaffens und der gänzlich Erhangenen Sicht auf die Bahn des Weiterschreitens diese Kräfte ihm noch eu *mal in den von ihm selbst erweckten Gefährten in der verführendsten °rm des sicheren Wissens um den Weg zur Allerneuerung gegenüber. Sie ar nen seiner dumpfen Ahnung, daß sein Werk sich erst durch die Verwirk- °hung im Zeitleib selbst, in einer neuen Ordnung vollende, mit der Gewiß- eit entgegen, daß durch die Wandlung des innersten Seelenkernes dem Le- etl mit einem Male seine heilige Liebesfülle wiedergegeben werde, daß wie w a Novalis sagte, die künftige Welt das Chaos sei das sich selbst durch- tan g, das Chaos in zweiter oder unendlicher Potenz. George trug das Gesetz des geistigen Wachstums in sich, das wie das "anzliche jedes Überspringen der Stufen verbietet und ahndet mit Verachtung der Frucht. Die Grenzen des erlaubten Tuns lagen in seiner lc hterischen Wesensanlage, aber in eben dem Augenblicke, wo das Zeit- schehen selbst als zu eroberndes Gebiet wohl vor ihm lag, aber noch lch * als dichterisch zu gestaltender Stoff seiner Werkkraft faßbar war, ar en diese Grenzen für die Einsicht schwer zu durchschauen und nur e Unbeirrbarkeit seines inneren Selbst hat ihn vor Bruch und Verfeh- S seiner eigenen Sendung bewahrt. Es war mehr als ein Kampf um °en und Tod, den er mit den Kosmikern zu führen hatte, nämlich ein m Pf um sein dichterisches Sein, um das Bild seiner Welt, wie er es s her schon in großen Werken aufgerichtet hatte. Der Bund mit ihnen r Um so bedrohlicher je tiefer er in den Bann ihres andersgerichteten °Hens geriet, um so verlockender als sie seinem eigenen drängenden ^willen eine schnelle Verwirklichung seiner Wunschträume zu bieten hle nen, um so verwirrender als eben ihr dionysisch-erotisches Element a UcVi n eif i notwendiges seiner Welt war, um so gefährlicher als sie zur Voll- dung ihres Tuns gerade seiner unvergleichlichen Erdkraft zu bedürfen e >nten. Er sah vor seinen Augen mitten in dem verspießbürgerten, lsti g verengerten und seelisch erschlafften Deutschland Kräfte der Tiefe euchten und Menschenkreise, die bisher in verklemmter Dumpfheit 265 unerregbar schienen, tief erschüttert werden, er sah erloschen geglaubt« Mächte heidnischen Lebens mit einem Male erwachen. Mußte er da nich vor der verödeten Gegenwart in Versuchung kommen mit den Kosmikern zu sagen: was liegt noch an dieser ärmlichsten Frist der Menschheit dt e seelenmörderischen Frondienst „Fortschritt" heißt, was noch an dieser Restwelt, mit der nichts mehr aufzubauen ist? Sie muß ganz zugrunde gehen damit ein Neues atmen kann! Ja was liegt selbst an unseren eigenen Künsten und Wissenschaften? Sie sind mit Ausnahme wenig ef Gedichte und Einsichten nur Erzeugnisse des verderbten Geistes durch die die Lebensfeuchte der Erde vertrocknet ist! Wir wollen uns nich 1 ansiedeln in eitlen umhegten Gärtchen, wo die Jdeale' wieder blühen und die Instinkte siechen, sondern den großen europäischen Wanderern au* ihrer Suche nach der verlorenen Urheimat der Seele folgen, deren Pf°>" ten noch jüngst ein Böcklin ein Nietzsche, selbst ein Wagner im Fieber ihrer Entdeckerschauer näher waren, als alle leichtfertigen Verkünder der Wahrheit, alle verlogenen Tröster auf eine vollkommenere Zukunft, aU c falschen Verkünder, die aus immer rasenderem Umtrieb der Räder ein e neue Geburt erwarten! Es war eine Versuchung größter Art für den tatwilligen Dichter, un« die Versucher sagten: Du bist es, der das Einmalige wirken kann: handl e und die Welt ist dein! Denn sie machten keinen Hehl daraus, daß sie »n George den mit großen Kräften Begnadeten sahen, der aktiv genug w3 r die Tiefe aufzubrechen und den Zauber zu vollbringen. Je mehr der g e ' häufte Zunder ihres Wissens nach dem Funken der Erfüllung gierte, ut* 1 so leidenschaftlicher heischten sie vom Meister die entscheidende Ta*- Und an diesem Punkte offenbarte sich ihre Ohnmacht, aus dem glühende 1 Wissen zum verwandelnden Tun zu kommen, zum erstenmal. Unter der entscheidenden Tat als dem Beginn oder der Mitte der gemeinsamen Wand' lung verstanden sie die einmalige äußerste Zusammenballung aller Kräf te des Genius auf einen Punkt und einen Augenblick: Stelle dicht nackt a^ den Markt, so forderte der eine oder der andre, und rufe die Götter au*- Begehe am offenen Tag einen Frevel und bringe die Welt in Aufruhr- Nimm deinen Sang, jage das Verhängnis auf und brich durch den starren Tag in die pochende purpurne Herzmitte der Mutternacht! Bei den erste 0 Ratschlägen mußte der wahre Täter stutzen, denn sie rieten ungeheuer' liehe Handlungen an, durch deren Vollziehung nur eine Irrenhaus- ode Gefängniszelle mehr gefüllt, aber nicht eine Welt erschüttert worden wäre, bei dem letzten Rate mußte der wahre Dichter stutzen, denn er rie die Frucht vor der Reife zu pflücken, die ganzen Kräfte von Wurzel u° Krone, Boden und Licht in einer Glutreife zu vertun. Da lächelte de' 266 M Und des Täters und das Auge des Dichters schaute auf, um die Gefahren an ihrer Stellung zum dichterischen Erbe und Gut zu messen. Auch ante > auch Shakespeare, auch Goethe hatten die dunklen Triebkräfte im ß hite gefühlt und ins Werk gebannt: Die Kosmiker ließen vom ersten aUr n etwas, vom zweiten einiges und vom dritten nur drei Sprüche und e mig e Stellen aus dem zweiten Faust noch gelten. Auch die Romantiker ha tten den Zauber der Seele erspürt und gelebt, aber die Kosmiker .°hätzten weniger was davon in ihrer Dichtung verfangen als was in en Erkenntnissen niedergeschlagen war. Auch George selbst reichte l * seinen Wurzeln in den dunklen Grund des zeugerischen Lebens und U hlte die unfaßliche Macht des berückenden Blutes, aber er hatte seine e idenschaften gezügelt, daß sie dem Werke dienten, hatte jeden wilden rang gebändigt, daß seine gestaute Kraft die Gestaltung nähre: doch die °smiker, eben an diesem Werke erwacht und erwachsen, ließen jetzt f weniges „Urmäßige" aus den ersten Büchern gelten, das ihre Sichten stätigte und nach ihrer Meinung einem Bereich jenseit der Weltzeit ^stammte, die sie für wertlos hielten. Sie, die ehedem wie Schuler eorgesche Gedichte mit Gold auf wunderbare Purpurtafeln malten, wie a ges den ganzen Algabal auswendig hersagen konnten, sahen nun in er Dichtung ein zu schwaches Mittel um Urschauer ins Dasein zu rufen n u muteten George zu, sein Erstes und Letztes, sein Werk und seine c höpfung zu verraten und statt des heiligen Weges den Sprung ins Du nkle zu wählen. Sobald George mit dem Blick auf die Dichtung sich dieses Gegensatzes e Wußt wurde, begann sein Kampf um die Behauptung seiner Welt und selben Augenblick war er der Gefahr entgangen, mit den chaotischen e Hen verschwemmt zu werden. Er wollte Werk und Reich der leiblich TT n und geistigen Schönheit schaffen, sie wollten die Lichtwelt in die lacht rückwärts stürzen, er wollte den Bau der Welt aus Rausch und e Ue richten, sie wollten allein die Allvermischung der Tiefe wecken, er , *lte die Seele in Leib und Gewächs zum nährenden Schlummer senken, Wollten die Erinnerungsbilder der Seele bis auf den Grund ihres Ur- Wungs wachrufen und verrauschen lassen. Werke und Taten galten ihnen c "ts mehr, wenn sie nicht aussagten vom magischen Wissen des pelas- c "en Alters, das Gedicht war ihnen schon ein zu gestaltiges Geistes- ■ eb ilde, das nicht zu den Müttern hinabreichte. Sie warfen George vor, U er seine Erdkräfte nutzlos zur Verfassung von Gedichten verbrauchte, r ch die der Ring des Logos niemals zu sprengen, die Flamme des Eros e mals zu erzeugen wären. In seinem Lob und Preis der Gefährten sahen nur »Persönlichkeitskult", — den sie freilich später für ihre eigene 267 Person duldeten — in seinem Ringen mit dem Engel nur ein Reden von seiner privaten Person und wenn er ihnen entgegenhielt, daß er all sein Teil hingebe im Kampf um eine Welt von Größe Glut und Schönheit, so sahen sie es bald nicht mehr und konnten es nicht mehr sehen. Als sie zu fühlen begannen, daß dieser Sohn der Gäa sich ihnen entzog» stellten sie ein allmähliches Erlöschen der Urmacht bei ihm fest: der dämonische Erschütterer war nun nach ihren Worten vom heidnischen Eros zur christlichen Karitas übergegangen und man mußte vor allem beim TEPPICH DES LEBENS an den bestürzenden Formenreichtum im Maß' werk gotischer Giebelfenster und Rosetten, an dies Bacchanal von Pfeiler 11 Spitzsäulen, Strebebögen denken. Dies alles diente nun der Despoti e eines Gesetzes von unerbittlicher Erhabenheit: tausend Formenzierden umblühten hüllend ein Skelett: das starre Kreuz, wie Klages, die kleb' rige Fliegenstange an der sich die gläubigen Seelen zu Tode zappeln, wi e Schuler es nannte. Sie verloren in der Trunkenheit ihres wilden Rausches das Maß für die nötige Zartheit menschlicher Bindung und sagten, daß ihnen in dem was geschehen müsse, an der Person Georges nichts gelegen sei, sondern nur am Einsatz seiner Kräfte, sie höhnten mit Schuler laut: „George hat die Kraft! Aber was macht er daraus? — Kunst!" Als George sich ihrem Ansinnen verweigerte, gingen die Kosmik er allein zu Werke und zeigten ihre Ohnmacht, die Seele des Lebens aufz u ' brechen, zum zweiten Male. Das Opfer war dem Garn entgangen, sein e „ins Künstlerische geratene um nicht zu sagen entgleiste Täternatur » wie Klages später ein aus der meisterlichen Handschrift richtig Gesehenes mit reizender Bosheit verdrehte, hatte sich ihren Lockungen entzogen» aber sie wußten, daß ein Opfer nötig war, daß nach den alten Geheimnissen Leben vernichtet werden muß, damit Leben gewonnen wird. Doch wagten sie weder ein Blutopfer zu bringen noch kannten sie den rechten Augenblick seiner Vollbringung und von ihren fruchtlosen Versuchen am nächtlichen Ort „kosmische Urschauer" zu erleben, meldete das ängstlich 6 Raunen der ausplaudernden Greisin: „Nichts haben sie gesehn! Nichts haben sie gesehn!" Zur Stunde, wo der Zauber geschehen sollte, fehlte —' um bildlich zu sprechen — stets noch irgendein Etwas: ein heiliges QU eine Formel, der rechte Ort — und ihre Weltstunde verflog. Sie fühlten bald wie Schuler im Herbst des Jahres 1903 „das namenlos Schreckliche, imm er wieder in die alte Tatlosigkeit zurückgeworfen zu werden". Eine Weü e versuchten sie durch dreifaches Geheimtun ihre Lage zu verhüllen, aber ihr Versagen im wesentlichen mußte ihr Bündnis notwendig von Innen her sprengen. Die im gemeinsamen Rausch verschleierten Widerspruch« der drei Naturen wurden bei der wachsenden Ahnung von der Ohnmach 268 J hres Bundes wieder sichtbar, sie lagen unter dünner Decke und es er- Sc hüttert, Klages mitten im Jahre der dichtesten Einung über Schuler Sa gen zu hören, daß ihn der Käfig seines Systems beenge und daß er viel beginnendes Leben in sich zurückdrängen müsse, wenn er jetzt das geplante Buch über Schuler schreibe. Gerade daß sie sich nun zu immer größerer Unbedingtheit des Zusammenschlusses zu verpflichten suchten, 2ei gte die bedrohliche Nähe des Bruches an. Schuler und Klages wollten Vor allem Wolfskehl zwingen, George zu verlassen, mit dem sie selbst n °ch in scheinbarer Freundschaft lebten. Wolfskehl hatte selbst schon den ^und brüchig gemacht auf dem er mit ihnen stand, indem er geneigt Sc hien nun auch im molochitischen Semitentum eine kosmische Blut- le Uchte zu finden. Im Bewußtsein der darin liegenden Abtrünnigkeit fürch- ete er einen geheimen Anschlag gegen sich und rief im Winter 1903 auf J 904 George brieflich zu Hilfe. Der eilte sofort nach München und fand ln einer Unterredung mit Klages bestätigt, was er schon früher erkannt att e, daß eine Einigung nicht mehr möglich war. Die Kosmiker hatten lc " offen gegen ihn gewandt, weil aus seinem Wesen und Werk eine eu e geistige Ordnung eigenen Ursprungs entsprang, die ihrem einhälf- l £en Seelentaumel widerstand, und bekämpften daher sein Werk und seine er son mit allen Mitteln ihrer Art. In dieser Lage riet er zum Bruch, Wolfskehl versagte Klages sein Haus und George schrieb ihm, er könne hn nicht wiedersehen, bis er wieder über sein Werk und Wirken wie ru her denke, nicht aber wie jetzt. ^amit war geschehen, was geschehen mußte. Denn George hätte den ^°smikern bald selber den offenen Kampf ansagen müssen, wenn der ry ch unter ihnen nicht gelegen gekommen wäre, weil ihre seltsamen . ec *en ihm schon bedenklich wurden und er auch seinen Namen durch lhr Treiben gefährdet sah. Für Klages kam diese Ausstoßung durch George °"ig unerwartet. Der Kluge hatte geglaubt, den Zeitpunkt des Bruches el ber wählen, gehen zu können wann er wollte und George nutzen zu 0tl nen solange er wollte. Jetzt sah der Stolze sich verabschiedet und hin- ^ s gewiesen und dies erregte eiternde Wut in ihm und unversöhnlichen **aß. Wenn freilich Derleth, der die Kosmiker kannte, George damals ^ ar nte: „Hüten Sie sich! Es gibt Menschen, die etwas ganz Böses gegen >e vorhaben, nein etwas ganz Fürchterliches, nein etwas ganz Scheuß- lc h-Verbrecherisches," so verkannte er, daß jene als Zersprengte und Ein- eltle machtlos waren. Ihr Haß mochte Schlimmes planen und in jedem atur- oder antiken Volke hätte es in solcher Lage seinen Vollzug ge- Ull den, aber sie waren schon zu sehr durch Gesetz und Kultur gehemmt n d den großen Intelligenzen versagte das Blut. Vielmehr behauptete 269 Schuler seitdem: George habe ihn verhext, daß er nichts mehr tun kön» e und Klages mußte zwanzig Jahre von diesen ihn so tief erregenden Di»" gen schweigen. Auch den letzten damals noch unternommenen Versuch der Kosmiker, George auf seinem eigensten Gebiete zu treffen, indem sie verbreiteten, er wage nicht, ihre von Urschauern trächtigen Gedichte z» drucken, weil auch nur eine Zeile davon die Blätter sprengen würde, entwaffnete dieser: er nahm auch gegen ihren Willen in die siebente Folg e auf, was er gerade von ihnen in Händen hatte und nahm dafür in einer» Prozeß, den Klages um sein Verfasserrecht gegen die Blätter anstrengte« gern die richterliche Verurteilung in Kauf, nachdem die Sprengkraft jener Zauberverse sich als unwirksam erwiesen hatte — denn sie fügten sich still den übrigen ein. Doch blicken wir von diesem unfreundlichen Ausgang noch einmal zurück auf die Wirkung dieser seltsamen Runde nach innen und auße»- Durch den Angriff auf sein Dichtertum war dem Meister im Auge»* blick der höchsten Gefährdung, als er den dunklen Mächten in ihrer fei»' sten und verführerischsten Form zu verfallen drohte, das Auge geöffnet worden für das seinem Werke drohende Verderben. Aber damit erhob sich erst recht ein furchtbarer Zwiespalt in ihm: eine neue Wahl wa f nötig geworden zwischen dichterischer Aufgabe und täterhaftem Drang' zwischen erneuter Einsamkeit und der gerade damals im Münchener Freundeskreise lebendig sich darstellenden Kraft der Gemeinschaft, z"* 1 " sehen stiller Werkarbeit und einer unmittelbaren Auswirkung aller Kräfte in die gegenwärtige Zeit. Jeder Verzicht schien die Hälfte des Getane» zu vernichten, jede falsche Wahl mußte das Ganze gefährden. Aber scho» hatten die waltenden Mächte ihm den Helfer und Retter gesandt und "• dieser Not löste der jugendliche Mund Maximins mit einem Worte jede» Zweifel von seiner Seele. Denn das letzte wonach die Kosmiker jahrelang vergeblich trachteten: das Magische war schon geschehen, der Zaube f wirklich geworden. Sie, die so viele tiefe Geheimnisse zu kennen glaub' ten aber einige der einfachsten nicht wußten, sahen es nicht mehr und w> e die Juden noch immer den Messias erwarten mußten, als er längst unte f ihnen geweilt hatte, so mußte Klages zwei Jahrzehnte später noC p als Wunschbild beschreiben, was schon die beste deutsche Jugend a' s Geschehnis kannte: „Man rufe sich zurück das Erlebnis des Schauens **** und denke hinzu, daß zwei Menschen es gemeinsam erlitten: ^ s ' dann wären beide sympathetisch verbunden durch das Ereignis, welche den Namen kosmogonischer Eros trägt! Daß solches sich nie durch Ver' knüpfung der Leiber vollzöge, braucht keines Wortes mehr; wie aber eS dennoch stattfinden könne, das dürfte, ohne zu freveln, nur der enthülle»' 270 öe n das Wunder verwandelt hätte, ihn entrückend unter die Götter. Geschähe das Unerhörte indes auch nur zwischen zweien aus Hunderten von Millionen, so wäre die Fluchmacht des Geistes gebrochen, der entsetzliche ^ n gsttraum der .Weltgeschichte' zerranne und es ,blühte Erwachen in Aromen des Lichts'." Nachdem der Dichter sich wiedergefunden hatte, wog und erwog er s,c her das Verderbliche und Taugliche im wilden Tun seiner Freunde. le hatten ihm die tiefen Kräfte gezeigt, welche im deutschen Menschen °ch ruhten, aber auch alle Gefahren der germanischen Natur. Dieser ra ng ins Unergründliche aber auch Grundlose, das keinen Bau erträgt 0c h tragen will, dieses trotzige Unbekümmertsein im Spiel mit Himmel n d Hölle, das jede Möglichkeit des heldischen Opfers aber auch jede der tostvernichtung in sich birgt, dieses Wissen um die tiefste Not der e ele, die Bereitschaft zum äußersten Wagnis der Rettung und dann das rsa gen vor der Tat und das Fallenlassen des Großbegonnenen: waren > Q sind diese Kennzeichen der Kosmiker nicht die der Deutschen über- u Pt? Ist ihnen nicht der ewig bewegte Schauer der Seele oder der ewig ft/r. rre des Geistes, den jene bekämpften, lieber als die lebendig aus beiden ac hten gestaltete Wirklichkeit? Der Hang zum Äußersten nach der r rilen wie nach der heldischen Seite ist gleich stark in ihnen und auf s em schwankenden Grund sind viele Baumeister unseres Volkes gescheit. So glaubten die Kosmiker bald des Werkes und Werkers nicht hr zu bedürfen, da sie eine höhere Macht zu erkennen und damit schon . haben wähnten. Sie riefen dadurch die stärkere Wirklichkeit des j eist ers gegen sich in die Schranken und dieser schlug ihnen mit einer "ten Gebärde der Abwehr den Zauberspeer aus den Händen. Uch der Apollinische Werker kommt aus dem Dunkel, aber siegt im "t. E r k ann i n seiner Zeit und seinem Volke, so hart er richten mag, j * nur ein Totes oder Scheußliches sehen, wie Schuler sie sah, im e lden Menschen nicht nur „den Schimmelüberzug über der verwesen- Erdkruste" sehen, wie damals Klages es sagte. Nur das Widrige in em Tage sehen würde den Dichter vernichten, er muß Gebilde und ^. ntümliche ^ rä * te ei "kennen, um leben, muß auch im Zwiespältigen . e nde Stoffe schauen, um formen zu können. Er schafft im Zerstörten, ^ e Zer stÖrten im Geschaffenen. Gegen ihre schwebenden ungestalten (j er setzte er die klaren Gesetze und Kräfte des griechischen Leibes, U ntescn en Welt, des Goethischen Lebens, gegen ihr ungestümes Ver- gen, beschwörendes Erzwingen und dumpfes Schüttern setzte er die lo ^ ^ inie > die sichere Grenze und das feste Gebilde, gegen die heimatgeistigen Kannibalen, die nirgends wohnen und ihre eigne Seele 271 verzehren, die sichtbare Heimat und die Stille der Seele, gegen den urzeit- liehen Derwisch und Beschwörer den Gestalter und Schöpfer. Aber daß in den dreien, die in Personen die drei großen Bildungsweltefl unseres Volkes, des Orients der Antike und des Germanentums vertraten, daß in leidenschaftlichen Menschen solche Gewalt des Blutes noch einm a aufbrechen und zugleich in diesen bedeutenden Geistern zur vollen B 6 ' wußtheit ihrer dunklen Macht und Notwendigkeit kommen konnte, war ein befreiender Stoß des Schicksals, der heute noch weiterwirkt, war von befreiender Wirkung auch für den Dichter der Zeit, der manches hatte verschlossen lassen müssen, wenn nicht der Boden so erschüttert worden wäre, der manches nicht hätte aussprechen können, was in der Luft jener Tage sagbar geworden ist. So wurde was von ihrem Leben in den Kre» s der Dichtung trat noch wirkend und fruchtbar .. sie selbst zerstoben, al s sie sich aus dem Lichtraum entfernten, in dem ihre Wallungen erst mV lieh und sichtbar geworden waren. In Schuler wuchs das ihm von je h er eignende Element der Verschollenheit bis zum Grauen eines toten Nicht" mehr-Seins bei lebendigem Leibe, es bewahrheitete sich an ihm, was ef schon um 1899, als er sein „Tryptichon ex introitu cosmogoniae" schrieb» freilich in ganz anderer Meinung häufig äußerte: daß alles Kosmische ur»" fruchtbar sei. In Klages wuchs die Vereinzelung seiner Kräfte bis z u Dürre einer unfruchtbaren Klugheit und unfruchtbaren Leidenschat • Sein Werk kommt immer um den günstigsten Augenblick zu spät, ° e ihm Wirkung geben könnte und zerflattert daher gespensterhaft scho vor dem Erscheinen, seine Sichten werden schief, weil er das wichtig s Geschehen im deutschen Geiste nicht sieht oder nicht sehen will und t0> Notbehelfen seine Brüche verkleistert, sein Bestes was er ehemals geleist e hat, muß er verleugnen, weil er in Georges Dichtung irrtümlich ein Muste beispiel seiner Metaphysik gesehen und die Unvorsichtigkeit begang e habe, dies in seinem Buche über George darzutun. Ein Dreißigjährig 6 aber, der sich im Wesentlichen irrt und grundsätzlich fehlgreift, hat si c damit selbst gerichtet und kann sich nur entladen durch zeitweilige wü s Schmähungen. So rächte sich an beiden ihr ursprünglicher Mangel Fähigkeit zur Hingabe und Tat: sie blieben als Vereinzelte neben de Leben und ohne Seele stehen. Nur Wolfskehl, selbst ein ursprünglich 6 Dichter und dem Dichter ergeben rettete sich, und von seiner Erschüt rung langsam genesend erreichte er durch sie eine höhere Stufe seines K° nens, indem er sie im Gebild bezwang. Die Wucht des Kosmikerstoßes aber in ihrer auflösenden Richte 1 gegen die erstarrten Zeitformen und die schon wankenden Reste christlichen Sitte, die wir im Laufe unserer Schilderung berührten, 272 s ich weiter fortgepflanzt und wer in diesen Dingen das heutige Deutschend mit dem um die Jahrhundertwende vergleicht, wird deutlich inne, Wie tief gerade im Bereich der Sitte der Wall der damals noch immer bewahrten und behüteten Bräuche durchstoßen ist. Das Paradoxon unserer Verfassung und unseres Rechtes, das die Ehe und die Unehe unter den Schutz des Staates stellt, ist nur ein Zeichen für viele. Uns beküm- m ert hier nicht die moralische Wertung dieser Dinge sondern nur das Schauspiel der tiefen Wandlung aller Formen und Werte an dieser Wende der Zeit, und da ist deutlich, daß in diesem Vierteljahrhundert das leibliche und sinnliche Deutschland erwacht ist, daß alle Schichten des Volkes von den gleichen Triebmächten erfaßt worden sind und daß un- a hlig e Bewegungen unter welchen Namen und Überschriften auch im- Iller der Menschenfreiheit, der Geschlechtergleichheit, der Körperkultur n d anderer den Sinn des Lebens in einem anderen dem der früheren Geschlechter gerade entgegengesetzte Pole zu finden glauben. Es bedarf eines Wortes darüber, daß die Richtung dieser Lebensauffassung schon n den großen staatlichen und gesellschaftlichen Bewegungen eingeschla- » en > daß im Geistigen die Romantik für sie den Boden gelockert und ^ l etzsche die Bahn gebrochen hatte, aber sie erhielt, wie wir zeigten in er Münchener Kosmik eine tiefere Deutung und durchdrang die letzte Seeli sc h e Schicht des deutschen Menschen. Der von der inneren Auf- ühlung mitergriffene Umkreis der Freunde und Bekannten der Kos- ^ker setzte die halb oder kaum verstandenen und oft nur erhorchten feos mischen Forderungen in die Wirklichkeit eines unbekümmert freien e stlich rauschenden Lebens um, das in den ganz tollen Münchener Kar- ^ v alen dieser Jahre seine lustschäumende Höhe erreichte. Hunderte ar nevale gehen in München vorbei, aber von keinem blieb und bleibt Wa s außer von jenen, die vom Atem eines wilderen Geistes erfüllt are n. Man möge in den Erinnerungen und Erzählungen von Oskar * H. Schmitz, der Gräfin Franziska von Reventlow und anderen c nUisselromanen der ^eit ^ie Wirkung dieser seltsamen Runde auf die a "eren und ferneren Außenbereiche lesen, sie geben bei aller Unkenntnis er geistigen Vorgänge und allem Mißverständnis der inneren Lagen, 0c h ein Bild des Umtriebs außergewöhnlicher Kräfte und des Um- | "Wungs der Gesinnung wie des Urteils in erotischen Dingen, die heute ° n in allen Schichten Deutschlands gang und gäbe sind. „Deutschland rle bte damals" wie Schmitz es nennt, „sein erotisches Erwachen. Es ar als ob die den Großstädten fernen Hinterländer wie Franken, Schwall Pommern, Mecklenburg plötzlich auf den Sinn der Wollust ge- 'nrnen seien, und nun schickten sie zu irgendwelchen Studien ihre unge- 18 373 brochenen etwas naiven Töchter in die großen Städte. Während sie in Berlin nicht selten in den Nachtlokalen den Weg alles Fleisches gingen, gerieten sie in München in das Schwabinger Dionysiertum und dort verpufften sie die Leidenschaften, die seit Jahrhunderten an der Scholle haftende Generationen in wohlanständiger Bürgerlichkeit zurückgedrängt hatten". Dies ist nur eine und heute kaum noch wichtig genommen« Auslösung des mutterrechtlichen, mehr noch des urmütterlichen Vordrangs in die entkräftete Endzeit eines rationalisierten und mechanisierten Männertums, dessen Untergang zu wünschen und zu erstreben das Recht der Kosmiker war so lange sie selber glühten. 8. KAPITEL: DIE SIEBENTE FOLGE IN der siebenten Folge, welche im Frühjahr 1904 erschien, spiegeln sich die Erschütterungen und Kämpfe der letzten Jahre wieder. Die Auseinandersetzung mit der Kosmik schlug sich in der Dichtung nieder: was von ihr ins Werk eingegangen war, wurde aufgenommen, ihre feindlichen un" verneinenden Strebungen in Angriff und Bejahung zurückgewiesen, abe f es fiel kein erläuterndes oder erzählendes Wort darüber, welches die in' neren Gegensätze nach außen getragen hätte. Die Kosmiker hatten gege 11 George den Vorwurf des „Personenkultes" erhoben: Sein ganzes Werk seit dem ALGABAL sei von Huldigungen und Widmungen durchsetzt un» seine Dichtung habe dadurch das überpersönliche Merkmal verloren. Denn sie vermochten nicht, sich eine Person vorzustellen, die zugleich die Sache darstellte. Der Meister ließ daher in der siebenten Folge die WidmungS' gedichte in besonderer Fülle erscheinen und bezog die Kosmiker zu ihre f namenlosen Wut mit ein, indem er Schulers „Sonett an Andrian" und Gun- dolfs Gedicht an Klages aufnahm und — die größte Sünde wider den koS' mogonischen Eros — über das letztere eine unveröffentlichte Strofe von Klages setzte, das heißt: eine Ursubstanz an die Öffentlichkeit zerrte, d» e nur aus der Stille des Schreibfachs weltumwälzend wirken sollte. Zwe' Merksprüche der Blätter vollendeten diesen Frevel, von denen der erst e lautete: „Einsame Größe: Mancher sondert sich aus dem Kreis, der ihm einzig taugt, weil er in ,Rom nicht der erste' sein kann, aber von allen was die drei in glutgesteigertem Rausche erzwingen wollten, daß sie >lc n willig in die Gesamtheit der Gemeinschaft stellte, wo jene im vereinten Bündnis sich aussonderten und daher in sich selber uneinswerdend Splitterten. Selbst in diesem „Dreigesang" aus der Zeit der äußersten versieht ihres Glaubens klingt der Schluß mehr wie ein verzweifelter n dschrei als wie ein Triumphruf am erreichten Ziel, während das Masken- Ple l die freudige Erwartung aller im eignen Kinde vereinten beschließt. Ay ch die übrigen Gedichte von Wolfskehl in dieser Folge schwingen m diese Pole. Auch die Gedichte von Gundolf sind daher bedingt: Die »drnung an Klages steht noch ganz unter dem Bann der kühnen Errungen und Hoffnungen, welche die Kosmiker hervorgerufen hatten, e nn das Gedicht auch schon eine leise Abwehr vor dem „weltenfernen ra uen" bedeutete, in dem jene kreisten. In dem Zwiegespräch „der Be- w örer" ist diese Abwehr zur deutlichen Absage an den Gottversucher 277 geworden, der alles opfert um zuletzt statt des beschworenen Gottes nur sich selbst zu sehen. Auch in „Cäsar und Kleopatra" wirken die Gegensätze noch mit, stehen sich rein weibliche Rauschglut und männliche Werkglut als Partner gegenüber, aber aus der zeugenden Vermischung steigt der Weltherrscher wahrlich nicht geringeren Feuers wieder auf zU tätiger Gestaltung: er preist den Traum der Nacht doch waltet und wirkt- Von verwandten Elementen dieser Art durchzogen sind auch die Stücke von Hofmannsthal aus einem Trauerspiel „Das gerettete Venedig" und seiner freien Bearbeitung der Sophokleischen „Elektra", die Traumsprüche von Lechter aus „Sieben Nächte am mystischen Quell", die „Einzelreden von Heiseler und selbst das „Totengedicht" des später durch seine philo* sophischen Schriften bekanntgewordenen Rudolf Pannwitz. In all diesen Dichtungen ist etwas von den Formen der menschlichen Leidenschaften verfangen, welche die Kosmiker in ihrer Runde aufwühlten, aber diese düsteren Erschütterungen des Blutes und der Seele waren auf anderem Boden erwachsen als dem ihren und gaben Zeugnis von dem überall verborgenen Schwelen der dunklen Flammen in den unerfindlichen Winkeln unseres zerklüfteten Volkes. Auf andere Weise nahm Derleth an den Bewegungen dieses denkwürdigen Winters teil. Er hatte sich — wir sagten warum — vom Treiben der Kosmiker völlig fern gehalten und fand sich nur zuweilen bei einzelnen Freunden ein. Aber er beobachtete alle Vorgänge mit der kalten Sicherheit dessen, der den überlegenen Maßstab für die wirbelnden Kräfte hält und wußte zuweilen bei seinem seltenen Erscheinen am tiefsten durch die U" 1 ' bedingtheit seines Wortes zu treffen. Als Klages zum Beispiel einrna 1 zu George und Wolfskehl zuversichtlich und offen von der Vollendung seines „dritten" Werkes sprach das die Darstellung seiner glühendsten Weisheit enthalten sollte, rief der anwesende Derleth, dessen christliches Lebensgefühl durch all die Andeutungen tief verletzt und beunruhig 1 wurde, schließlich mit seiner diktatorischen Stimme: „Herr Klages, Si e werden dies Buch nie schreiben!" Worauf Klages bös und scheu und den Hut nehmend fragte: „Wie können Sie das sagen?" — aber Derleth nur eindringlicher wiederholte: „Herr, wie gesagt, Sie werden das Buch m e schreiben!" Der so Besprochene blieb durch diese Worte unerklärlich bedrückt und empfand sie wie eine Verfluchung. Und heute nach einem Vier' teljahrhundert steht das Buch noch aus: in dem was Klages als „Geist und Leben" veröffentlicht hat, ist kein Funke mehr von der Glut jener Jahre- Derleth, obwohl er im letzten auch Kosmiker war und sich ehedem soga r mit Schuler zu einer Art Kosmikerbund vereinigt hatte, war damals docn von den Münchener Gefährten Georges der einzige mit geschichtlichem 278 hck. Sein Katholizismus hatte weder etwas Orientalisch-Phantastisches n och Deutsch-Mystisches sondern war ganz von der Antike her genährt, Und v °n diesem festen Boden aus sah er die großen Tatsächlichkeiten der beschichte und vor allem die großen Männer als die klarsten und wesent- 'chen Träger, in denen die Geschicke der Völker erst kund und bildhaft We rden. Das Römische in dieser doppelten bis in unsern Tag und unser ei gnes Schicksal reichenden Herkunft gab ihm den sicheren Blick für die e deutung von Personen und während er in George die Gestalt sah, welche ■* einem Werke stand und Geschehen um sich ballte, schienen ihm die ^■osmiker mehr Wisser als Könner, mehr Bewegte als Beweger. „Sie trei- e n Magie?", so höhnte er über sie, „ich würde sagen, sie wissen alles, aber e können einen Strohhalm nicht von hier bis dort bewegen". Als er von dem Bruch mit ihnen hörte, kam er sogleich zu George, stellte lc « mit allen Kräften zu seiner Verfügung und gab auf dessen Verlangen le ersten seiner Gedichte in die Blätter, die von nun an mit jedem Male er rücher und voller wurden. Aus ihnen spricht nicht nur ein großer Dichter °ndern auch ein großer Mensch, der in einer selbstgeformten Welt lebt nd eine Raumweite um sich hat, die fast unglaublich erscheint in dieser e genwartswelt und immerhin Zeugnis ablegt für die geistige Verdich- Un g, welche die Kirche in ihrem Reiche erzeugt und wenn nicht mehr vereidet so doch noch gestaltet. Antiker und christlicher Eros halten in le sen Gedichten in unlöslicher Eintracht die Schale voll Wein und alles r übe und Dumpfe ist in einem Strahlenraum reiner Bildungen aufgegangen. Die Näherung Derleths bedeutete in dem stillen Ringkampf zwischen lhr n und George notwendig, wie wir noch sehen werden, das Reifen der Risten Entscheidung, aber an jener Wendezeit war sie eine unerwartete ^ülfe und Bestärkung des Weges für George. Denn der Dichter und Meier muß in Seelen siegen, wenn sein Reich gedeihen soll und die Gedichte er leths, Früchte dieser Näherung, waren ein unerhoffter Gewinn auf dem lc hterischen Plane: sie zeigten, daß bei größter Eigenart in Bild, Gehalt , nd Gebärde auch diese mächtige verschlossene Seele im Ton des Erwek- ef s der neuen Dichtung schwingen mußte. °>e Wahlsprüche Gerardys, die schön ziselierten Sonette und die in °gerndem Schrittmaß gleitenden Lieder aus: „Eros Anangke" von Treuge l nd fern von jenen Erregungen entstanden und obwohl auch sie um Fest nd Liebe schwingen, reißen sie nichts von den abgründigen Dingen ans lc nt, die im Ringen mit den kosmischen Dämonen spürbar wurden. Eher 0c h reichen einige Töne der beiden neuen Kömmlinge, Ernst GundoH nd Walter Wenghöfer in jene Auf- und Anbruchschichten des Lebens ' l nab, obwohl ihre Seelen unverkennbar einer Endzeit angehörten und sich 279 nur in den feinsten überläuterten Formen äußern konnten. Beide ähnelten sich in der unbedingten Abgeschlossenheit gegen alles öffentliche, der Verhaltenheit der Kräfte, wenn nicht eine höhere Macht ihren Einsatz fordert, ja der Verschließung aller Fähigkeiten bei einem Wissen von solchem Umfang und Reichtum, daß es noch jeden erstaunte, der sich bei dem einen Rat holte oder bei dem anderen zufällig den Schlüssel zu seiner verschwie- genen Fülle berührte. Der um ein Jahr jüngere Bruder Friedrich Gundolfs beschränkte sich fast bis in sein dreißigstes Jahr darauf, dem Treiben der lebhaften Freunde mit seinen kleinen dunklen Augen wortlos zuzuschauen, er hatte den beobachtenden Zweiflerblick, aber in jeder strittigen Frag e war sein kurzes fast unwilliges Ja oder Nein ein entscheidendes Urteil, °k es sich um Bereiche der Dichtung oder Menschenkunde, der Philosophi e oder Altertumskunde, der Mathematik oder sonst einer Wissenschaft der Natur oder des Geistes handeln mochte. Was und wann er etwas trieb, wußte niemand, gewiß war nur, daß er alles wußte, aber nur nutzbar machte« wenn der Meister ihm eine besondere Aufgabe zu lösen stellte. Seine einzige Beschäftigung schien, mit der spitzesten Zeichenfeder hunderte und aberhunderte seiner feinen gestrichelten Landschaften zu entwerfen. Sie sind alle menschen- und tierleer, alle ort- und zeitlos, zeigen meist nur Wasser, Stein und Gras, Bäume oder Sträucher, selten einen phantastischen Bau in der Einöde von Felsen und Wäldern, aber immer sind sie von einem Licht erfüllt, das selbst in der Wolkenverschattung kalt und klar um die nackten Dinge steht. Fast anteillos scheint dieser Zeichner nur darauf bedacht zu ergründen, welche unzähligen Möglichkeiten der Raumverteilung das immergleiche Format des Blattes bietet, die Elemente seiner Natur sin unbewegt, sie schweigen von Gemüt und Gefühl im deutschen Sinne, sind nur Gewicht, Zeichen oder Grenze. Gleicher Art sind auch seine Urteile und Ratschläge. Man denkt bei ihnen an die Weisungen alter Orakelsprüche, di c nur möglich sind wo eine Menschenart ihre Einsichten und Erfahrungen nicht zu Nutzzwecken des Alltages verwendet, sondern aufspart für die Erhellung dunkler Fragen und für die zarte Entscheidung, die sich gern m 1 Doppelsinn einer Deutung birgt: nicht in der Weisung sondern in der Wahl der Weisung liegt die Lösung des Lebensrätsels. Die vier Ritornell e in der siebenten Folge sind einige der wenigen dichterischen Erzeugnisse Ernst Gundolfs, aber man wird auch aus ihnen die Einzigkeit dieser heute so seltenen Menschenart erkennen. Wenghöfer, der 1877 m Halberstadt geboren wurde, aber in Magdeburg aufwuchs, war bei weit größerer dichterischer Begabung von gleicher« Wesen: ein Einsamer, dessen strenge Lebenshaltung ohne jede hedon»' stische Lockerung blieb, ein unnachsichtiger Forderer an sich selbst» 280 DICHTERTAFEL AUS DER SIEBENTEN FOLGE LINKS: KLAGES WOLFSKEHL LECHTER HEISELER MITTE: SCHULER HOFMANNSTHAL GEORGE PERLS GUNDOLF RECHTS: DERLETH GERARDY C. A. KLEIN TREUGE er sich an dem vom Meister verkündeten Menschenbilde maß und °rt wo seine schwächere Natur ausweichen wollte, sie einem rückhaltlosen Zwange unterwarf. Dadurch geriet sein Wesen in eine nur elten gelöste Verklammerung, die sich bei hoher Vornehmheit und Adlig- eit der Gebärden in einer Gepreßtheit der Bewegungen und bei ganz Urchgeistigtem Ausdruck des Gesichtes in starren fast maskenhaften Zü- & e n ausprägte. Selbst die Stimme schien beim Lesen wie an einem Punkte ^emmt, als könnte der Atem nicht freien offenen Durchgang finden. ,e se überstrenge Verhaltenheit und verschlossene Fremdheit erhielt Urc h die Unerbittlichkeit seines inneren Gesetzes eine schicksalhafte Note nd oft ergriff uns Trauer vor diesem selbstgefangenen Geist, der nur in e nigen Augenblicken seiner ungewußt vor der Schönheit eines alten " a dtplatzes oder einer sonnenflimmernden Straße den engen Käfig seines u gs durchstieß und dann die Luft mit einem Flügelrauschen füllte. Wie eu ge hatte er eine unbedingte Abneigung gegen einen bürgerlichen Be- ' aber aus anderen Gründen und eher mit Verachtung jeder Unordnung de r Lebensführung. So viel geistigen Zwang er sich auferlegte, so wenig tru g er den Zwang einer Beschäftigung, deren Ausübung nur eine teilte Forderung an ihn stellte: als sei es unwürdig einen Beruf zu betrei- n > bei dem nicht die ganze Anspannung der Kräfte in jede Werkstunde gele gt sei: ein Eiferer im Dienste, aber ein Mönch ohne Kloster, ein Mar- quJ s ohne Hof. freilich war er darin auch ganz der Dichter, der um die eine Stunde der e staltung die anderen verrinnen läßt und die Kräfte bewahrt, um jedes er k in die höchste und gespannteste Form zu zwingen. Wenghöf ers Dich- ern atur hat als geschichtliche Lage die späteste Zeit der noch geschlos- ne n Bildungseinheit Europas. Das Barock und mehr noch das Rokoko 8abe n ihm die Bilder für sein Fühlen und Schauen, aber seine Seelenahnen a nimen nicht von der leichten tändelnden Seite jenes Jahrhunderts, son- r n von der verdeckten, von Verlaine schon wiedererschauten, wie sie uns w a aus den großäugigen Gesichtern und verhaltenen Gesten Antoine at teaus anblickt. Wohl gibt es auch da nervöses zartes farbiges Ranken- tr K aber unter der feinen Maskerade der Wenghöferschen Gestalten fühlt , an das Blut eines stärkeren Herzens kreisen, ihre Farben sind stechender * l tiger und die „Parfüme" schwüler schärfer sündiger als das übliche zier- c he Spiel der Galanten es erlaubte. Seine Gedichte, von untadliger Mache n ® Sauberkeit des Griffels, haben eine räumliche Flucht von einer Un- Mündlichkeit, daß wir uns manchmal durch die dünnen Decken und ge- gten Stämme gestoßen und abwärts getragen fühlen in den dunklen aa ». dessen Wände vor Schrecken starren und Geheimnisse des Leides 281 verschweigen, deren Lautwerden töten müßte. Aus diesen Versen beben auch ohne Wissen um pelasgische Alter die Urschauer des Nacht-Grarne s und der Traum-Liebe und gerade als Seelenbilder der jüngsten Zeit, die vor den ewigen Mächten gleich alt ist wie die frühere und frühste. Die starken mit- und gegeneinander handelnden Partnerschaften der Münchener Gemeinschaft, aus deren festlichen und feindlichen Beziehungen wir die Spiele verschiedenster Art erwachsen sahen, hatten auch einig e betrachtenden Prosestücke über das Drama hervorgetrieberi, welche in der siebenten Folge Aufnahme fanden. Die frühere ablehnende Haltung gegen das gegenwärtige Theater und eine grundsätzliche Höherwertung des Dra- mas vor anderen Dichtungsgattungen wurde in den Merksprüchen beibehalten. Doch waren inzwischen auch im eigenen Kreise die alten romantischen Versuche wieder aufgetaucht, im Drama außerkünstlerische Lebenswerte, solche mystisch-religiöser Art zu finden und das sogenannte „Kultdrama" als das älteste und echteste zu erweisen. In seinen Gedanken „über das Drama" zeigte daher Wolfskehl die tiefen Unterschiede auf zwischen Kultvorgang und Schauspiel: „Drama und &*» verhalten sich wie Kultgemeinschaft zur Gesellschaft, wie Opferfeier zum Fest. — — Im Kultvorgang ist Leben und Symbol eins, i{n Drama, der einzigen der Kunst überhaupt möglichen Darstellung des Lebenszustandes (nicht des von allen Künsten umbildbaren I n' h a 11 s) stehen sich Leben und Symbol nach Wiedervereinigung strebend getrennt gegenüber. Piatons Deutung des Erotischen gilt auch hier, der Kult wird gelebt, das Drama erlebt". Wohl aber läßt Wolfskehl eine vorsichtige Scheidung von religiösem und Gesellschaftsdrama zu. Denn auch wo das Drama in den heiligen Dienst einbezogen war, zeigt es men* als jeder andre Kunstausdruck das Bestreben, sich von dieser Fessel z u lösen und gerade der Chor, in dem die besten Kunstlehrer bis zu Nietzsche den mystisch-irrationalen Kern des Dramas zu erkennen glaubten, löst es vom Kultvorgang ab, trennt die Handelnden von der Gesamtheit der g ott ' trunknen Menge, die durch den Chor erst zum Zuschauer wird: ..i 1 * 1 Chor vollendet sich die Verbildlichung des Vorgangs zur Raumdarstellung -------er formt das Los der handelnden Personen, indem er es spiegelt ode wiedertönt, bis zur letzten künstlerischen Klarheit heran". Wolfskehl stell dann kurz die Grundlagen des religiösen Dramas in Griechenland und irn germanischen Mittelalter dar: dort sei es aus den Erschütterungen de dionysischen Orgiasmus, hier aus den mystischen Erregungen der Kreuz fahrer und minderen Brüder entstanden, während das Drama des neuere Europa aus der an den Höfen sich bildenden Gesellschaft geboren wurde- Es ging mit dieser Gesellschaft im 19. Jahrhundert unter und nach seiner 282 Entartung in den Sittenstücken der Franzosen und den Opern Richard Wagners fehlen nach Wolfskehls Meinung die Vorbedingungen einer ft euen Dramatik und „das Theater ist zu einem Schattendasein verdammt, "essen unreine Zwitterhaftigkeit Abscheu erwecken muß — — so sehen * ,r denn die Dichter mehr und mehr der Bühne entraten, mit der sie nur ln erniedrigender Verbindung leben könnten". Mit der gleichen Unbedingtheit wie in dieser Frage setzten die Merk- Pfüche der siebenten Folge sich auch wieder mit einigen anderen Bereiten drinnen und draußen auseinander. Sie sahen den kleinen Kreis ihrer nhänger nun schon zu einer geistigen und künstlerischen Gemeinschaft heitert, die sich durch ein besonderes Lebensgefühl verbunden fühlte, "er diese Einbeziehung immer größerer Kreise bedeutete keine Wandlung er inneren Einstellung: „Niemals wurde das ursprüngliche Ziel aus den ü gen gelassen und stets nur das gesehen, was vom selben heiligen Strom Setragen und mitgerissen wird". Wenn darauf hingewiesen wurde, daß frühere Mitarbeiter ihre Kräfte in- Wls chen in den Dienst anderer Unternehmungen gestellt, daß andre auch u ßer den Blättern gute Gedichte geschaffen hätten, daß außer den Belagen einiger bedeutenden Persönlichkeiten nur Versübungen mehr oder ln der Begabter in den „Folgen" stünden, so durfte mit Recht geant- 0r tet werden, daß die Blätter von jenen alles Wesentliche enthielten, daß Sip noch kein Fernbleiben zu bedauern, keine Ausschließung zu bereuen at ten und daß der letzte Vorwurf nur aus einem oberflächlichen und tat- ac henfremden Klügeln hervorgehen könne, „das nicht weiß, wieviel Spiel nd Arbeit, Suchen und Haschen, wieviel .Exerzitium' jede Kunstübung, c " die allergrößte, einleiten und begleiten muß". Gerade weil der Größte sich nicht als Vereinzelter außer der Gemein- ' h aft gestellt sondern in ihr den Fruchtboden geschaffen hatte, auf dem ln e „Neuen Träume" gedeihen konnten, sah er in der Jugend größere ^wälzungen und Erneuerungen reifen, von denen sich schon manche nur »gen in den Gedichten niederschlugen „wenn auch nur wenige Menden etwas wissen von der unmerklichen Schwalbe die dem Sturm vor- s fliegt". Die von der Wissenschaft neugeprägten Scheidungsworte wie *°ffkunst und Phantasiekunst, stoffliche und formale Künstler glaubten le Blätter fast alle auf den Gegensatz von Nord und Süd, Italien und Hol- n d zurückführen zu können: sie verschwänden in den Regionen jeder " c "ten Kunst und es bedeutete etwa dasselbe wenn wir sagen: „Traumbil- er > die bezaubern wie Wirklichkeiten, oder Wirklichkeiten, die bezaubern le Traumbilder". Den Blättern war nicht gelegen an mehr oder minder u gen Begriffsordnungen, an mehr oder minder gültigen Benennungen, 283 deren sich die Tagesschreiber bald bemächtigten. Die Dichter wissen, daß für manches keimende Leben die Namen noch mangeln, daß oft Weisheiten in einem Volke dämmern, für die Wort und Geste noch nicht gefunden sind und daß die Behütung des jungen Wachstums auch im sprachlichen Bereich wichtiger ist als schnelle Verbreitung und Verschleißung. Denn, so sagte die siebente Folge: „der heutige geistige und künstlerische Mensen muß seine Werte ausbilden in völliger Loslösung von der Allgemeinheit, von allen öffentlichen und tagbedingten Forderungen (dem .Offiziellen und .Aktuellen'), wobei wir vorläufig ganz unerwähnt lassen, daß jeder befruchtende, jeder befreiende Gedanke aus Geheimkreisen (Zenakeln) hervorkam. Er darf sich durch die heuchlerische Klage nicht beirren lassen: so ginge jede Berührung mit dem .Volk' verloren — denn die ungeheure* 1 Menschenanwüchse dieser Zeit enthalten keine Spur mehr von den Spannkräften eines .Volkes'. Daß er die Millionen, die er in einigen Mustern zur Genüge kennenlernt, als ein Nichtbestehendes übergeht, wird für ein wi s ' sendes Zeitalter so wenig Anstoß sein als was der Antikische tat mit der überwiegenden Menge der Sklaven und Haustiere (pecus et maneipium)- Wenn die Blätter sich mit solcher Verachtung dem modischen Lob d er Masse entgegensetzten, so verschonten sie freilich auch die entgegeng e ' setzte Schwäche der geistigen Deutschen nicht: sich in die musikalischen und mystischen Reiche der Entrücktheit und Ubersinnlichkeit zu flüchten, und zu glauben, daß das Ablegen einiger wärmenden Hüllen schon ein Tauchen in die Unendlichkeit sei (Gänsehaut als acherontisches Frösteln ■)• Der Künstler hat sich ebenso fernzuhalten von tatfremden Urgrundschwar- mern, die „für den Gott den Götzen, für den Geist das Gespenst, für de Seher die Hexe setzen", wie von der Herrschaft der Massen, in denen di Tat des einzelnen fruchtlos wird: „Wohl sind Zeiten und Gelegenheit^ denkbar, wo auch der Künstler es für nötig hält das Schwert des Kamp te zu ergreifen: über all diesen Welten-, Staats- und Gesellschaftsumwälzungen steht er aber als Bewahrer des ewigen Feuers". Wie George selbst in seinem neuen Werke, von dem auch die sieben Folge wieder eine Anzahl Gedichte aufgenommen hatte, dieses Amt e füllte, wie er aus den Erprobungen dieser Jahre strahlender aufstieg u ° ihm an der schlimmsten Wende des Weges auch die letzte rettende Gna gewährt wurde, werden wir im nächsten Buche erzählen. Doch wollen w" vorher noch die zahlreichen zusammenfassenden Arbeiten und EinzelaU gaben der Blätter für die Kunst in dem behandelten Zeitabschnitt betrac ten, wobei wir das Jahr 1905 mit einbeziehen, in dem einiges veröffenth c wurde, was schon vorher abgeschlossen war. 284 9- KAPITEL: SCHEIDUNG UND SAMMLUNG A LS am Beginn des Jahres 1904 der zweite Ausleseband der Blätter ^ftir die Kunst aus den Jahren 1898—1904 erschien, welcher die im Uf uck befindliche siebente Folge schon zu einem Teile mitumfaßte, erwiderten die Herausgeber im Vorwort auf den ganzen Wust der öffentlichen n griffe, die wir schilderten, nur mit dem Hinweis auf die schon sichtbar 6 e wordene Zurückdrängung des Naturalismus durch die dichterische und Sc hönheitliche Wiedergeburt. Wichtig schien ihnen vor allem der unverkennbare Einfluß auf das werdende Dichtergeschlecht, das hier eine sichere n d unverrückbare Mitte gefunden hatte: „Mögen auch über Wert und Wü «schbarkeit der Blätter für die Kunst", so schloß das Vorwort, „die ver- c «iedensten Ansichten sich bekämpfen, so viel ist sicher: sie waren zur e,t ihrer Gründung wie heute noch in dem verworrenen Getriebe der ° n dererscheinungen die einzige dichterische und künstlerische Bergung". Auch in einer Anzahl von Einzelwerken der Dichter und Künstler kam er lebendige Fortgang der Bewegung in diesen Jahren zur Erscheinung. ^ Jahre 1900 vollendete Lechter den Kölner Pallenberg-Saal mit dem ° r °ßen Gemälde der „Weihe am mystischen Quell", auf dem er das Ant- z des Dichters verewigte, 1901 erschienen von George: Baudelaire, Die üt nen des Bösen, Umdichtungen, 1902 vonTreuge: Der Traum der Tren- S> :go3 von George: Tage und Taten, von Hofmannsthal: Ausgewählte Richte, von Wolfskehl: Gesammelte Dichtungen, von Friedrich Gundolf: ° r *unat, 1905 von George: Zeitgenössische Dichter, von Wolfskehl: Saul, ^ Friedrich Gundolf: Zwiegespräche und von Ernst Gundolf: Zwölf Ahnungen. Ludwig von Hof mann zeichnete das Titelblatt zu den Ge- cl tten Hofmannsthals, Lechter gab den „Zwiegesprächen", dem „Traum r Trennung" und den „Tage und Taten" die schöne schlichte Buchform. yr il Scott veröffentlichte zur selben Zeit seine Übertragungen George- er Gedichte ins Englische, auch Gerardy sammelte seine deutschen Ge- ^te, die aber nicht mehr erschienen sind. Erwähnen wir noch das Erwinen der fünften bis siebenten Folge der Blätter und der schon bespro- e «en Schriften und Aufsätze in diesen Jahren, sowie die 1905 veröffent- "ten Übersetzungen der Aufsätze Verweys und Van Deyssels durch Gun- ^ lf . so bietet diese Überschau über die Tätigkeit des Kreises die rechte Er- •^nzung zum Bild der festlichen Tage und Wochen in München zur glei- Che * Zeit. °iese Einheit des Handelns nach außen wurde freilich nur unter steten at npfen bewahrt und die Flucht des sozialen Menschen vor der unmittel- 285 baren Verantwortung und dem zupackenden Tun hatte auch in der Ge- meinschaft der Dichter statt. Hugo von Hofmannsthal hatte schon in den neunziger Jahren geglaubt gewissere und schnellere Wege der künstlerischen Wirkung auf die Zeit z u kennen und hatte sie alle vergeblich versucht. Die Pflege einer Kunstübung auf dem festen Boden der von George geschaffenen dichterischen Ebene, die auch mittleren Talenten eine sichere Erzeugungsart und vor allem einen bc stimmten Gang im Leben erlaubte, hatte ihn schon früh mit Ungeduld gege" die Blätter erfüllt, ja die immer gleiche Zurückhaltung der Blätter gege° die breite Öffentlichkeit stand im Widerspruch zu seiner Absicht, dem vei" wirrten Geiste unseres Zeitalters auf vielen unbemerkten Wegen, gleichsam „in den verschiedensten Verkleidungen beizukommen". Er hatte sie« in dieser Hoffnung fast in allen Gattungen und Arten des Schrifttums vom dramatischen Spiel bis zum journalistischen Essay hinab versucht, hatt e sich an manchem Unternehmen mit ihm wesensfremden Schriftstellern und Verlegern in der Erwartung beteiligt, sie zum besten lenken zu können, hatte seine Erzeugnisse in vielen Zeitschriften und Zeitungen zerstreut, um in die Tagesschreiberei ein Körnchen echten Dichtergutes zu mischen, und hatte endlich auch geglaubt, das Theater unserer Tage wäre noch eine Stätte, an der man das Publikum zunächst durch leichtere Kost verlocke 0 " zu immer höheren Ansprüchen der Kunst emporläutern könnte. Er hatte unter dem Eindruck der großen Menschendarstellerin Eleonore Düse o ,e erste Wiener Düse-Woche im Jahre i8g2 mit der Woche der großen Diony sien im antiken Athen verglichen und von der tiefen Erschütterung, welch die Künstlerin in seiner Vaterstadt hervorrief, auf die Bedeutung des Or te geschlossen, an dem noch solcher Rausch und solche Sehnsucht in den H eI " zen erzeugt werden konnte. Als diese Frau nach einem Jahrzehnt am se' ben Orte wieder spielte, fand er sie selbst noch gewachsen, aber sah nu all die Erbärmlichkeiten und Äußerlichkeiten des heutigen Theaters übe die sie ihm hinausgewachsen schien. Sein Glaube an das Theater war i°' zwischen tief enttäuscht worden und in denselben Jahren waren alle Ho* 1 nungen, die er an rührige Unternehmerliteraten, an bildungverbreiten" Tagesblätter, ja selbst noch an einige Naturalisten-Häuptlinge geknüp hatte, gänzlich zuschanden geworden. Gewiß er konnte mit Recht behaup' ten, daß alle jene Vermischungen den Wert seiner Arbeiten nicht geminde f hätten und wenn auch kein Werk dieses Jahrzehnts mit dem „Tod des " l zian" zu vergleichen war, so hatte Hofmannsthal doch in den verschied nen Gattungen Stücke geschaffen, die immer wie edlere Fremdlinge in " schlechten Menge standen, die sie umgab. Der einschmeichelnde südü cn Deutsche schuf neben den härteren Gebilden Georges die weicheren m uS 286 tischen Formen mit dem Zauber halbverlorener Untertöne, die für viele «en Weg zu jenen erst vorbereiteten und deren glatte Fügung die Wider- Breite des Lebens fast vergessen machen mit denen sie gerne spielen. In ei nen Prosen trug er als erster gehobene und schöngeformte Satzgefüge in le verwilderte Schreiberei der Öffentlichkeit und weit über das gewöhnte Maß hinaus enthielten sie tiefe Einsichten in menschliche Seelengründe Utl d künstlerisches Schaffen. Aber auch für den bedeutenden Könner liegt e ute wie in keiner Zeit die Gefahr nahe in der übergroßen Freiheit des per- °nlichen Handelns sich selber zu verlieren. Hofmannsthal hatte in all den Jähren die Führerschaft Georges verschmäht und trotz der gemeinsamen ät »gkeit in den Blättern seine Nähe fast gemieden. Jetzt mußte er nach er *i Scheitern aller Hoffnungen den selbstgewählten Weg als falsch erken- eri und zweifelte nach den enttäuschenden Erfahrungen an seiner Kraft, Ie Gegenmächte auf seine Weise zu besiegen. Jetzt bekannte er seine allzu » r °ße Achtlosigkeit in der Verbindung mit wesensfremden Elementen und ^lte sich aus der ungeheuren Verworrenheit des Massenlebens „in den e msten Kreis zurückgetrieben". Aber war er selbst nach solcher Bahn c h der Gleiche? Bedeuteten die nutzlos vertanen Kräfte nichts? Suchte le r der Müde nicht am Ende eigner Klugheit, aber auch am Ende eigner ü gungskraft den Meister, der nach seinen Worten in immergleicher ar ke und Klarheit vor ihm stand und wird er nicht an diesem uner- ^itterlichen Felsen ganz zerschellen statt an ihm auf zuklimmen? m das Jahr 1902 sprachen einige geradezu bewegte Briefe Hofmanns- a ' s die Bitte aus, wieder längere Zeit mit George zusammenzusein. Ge- Se suchte vor einer Wiederbegegnung in einem Briefwechsel die Hinderte wegzuräumen, welche die Jahre der persönlichen Trennung aufge- >» ** hatten. Er verschwieg nicht, was er gegen den Gefährten auf dem r zen hatte, daß es ihn geschmerzt habe, ihn im Kampfe des Guten gegen Verkannt Schlechte mit belanglosen Menschen in einer Schlachtlinie Se hen, un d auf Zurückhaltung und Ängstlichkeit zu stoßen, wo er ihm ., e Offenheit über seine Pläne und Ansichten entgegenbrachte, er schrieb -* 1 von dem einstigen festen Glauben: daß sie beide durch Jahre im deut- e n Schrifttum eine sehr heilsame Diktatur hätten üben können und ^chteHofmannsthal allein verantwortlich, daß auch diese Möglichkeit ver- n wurde. Heute freilich sei das alles leichter zu vergessen „da unsre Beübungen dennoch zu so schönem Ende geführt haben und eine Jugend n ter uns kommt voll Vertrauen, Selbstzucht und glühendem Schönheits- nsche". Doch erfreue er sich der neuen gegenseitigen Näherung, aber r ade seine unwandelbare Gesinnung für den Menschen und Dichter Hof- ntl sthal lasse ihm eine Klärung des Vergangenen nötig erscheinen. So 287 geschah es denn auch von beiden Seiten mit schonender Zartheit in den persönlichen, mit offenem Ernst in den sachlichen Angelegenheiten, wofür ein Brief Georges vom 4. Juni 1902 über die Blätter für die Kunst als Beispiel dienen möge. Er lautete: „Lieber Hofmannsthal. Gerne hätte i cn Ihnen sofort meine teilnähme ausgedrückt an den freudigen und schmerz" liehen begleitungen Ihres lebens doch ließ mich die antwort auf Ihren letZ" ten brief lange säumen. Es ist darin kaum ein punkt wo ich nicht genau das gegenteil fühle. Allerdings kommt es bei erörterungen wie den unseren darauf an von welchen einheiten man ausgehe wie man sich verbunden fühle wie man notwendigkeiten abwäge. So lassen Sie mich ausreden nachdem Sie es getan. Wenn Sie es als schön preisen sich von den vielfarbig efl tatsächlichkeiten treiben zu lassen, bedeuten sie mir nichts ohne auswaH' und zucht. Was das bessere sei bleibe ganz unberedet, nur soviel ist gewiß* daß im allgemeinen wie im besonderen etwas geschehe, ermöglicht D» die e i n e art der führung. Wohl weiß ich: durch alle haltung und führung wird kein meisterwerk geboren — aber ebenso gut wird ohne diese manches oder alles unterdrückt. Auch Ihnen wird schon aufgefallen sein wie unsere ganze kunst bestürzt durch das fetzen- und sprunghafte durch die reih e von kraftmenschen denen immer das letzte versagt blieb — all das ha seinen grund in derselben geistesart. Andrerseits bietet der von Ihnen m> recht so gelobte Vollmöller ein beispiel was aus einem b o d e n heraus g e ' schaffen werden kann — wie dienlich aber dieses beispiel weiterhin lS davon ahnen Sie noch nichts. — Und nun die höhere tagesschriftstellere 1 ' die Sie rühmen und die sehr zu billigen ist erfordert nicht die laulien reizbarkeit und weichtierhafte eindrucksfähigkeit die heut im ,Berlin e Naturalismus' morgen im .Wiener Symbolismus' untergeht, sondern " a strenge sich-auf-einen-punkt-stellen . . . Ich halte nun meine ansieht vor allem der „Blätter" der Ihrigen geg e °' über die alle mitarbeit außer der Ihren und meinen ablehnt. Gar nicht 2 reden von den ausländem wie Lieder, Verwey, begreife ich nicht wie S» an künstlcrn und denkern wie z. B. Wolfskehl und Klages vorübergehe* 1 konnten — die dunklen gluten des einen wie die scharfe ebenenluft o e andern sind so einzig so unbedingt daß ich aus Ihrem kreis (so weit er si c offenbart hat) niemanden auch nur annähernd mit ihnen vergleichen dürft Reden Sie aber von den kleineren Sternen — so ist es leicht das urteil z fällen das sie selber kannten — doch befinden Sie sich in großem irrtu wenn Sie dort die von Ihnen angeführte Unredlichkeit und falsche abg Vit klärtheit wittern — es sind alle menschen von guter geistiger z uC _ mit denen Sie wenn Sie sie kennten aufs schönste leben würden. Sich vVl geniusse gebärden taten sie nie sondern gerade diejenigen die Sie de 288 ü nsern gegenüber in schütz nahmen. Es war nur unfug des schreibenden Pöbels diese äußerst verschiedenartigen zu einem häufen zu werfen weil sie s ich in gleicher weise von ihm entfernten — eine ähnliche Scheidung wie finalen des rheinischen Janhagels der alle die sich anders trugen als •luden' anrief. Ihnen aber mit Ihrem großen gefühl für stil muß es doch Se h.r anmutend geschienen haben, diese menschen zu sehen die nie .mitten', sich nie öffentlich machten, von so vornehmer haltung wie sie in " r em kreis etwa durch unseren gemeinsamen freund Andrian vertreten ln d. Und alle ihre arbeiten sind wenigstens durchaus anständig (was nic ht sittlich gemeint ist). Betrachten Sie etwa den Antinous von Gun- °"> wie in diesem kleinen dreibild der atem angehalten ist von anfang ls zu ende — kein pflästerchen, kein mätzchen — das scheint mir — und ^ e hr wie zeitlich! — von allergrößter Wichtigkeit . . . Und nicht einmal ° n den ganz kleinen will ich schweigen: den zufälligen Schnörkeln und Ief raten die ich an sich betrachtet völlig preisgebe. Daß aber diese klein- te n solche arbeit zu liefern vermochten: daß man ihnen rein handwerklich ei aller dünnheit nicht so viel Stümperei anzukreiden hat als manchen le lgerühmten: das scheint mir zeitlich und örtlich betrachtet für unsere u nst und kultur von höherer bedeutung als alle verbände und theater- Uc ke auf die Sie damals hoffnungen setzten. In den Blättern weiß jeder as er ist, hier wird der scharfe unterschied gezeigt zwischen dem gebogen werk und dem gemachten. Hasser der Blätter ist jeder dem es darum , u tun ist diesen unterschied zu verwischen. Wenn aber auch Sie mir er- ar en, dort nur eine ansammlung mehr oder minder guter verse zu sehen n ^ nicht das BAULICHE (constructive) von dem freilich heute nur die en igsten wissen, so würden Sie mir eine neue große enttäuschung brin- 6 ^ n - Freilich besteht das alles was Sie als anmaßung und schamlose nach- ^erei bezeichnen — nur in einem ganz anderen Lager .. davon aber zu e n wäre zu große herablassung: dort ist das gebiet des unanständigen. £en das biderbe das Sie so erträglich finden hab ich auch wenig einzu- nden wo es den grund bildet auf dem noch etwas wachsen kann. Wo Sie aber hervorheben wird Ihnen bei näherer betrachtung klar werden daß üts verlogener versunkener wurmstichiger sein kann als dieses derb und "im tun .. . Daß ich unserer begegnung in Berlin nicht gedachte hatte nen grund darin daß sie grad so zufällig war als die andre — ich glaube { * n achts im Kaffeehaus — auch war damals die frist für eine tat schon ' verstrichen. Warum ich der zweiten begegnung auswich haben Sie ge- l, err aten: um nach all Ihrer mühe und anstrengung mit der aufführung nen nur unerfreuliches darüber zu sagen — brauchten Sie mich dazu? Mir c hien damals das handhaben von Spielern ohne einen begriff vom vers »9 289 ein weit größeres wagnis als das von solchen die das deutsche nicht recht verstehen (wären sie auch die klügsten). Wenn Sie nun bald darauf eflt' fremdung meinerseits bemerkten und eine änderung meiner gefühle Ihn« 1 gegenüber — so hat Sie Ihre ahnung nicht betrogen und Sie führen in Ihrem brief ganz richtig den grund meiner Verstimmung an. Es gibt dinge die uns mit menschen an die gefährliche grenze führen wo nichts mehr erstaunt- Lassen Sie uns darüber nichts mehr schreiben. Ihnen mag es gelingen da 5 leichter zu nehmen und Sie können sich kaum vorstellen wie das mich nie' derschlug zu sehen wie sogar menschen von wolbeschaffenheit und g e ' schmack durch gleißnereien verführt werden können, ihre hand zu biete" wo der allgemein herrschenden schwindelhaftigkeit auch die kunst aus' geliefert werden soll . . . Ich habe Ihnen nun möglichst getreu meine me>' nungen und empfindungen geschrieben, damit Sie nichts in einer rede ufl' erwartet treffe. Ich glaube kaum etwas übergangen zu haben: so daß s> e nicht ganz unzweideutig meine gesinnung erführen. In den einzelheitef wird eine mündliche auseinandersetzung am besten ausgleichen und nach' helfen. Ich brauche Ihnen nicht zu wiederholen wie sehr ich Ihren besuch in unseren gegenden begrüße wo ich mich mit geringen wechseln bis sep' tember aufhalte. Mit großer Spannung erwarte ich Ihr neues werk. Teile 0 Sie mir — ich bitte — zeitig Ihre entschlüsse mit und erinnern Sie herZ' lieh den Leopold Andrian an mich. Auf bald gute nachrichten erhoffen Ihr Stefan George." Um Werk und Tun, Gesinnung und Haltung nach innen und auß e ° kreiste auch die weitere Auseinandersetzung und wenn sie wieder ein menschliche Näherung der beiden Dichter hervorrief, deckte sie doch auc" den tiefsten Unterschied ihrer geistigen Artung auf. Hofmannsthals Ve f ' hältnis zu den ihm nahen Menschen war freundschaftlich bestimmt, das Ge' orges in unlöslicher Verbindung freundhaft und werkhaft zugleich. W a für den ersten ein unwillentliches Hingleiten auf den wechselnden Begebe 0 ' heiten des Daseins hieß, war für den andern Wurzellosigkeit und Mang e an Zucht. George erschien als Nötigstes für den deutschen Menschen ei° feste verpflichtende Haltung, Hofmannsthal sah gerade im Gestelosen cH berechtigte Haltung unserer Zeit: „Gerade durch sein Fieberhaftes > schreibt er in .Dichter und diese Zeit', „durch seine Wahllosigkeit, durc das rastlose Wieder-aus-der-Handlegen der Bücher, durch das Wählen 0 Suchende scheint mir das Leben in unserer Epoche eine Lebenshandlung' eine des Beachtens werte Haltung: eine Geste". Den meisterlichen Dräne zum aktiven Führertum hat Hofmannsthal nie gefühlt. Er sah wohl, da den Deutschen in der Vorstellung von ihren Dichtern gerade das fehlt i was Männer an Männern am höchsten stellen müssen: die Führerschal • 290 Aber er verstand darunter mehr ein ehrfürchtig entgegengebrachtes Zubauen von außen als ein Tätig-Bewirkendes Werkhaft-Verpflichtendes im achter selbst. Er glaubte für unser Weltalter nicht mehr an die Bildung e "ier leibhaften Gemeinschaft: „Es ist das Wesen dieser Zeit" sagt er in de m ebengenannten Aufsatz „daß nichts, was wirkliche Gewalt hat über ^e Menschen, sich metaphorisch nach außen ausspricht, sondern alles ins innere genommen ist . . . Keine eleusinischen Weihen und keine sieben Sakramente helfen uns empor: in uns selber müssen wir uns in höheren Stand er heben, wo uns dies und jenes zu tun nicht mehr möglich, ja auch dies und J e Hes zu wissen nicht mehr möglich: dafür aber dies und jenes sichtbar, Ve rknüpfbar, möglich ja greifbar, was allen anderen verborgen. Dies alles *> e ht lautlos vor sich und so wie zwischen den Dingen. Es fehlt in unserer e »t repräsentativen Dingen an Geist und den geistigen an Relief". Daher ^ußte ihm im Werke Georges Gleichnis, wenn auch tiefbewegendes le ichnis bleiben, was diesem schon Wirklichkeit, tiefgeglaubte Wirklichst war und wenn George ihm, sein innerstes Erleben andeutend, vom "Geheimnis des Ringes" schrieb, so konnte der Dichtergeist des Gefährten ^°hl ahnend an diese Sphäre rühren, aber die Kraft des Blutes reichte nicht ^ e hr hin, um die Wahrheit des Geschehens auch zu leben. Die tiefe Sorge, le der Siebzehnjährige in seinem Versspiel „Gestern" dem Andrea in den ^ Ul *d legt „— eine Angst nur lebt in meiner Seele: daß ich das Höchste le fste doch verfehle!" lebte jetzt in dem fast Dreißigjährigen verzehn- ac ht auf. Er hat uns in dem Brief des Philipp Chandos selbst in erschüt- er nder Weise erzählt wie ihm die Dichtersprache verloren war die „weder le lateinische noch die englische noch die italienische und spanische ist, ° n dern eine Sprache, von deren Worten mir auch nicht eines bekannt ist, n e Sprache, in welcher die stummen Dinge zu mir sprechen und in wel- er ich vielleicht einst im Grabe vor einem unbekannten Richter mich ^antworten werde" — und die eingangs an Lord Bacon gerichteten Er- n erungsworte an die „gemeinsamen Tage schöner Begeisterung" lassen r muten, daß sein Geist hier wie so oft bewußt oder unbewußt mit Ge- ge Zwiesprache hielt: denn es sind die Worte, mit denen dieser ihm die Herfahrten gewidmet hatte. Wie ein gewandter aber an bösen Wirbeln müd gewordener Schwimmer e hrte sich Hofmannsthal in diesen Jahren gegen das Versinken: er fühlte le schlimme innere Erstarrung kommen, er sah verzweifelt, daß er die a higkeit verloren hatte, Gedichte zu machen — wie denn sein letztes „der J c hiffskoch" das schwächste seiner Gedichte in den Blättern ist—,er wußte, «aß e r »die nie betretene Landschaft", in der George lebte, erreichen mußte tau- 291 0(3e r ins Düster sinken würde. So kam das Schmerzlichste dieses Schau- spiels einer versinkenden Seele: als der Schwimmer sich gerettet glaubte und ein Traum von neuen Zeugungskräften ihn noch einmal umgaukelte. waren die Wasser schon über ihm zusammengeschlagen: Er dichtete den Jaffier im „Geretteten Venedig", der aus Schwäche geht wo er bleiben WÜfc der verrät wo er retten will und in der Not noch nach dem Verratenen ruft Was dann blieb war die Rückkehr in das von ihm selbst verurteilte Tun. das schlimmere Paktieren mit den von ihm selbst verworfenen Menschen und Unternehmungen, das Immerschlechterwerden der Erzeugnisse eines bedeutenden deutschen Dichters. Die äußeren Begleitumstände sind schnell erzählt: Im Beginn des Jahres 1903 verlebten die frühen Gefährten noch einige schöne Wochen in München miteinander und bereiteten die Ausgabe der Gedichte Hofmannsthals im Verlag der Blätter vor, die im Herbst erschien. Im folgenden Frühjahr besuchte George den Gefährten in Wien- um ihm die siebente Folge zu bringen und von ihm sein schönes „Gespräch über Gedichte" zu erhalten, in dem er das JAHR DER SEELE zum Mittelpunkt eines tiefsinnigen Gedankenspieles über die Symbole gemacht hatte- Als aber George im Herbst das ihm gewidmete „Gerettete Venedig" erhielt, von dem er sich nur einige Glanzstellen von Hofmannsthal hatte vorlesen lassen, war er tief enttäuscht von der Dichtung und tiefer enttäuscht als Hofmannsthal zur Aufführung des Stückes sogleich wieder mit dem Theater in Verbindung trat. Er traf am Tage nach der Berliner Aufführung, der er jedoch nicht beiwohnte, mit ihm zusammen und hielt mit seinem Urteil nicht zurück. Hofmannsthal, der in diesem Werk den Beginn einer neuen Schaffenszeit gesehen hatte, mußte sich wenige Jahr* später jenes harte Urteil selbst zu eigen machen und bedauerte tief, daß g e ' rade dieses Buch Georges Namen trüge. Doch war dies für das längst vollzogene Geschehen nur ein Zeichen und Hofmannsthal mußte von nun a 11 seine Wege gehen. Er blieb auch dort noch mehr als tausend andre und befruchtete eine ganze Schicht des öffentlichen Schrifttums, er wurde auch in Film und Zeitung niemals subaltern — aber der Hofmannsthal d ef Blätter-Frühzeit war erloschen: der einzige dessen Werk noch leben wird' wenn das des heutigen längst verschollen ist. — Wenn man die Scheidung des dichterischen Rhythmus in eine harte und eine glatte Fügung zulasset 1 will, wären die Gedichte Georges der harten ernsten Fügung, in der da s einzelne Wort selbst taktische Einheit ist, die Hofmannsthals mehr de f glatten geschmeidigen Fügung zuzurechnen, in der sich mehrere WÖrte f einem bildlichen Ausdruck oder gedanklichen Zusammenhang unterordnen- Der gleiche Unterschied gilt auch für die Prosen der beiden Dichter, di e vom Beginn ihres Schaffens bei George sehr sparsam bei Hofmannsth» reichhaltiger die dichterische Erzeugung begleiteten. Bei diesem schwi°' 292 Sen die Bilder und Gedanken in schöngegliederten Satzgefügen in ununterbrochener Wellenbewegung weiter, lassen häufig den neuen Satz aus einem ^genommenen Wort des vorhergehenden entfließen oder verbinden e i«en neuen Gehalt durch eine gleichläufige Linie des Satzbaues mit dem früheren. Er lockt uns wie ein sanft niederströmendes Wasser zum Weiter- e 'len, die Schimmer und Schatten springen uns voraus und auch wo wir tle feren Grund ahnen verweilen wir nicht, sondern folgen dem immer neu- err egten Spiel. Von dieser Leichtigkeit und Geläufigkeit hat Georges Prose n, chts. Sie schmeichelt sich nicht ein, sie duldet kein gleitendes Vorüber- ei ' e n, sie enthebt uns nicht durch verschwimmende Tönung oder phanta- stl sche Fernluft der Wucht des Augenblicks, sondern zwingt uns vor dem ße nannten stillzustehen, nur Wort um Wort weiterzuschreiten und die verpflichtende Gegenwart des Gesagten klar und hart auf uns wirken zu lassen, "re Wortwahl ist ungewohnt und fremd statt anheimelnd und bekannt, lllr e Lautfolge meist wuchtig und spröde, ihr Satzbau gedrängt und knapp 0( ier von weitgespannten Gefügen, die oft durch einen Gegenrhythmus von a "ender syntaktischer Gliederung und aufsteigender Bedeutung des Sinnsehaltes in sicherer Schwebe gehalten werden. Wir können auf diesem all- senieinen Grunde zwei besondere Ausdrucksarten der Prose Georges unter- leiden: einmal die Vorreden, Merksprüche und Betrachtungen, die meist als Einleitungen den Blätterfolgen vorausgeschickt und großenteils von ~* e °rge selbst verfaßt wurden und zweitens die Schilderungen von Tag und a ndschaft, Traum und Bild und die Gesichte und Lobreden, welche er zu- * rst im Jahre 1902 in den TAGEN UND TATEN gesammelt und verdeutlicht hat. Für beide Gruppen gilt das Wort der ersten Folge: „Wenn u dichtest sing und male, wenn du redest, gib kurze Gedanken und in gut er Reihe", aber die erste Ausdrucksart ist mehr vom täterhaften Trieb, le zweite mehr vom dichterischen her bestimmt. , *m Sinne des Hölderlinschen Wortes: „Der bloße Gedanke so edel er *> kann doch nur den notwendigen Zusammenhang, nur die unverbrüch- , en allgültigen unentbehrlichen Gesetze des Lebens wiederholen", waren le Einleitungen und Merksprüche eine sparsame Begleitung des vollen- te n Werkes, sie stammen nicht aus der Not des suchenden Verstandes, °ndern aus der Gewißheit des Geschauten und suchen es in der Sphäre es Wollens und Unterscheidens sichtbar zu machen. Nur das wesentliche beutend, auf das Bezeichnende hindeutend, ohne je das Kunstwerk als at izes anzutasten oder die innigen Zusammenhänge des Lebens zu ver- !** tn > sind sie nicht wissenschaftliche Erkenntnis, sondern Kampfmittel, b grenzungen gegen die Widerweit und Sichtung des eignen Raumes. ,c ht Gesetze zu ergründen war ihr Sinn, sondern Richtung Weg Absicht 293 zu deuten: mehr Äußerung des Willens als Lehre, mehr Befeuerung als Erklärung, mehr Angriff und Abwehr als Betrachtung. Von dort her hat die Prose dieser Gruppe das Herrische, Imperatorische: sie ist von klarer Nüchternheit, die das Leidenschaftliche nur in der Unbedingtheit uno Wucht spüren läßt, maßvoll beherrscht und dennoch glühend, wie aus ge- panzerter Rüstung fahrend mit treffsicherem Schlag und Stoß. Was sie von der Prose Nietzsches und auch der Franzosen unterscheidet ist das Fehlen des .Esprit', des geistreichen Witzes, sie kennt wohl den ironischen Hohn, aber wahrt, wenn man will, die deutsche Sachlichkeit auch dem Geg" ner gegenüber und sucht niemals auch die kleinste Frage durch eine spiele rische Wendung abzutun. Die zweite Gruppe nähert sich mehr der dichterischen Fließung und Bildhaftigkeit. Denn „freilich gibt es einen prosaischen Rhythmus" wi e Jean Paul sagt, aber von dem Unendlich-Bewegten, von der ewigen Mel°- die der Jean Paulschen Prose mit ihren flutenden Träumen und ins Unermeßliche aufschweifenden Wirbeln unterscheidet sich die Georgesche auch in der Darstellung von Träumen und Gesichten durch ein unverrückbar Stetiges: eine hohe Bauvernunft und eine fast unheimliche RaumstiU e ' Mag eine Landschaft oder ein Zimmer, eine Erscheinung oder ein innerer Zustand geschildert sein, tiefstes Leid oder grausamstes Geschehen: niemals wird der ruhige Gang der Sprache gestört, die Gefaßtheit ihrer Führung und der durchdringende Ernst bleiben in jedem Aufruhr der Seele unerschüttert und nur etwa die haarscharfe fast schneidende Übereinstimmung in der Benennung eines äußeren Gegenstandes und einer inneren Empfindung, das überraschende Auftauchen der schwarzen Farbe in der schon dunklen Sinnlichkeit herbstlicher Bilder, das Bezeichnen eines losbrechenden Jauchzens durch immer vollere Worte der Steigerung bewirken in den 1 gleichmäßig strengen Gang der Worte und Sätze jene Erhellung oder Vef düsterung, die bezaubernd und erschütternd in uns bricht. Denn diese Lichter und Schatten erscheinen auf einem Rhythmus, der nach Gehalt und Ar der Stücke, ob Schilderung Brief oder Rede, wechselt, aber innerhalb des Stückes von unveränderlicher Schwingung ist. Dadurch erhält der W" rt ' ton, sei es eines einzelnen oder einer Gruppe von Wörtern, eine für o 1 Prose fast unglaubliche Möglichkeit der Gehobenheit, der Malung d eS schrillen Schreies wie des rauschenden Jubels, des kühlen Hof-Tones w* e der schmerzlichen Klage. Daß diese ungebundenen Rhythmen dennoch s fest und einheitlich geführt sind und über ihnen das Melos seine Töne s° freibeweglich und dennoch in sicher verteilten Gewichten spielen läßt, teü uns das beglückende Gefühl der Herrschaft ja des Sieges mit, den der Die* 1 ' ter über die spröde Sprache gewonnen hat und Stücke wie die „Altertüm- 294 llc hen Gesichte" und die „Lobreden" laut zu lesen, gehört zu den reinsten Freuden und Entzückungen der Kunst. Neben den Prosestücken faßte George in diesen Jahren die zum Teil s chon in den verschiedenen Blätterfolgen veröffentlichten Übertragungen der ausländischen Dichter zusammen. Baudelaire erhielt als nicht zeitge- n °ssischer Dichter einen besonderen Band, die übrigen wurden auf zwei °ande „Zeitgenössische Dichter" verteilt, von denen der erste den germanischen protestantischen Kreis umfaßte: England mit Rossetti, Swin- " Ur ne und Dowson, Dänemark mit Jacobsen, Holland mit Kloos und Ver- ^'y. Belgien mit dem zwar nicht der Sprache aber dem Wesen nach flanschen Verhaeren, der zweite den romanisch katholischen Kreis: Franken mit Verlaine, Mallarme, Rimbaud und de Regnier, Italien mit d'An- ü nzio und Polen mit Waclaw Lieder. Von den Übertragungen Lieders fld Verweys erschienen zu gleicher Zeit zwei Sonderdrucke, die nicht in <* er > Buchhandel kamen. Andre wie Viele-Griffin, Stuart Merril, Saint-Paul, ^°reas, Gorter, von denen ebenfalls Übertragungen in den Blättern erzenen waren, wurden teils als nicht artvertretend genug teils als nicht satiz eigene Arbeit von der Sammlung ausgeschlossen. Die DEUTSCHE DICHTUNG hatte den vaterländischen Erbraum Umtrieben, in den gesammelten Übertragungen der ausländischen Dichter le ß George den geistigen Raum Europas in zeitgenössischen Dichtern erlernen, denen er selbst als Jüngster angehörte. Nirgends sonst ist dieser lc hterische europäische Raum in solcher Einheit und Unmittelbarkeit * rs chienen als in der Sprachschöpfung des einen Dichters, der zugleich er mitlebende Genosse der meisten war und anderthalb Jahrzehnte lang lt ihnen in gleicher Kampflinie gegen ein verflachtes oder entartetes c hrifttum gestanden hatte. Er hatte durch diese noch persönliche Ver- n tipf Un g mit den Dichtern des Auslandes und die Eindeutschung ihres , s *en Gutes das so oft gerühmte aber seit der Mitte des 19. Jahrhunderts Gerade die tiefe Schwermut Verlaines wie die dunkle Rätselhaftigkeit Mallarmes haben die Geltung dieser Dichter schon in der folgenden Gene' ration in Frankreich verringert. Der Franzose liebt auch in der Dichtung nur was in der „Gesellschaft" von jedermann verstanden wird und verabscheut als ungesellschaftlich ja ungehörig was jenseit der Klarheit des Logischen oder in schwer erreichbarer Seelentiefe liegt. „Ich glaube," sagt Verwey einmal, „daß die Franzosen sich von Deut' sehen und Niederländern vor allem unterscheiden durch das Streben nach sichtbarer Linienschönheit und der Bevorzugung von Glanz, Fluß un ö Verflechtung ihrer Formen, die sie über die Vortrefflichkeiten eine f inneren Verbundenheit stellen." (Proza VII.) Von dieser Sicht aus i gt ihm Henri deRegnier der echte Franzose: ein klarer Seelendeuter- der die verwirrende Gestaltenfülle der Natur reliefartig in die gewölbte Oberfläche eines Marmors meißelt, das innerliche Leben in umrissene 11 Landschaften und Vorstellungen versichtbart und alle Eindrücke der Wir' 5 ' lichkeit zu einem selbständigen dekorativen Schmuck verarbeitet. Gabriele d'Annunzio, mit dem George einige Briefe wechselte, stafl" diesem lateinischen Pathos nahe ohne doch die seelische Regsamkeit de französischen Symbolisten zu haben. Wenn d'Annunzio später durch sein politische Tätigkeit einen flüchtigen europäischen Ruhm erwarb, so g e ' schah dies auf Kosten seiner dichterischen Kraft. Das für ihn Bezeich' nende: die Verbindung von Dichter, Volksredner, Politiker ist genau da s ' selbe was alle bei uns nach der sogenannten Öffentlichkeit trachtende* 1 Geister am glühendsten bewundern und ach! wie Hofmannsthal, Voh' möller u. ä. gern erlangt hätten aber nie erlangt haben. Während d' e 298 te inen Lieder d'Annunzios aus seiner Frühzeit, aus der auch die Übertragungen Georges stammen, lange nicht dieselbe Beachtung fanden, ge- ni eßen seine Romane und Dramen eine ungeheure Berühmtheit, so daß er de r repräsentative Dichter Italiens genannt werden kann. Über die Gedichte Waclaw Lieders haben wir schon gehandelt. Er blieb ln seinem Volke einsam und ohne Nachfolge. Es ist das Schicksal, das auch die meisten Dichter des germanischen Heises traf. Swinburne, der ähnlich wie Baudelaire eine Kampfstel- Un S gegen das bürgerliche Jahrhundert einnahm, hatte die englische Gesellschaft durch die glühende Sinnlichkeit seiner Dichtungen zurückstoßen und sang früh vereinsamt seine vollendeten Gesänge, in denen le düsteren Wirbel der nordischen Inseln sich mit den süßeren Klängen er jonischen zu vermischen scheinen. Wenn er noch aus dem spätauf- re chenden Wunder Rossettis und der Präraffaeliten eine neue Begeiste- n g schöpfen konnte, so fand das jüngere Geschlecht Englands, Dowson , n d sein Freund Beardslay, schon keinen Zustrom an Kräften mehr vor: ne r mußte sich auf die Verfeinerung der ursprünglichen Elemente wer- n > dieser an Stelle des Schönen das Raffinierte setzen und jeden Stoff er Welt, auch den der heiligen Sagen und Geschichten, in einer über- P'tzten und frivolen Künstlichkeit vertun. Der Zeichner tat es in der Zerrung bei weitem dem Dichter zuvor, der auf der zerreißenden Harfe n glands noch einige ergreifende Akkorde der letzten Trauer griff. ,^ie in Frankreich und England so fand, wie wir heute sehen, jenes ats elhafte gemeinsame Beben in den Seelen der europäischen Dichter üc ° in den anderen Ländern keinen dauernden Widerhall in der Jugend, 8 v erklang in den einen allmählich, in anderen verstummte es fast plötz- c "- George erlebte dieses Verklingen und Verstummen als persönliche Schicke seiner Freundschaft und als Wandel seines Verhältnisses zur Ur °päischen Dichtergemeinschaft. Ihn konnten alle Scheidungen und "remdungen nicht mehr erschüttern, nachdem er die Gewißheit hatte, der schöne Sang um ihn selbst in Deutschland nicht erstarb. Was ihm ^einsam mit den Trägern der neuen Dichtung in den Nachbarländern ar > Was jeder von ihnen nach dem Bau und den Gesetzen seiner Sprache ers ucht hatte: „das Wort aus seinem gemeinen alltäglichen Kreis zu , lße n und in eine leuchtende Sphäre zu erheben": er war gewiß, daß es s e i n e m Lebenskreise als ehrwürdiges Gut bewahrt wurde — es drang n in der Sammlung seiner Übertragungen als deutsche Stimme in den r °Päischen Raum zurück, den er durchwandert hatte. Als er zuerst ihre f.. chte in den Blättern aufgenommen hatte, waren von den meisten c htern, wie wir bemerkten, nicht einmal die Namen in Deutschland 299 bekannt gewesen. Da sie sich jetzt schon einer wachsenden Berühmthei erfreuten und hurtige Lehrlinge in schlechten Übersetzungen ihren Geis* verfälschten, gab er den Meistern und Gefährten diesen Beweis sein er Verehrung und Dankbarkeit mit dem Wunsche den die Vorrede zu Baude laire ausdrückt: es möge damit weniger eine getreue Nachbildung als e 1 " deutsches Denkmal geschaffen sein. Die Verdeutschung war ja nicht aU s dem Verlangen entstanden fremdländische Dichter bei uns einzuführen' sondern aus der ursprünglichen reinen Freude am Formen und der W> e ' dergabe des fremden oder befreundeten Dichtergeistes. George schloß d ,e Arbeit ab, nachdem er seine Möglichkeiten auf diesem Felde erschöp* sah, und die Sammlungen dieses Jahrfünfts erscheinen daher als Abschl 1 " 3 mancher Betätigungen, die hinter ihm lagen, als Überschau über ein fün 1 ' zehnjähriges Wirken auf der Höhe der Lebensbahn und im AugenbH cK der Bereitschaft zu größerem Tun. Das „Verzeichnis der Erscheinungen der Blätter für die Kunst", °^ s im Jahre 1904 bei Gelegenheit einer Buchausstellung des Blätter-Verlag 8 erschien und auch die für das folgende Jahr vorbereiteten Werke scho fl mitumfaßte, schloß diese Sammlungen ab und eine Vorbemerkung uff 1 ' zeichnete noch einmal in knappen Worten das Bild der Künstlergerneff 1 ' schaft wie es bis dahin Geltung hatte: „Die Gesellschaft der Blätter f üf die Kunst in der man fälschlich einen geheimen Bund erblickte, ist n ü ein loser Zusammenhang künstlerischer und ästhetischer Menschen. S 1 wurde gebildet von Anhängern der dem Naturalismus entgegengesetzten» auf eine tiefere Geistigkeit gerichteten neuen Bewegung die sich in " e Dichtung an die Namen Stefan George und Hugo von Hofmannstha knüpft, die in der bildenden Kunst vertreten wird von Ludwig v. H ot ' mann, Reinhold Lepsius und Melchior Lechter. Neben der Herausgab der in unregelmäßigen Abständen erscheinenden Blätter veranstaltet si künstlerische Ausgaben der alten und neuen Dichter und versucht durc Hersagung und Aufführung die neuen rhythmischen Gebilde zu Gehör 2 bringen. Mit Literatentum hat sie nicht das geringste zu tun, sie besitz keine Statuten und Gesetze und ihr Anwachsen geschah nicht durch ^ er breitungsmittel sondern durch Berufung und durch natürliche Angh e " e ' rung im Laufe der Jahre". Es ist bemerkenswert daß auch dieses dür r Inhaltsverzeichnis vom Dichter mit solcher Liebe und handwerklich 6 Sorgfalt zuerst eigenhändig entworfen und dann dem Drucker als Vorlag gegeben wurde. Sachlich und nüchtern erschien so das nach außen g e kehrte Antlitz, von Flug und Sturm im Innern wollen wir weiter erzähl efl ' 300 .E VIERTES BUCH DIE SENDUNG i. KAPITEL: DIE NOT S naht sich" schrieb Nietzsche am Ende der achtziger Jahre „unab- weislich zögernd furchtbar wie das Schicksal die große Aufgabe und ra ge: wie soll die Erde als Ganzes verwaltet werden? Und wozu soll ■der Mensch' als Ganzes — und nicht mehr ein Volk eine Rasse — ge- °gen und gezüchtet werden?" Es war die Frage, welche seit dem großen Aufbruch um die Mitte des 18. Jahrhunderts alle bedeutenden Deutschen ^stellt, ja die seit dem Wanken des christlichen Weltbaues und der Wie- er geburt der Antike alle großen europäischen Geister in hundert offenen d verdeckten Abwandlungen immer wieder beschäftigt hat. Es war die a ge welche anzeigte, daß das Verhältnis vom Ich zum All, vom Men- , " e n zur Menschheit, vom Einzelnen zum Volk, von Mensch zu Mensch unserer Bildungsgemeinschaft — und wie wir heute sehen auf der j Uzen Erde — keinen festen ruhenden Grund mehr hatte, daß ein gött- c ues Weltbild, bei uns das christliche, in Auflösung begriffen und ein Ue s wohl als Aufgabe geahnt, als Notwendigkeit ersehnt, als Gedanke 'dacht und in tausend heldischen und dichterischen Taten und Bildern eit dem Staufer Friedrich und Dante vorbereitet, aber noch nirgends zu er all unser sinnlich-geistiges Erleben umfassenden Einheit gediehen ar: daß unsere Besten noch immer nach dem erhellenden Wort nach dem Agenden Zauber suchten, der das Zerstückte wieder zusammen- & e und aus der Not des Zweifels den göttlichen Funken, das heile herr- e Bild einer jungen Welt schlage. Ja es schien fast, als ob all die en Wehen der Völker in den letzten Jahrhunderten, all die schwer rr Ungenen Werke der gewaltigen Bildner und Täter im 19. Jahrhundert nter Sturz und Trümmer der einbrechenden Gebilde verschüttet werden k te u. als ob unser europäisches Menschtum am schwersten Punkte der ah n wo die eine alte entgeisterte Schöpfung sich entwirklicht, und eine s eue göttliche Schöpfung im menschlichen Geiste verwirklichen muß, lang- m er lahmte, sich in der Nutzung des Gewonnenen bequemte und in die ee Hosen Atome einer Massenwelt mit Masseninstinkten und Massenorga- ls ationen auseinanderspaltete. Daß der alte Goethe schon, daß Baudelaire u nd vereinzelte Dichter in fast allen Völkern, daß Wagner und Nietzsche auch einige weniger starke Geister sich im offenen oder stillen 301 Kampfe dem drohenden Verlust der großen Aufgabe und der Erdrückuni jeder edleren Menschenart entgegenstemmten und ihre Stimmen fast un- gehört verhallten oder im Hohn der Fortschrittsanbeter erstickt wurden» zeigte die wachsende Wesenskrise unseres Menschtums an, für dessen Fieber Nietzsche selbst nicht der sinnbildliche sondern tatsächliche Au s ' druck ist und als dessen erschütterndes Opfer er in einem wilden Au»' bäumen aller gesunden Triebkräfte des Widerstandes fiel. Dieser unerbitt' liehe Zweifler und Fanatiker des Unglaubens war der gläubigste Mensen seiner Zeit und darum offenbarte sich an ihm die Not des geistigen L e ' benskampfes am tiefsten und schlug den verwegenen Gottrufer, da ih 01 auf dem schlimmsten Punkte nicht ein Mund antwortete mit Wahnsinn- Als er am Jahrhundertende starb war eben auch Böcklin der letzte groß £ Darsteller der klassisch-romantischen Welt und Bismarck, der letzte groß e Träger des christlichen Herrschaftsstaates gestorben, der eine in selbst' gewählter Entfernung von der Heimat, der andre in ungewollter En*" fernung von seinem Werke, das er den schwachen Händen des letzten Erbfürsten der Deutschen überlassen mußte. Es war die Zeit der größten militärischen und wirtschaftlichen Macht' entfaltung der Deutschen über die Erde und unserer wachsenden Vereinsamung unter den Völkern, die uns neidend und hassend umlauerten. W' r hatten in Staat und Wirtschaft, angewandter Wissenschaft und Technik im Sprunge nachgeholt was die Westvölker in Jahrhunderten aufgebau hatten, wir waren im Begriff, im Sprunge zu verlieren was jene in den geistigen und sittlichen Ordnungen seit Jahrhunderten langsam ab- u n umgebaut oder in kluger Nutzung noch zu bewahren suchten. Die Un' bedingtheit unserer Denker, Forscher und Neuerer paarte sich mit de Rücksichtslosigkeit unserer Unternehmer, Händler und Beamten und ef zeugte eine Hast des Erwerbes und des Vortritts um jeden Preis, in d et unser Land und Volk in wenigen Jahrzehnten völlig sein Antlitz wecn' selte und ein Leben gezüchtet wurde: voll ungeheurer Arbeit aber ha aller edleren Regungen, voll riesenhafter Unternehmungen aber von flache Genüssen, voll gewaltiger Organisation aber ohne höhere Bindung: el Leben ruhlos, häßlich und trostlos, in dem unsere Ströme und La° schatten verdarben, unsere Städte wie breiige Klumpen auseinanderlief 6 unsere Führer zu Sklaven ihrer selbstgezüchteten Massen, unsere Geist zu Unterjochten ihrer eigenen Werkzeuge und Maschinen und unse Herzen öde wurden oder im Ekel vor dem Gemeinen erstickten. Sol dies Deutschland werden? Gab es keine Macht gegen die Allgewalt de Verderbens, das schon die ganze Erde mit eisernen Fängen umzog un den menschlichen Adel unter dem einförmigen Triebwerk der Mass« 302 Mattigkeit zu zerreiben drohte? Die Weissagung unserer Väter von einer schöneren Gestaltung des deutschen Volkes wurde verlacht, ihr Traum v °n einer Erfüllung des Deutschtums in einer heiligen Heirat mit dem leiste von Hellas nicht einmal mehr verstanden, ihre fromme wilde Sehnsucht der Gottheit oder den dunklen Müttern ein neues Menschen- und Weltbild abzutrotzen wurde in den Eifer um die seellosen Erfindungen n <3 Errungenschaften an Sachen und Stoffen umgedeutet, und während Sei n Hochmut über das Erdachte und Gemachte schwoll wurde der Mensch Slc h selber klein und verächtlich. Wir sahen: der Dichter hatte auf seinem Felde den Kampf aufgenom- e,1: aus dem einzigen unzerriebenen geistigen Mittel der Sprache hatte r seine Waffe geschmiedet, das Erschlaffte wie Zerfahrene befochten, ia unter dem neuen Klange gesammelt, was noch Kraft hatte das chöne zu hören und am Traum der Welt zu schaffen. Sein Glaube an e glänzende Wiedergeburt der Kunst hatte sich in der Dichtung erfüllt. ei nem unerhörten Siegeslauf von zehn Jahren hatte er selbst die zwölf Lichtkreise von den HYMNEN bis zu den LIEDERN VON TRAUM UND D vollendet, im gleichen Zeitraum die besten Dichter seines Volkes 111 sich gesammelt und in den Blättern für die Kunst ihrer Gemeinschaft e bleibende Mitte gegeben. Von Paris bis Wien, von Amsterdam bis ar schau saßen seine Mitstreiter im Kampf und die Gefährten eines fest- en Lebens. Der Schritt in die Öffentlichkeit war eingeleitet und beutende Denker mühten sich um die Erkenntnis und Deutung der neuen lc htung. Was geleistet war genügte für ein Schicksal. Schien sein Werk Cht getan? Was konnte er noch ersehnen, was ihn noch treffen als die lr kung des Getanen in die Weite und Breite? Aber ein Beharren auf ^ Erreichten, eine Wiederholung oder auch nur Ausgestaltung der mal geschaffenen Formen war für diesen Geist undenkbar. Hier öffnete sich n nach der Vollendung des TEPPICHS, zwischen Schöpferlust und °Ptungsraum ein Abgrund, in dem auch für ihn nur Tod oder Wahn- n zu lauern schien. Alle geistigen Innenbereiche waren durchfahren, Ergreifbare ergriffen, so weit es der Geist im freien Flügelschlag e Berührung mit einem Draußen, einem menschlich-stofflichen Anders- m > durchformen konnte. Mit der Wendung zu sich selbst, der Darstel- s g des eignen Dichtergeistes im Engel des Lebens schien der Ring ge- ^ °ssen. Der Schauer des Endes nicht aus Krafterschöpfung sondern vor ^ r Leere der Welt hatte auch ihn erfaßt: der Hebel war da, aber kein £. lc ht mehr zu heben und eine Trostlosigkeit ohnegleichen überkam den V . ter " ^ach der Eroberung des ganzen Innenraumes stand vor dem achter der Zeit und Mitwelt das Draußen, das Andre als Inhaber 303 der Erde der Völker der Körper und Körperschaften, in seiner ganzen ungeheueren Gegenwärtigkeit: das Mitgeborene und doch Fremdeste, seine Heimat, sein Volk, sein Blut, das Nächste und doch das Fernste und Feindlichste. War dort überhaupt ein Verwandtes, ein Wandlungsfähiges> ein formbarer Stoff für den Dichter? Gab es — um das scheinbar Schlichteste und doch Schwierigste zu nennen — auch nur den Namen eine 5 Menschen oder eines Ortes, der im Gedicht genannt werden konnte? E r ' trug selbst das Wort „deutsch" oder eine seiner Zusammensetzungen den neuen Ton? Und wenn das nicht war — was galt erst von den Einrieb' tungen Gesetzen und Sitten von den höchsten des Staates und der KU" chen bis zu den tausend Verrichtungen des Volkes und seiner Verbände- kurz von all dem was wir die „Zeit" zu nennen pflegen? War in ihr auch nur ein Hauch der eignen Welt der hätte Antwort geben können? ß s schien kein Weg zu den Lebensformen dieser Zeit, kein Bund mit ihrem Menschtum für den Dichter möglich. Eine grauenhafte Kluft, wie noch kein Dichter sie erlebte, trennte sie von seiner Stimme. Alle großen Seher und Dichter, die wir kennen, standen mit ihrem Wort und Werk in ihre f Zeit, ihrer Menschengemeinschaft, auch wenn sie sie geißelten wie Cht 1 ' stus oder Dante. Der Glaube an ein Göttliches, auch wenn die Götter sich bekämpfen, umschloß sie, ein Wissen um die ewigen Mächte des Leben in uns und um uns gab der liebenden wie zürnenden Stimme Raum urt Widerhall. Jetzt aber waren Erde und Himmel entgöttert, die Bänder de heiligen Gemeinschaft zerrissen, schon unter Goethes verhüllenden Hände klaffte der Abgrund und die hinübergreifen wollten, erfuhren solche Ei fl ' samkeit, daß der Wahnsinn sie schlug. Die sich nicht vor verblaßten B"' dem trösteten oder sich treiben ließen, taten mit verbissenem Ingrifl 1111 schweigend ihr Tagewerk und die kühlsten Herzen begnügten sich ernS und freudlos mit Stoff und Zahl. Gegen die Öde und Häßlichkeit de» Daseins wurde die steigende Vervollkommnung der sachlichen Mittel aU*' gerechnet, die wachsenden Seelennöte mit dieser oder jener Allbeglückunf der Zukunft verdeckt und ein schaler Glaube an das kleine Glück droh jede höheren Regungen zu ersticken. In den Seelen der Weisen und Dich ter aber, den zartesten Anzeigern der Not des Geistes stieg, wie ^ l zeigten, seit der Romantik der Nachtgedanke und die Schatten wüchse Das Endgrauen eines Menschheitalters, bald allen sichtbar, färbte ih r Töne dunkler und auch das neue Strahlen das in George aufbrach, war > stetem Kampf gegen die innere Welteinsamkeit errungen. Als ob er s» c gegen den Druck des Dunkels aufstemmte, hob am Ende jedes Gedieh kreises der Streiter die Fackel noch einmal hoch und nur im letzten Wei* neigte auch seine Leier sich stärker zu Tiefe und Tod. 304 Er hatte in den zehn Schaffensjahren, in den Mühen um Werk und re und kaum hier und da einen Blick auf die Tatsächlichkeiten der Um- elt geworfen. Aber die ganze Not ihrer inneren Leere drang ihn in Menden an: nicht in Büchern oder Einrichtungen sondern den Männern und r auen seines näheren und weiteren Umgangs traten ihm alle auflösenden "richten, alle verwirrten Gefühle, alle verborgenen Verzweiflungen unse- es Menschtums am Jahrhundertende entgegen. In diesen Jahren lernte Nietzsches Notschrei verstehen. Die ganze ätzende Flut der Zersetzung, ganze vergiftende Luft des Unglaubens hat ihn umspült und um- Us tert, alle Zweifel an der Erweckung eines höheren Lebens auch bei n Edleren, alle Verzichte auf große Leidenschaft auch bei den Gläubigen Uute er kosten und vor dem größten Schmerz dieser deutschen Mensch ner », der Gewißheit des Untergangs der alten göttlichen Bilder, hatte c h er noch im TEPPICH keinen anderen als den dunklen Trost gehabt, gerade vor dem Verbluten schützt: daß wir eins sind mit dem was schaffen und schauen, daß das Bild vor dem wir beten unseres We- s ist. Er hatte in diesem höchsten Bereich auch vor sich selbst keine u schung noch Schonung gekannt. Er war gewiß der Erwählte einer Menschlichen Macht zu sein, gewiß die höhere Weihe des Erweckers Führers empfangen zu haben, gewiß der Träger des heiligen Feuers . e inziger Hüter des Tempels zu sein. Jedes Wort seines Werkes war ere Gewißheit, tiefe Frömmigkeit und sichere Wegleite. Aber keines .. n °ch Antwort auf die Frage: Und wessen bist du? Wer bürgt für v lch und dein Wort? Wer ist dein Gott? Seit der Anfang der HYMNEN der Erleuchtung gesprochen hatte, gaben alle Gebärden in der wach- 7 et v Wunderwelt der Gestalten, alle Sinnbilder des urgewaltigen Le- s , s deichen und Zeige auf dem Weg zu ihm, ja mehr als das: sie waren , n das Strahlen und Funkeln seines unbenannten Lichtes. Wir sehen ^ e mit welcher Lauterkeit dieser gottgetränkte Mensch von dem schwieg, 4h tllc ^ lt a ^ s wirkliche Erscheinung vor seiner Seele stand, aber wir ?„• ° nun auch was er leiden mußte, als er vor der Leere stand und seine eit *i_ mm keinen Raum mehr bot, den er formend durchdringen, an dem Sc ,.. ^ lc ht ertönen und laut werden konnte. Gerade das Drängen seiner ter" r ' scrien Kräfte mußte ihn zum Unheil treiben, wenn es keinen dich- stü n ^ e g mehr gab und die Frage, welche die Kosmiker und Um- g a er er hoben, begann auch seinen Geist zu schütteln: ob erst dieser n e ^eltzustand zertrümmert werden müßte, ehe neues Leben atmen, i n , S ^enschtum sich gestalten könnte. Undurchdrungen, wie jeder Blick off s Reiben des Tages zeigte, ja feindselig, wie das Geraune und die antwortenden Stimmen auf die öffentliche Ausgabe der Gedichte 305 zeigten, oder teilnahmlos in den herrschenden Gewalten stand das eigen e Volk vor seinem Dichter. Was es pries als die Größe der Zeit war iW 11 der Vernichtung würdig, was es rühmte als den Aufgang einer höher« 11 Entwicklung, war ihm der Weg zum Verderben und Untergang. Es schie 11 keine Wahl als vor ihr verzichten und zu entsagen oder sie im gewal 4 ' samen Kampfe zu vernichten und aufzuheben. Menes schien wieder nebe 11 Manuel treten zu müssen, und George wäre damals bereit gewesen, ke^ 1 Gedicht mehr zu machen, geistiges Bildner- und Führeramt gegen jede 5 andre zu vertauschen, wenn es Waffe und Sieg über die Widerweit vei" sprach. In diesem Schwanken der innersten Grundfesten boten sich wie ^ lf erzählt haben die Kosmiker dar. Seine nächsten Gefährten schienen r* 1 ' ihm den gleichen Kampf zu fechten, auch sie den geistigen Weg vei" lassend, ja diesen gerade als das größte Unheil der letzten Jahrtausend* schmähend. Sie wählten freilich nicht den unmittelbaren Weg der Macht' und Tageskämpfe, sondern den dritten der magischen Seelenbewirkung- der Aufhebung der Widerweit durch den Zauber, durch die Rückkel* in den Ursprung und die Heraufrufung der urmächtigen Gewalten de noch ungestalten Lebens selbst. Den verlockenden Gedanken aller U 111 ' stürzler, daß die Zertrümmerung der Zeitformen zugleich die Geburt <* e neuen Lebens sei, hatten sie auf den innersten Gegensatz von Geist ur» Seele zurückgeführt: aus der Vernichtung der Herrschaft des Geistes, & hieß alles dessen was Bestand und Erbe war, sollte das glühende Lebe wieder geboren werden. War dies nicht was der Meister selber woll te ' Mußten nicht die dunklen Triebmächte des Blutes aufgerufen werde"' um eine erstarrte Welt zu durchglühen, mußte nicht das Chaos entbuno e werden, um eine entgötterte Zeit mit ihren welken Körpern weg 2 schwemmen? Waren es nicht die von ihm selbst erweckten Gefährten, d mit ihm als Führer bereit waren zu den Müttern hinabzusteigen un zeigten nicht die Gesichte, die aus ihrer engen Runde stiegen, die & schütterungen, die von ihrem Bunde schon ringsum sichtbar wurden, " die dumpfe Last der Zeit von hier aus angreifbar und durchdringbar w a Er, für den Theorien und Programme keine Wirklichkeiten waren, " c Geschehnisse nur an Menschen sehen und fassen konnte, fühlte gerade den Nächsten ein Wanken alles Festen um ihn, fühlte wie der Boden d heimatlichen Menschtums in immer stärkere Bewegung geriet, wie langsame Bröckeln und das allmähliche Lockern zum Aufruhr der £ mente und Zerfall aller geistigen und gesellschaftlichen Stufen, zum E l bruch der Ungestalt — nenne man es Chaos oder Umwälzung oder *> sammenbruch oder sonstwie — führte. Und mußte das Chaos nicht k°^ 306 ^en, erhob sich hier die Verführerfrage, sollte er nicht selbst seine Kraft ln den Wirbel werfen und mit stürzen helfen, wo ein Aufbau nicht mehr m °güch war? Schon neigte er sich der Verlockung zu, mit dem eignen ß lute die Dämonen des Dunkels zu atzen und die Vertauschung von Auflösung und Erneuerung, die in Wendezeiten nahe beieinander liegen, lle ß ihn einen Augenblick glauben, daß die Wegschwemmung des Erstarr- ten und Erschlafften in der Flut der Triebmächte schon Wachstum behüte. Denn eins ist nicht ohne das andre und sind dennoch nicht das Reiche. Die Richtungskräfte des geistigen wie des leiblichen Lebens drehen Slcl » im Kreislauf von Werden und Vergehen, aber die Keimkraft kann n >cht wurzeln wo alles zugleich in den Wirbel des Todes oder Untergangs stür zt, wo Vater und Mutter Samen und Boden von der Urflut erfaßt n d ins ununterscheidbare Chaos verschwemmt werden. Das Sterben der Seistigen Weltbilder geht wie das der Körper bis in die letzte Zerlösung er zeitlichen Formen, aber Gestalten und Leiber steigen nur auf wenn er Keim des Lebendigen in einem zeitlichen Schöße versenkt und be- a "rt blieb, wenn er aus Scheidung und Zerfall die Kräfte schon an sich au gt. Nur neue Gestaltung ist neues Leben, nur Verleiblichung des Gött- Ic "en ist neue Gottwelt, aber die Auflösung aller Gestaltung wäre der » ru nd- und uferlose Schlund, dem nichts mehr entquillt. Wi r haben im vorigen Buche geschildert, wie der Dichter dieser Verjüng entging, wie er dann um so trostloser vor dem Rätsel des Weiter- ,r kens stand, bis der Mund Maximins ihm alle Zweifel löste und zeigte, aß der Weg schon beschritten war, nach dem er suchte und sann, daß ai «pfplatz und Mittel und Ziel auf der Höhe der Bahn noch die gleichen are n wie beim einsamen zarten Beginn. So gedieh ihm die Wende des c hicksals zum größeren Heil, er fand die Antwort auch auf die letzte ra 8e und die Antwort heißt hier: Geburt des Gottes. 2 - KAPITEL: DIE BEGEGNUNG MIT MAXIMIN A LLE Liebe" sagt Goethe „bezieht sich auf Gegenwart,--------ja um * *■ das letzte auszusprechen: Die Liebe des Göttlichen strebt immer ^ach, sich das höchste zu vergegenwärtigen". George hatte seine Liebe es Göttlichen im Werke vergegenwärtigt, aber nach der ganzen Wesen- eit seines Geistes mußte er ihre Vergegenwärtigung auch im Menschen Uc hen, wie es alle gläubigen Alter des Menschengeschlechts getan haben. be r in einer Welt, welche die Götter der Völker für Erfindungen, den östlichen Gottmenschen für ein synkretistisches Wahnbild hielt, welche 307 die Göttlichkeit der Welt und des Menschen mit dem überhellten Zweiflerblick des Besserwissenden leugnete und selbst ihren eigensten Bereich der Kräfte und Stoffe leblos und mechanisch sah, schien kein Partner mehr für solche Liebe zu leben, wie sie etwa Goethe und Jean Paul in Herder, Hölderlin in Schiller, Nietzsche in Wagner gefunden hatten. Gerade dem größten Verkünder der göttlich-heldischen Liebe hatte sich ihre höchste Vergegenwärtigung im Menschen versagt. Er hatte in seiner frühen JW gend vergeblich gehofft, sie in einem Meister zu finden, der ihn führe, in der Jünglingszeit vergeblich geharrt, sie in einem Freunde zu g e ' winnen, der sich ganz mit ihm binde, er war jetzt auf der Hälfte des Lebensweges fast „satt noch zu vertraun". Aber „jeder tüchtige Mensch sagt Hebbel „muß in einem großen Manne untergehen, wenn er jemals zur Selbsterkenntnis und zum sicheren Gebrauch seiner Kräfte gelange" will: ein Prophet tauft den zweiten und wem diese Feuertaufe das Haar sengt der war nicht berufen!" Die Zeit des Untergehens in einen Älteren oder Gleichaltrigen war für den dreiunddreißigjährigen George vorübergegangen, und die stumme Not dieser unerfüllten Sehnsucht war der innerste Kern seiner Werk- und Weltnot nach dem Abschluß des TEPPICHS' war die verborgene Qual eines großen Herzens das keinen Raum mehr für die Überfülle seiner Liebe sah. Auf der Lebenshöhe drohte der Weg der Liebe wie des Wirkens ins Dunkel zu stürzen. Aber die härteste Pr 11 ' fung lag vor der hellsten Gunst. Die Lebenshöhe wurde für George auch dadurch gezeichnet, daß di e Altersspanne zu den jüngsten Gefährten und Freunden die sich um in" sammelten, immer größer wurde. Das Schwergewicht eines reichen Leben und Werkes verwandelte auf natürliche Weise das Verhältnis der Jüng e ' ren zu ihm und ließ seinen eigenen Blick mit stärkerem Nachdruck von den gleichaltrigen auf die nachkommenden Geschlechter der Jugend fallen' Der ehemals selbst nach dem Führer suchte, dann Weggenossen und Mit' kämpfer gleichen Alters um sich scharte, war nun selbst zum Meister un Führer geworden, zu dem die Jünglinge kamen, und sein Auge richtete sich zum ersten Male inniger auch auf die unteren Stufen der Altersleiter- Was ihm bisher in Deutschland an Knaben entgegengetreten war, hatte keinen anderen Anteil in ihm erweckt als wohlgebildete Menschlichke» überhaupt. Sie hatten ihm eher weniger schön geschienen als die naturwüchsigen Kinder Siziliens, die gutgepflegten Englands oder die wohlerzogenen Frankreichs. Auch in der Dichtung spiegelte sich dies Verhältnis zur Jugend deU lieh wieder. Die berückenden Knabengestalten der frühen Bücher in den Gedichten der Infant, der Saitenspieler, Tag des Hirten und Sporenwach e 308 s »nd noch Spiegelungen und Erinnerungen der jugendlichen Seele selbst, w »e am stärksten die früheste zeigt, jenes seltsame Traumbild des AL- GABAL der die eigne Knabenhaftigkeit lebendig an seine Seite rufen föchte. Sie traten in den späteren Werken vor den Bildern der Jünglinge u nd Männer zurück und kehrten erst verwandelt wieder, nachdem die " e irnatliche Erde dem Dichter ihr schönstes göttlichstes Kind leibhaftig entgegengesandt hatte. Unerdenkbar und unerfindbar und dennoch nicht PJötzlich und unbereitet kam dieses Wunder in höchster Not. Wir haben ^erfolgt, wie George sich in seinen europäischen Wanderungen allmäh- lic h immer mehr auf Deutschland beschränkte und das Ausland langsam an Bedeutung zurücksank, wie in der Heimat sein Umkreis wuchs, seine Wurzeln tiefer schlugen, seine Kämpfe und Freuden ausgetragen wurden u «d seine Gesichte immer dichter Art und Erbe des Vaterlandes wiederspie- & e hen. München vor allem wuchs ihm näher ans Herz: die einzige Stadt in e utschland, wo die Lichtfülle dem Himmel ein tiefes Blau gibt wie es °nst nur der Süden jenseits der Alpen kennt, wo Sonnenauf- und -unter- Sange von einer Leuchttiefe und Farbigkeit erglühen, die unvergleichlich ■*■ Sie hat wie Paris und Wien schon durch Lage und Luft einen Örtchen Zauber, der umfängt und trägt und jenes Gefühl des Immerda- Sewesenseins und Bleibenwollens gibt, das noch von menschlichen Beübungen und Bindungen unabhängig ist. Paris die Weltstadt des Abend- a °des, Wien der Vorort des Morgenlandes sind beide eingetaucht in achtbare Terrassen oder Mulden, Talstädte an Fluß oder Strom, die c hon nach langem Laufe breit und sanft vorüberwallen. Zwischen ihnen le gt München auf der kahlen und kargen bayrischen Hochebene noch 0n * reißenden, grün und weiß schimmernden Bergwasser der Alpen durch- rö mt: wie die beiden Weltstädte ganz katholisch, aber ohne die Locke- n S und Aufklärung der westlichen, ohne das frömmelnde Kirchenregi- eiJ t der östlichen, weniger leichtfertig in Sittendingen als beide, aber ° n gesunder fast naiver Sinnlichkeit, weniger heiter und anmutig in lr »er Geselligkeit, aber zuweilen von wilder überschäumender Festfreude, ) e wie auch der schnell entfachte Streit seiner Volkskinder im Übermaß s zur brutalen Entladung steigt. Zu diesen erdhaften Gegebenheiten und Aschen Triebkräften war durch die Witteisbacher ein geistiges Leben engerufen und aufgezogen worden, in dem das künstlerische Element as wissenschaftliche überwog. Wie im Stadtbilde die Antriebe Maxi- 1 *ans I. und Ludwigs I. noch günstig weiterwirkten, so wirkte als Für- .jild die hohe unselige Gestalt Ludwigs II. noch Liebe weckend in n Herzen des Volkes nach und gab ihnen ein Wissen von männlicher he »t und adliger Schönheit, das sonst erloschen war. Hier wehte eine 309 geistige Luft über eine noch jungfräuliche Erde, wo auch der Fremdeste bald heimisch wurde und sein Bestes mit ihrem eigentümlichen Zauber verschmolz. Durch die Straßen dieser Stadt gehend hörte George um die Jahrhundertwende einen Ton in seinem Innern, der ihn tief betraf. Es war nicht wie sonst ein melodisches Maß, die Vorstufe einer Dichtung andeutend, sondern ein anderes als bisher: ein heldischer Ruf, herrisch tönend, unter dem die Plätze und Menschen ihm verwandelt und andre &i sein schienen als er sie kannte. Als der bewußte Mensch noch in unlöslichen Zwängen stand und schweren Kämpfen um Werk und Leben ent- gegenging, hatte sich seinem inneren Suchen schon ein neues offenbart und die dunkle Seele bereitete sich auf den Empfang eines Großen Ungeahnten Rettenden vor. „Denn wo gefahr ist wächst das rettende auch.' Dieses Vorüberwehen des Göttlichen, der das Haar berührte oder di e Seele beben machte, war gottgläubigen Zeiten ein bekanntes Geschehen und konnte die Griechen nicht erstaunen, welche an die sinnliche Gegenwärtigkeit der Götter unter ihnen, noch wahre Christen, welche an die ewige Gegenwart Gottes im Sakrament ja im ganzen Weltall glaubten- Es gehen auch heute noch Götter über die Erde, aber die heutigen sehen und fühlen sie nicht mehr. Denn daß der Betroffene Ruf und Strahl vernehme muß er offen und geweiht sein für der ihren einen, ja daß eine göttliche Begegnung eintrete, muß der Empfangende mit dem Zeugenden gleicher Artung sein, erst aus beider Kraft wird das ewige Bild ins I r " dische geboren und ohne die innere Bereitschaft hätte George den neuen Kömmling nicht gesehen, ohne den heldischen Ruf hätte er ihn s o nie» 1 sehen können. In dieser Zeit beschäftigte ihn öfter die Traumvorstellung • es gäbe in Deutschland auf irgendeinem Schloß einen Knaben, der nu r von den Seinen gehegt ganz rein von allen Anwürfen der Zeit aufg e " wachsen wäre — ihn müsse man finden. Aber das Schicksal zeigte, da» solches Wachstum mitten in der Großstadt und mitten im bürgerlichen Leben ebenso möglich war, und eines Tages in der zweiten Hälfte des ersten Jahres des beginnenden Jahrhunderts kam ihm in München dieser Knabe entgegen, wie er uns selbst geschildert hat. „Wir hatten eben d» e mittägliche Höhe unseres Lebens überschritten und wir bangten bei' 11 Blick in unsre nächste Zukunft. Wir gingen einer entstellten und erkalteten Menschheit entgegen die sich mit ihren vielspältigen Errunge 0 ' schatten und verästelten Empfindungen brüstete, indessen die große T» und die große Liebe am Entschwinden war. Massen schufen Gebot un Regel und erstickten mit dem Lug flacher Auslegung die Zungen de Rufer die ehmals der Mord gelinder beseitigte: unreine Hände wühlte 310 ln einem Haufen von Flitterstücken worin die wahren Edelsteine wahllos geworfen wurden, zerlegender Dünkel verdeckte ratlose Ohnmacht und Geistes Lachen verkündete den Untergang des Heiligtums. Wir waren reit genug um uns nicht mehr gegen die schicksalhafte Wiederkehr der Notwendigen Leiden aufzulehnen: jetzt aber schien uns eine Seuche zu Otiten vor der kein Mittel hälfe und die mit der Entseelung dieses ganzen Geschlechtes endigte. Schon wandten sich einige von uns abseits nach den Ul *klen Bezirken und priesen den Wahnsinn selig — andre verschlossen s | c h in ihre Hütten voll Trauer oder Haß: als die plötzliche Ankunft eines einzig en Menschen in der allgemeinen Zerrüttung uns das Vertrauen 'edergab und uns mit dem Lichte neuer Verheißungen erfüllte. Als wir Maximin zum ersten Male in unserer Stadt begegneten stand er ° c h in den Knabenjahren. Er kam uns aus dem Siegesbogen geschritten lt der unbeirrbaren Festigkeit des jungen Fechters und den Mienen feld- rr ücher Obergewalt jedoch gemildert durch jene Regbarkeit und Schwer- üt die erst durch Jahrhunderte christlicher Bildung in die Angesichter e ^ Volkes gekommen war. Wir erkannten in ihm den Darsteller einer all- achtigen Jugend wie wir sie erträumt hatten, mit ihrer ungebrochenen u He und Lauterkeit die auch heute noch Hügel versezt und trocknen ü «es über die Wasser schreitet — einer Jugend die unser Erbe nehmen "d neue Reiche erobern könnte. Wir hatten allzuviel gehört von der e isheit die das letzte Rätsel zu lösen wähnte, allzuviel gekostet von der Utl theit der sich überstürzenden Erscheinungen, die unermeßliche Fracht uß erer Möglichkeiten hatte dem Gehalt nichts hinzugefügt, das zu schil- ern de Spiel aber die Sinne abgestumpft und die Spannungen gelähmt: as Uns not tat war einer der von den einfachen Geschehnissen ergriffen ür de und uns die Dinge zeigte wie die Augen der Götter sie sehen. An der Helle die uns überströmte merkten wir daß er gefunden war. a Se um Tage folgten wir ihm und blieben im Banne seiner Ausstrah- 8 ehe wir mit ihm zu reden wagten — von dann ab begleitete er uns ° n selber auf unseren Pfaden und ohne Staunen als gehorche er nur ne m Gesetz. Je näher wir ihn kennenlernten desto mehr erinnerte er s an unser Denkbild und ebenso verehrten wir den Umfang seines ur- Prtinglichen Geistes und die Regungen seiner heldenhaften Seele wie deren er sinnlichung in Gestalt und Gebärde und Sprache. Zu anderen Zeiten Sc hien er uns als der märchenhafte Waise dem die verwunschene Unke ^ Teich seine Abstammung verraten und ihn zum Berger der goldenen r °ne bestellte. Wir ahnten in ihm ein Fremdes das uns nie angehören r de und beugten uns vor dem unfaßbaren Los, das ihn zu einem uns kannten Ziele führte. Nur manchmal erschreckte bei uns nötig dün- 3" kenden Fragen eine unheimliche Ferne seines Blickes, als ob die Antwof nicht hier sondern erst auf einem anderen Gestirn gegeben werden könne> Uns allen haftete ein Schaden an von der Fieberluft der Sümpfe die w> r durchwaten mußten. Wir waren die sieghaften Krieger des Auszuges: ef war zum Herrscher erkoren. Er besaß alle unsere feinen Werkzeuge, abef er hatte sie erworben auf dem gesunden und rechtmäßigen Weg. Dab el entbehrte er jeglichen Anflugs von unbescheidener Frühreife und hielt s» c in den natürlichen Grenzen seines Alters. Anmutig und sicher wie j ed Wendung seines Kopfes und jeder Griff seiner Hände war auch die Ar wie er mit allen umging .. er bedurfte keiner Absonderung von den Bai" baren wie wir in früheren Jahren, er war zu rein als daß eine Berührung ihn hätte beflecken, zu abseits als daß eine Nähe ihn hätte treffen könne 11. Er trug sich mit dem unbewußten Stolz derer die nie geleugnet oder g e " dient und mit der unnachahmlichen Würde derer die viel gebetet habe« 1 ' Sein Wesen bewegte sogar die unempfindlichen Leute des Volkes: sie wa'' teten die Stunde ab da er vorüberkam um ihn im Nu zu betrachten od ef seine Stimme zu hören. Diese Stimme war besonders rührend — am mäch' tigsten wenn er lobte oder verteidigte oder uns aus den Dichtern las u° uns überraschte mit einem neuen Zauber des Tönenden. Dann bezog s» c die leichte Bräunung seiner Haut mit Purpur und seine Blicke leuchtete so daß die unsern sich niedersenkten. Aber auch ohne daß er sprach u ° tat: seine bloße Anwesenheit im Raum genügte um bei allen das GefU n von leibhaftem Duft und Wärme zu erwecken. Willig gaben wir uns o e verwandelnden Kraft hin die nur anzuhauchen oder anzurühren braue» 1 um den alltäglichsten Umgebungen einen jungfräulichen paradiesische Schimmer zu spenden". So war das Wunder geschehen und das Unrnög liehe Wirklichkeit geworden, der Wunschtraum des Beginnes: das eig n dichterische Selbst, von einer Mutter geboren, als knabenhaftes Geleit a* 1 seiner Seite zu sehen, die Sehnsucht nach dem höchsten Eigenbild d e Dichterseele, die im Vorspiel des TEPPICHS die schönste geistige LÖsUflß im Engel gefunden hatte, war über alles Hoffen erfüllt: Der Seher fai> das Geschaute, das Kind seines Traumes, als leiblichen Menschen, a Sohn seiner deutschen Erde, er fand den Gleichen und mehr als mensc liches Planen ersinnen konnte, im Gleichen die Verleiblichung des Höh ren, vor dessen göttlicher Schönheit er der Nehmende, Liebende wur d Das furchtbare Lied des einsamen Genius „o dies mit mir allein" wu* zur stillen Klage des Ehmals, alles Vergangene verwandelte sich un* dem Anhauch einer strahlenden Menschenseele und die Schrecken de Gegenwart verloren ihr erstarrtes Sphinxlächeln vor dem Fingerzeig s e,n Kindes. Nicht im plötzlichen Sehen Maximins geschah diese Wandl« 08 31a sondern im Leben mit ihm, in wechselseitiger liebender Durchdringung. Weder Menschen noch Dinge oder gar das Heil der Welt kümmerte die Liebenden, sondern einzig ihr Freundsein, ihr Geben und Nehmen, ihr Leben im Schönen. Aber eben dies war alles und daß es diese beiden und solche waren deren Gluten zusammenschlugen, verwandelte die Welt. Als der Meister den Knaben in seine dichterische Welt führte sah er das Wunder dieser Seele nur tiefer erblühen: der jüngste unter den Dichtern nahm die ganze Wucht des Werkes wie ein Längstvertrautes in sein ei genes Können auf, das sich bisher trotz gewohnter Formen schon mit e »ner rätselhaften Tiefe geäußert hatte, für welche das kindliche Alter und die natürliche Schlichtheit seines Geistes keine Erklärung bot. Aber nicht sein Dichten sondern die ausstrahlende Kraft seines Wesens erchütterte al 'e die mit ihm in Berührung kamen. Der Älteste, George selbst, schon Meister und Schöpfer einer eignen Welt, beugte sich am tiefsten vor der ^"scheinung der vollkommenen Schönheit und pries die Jugend selig, der ln ihr das Urbild eigner Vollendung wieder erstanden war: „Die Mitbür- l gen die ihn nicht sahen und die Späteren werden nicht begreifen wie von °lcher Jugend uns solche Offenbarung zuteil wurde. Denn so sehr die Zartheit und seherische Pracht seiner hinterlassenen Verse als Bruchstücke ei nes eben beginnenden Werkes jedes uns gültige Maß übersteigt: er selber le h ihnen keine besondere Bedeutung und das Tiefste seines Wirkens wird er st sichtbar aus dem was unseren Geistern durch die Kommunion mit ei nem Geiste hervorzubringen vielleicht vergönnt ist. Allein wir wissen **fl nur greisenhafte Zeitalter in Jugend ausschließlich Vorstufe und Züchtung, niemals Gipfel und Vollendung sehen — daß mehr in ihrer Gewalt als in ihren Worten und Taten die überdauernde Macht der Hehren nd Helden liegt und aller Lenzbegnadeten, die nur eine Weile über die °mrnerwiese schritten am Waldesrand verbluteten oder in dunkler Welle er sanken um nach oben entrückt zu werden und unvergänglichen Namens ber allen Geschlechtern zu thronen. Wir wissen daß die ungeheuren a hrten die das Aussehen unserer Flächen veränderten im Hirn des Schü- rs Alexander geplant wurden, daß der zwölfjährige Sohn aus Galiläa die chriftgeiehrten der Hauptstadt unterwies: der Herrscher des längsten eltreiches unserer Üferlieferung nicht als Dreißiger sondern als Jüng- n g auf seiner blumigen Bahn die ewigen Zeichen fand und als Jüngling de * Tod erlitt. Das ganze Getriebe unserer Gedanken und Handlungen erfuhr eine Vergebung seitdem dieser wahrhaft Göttliche in unsre Kreise getreten war. le knechtende Gegenwart verlor ihr Alleinrecht, seitdem sie sich einer deren Richte zu bequemen hatte. In uns kehrte die Ruhe wieder die 3i3 jeden seinen Mittelpunkt finden ließ und der Mut die verworrenen Bürden abzuwerfen und zu versenken im einheitlichen Meer. Wir fühlten wie geringfügig alle Streite der Länder, alle Leiden der Kasten werden vorm Dämmerschauer der großen Erneuungstage: wie alle brennenden Frag« 1 der Gesellschaften in wesenlose Finsternis verblassen wenn nach jeder Ewigkeit den Irdischen sich ein Erlöser offenbart. Keiner wird dann mehr das Haupt schütteln über eigensüchtige Abschließung die sich um das Weh der Mitbrüder nicht kümmere: denn der ist der größte Wohltäter für alle, der seine eigne Schönheit bis zum Wunder vervollkommnet". Im uralten Gesetzbuch des Manu stehen die Worte: „Der Erleuchtete der der Geber der Geburt ist in der Weisheit und der Lehrer der Pflichten wird durch das Gesetz der Vater eines älteren Mannes, sogar wenn erselbst einKindwär e". Diesen Satz hätten die Weisen frühester Zeiten verstanden, wo jeder Heutige stutzen muß. In dem Geschehnis von dem wir eben berichteten, würde auch ein antiker Mensch ohne sonderes Staunen nur eine neue Eros-Verleiblichung erblickt haben. Der Aufgeklärte unserer Tage mußte hiervor zurückschrecken wie vor etwas Undurchdringlichem und hatte nicht einmal mehr die Möglichkeit das Symbol zu Hitf e zu nehmen .. er hatte dafür nur jenes selbe Kopfschütteln, mit dem er einst die ersten Verse Georges aufnahm. 3. KAPITEL: DER TOD MAXIMINS UND DAS GEDENKBUCH WAS George als Knaben und Jüngling versagt blieb wurde so dem Manne gewährt: er fand den Traum seiner göttlichen Liebe im vollkommenen Wunder eines schönen Menschen vergegenwärtigt: nicht men im ersehnten Führer und Altersgefährten sondern im Sohn und Freund» dem Jugendlichen und Glühenden, in dem als erstem die Geburt des Gott« sich vollziehen und alles Ersehnte beschließen sollte. Mit seinem Kommen brach das neue Weltbild, das George in sich trug und „ins lied gehüllt dem Volke reichte, erst blühend durch alle Räume auf. Daß der eine kam» machte Tausende möglich, da die Erde den Schönen hergab war die Er de noch jung genug, Götter und Helden zu gebären. Daß er nach zwanz 1 *» Jahrhunderten als erster leiblicher Erdensohn mit dem leiblichen Meiste wieder den Ring schloß, in dem die Liebe des Göttlichen, in dem def liebende Gott selbst sich im Menschen vollendet ist das Wunder das seinen Namen trägt und alle Stufen des irdischen Daseins wieder heiligt. D eP 3M Menschen von heute erscheint es das unwahrscheinlichste und außerzeit- «chste Geschehen dieser Tage, uns erscheint es als höchste Erfüllung der Meisterlichen Kraft weniger wunderbar als das Erscheinen des Meisters Selbst. Für ihn war der Gott nur so erlebbar und kein Zufall sondern sein le >denschaftliches Suchen hat ihn zu dem geführt, in dem seine große L iebe sich erfüllte. Freilich auch kein noch so gewaltiger Wille konnte äa s Zusammentreffen mit Maximin erzwingen und wir sahen wie dem Geister zuletzt nichts mehr blieb als das stumme Harren auf Gewährung 0( *er der Untergang. Trotz aller Vordeutungen und Ahnungen trotz aller Leitungen und Erwartungen wurde im Geschehen selbst erst das Wun- er denkbar und sichtbar: über der Erscheinung eines jeden von ihnen ' 8t ihre Begegnung und Freundschaft das Unerklärlichste und Wunder- ars te in ihrer göttlichen Geschichte. Daß Deutschland in einem Lebens- te r zwei solche Wesen erzeugte: den einen der der höchste geistige Ge- a »ter des Göttlichen, den andern der die höchste leibliche Gestaltung des °ttlichen war und von denen jeder das Wesen des andern in sich barg: * ne r das schönste Bild des jugendlich-heldischen Menschen, dieser das e «rste Bild des schöpferischen Meisters: daß beide als Dichter Träger er gleichen göttlichen Urkraft waren — dies war das undenkbare Er- Snis der Zeitenwende und ließ aus ihrer Vereinigung den himmlischen ei m erblühen, der nur in Tausenden von Jahren auf Erden einmal in °Uer Reinheit und Schönheit gedeiht, der aus seiner besonderen Enterung immer unvergleichbar mit jeder früheren aufwächst und darum schwer von den Menschen erkannt wird. ..Es wird das Schwerste für die Menschen sein zu glauben", sagte der eister, „daß die göttlichen Mächte ewig sind, aber die Götter sterben . ntle n und nur leben, solange der Mensch den lebendigen Glauben an sie , s, ch trägt und Kraft hat in ihnen das Ewige zu sehen. Sonst bleibt nur n leerer Name und es muß einer wiederkommen, der die Ewigen mit p en füllt, sie in neuen Namen und Leibern entstehen läßt, so daß die l gen wieder mit den Erstandenen wandeln. Dies zu fassen wird schwer ln > aber mir ist das andre unfaßbar, wie ein Gott sein soll wo der Mensch cht s ist und ihn weder glaubt noch darstellt. Ob die ewigen Mächte *r der Menschenwelt noch Gesicht und Erscheinung haben, kann nie- ^d wissen und geht auch mich nichts an, da ich Mensch bin und für ^schen zu sorgen habe". an ^it jenes Ereignis der Liebe ganz vergegenwärtigt und sichtbar , /de, forderten freilich die ewigen Mächte des Lebens und Todes das jj *J ste Opfer von den beiden Liebenden. Eine so lange Spanne Zeit als u rft wurde, um ihre Gemeinschaft zum Gipfel menschlicher Einung 3i5 und Freundschaft zu führen, gewährte das Schicksal den Verbunden«!' solange bis Maximin die ihm bestimmten irdischen Freuden und Leide" erfahren und seine Gestalt auch im Erleben und Wirken kein Sehern« 1 blieb, solange bis der Dichter ihn durch den Bereich seines Lebens und Wirkens geführt und von seinen Lippen für das drohendste Rätsel 0» Lösung erhielt, die auch die Stufen des Alters und Meisters ausglich und den Jugendlichen zum Freund und Gleichen berief. Weniger als drei Jal> re gingen sie zusammen den Erdenweg. Da die Spannungen im Kreise de r Münchener Gefährten schon begonnen hatten, sah Maximin nur die vef trauteren Freunde Georges. Bei dem Zug der drei Dichter stand er al liebender Genius neben Dante-George, das Antlitz des Jugendlichen m 1 dem dunkelblitzenden offenen Auge von demselben scharfen Schnitt w> e das Antlitz des Meisters mit dem bläulichen Blitz des tiefen wissend« 1 Auges, beider Züge keinem Stamm der Deutschen besonders angehörend' wenn auch unverkennbar dem südlichen Raum von Rhein und Dona" entstammt, wo der Schwarze wie Dunkelblonde die gebräunte ttaut u r ' alter Züchtungen trägt. Bei einer zweiten Darstellung des Wolfskehlscbefl Maskenzuges sprach er gemeinsam mit Gundolf die beiden „Jung« ' in eine einfache blaue Tunika gekleidet mit dem Veilchenkranz im Ha af ' Auf andern als diesen stillen Feiern ist er nie gewesen und wenn heut Gelehrte und Pfaffen aus seinen Versen auf Dinge wie „Bekränzung ein 68 Weibes bei einem Fest" und Ähnliches schließen, so beweist dies nur, "' wenig sie davon wissen, daß die Wirklichkeiten des Gedichtes auf j«* e Lebensstufe andere sind und Jugend gerade äußere Tatsachen, die sie nie* 1 erlebt, als Sinnbilder eines inneren Erlebens aufnimmt. Bald darauf starb Maximin. Was der Dichter uns nicht offenbart ha ' wagen wir auch nicht zu enträtseln. „Maximin", so beschließt er seine **' innerung, „hat nur kurz unter uns gelebt. Gemäß einem frühen Vertrag d etl er geschlossen wurde er auf einen anderen Stern gehoben ehe seine GÖ* lichkeit unseresgleichen geworden war. Er zog dem farbigen mannigfache Geschicke des glorreichen Sterblings das erhabene stille Walten der Hin 1111 lischen vor. Schon seine Kinderjahre waren angefüllt mit sprengenden J e seitsgefühlen mit dem Kampf wider den Unnennbaren. Zu ihm wandte sich als dem Einzigen mit dem sich zu messen er für wert hielt, ihn bat um Prüfungen und Aufgaben und flehte als Lohn in seinen sehnsüchtig Nächten um das Schauen des heiligen Antlitzes. Als er erfahren hatte, « a Gott sich solchermaßen nicht eröffnen könne bot er ihm diesen Bund a so zeig dich mir im besten deiner sichtbaren Schöpfung! gib mir Leda Geliebte! Gib mir den großen Menschen den Meister! und wenn es wa ist daß hier jeder Bau fällt, jede Flamme lischt, jede Blume welkt: so ' a 316 'Wich einmal auf deine Höhe treten und dann von deinem Adler schnell entrissen werden! Und Maximin ging im rauschenden Frühling an der Hand der Geliebten ^urch die Gärten, die betäubenden Blüten schwellten sein Herz von Dank Uß d Lust und er sank nieder vor dem Kinde das für ihn geschaffen war und ^s er als Engel im eignen Spiegel sah., In dieser Frist seines vollen Er- Shihens durften wir ihm den Hintergrund bereiten, wir deuteten ihm die c hauer des Erdenruhms an und machten ihn zum heimlichen König unse- rer Feiertage. Dies aber war Maximins stolzester Abend als er unter langen es Prächen mit dem Meister durch die halbentschlafenen Fluren gegangen ar und dieser sagte während sich hinter dem Schloß eine weinrote Wolke r hob: Mein Maximin, was du mir entgelten wolltest ist reichlich zurückgeben. Mit Einem Satze hast du ein quälendes Geheimnis gelöst zu dem e m Buch und keine Rede mir den Schlüssel brachte: du hast über große isig e Flächen nun ein gleichmäßiges und wärmendes Licht verbreitet. Ich «asse dich als Schüler, nimm mich zum Freund! denn immer bleib ich Teil von dir wie du ein Teil von mir. Maximin hing sich in Seligkeit den Meister bevor er antwortete: Ich weiß nicht ob ich diese Wesen je e rde verstehen lernen die aus ihrem Wohnsitz sich eine Hölle bauen und r über sich Paradiese erfinden .. soweit mein Auge reicht seh ich nur iaz , ich habe die ganze Brust voll Glück und über jedes Ende hinaus "utt mir mit goldnen Flügeln Unsterblichkeit. ^ach diesen Tagen der Entzückung ging er von einem Fiebertraum in n Tod — so schnell daß wir nur auf ein gewohnes Grab starren konnten nd nicht glauben daß es ihn berge. Wir stürzten nieder in der dumpfen er zweiflung der zurückgelassenen Gemeinde, wir wanden uns in sinn- Set n Schmerz daß wir niemals wieder diese Hände berühren, daß uns nie- . als wieder diese Lippen küssen dürften. Da drang seine lebendige Stimme u Us und belehrte uns über unsre Torheit die ihn hier noch zwingen wollte { . uber den ehernen Fug daß in oberstem Adel die Notwendigkeit der hen Auffahrt liege. Damit gebot er Schweigen unsren selbsüchtigen r anen und Seufzern und erweckte uns für das neue Dasein, das wir nun mit ■« beginnen sollten. So steht er vor uns wie wir zuletzt ihn sahen: nicht de r eisigen unerbittlichen Hoheit des Todes sondern in der siegprangen- / n Glo r i e des Festes, geschmückt und mit dem Blumenkranz im Haar, u ln A bbild einsiedlerischen duldenden Verzichtes sondern der lächelnden ^ blühenden Schönheit. Wir können nun gierig nach leidenschaftlichen Ehrungen in unsren Weiheräumen seine Säule aufstellen uns vor ihm . e rwerfen und ihm huldigen woran die menschliche Scheu uns gehindert a ls er noch unter uns war". 317 Diese Worte entstammen der Zeit nach dem herbsten Trauerjahr, sie sin d schon Frucht des ertragenen Leides und im Sinne des Platonischen Wortes „Wer nach dem Schönsten trachtet für sich und den Staat, dem ist zu le>" den was er leide alles recht und schön" schon Ausdruck des schwerst« 1 Sieges über die dunkelsten Stunden. Als dieser Tod George traf war de f Bruch mit Schuler und Klages eben vorausgegangen, Feindschaft und Haß im engsten Lebenskreise aufgezüngelt, die Freunde in Frankreich Belgi e0 und England waren gestorben oder ins bürgerliche Leben eingegangen, di e Österreicher waren im Begriff dieses letztere oder Schlimmeres zu tufl> Waclaw versank fern in Trauer und Düsterkeit, die Norddeutschen hielte 11 fest aber dort wehte kein Schauer, in dem das Leben nach solchen Erschütterungen hätte atmen können. Überall brachen die Stützen ein oder böte" nicht Halt. Und erinnern wir uns des Widerhalls den die öffentlichen A* 18 ' gaben in Deutschland fanden: Hohn, Spott, Gemeinheit und Dummb"' schallte George und seinem Streben in der Heimat entgegen und dieVerleu« 1 ' düng im stillen tat ein übriges, sein Bild zu verzerren und zu beschmutze* 1. In diesem Augenblick brach das Schicksal mit einem Schlage auch d» e jüngste lebendigste Hoffnung. George hatte Kämpfe und Brüche drauße» 1 und den Widerstreit im eignen Innern bestanden da der eine mit ihm gi°£' wie sollte er weiterschreiten ohne ihn? Die Geschicke, welche in wenige Monaten über ihn hereinbrachen, waren schwer genug auch den Stärkste zu zerstören. Aber der Dichter stand und da er stand war ihm aU höchstem Glück und tiefstem Leid auch die lebengebende lebenerhöhen" Rettung geworden. Das höchste Glück: wenn das große Sinnbild und o e erhabene Gedanke, den der dichterische Geist aus den Sehnsüchten seltie , Volkes in die Sterne hob, wenn das Wunschbild, das die frühen Sagen u° alle Sprachgewaltigen in ihre Gestaltungen prägten und in die Herzen " e Deutschen senkten, wenn dieses Kind des Geistes in schlimmer Zeit u fl drohendem Untergang leibgeworden vor die Augen des größten Minn ef und stärksten Schaffers tritt, von ihm gehegt seinen Strahlentag begi n " und ihm die Gewähr gibt, daß sein Traum und der Traum der Väter wahr Sehnen und göttliches Versprechen auf die einstige Vollendung im Ta& und Lichte war, daß nun wo der erste Sohn der göttlichen Liebe im Fleis c gewährt ist, auch die tausendfältigen mitgeborenen Bilder zum Leben e wachen und auf Erden wachsen werden — das tiefste Leid: wenn der ka» 1 Gefundene, kaum Umarmte nach kurzem Erdenwallen in den Schatten ° Todes, in die Nacht des Nichtmehrseins hinabstürzt, das Erhoffte ve nichtet und aus dem Grauen des Alltags auch der Schein jedes mögl> cl1 Glückes gebrochen, in der Asche der Zeit auch der Funke des künftig Traumes erloschen scheint, wenn die Arme der Sehnsucht sich verzwe 1 * 3i8 am Hügel ermüden und dem verarmten Herzen auch der Brand der Liebe Und heiliges Wirken sinnlos deucht — die schönste Rettung, nachdem «as höchste Glück dem schmerzlichsten tiefsten Leide erlegen, das Leben durch den Tod gegangen ist: als Heiler und Gesunder auferstehen, zu sehen daß alles Gewesene wirklich bleibt, daß der strahlgewordene Sohn im eige- ne n Blute unverlierbar kreist, daß der tausendfältige Traum sich in unaufhörlicher Einung mit dem Entrückten erfüllen muß und der Zurückgegebene nun erst ganz der Gesandte seines Gottes und seiner neuen Bot- Sc haft geworden ist! So ging George aus der schlimmsten Not und dem größten Glücke ungebrochen und ohne Bruch hervor: im Dichter stand nicht der Zauberer 0c h Umstürzler sondern der Seher auf, der er von jeher war: er verkünde den Gott, welcher ihn von je berufen und geweiht hatte, er schuf am r denreich und Weltbild seines Gottes jubelnder weiter nachdem er ihn n menschlicher Verleiblichung erstmals angeschaut und umarmt hatte. *s er sich aus schwerer Trauer erhob war daher sein erstes Tun, von /^aximin Zeugnis abzulegen, ihm ein Gedächtnis zu errichten und den Kunden von seinem Bild und Leben Kunde zu geben. Hier erhob sich sogleich die Frage: wird einer von denen, die bei mir geblieben sind, noch ^'t mir gehen, wird einer von denen, die auf dem Wege zu mir sind, noch u mir kommen, nach solchem Ruf? Gibt es in Deutschland noch Herzen le an Götter glauben können, ja die das Schwerere glauben, daß in dieser ^ ei t Und in diesem Lande der Gott im Menschen verleiblicht worden ist? s gab keinen Zweifel über den Weg kein Zögern über das Wirken in ihm Sel bst, aber wie zuzeiten mußte der Seher gewärtig sein, seine Botschaft all . ■ Je m in den leeren Raum zu rufen, von den Spöttern verlacht und den Seien verlassen zu werden. Wir werden später zu schildern haben, wie tief as neue Geschehen in die alten Freundschaften schnitt, aber zunächst ging as Wort an die Mitlebenden und es blieb eine kleine Schar die ergriffen * Ur weil bei diesem jedes Wort in die Öffentlichkeit gesprochen war, eine j, * des Handelns, die George im ersten Jahrzehnt seines Wirkens gänz- ^ h f ern lag. Was Nietzsche bis aufs Blut peinigte, die Schweigsamkeit Üb welt > was ihn bis zur blinden Wut reizte, daß seine Stimme sich er steigernd zum Schrei, und seine einsame Qual zum Wahnsinn wurde, 325 das kümmerte George am allerwenigsten: für Lob oder Tadel aus diese* 1 Sphären hatte er nur ein Lächeln oder grenzenlose Verachtung. Erst jetz fühlte er die verwandten Strebungen in ihm und wie er für seine Artung schon in der ersten Blätterfolge das wundervolle Wort „Orator" prägte das ihn weder von der ästhetischen noch der philosophischen Seite, so«' dem vom Gesamtgeistigen, von seinem Lebenspathos her erfaßte, so sa* 1 George auch jetzt vor allem die Größe seiner Menschlichkeit, die Unbe* dingtheit und Unversöhnlichkeit seines Kämpferwillens und die Lauter* keit eines Geistes, der bis zur martervollen Selbstvernichtung sich j e£1 ausweichende und ausgleichende Lösung versagte. Er sah wie Große schon durch ihn gewonnen war. Nietzsche hatte in seiner unfruchtbare* 1 Vereinsamung und dem Übermaß seines Erkennerwillens die beiden Gruno gefahren des deutschen Menschen bis zur Selbstaufhebung offenbar g e ' macht. Sein Opfer gab dem Dichter den Weg zur Gemeinschaft und «e* staltung frei, die der Lehrer des Übermenschen und der Seelenforsche vergeblich ersehnen mußte, dem Dichter, den Nietzsches hellgesichtig eS Ahnen schon in „Menschliches-Allzumenschliches" so wunderbar u 10 ' schrieben hatte als „den Wegweiser für die Zukunft der wie früher o' e Künstler an den Götterbildern so an dem schönen Menschenbilde fo r dichten wird-------------Kraft Güte Milde Reinheit und ungewolltes ei**' geborenes Maß in den Personen und deren Handlungen: ein geebnete Boden, welcher dem Fuße Ruhe und Lust gibt: ein leuchtender Him«" e auf Gesichtern und Vorgängen sich abspiegelnd: der Geist ohne Ann 1 ßung und Eifersucht mit seiner Schwester der Seele zusammenwohnen und aus dem Gegensätzlichen die Grazie des Ernstes nicht die Ungedu 1 des Zwiespaltes herauslockend: dies alles wäre das Umschließende AI gemeine Goldgrundhafte, auf dem jetzt erst die zarten Unterschiede o e verkörperten Ideale das eigentliche Gemälde — das der immer wachsen den menschlichen Hoheit — machen würden". Diesen Nietzsche de Selbsttreue, des geistigen Stolzes und des hohen Ahnens, hielt Georg den feindlichen Anwürfen der Zeit entgegen, als er eben nach seine Tode stärker als öffentliches Ärgernis zu wirken begann. Im dritten und vierten Paar werden die Mächte von Heimat u fl Fremde, Kirche und Reich in großen Verkörperungen beschworen: h' spricht der Sohn des Rheines, in dem das eigne Leben und das des Vate lands sich ganz durchdrungen hatten und stellt die hohen Bilder der Ve gangenheit und Gegenwart als Spiegel vor die Schwächen und Fre v der Zeit. Aus den Trümmern der „Porta Nigra" steigt als Wiedererwe«" ter — darum dem Ingenium Schulers gewidmet — der niedrigste Röm e knabe und höhnt die Blutleere der entarteten Geschlechter, über die selb 8 326 «er verworfenste Schatten größerer Zeit zu herrschen verschmähte . . aus de n Ebenen von Mosel und Marne winkt noch einmal Francien herüber, dle alte gemeinsame Erde wo der Dichter am Beginn seiner Bahn fand, Was er in der Heimat vergeblich suchte, .. gegen die hohlen Schranzen Schon wankender Throne stellt er das Bild des letzten gotterfüllten Herrschers auf dem ältesten Erdenthron, des greisen Dichters und Beters, der n ° c h um die Macht der Seelenlenkung aus höheren Sphären wußte und aein hier das tiefste Wissen des eignen Erlebens in den Mund gelegt ist: »Das neue heil kommt nur aus neuer liebe" .. am Zorn über den Frevel er Grabschänder endlich, die aus Wissensneugier die Ruhe der Toten auf- ^ töf en und in heiliger Asche nach Belegen für ihre wesenlosen Akten stö- er n> entzündet sich der heldenhafte Zug unserer Kaiser und Kaisersöhne. Den Vergangenen aber und schon Entrückten folgen im fünften und ochsten Paar die Mitgeborenen und Zukünftigen, der Sicht auf die weiten 'atie und Ferngestalten die auf Geschicke einzelner und nächster, die mit- n im wimmelnden Getrieb der vielen dem Dichter noch Kunde gaben von etn Pochen edlen Blutes, unwandelbarer Hoheit und schweigendem Opfer- ute - Daß solche noch eben gelebt und für ihren Traum, für ihr Lebensetz gelitten hatten: der heldische Jüngling der für den Überschwang iner Hellasliebe den Tod durch eine Türkenkugel fand, die hohen Schweift, die die fürstliche Haltung schlichter Pflicht und schweren Schick- ls unwandelbar und schön bis in den Tod durch Dolch und Flamme tru- p n — daß solche noch lebten und für die Treue litten wie der Jugend- eun d, der seine tauglichen Kräfte gab solang sie dienten und dann wort- s ging — diese wenigen Tapfern und Adligen waren ihm Gewähr, daß ° c h der Saft im Stamme kreiste, dem er angehörte. Im letzten Gedicht die- er p aare „Die tote Stadt" wird der Abgrund der sich zwischen seiner Welt nd dem Zeitidol geöffnet hatte im Gegensatz der Felsenfeste und der Haftstadt zur Sinnbildlichkeit eines künftigen Vorganges gesteigert: wie ..en die schlichte gläubige unverdorbene Schar zu Kraft und Schönheit c hst und einst zum unerbittlichen Richter wird für alle, die ihr Heil im * ott erlosen Taumel der Gierden-, Stoff- und Massenhäufung sahen. George u ßte so gut wie jeder Klügler, daß es Orte solcher Sage nirgend mehr auf r den gab j a daß es bald nicht einmal mehr wie vor zweitausend Jahren s ker v on solchen Unterschieden in allen Breiten geben würde: aber das ln nbild hat seine Wirklichkeit über allen Tatsachen und seine Wahrheit e St woanders als in Ding und Stoff. Wenn es heute keine frischen Völker ^ ehr gibt, welche wie ehemals die Germanen das Blut einer sterbenden j. ^ erneuern und die religiöse Idee aufnehmen können, so ist die Mög- * e >t einer Verjüngung nur durch einen Menschen gegeben, der an die 327 Kraft der Verjüngung glaubt. Die Frage nach der Notwendigkeit einer solchen Kraft können heute viele tun nachdem Nietzsche sie bis in ihre letzten Winkel beleuchtet und erforscht hat. Aber keine Denkarbeit, kein logischer Satz vermag sie zu schaffen. Sie ist allein das Geheimnis dessen, der de* 1 Glauben hat, Leben verwandeln und erneuern zu können. Das Wie und W° dieser Erscheinung aber wird immer am Gegensatz der menschlichen Trager des Neuen und Alten sichtbar werden, und ob sich an einem oder an vielen Orten, ob sich einmal oder vielmal die Bewohner der Felsenfeste und der Hafenstadt einander entgegenstehen, immer wird es ein Ringen der wenigen gegen die Masse und ein Triumph des jungen Lebens sein. — So trat der Seher in die Zeit. Während Goethe an der großen Wende s« 1 ' nes Lebens zwischen den Fürstenbundverhandlungen und der italienischen Reise auf alles unmittelbare Handeln in die Zeit verzichtete fand Georg 6 ohne das Reich der Dichtung zu verlassen, den Weg zum Handeln in de 0 Kämpfen der Zeit gerade durch die große Wende seines Lebens, die keine Umkehr sondern die Vollendung seines dichterischen Wesens war. Es v/ af freilich keine Hingebung an Welt und Volk dieser Gegenwart sondern ein e herrische Wendung gegen sie mit dem Ruf der fordernden ja verachtenden Liebe. Denn „es gibt eine sklavische Liebe" sagt Nietzsche, welche sich unterwirft und weggibt: welche idealisiert und täuscht — es gibt eine göt*" liehe Liebe, welche verachtet und liebt und das Geliebte umschaf» 1 ' hinaufträgt". 5. KAPITEL: DER SIEBENTE RING • 2WEITE S BIS SECHSTES BUCH EORGE hat die Bücher des SIEBENTEN RINGES in Kreisen um &* Buch MAXIMIN geordnet, so schon durch die Ordnung andeuten 0 ' daß sie alle von der einen Mitte ausgestrahlt sind, daß der innerste Kern s' bedingt und bestimmt. Ob man die umschließenden Ringe sich durch die A^ Wandlung ähnlicher Gehalte oder durch Anspannung und Abspannung ° e gestaltigen Dichte entsprechen läßt oder in diesen lebendurchfluteten W° bungen noch verborgene Verhältnisse findet, immer schwellen ihre BeW gungen zur Mitte hin oder wallen von ihr ab, sind von der Sehnsucht % drängt, die nach der höchsten Erfüllung dürstet oder von der Erfüllung & tränkt, die schon ihre funkelnden Lichter über Stern und Tiefe sprüht- *• ist die gleiche Seele noch die jubelnd und leidend zwischen Gestirn und A grund schwingt, aber das sichtbar gewordene Geheimnis hat ihre Ausma verwandelt und verborgen schlummernde Kräfte mit ins Wachstum g efI 328 Set i: die Höhen und Tiefen sind gewaltiger geworden, aber der Flügelschlag Süchtiger zugleich und leichter, die Weiten zu durchmessen. Alle Gebiete, Welche in den früheren Werken erobert werden, überfliegt der gelöste Flügel noch einmal als sei es nötig nochmals alles aufzurufen was nicht berührt ar > was fraglich und umdunkelt was lebendig und tauglich war: nichts Ur fte nach der geheimen Vereinung des einen im andern draußen, nichts ^durchdrungen bleiben. Der selber Welt gewordene Geist des Dichters *°t aus allen Seelengründen vollere Schätze empor: eine heißere Leiden- c »aft umwirbt das Geliebte, eine größere Glut umtaut das Widerstrebende, ein kühnerer Griff umfaßt das Gewonnene. Vom SIEBENTEN RING aus gehen überwiegen in den vorhergehenden besonders den mittleren Werken le gedämpften Töne, die leisen Klänge, die zarten Farben, die milden Düfte a Geräusche und vor allem die ruhigen Gebärden und gemessenen Bewegen und bis zu dem Bau der Versmaße, den seltenen Einschnitten, den lc hmäßigen Tonstärken und den klingenden Reimen herrscht eine schwe- de Gesamtbindung vor, in der auch die schwersten Erschütterungen nur gehaltenen Formen schwingen. Die aufgespeicherte Dichte der Verse ließ e r Verhaltenheit die unheimlichen Spannkräfte dieser Seele ahnen, aber st im SIEBENTEN RING brechen sie wie aus eisernen Fesseln gelöst in g er ganzen Mächtigkeit vor und überraschen nun durch die Freiheit und Vve glichkeit, mit der sie das Wuchtige spielend, das Zarte mit leichterer •fiut bewältigen. Nirgends überherrscht auch jetzt die Gestaltung ein un- j c Wormter Stoff und alles was erscheint ist sinnerfüllte und sinnerfül- ^ de Schönheit sprachlicher Gebilde. Aber die Liebe spricht brennender, r Zorn versehrender, der Ton wird hallender und die Gebärde wächst bis £. ^ aiT >pfstoß und Taumeltanz, das Versmaß scheut nicht mehr den steilen , nh alt, den Stoßtakt herber ja harter Schrittmaße, Frage und Ausruf vom zen Wort bis zur Steigerung im strofenüberwölbenden Satzgefüge. Die- Erweiterungen und Erhöhungen der Tonstärke entsprechen wie schon y deut et in nicht minder reicher Fülle ihre zarteren Abschattungen und einerungen, aber auch diese sind aus der Ebenmäßigkeit des Aufbaues jy au s der verhaltenen Umschlossenheit gelöst, reden unmittelbarer mit n j f Und ** ild zum Herzen und so entstehen neue freiere Strofen von hym- c e r Erhabenheit wie liedhaft hingehauchter Schlichtheit. gu n »Gestalten" wird vor allem die Steigerung der Raum- und Beweist 8smaße deutlich, weil die Darstellungsart, das Herausformen körper- ^ er Erscheinungen von einzelnen, von Paaren und Gruppen uns die re n\!r dCr Kam P f P lätze > die Größe der Gebärden und das Gewicht der inne- ]j c , ass en sichtbar vor Augen stellt. Es sind mit einer Ausnahme männ- e stalten von oft michelangelesken Ausmaßen oder von übermächti- 329 gen Trieben geschüttelte Gruppen, die uns hier entgegentreten, und derd 1 Tun und Dulden rein männliche Spannungen betrifft, welche alle nicht > fl der sehnenden sondern heldischen Sphäre des Eros, auf dem Gebiete des Wettstreites liegen, und nur vom Mann her, der sich an seinesgleichen miß" begriffen werden. Von den einfachen Gestalten der noch knabenhaften H el ' denknospen, aus deren Schönheit und Gewandtheit, Frömmigkeit oder ein* samer Abenteurerlust die künftige Größe scheint, bis zu dem Herrscher W* 1 " ter Geschicke, von den hohen Kämpferpaaren, die miteinander im engste Kreis um Selbstbehauptung und Ehre ringen bis zu den Bünden der g el ' stigen und heldischen Streiter, die eine ewige Pflicht oder ein auserwählte Führer ans Werk der Gemeinschaft fesselt, treten hier die Menschen hoch' sten Adels in den dichterischen Raum, wie der Gott sie fordert: aus Kra 1 und Schönheit geformt, von der Gewalt unwandelbaren Schicksals getr a ' gen, die Geringeren dem Größeren pflichtig, die Ebenbürtigen auch üt> e alle äußeren Stufen hin das Gleichgewicht anerkennend und Führer w" e Folger in der Gegenseitigkeit des Nehmens und Gebens die unerschöpfli 0 * 1 Kraft der Einung fühlend. Zwischen diese Gestalten des schönen Leb« 11 mischen sich die der Kehrseite des Daseins, die Verdreher und Verführe f ' die das Gesunde im Häßlichen, das Heil im Zerfallenden, ja im Widerwa r tigen suchen und in der verlockenden Scheingestaltung die Säfte verbra chen, um s i c h zu erhöhen und sich zu genießen solange das Trugt" dauert. Sie sind als Gegenbild der eigenen menschlichen Einheit des D» c ters in der leiblichen Erscheinung des wissenden Verführers und groß Betrügers zusammengeballt, der um die Verlockung der Schwächen duf die scheinhafte Fülle, um die leichte Verkehrung von Verfall und W» ct1 ' tum weiß und lauernd hohnlachend mit Riesenschritten durch die Völ* geht. Das frevelhafte Spiel der Ausbeutung der Erdschätze, das Wirtscha ten auf Verschuldung ganzer künftiger Geschlechter, der Glaube an die U ei schöpf lichkeit der Stoffe, der Schein der Wohlfahrt und glückhaften Z el das Unmaß des Stolzes auf gottloses Wissen — alles ballt sich im „Wi dc Christ" zu apokalyptischer Einfachheit und Größe. Der Dichter hat einige Gestalten seiner Welt und Gegenwelt mit volkstümlichen und geschichtlichen Benennungen des christlichen Alt überschrieben, aber ihr Gehalt und Gegensatz ist nicht mehr von dort her stimmt. Die christlichen Wertungen des Gut und Böse waren erloschen, s der lebendige Glaube an den überirdischen Ort des Gutes und den unten r sehen Ort des Bösen aus den Seelen verschwunden war. Nietzsches „J seits von Gut und Böse" hatte nur in die Helle der Erkenntnis gerückt, ^ ^ in der Schwäche der Gläubigen schon offenbar war. Nach der Erschöpf 0 * des ungeheueren Gegensatzes von christlich-jenseitiger und antik-dieSS e 330 Ser Weltsicht in jahrhundertelangen geistigen Kämpfen und gewaltigen rschütterungen der Völker hatte die siegreiche weltliche Gesellschaft ihre nnere Spannung verloren, neben dem erlahmenden christlichen Gottesglau- e n lagen die Trümmer eines vergangenen Götterglaubens, den keine Glut atte wiederbeleben können. Der Zweifel an einem göttlichen Sinn des Le- e ns war in alle Herzen gekrochen. Es gab für die Menschen kein Hier und Ort der Wertungen mehr, Trug und Wahrheit waren vertauschbar, Gut n d Böse Spiegelungen der Einsicht, Gleich und Ungleich, Frei und Unfrei jjnicksallose Verhältnisse der Willkür geworden. Die Bemühungen der en ker, einen obersten Wert zu retten, Grade der sittlichen Tugenden er Werttabellen der seelischen Eigenschaften herzustellen, zeigten ent- e der den verzweifelten Willen an, dem Sinnlosen zu entrinnen oder die ^schwächte Kraft, die tiefe Not des Geistes auch nur zu fassen. Der Dich- r aber stellte keine Tafeln auf, er schwieg vor der unerbittlichen Notwen- Skeit bild- und namenloser Göttlichkeit und wirkte in Werk und Leben s die inneren Gesichte schenkten, nur der einen dunklen Stimme des Ewi- e n folgend, die sprach: Ich will! Ihr sollt! Als dann die Wende kam und am gefährlichsten Punkte seiner Bahn die Verleiblichung all seines nens und Bildens entgegentrat, stellten vor diesem unverrückbaren Maß be jahten Bilder seiner Weltschau sich heller ins Licht und sanken die r «einten tiefer in den Schatten. Aber sie sagen nichts aus von Gut und Se ' Sünde und Sitte; sie wirken ihr neues Hier und Dort mit der Un- uld von Erd- und Himmelsmächten durch die Gewalt ihrer Erscheinung q _ tr agen ihren Sinn und ihre verwandelnde Kraft in der zwingenden ° ße ihrer Bewegungen und der hinreißenden Kraft ihres Atems. , ° steht am Beginn der Lichtstreiter siegend gegen den Dämon des Dun- s al s Sinnbild des immergleichen Kampfes des leichten strahlbewaffneten ■stes gegen die dumpfe scheinbar unüberwindliche Macht des Ungefü- n > so brechen am Schluß die Erdhelden, die lang verborgen Genährten an t Wende der Zeit durch die erstarrten Gefilde und werfen mit den Schwer - die Brache um. An jugendlichem Spiel und Traum lehrt uns George ünftigen „Führer" erkennen, an vier großen Paaren die Schicksalfra- auf den Höhen staatlicher und geistiger Herrschaft. Sie sind beladen der Wucht seiner eigenen Lebenskämpfe und rufen die Namen der dichte Sc " e n Frühzeit noch einmal auf. Der Träger des Erbes und uralten Geck '*' ein e heute schon verschollene und kaum mehr begriffene Grundart f e ° ni S«chen Menschen, an der einst die Völker mit tausend Opfern schu- Jf ' Steht neben dem „Minner", der alles Sinnen und Sehnen in Feier und **e"t Verströmt und die ganze Glut seiner Liebe opfert, um das Göttlich- re Selig-Verschwendende in der Mühsal unseres Erdentages zu erhal- 331 ten. In „Manuel und Menes" ordnet sich der schon gereifte Führer auf d ei Höhe der Bahn dem jüngeren unter, in dem er an der größeren Kraft zug c ' borener Gaben den Höheren erkannt hat. Er gewinnt durch diese fruch*' bare Selbstüberwindung den Stärkeren, der ihn wenn nicht als Gleichg e ' ordneten so doch Gleichgearteten begrüßen muß und schafft so den ein 2 '' gen Boden für die gemeinsame Tat. Dieses Gleichgewichtsverhältnis vo" Herrschaft und Dienst ist in „Algabal und der Lyder" in der äußerst« denkbaren Spannung dargestellt: Der gänzlich Machtlose, gänzlich Ufl' gleiche rückt durch sein Selbstopfer in die ersehnte Nähe des Mächtigst 6 unnahbar Fernsten, er zieht damit den Kaiser in seinen dämonischen Kr el und zwingt ihn, das verächtlichste Leben des Knechtes in sein Leben a u zunehmen, es feierlich zu ehren und neben seinem strahlenden Na« 1611 sichtbar zu machen. Wie hier in der Spannung der Fernsten vollzieht si c im „König und Harfner" ein männliches Schicksal in der engsten Gernei n schaft: Dem allzu leichten Spiel des Sängers, der Werk und Tat mit sein en1 Wort begleitet, hält der König das grausamharte Antlitz des wirklichen G c ' schehens entgegen, Mühsal, Blut und Sorge seines Herrschertums: ° e Groll des Tätigen blitzt auf gegen den Beschaulichen, der Haß dessen ° e in Leibern und Geschicken denkt gegen die spielerische Lust ihres Wi" e halls im leichteren Stoff. In den weiteren Gestalten wird das Tierhaft-Göttliche und Dämonis 0 durchformt und vergeistigt. Nicht nur in Höhen und Hallen auch n* Scholle und Tier und unter der glühenden Sonne der Arbeit und Ernten ' e der Mensch Georges sein blühendes Dasein, und mögen nötige Stufen droben und drunten trennen, eines, der Rausch des Blutes, so weiß der D ,c ter, ist gleicher Art und einmal, wenn das segnende Gestirn für alle Zepter dreht, müssen die Höhen und Tiefen sich einen und der gemeinsa Taumel die Leiber mischen. Ja dort auch wo das Licht schweigt, die St° zerfallen und das Widrige in Dunstund Moder aufquillt, auf der schauer v len Grenze wo die Säfte zwischen Fäulnis und Wachstum, die Gebilde 2 j b e ' sehen Tod und Schemen stehen, treibt menschliche Art ihr Wesen uno hauptet ihr Recht von Pfuhl und Schwefel her. Die „Hexen" wie der » derchrist" nehmen ihre Macht aus der Schwäche der Welt, die sie gv° l der Dichter ballt sie ohne Urteil als menschliche Wesenheiten und s ciflfl zwischen beides die „Templer' und „Hüter des Vorhofs" als die ewigen* 3 bilder der wehrhaften Wächter und Streiter, der geistigen Sucher und W rer des Lichts. Wo jene vertrocknen und verstocken stoßen diese alles Tr und Halbe, Matte und Überzüchtete auf: sie kennen keinen Dienst als Erweckung und Hütung des heiligen Feuers und finden ihren Lohn nU r Tun, dem keiner dankt. Ob ihre Bilder von mittelalterlicher Schwerte 332 e inschaft oder antiker Tempelgemeinschaft genommen sind, wir fühlen eutlich, daß unser eignes Blut in ihnen kreist, daß der Dichter aus der e >rnkraft seines Volkes noch Sehnbilder in die Zeit gebären konnte, die ac h leiblicher Verwirklichung drängen. Sie werden verheißen in der Ge- a " des jugendlichen Helden, der die Unterworfenen zu seinen Füßen wingt ( sie werden bestätigt im gegenseitigen Schwur der Gefährdeten und kernten mit dem siegverkündenden Führer. 1 räume die schon verloren, Kräfte die schon verzehrt schienen hob die e ^alt des Einen wieder ins lebenwirkende Wort. Mit welchem Anspruch CUer Erdenseligkeit hatten die Dichter, Denker und bildenden Künstler er Jahrhunderte der Wiedergeburt den Zauber der sinnlichen Welt den ^blassenden Jenseit-Himmeln entgegengestellt! Das Licht war ihnen das c «en des Himmels und aus lachenden Sternen fühlten sie mit Marsilio c mo wie aus Augen göttlicher Wesen die zeugenden Strahlen freundlich fröhlich in die Samen aller Dinge fahren: die Liebe war aus überirdi- e n Sphären wieder in die goldenen Wunder der neuentdeckten Leiber, w achse und Steine eingekehrt und hatte den blauen Ozean des Himmels die immergrüne Herrlichkeit der Erde für neue Freuden geweiht. Aber aem absinkenden christlichen Weltbild verwandelten sich die strahlen- p Gesichte der Erneuerung: an die Stelle Gottes trat die Natur, dann das Se tz dann der Stoff und dann die Formel, die Welt die in der Renaissance zauberisch-dämonisches schönes Geschehen war wurde erst eine har- 0t iisch-mathematische Ordnung, dann ein Zufallserzeugnis von Kraft und oflE aus Stoß und Druck dann eine zwangsläufige Entwicklung und dann ne B ezüglichkeit berechenbarer Vorgänge. Wir haben hier nicht zu zei- lu' Warum unser Geist bis in die letzte Hölle der Entseelung und Entgött- u u ng des Stoffes sinken mußte, genug daß es geschah und daß der Glaube b Se rer Jahrhunderte an irdische Schönheit und Größe in nichts zu zerstic- , n drohte, als der Seher-Dichter kam und mit der unbeirrbaren Gläubigst Q * seiner Schau die Wahrträume der Künstler und Denker vom Wunder ^ s mnlichen Welt ins neue Leben hinüberrettete. Das undurchbrechbare .j, nke l. das in den „Traurigen Tänzen" und den „Liedern von Traum und ^ noch um den schmal belichteten Kreis seiner Welt lag ist in den „Geck- Cn " des SIEBENTEN RINGES aufgehellt und e i n Göttlich-Alldurch- ^ ln 8endes, e i n lebendiger Sinn der Dinge beginnt noch umschattet und ^ernd aber unaufhaltsam alle Räume zu durchstrahlen. Wie in jeder der «stalten" eine menschliche Art zur höchsten Selbstvollendung in ihrem ^ r aum strebt, so ringt in jedem Gedicht der „Gezeiten" die Liebe um Ut J höc hste Selbstvollendung im Geliebten und zieht Leiber und Sterne lutI >en mit in ihre glühenden Geschicke. Alles Werben und Gewähren 333 vom Hauch des Mundes bis zum Taumel der Wollust, alles Verkennen und Versagen, vom stummen Abschied bis zur verzweifelten Härte erhält h«e r sein heiliges Recht, spiegelt seine schöne Unerbittlichkeit in den Elerne"' ten des Himmels und der Erde und nie ist selbst im Wunderwald der deut' sehen Dichtung die Beseelung der Natur, die Verschmelzung von Mensc 11 und Landschaft so tief gelungen wie in den Landschaftsbildern der ,,Gez e1 ' ten". Die leidenschaftliche Liebe will für ihre brennenden Dränge in» 116 höhere Erfüllung, für ihre unstillbaren Dürste immer volleren Trank au dem Becher des Jahres. Wie im Gedicht „Der Spiegel" das Unerfüllbar der Träume und Wünsche selbst ins Bild verfangen ist, so durchzieht di ganzen „Gezeiten" der Wechselpuls zwischen seliger Gabe und erneute Sehnsucht, zwischen tiefer Einung und bestürztem Weichen vor dem Z u ' Wenig, zwischen jubelndem Dank und schweigendem Schmerz um die TäU schung des Glückes. Aber all das ist ganz bejaht, ist Sinn des schönen AH ' ist Geburt und Erscheinung dessen der im „Lobgesang" verherrlicht is t- der Herr und der Sänftiger, Eros und Dionysos in einem Bilde und d° c keine Wiederberufung dieser antiken Gottdämonen sondern die Ersehe'' nung der leidenschaftlichen Blutgewalt unserer Menschheit in ih fe ewigen Formen und Eigenschaften: ihrer Schönheit und Härte, ihrer Zar heit und Grausamkeit, ihrer allmischenden Stofflichkeit und süßen Sühnufe' Es bezeichnet den weitesten Abstand des SIEBENTEN RINGES von del1 früheren Werken, daß in den „Gestalten" und „Gezeiten" zum ersten W-* die Namen göttlicher Mächte erscheinen: „die große Nährerin" „der H e der Fackeln" „der Herr" und „der Sänftiger". Es ist das Zeichen des « schehens, für das die Schlußzeile der „Templer" die Deutung gibt: Die V« gottung des Leibes und die Verleihung des Gottes. Seit Meister Ekkebar aus der Erweckung platonischer Sichten vom Vergotten des Menscher» & sprochen hatte war Wort und Vorstellung langsam verschollen. Nun taU c es nach langen Jahrhunderten mit unheimlicher Leuchtkraft wieder auf u führt jahrtausendelang Getrenntes: den Leib in den göttlichen, den ** in den leiblichen Bannkreis zurück. Die Einheit des Göttlichen und MeO sC liehen die die Wunderaugen des deutschen Mystikers erschaut und tffl nersten ganz entsinnlichten Seelenraum wieder erzwungen hatten, riß s benhundert Jahre später der deutsche Dichter in die leibliche Gestalt, als Glaube an Gott und Seele erloschen war. Ein der antiken Gottleiblicr» K tief Verwandtes und doch tief Unterschiedenes trieb hier aus deutsch fit' Geiste empor: während jene ein Seiendes, eine ewige Gegebenheit war, hüllt der Templerspruch ein Immer-Neuentstehendes, einen WechseW ' gang zweier Pole, die auf ihren höchsten Spannungspunkten die Ein auslösen. Dieses eigentümlich deutsche Moment der poligen Kräftewir* 334 Wischen Göttlichem und Menschlichem hatte Ekkehart von der empfäng- lc hsten Wesenheit des Geistes her gesehen: als notwendigen Einstrom ^°ttes in die von allem entblößte Seele. Bei George erscheint es als zeusende Wesenheit des Geistes: als männlich-heldisches Bestürmen und Wer- e n der großen Nährerin, daß sie die getrennten Kräfte wieder binde und fe"e. Als unfaßbare Schauer durchwallten sie bis dahin Leben und Werke es Dichters, hier und da eine überkommene, seltner noch eine bildlos-all- ■^spannende Bezeichnung sprach vom Göttlichen, das Leib und Ding f chwehte und als schön erscheinen ließ. Nun erst fand er für die unbe- Usten und unbenannten Mächte erste Benennungen, erste zarte Um- r eibungen ihrer besonderen Wirklichkeit: das Ewige war wieder sag- ar > faßbar in Wort und Namen. *r*t mit der Vereinigung mit Maximin fällt Licht auf die dunklen Ur- r Unge, verdichten sich die unerkennbaren Mächte zu hellen Erscheinun- und erwachen für die ewigen Götter langsam die Namen eigner prac he und eigner Welt. Alles Wissen um göttliches Wesen mußte für Ge- & e Unsagbar bleiben, bis ein lebendiger Menschenleib sein göttliches Ge- s . nt umfing. Der Mensch, der sich und die Welt entgöttert hatte, mußte als Geschöpf und Schöpfer Gottes wiedernehmen und mit seiner voll- menen Schönheit bestätigen, daß das Göttliche schön und das Schöne [ "' Cn sei. Mit dem Ereignis Maximin kehrte der Mensch, der vom ver- e nen Jenseits in ein entgöttertes Diesseits gefallen war, wieder in sein fül tliches heim und trat in die M itte der sichtbaren Welt: von ihr ganz er- Kta Und Sich in ihr ganz erfüllend - Nun erst schlössen sich für George die jy Uf te zwischen Himmel und Erde, ewigem Sein und zeitlichem Wandel. e ser Bildner konnte nur Genügen finden, wenn ihm die schönste Gestalt, », Ser Minner nur eine Stillung seiner Sehnsucht, wenn ihm die höchste U'rt dieser Seher nur eine Sättigung seiner Schau erfahren, wenn all sein {> ensc haftliches Drängen einmal im Glück der innigsten Nähe, einmal im Wah SCh det entr ücktesten Ferne erschauern durfte. Dies wurde ihm so ge- rt w ie wir erzählt haben, daß er das eine nur um das Opfer des andern U e , ngte: daß er den schönsten Freund seiner Erdentage, das Glück der j, e Uden Nähe verlor um in der Sehnsucht nach dem Entrückten, im Go^ S ° h der Fer nen-Liebe die ganze strahlende Vergegenwärtigung seiner faß t tS ? hau 2U gewinnen. Das mittelste Buch des SIEBENTEN RINGS um- s el , dle Gestaltung dieses Geschehens, ist als Gestaltung dieses Geschehen 1^'jJ s Sibt im Menschen auch ein Dienen wollendes", sagt Goethe. Der vol- d e ens chlichkeit Georges konnte auch dies nicht fremd sein und von Lf -GENDEN bis zum TEPPICH DES LEBENS sehen wir, wie dieses 335 stolze Haupt sich immer wieder vor Geliebtem neigt, wie dieser herb e Mund immer wieder hinaufbebt nach einem höheren Wesen und sich nie» 1 genug tun kann in ausströmender Hingabe. Aber freilich auch das sage die Gedichte wie seinem Sehnen nie genug getan wurde: Der Knabe n° die Meister der sanften Lehre, der Pilger will vor der „Herrin" noch di ■ At Leier zerschlagen, der Kaiser sendet auch die reine Priesterin heim, J e ° verzehrende Liebe zu Frau und Freund endet vor der Flamme einer höhere Liebe in Enttäuschung und Verzicht und selbst der „Engel" konnte de letzten Schatten der Einsamkeit nicht von dieser Seele wehren. Weihe un Segen des schöpferischen Geistes waren seit Beginn der Bahn auf in herabgetaut und hatten ihm die Kraft zu immer neuen größeren Entfa tungen seiner Seele gegeben und überall auf diesem Kultgang des schön« Lebens hatte er selbst das Verborgen-Göttliche in den Gestalten und » scheinungen der Welt mit den Bildern der Ehrfurcht und Lobpreisung ulT * stellt. So war er ein solcher geworden, der sich nur an den Größten n 13 und auf steilster Höhe stand: wie sollte wer diesen Stand erreicht hatt i den Herrn finden, dem er ohne Verletzung der Würde ohne SelbstverleüS nung dienen durfte? Die drei ersten Gedichte des Mitte-Ringes geben die Antwort: währ en das zweite noch einmal alle Qual des vergeblichen Harrens bis zum * a drohenden Trotz aufruft, verkünden die beiden andern die Ankunft sein Gottes in letzter Stunde vor dem Sturz in die Nacht. Schlicht und rein on Erhebung der Stimme tauchen die Worte aus dem verjüngenden Q u empor und preisen den verwandelnden Strahl, der von dem einen dur alle Dinge dringt und Luft und Erde zu neuem Blühen weckt. Alle Zwe» lichtloser Tage, alles vergebliche Suchen in dunklen Bereichen alles " e tt AC* kennen der immer gegenwärtigen Liebe brennen die „Erwiderungen göttlichen Stimme aus und weisen hin auf die Zeichen und Boten der J an die sich nun erfüllen im höchsten Wunder der Vereinigung seines irdis c11 und himmlischen Traumes. Dann erst wird die Trauer laut um den & 1 gang des Geliebten, in dem er seinen Gott erkannte und sah, aber auch schon gebändigt durch das höhere Gebot der Verkündung des Wu 11 "' der Botschaft dessen was nur im Abschied sich ganz enthüllen konnte- geschieht es in den Gedichten „Auf das Leben und den Tod Maximins' • v Seher tritt in ihnen aus dem inneren Raum der Begegnung zu denen seinen Weg begleiten, die wie er von dem furchtbaren Hauch einer ^ seelten Welt getroffen, wie er in Scham vor früherer Menschenglut Größe errötet waren, und ruft ihnen jubelnd die erlösende Kunde zu: Preist eure Stadt die einen gott geboren! Preist eure zeit in der ein gott gelebt! 336 Der Alpdruck eines ins Ungeheure anwachsenden Verderbens der Erde "d des Menschen wich vor der stärkeren Gewißheit, daß mitten im toten a userwall der großen Stadt noch heiliger Ort entstünde, wohin den Besten "nürchtigen Schrittes zu wallen lohnte. Noch mischt sich in diesen Gelten die Erinnerung an die leibliche Gestalt, die unsere Erde geliebt hat, lt dem glorreichen Bilde des Göttlichen, das in ihm verleiblicht war, aber be r die trauernde Sehnsucht ruft der Dichter zum höheren Amt: den Un- er welklichen auferstehen zu lassen und seinen strahlenden Namen in das " er nenland" zu tragen, das er zuerst mit ihm gesehen hat. Auch dieses er nenland wird unserer Welt und Erde sein und das neue Gestirn, das ÜI * das Wort des Sehers heraufführt, enthüllen die „Gebete" als den dem lc ht und der Welle dem Leib und dem Blute eingeborenen Gott, der ist a immer neu erscheint, der hier wandelt und ewig zu sich selbst zurück- ftr t. Daß er in Maximin zuerst sichtbar und von George zuerst gesehen r de, ist das beglückende Geheimnis, das kein Deuten enträtselt und n n die drei; letzten Gedichte die Einung beider in ihrer ganzen Innigkeit ~ Tiefe nennen, die Verwandlung des Schöpfers in das Geschöpf seines n es, die Gewißheit seiner Wiederkehr und seiner Gegenwart im schön e 'teten Erdengarten, die Entrückung des Sehers in das ewige Licht, s Püren wir auch in diesem weitesten Auf- und Niederwallen der gemein- ^en Kräfte den heilig festen Sinn des neuen Lebens: Nachdem er sich nz an sein göttliches Du hingegeben hatte konnte er in der „Einver- Ung" unbesorgt den Flug ins All des Ewigen wagen, das er in jenem schlössen wußte, ohne den Sturz des Ikarus fürchten zu müssen. Es war ln Allrausch und keine Erlösung, keine Selbstvernichtung noch Entblö- k„ n 8 mehr sondern blieb ein Schreiten auf festem Grund. Noch in der s j^sten Entrückung des Geistes schwebt der Dichter auf flugsicheren fingen, kreist er ohne Schwanken im gestaltigen Raum. Georges Hin- ^ e an das Himmlische ist nicht ein Aufgeben sondern ein reicheres Fin- ^des irdischen Selbst und noch das fernste Licht spiegelt sich im Wort. le Dichtung ist die geheime Urzelle unseres weltlichen Lebens und s diesem seit Jahrhunderten zugewachsen ist, haben die Dichter Sch° ° der bewanrt und durch Sturz und Trümmer im lebendigen ist atZ Unserer Sprache für die zukünftigen Geschlechter aufgehäuft. Sie der unantastbare Ruheort nach allen Geister- und Götterkämpfen, und ^. " x r aumdunkel" hat George nach den Spannungen, welche die vier ersten si ge e nthalten, diesen Frieden der ungestörten Klänge noch einmal ver- £. nb ildlicht. Er kehrt hier in die innere Zurückgezogenheit ein, wo der Utl ^ er al lein im freien Schweben weilt, wo er Erinnerungen Märchen und Träume ballt und in selig-unseligem Spiel mit dem Menschlich-Immer- 337 gleichen schaltet. Bestimmbarer Ort und Zeit, bestimmbare Person und Geschichte schweigen im Traumwald und die täterischen Dränge und Widerstreite lösen sich im reinen Reich der Töne und Lichter in Schwer' mut und wunschlose Wehmut auf. Eine urtümliche Wesensseite des dich' terischen Geistes, das Versonnensein, das Umsponnensein vom Märchen- dunkel entfaltet sich blumenhaft und spielt mit den harten Dingen und den bitteren Zwängen wie mit goldenen Bällen. Gedenken und Sehnsuch ballt die allverwandelnde Freiheit seines Zauberstabes zu Wesen und E f ' eignissen, in deren dunklen Spiegeln die Seele dämonisch ihre „Ursprünge aus der römischen und katholischen Welt, ja noch aus dem ungeforrnte 11 schlechthin ahnlosen frühesten Jugendtraum mit den Jubellauten der kind' liehen Dichterzunge heraufführt.. die Wunderlandschaften der trunknefl Minne, die Rosengärten der Uberhohes fordernden wie der allzu lässig 60 Liebe, wie wir sie schon aus dem JAHR DER SEELE kennen, ziehen noc» 1 einmal in tieferer Tönung vorüber. Aus dem Ringen der Luft- und E fd ' geister, den Feiern zukünftiger Söhne, der schrankenlosen Hingabe an de« 1 Ewigen, aus den Gebeten der Verzweiflung und der Ergebung in fremde 11 Tempeln jauchzt und klagt die einsame Stimme, um nichts bekümmert, al ihr heimlichstes Glück und ihre verschwiegenste Trauer hinauszusing e und kehrt dann mit einem vollen Harfenton aus dem dämmrigen Zuflucht ort wieder in die Helle unseres Tages, führt die weiten Entzückungen un Träume wieder in unsre eigne Brust, die Fernen wieder ins eigne Lan und Volk zurück und schließt mit dem Lobgesang auf Stern und Blu 01 als dem ewigen Sinn des Dichtertums. Der Gott, den George verkündet, ist Mensch, ist menschliche Erscheinung des schönen Alls. Ist aber der Mensch göttlich so sind es auch die Ding der Welt und das Schönsein ist für George das Siegel ihrer Einheit, » n lebendige Wechselmacht zwischen Ich und Du, zwischen Liebenden u Geliebten. Von leiblichster Nähe bis zu geistigster Allferne ist der G° im Menschen beschlossen: wie gleicher Stoff die Erde und Sterne so bin , gleicher Geist die Erscheinungen und Namen und wir sind Gottes ^ Gott unser ist. Von diesem gottmenschlichen Wunder, der Liebe im Sc« 1 nen, dem Schönen im Lieben singen die LIEDER und wollen Welt u Winkel mit dem neuen Licht durchströmen, das sich dem Menschen Menschen offenbart hat. Nicht der Kämpfer-Führer, nicht der Gestalter u Seher spricht hier aus George sondern der liebende und leidende Men s auch der Schutzwall dichterischer Träume ist verlassen und die Gesch» seiner Tage und Nächte äußern sich unverhüllt in diesen leiszitternden herbklirrenden Weisen, die Lied und Hymne in einer unserem Schrift noch unbekannten Bindung verschmelzen. Seit Dante ist Weltengang 338 Schicksal der Liebenden, seit Piaton Sternenschicksal und Macht der Schönheit nicht mehr in solcher Einheit gefühlt worden wie im „Vorklang". 111 Ton dieses Anschlags schwingt die Harfe weiter, kaum hingehaucht r uhrt sie mit dem zartesten Werben an die Bilder des Vorfrühlings und st °hnt mit Sturm und Woge um das Unerreichbar-Geliebte, bis sie im c «weigenden Verzicht vertönt. Aber der düstre Schauer der Heimatlosig- eit > der in den „Traurigen Tänzen" aus seellosen Höhen fiel, der hoffnungs- ° Se Stolz des Endes, der in den „Liedern von Traum und Tod" verklang, st aus diesen Bildern der Natur gewichen. Auch die unfaßliche Todmacht at ietzt Gestalt und Namen gewonnen als „der strenge Fürst des Endes" . er uns lächelnd entführen kann. Auch er ist einer von den Göttern und tn Wesen nicht unterschieden von den holden Knaben, die aus Fries und f ne wieder tanzend in die blühenden Wiesen steigen. Die tröstenden oder drückenden Bilder erscheinen alle in der reinen Luft, die das neue Ge- ei *nnis verwandelt hat: als seien die mythischen und geschichtlichen c «leier der frühen Jahre unter dem Anhauch des Gottes verweht, sehen * r Ufer und Schlucht, Park und Haus leibhafter fühlbarer in unseren Auen 14 der tiefen Mahnung des Gedichtes „Die Schwelle": über dem Fernen d Möglichen nicht die lebendige Nähe, das schöne Jetzt und Hier zu Räumen. Was „unserem tag erstarb" ist keine Lockung mehr für dieses inende Herz, und aus den Klüften der Berge wie den magersten Fluren Se res Landes dringt der Ruf des einen zu ihm, der ihn von früh auf trieb, ^ e m die letzten Lieder sich in unerhörtem Stolze erheben: dem alldurch- Walt enden Gott der Liebe. Während am Ende der „Gezeiten" der Gott der Liebe aus seinen natur- ten Formen aus den verzehrenden und treibenden Leidenschaften den i,Pj a a mmen' und „Wellen" als der Berauschende und Reinigende hervor- ». *» im mittelsten Ring seine Erfüllung in der Freundgemeinschaft vom etl schen zum Menschen findet, tritt er in den drei Schlußgedichten der .' e der" als der Hohe und Ferne als der Immerwache und Immernahe : in die Allnatur zurück. Aber auch in dieser weitesten Form ist er fr . 2t nicht mehr dunkle Macht, sondern das Du der Welt, aus dem alle s ,, Gestaltungen kommen vom Strahl des Lichtabgrundes bis zum ge- l e 0 ^ fuc hen Sein: der Traum seiner selbst im Stoffe des Lebens. Ihn füh- ^. >hn hörend auf seinem Weg und unter seinem Schutze versinken dem ] a , r auch die größten Geschehnisse des Glückes und der Trauer dieser dertelang die Stätte unserer Schwäche und Schmach und noch immer n Quell und Münde entfremdet in der Mitte bedroht, der Rhein, in den sich u Zeiten der Not unsre stummen Hoffnungen senkten, der alles Gold un- er er Träume bewahrte und uns die Dichter gebar, die wieder neu das gei- 'ge Band der Sprache um unsre zersplitterten und erniedrigten Stämme °ben, dieser Strom, der aus Blut und Tränen immer unbesiegbar seine la- e nden Fluren ins Licht einer neuen Hoffnung hebt, wurde George zum e ichnis seines eigenen Geschickes. Aus ihm wird nach der Herrschaft der "üosophie und Musik der Dichter den Deutschen die neue Krone holen nd was die Sage geahnt ins lebendige Dasein heben, in seinen Wellen wird tischen Prunk und drückende Plumpheit wegschwemmen, wenn erst *) n »römischer Hauch" das träge Blut seines Volkes durchdrungen hat. * e einstige Klarheit und Tiefe dieses Volkes, seine Größe noch im Fall, Ine n Lichthunger noch in Qual und Schauer ruft er an den Bildern und 341 Namen der alten Meister auf und verwirft die Träger eines erloschenen Glaubens die noch matte Gebete murmeln, aber Gott nicht mehr schaffen' Immer bleibt sein Blick auf unsere innerste Geschichte gerichtet, die Orte bedeuten ihm den Vollzug einer guten oder frevlen Stunde unseres Schick' sals: Bonn den Sinn der weltentrückenden aber seelenbewahrenden Musik' Worms den Ursprung unserer tiefsten Zwietracht, Winkel das Verlöschen der Romantik, Aachen den Frevel grabschänderischer Wißbegier, HildeS' heim die Gewähr noch ungebrochner Wurzelkraft und Quedlinburg den g e ' heimen Schutz der Heiligen und Helden aus der Väterzeit. Die innigste Liebe aber gilt wieder München der Stadt göttlicher Jugen d und unzerlöster Volkskraft. Zwei Runensprüche von unvergleichlicher Bildhaftigkeit lassen den urtümlichen Schauer bewahrten Bauerntums vor uns aufleuchten und den Sonnenduft unseres südlichsten Weinlandes, des uns geraubten und entfremdeten, das der beschworene Schatten Erwi° s leise mit Wien verknüpft. Dann leitet uns der preisende Mund wieder nord- wärts zu den steinernen Bildnissen und Träumen unserer Kaiser und Künstler, zum unsterblichen Ruhm der Fürsten und Geister, die in Weimar und Jena ihren Namen bis an die Sterne setzten. Hier freilich und in Darm" Stadt tauchen unter den heimatlichen Bildern auch die beiden ausländischen Gestalter auf, die von allen Fremdlingen am tiefsten auf unsre staa** liehen und geistigen Geschicke eingewirkt haben: Napoleon, der gewaltig Erschütterer unserer Trägheit, der unerbittliche Züchtiger unserer SchvtfS' chen, der feindliche Held, dessen ganze Größe nur wir Deutsche spürte und noch heute bewahren — Shakespeare, der nicht minder Gewaltig e ' unter dessen Feueratem unsere Stürmer und Dränger die verschlackte Aschen der Sprache aufschmolzen, der uns eroberte wie der Korse und de sen Seele wie das Schicksal des Korsen wir in uns aufnahmen und aufnen men, daß sie neues Dichter- und Tätertum im deutschen Geiste erzeugte' ■ Diesen fordernden Sternbildern stellt George unter dem Gleichnis d Großstadtufers und -platzes das Wirrsal der heutigen Betriebsamkeit en gegen, das sinnlose Häufen von tausend nichtigen Dingen, das ziellose >*■ sen um Rasenderes zu erzeugen, die Entwürdigung aller hohen Mensc lichkeit um planlose Neugier und gierigen Erwerb. Aber er steht nicht m e abseits wie in früherer Verlassenheit; mitten unter dem Gewimmel " schwört er die Himmel und Geister, der Gott hat ihn unter die Seinen g stellt, daß ihm Not und Schmach des Volkes bis zum eignen Herzen steig Die Tränen, die einst der Engel über die Einsamkeit des Dichters wein sind getrocknet, aber der um die göttliche Rettung weiß und sie verkuno muß nun um die Zukunft seines Volkes weinen, das sich um Tand und Fl ter müht und im Taumeltanz um seine Götzen die Stimme des Sehers üb e 342 hört. Von dieser Sicht aus faßt George in den letzten sechzehn „Tafeln" n °ch einmal das Außen und Innen der durchschrittenen Zeitbereiche zusammen und wirft zugleich den Blick voraus in das eigne Geschick und das der Völkergemeinschaft. Seine gläubige Kraft hat den Gott geboren, in ihm a "ein ist die neue Welt gegründet und er allein verkündet das neue Geheimnis, daß es sich in Blut und Geist verwirkliche und in tausend sichtbaren Formen durch Raum und Zeit erblühe. Aus der Gewißheit der ihm v erliehenen Gnade und der Unbedingtheit der ihm gewordenen Sendung n unmt sein Spruch und Vers die schneidende Härte des Urteils gegen ^ahn und Verderb der Zeitgenossen, sein seherisches Auge sieht voraus *" Und hundert Beispiele haben es heute schon bestätigt — daß die Nüch- er nklugen, die sich ganz mit Verstand und Stoff umwehrten, leicht dem °Nsten Wunderglauben verfallen, daß die Erzieher und Gesetzgeber, die ac h Mann und Tat schrieen aber die Knaben schon in der Schnürbrust 'etlicher Zucht und überfütterter Vielwisserei entmannten, bald Ge- a ur laufen werden, an die rohesten Fäuste an die ungebrochenen Instinkte er aus Staat und Gesellschaft Ausgestoßenen Gewalt und Zepter zu Verden. Er sieht das Schlachtfeld der scheinbar starken aber überall zerbrök- elt iden Mächte voraus, in dem nur seine Schar um ein festes Banner steht, r 'aßt sich nicht täuschen von den Erschütterungen die den ganzen Osten ftserer Welt zu durchzucken begannen und in jungen Deutschen den Glau- en an das russische Heil erweckten .. nicht täuschen von Weltbeglückern be n und unten des Kapitals oder der Arbeit, die beide das gleiche nur mit ^änderten Vorzeichen wollten. Nicht die nächste sondern die tiefste Not j^ alt es zu heilen und nur aus dem was unberührbar fern von Dürft und ler der Zeit geboren, was keinem ihrer Gegensätze und Zwiespalte entrungen war, weiß er die Erneuung kommen, und im sechsten der Jahr- ü Udertsprüche klingt im Gleichnis der heilenden Hochzeit noch einmal der üf aus dem „Vorspiel" auf: nur das e i n e Heiltum des schönen Lebens u künden, nur die eine von tausend möglichen und lockenden Formen zu füllen. °ie meisterliche Anmahnung ist zur göttlichen Forderung geworden nd heischt den Ausschluß der „Verführer", die mit falschen Spiegelungen j e Leichtgläubigen und Leichtsüchtigen täuschen, mit dem Wissen um * s die Grenzen zwischen Echtem und Unechtem verwischen und nun b ° n beginnen ihre Ohnmacht mit dem geisternden Trug und Spuk aus s . eic hen hinter dem Dasein zu umkleiden. Keine frevlen Griffe, mögen sie ^ ctl ..rational" oder „okkult" gebärden, jenseits der uns gegebenen Welt "■Wählen die Götter mit den Menschen, sondern wie das dunkle Bild des a skenzuges" uns bedeutet, entzünden sie an jedem beginnenden Welten- 343 tag ihr Feuer am menschlichen Herde, das der mütterliche Geist verborgen bewahrt und zu dem der männliche Geist Tod und Leben mengend sie hinführt, um ihnen aus neuer Glut wieder sichtbaren Dienst und sichtbare Herrschaft zu wecken. Dessen ein Zeichen sieht der Dichter als wichtiger denn alle Unrast unseres ungeheueren feierlosen Werktages das stille Geschehnis an, daß aus einer kleinen gläubigen Schar wieder das Gebet aufsteigt, das Gebet das Gedicht ist und die neue Feier in sich schließt. Die letzten Tafeln „Zum Abschluß des Siebenten Rings" geben nach dieser weiten Umschau noch die kurzen stolzen Gebärden dessen der ein gr°' ßes Werk getan sieht und unermattet nach neuem Wirken Ausschau hält- er schaut noch einmal zurück auf Sturmflut und Kampf, aus denen die Kos 1 ' barkeiten geboren wurden, auf den verwandelten Raum, den engeren des Vaterlandes, in dem das ganze Werk gedieh, und auf die verwandelte Sprache, die nun mit dem höchsten auch den schlichtesten Ton umspannte- Auf zwei Gestalten fällt noch sein Blick: auf den der all seine Kraft de« 1 Kommenden opfert, und auf Waclaw, der als Schatten der Frühzeit noch ein' mal seinen Weg kreuzte und dann für immer schwand. Ein frischer Kehraus gegen alle Nachtgespenster und Beschwörer, ein männlicher Abscrn e des Fahrtbereiten von Freund und Feind beschließt den Ring. Wenn bein 1 „Teppich"-Ende das Dunkel niederzusinken schien, so flutet hier allen ' halben das Licht herein, der ewige Strahl glänzt aus allen Dingen, ja • Leiber selbst sind die dichteste Strahlung des Lichtes: alle Leidenschafte und Dränge des Blutes, alle Träume und Schauer der Seele, alle Lebensb« der des Geistes sind heimgekehrt in die Kugel des himmlisch-irdische Kräftespiels in den Leib als lebendig beseelte begeistigte Gestalt. Verschüttet sind die Klüfte des Hüben und Drüben, ihre Seligkeiten und Q ua len kreisen im Wuchs und Blut, und ungespalten und unspaltbar wie aß Größte und Kleinste steht der weltliche Mensch in göttlicher Welt, d a Hier seine Ewigkeit, das Jetzt seine Dauer. 344 FÜNFTES BUCH DIE HERRSCHAFT I. KAPITEL: DER SIEBENTE RING UND DIE ÄLTEREN GEFÄHRTEN |N allen Geschehnissen der Schicksalsjahre hielt George die regelmäßige Reisebahn ein, wie sie sich seit der Niederlassung Wolfskehls in Münzen herausgebildet hatte: vom Oktober bis Dezember weilte er in Berlin, Weihnachten in Bingen, vom Januar bis April in München und im Som- / ler an der Nordsee oder in den Alpen, im Frühherbst wieder in Bingen. ln e Abwandlung dieses Rundweges trat etwa mit dem Jahre 1910 ein, lt dem das jüngere Geschlecht seiner Freunde sich aus beruflichen oder Ideren Gründen eigne Orte der Niederlassung wie Heidelberg, Basel, u rzburg und Marburg wählte und 1913 nach dem Tode der Mutter der Vater war schon früher gestorben — auch das Haus in Bingen u 'gelöst wurde. An die Stelle der europäischen Fahrten waren immer ÜSSc hließlicher die im deutschen Raum getreten, wo er seine Helfer am erke gefunden hatte. Das Ausland bot ihm keine schöpferischen An- Ie be mehr und ein letzter Aufenthalt in Frankreich im Jahre 1908, von m jüngst Mockel und Andre Gide einiges berichtet haben, enttäuschte , s ° tief, daß er beschloß, es nicht mehr wiederzusehen. Die öffentlich- j. e _ lt vermied er auch in Deutschland mehr als früher. „Das wildumlaubte lc hterhaupt, das sich der Schar seiner gläubigen Verehrer zuweilen l gt," w j e nocn am Anfang des Jahrhunderts der Besucher eines Berliner «eehauses schrieb, wurde an solchen Orten nicht mehr gesehen. Eine . Su "g von Gedichten, die George im Spätherbst 1905, einer Ladung wig von Hofmanns und Rudolf Euckens folgend, vor einigen Mit- e dern der Literarischen Gesellschaft von Jena und Weimar hielt, war e letzte vor einem Kreis auch unbekannter Menschen. Mit dem Erschei- ' n des GEDENKBUCHES und des SIEBENTEN RINGES vertiefte sich die . nit zwischen ihm und den älteren Zeitgenossen, welche Dichtung nur s literarischem oder wissenschaftlichem Anteil zu erfassen und die Welt- n , gens ätze, die George aufriß, im sanften Optimismus ihres Zeitglaubens , * einmal zu spüren vermochten. Auch die wohlwollende Berührung s °lchen die weder für noch gegen seine Welt, sondern „für sich 345 waren", hatte noch mehr als früher ihren Sinn verloren: er ist von da an gänzlich an ihnen vorübergegangen. Mit jenen Werken hatte sich unabweisbar ein Forderndes im Geiste erhoben, das wieder zur Entscheidung in letzten Lebensdingen drängte und sich mit keiner ästhetischen Formel und keiner Einreihung in die Entwicklungslinien des Zeitalters befriedigen ließ. Auch die älteren Gefährten Georges fühlten sich trotz ihres tiefen Wissens um seine Person und sein Werk vor ein Unerwartetes gestellt, das aus alten Spannungen neue erzeugen mußte. Simmel öffnete sich, wie wir schon erwähnten, erst jetz nach zehnjährigem Bemühen die rechte Einsicht in das Wesen des Die* 1 ' ters und er gewann damit zugleich einen festeren Blick für die metaphy sischen Bereiche seiner Philosophie. Wie manche seiner Hörer sich nocn zu erinnern wissen, sagte er in jenen Jahren, als ihm der ganze Reic» 1 ' tum Georges aufging, Dinge von Wesen und Wirklichkeit des Weltganze* 1 wie vorher und nachher nicht wieder. Was ihn am SIEBENTEN RING aufs tiefste ergriffen hatte, war das Sichtbarwerden eines in der zeitliche 11 Folge des Georgeschen Werkes erscheinenden Sinnes, „einer inneren No*' wendigkeit die diese Reihe aus dem Zufall der durcheinanderwirbelndei 1 Welterscheinungen heraushebt". Er grenzte in einer Besprechung ° e neuen Buches diese künstlerische Entwicklung sowohl vom einfach org a nischen pflanzenhaften Wachstum wie von der planmäßigen Bestimmthei eines wissenschaftlich oder praktisch geregelten Lebens als eine drit Möglichkeit ab „die wirkt, wie getrieben durch dunkle von keinem Wohl wissende Wurzelkräfte und zugleich, als wäre diesen von einer noch tiei ren Schicht her ein klar ideales Ziel und ein unablenkbares Wissen u den Weg mitgegeben, oder als stünde dem Künstler in jedem Augenbh c jedes nächste oder übernächste Sollen klar vor Augen — aber diese K» 3 heit selbst sei von reinen naturhaften, sozusagen unverantwortlichen Wach tumstrieben genährt". Diese geheimnisvolle Planmäßigkeit des GanZ e jenseit von Bewußtsein und Unbewußtsein, die jedem einzelnen Wer neben seiner besonderen Bedeutung noch einen anderen Sinn gibt, such Simmel in ihrem seelischen Ursprung zu erfassen und glaubte ihn in ö Ausschließlichkeit zu finden, mit der die dichterische Seele Georges ri sich selbst, nicht die Welt noch die Überwelt singe. In einem schärfer Sinn als die Lyrik es bedingt, sah er das Schaffen des Dichters aus ein „Einheits- und Einzigkeitspunkte der Seele" quillen, die immer in sl beschlossen bleibt und in den Formen der Dinge nur sich selbst zurüc spiegelt. Dieser „Solipsismus der Seele" verwirklicht sich nach seiner A schauung in steigendem Maße im Werke Georges, indem er monument Gestalt gewinnt: die unmittelbare Innerlichkeit des Erlebens wächst 346 Seiner Kunst in die Dimension des Monumentalen und ohne daß die Seele "Iren Quellpunkt, wo sie nichts als ihre eignen Schicksale kennt, zu ver- assen braucht, gibt sie dem Gedicht seine höchste Kunstform und eine u °erindividuelle Gültigkeit. Während dieser monumentale Stil sich sonst nu r an der Form der großen Plastik oder Musik, der Architektur oder des Ur arnas darstellte und die Lyrik ihn bisher nur in den Sonetten Shakespeares, in der Trilogie der Leidenschaft und in einigen Gedichten Hölderlins gewonnen hatte, ließ DER SIEBENTE RING ihn als die Sehnsucht u nd Erreichtheit des ganzen Georgeschen Lebenswerkes erscheinen. Sim- j^ el sah das Ungeheure der Leistung nicht mehr wie früher in der rein •^nstlerischen Formung, für die alle Wirklichkeit, selbst die des Gefühls Utl d der Leidenschaft, nur bloßer Stoff wäre, sondern in der Spannung Aschen der weit- und schicksalumfassenden „Weiträumigkeit und hoch- u *atrnenden Größe dieses Stils und der unbedingten Geschlossenheit des eiI i seelischen Erlebens, der Kreisung der Innerlichkeit in sich selbst, le nun dennoch diesen Stil bis an seine Grenzen füllt". Ja er sah, daß es c h bei dem Vollzug dieser nicht nur gelegentlich gelungenen sondern s Georgesche Gesamtwerk durchwaltenden Verbindung von innerstem e 'enleben und monumentaler Gestaltung nicht mehr um eine Sache der Ut ist sondern um eine tief bedeutsame Erscheinung in der Geschichte des ^ ei stes handle: „Es zeigt an, daß die Aufgabe der Menschheit, der Un- düchkeit ihres Seins auch eine Unendlichkeit von Formen, in denen es e und wirke, zu schaffen, mit einer neuen Lösung belohnt ist". Zweierlei ist an diesen schönen Darlegungen bezeichnend für die Denk- * des Philosophen: einmal, daß er das Eigentümliche des monumentalen . lle s gerade in den „Zeitgedichten" nicht vertreten fand, dann daß er die fhebung des Solipsismus der Seele — wenn wir diesen Begriff einmal te n lassen — im Buch „Maximin" und anderen Gedichten der darum a gerten Ringe nicht sah. Da sich nach seiner Meinung der monumen- ^ e Stil nur an dem „Selbstsein und Mit-sich-reden" der Seele entfalten s . nt e und nicht an den großen und geschichtlichen Gestalten, die sie in „ " aufnimmt, so mußte seinem Blicke die das ganze Werk Georges ht minder durchwaltende Sehnsucht nach der Sprengung dieser „Ver- ^ n g der Innerlichkeit" und die Erfüllung dieser Sehnsucht im reinsten ^ 'tstoff, den er in sich aufnahm und dem er sich mit allen seinen Kräften Sc , gab > mußte ihm die Lösung in der göttlichen Liebe zum schönen Men- g , en ' d ie Ich und Welt, Kunst und Leben verschmolz, notwendig ent- 4ü Cn " ^ nsere Philosophen — auch Nietzsche noch — suchten alle Fragen ^ ö de r weitesten Spannung des Ich zum All zu lösen, George fand ihre n g gerade in der nächsten und dichtesten von Mensch zu Mensch. 347 Der Dichter Verwey konnte an dieser Mitte nicht vorübersehen, aber den Weg den Simmel aus Mangel an Sicht nicht gehen konnte, mußf Verwey sehend dennoch vermeiden, weil er die Grenzen seines Volkstums oder besser den zwischen Deutschland und Holland seit Jahrhunderten aufgeworfenen Wall nicht mehr zu übersteigen vermochte. Gleich & e * erste Satz seiner Bemerkungen über den SIEBENTEN RING: daß darin Geister gebannt seien, von denen einige auch anderswo, andre nur I deutscher Luft lebten, deutete auf einen tieferen Zwiespalt hin. Er wir zunächst noch verhüllt durch die Betrachtung der dichterischen Haltu n & und Leistung Georges: „War er früher", so schrieb Verwey, „der de Wirklichkeit Entflohene, dann der Minner, der aus eigner Seele oder d e Denker, der aus eignem Geist sich eine Umgebung schuf, hier hat er «** einen Platz gesucht mitten in der Wirklichkeit. Nicht so sehr weil er si liebte. Im Gegenteil, ebensowenig wie früher liebt er sie, aber nun ha er sich an sie gewagt". In dieser Haltung, die in den „Zeitgedichte 11 auch den Ton mehr dem Sprechen als dem Singen nähere, sah Verwey die Zeichen eines veränderten Gemütes, eine fast absichtliche Bekehrung und ein schmerzliches Standhalten, zu dem George, tyrannisch auch geg e sich selbst, sich zwang. Diesen Streit der inneren Kräfte spiegeln ihm d» „Gestalten": sie begleiten den unmittelbaren Zusammenstoß mit der W e in den „Zeitgedichten" und „Tafeln", von denen jene ihm eine Abgr e zung, diese einen Übergang zur Tageswelt bilden. Aber „das eigenth c Leben das ausströmende nicht im Widerstand beschlossene Wesen » Künstlers" liegt für Verwey in den mittleren Ringen, hier wird sei Natur offenbar: die hohe Bildwerdung von Liebessehnen und Liebest in Gedichten, die keinen Atem der innerlichen Glut verloren gehen ufl keinen Funken davon unsichtbar lassen. Hier zeigt sich vor allem Bekrönung und Beseligung nicht sowohl des Liebenden als des in Li e Glaubenden, der in Maximin den Gott auf Erden gefunden hat, dem se> Verehrung gilt und mit dem er sich fortan im Geiste vereinigt fühlt. D e „Liebesverlangen, das sich je länger je mehr vergeistigt, aber sich Gott nicht anders als unter geliebten Zügen vorstellen kann — das ist iech>' da Wesen Georges. So wie Christus durch seine Jünger, so wird sein gr scher Christus, Maximin, durch ihn verehrt in der Erinnerung. Und er auch geistige Hoheit sich ohne Priesterschaft nicht denken kann* stellt er den gemeinen Fürsten unserer Tage den Papst Leo XIII- als Verpersönlichung solcher Hoheit dar. So knüpfen sich die ihm einge b0 , nen Ideen bei ihrem Bedürfnis zur Sichtbarwerdung oft fest an frühere Sichtbarkeit. Nicht anders als das Priestertum auch das K° n . tum, das er sich als von Gottes wegen durch Geburt und lange Zucht 348 vorstellt. An den König schließt sich der Adel und gleich den Hoch- Seborenen lebt in seiner Vorstellung der Dichter, der Künstler. Nichts "aßt er mehr als das Mittelmaß, aber ebenso die Priester der Gleichheit, ^•e Verräter der heiligen Rangordnung. Lieber als diese noch stellt seine Sc hönste Rangordnung sich das Chaos oder die Verderbtheit gegenüber". Man spürt in diesen Worten schon den Gegensatz zweier Welten auflegen und trotz alles Strebens vor dem Freunde ein Trennendes zu ver- ber gen, muß Verwey dieses Trennende weiter verfolgen. Der Stoß in die We h hat nach seiner Meinung George dazu geführt, die ursprünglichen aic hterischen Triebkräfte seines Wesens, die leidenschaftliche wie die vergeistigte Liebe mit einem „Heer streitbarer Denkbilder" zu umgeben, die '«e Summe von festen nicht ursprünglichen Vorstellungen aus einem er Wandten Bereich geschichtlicher Denkbilder entnehmen. So, für Ver- e y, steht tiefes und ganz unmittelbares Gefühl bei George in steter Verödung mit einer mächtigen erkennbaren Überlieferung und so gewaltig , ,c h das erste in einigen Gedichten offenbart, so vermischt oder verborgen ist- • c es m den meisten und geht schließlich unter in der alles überherrschen- en Gewalt einer bindenden Überlieferung. ^iese Überlieferung aber ist für Verwey eine eigentümlich deutsche a d zwar sowohl ihrer religiösen wie staatlichen Art nach, sie beruht auf ltl er anderen Geistesart als die der Holländer — und fügen wir gleich ltl2 u als die der westlichen Völker — und indem George sich mit ihr er bunden hat, hat er sich untrennbar in seine Zeit und sein Volk gestellt: '' le Unruhe und Gärung seines ursprünglichen Wesens hat sich einem . er gangenen vermählt, das in der Zeit weiter bestehen bleibt. Uns, die ^ einem anderen Landstrich wohnen, in einer anderen Geisteswelt zu aus e sind, uns dünkt am wenigsten einer der letzten Päpste Sinnbild listige,- Hoheit, uns dünkt das Königtum des Gemütes zu wollen, aus , Ie rem Brunnen als Ahn und Huldigung, uns hat die Göttlichkeit nicht n Einzelangesicht und die Gemeinschaft von Geistern keinen Glauben ^ Symbol und Lehrmeinung. Wir sind anders und anders ist auch unsre Vaterschaft. Obwohl ebenso streitend fühlen wir uns nicht erhaben SeiK ° s t nicht über das Kleinste, sondern erfahren in unserer Gleichheit mit e n Lebenden unsere wahre Erhabenheit". . S ° weite Klüfte öffnete also das neue Werk auch in der Seele dieses Jähsten, daß die bisher geschlagenen Brücken zwischen Freund und ° lk zu zerreißen drohten, daß dieser freie tiefsinnende Geist in dem ^ u genblicke, als George vom geistig-künstlerischen auf den staatlich- liV liChen Raum ü be rg riff und v °ni Glauben an die unsichtbaren gött- e n Mächte zu dem der Leiblichkeit des Gottes gelangte, für seine eigne 349 Menschlichkeit und die seiner Volksart fürchten mußte, ja daß dieser scharfe Kunstdenker aus solcher Furcht nicht die ursprüngliche dichte' rische Eroberung jener Bereiche erkennen durfte sondern die Verwendung geschichtlicher und kultischer Sinnbilder mit der Bindung an über' lieferte Formen verwechselte, von denen George sich weiter als je »^ SIEBENTEN RING entfernte. Daß ein Verwey sich das Urteil über ein Kunstwerk trüben ließ, indem er bei seiner Abneigung gegen Papsttum Fürstentum und sichtbare Gottheit vom stofflichen Gehalt statt von d er dichterischen Form ausging und so beinah der modernen Urteilsweise verfiel, zeigte freilich, daß hier ein Gehalt von solcher Wucht und eine solch Erweiterung der künstlerischen Sphäre erschienen war, daß es keiner" inneren noch äußeren Lebensgebiete draußen und drinnen mehr erlan b war, außer der Entscheidung zu bleiben. Fast aus dem Gegensatz zu jenen beiden bedingt sich die Stellung D er ' leths zum SIEBENTEN RING: er war wirklich fest in der Überlieferung nämlich der katholischen Kirche gebunden und zugleich von drängendem Willen zum gegenwärtigen Handeln in die Zeit beseelt. Im gleichen W» n " ter, in dem die ersten „Zeitgedichte" in der sechsten Folge erschienen- hatte Derleth zum ersten Male „die Proklamationen" vor einer geladene Gesellschaft von Professoren, Geistlichen und Literaten Münchens ve lesen lassen und sie im folgenden Jahre (1904) veröffentlicht. Der bis» 1 so Verschlossene und Zurückgezogene sprang mit einem Satze aus sein Stille: er wollte mit diesem Werke, „zu der letzten Auslese der umf 3 * 1 * reichsten Masse reden" und mit einem Stoße die träge Zeit erschütter ■ „Ich erwachte und erschienen mir drei Zeichen: der Blitz, der Adler nn der Stern. Ich, Ludwig Derleth, bin allein und habe alle verbündet geg e mich und erkläre im Namen Jesus von Nazareth den Krieg.-------- alle Regimenter, Magazine und Werkstätten der Welt. Wir dezimier e Wir rufen den Rest der tüchtigen Männer vor die Front und schein aus. Wir verlassen die Armee und gründen ein neues Reich. Besser ist nicht geboren zu werden als untätig zu sein. Ist man & " einmal das Licht, so beleuchte man die Finsternis. Diese Schrift bedeu Herausforderung". Diese Proklamationen wollten kein Buch sein, wie ei befreundete Ankündigung erläuterte, sondern der eruptive Ausdruck ein ehern zusammengefaßten Wollens, das damit Tat wird. Sie wollten an* 1 Härte mit der ekstatischen Glut und der lebenden Innerlichkeit der ) ÜJib sten Geschlechter verschmelzen, nichts anderes sein als ein geller F a farenweckruf in die Nacht der Zeit hinaus, das triumphierende Nahen Siegerhelden verkündend: Christus Imperator Maximus! Nach der j cS tischen Zusammenfassung von Lamm, Kampf und Glanz, vereinten s * 350 Jesus, Cäsar und Dionysos zu einer neuen Herrschertrinität über die Welt. u er zu durchdringende Raum war nicht der alte römische mit der vatikanischen Mitte, sondern der aller Erdteile und Völker. Die zu erregende Bewegung sollte von der geistigen Universalität der deutschen Denker u nd Dichter und von der tathaften Universalität Napoleons sein; die m Perialidee der Kirche sollte durch die Forderung einer neuen Praktik *** neuen überweltlichen Aufgaben ihre höchste Vollendung erhalten. "Wir sprechen zu den kriegerischen Söhnen Europas und zu den Kindern ot tes der bewohnten Welt. Wir verkünden das Christentum in der Chri- ste nheit". Aber für diese Aufgabe, die durch Krieg, Keuschheit und Pest l'ollendet werden sollte, für die Schaffung eines Weltkatholizismus gab es e, ne Krieger mehr auf Erden. Die „Proklamationen" blieben Forderun- n > denen niemand folgte, sie benutzten die Napoleonischen Befehls- und nr ufformen ohne dessen heer- und staatsbildende Kräfte, sie kreuzten ttüt apokalyptischen und mystischen Werbungen und Prophezeiungen 01 schufen dadurch als Stil eine gemischte Gattung, die trotz gewaltiger at *e nicht bildhaft wurde. , erleth war klug genug, um bald zu erkennen, daß dieses Mittel zur Be- r «ung der Welt falsch war und zog das Buch aus dem Handel zurück. ^var in Aufbau und Haltung — in der äußersten Weite des Wirkungs- , äe s, der festen Beharrung auf der christlichen Überlieferung, im Glau- an eine plötzliche gewalttätige Erschütterung der Menschheit und in p r Unmenschlichen Härte der Forderungen und der unkünstlerischen r m — geradezu aus dem Gegensatze der Handlungsweise Georges ge- re n und mit christlichen statt urmütterlichen Vorzeichen dem der Kos- lke r verwandt. k m so tiefer mußte Derleth nach diesem Mißerfolg über das unbeirr- e Wachsen des Georgeschen Werkes erstaunen. Er war des Glaubens, George, wie einst Loyola eine besondere Praktik des Handelns hätte, ^ naan erfahren könnte, und als er sich ihm nach dem Bruch mit den s nukern zur Verfügung stellte forschte er, was George zu tun dächte: ~ a s haben Sie vor? Ich würde sagen mit dem Sozialismus geht es nicht. er etwa mit der Politik? Oder der Literatur?" Und als George lächelnd i c , nein te, fragte er: „Was kann ich tun? Stellen Sie mich an einen Platz: Werde tUn was Sie sagen". „Das kann ich nicht", lautete die Antwort, ka f l 1 ' 0 * 1 * v on sich aus weiß was er freiwillig für mich tun kann, dem s el , n ich es nicht sagen. Wenn ich erst befehlen müßte, tu ich es lieber V e St ' derleth ging enttäuscht davon, er mußte diese Antwort für eine s chleierung oder gute Abwehr halten und hätte doch aus ihr das ganze er n" des meisterlichen Handelns leicht erkennen können. Aber die 35i menschlich-schlichte Forderung der Freiwilligkeit lag so weit ab von seinem Denken, daß er den Grund von Liebe und Dienst, auf dem si e ruhte, nicht begriff. Er war so ganz im letzten großen System des Katho* lizismus, dem Jesuitentum, verhaftet, daß Gehorsam fordern und leisten ihm die einzige Handlungsart auf geistigem Felde zu sein schien. * sandte er etwa einen jungen Menschen, um ihn zu erproben, geradeweg nach Jerusalem: er solle dort am heiligen Grabe beten und dann gerade»' wegs zu ihm zurückkehren. Aber die Zeit dieser kältesten Willenszüchtung auf ertöteter Seele war längst vorüber und Derleth mußte seine Kraft a wertlosen einzelnen versuchen, ohne neue weitertragende Keime in ihn e wecken zu können, mußte erhalten, was er selbst dem Untergang weih und vergebens hallte sein Ruf: „Wohlauf Kinder des Vaterlands- mit roten wehenden Fahnen vorwärts in den Krieg! Wo wir erscheinen- erschüttern wir im Aufstand die Welt und auf allen Wegen stürmen die himmlischen Legionen meines Vaters das Reich. Der Leichnam R° lockt die jungen Adler. Der Vatikan in eine Reiterkaserne der Asiat* verwandelt! Schon ist die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt und fll Blutscheine der katholischen Ächtungen werden beim Symposion u ° terzeichnet." Das unterschied Derleth von den Kosmikern, daß diese sich besch^ rend an der gestaltlosen Urkraft versuchten, daß e r stets auf Mensen wirken und sein Handeln an eine Überlieferung an ein schon Körpe haftes binden wollte, daß jene durch wilden Aufruhr dunkelster Gewalt* ' e r durch härteste Zucht der Geister und bedingungslosen Gehorsam Erneuerung erzwingen wollte. Aber alles Wissen um die Schicksalswen alles Suchen nach den Gesetzen des geistigen Handelns gab keinem v ihnen den unmerklichen Hebel in die Hand, mit dem der Täter die We des Schicksals beherrscht, keine Einsicht befähigte sie ihre Kraft ü einzusetzen, wo allein sie die Zeit bewirken kann: am fernsten H* außer der Zeit. , Ganz deutlich wurde dieser Gegensatz als das GEDENKBUCH u DER SIEBENTE RING erschien. In seiner kurzen Art sagte Derleth George: „Ich habe Ihr Buch gelesen: ich würde sagen, neue Götter S es nicht". Darauf erwiderte der Meister: „Aber die alten taugen a nicht mehr viel". Hier sprach eine Seele, die am Ende einer Weltenb rückwärts blickte zu einer Seele, die von dort aus ins offne Reich der kunft schaute, sprach einer, der vor der höchsten Tat verzichtete zu el " der schon den Grund zum Fernenland geschaffen hatte, wie noch ein a res Wort der beiden Fechter uns erhellt: Derleth: „Warum geschehen k ^ großen Taten? Weil sie keiner tut!" George: „Nein, weil sie k* l ° 352 s I 6 h t". Der erste Vorwurf traf den geistigen Täter nicht, der zweite a °er den, der blind war für die neue Schöpfung die er selbst ersehnte. Unter die Seins- und Sehweise dieser drei Gefährten und ihr Verhältnis 2 Utn Ereignis Maximin fielen auch andre von den älteren Freunden, die ls her den Weg Georges ohne Zögern und Zweifeln mitgegangen waren. 0 tief sie auch vom Wunder der neuen Dichtung ergriffen wurden, so Wahrhaft ihnen das darin verfangene Schicksal auch erscheinen mochte, s forderte mehr als Glauben an die Erneuerung unserer Kunst, es formte mehr als Wandlung in den Anschauungen von Natur und Volk und Mensch, es forderte mehr als Abkehr von den Häßlichkeiten und Niedrig- eite n einer ablaufenden Gesellschaftsordnung — es forderte dies alles nd den Schritt in die Welt einer neuen Göttlichkeit. Nicht der Meister n dern das im Werk verfangene Geschehen forderte durch sein Dasein n ihnen eine verwandelte Haltung zur Welt, er selbst hat in der zarten Tönung jeder menschlichen Beziehung keinen seiner Freunde vor die a ße eines Für und Wider gestellt. Gerade am Fall Derleth zeigte sich "ich der Unterschied zwischen dem Glaubenseiferer oder Ordensstifter dem Dichter: der erste will zu seinem Gott überreden und zwar jeden r guten Willens ist, der Dichter aber stellt nur ein Bild auf. Wer wie •«eisten still an dem bisher Geliebten und Verehrten festhielt und vom e n Schönen das ihm Gemäße aufnahm, blieb ungenötigt im Raum der eu ndschaft, wer aus eigner Not oder eignem Drange Stellung nahm, tj,. stets einen Freund zur Hilfe gewillt, der selbst nach berührbaren a , aclle n des Verstehens suchte. So geschah kein Bruch der Freundschaft, w er dennoch bedeutete das stille Beharren in ihr ohne mitschwingende q n dlung des Geistes ein langsames Wachsen der Entfernung zwischen r Se u n d den älteren Gefährten: denn e r ging weiter. 2 - Kapitel: die achte und neunte folge /\ * George nach den Jahren so tief erschütternder Erlebnisse in Mün- «r u- n lm Be & inn des Jahres 1905 wieder in diese Stadt kam, verbrachte Sft . ler in der Erinnerung an den Verlorenen die trostlosesten Monate ^ es Lebens, wie uns manche Gedichte im SIEBENTEN RING und mit ^ ^mittelbaren Bezeichnung des Trauerjahres der Spruch an Hanna s c . ske hl verraten. Der Münchener Freundeskreis blieb in Haß und Feind- v 0f ause inandergesprengt, Klages mühte sich rein geistige Spannungen W 9S öffen tüche Gericht zu ziehen, Wolfskehl und Gundolf litten noch *ter h •» ae n Nachwehen jener Kämpfe, das kaum neugeknüpfte Verhältnis 353 / / zu Hofmannsthal zerbrach wieder, wie wir erzählt haben, die auslän* dischen Freunde entschwanden langsam dem Blick und noch war kein Hoffnung sichtbar, daß der Strahl des Geschehens, das er erfahren hatte» in der Jugend des eignen Landes zünden und zeugen werde. Aber bevor noch das Jahr ablief erfüllte sich diese Hoffnung. D a dichterische Wort, das er von den HYMNEN bis zum TEPPICH, von der ersten bis zur siebenten Folge der Blätter ausgesandt hatte, war in Deutsch land auf fruchtbaren Boden gefallen und sandte ihm nun in schlimme einsamer Zeit die Söhne und Folger zu, die es geworben hatte und dere junge Seelen sich auch dem neuen Erleben weit und willig öffneten. Basel lernte George durch den früh hingegangenen Rudolf Burckhar den neunzehnjährigen Schwaben Robert Boehringer, einige Monate da r auf in der Reichshauptstadt den noch jüngeren Danziger Ernst Morwi* kennen .. mit ihnen bildete eine Dreiheit — freilich etwas später erst •" Ludwig Thormaehlen. Im folgenden Jahre trat dann George in nähere B e ' rührung mit einer Gruppe von Jünglingen und jungen Männern, die & ü Breysig zuerst mit der neuen Dichtung, dann mit George persönlich " kannt gemacht hatte. Breysig hatte, wie wir schon erwähnt haben, durc Nietzsches Schriften den Anstoß einer hohen Betrachtungsweise mensch eher Geschicke empfangen, er hat den kranken Weisen in seinem st» 1 Wahnsinn noch selbst gesehen und am 27. August 1900 die Gedenkrede a der Bahre des Toten gehalten. Für den jungen Gelehrten bedeutete die offne Stellungnahme für Nietzsche ein schweres Ringen um sein Ansen ' ja auch sein äußeres Dasein. Vor den Anhängern Nietzsches bekreuzten si wie später und heute noch vor den Anhängern Georges, die bürgerlich Wissenschaftler als vor verruchten Neuerern, die den besterkannten ^* , verließen, und wenn man ihre wissenschaftlichen Leistungen nicht bez^ fein konnte, so verdächtigte man umso tiefer ihre moralische Gesinnung» selte von Herrenmenschentum und schlimmeren Dingen und hätte die Ketz die man nicht mehr verbrennen konnte, gern in der Stille verderben las g Doch solang es wache Jugend in einem Lande gibt, horcht sie auf l e neuen Ton, in dem das Herzblut voller schlägt. Was uns Jungen, die wissenschaftliche Handwerk so gut, ja aus der inneren Anteilnahme e s s eI ' eindringlicher als andre trieben, an Breysig lockte und was uns aus nen neuen Aufgaben und Maßstäben der Geschichtsschreibung entg e g schlug, war ein menschlich Erregtes und Erregendes, war sein W» le ganze Geschichte der Menschheit als einen großen von einheitlichen setzen durchwalteten Vorgang zu betrachten und von dort aus das hältnis von Genius und Masse, von Einzelnem und Gruppe neu zu * r . sen. Denn das längst erschütterte aber in tausend Abschwächungen ° 354 i gültige christliche Grundverhältnis von Mensch und Welt, Ich und Gemeinschaft war durch Nietzsche bis in die letzten Winkel fraglich geworden und alle scheinbare Stetigkeit des Staates und aller scheinbare Portschritt der Wirtschaft konnte nicht darüber täuschen, daß die Seele ln einer geistigen Leere schwebte und die Sorge um menschliches Heil täglich größer wurde. Es wurde nun für Breysig von der größten Bedeutung, daß er in diesen Jähren des Aufbruchs mit George zusammentraf, im Sinne Nietzsches dem Schaffenden begegnete, den er bisher nur aus Forschung und Lehre kannte, ■*fl er einen Großen am Werke sah, der das in der Gegenwart schuf, was er in der Geschichte suchte. Friedrich Wolters, der Schreiber dieses Bu- c hes, W ar schon im Winter des Jahres 1899 zu Breysig gekommen, dann • Studien über die französische Revolution zu treiben nach Paris geigen und hatte sich nach seiner Rückkehr in Niederschönhausen nah ei dem alten Schloß und Park, wo einst die Gemahlin Friedrichs d. Gr. re Tage vertrauerte, niedergelassen, zunächst als einsamer Gast eines ^'etbaren Landhauses. Dorthin zog er bald seine Freunde, mit denen das ll *ck ihn seit der Jugend segnete, ein weiter Kreis von Bekannten und «eliebten Frauen schloß sich an, und es begannen jene Jahre einer heite- etv Jugendgemeinschaft, in denen Arbeit und Feste wechselten, frohes P'el und ernstes Streben einander befruchteten und für eine Weile auch u den Lehrern der Universität Berlin, von denen einige zu Gaste kamen, as von der Jugend so begehrte menschliche Verhältnis neben dem wis- ^schaftlichen erobert wurde. Eine tiefere Lebensgemeinschaft fanden freilich nur die engeren Freunde rie drich Wolters, Berthold Vallentin, Friedrich Andreae, Kurt Hildebrandt nd einige inzwischen Verschollene mit Breysig, als ihnen die Dichtung e ° r ges eine gemeinsame geistige Sphäre gab und die besonderen Lieb- abereien des einen oder anderen vor ihrem Atem wie Spreu verwehten. etl n in manchen wühlte am Beginn von den neunziger Jahren her noch er naturalistische Aufruhr, besonders in den Magdeburgern, die als Jun- en noch die „Revolutionäre der Lyrik" gesehen hatten, andere rangen 't den Problemen des späten Ibsen und Tolstoi und alle hatte Nietzsche ln gerissen. In all dem, wie auch auf dem staatlichen Gebiet im Sozialis- ^ s > lockte diese Jugend das Revolutionäre, die Stöße gegen eine veraltete eltordnung und der Glaube, daß ein Umschwung aller Dinge nötig sei, ne daß einer wußte was geschehen solle oder wo zu beginnen sei. Die- q v ereinzelte Suchen und ziellose Drängen bekam durch die Dichtung 0r ges eine sichere Richtung, einen sichtbaren Sinn. Hier wurde nichts beißen, was nicht schon da war, hier wurde nichts gefordert, was nicht 355 schon erfüllt war. Schon das Hersagen dieser Gedichte war eine verpflichtende Handlung, denn ihre Erhabenheit hob das Alltägliche auf und verurteilte ohne Spruch ein kleinliches Gebaren: sie schön finden, hieß dem Sinn ihrer Schönheit gerecht werden, sie groß finden, der Größe ihre s Schöpfers folgen. Sie waren für uns jedem Streit der ästhetischen, poetischen oder moralischen Meinungen entrückt, wir, die leidenschaftlichen Unterredner, denen keine Nacht zu lang war, um sie über einer strittige 0 Frage zu vertun, haben nie um den dunklen Gehalt eines Gedichtes oder einer Strofe gestritten, sondern jeder wartete auch jahrelang der Stunde» bis sich der Sinn ihm erschließen würde. Es war ein Reifenlassen der Seelen in der Luft des neuen Geistes, der uns durchdrang und mit wachsender Macht auch das Schicksal der Freundschaft ja bald des gesamter» Lebens bestimmte. Geliebte Freunde, die den neuen Weg nicht mitgehet 1 wollten, blieben zurück oder traten grollend beiseite, andre ertrugen eS nicht sich von den Verpflichtungen und Vergnügungen der bürgerlicher 1 Gesellschaft freizuhalten und verließen uns, wieder andre glaubten lfl uns Verräter an der freien Persönlichkeit zu sehen und wir mußten s' e lächelnd gehen lassen. Wir wurden, bei aller Freiheit und Beweglichke 1 in Seelendingen, im Punkte der geistigen Überzeugung streng bis z u Härte und übertrieben die neue Forderung des schönen Maßes bis z u formalen Verstiegenheit. Von denen die gedichtet hatten, ließ der e* jeden Versuch für lange Jahre ruhen, suchte der andre den dunkelste Ausdruck und den härtesten Klang, das Ungewohnte um jeden Preis * erzwingen. Vieles Törichte und Mißverstandene mochte bei diesem F* lfl gen unterlaufen, aber gewiß war die Entfernung vom Bürgerlich-Pl atte und der Abschluß vom Gemein-Alltäglichen. Man erlebte die Erde o e und tat lieber nichts als etwas Falsches, man nahm das Recht der Jugefl auf schöne Muße und festliche Tage nach den Wochen der Arbeit in v ° lern Maße in Anspruch und hielt Leib und Seele sauber bis die Stun» zum Handeln rufen würde. Das persönliche Erscheinen Georges gab al' e Überschwang sein rechtes Maß und führte alles Starre Übersteigerte • den menschlichen Fluß des Herzens zurück: aber es bestätigte zugl eiC jeden Glauben, den seine Dichtung in uns erweckt hatte und gab unser verehrenden Liebe erst das heilige Recht für den lebenden Meister brennen und zu wirken. Vor diese und andre Jugend — wir haben nur die Namen genan welche später durch Werk oder Amt bekannt wurden — trat nun ebe falls das GEDENKBUCH und DER SIEBENTE RING. Diese Jungen e°J stammten wie auch die älteren Gefährten aus dem Bürgertum des sU liehen und nördlichen, westlichen und östlichen Deutschland, sie vvar c 356 w ie jene fast zu gleichen Teilen im jüdischen, protestantischen oder katholischen Glauben erzogen worden, aber kaum noch von den matten Bindungen dieser Bekenntnisse gehalten. Die einen bedrohte, die andern hatte das Zweifeltum des Jahrhunderts schon auf den Schulen und durch das herrschende Schrifttum berührt, aber da die einen noch in der ungebrochenen Kraft des Blutes das Gedicht, die andern schon im unverdorbenen Knabenalter die Hand Georges ergriffen hatte, so war ihnen allen das Wunder des neuen Lebens aufgegangen. Die Gewißheit, verschwiegen e inen göttlichen Dienst zu tun, wenn sie diesem Werke und diesem Wanne folgten, lebte bald heller bald dunkler, bald quälend im Widerstreite mit anderen Lebensmächten, bald freudig in keckem Übersehen Qer Schwere der gesetzten Aufgaben, aber immer glühend in den jungen ee len. Sie hatten manches vor den älteren Gefährten voraus: sie brauchen nicht wie diese in der entgötterten Welt, durch eiserne Zucht, die l nr Persönlich-Einzles aus dem Wirrsal rettete aber auch festheftete, sich lI1 en sicheren geistigen Ort der Abwehr, einen unverrückbaren Fechter- Endpunkt zu erwerben; ihnen trat weiter die ganze Fülle des George- Sc he n Werkes von den HYMNEN bis zum TEPPICH als Einheit als eine Sanze geschlossene Welt entgegen; sie begegneten endlich dem Meister e 'bst auf der Höhe seiner Lebensbahn, in den Jahren der Erfüllung sei- es höchsten Erdenschicksals. Den Jüngeren, die unter diesen günstigen e 'chen herangewachsen waren, brachte das große Erlebnis des SIEBEN En RINGS kein Fremdes zu dem bisher Erlebten sondern nur dessen höchste Steigerung. Die früheren Werke waren nicht weniger wunderbar Ur sie als das neue und sie erfuhren nur das Höherschreiten auf der glei- che n Bahn, die Krönung dessen, was sie schon geglaubt hatten. Mehr als °ni Buch Maximin wurde der eine oder andre unter ihnen von den j^engedichten" betroffen: denn während jenes in der Richtung des bissigen Fluges lag, schienen diese die steile Linie der früheren Jahre zu erl assen und zu den Niederungen der Geschichte ja der Gegenwart hin- zusteigen. Freilich war man den hohen Ton des staatlichen Gedichtes n Deutschland nicht gewohnt, und es bedurfte für die unstaatliche Gei- 'gkeit der jungen Deutschen erst der Einswerdung von Geist und Staat, r st der Erweckung eines neuen Gemeinschaftssinnes auf dichterischem ° de n, ehe die getrennten Sphären ihrer weltweiten Gedankenbauten sich " den wuchtigen Notwendigkeiten bluthafter Gebilde verbinden, ehe l ge Idee und irdischer Tag in ihnen zusammenfließen konnten. Aber serade vom Mittebuch des SIEBENTEN RINGES her, das die älteren Gerten schamhaft als ein rein persönliches Erleben des Dichters umgin- n oder in seiner verpflichtenden Unbedingtheit ablehnten, durchdrang 357 die Jüngeren, je mehr sie das ganze Werk als Ausstrahlung dieses innersten Herdes erfaßten, die neue Einheit von Gegenwart und Geschichte, Geist und Staat, Gott und Welt. Gerade von dort her erwuchs ihnen di e Kraft, alle Lebensgebiete in den dichterischen Raum einzubeziehen und von der festen Innenburg auch den Kampf um das Lebensrecht der neuen geistigen Gemeinschaft nach außen zu tragen. Die achte und neunte Folge spiegelten die innere Umbildung und Festigung des Kreises der Blätter seit dem letzten Jahrfünft schon deutlich wider. Noch kurz vorher mochte es George zweifelhaft erscheinen, °" die Menge neuer dichterischer Erzeugnisse genügen würde, um die Fortsetzung der Blätter über die siebente Folge hinaus zu ermöglichen, zurna' mancher der älteren Mitarbeiter, wie wir geschildert haben, seine Gedichte zusammengefaßt als ganzes Werk im Verlag der Blätter veröffentlicht hatte. Eben, im Jahre 1908, waren die „Huldigungen" von Lothar Treuge und der erste Band der Shakespeareübertragung von Friedrich Gundolf — beide in schöner Buchform von Lechters unermüdlicher Han" — erschienen. George faßte daher zunächst Einzelbeiträge und Proben aus den veröffentlichten Büchern zu einer dritten Auslese der Jahre i9°4 bis 1909 zusammen, erkannte aber noch während des Druckes aus dem Zufluß neuer Erzeugnisse die Möglichkeit einer Fortführung der Blatte*' folgen und gab im Jahre 1910 die achte und neunte Folge zusarnm en heraus, indem er jener eine Anzahl früher Maximin-Gedichte beigab un sie wie vorher das GEDENKBUCH nur für den engeren Kreis seine* Freunde bestimmte. Dieser Eingang, verbunden mit der „Vorrede zu Maximin", besag deutlich, unter welchem Zeichen das kommende Jahrzehnt der Blatte* gemeinschaft stand: was nicht um diese Mitte kreiste, sank langsam vo selbst zurück, was ihr zuwuchs, gewann immer reiner das dort geschaU Bild. Nicht als ob in Gedichten oder Prosen ausdrücklich davon die R e sei! Außer den schon im GEDENKBUCH veröffentlichten Totengesäng e ° Gundolfs und Treuges nehmen nur die drei Gedichte „Tag der Toten und das Chorspiel „Die Geheimfeier" von Wolfskehl in der neunten Foi& unmittelbaren Bezug auf das hehre Geschehnis. In den drei Gedicht taucht noch einmal die Erinnerung an die Kosmiker auf, an „die ven rene Zunft", die zu Asche gesunken ist. Die „Geheimfeier', sucht da Wunder der Gotterneuerung in einem schönen Gegenspiel von Knabe und Mädchen zu fassen. Zum ersten Male klingt hier wieder das Lob 0 lebengebärenden, des guten Todes auf, wie viele Lieder Maximins u ° des SIEBENTEN RINGS ihn versichtbart hatten. Von diesem Wunder der Gotterneuerung sind die meisten Dichtung 35» de r achten und neunten Folge durchdrungen: es war als Keim in die we- ni gen älteren und die jüngeren Dichter gesenkt und eine heilige Scheu des Beginnes zwang sie eher davon zu schweigen als zu singen — selbst die Gedichte des Buches Maximin wurden nur äußerst selten in Gemein- Sc haft gelesen. Auch bei den Folgern Georges gab es keine plötzliche u °erirdische Erleuchtung, keine unerwartete völlige Umkehr des bisherigen Zustandes noch das Stammeln aus einer mystischen Versenkung und erlöschung der Sinne, sondern ein langsames Wachsen aller Kräfte "8 neuen Geiste, ein schrittweises Ringen um Näherung an das schöne er nste Götterantlitz, das seit dem SIEBENTEN RING sichtbar und nenn- ar aus dem meisterlichen Werke schaute. Es galt auch keine Abkehr °n der Welt, es sei denn von den häßlichen Auswüchsen und erstarrten °rmen der Zeit, sondern eher ein neues Ergreifen ihrer Urgegebenheiten nc * ein tieferes Ergriffenwerden der gereinigten Sinne von den Gluten er Liebe und Ehrbegier. In den Beiträgen der jüngeren Mitarbeiter, von en en die jüngsten in den beiden Folgen nicht mehr mit Namen genannt n d, drückt sich wenn nicht immer am stärksten so doch am unmittel- a *sten dieses Ringen um die letzte Nähe und dieses Ergriffenwerden n Hebenden und wetteifernden Gewalten aus. Der junge Künstler, für e n sich Rodins L'Age d'Airain nicht schön, nicht göttlich klar genug Us dem Steine hebt, zeichnet damit die Linie nach, auf der sich die Sehn- c ht seiner eigenen noch dumpfblütigen Natur nach Befreiung und Erdung von ihrer Schwere bewegt. (L'Age d'Airain, 8. Folge.) Sein Ge- . ^ c h mit dem Bildwerk ähnelt dem des Meisters mit dem Schüler in eni Zwiegespräch „Der Absturz", das im Aufwerfen der quälenden Frage ac h der eigenen Zulänglichkeit ein Beispiel für die geistige Sorge gibt, , el che damals die jungen Seelen erfüllte. Daneben aber stehen dichte- ls che Prosestücke wie „Das hohe Amt unserer Liebe" und „Priestertum * Liebe", in denen sich die leibliche Leidenschaft in einer rauschenden Mittelbarkeit und heidnischer Offenheit ausdrückt, wie wenn verschlösse fast noch knabenhafte Münder unter dem liebenden Sturm aufbre- e n u n d ihnen nur die höchsten Vorstellungen des Gottesdienstes ge- & e n, um die Schauer der erschütterten Sinne auszudrücken. Wieder de re nahmen die Vorstellungen für ihre Ergriffenheit von der Gewalt r mittelalterlichen Minne wie Wolters in seinen eigenen und übertra- ' ne n Liebesliedern, oder von der Gestalt des antiken Eros wie Boeh- * n 8er in seinen tief ergreifenden Distichen auf das Andenken Rudolf tc khardts. Aber immer suchten diese persönlichen Ergießungen zu ^ n em göttlichen Bilde der Minne oder des Minners vorzudringen und die e Verbindung der beiden Gewalten Liebe und Tod, welcher man auch 359 bei ihnen begegnet, zeigt uns den dionysischen Grund an, aus dem ihre Gesänge stammen. Die unbedingte Bindung an den Gotterneuerer, der sie den Weg in die Bereiche des Mehr-als-Persönlichen gehen gelehrt, das Ringen um die Nähe Georges drückt sich in den Widmungen und Spruchen dieser beiden in der tätigen Form der Anteilnahme an den kämpi e ' rischen Elementen des Meisters aus: in der Verwerfung der Gegenwelt» in der freudigen Bereitschaft zur Mitstreiterschaft, in der jubelnden Verkündung der Größe des neuen Reiches und seines geistigen Herrschers» mit welchem Namen Wolters zuerst in diesen Folgen die Gestalt d eS Dichters zu umgreifen suchte. Bei Boehringer wirkte sich die innere Bewegtheit außer im Gedicht noch unmittelbar in seiner Stimme aus, welch von allen die schönste für das Hersagen war und deren feurigmaßvoll er Ton viel dazu beitrug, das Wunder der Dichtung in der Gemeinschal der neuen Freunde reicher erblühen zu lassen. In gleicher Richtung wirkten sich die Gedichte Wolfskehls und Gurt' dolfs auf diesem Schauplatz neuer Kämpfe und Freuden aus. Wie die schon erwähnte „Geheimfeier" führen die beiden Mysterien „SanctuS und „Orpheus" von Wolfskehl seine in den Leidensjahren erlangte KunS des Feierspieles auf eine noch höhere Ebene mythischen Geschehens. Wä" rend das eine in den ewigen Sinnbildern Orpheus und Eurydike de Sieg des liebenden Dichters über die dunkelste Todmacht in Versen v ° unheimlicher Nachtklarheit verherrlicht, stellt das andre in unbenenn barem Ort und Raum die Sage der Erneuerung des irdischen Reiches a einem Kräftespiel von Führer und Volk, Erd- und Lichtmächten da • Die Symbole vom Wimpelstab und Baum, Schwert, Mantel und Kro sind freilich in ihm fast deutlicher Erscheinung geworden als die « stalten ihrer Träger, von denen nur das Volk und der verführende Mag fester umrissen sind. Doch durch alle Dunkelheiten scheint klar der ei Sinn: alle Kraft wird an Wachstum, Blut und Rache gemessen, auch de Bedeutende aber Unzulängliche fällt an der Wende der Zeit den Mächte der Tiefe als notwendiges Opfer anheim, durch das sie geweckt und S sättigt werden, aber die zulängliche Kraft des Berufehen und Geweih^ besteht vor den ewigen Proben leichter Hand und durch sein bloßes ^ scheinen fällt dem geheiligten Jüngling die Macht und das Reich und Herrlichkeit zu. Seit Wolfskehl, als er fast schon an sich irregewor war, durch den Meister den Gott erscheinen sah, wie das Gedicht ,> rufung" sagt, war seine Sicht in den Kreislauf der ewigen Lebensrnäc ihres Blühens und Welkens noch tiefdringender geworden. Die dun» Mythen von Weltenzeugung und Götterdämmerung umspielte sein Ge durch alle Zeiten unserer Erdgeschichte und rief in den „Legenden" u 360 " e n „Nirvana-Sonetten" ihr Grauen wie ihre Verheißung aus totem Wis- Se n in gläubige Erregung. All diese Bilder des steigenden und sinkenden Gebens ließen uns das gegenwärtige Geschehen in seinen welthaften Tie- fe nräumen sehen und offenbarten auch dem leichteren Sinn die Wucht des geistigen Umschwungs dieser Jahre. In Gundolfs zarten und manchmal noch in Zagheit versponnenen Lie- er n und Zwiegesprächen drückt sich der gleiche Vorgang durch eine " e genüberstellung leichter und schwerer Seelen, sinnlich dumpfer und u oerheller Geister aus, die im Widerspiel um das menschlich und gött- lc h Echte miteinander ringen. Um das Bejahende deutlich zu machen, ü 't er zugleich das Verneinende auf, um Grenze zu zeichnen die maßlose e gier, um das Glück des Glaubens zu bekennen die trostlose Einsamkeit er Gottentfremdung. Alles Heil und Unheil seiner schwebenden und a £enhaften Geister und Helden, seiner Ariel und Dryade, Arion und lf ke, Iskender und Asrafil, selbst die Verzweiflungsnacht eines Fried- lc h in Sanssouci sind aus dem Wissen um die „Zeitwende" geboren, sie e hen im Schatten oder Morgenrot des künftigen Tags und nehmen e cht oder Fall vom „Wandler und Beseeler" der neuen Welt. Wir wissen schon, daß weder Verwey noch Derleth diese Sicht teilen °nnten und doch fügen sich ihre Gedichte dem Gesamtmerkmal der ctl ten und neunten Folge ein, weil sie als wahrhafte Dichter jene hohe r °mmigkeit besaßen, die auch über Zweifel und Freiheit und selbst in ttl Schranken einer erstarrenden Überlieferung an ein lebendiges Gött- c «es glaubt, mochte es der eine für bild- und leiblos, der andre für ^ mer an eine Form gebunden halten. Verweys Gedicht „An Friedrich ,e tzsche" besingt den dionysischen Trotz des tiefsten Gottleugners und 2 ten Gottsehners der Zeit, der am Versuch einer Zeugung seines Bil- s verbrach und dem vor die wähnen Augen die beiden Gründer irdischer °ttesreiche im Wettkampf ihrer Lehren treten: Apollon der Darsteller s Gleichen in den Tauglich-Schönen, Christus der Finder der Liebe zu en > auch noch im Leide. Mit der offnen Frage, woran der große Zweifstarb, schließt auch Verwey sein Gedicht, aber es deckt in seinen kur- n dichten Strofen das ganze Doppelgesicht des Geistes auf, um das die r °Päischen und vor allem die deutschen Dichter und Denker kreisten von dem unsere Theologen noch heute kaum etwas ahnen. e ltsam genug, daß sich auch in den Gedichten Derleths dieses Doppel- !tz spiegelt: ein dionysischer Aufbruch glüht in ihnen durch die rö- 1!ä ch-christliche Nuchternheit Augustins, eine antike Wildheit unter e °ger katholischer Zucht. Eine auf große Wirkung gestellte Natur ohne ungsmöglichkeit ist ' n mnen doch einmal Erscheinung geworden. 361 Keine Wundergeschichte ist schöner und seltsamer als diese: Wie Der- leth nach dem erwähnten Gespräch über ein gemeinsames Handeln an dem offenbaren Geheimnis des meisterlichen Wirkens vorübergehen aber dennoch dessen Winke folgen mußte und ihm freiwillig seine Gedichte für die Blätter gab. Er tat dies einige Jahre lang, bis er plötzlich sagte: „Ich mache keine Gedichte mehr. Ich würde sagen meine linke Hand wußte nicht was meine rechte tat". War es ein Almosen, das er gegeben hatte oder verbarg der Kluge stets Verhüllte unter dieser biblischen Geste des Almosengebens eine Enttäuschung, daß seine Gedichte nie« aller Blicke auf ihren Schöpfer gezogen, daß die Huldigung der Jugend dem blieb, der sie ruhig in seinen Kreis gezogen hatte? Jedenfalls war es kein Scherflein sondern ein unerhörter Reichtum, der in diesen 43 Gedichten der siebenten bis neunten Folge den Blättern geschenkt worden ist. Und einzig hier in dieser einen halbfreiwilligen Gabe wurde die ganze Dichte seines einsamen Lebens sichtbare Leuchte, seine strenge Führung heldischer Ruf, seine fromme Glut lebendig zeugende Macht. Diese Ge - dichte von metallischem Glanz und erzgefiedertem Klang, die heute noen kaum in Deutschland jemand kennt, zählen zu den kostbarsten Schätze unseres Schrifttums. Sie bergen den Gehalt einer Seele, die in ihrem Zeit* gefühl der Georges fast entgegengesetzt war, aber ihr glich in der For derung heldischen Menschensinnes und in der Schauung gotterfüllte Welt. So eigengesetzlich diese Gedichte Derleths sind, es mußte d" Sphäre des SIEBENTEN RINGS vorhanden sein, damit sie erzeugt wer' den konnten und wenn Derleth vielleicht daran gedacht hat, durch sein Strofen die Blätter zu sprengen, so mußte er bald erkennen, daß sei Wort und Ton schon dichterisch von dorther bestimmt war, daß es ein andre Form ein Urerleben in dieser Zeit zu äußern außer der Georg nicht mehr gab. Zwei Sätze, die er uns kurz vor dem Weltkrieg auf ei Anfrage schreiben ließ, bestätigten diese Einsicht auf seine kurze bündig Art: „Seine Meinung wolle er in die Worte zusammenfassen, daß Georg als einziger Heutiger die volle Magie des Wortes besitze. Er wolle di in aller Wucht und Ausdehnung verstanden wissen". Mit Verwey und Derleth kreuzen in der achten und neunten F°-f auch andere Gefährten zum letzten Male die Blätter: Karl August Kl el mit dem schönen Begrüßungsspruch für die siebente Folge und de Trauergedicht „Die Verbannung", der Besiegelung eignen Schicksals, d noch einmal an die Folgerworte seines frühen Sendschreibens erinne „Der Schreiber dieser Zeilen sagt auch hierbei, daß er nie einen ander Anspruch hat als diesen: der jungen Bewegung seinen Arm geliehen haben als nur wenig andre sich darboten". Dann Lothar Treuge «n 362 Walter Wenghöfer, deren Schicksal uns noch beschäftigen wird: der erste "üt zwei Oden und Proben aus den schon erschienenen „Huldigungen", Welche die Höhe seines Könnens bedeuten, der letztere wie schon verachtend mit Bruchstücken aus den „Tagen des Endymion" von noch v erdüsterterem Ton als einst. George selbst gab neben der Vorrede zu Maximin zwölf seiner Shakespearesonette, die ersten fünfzehn Gedichte aus dem STERN DES BUNDES, e >ne Auswahl der von Norbert von Hellingrath entzifferten Pindarüber- tr agungen Hölderlins, Dinge, von denen wir noch im Zusammenhang zu handeln haben, und „Goethes letzte Nacht in Italien". Alle diese Beiträge knieten den gleichen Hauch der gottverjüngten Welt, der auch die Dich- Ut *gen der Gefährten in diesen Folgen beseelte, ja in „Goethes letzte ^ a cht in Italien" verdichtet er sich zum ersten Male zu einer jener volk- Utt »greifenden Zukunftsvisionen, die von nun an das herrscherliche Merk- **l seiner Dichtung werden sollten. In sieben Teilen von je zwölf Zeilen, ef en freie fünfhebige Fließung griechisches und germanisches Maß zu e rbinden scheint, erhebt sich der Bau dieses ersten Gedichtes hymni- cher Art und läßt die klassische Sehnsucht des deutschen Geistes nach "dlicher Helle und hellenischem Menschtum in sieben großen Bildern aufknien, wie sie dem größten Sehner Goethe beim Abschied von Italien °r die Seele treten. Der nächtliche Schwur des Paares vor dem Gottbild at ihn schon dem geliebten Boden entrissen und traumhaft auf die Grenze tischen Vor- und Rückschau gehoben. Alle brennenden Schmerzen des Tangens nach schönerem Land und Menschtum, die er in der Heimat Ritten, alle bitteren Leiden der Abweisung und Verkennung, die er in er Heimat leiden wird, wenn er sein hohes „jenseit der Berge" erworbe- es Gut in sie trägt, überkommen ihn in dieser Nacht, auf die er nach 'nen eigenen Worten keinen ganz glücklichen Tag mehr in seinem Leben "abt hat. Er weiß, daß der grübelnde Tiefsinn der Deutschen sich gegen e «eitere Sinnenhaftigkeit antiken Menschtums, das er ihnen bringt, J"PÖren wird, er weiß, daß sie lieber noch ein Jahrtausend „wildester Undergeschichte" und mystischer Verzückung folgen als die frohe Bot- «aft der Erde hören wollen, er weiß, daß er noch nicht die Macht hat le die ursprünglichen Erdsöhne durch die jahrhundertalten Krusten der lt bis zu den „Müttern" vorzustoßen und den „Hüterinnen" die Formel n euen Lebens zu entreißen. Er wird im letzten entsagen müssen, doch des /er tausend Formen wird er den Kindern des Nordens den Strahl des Wichen Lichtes verkünden, bis sich ihnen entschleiert zauber des dings — und des leibes, der göttlichen norm. m letzten Bild läßt George mit seinen Augen den entsagenden Genius 363 in das Fernenland schauen, wo sich die Bilder seiner Hellenensehnsucht im eignen Volk und Land erfüllen und auch die Früchte seiner Helden- arbeit reifen: einen seligen Augenblick lang schließt das erhabene Paa r die Kluft zwischen deutschem Traum und deutscher Wirklichkeit, und der dieses Gesicht als Ahnung vor der Seele des Brudergeistes aufsteige 0 ließ, hatte den Beginn seiner Erscheinung schon erfahren. 3. KAPITEL: ANTIKE UND CHRISTENTUM ES ist eine ewige und unerklärliche Mitgift des deutschen Volkes, daß eS bei jedem Erwachen sich der Griechen erinnert, als wäre das in in 10 Ungeborene, das es künftig darstellen soll, schon einmal in erreichbare 1 " Form dargestellt gewesen und als müßte es an diesem stufenweise sich enthüllenden Vorbild zu seinem Eigensten reifen. Immer aber war dieses Erinnern zugleich eine Abwehr der seit Jahrhunderten in Gefühl und Bl u übergegangenen christlichen Formen, ein geistiger Kampf, der im 19. Ja nr " hundert sein Ende zu finden schien, als die gegnerischen Kräfte an de „unschädlichen Wendung" ins reine Wissen erlahmten. Da rief Nietzsche, der als letzter in unseren Jahrzehnten die Doppelh el durchlebte, den Kampf noch einmal auf, aber nicht als ein Sichmessen de Gegenkräfte, sondern — und darum mit Recht der erste „Antichrist ""' als ihre äußerste Entzweiung: die Antike lieben und sie leben wollen h»e für ihn das Christentum hassen und vernichten wollen: Dionysos gegen de Gekreuzigten blieb sein letzter Ruf. Er nahm wie keiner teil an dem letzte großen christlichen Endrausch der Philosophie und Musik, aber er w£)1 keine Versöhnung zwischen Antike und Christentum, wollte kein Einsen fern der Gegenkräfte der Welt in Lebensverneinung noch Liebesverse kung, ihm genügte weder das klassisch-humane noch das romantisch-my thische Hellas, sondern das im hellen geschichtlichen Raum erkennbare o großen Weisen, Dichter und Täter: das heldisch-tragische Hellas, das er a dem dionysischen Leidensgrund emporsteigen ließ. Gegen das lebenv fälschende seelenversklavende Leid und die leibverzehrendc übersinnh c Lust des Christentums rief er das heroische Leid und die heroische L des frühen Griechenlands auf, die nahtlose Einheit seines Menschtums f" allen Schauern und Freuden der göttlichen Natur, seine volle Bejahung discher Qualen und Wonnen um des höchsten männlichen Glückes W>' um das Siegesgefühl des harten geschmeidigen adligen Menschen im W e kämpf mit seinesgleichen. Den griechischen Agon hatten die Klassiker Bildung des schönen und kräftigen Leibes gesehen, Nietzsche sah in ' 364 die tiefste Weltkraft der Hellenen, aus der alle Bildungen der Künste, alle formen der Staaten, ja ihr ganzer göttlicher Kosmos hervorgegangen war, e iner Kraft die sich in der ewigen Entgegensetzung zweier Weltkräfte darstellt und die nach seinen Worten die einzig wirkliche Wesenheit des kosmischen Geschehens ist: „Die Dinge selbst an deren Festhalten und Standhalten der enge Menschen- und Tierkopf glaubt, haben gar keine Existenz, Sle sind das Erblitzen und der Funkenschlag gezückter Schwerter, sie sind das Aufglänzen des Siegs im Kampf der entgegengesetzten Qualitäten". °° erschien in seiner Sicht nach der äußersten Entzweiung von Antike und Christentum im deutschen Wesen eine neue Einheit kämpferischer Kräfte: di e weltbildende Macht des Wettkampfes, die in Hellas schon einmal in "er Herrlichkeit erschienen war und ihrer Wiedererscheinung in einem " e uen heldischen Dasein harrte, Nietzsche hat dieses Dasein wohl geschaut, aber nicht wiederschaffen dnnen, dazu bedurfte es eines Menschen, der selber Träger der streiten- e n wie liebenden Kräfte eines heldischen Lebens war, dessen Werke nicht Us dem Haß sondern der Fülle der Habe geboren, durch den der Traum fiserer Väter Fleisch und der geistige Kampf der Sehnsucht in den leib- ,c hen der Erfüllung überführt wurde: auf dem neu gesichteten ewigen ru ld mußte einer, der alles Erbgut in sich trug, die Gottwelt aus eigenem amen zeugen. Den jungen George hatten die unbewußten antik-christ- c hen Überlieferungen noch genährt, da die Reformation die katholische lr che an Rhein und Donau wohl verwandelt aber nicht überwunden hatte, le bewußten Kräfte der „Wiedergeburt" hatten seine weltlich-humane «düng nocn geformt: so fanden diese Gegenwelten zum ersten Male ihre Reinigung in einer großen deutschen Seele als unsere Not am größten r - Denn als er seinen Weg begann war das deutsche Bild von Hellas in n Wenigen Trägern des klassisch-romantischen Geistes zwar vertiefter als i - J e geworden, aber der geistige Weltbau der Deutschen selbst lag in ^mrnern vor ihm und was noch dürftig hielt sollte bald stürzen. Alle a *te der Auflösung waren entbunden, schwollen immer höher an und strahlende Hort unseres geistigen Erbes drohte im Strom zu versinken, s Q er eine Heile das ganze Unheil der Zeit durchschritt: von all ihren Gif- g. n be spritzt, von all ihren trüben Wirbeln bedroht und doch gegen alle e rnisse und zehrenden Säuren gefeit. Der ein Kind seiner Zeit und doch § T erst e jenseits ihrer Nöte und Süchte war, hatte als Leidender alles, als 411 affender nichts mit ihr gemeinsam. Bei empfindlichster Berührung mit äüß 11 * hren Gefahren und Gegnerschaften stand er doch als Dichter in der e rsten Entfernung von ihr und griff in ihre Geschicke erst ein, als er c h den fernsten Flug seine Schöpfung vollendet hatte. Aber auf dem 365 ganzen Wege von den HYMNEN bis zum SIEBENTEN RING lagen für ihn die Gefahren und Gegnerschaften nicht im christlichen Raum wie bei Luther und Friedrich, Goethe und Hölderlin und noch bei Nietzsche, j a selbst bei den eigenen Gefährten wie Verwey, Derleth und den Kosmikern> in denen der uralte Kampf zwischen Antike und Christentum ausschwang' In George war der Gegensatz aufgehoben und selbst die Entzweiung unwirklich geworden. Er hat das Christentum weder gehaßt noch bekämpft» aber auch nicht zu erneuern versucht, er hat die Antike geliebt, aber weder zurückgerufen noch nachzuahmen versucht: er ist weder ein christlicher noch ein antiker, sondern der neue deutsche Mensch unserer Tage, der als erster einen Boden außerhalb der beiden Weltreiche schuf und sie vom selbstgeschaffenen Grund als geistige Erscheinungsformen des ewig en Menschen überschaute. Was an hohen menschlichen Werten durch katho' lische und humanistische Überlieferung und Bildung noch lebendig war ' ist samt dem dumpferen Bluterbe von Geschlecht und Scholle in sein Wer» eingegangen, was an toten Einrichtungen und toten Stofflichkeiten sie» aus jenen beiden Bereichen um ihn häufte, hat seine Schöpferhand nich* berührt. Er stellte dar was seiner Natur und Entfaltung eingeboren war: o en Menschen in der ungebrochenen Einheit und Fülle seiner welthafte Kräfte, als Wesen das die Welt in seinem Erdentag beschließt und sich » ihm vollendet. Aus diesem innersten Kerne seines Selbst erschien ihm f fel lieh alles christliche Menschtum als ein strebend-unvollendetes, das 1IP Zwiespalt zwischen Leib und Seele, vergänglichem Diesseits und ewig e Jenseits, ungöttlicher Natur und stofflosem Gott niemals in diesem Dase» die ganze Erfüllung der Liebe, niemals die volle Wucht des gegenwärtig Augenblicks, niemals die ganze Blüte der Schönheit, niemals die dien Vollendung der heldischen Tat erreichen kann, sondern mit der größer e Hälfte des Kräftebogens immer außer dem Leibe, außer Zeit und ü außer Werk und Geschehen in einem Andern, Unendlichen, Uberweltliche in einem unfaßlichen und unsichtbaren Draußen steht, dem alles Sehn gilt und vor dem die irdische Hälfte nur leichter Staub, Sünde oder W e des Satans ist. Im antiken Menschtum dagegen sah George die ihm tief ve wandte Art: das runde alle Mächte der Welt in seiner Gestalt beschließe 0 Wesen, das sich hier vollendet, hier seine Würde und Seligkeit, seine Gro und Schönheit findet und drum nicht in der entäußernden Hingabe Selbst, sondern in der Gleiches im Gleichen schaffenden Zeugung die W durchglühende Liebe sah: den Eros, der jenes einzige Miteinander des g liehen Menschen und menschlichen Gottes schuf. Da war kein Zwi eS P zwischen irdischem Wandel und himmlischem Sein der Seele, sondern 366 Fülle der Ewigkeit lag im fruchtbarsten Nu der Gegenwart und die ewige Schönheit erschien als geschöpflicher Zauber, als vollkommenstes Werk, a ls tiefste Schau, als herrlichster Sieg: als göttliche Gestalt der Dinge und Leiber. Mit diesem Sein und Schauen vertrat George das ganze geistige Erbe des Kampfs zwischen Antike und Christentum, er konnte es retten weil er mit Reicher Wesensart die neue Schöpferkraft verband, als sich die letzte Span- n ung beider Welten löste, als die christlichen Werte erlahmten und die an "ttem Gegensatz erwachsenen weltlichen Kräfte mit ihnen zu zerfallen höhten. Denn wohl hatten die großen europäischen Geister versucht das übersinnliche wieder mit dem Sinnlichen, das Göttliche mit dem Irdischen Zx * vereinen, wohl hatte der große Staufer göttlichen Ursprung und göttliche Weihe wieder für den Staat gewonnen, wohl war Dante mit seinem Men- c henleibe durch alle Sphären des Jenseits bis zur höchsten Gottheit gewandert und hatte das oberste Licht in die Dichtung gesenkt, wohl hatte Geister Ekkehart auf der umgekehrten Bahn der Verinnerlichung die Seele ,s zur Gottgleichheit gesteigert und das einheitliche Sein geschaffen, wohl ^aren in den folgenden Jahrhunderten Erdenlust und Sinnenfreude gewach- en > hatte der verfemte Zauber der Natur seine begeisterten Schwärmer, att en die Körper und Kräfte ihre bohrenden Forscher, der Aufbau der 'Offlichen und geistigen Welt seine kühnen Denker und die Regelung des geselligen Lebens ihre Neuerer und Täter gefunden. Der Strom eines neuen Unglaubens durchflutete alle Künste und Wissenschaften, alle Fahrten n d Taten, alle Wünsche und Leidenschaften und die Religion der Mensch- • c hkeit, an den Denkmälern der Alten genährt, durchglühte die edelsten ^ er zen und befeuerte ihre Kämpfe um das neue Heil der Erde wider die ctlr istlichen Verzicht- und Jenseit-Gewalten. Aber über all diesem Ringen men ein Vergebliches zu liegen und die eine Gewalt sich an der anderen a ü ^schöpfen, das Geheimnis des Christentums entleerte sich und das der ^tike wollte sich nicht erschließen. Die offnen Qualen in Michelangelos a °ionen, die sternlose Größe der Shakespearschen Helden, der schwei- nde Verzicht der Goetheschen Gestalten, der Hohn der Zweifler und die "den Flüche Nietzsches besagten nur das eine: daß ein Letztes Unge- st es über dem Dasein lastete. Das Sinnen- und Erdenreich wurde er- e rt aber nach der Sprengung der Fesseln und der Aufklärung der Nacht le b es entweiht, entheiligt und entgottet zurück und statt der Himmel f chstrebte der ernüchterte glaubenslose Mensch die Unendlichkeit einer ^seelten Stoffwelt, die Dürre einer mächtelosen Begriffswelt, die öde eer e einer Betriebs- und Wirtschaftswelt, die wachsende Häßlichkeit cr entwürdigten entgöttlichten Natur: er selbst nach dem jahrhunderte- 367 langen Ringen der häßlichste unadligste und gemeinste in seiner Erscheinung, seinem Tun und Bilden von allen Brüdern antiker und christlicher Zeit. George stritt daher nicht gegen das Christentum, sondern gegen die Verderbnis des weltlichen Menschen und damit zugleich um sein Erbe. Ihn 1 waren die Kräfte gegeben, die Sinne und Leidenschaften zu reinigen, den Stoff zu beseelen, das Leben zu weihen, den Gott im Menschen zu zeugen und so das Geheimnis der Einung des Irdischen und Göttlichen zu erneuern. Von Beginn an hatte sein liebender Blick auf der brüderlichen Weltgeburt der Hellenen geruht, aber jetzt erst, als er zum ersten Male selbst die ganzen Kräfte im vollen Kreis der Liebe beschlossen, als er wahrhaft den OW verleibt und wahrhaft den Leib vergottet hatte, rührte er an das verwandte Geheimnis antiker Ahnenschaft und rief „das hellenische Wunder" z urn Zeugen seiner Weltschau an: „Wenn unsere führenden Geister, voran Goethe, sich vor dem hellenischen Wunder niederwarfen und die gr ie ' chische Kunst, besonders die Bildwerke als höchstes Ziel betrachteten", s ° heißt es in der neunten Folge, „so muß dahinter mehr verborgen sein als die Erklärung, daß südliche Heiterkeit und wohlgefällige Form sie so eingenommen hätte, daß sie darüber sogar die Kräfte und Leistungen ihre s eignen Volkes gering geschätzt. Sie kamen vielmehr zur Erkenntnis, d a hier für die ganze Menschheit ein Unvergleichliches, Einziges und Vol * kommenes läge, dem nachzueifern alles aufgeboten werden müsse, und da die Bestrebungen des so geliebten Fortschritts vorerst einmal in diese Ba" zu lenken seien. Verglichen mit den Griechen mußten ihnen die Leute d e eigenen Volkes trotz all seiner gewaltigen Gaben fast wie Zerrbilder vor kommen. Freilich verlangten diese führenden Geister nicht ein äußerlich Nachahmen das zu dem gerügten Klassizismus führte, sondern eine Durc dringung, Befruchtung, eine heilige Heirat. Alle Erläuterungen weshalb s» die Griechen in solcher Höhe sahen, alle Untersuchungen welche ganz P Tri" sonderen inneren Beschaffenheiten und äußeren Umstände gerade diesen >■ sulanern den Vorrang vor allen Völkern verschafft hätten, reichen m c aus. Hinter den Erklärungen geschichtlicher, schönheitkundiger und P e sönlicher Art liegt der Glaube, daß von allen Äußerungen der uns bekan ten Jahrtausende der griechische Gedanke: ,der Leib, dies Sinnbild Vergänglichkeit, DER LEIB SEI DER GOTT' weitaus der schöpferischs* 6 und unausdenkbarste, weitaus der größte, kühnste und menschenwürdig 3 war, dem an Erhabenheit jeder andre, sogar der christliche, nächsten muß". Von der so gewonnenen Höhe der Sicht sah er Antike und Christentn * nicht „als geschichtliche ein für allemal dagewesene überwundene 368 stände' 1 sondern „als Urseinsformen, die nur von ihrer höchsten sinnbild- hchen Gestalt den Namen bekommen haben", als ewige Bilder des Geistes a n deren gewaltiger Größe das wache Auge erschlaffte Zeiten messen und lernen muß, lebendige und tote Gegenwart zu scheiden. In noch schrofferer Abwehr als bisher trennte der Dichter in den Einleitungen und Merksprü- c hen der achten und neunten Folge seine Welt von der gepriesenen des Fortschritts und der Scheinerneuerung ab, die schon Verbesserung auf Verbesserung häufend an sich selbst zu zweifeln anfing, „als ob in dieser best- Seordneten aller Welten ein Wesentliches nicht versorgt sei und ein Edelstes verloren gehe". Er wußte, daß weder die platten Lehren des Materialismus noch die Deutelkünste einer angewandten Mystik, weder ein Sich-Ver- lere n an das Grobstoffliche noch ein Sich-Verflüchtigen im Stofflosen hel- en konnte, sondern ein frommes, tätiges Innestehen in gotterfüllter Welt, le es die Weisen und Dichter des Altertums und sich an ihnen messend die « r oßen weltlichen Dichter christlicher Zeit gewiesen hatten. Ihr Erbe wah- e nd rief er sie selbst zu Kronzeugen seiner neuen Herrschaft und zum e 'eit des neuen weltfrommen Menschen auf. 4. KAPITEL: DIE KRONZEUGEN A LS am deutschen Strome der Ruf „Hellas ewig unsre liebe!" und die sehnsuchterschütterten Strofen über die „rötlichen urnen" und den ' e,li gen marmor" erklangen, hatte die bergende Erde unter den Händen er Wissenschaftlichen Ausgräber, letzter Nachfahren der lebendigen Er- ec ker, die Götter- und Jünglingsstatuen hellenischer Frühzeit wieder hergeben: den Apollon, den Venusthron, den Athener Efebenkopf und andre, . n denen der Geist des Dichters seine schönen Geburten nährte, bis er selbst deutschen Land den schönen jungen Gott gebar. Wir haben gesehen, ' e Unter dem frischen Anhauch das klassische Erbe in eigentümlicher eise aufgerufen wurde, indem George selbst und die Dichter der Blätter e >ne Bilder als Sinnbilder des eigenen Erlebens in den Strom der erneuer- n Sprache tauchten und an der verwandten Fühlung der Griechen die Igne deutsche zu stärken suchten. Jetzt nach der Neugeburt des Göttlichen rückten auch die großen Sän- u 6r Und Preiser des männlichen Minners, des weltschaffenden Eros, Pindar d Piaton, Dante und Hölderlin in dichtere Nähe und die vom gleichen 2 fange Ergriffenen erfaßten jetzt erst ganz das hohe Spiel der geistigen ^ u gung i m Leiblich-Schönen, der heldischen Geburt aus der schöpferi- en Liebe. Das Geheimnis der geistigen Zeugung ist so groß wie das der M 369 leiblichen, und ebenso wunderbar wie die Geburt des Genius aus der Paa- rung schlichter Eltern dünkt uns, daß der Dichter aus seiner Liebe z u einem Geliebten oder einer Geliebten die Gestalt eines göttlichen Wesens» seines irdischen Helden oder seiner himmlischen Verklärten gebiert und m s ewige Wort bannt. Beides sind Geburten ohne Willkür, unberufbar und undurchschaubar. Jedesmal aber wenn an den Wendezeiten ein solcher kommt) der für seine Liebe das lebengestaltende Wort beherrscht und zugleich als Person, als Meister und Freund in lebendigen Leibern und Seelen zu zeugen vermag, sie umschafft und aus Erweckten zu Wiedererweckern wandelt» horchen die ewigen Mächte auf und rücken die großen Geister der Jahrtausende nahe. Denn ein Uranfängliches bricht auf und ein neues Götterantlitz erscheint in der Zeit. Er aber schaut von Gipfel zu Gipfel und ruft oW früheren Künder der großen Liebe zu Bürgen seines Tuns und seiner Gesichte an, denn seine Einsamkeit ist groß unter den Menschen, die sich g ettl vom kleinen Glücke fristen und den erschütternden Blick in die Fülle de Daseins scheuen. So sehen wir George in der achten und neunten Folge neben die Gedichte Maximins die Sonette Shakespeares neben die ersten Gedichte aus dem „Stern des Bundes" die Gesänge Pindars in der Übertragung Hölderlin und zu gleicher Zeit die erste Sammlung seiner Dante-Stellen veröffen liehen, als bestellte er die drei großen Namen zu Wächtern seines junge beginnlichen Reiches. Pindar war ohne Wirkung auf unsere Dichtung in christlicher Zeit» i der der Hymnus nur dem übernatürlichen Gotte, seiner Mutter und Heiligen erscholl. Der Preis leiblicher Helden und Sieger hatte keinen Sin für eine Welt, nach deren Glauben der Preis und Lohn für irdische Tat erst im Jenseits lag und nur der unsterblichen Seele galt. Erst mit der inn ren Wende und Wiedergeburt wachte auch die Begierde nach TriumP und Ruhmliedern auf, erschien Pindar wieder und suchten die europäisch Dichter ihn für ihre eigenen Sprachen zu gewinnen, am spätesten die D e sehen, die nach dem Erschlaffen der lateinischen Hymnen der Kirche Seelengesang im deutsch-protestantischen Kirchenlied weiterschwang Erst als Klopstock aus dieser Sphäre den gewaltigen Flug zum weltli cl1 Gottes- und zugleich Freundeshymnus gewagt, als Winckelmann die Geh der Heldenleiber aus der Freundesliebe verkündet und mit der große augenhaften Fähigkeit zugleich die sprachlichen Mittel sie auszudrüc gefunden hatte, als endlich der junge Goethe mit noch erhabenerem Fing im « nö sprachliche Mittel für einen deutschen Pindar gegeben und neben tüchti un c schwung ihm auf diesen Bahnen gefolgt war, waren geistiger Raum sprachliche Mittel für einen deutschen Pindar gegeben und neben tüchtig aber unzulänglichen Versuchen schenkten uns Herder, Wilhelm V. S u 37o boldt und Friedrich Thiersch ihre schönen Übertragungen der Siegeslieder. Sie waren getragen vom Atem der deutschen Klassik, dem großen Atem des Erwachens schöner frommer Weltlichkeit. Aber wieweit war ihre deutsche Wirklichkeit noch von der Erdenherrlichkeit des Griechen entfernt, welche Abgründe klafften zwischen ihren allegorischen „Göttern Griechenlands" ü nd den allgewaltigen Mächten der Natur, zwischen ihrem humanen Weltbürgertum und den antiken Kräften von Volk und Vaterland, zwischen l brer fast privaten Freundesliebe und der staatlich-männlichen Zeugung in Knaben und Jünglingen, — Dinge die wir nur als fernen Mythos erfuhren ü «d auch im einzigen Heros der Zeit nicht voll verwirklicht sahen. Einzig ln Hölderlins Seele hatten sich die Klüfte geschlossen und rauschte die Putsche Götter- und Freund- und Heldenhymne mit ungebrochenem Sie- Sesjubel aus der Lust seiner Einsamkeit in den Traum seiner Zukunft. E' ln zig in Hölderlin fanden daher auch Pindars Hymnen, trotz aller Ver- töße, die er dem Wortverstande nach beging, den ihnen ebenbürtigen ^bythmus, die unvergleichliche Dichte von Gehalt und Ton, die Einheit 0n dichterischem Schauer und heldischer Wirklichkeit. Aber wie seine eignen, so gingen auch seine Pindarhymnen nicht in den e 'b unseres Volkes ein und die alles kennende Wissenschaft des 19. Jahr- ü nderts kannte sie nicht einmal. So ruhten sie in der Verschlossenheit, a hrend das hohe klassische Gut nicht vermehrt sondern verschlissen wurde n d wie hundert andere Bereiche auch das der Pindarübertragung in jener eit bei wachsenden Erkenntnismitteln ein stetiges Verflachen des dich- er >schen Wissens, ein immer schlimmeres Verdünnen des heiligen Sinnes, ^ n völliges Verkennen der großen Haltung des göttlichen Hellenen zeigte. We r verstand noch was Herder einst von ihm sagte? „Priester der Adra- ste a! lehrender Bote der Götter, Pindar, wie erquicken deine Gesänge! wie ^Untern und erheben sie den Jüngling! Entrissen fühlt er sich in dir ln er namenlosen trägen Zeit, seinem götter- und heldenleeren Stamm bissen, unter Jünglinge versetzt die ein Vaterland, die Gefühle der Ehre j? tten > die auf der Bahn seines großen, ja göttlichen Ruhms nach dem Uster großer Vorbilder oder Vorfahren Körper und Geist tonmäßig zu- air >men übten. In dir sieht er ihre schönen Glieder, hört ihre hohen Gesin- Utl gen von dir, edler Herold, die du ihm bald als einen güldenen Becher 1 st ärkenden Weins, bald als eine heilsame obgleich bittere Arzenei dar- eic hst. Dem Müden wird deine Lehre ein erquickendes Bad, da er in deinen Schichten zwischen Bildsäulen und Bildern wie in einem Königspalast °hnt. Und am Ende der Laufbahn stehen immer Herkulessäulen mit der ^ ü fSchrift: ,Bis hierher! Strebe nicht weiter!' Ungemein fern sind die von ltl <3ars wahrem Geiste und seiner tiefen Einsicht, die ihn, nachahmend 37i oder erklärend, für einen unbesonnenen Stürmer, für einen trunkenen tollen Schwärmer halten. Sein Gang ist fest und kühn, der Plan seiner Oden ist Gebäuden gleich so tief und groß angelegt, seine Bilder sind so erlesen, die Pfeile seines Gesanges treffen so kühn, daß wie schon Horaz aus eig e ' ner Erfahrung meldet, diesem Dädalus nachzufliegen ein Wagstück sein möchte. Ihn hebt und treibt Himmelsluft und in ihr sein eigener, nicht stürmischer aber starker und erhabener Geist. — Pindar als ein Held des Gesanges, weckt und führt zum Ruhm, er singt Griechen, die von Helden und Göttern entsproßt waren, er bildet und schafft Helden." Unter dieser Sicht taucht er im Kreis der Blätter mit den Hölderlinschen Übertragungen wieder auf, von denen der junge Norbert v. Hellingrath in 1 Jahre 1910 die erste Ausgabe im Verlag der Blätter besorgte, und George der Meister im Liede der Freundschaft und des Heldentums, der Ahnenfurcht und des Gottespreises kündete mit der Berufung des Doppelgestim s Pindar—Hölderlin den neuen kommenden Hymnensang der Deutschen an- Wo kaum noch die Schatten der großen Namen standen, hat er sie wied el mit Leben erfüllt und von seinem Blute trinken lassen, daß sie leibhaft unte uns traten und die Glut der Jugend sich an ihnen entzünden konnte, Wi der Mensch sich sieht, so sieht er die Welt: mit dem Zerfall des antike 0 Heroenbildes stürzte der gestaltige Kosmos, mit der Auflösung des chris liehen Heiligenbildes der Himmel der Seele ein, und was in den Werke dieser hochzeitlichen Alter an ewigem Menschtum verfangen ist, versink in leere Vergessenheit oder verblaßt zu schalem Wissensstoff, wenn m c ein neues Feuer in den Herzen angefacht wird, das es begeistert ergrei und wieder in den Kreislauf des lebendigen Blutes überführt. Dante war gewiß nicht so verschollen wie Pindar, aber er war vielleic noch weniger als wirkende Gewalt im deutschen Geiste lebendig als dies und die brennenden Atome seiner unauslöschlichen Gedanken, um an c Wort Shelleys zu erinnern, lagen noch verdeckt in den Aschen ihrer v burt, schwanger mit einem Blitze, der noch keinen Leiter gefunden hat Denn wen berührte das adlige Manntum des Florentiners, wen stäche seine unerbittliche Strenge, wen berauschte sein licht- und raumbezwing der Schöpferstolz? Ein Halb Jahrtausend waren wir an ihm vorübergeg gen. Unsern Aufklärern im 18. Jahrhundert war schon sein Stoff zu an gläubig und finster gewesen, unsere Erneuerer und humanen Klassi scheuten zurück vor dem straffen staatlichen Weltbau seiner Katholik und mieden die dunkle Furchtbarkeit der christlichen Unterwelt mit de selben Schauder wie den Tod- und Leidensgrund der Antike. Noch Goe stand, zwar ehrfürchtig vor der großen „Natur" des Florentiners aber fr e vor der „abschreckenden Großheit" und den undurchdringlichen Finstern 372 s en seines Werkes. Die Romantiker freilich erspürten gerade hier ein ihnen Verwandtes, tauchten mit süchtiger Neugier in die Qualen der Hölle ein und gaben diesem Bereich in A. W. Schlegel den ersten dichterischen Übersetzer. Aber das Chaotisch-Aufgewühlte und Gegenweltliche, das sie als Wesentliches anzog, war nur ein fest und willkürlos in das große Rund des ^anteschen Reiches eingeordneter Teil und gerade die sichtbare Gesetz- hchkeit, die unerbittliche Strenge und südliche Leiblichkeit seines Baues ün d die Leidenschaftlichkeit seines Staatsgefühls blieben ihnen fremd und unerreichbar. So weckten sie zwar den Anteil der Deutschen an Dante, der lm 19. Jahrhundert von Gelehrten und Schriftstellern mit Eifer erforscht Un d mit liebendem Ernst übertragen, aber nicht als geistiges Gut für unsere Achtung gewonnen wurde. Erst der ebenbürtige Dichter, der noch aus dem fahrenden Schöße der katholischen Kirche kam und zugleich das welt- 'che Erbe der Dichter, Denker und Täter dieses Halbjahrtausends in sich ru g, konnte die undurchdringliche Einheit der Dantesken Kräfte, die plansche Gestalten- und Gebärdenschöpfung bei höchster zartester Durch- Seistigung ganz erfassen, erst der selbst seiner Muttersprache neues Feuer n d neue Formen gab und wie jener aus den Barbarismen sie aus Verwahrung und Verwilderung zum meisterlichen Werkzeug läuterte, konnte die ^' ü t und Dichte des fernen Schöpfers spüren, erst der einsam mit seinen ° r dernden Gesichten mit dem gleichen unerbittlichen Willen im Verehren n d Verwerten vor einer Widerweit von größerer Wirrnis, wilderer Zer- Phtterung als der Dantes stand und aus den tiefsten Schatten in die Helle Ekelnden Lichtes stieg, konnte den hohen Ton der göttlichen Komödie ^ a «z umgreifen und die Vermählung zweier Zungen von solcher Ferne und re mdheit wagen. So sehen wir im TEPPICH DES LEBENS, dem Raum es strengsten dichterischen Baues, den Namen des großen Florentiners Ue rst erscheinen und seit der Jahrhundertwende Georges Übertragungen ac hsen, die zunächst nur umfaßten, was seine Seele am innigsten aus dem ,e senwerke berührt hatte: die Erscheinung des Dichters als des Leidenden nd Liebenden unter Dichtern, Gefährten und Führern, die strahlenden Je sichte des irdischen Paradieses und der lichtflutenden Himmelsrose. In '' a nte und das Zeitgedicht" spiegeln diese Sinnbilder Dantes das eigene . a und Nein Georges zum Welt- und Zeitgeschehen wider und seherisch ®* schon das Kommende in die Gleichläufigkeit ihrer Schicksale einbezogen, eorge teilte mit der Gleichheit des geistigen Schicksals und Ranges zu- ei ch die verwandte sprachliche Formkraft mit Dante: die vom Katholi- ls mus genährte hieratische Strenge, die klare bis auf den Grund ehrliche "Kernigkeit der Bilder, die geschlossene Gesetzmäßigkeit im einzelnen le gesamten Aufbau, die südliche Helligkeit und leibhafte Dichte, die un- 373 zersetzte Sicherheit des heldischen Antriebs und die mitreißende Gewalt des seherischen Fluges. So war er durch Rang wie Verwandtschaft und durch die Schicksalsstunde, in der mitaufkeimte, was Dante an ewig en menschlichen Werten ausgesät hatte, der berufene Verdeutscher Dantes. Er hat durch mehrere Jahrzehnte, soweit das eigne schöpferische Tun ih" 1 Raum ließ, sein großes Können und seine unbeugsame Beharrlichkeit an die Übertragung der Gesänge gesetzt, die ihm für uns die lebennächsten deuchten. Er dachte nie, wie es im Vorwort der ersten öffentlichen Ausgabe (1912) heißt „an einen vollständigen Umguß der Göttlichen Komödie- dazu hält er ein menschliches Wirkungsleben kaum für ausreichend". Wa s er aber fruchtbar zu machen glaubte, ist „das Dichterische, Ton, Bewegung' Gestalt: alles wodurch Dante für jedes in Betracht kommende Volk (mit' hin auch für uns) am Anfang aller neuen Dichtung steht". Daß hier ein Meister sich im andern bekennt und mit jedem Wort der verwandten menschlichen Haltung Ausdruck geben will, läßt die Übertragungen als eine verjüngte Schöpfung erscheinen, in der die Nähe der sprachliche 11 Fügung zugleich eine menschliche Nähe bedeutet. Darum sind Wort u° Gebäude so neu, weil sie im alten Meister die Lebensführung des geg eI1 ' wärtigen mitverdeutlichen und jede Wucht und Biegung der alten Sprach von heutigem Leben erfüllt worden ist. George übernahm die Terzine tO* allen Schwierigkeiten in ihrem schweren Fluß und vollen Wohllaut, hielt das Satzgefüge in seiner strengen Bauart und rhythmischen Gli ede rung bis in jede herbe Wendung bei, gab dem Vers die gleiche Dichte Sinngehaltes ohne Füllsel und matte Aushilfen, den Bildern die gleiche Li nienreinheit und räumlich klare Tiefe, der Haltung und Bewegung der O stalten dieselbe adlig sichere Wucht und ruhige Vornehmheit und jen e Menschenstolz, der auch im Grauen der Verdammnis und im Glück Seligkeit seiner Würde nichts vergibt. Es ist ein neugeborener Dante, de sen eherne und erhabene Sprache durch George in die deutsche Spra c eingegangen ist und sie in Ton und Fließung mit einer ruhigen königli° n Harmonie erfüllt hat, die bisher unserem Mutterlaute unerreichbar schie Am wenigsten von den großen Bürgen war Shakespeare dem deutsch Geiste fremd geblieben. Es bedarf, vor allem nach den Werken Gundo keines Wortes darüber, wie tief sein Wesen seit beinah zwei Jahrhund ten auf uns wirkte und mit jedem Wechsel unserer geistigen Lage s 1 neue Kraftströme aus der unerschöpflichen Welt seiner Dramen in uns Seelen ergossen. Indem die Romantik Shakespeare durch die Schieß sehen Übersetzungen als ein sprachliches Gesamt das heißt als geis"& Einheit für die Deutschen wiedergebar, hatte sie, hierin die Erbin Goet ' sich selbst überwunden und den grenzenlos-schweifenden, märchenha 374 flutenden Seelenzauber, den sie in Shakespeare liebte, in eine feste weiterwirkende Gestalt gebannt und einem Jahrhundert deutscher Dramener- 2e ugung und Shakespeareforschung den Weg bereitet. Diese Nachfolge Shakespeares teilte am Ende des Jahrhunderts das Los der Klassik und Romantik im Epigonentum und Naturalismus und gerade vom sprachgewordenen Feuer seines Geistes ging auf dem Theater auch der letzte Funke verloren: seine Dichtersprache wurde vom Schauspieler verfratzt u ld verzerrt und blieb auch im aufgeschmückten Rahmenapparat nach ^ e r Jahrhundertwende bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Kunstschu- | u ng und Wissenschaft vergaßen trotz Nietzsches erschütternden Sichten "i die leidenschaftliche Tiefe des „Renaissancemenschen" Shakespeare vor ^n technischen Fragen der dramatischen Gestaltung das dichterische Gebilde und den Dichter. Er wurde erst wieder sichtbar an dem neuen Weltbilde das George schuf, und gerade im Mittelpunkt seines Dichtertums. ln einem war Shakespeare dem ganzen Jahrhundert ebenso fremd und un- er lebbar wie Dante geblieben: dort wo er nicht der Dramatiker, der Tür- tlle r großer Schicksalsbauten, der Schürzer feinster Seelenknoten, sondern öe r einmalige leidenschaftliche Mensch in der unmittelbaren Äußerung sei- ^r selbst, der Herr seiner drängenden fordernden Bildnertriebe, der Prachgewaltige ist, der aus dem Wahnsinn seines Herzens zu uns spricht: ln den Sonetten. Gewiß sie waren ein dutzendmal und zuweilen von tüchtigen Männern ^ertragen worden, aber sie blieben unserem Geiste tot, weil weder Not ^° c h Rausch den Übersetzern das verschlossene Reich dieser Dichtung °flnete. Sie hatten auch den Anteil unserer Wissenschaft erweckt, aber die ^lehrten waren verlegen um diese Selbstbekenntnisse der männlichen le be herumgeschlichen und man denkt beim Lesen ihrer Schriften an as helle Gelächter der Genossen von Piatons Gastmahl, Lorenzos Akade- ^ le und Goethes Runde, wenn diese Geister im Elysium von den Hütern nd Richtern Shakespearescher Sitte hören mochten. Und wenn jenen Geblechtem der Gehalt der Sonette schon fremd war, wieviel fremder ü ßte ihnen ihre bis zur Haut gespannte und doch nie gesprengte Form e ' n = diese dunkelste Leidenschaft bei hellstem Wissen von ihr, dieses Engende Werben bei zurückhaltender Vornehmheit, diese gänzlich un- 0t Uantische und kühle Sachlichkeit bei einem alles durchglühenden feu- l gen Kern! George hat diese herbe Hoheit, diese innigste Verschmelzung ° n Süd und Nord als die unmittelbarste Offenbarung des britischen Ge- 1Us ^griffen und dieses dem Deutschen bisher unzugängliche Gebiet mit 111 Erobererwillen seiner Herrschernatur in sein dichterisches Reich gelungen. Er hat uns wieder das Mitschwingen im verhaltenen Sturmwind 375 der Shakespeareschen Maße und Klänge gegeben, indem er den Briten W seinem innersten Herd, im Gedicht erstehen und Williams Stern erglühen ließ, wo seine Glut am reinsten brannte: im Bild und Ton und Fluß der Verse, den einzigen Trägern auch von Handlung Schicksal und Charakter. So wenig in den Danteschen Terzinen die weiblichen hat er hier bei der Übertragung der Sonette die harten männlichen Reime gemieden, er hat die überhelle Begrifflichkeit der Bilder nicht verschleiert, die drohenden Schroffen und eckigen Härten nicht geglättet und das unberührbar zarte geheimnisvolle Innere dieser Gedichte nicht verdeutlicht, sondern alle einzelnen spröden Schönheiten mit einem beherrschenden Gesamtton durch- haucht, in dem sich unlösbar sein Atem mit dem Shakespeares mischt- George muß, um die einfache bildnerische Körperlichkeit Dantes zu umgreifen den südlichen deutenden Blick auf die Dinge, und zugleich um das Wechselspiel sich kreuzender Gedankenpole bei Shakespeare zu fassen> den nördlichen erschließenden Blick für die Bezüge der Dinge haben. Es mag wahr sein, was Albert Verwey in der „Beweging" des folgenden Jahres schrieb: „Er der einen Dante und einen Shakespeare übersetzte» zeigt sich gegenüber dem nordischen Dichter als der feine begreifende stilvolle Künstler, aber ist beseelt durch den Südländer dessen anmutig er Sohn. Nicht der bei aller Verhaltenheit überschwengliche Geist Shakespeares sondern die auch in ihrer heftigsten Kraftäußerung verhalte« Seele Dantes ist ihm verwandt" (Proza X). Aber diese Spannung zwisch e liebender Verwandtschaft und verwandter Gegnerschaft erhöht das Wag nis Georges nur, diese fernen gewaltigen Gipfel seinem sprachliche Reiche einzuverleiben und durch Hölderlin den noch ferneren Pindar einzubeschließen. In einem, von dem unsere Betrachtung den Ausgab nahm, fühlte er sich den Dreien gleich verwandt und gleich vertraut: * Wissen um den Ursprung aller hohen Dichtung, der heldischen Pindar i der heiligen Dantes, der weltlichen Shakespeares aus dem Quell schöpferischen und gestaltenzeugenden Liebe. Dem Hellenen durc blühte der Gott das ganze Weltall der schönen Leiber, er sah ihn erglüh an Kämpfern und Siegern und sich immer neu erschaffen in den Ebenb dem der Edlen: den herrlichen Geschöpfen einer Jugend, in der sich Anmut des Blühens mit der Tatkraft kriegerischer Artung paarte und das Bild des Gottes selbst erschien. Für Dante ist die Dichtung selbst Hauch der Liebe, sie hat den Jugendlichen durch die Schönheit so schüttert, daß er aus dieser Erschütterung den neuen süßen Stil gebar, d die gewaltigen Bauten seiner göttlichen Komödie noch diesem gleich • Ma- Grund entstammen, daß ihm die ganze Ordnung der Welten vom turhaften bis zur geistigen Gnade nur ein Werk der Liebe ist. Sie ist 376 alldurchwaltende Wunder, eines Wesens mit dem Lichte und unsäglich s chÖn. Wenn sie für ihn nicht an die irdisch ergreifbare Gestalt gebunden "leibt sondern zugleich ihr ewiges Urbild jenseits aller Ergreifbarkeit und Faßbarkeit bedeutet, so wird sie seinen Augen dennoch sichtbar bis ins "ochste Licht und er spiegelt im letzten Blick sein Menschenantlitz in dem e,3e nbildlichen Menschenantlitz Gottes, das Rätsel der Gottmenschlichkeit In beider Liebeseinung lösend. Dagegen ist Shakespeares Eros wieder ^amme, die nur in greifbar leiblicher Erdenschöne lebt. Das geborene Wunder der Schöpfung umfängt ihm das ganze Geheimnis des Seins ü nd die jugendlich schöne Wohlgestalt des Freundes schließt ihm alle Wel- etl schöne ein. In der barocken Begrifflichkeit seiner Dichtersprache, dem c hristüch-scholastischen Erbe seiner Zeit, ist noch der Schatten eines ersehenen Jenseits verfangen und die düstere Flamme seiner Leidenschaft re nnt in der Weltnacht ohne Sterne, aber tief ins Herz der Erde hinab, ^ie der Minner Dante mit der Sicht auf die Fülle ewiger Schönheit noch n Piaton rührt, so rührt der Minner Shakespeare mit dem Blick auf die •izigkeit eines irdisch Schönen wieder an Pindar und vom neuerhellten Ur >d schaute der deutsche Dichter auf die Künder der göttlichen Liebe, ei gte sich ihnen in der Ehrfurcht seines Herzens und rief sie als Hüter n d Helfer an. Wenn Klages in seinem George-Buche der deutschen Muse ür *i Vorwurf gemacht hatte: „Weder die wolkenumrauschende Begeiste- _ n g des Pindaros noch die kristallharte Durchsichtigkeit Dantes noch die ail enlose Wahrhaftigkeit des männlichen Shakespeare sind je bei ihr heisch gewesen", so war dies ein Jahrzehnt später schon durch George für le Dichtergemeinde der Blätter gegenstandslos geworden und ist es heute r einen weiteren Kreis von deutschen Menschen. 5- KAPITEL: DIE FOLGER UND DAS NEUE WIRKEN w IR haben bisher nur einen Teil dessen zu erfassen versucht, was die Spannungen des Georgeschen Geistes nach der göttlichen Weihe s Irdischen im neuen Lebensraume an Kräften auslösten und können , Cn im folgenden nur ein Weniges von dem sichtbar machen, was Jahr- «derte der Gestaltung nicht erschöpfen noch umgreifen werden. Aber e dem Erzählten wird man schließen können, welche geistigen Massen 2 U bewältigen und welche tiefen Sichten es für die zu durchwandern i die ihr Verlangen nach dem Ewigen in diesem sterblichen Menschen 377 und den unendlichen Gehalt der Welt in dieser endlichen Gestalt erfüll*' die in ihm den einzigen und unersetzbaren Meister sahen, der die Ding und Werte verwandelte und mit dessen Atem sich zu füllen von nun a n die wesentliche und höchste Aufgabe ihres Daseins war. Was lag ihne in jenen Jahren an Früchten des bürgerlichen Lebens! Sie achteten e nicht viel und meist genügte die linke Hand und weniger um zu leisten» was zu Beruf und Broterwerb gefordert wurde — oder ein kräftig e Sprung holte später das Versäumte nach. Die Feste, in denen früher a uC ein weiterer Umkreis zugezogen wurde, verschwanden bald, die klein Schar rückte dichter zusammen und was jeder tat, war gemeinsame Ringen mit den neuen Göttern der Erde. Wem die Gedichte früher o ,c lebenerhöhenden Freuden seiner Feierstunden waren, lernte nun wie tie er alle Sinne läutern müsse, um den Ernst ihrer Schönheit ganz zu fasse 0 ' wem sie früher die Berechtigung einer stillen Einsamkeit fern von Kamp und Störung gaben, lernte nun wie hart er alle Kräfte stählen müsse, u im Schicksalssturm der Welterneuerung zu bestehen, wem früher aus eine besonderen Vorliebe die Wahl zwischen diesen und jenen Gedichten offe zu stehen schien, mußte nun erst lernen, daß ein verpflichtendes Ganz e in ihnen allen lag, vor dem sich ein wählerisches Schmecken verbot. Diesen Vorgang, der uns schon bei der Betrachtung der Gedichte » der achten und neunten Folge sichtbar wurde, zeigen auch die P r0S aussagen der älteren und jüngeren Folger hier wie in weiteren Arbeite die sich nun auf allen Gebieten zu regen begannen gemäß dem Gesetz erschlossenen und zu durchdringenden Weltstoffes und des Kampfes g e g die Zeit. die So sah Wolfskehl „Das neue Los" noch vom Schrecken derer aus, dem Abgrund entstiegen waren: „wir noch siech von den Wunden Absturzes, noch bleich von den giftigen Dünsten der Tiefe, die LipH noch dürr, die sträubte, aus der brackigen Jauche sich zu netzen: wir wir uns verloren glaubten, weil wir die Kraft hatten und doch °i Sieger wurden: wir endlich zur Wandlung erhöht und rein gewor durch die Weihe des eindringlichsten des ausgegossensten Opfers» müssen nun das Geheimnis des leiblichen Wortes beschützend, den w haftigen Sinn wahrend um die Seele derer sorgen, die sich erfüllen so aus dem Wunder, aus sich". Ihm dem Kenner so vieler Wenden und ™ derungen des Menschengeschlechts schienen alle ehemals möglichen ** der Erneuerung verweht und versperrt. An dieser furchtbarsten a Wenden gab es keine erleuchteten Sendboten, keine vorbildlichen & meh f ' zeugen, keine sühnenden Priester, keine Bilder und Wandlungen »' unter denen die Götter und Göttlichen einst Einzug hielten. Jetzt he 378 n Ur, das Geheimnis zu hüten, nie wankende Wächter des Wunders zu Se in und in der letzten Not selbst das Wunder zu werden: „Die Herren ^r Erneuerung finden keinen Weg mehr zu uns. Wir finden keine Straße ttiehr die auf den Berg führt. Die Straßen sind verweht. Der Berg ist versanken. Das Reich ist tot. So muß das Leben sich selber schaffen, sein ei gen Bild zu werden, Kern werden, der die Schale in sich hält. So Füssen wir uns zeugend uns gebären. Uns erfüllen in uns. Uns erneuen durch uns. So sind wir und nichts außer uns. So müssen wir still sein ln der Stille der letzten Nacht, daß wir das Dröhnen seien des ersten fa ges"„ (9. F.) Es war die Antwort und ist es heute noch auf die schwere ra ge, wie aus dem Schoß einer ausgeraubten Erde, einer bis in die etz ten Hütten mechanisierten Gesellschaft, eines bis in die letzten Winkel ü %ehellten zweifelnden und sich selbst zersetzenden Geistes noch eine e Ue Menschenwelt geboren werden könnte, ohne Trug und Wahn und . ftne Schamröte auf der Stirn von klaren selbstbewußten Menschen. Denn diesem letzten auch nur ein Schatten der Lüge über den Seelen derer le solches von sich aussagten, mochten sie sonst zu ihren Taten und ei denschaften stehen oder fallen wie das Schicksal wollte, mußte ihr Da- ln häßlich und sinnlos machen. "°n diesem Punkte aus drang Gundolf in seinen Darlegungen über ''Gefolgschaft und Jüngertum" und „Formen der Lüge" in die neuen ra gebereiche ein und suchte die verantwortliche Haltung vor dem Um- aner und Umwandler der Seele zu scheiden vor der unverantwortlichen rer , die zwar sein Werk unangreifbar lassen aber sich seiner verpflichten Wirkung entziehen: „Wer aber das Zeichen erkannt hat unter dem r kommt, muß ihn vernichten oder ist ihm verfallen", muß Feind oder /ger sein. Jede andere Haltung endet in verlogenes Anerkennen oder ges Ausweichen, in geschmäcklerisches Spiel oder eitle Eigenbrötelei. . e »ner Zeit wo nichts mißtrauischer gedeutet wurde als rückhaltlose n gabe und zugleich das kostenlose Spielen mit unbürgerlicher Einze- g Und weichlichem Schönheitskult schon Mode wurde, bedurfte es , * Ur die Jugend einer klaren Sonderung zwischen geckenhaften Nach- rn > wortgläubigen Eiferern und denen, die sich Jünger und Folger nen dürfen, weil ihrer Liebe Person und Sache im Meister eines ist, . SClne Ge bärden und Bilder nicht nachahmen und seine erstarrten Züge ^ bellen, sondern „sein Blut und seinen Hauch, sein Licht und seine ^ rt Ue, seine Musik und seine Bewegung in ihr Dasein aufnehmen und Utirt Crgeben in die noch starre oder leere Welt-----Spuren und Samen da ahlen seiner Kraft". Sie legen nach Gundolfs Worten keinen Wert uf »Persönlichkeit" zu sein und freuen sich, wenn die Notwendigkeit 379 es fordert, Brennstoff zu sein für die höhere Flamme: „Sie sollen wissen, daß sie nur Stoff und Mittel sind und sollen wieder opfern lernen. Verlacht man sie aber um ihrer Wenigkeit willen: so können sie des obersten Sinnbildes sich erinnern: von Christi Jüngern war keiner ein Genius un außer Judas keiner im heutigen Sinne eine Persönlichkeit, aber weil si — arme Fischer — treu und voll Dienst, Glaube und Liebe waren, sin sie in sich selbst erfüllter und fruchtbarer in der Welt geworden, als al die so viel begabteren Sophisten der Juden und Heiden, und noch heute rinnt-ihr Blut mit in der großen Liebesquelle". Diese Gewißheit der Liebe kannte keinen Zweifel mehr, weil ihr ' Wesen und Werk des Meisters der heilige Sinn des Lebens aufgegang en war und sie in ihm das Sein und das Tun nicht mehr schied, sondern °a Ganze wie das Einzelne, sein Unbedingtes wie sein Bedingtes mit de gleichen Ehrfurcht umfaßte als die einmalige in dieser Schicksalsstund von den ewigen Mächten gesandte Erscheinung, der genug zu tun, man alle tätigen Tugenden anzuspannen, derer nicht unwürdig zu sein, ma alle entsagenden Kräfte aufzurufen habe. Als königlichen Priester und sprachlichen Verwirklicher eines noch ve borgenen religiösen Weltzustandes, als geheimnisbeladenen Seher un ersten Verkörperer eines neuen Weltbildes hatten die früheren Gefährte George schon im ersten Jahrzehnt seines Wirkens gesehen und genann • Diese Namen schwangen noch in einem seelischen Innen- oder mystisch Allraum, in dem der Dichter Sinnbild großer Menschenart oder Zeich kosmischer Erschütterungen, ja wie bei Klages fast nebensächliches ■ dium der Allkräfte war. Seitdem aber waren seine Kräfte noch dien durch die Gegenwart der Dinge gewachsen, hatten das ganze Erdreich J Wachstum mit heraufgehoben: seine Eigenraum verlangende Macht w für den ganzen Kreis des Sichtbaren aufgestanden und ein Herrsc durchquerte die Zeit. „ So sah ihn Wolters in seinen Gedichten und in „Herrschaft und Dien Er sah ihn als Stifter eines geistigen Reiches, dessen Verwirklichung gesamten Werke Georges schon gegeben, dessen Herrscher der Met selber war und dessen lebendige Räume und Zeiten, Leiber und D 1 ergreifende Bewegung im dienenden Verhältnis der Folger zur Pe fS das heißt im mitschöpferischen Verhältnis zum Werke des Herrsch lag. Das allen Gedichten und Handlungen, Worten und Gebärden, ja n ° seinen Leiden und Gefährdungen gemeinsame geistige Tätertum Georg das als stumme Gewalt in seinen sprachlichen Gebilden glühte und unerhörten dichterischen und menschlichen Siegeszug kaum zweier J zehnte vorwärts getragen hatte, seine zwingende Macht, mit der er o u 380 das ganze ungeheuere Eisengefüge einer scheinbar undurchdringlichen Und unangreifbaren Gegenwelt mit kaum zur Abwehr erhobenem Finger Und offener verächtlicher Geringschätzung hindurchging, und zuletzt die Überwältigende bindende Liebeskraft seines Herzens, das Ehrfurcht Dienst ü nd Opfermut nicht forderte sondern erweckte, weil er selbst das höchste "orbild dieser Verhaltungen der Seele gab und war — dieses ganze strömende Durchdrungensein von Tatkraft und Schaukraft, von Kampffreude Und Bildnerwille, von Zeugungslust und Empfängnisstille war nicht bilden sondern wirklich die neue geistige Herrschaft. Das war das Reich lc ht als innerer Traum noch als kosmischer Rausch, sondern als gegenwärtige Gegebenheit, als mensch- und volkumformende Gemeinschaft er er die George und seinem Gott dienten. Das junge Geschlecht, das bisher den Staat fast als einen dem geistigen e °en feindlichen Bereich betrachtet oder als abgestorbenes Gehäuse aus e ' n em Denken ausgeschieden hatte, lernte ihn nun in dieser Form als , ne aus der Dichtung geborene ewige menschliche Notwendigkeit kennen, der das gleiche Gesetz, das im Weltganzen die bewegten Mannigfaltigsten zur ruhenden Einheit bindet, die herrschenden und dienenden Kräfte feinander bezieht und zu einer leiblich-geistigen Ganzheit einigt: es r nte staatlich denken und handeln, weil Herrschaft nicht mehr rohe °ffliche Macht sondern Befruchtung durch den Quell der höchsten Cnö pferischen Liebe, der Dienst nicht mehr plumpe Pflicht und toter Wa ng sondern Empfängnis im Ebenbürtigen und das Aufblühen des ein- el nen in der höheren Macht des Ganzen war. „Der Herrscher umgreift Ie Weitesten Forderungen des Dienstes, und weil er sie selbst in einer ^ ra nkenlosen Hingabe erfüllt, fordert er sie seiner Natur nach von er n» was in den Bann seines Reiches tritt, als notwendigen Ausgleich r ihm verliehenen Kräfte, ja gleichsam als Raum für den Kreislauf lr *er strömenden Gewalten. Denn die Selbsthingabe ist kein Verlust der Senkräfte, wie uns die Toren glauben machen wollen, sondern das not- ndig e öffnen der empfänglichen Kraft der Seele, das Berührtwerden , r 'nnersten Keimzelle und das Erlöstwerden aus dem toten Kerker der "isten geistigen Unteilbarkeit, des individuum infecundum. Nur das ^haltlose Opfer des eigenen Wesens an die höhere Wesenheit macht u.!' nur die reinste Aufnahme der Herrschaft weckt das Gebundene.------- , le der Herrscher sein Verhältnis zum Weltgrunde als Kult erfaßt, so u der Dienende sein Verhältnis zum Herrschaftsgrunde als Kult erfaßt s , da er so sein Einzelwesen in einen gültigen Kreis des Daseins be- ^ °ssen, seinen Geist in die nährende Atmosphäre gerückt hat, durch er am Atem des Ewigen teilnimmt, formt sich sein Inneres in Werk 38i und Zucht, in Tat und Gebärde durch das geheime Gesetz des Gegen' satzes in den Grenzen seines Selbst nach dem Bilde der Herrschaft, und keine Kraft entfaltet sich am Eigenwuchse, die nicht mit dem Drang " e großen Willens getränkt, kein Licht erschließt sich im Mittelgrunde, das nicht willig in seine offene Empfängnis strahlte". Da so das eine Tun edel, das eine Reich schön, das eine Zeiche 0 gültig wurde, trat alles Widerstrebende sei es durch Stumpfheit oder W*" derwilligkeit, Starre oder Welke um so schroffer als das Andre, Gegn e ' rische und Lebenfeindliche vor Augen und was ein Ungenannter in de neunten Folge „Über das Feststehende und die Denkformen" schrieb, g in & von dem allen gemeinsamen Grundsatz aus, daß unser Denken dem Wi rr ' sal der Zeit nicht durch Stellung und Lösung immer verwickelterer Frag 6 entrinnen, sondern nur am Unverbrüchlich-Feststehenden derart gesunde könne, daß es gewisse Dinge nicht mehr einzubeziehen wünscht noch ve mag. Daß das Göttliche im Menschen die Gewährleistung für den Bestan des Menschtums ist und alles Fruchtbare des Menschen aus der Pfleg dieses Göttlichen kommt, daß der Schöpfer es immer neu gebären u die in der großen Masse verglimmenden Funken immer neu entfach muß, wenn das Göttliche außer dem Menschen als bloße Denkform o" e starres Götzenbild erlischt, daß es schwerer ist die sternenweite Erhebu eines solchen Schöpfers über die stumpfe Menschheit zu begreifen a seine Erklärung zum Sohne Gottes, ja zum Gotte selbst — das stand de j neuen Denken fester als alle Hexereien eines noch versteckten Okkult' mus oder alle Errungenschaften einer öffentlichen Sachwissenschaft» ob sie einen Tisch oder ein Schiff fliegen machen nur verschiede Kräfte zu ganz demselben Zweck benutzten. Wer wollte zweifeln, daß Menschheit ihre Kräfte in solcher Richtung zu noch weit staunenswer ren Fertigkeiten entwickeln könnte, wenn sie willens ist dafür auf Hervorbringung schöpferischer Geister zu verzichten, wie die letzten J a tausende sie gezeitigt haben. „Es gibt aber eine Welt", so schloß diese trachtung, „für die es gleichgültig ist, ob ein Schiff fliegt oder ein T 1 fliegt. Gegenüber diesen unbedeutenderen Fragen tut sich die große * r auf: Stehen wir vorm Untergang des bis heute gültigen Menschtums. tragischen, des heldisch gehobenen Menschtums?" . Damit war der äußerste Gegensatz aufgerufen zwischen der „toten lebenden Gegenwart", zwischen „dieser und jener Welt", wie auch einleitenden Merksprüche der neunten Folge ihn bezeichneten: hier glühende Lebenskern, der jahrzehntelang vielleicht ein Jahrhundert im Schöße des geheimen Deutschland davor gesichert sein muß ein Geg stand für das allgemeine Warenhaus des öffentlichen Deutschland 382 Verden — dort die gegensätzliche Welt von der kein Weg zurückführt, w »e die „Blätter" sagten: Denn „sie ist in sich vollkommen geordnet und folgerichtig: nur daß sie ohne innere Wurzeln ist und den Überschuß ^er früheren Zeiten schmarotzerhaft benutzt solang es eben reicht. Sie lst ganz maschinell ganz schemenhaft ganz spiegelnd und unfähig ein e 'gnes Leben zu erzeugen. Späteren Geschlechtern wird es Staunen erwecken wie man in diesem Zeitalter der Allbildung, Allaufklärung und Eilfertigkeit oben und unten, rechts und links, hüben und drüben glaubte Wirtschaften zu können mit Vernachlässigung der ersten Lebensgesetze". Aus dieser Einstellung ging das „Jahrbuch für die geistige Bewegung" hervor, das Gundolf und Wolters in den Jahren 1910—12 im Verlag der 'ätter herausgaben und das mit einem Schlage auch die Meinungen des lc hterkreises über Mensch und Welt mitten in die widerwillig aufhörende deutsche Öffentlichkeit stellte. Es ging hervor aus dem Willen Ut n offenen Bekennertum und aus dem gesunden Haß einer streitbaren c har von jungen Männern gegen alles was ihrem Glauben Raum und * e m nahm. Sie ließen keinen Zweifel, von wem sie kamen und wem sie a "kten was sie waren und hatten: die alles durchdringende Verehrung u George als dem Gründer und Herrscher ihrer Welt war die ruhende _>tte der geistigen Bewegung, der kampffrohe männliche Wille, der in , Ie Welt erweitern wollte, was er als Bestes im Innern empfangen hatte, r wirkender Umkreis. Daraus ergaben sich alle Bejahungen und Verdungen der Mitarbeiter und da die gemeinsame Mitte aus der ihre An- n auung der Dinge stammte, nicht ein Vereinzeltes Fachliches sondern In neues Lebensganzes war, so betrafen auch ihre bejahenden und verwenden Wertungen die ganze Tiefe und Breite der menschlichen Le- e 1sbereiche, wie sie Geschichte und Gegenwart jedem unter dem heueren Blickpunkt seines Wissens und Könnens zeigte. Sie alle ob aus er «f oder Neigung besondere Kenner der Literatur oder des Staates, ^ r Philosophie, der Presse oder des Theaters, der Baukunst oder der lf tschaft durchglühte das ursprüngliche Erlebnis des großen Menschen . s der höchsten Form, unter der wir das Göttliche erleben, des großen . e nschen, der kraft der Wurzeltiefe seines Wesens eine höhere Macht s 'ch trägt, die Herzen zu wandeln, die Seelen umzubilden und die Welt e . s seinem Geiste zu erneuern. Aus diesem Grunderlebnis ergriffen die ^e n e Verunglimpfung der Wissenschaft. Daß die Jüngeren „die Verführern kalte Unzucht der Erkenntnis um ihrer selbst willen" als Selbstbe- eckung des Geistes bezeichnet hatten, daß sie in der Dichtung die glü- ende Erschütterung jenseit aller kritischen Vernunft erfahren und als , e ) u gen Schoß alles großen Handelns und Leidens, aller nährenden Weiset Und fruchtbaren Schau verehrten, das schied ihn für immer von der c har, die nach seiner Meinung die Wissenschaft an die Kunst, den Ge- hrten an den Dichter verraten hatte. Hinter dem scheinbaren Streit um e mungen stand der Wettstreit des Forschers, der das Verhältnis von erneinschaft und Persönlichkeit in der Geschichte neu erkannte, und dem Ic hter, der es in einem neuen Geiste schaffte. Breysig kämpfte um sei- en geistigen Rang und um die Liebe seiner Nächsten, aber er mußte — hne daß sein Gegner auch nur einen Finger rührte — unterliegen, weil seine Kräfte und damit die Höhe seiner Stellung überschätzte und er gaß, daß sein Bund mit den Jüngeren erst auf dem Boden der Dichtung ln en lebendigen Hauch erhalten hatte, daß ihm erst in der Werkstatt e r Dichter Sinn und Mittel unmittelbarer geistiger Bewirkung des Men- er » aufgegangen war. Als er daher sie, die nun schon Jahre hindurch 387 1 seine Freunde und Helfer waren und ihr Fach so gut und gewissenhaft wie die Besten betrieben, vor die Entscheidung zwischen Kunst und Wissenschaft stellte, verstanden sie diese Frage gar nicht und antworteten ihm mit den Worten Nietzsches: „Man könnte uns nicht mehr Unrecht tun, als wenn man annähme, es sei uns um die Kunst allein zu tun" es war ihnen längst um mehr zu tun: um die Gotteskunst des hohen Lebens. 6. KAPITEL: DER NEUE KREIS IN BERLIN UND MÜNCHEN GEORGE suchte in diesen Jahren noch immer die frühen Gefährten auf, stieg noch oft mit jungen Freunden die vielen Stufen zu Lechter hinauf und Gespräche gingen um die Geheimnisse Indiens, das Lechter ein halbes Jahr lang besucht hatte und von dessen unbekannten Mahatmas er mehr erwartete als der Dichter. In Adyar sah Lechter den Knaben, den damals die europäischen Theosophinnen als frischgesegneten Hinduhei' land aufzogen, und der inzwischen nach kurzem Heilsgang sein Amt schon niedergelegt hat. George weilte noch oft bei Reinhold und Sabine Lepsru und die Rede ging von den ewig Unvereinbaren Michelangelo und R ern brandt, von den neuesten Werken der äußersten Maler und Musiker, Raurn- und Schaumkünstler. Es war die Zeit der höchsten wirtschaftlichen BW Deutschlands und alle Märkte waren überschwemmt von den Künsten ah e Erdteile und Zeiten, es wimmelte von Ausstellungen und Schaustellung e aller Art: Wirbel und Wehen und keine Geburten! Dies und vieles vom Taumel schrankenloser Fortschrittsseligkeit befallenen Zeit beweg George und die Dichter der Blätter damals, die offnen Auges die Bew gungen und Strebungen der bürgerlichen Welt verfolgten. Aber es g a für sie noch ein anderes Reich, das nur von einem wußte, in das k el Lärm von außen, kein Wirrsal der Meinungen, kein quälendes Zwe» e noch optimistisches Versuchen drang: den inneren Staat der Gerne» schaft, das Miteinandersein der Jugend des neuen geistigen Reiches. Wir haben oben einmal die besondere Befreundungsart Georges die Verbindung von menschlicher und werkhafter Freundschaft bezei net. Dieser Trieb seines Lebens, alles persönliche Erleben, alles Ergrin e ein sein von Geistern und Geschöpfen, Seelen und Dingen zugleich m Werkhaft-Überpersönliches zu schwingen und zu gestalten, vollend sich in der Gott- und Weltschöpfung des Siebenten Ringes. All sein T" ' all seine Liebe ging in Werk und Bildung auf und je mehr Gebiete dc 388 Lebens und der Geschichte, der Natur und der Gegenwart sein großes Herz in sich gesogen hatte, um so mehr hatte sich der Gestaltenkreis seiner Dichtung und der Wirkungskreis seines Geistes erweitert. Er konnte n ur menschlich und werkhaft zugleich empfangen und zeugen, nur „staatlich" fühlen und handeln, wie wir es seit dem Erscheinen des Siebenten Rings zu nennen liebten. Wie die Gefährten und Gefreundeten in der umwandelnden Esse seines Werkes Kräfte und Bereiche seiner Welt wurden, so wurde was er am tiefsten liebte und ehrte bestimmende Mitte des Reiches und strömendes Herz der Gemeinschaft der Seinen. Nicht ihm dem einen gehörte sein Gott, sondern dem Ganzen und da er dem einen der Höchste und Schönste war, so mußte er der Natur dieses einen nach der Höchste und Schönste des Ganzen werden. Damit wurde das Lebens- Sesetz des Herrschers das Lebensgesetz für alle die ihm wahrhaft folgten, üas Wesen der privaten Liebe und der privaten Freundschaft mußte in •hnen je mehr erlöschen, je mehr sie seines Wesens wurden. Je mehr einer A rager dessen war und werden konnte, was als erste Verleiblichung Se mer Gottsuche erschienen ist, um so mehr erhielten seine Liebe und Freundschaft für ihn ihren Sinn vom Göttlich-Ganzen der Gemeinschaft, VVu rden sie staatlich im Zeugen und Empfangen, im Herrschen und Die- n en. Das bedingte ein Staatlichwerden nicht nur der Leistung sondern au ch der Leidenschaft, nicht nur einzelner Fähigkeiten sondern der gan- Zß n Person des Menschen und die Bewertung verschob sich von Überzeugung un d Gesinnung, Wissen und Meinen auf eines jeden Wesen. Es war Cln e harte Lehre, die hier gegeben wurde, denn es half nicht mehr Ver- e hrung noch Glauben, sondern allein das Sein: was du bist, das stellst du dar und bestimmt deinen Platz, nichts andres! Es gab Zeiten, wo tJla n das „Wort" in die Menge warf und wer glaubte gehörte zur Gemeinde, aber nach dem neuen Lose bestimmt nur die Wohlgeratenheit °n Leib und Seele den Wert des Einzelnen und nur das Maß seiner ^ r äfte den Ort, wo er unter den anderen steht. Ist er aber ein Wohlge- at ener und Geeigneter so ist er auch ein Gleicher selbst vor dem Größten, nd d er Meister liebte in dieser Hinsicht scherzend zu sagen, daß ein ri eche sich unter seinesgleichen geschämt hätte, ein Genie zu sein. *n einer lebendigen Gemeinschaft, in der, von unberufenem Schicksal zu c hweigen, Sein und Leistung die Zugehörigkeit und den Rang bestimm- en > bedurfte es keiner geschriebenen noch irgend ausgesprochenen Sat- Un g> um das Verhältnis eines jeden zum Führer und aller untereinander *J ordnen. Die George aus den Nöten der Zeit gerissen, dienten ihm mit rer » großen und kleinen Kräften in der Liebe und Verehrung, die ihnen 0r dem großen schlichten Menschen aus dem Herzen quoll, in der heiteren 389 Gelassenheit, die sich unter Gleichen ziemt, in der Nähe oder Ferne, die Wert und Schicksal jedem gab. Sie hatten alle ihre Wünsche und Süchte und da ihnen kein Jenseits sondern das Diesseits mit all seiner Qual und Herrlichkeit zum Kampfplatz ihrer Kräfte gegeben war, so begehrten sie viel und deuchten sich stark genug auch noch aus dem Unwegsamsten ihre Schätze zum gemeinsamen Schatze heimzubringen. Es war kein leicht erobertes noch leicht zu bewahrendes Gut der Freundschaft f ur einen Meister, der nur warb durch Erweckung, nur forderte durch Werk und Vorbild, nur rief, was schon ungerufen kam. Er beschnitt keine Leidenschaft und hemmte keinen Flug, solange das Gesicht der Mitte zug e ' kehrt blieb, er warnte kaum, aber jeder fühlte an ihm das Maß seines Tuns und Lassens und wußte, daß seiner Liebe und Achtung verlustig' gehen schlimmer war als der Tod. Sein Kommen oder Gehen war Richte und Urteil genug. Denn was auch diesen und jenen außer ihm lockte und trieb: daß kein Höheres und Hehreres sei als er, sein Werk und seine Welt, war allen gewiß und keinen lockte die romantische Sehnsucht nach „der dinge formen abertausend" da sie in der einen, der seinen die Erfüllung sahen. Von dieser unbedingten Gebundenheit an die herrscherliche Mitte bestimmte sich auch das gegenseitige Verhältnis zueinander. Sie wußten sich alle der gleichen Weltkraft verpflichtet und die besondere Gemeinsamkeit der Liebe oder Freundschaft zwischen zweien oder mehreren, di e auf dem Schicksalsgrunde des Herzens erwächst, erhielt eben dadurc erst eine tiefere Glut, daß sie im Wissen um den gemeinsamen Grund al menschlichen Kräfte umfaßte und sich aus dem Privaten notwendig in Staatliche erhob. So schwangen innerhalb der geistigen Bindung die näheren oder ferneren Beziehungen nach Blut- und Schicksalswahl und nebe den Spannungen der innigsten Freundschaften gab es solche des fernste Sichmessens von Kräften, die sich nur in bezug auf die gemeinsame Mi* berührten. Sie kannten sich zuweilen, selbst wenn gemeinsame Feier s» zusammenführte, nicht einmal dem bürgerlichen Namen und Lebensgang nach und die sich im Tiefsten geeinigt wußten, mieden sich oft im Getrie der Zeit, um jeder auf seinem Platze das Rechte zu tun. So entstände aus Nähe oder Ferne ein neidloser aber leidenschaftlicher Wettkampf d e Kräfte und ein befeuerter Ehrgeiz, dem Meister, dem Freunde und dann dem Ganzen genug zu tun: Die Besten zu gewinnen, das Schönste z leisten, durch Haltung und Wirkung des Gottes würdig zu sein. An der Schaffung von Gedichten, an der Mitarbeiterschaft an de Kampfschriften und bald auch an größeren Werken erschien jeder m 1 seinem besonderen Können und Wissen, aber das volle Maß seiner Kraf 390 die Ganzheit seiner Person wurde erst in den Zusammenkünften sichtbar, die in Berlin, besonders in den Monaten der Anwesenheit Georges, in regelmäßiger Folge, in München einen größeren Kreis umfassend zu Lichtmeß oder Pfingsten stattfanden und bald in gemeinsamer Schulung, bald ■ leichterem Spiel, vor allem aber in gemeinsamer Feier zeigten, wie jeder war und wuchs. Zu solcher Feier wurden keine Tempel noch Schlösser bedurft sondern eine Berliner Mietwohnung, ein Münchener Dach- Seschoß, einfache Holztische und Bänke, die mit Polstern auch als Lager dienten, auch brauchte man keine Kerzen noch goldne und silberne Gemäße noch kostbare Kleider und Bilder, sondern schlichteste Gewandung, e 'n einfaches Mahl, Kranz, Obst und Wein — alles andre war Gedicht y nd Gespräch, Blick und Gebärde, Sinnen und Lachen — und dennoch Unendlich mehr: ein Nichtzusagendes über Glück und Leid doch nicht °hne sie. Es war ein Raum außer der Zeit, ein Leben außer der Bedingtheit in den Goldstrom der ewigen Kugel getaucht, wo innerste Seele zu üblicher Geste wurde und einmal die ganze Blütenkrone dem Lichte a Ufschloß. Wir müssen dieses Wenige davon sagen, weil wir glauben, daß s °lches Leben rein menschlicher Gemeinsamkeit, der Keim aller Reiche ÜR d Staaten in ursprünglicher Reinheit, nur so an der Wende der Welten- Jahre erscheint, wenn ein großer göttlicher Mensch die Seinen mit sich "inaufreißt und der Geist noch nicht die Masse der Kräfte und Dinge zu nöt igen Formen zu spannen braucht, "ies alles war möglich weil in seltner Feierstunde ein ewiger Atem alle ür chdrang, ein adliges Maß die Leidenschaften und Erschütterungen im Gleichgewicht hielt: da fiel kein Wort vom Gotte, sondern er herrschte a > weil alle ihm dienten und er erschien als Ehre der Starken wie der ew andten, der Klugen wie der Zarten, weil sie gleichen Wesens schön ° n ihm glühten. Denn die Erschütterung im Schönen als zugleich dem •efsten Sinn und der klarsten Gestalt der Welt, war immer von neuem as ganze Geschehen der höchsten Stunde, das Gedicht im Einzel- oder ern einsamsagen die Begehung der Feier. Dem der nichts weiß von der ^eckenden und gestaltenden Wirkung des gesprochenen Dichterwortes CSa gt das nichts, dem der es erfahren hat, ist es Teilhabe am Weltgang es Dichters, wie wir es nannten, und an der Wiedererweckung der Un- üblichen, ist es Lautwerden der ewigen Zeichen für das Unaussprech- . lche in Maß und Klang. Daß das Gedicht den tiefsten Ernst des Lebens aer spielendleichten Bewegung seiner Töne und Schritte zugleich auf- e °t und als Sinn und Bild erscheinen läßt, zeigt es nur mehr als vollste Ußerung der lebendigen Mächte. Es macht uns deutlich, warum das c "terische Ergriffensein im Gegensatz--zu jeder Teilkraft die einheitliche 39i Schwingung des ganzen Menschen und einer ganzen Gemeinschaft von solchen bewirkte, die von einem Geiste beseelt zusammen waren. Auf die- sem einheitlich schwingenden Grund wurde jede Wucht und zarte Stufung des Menschlichen leiblich sichtbar und die Sinne schärften sich f ur die hinreißende Kraft im bezaubernden Vielklang des Chores, für die verhaltene Glut im Wechselgespräch, für die keusche Einfalt der Einzelstimme. Dieses Besessensein von einem Rhythmus bei klarster Helle des Sinnes, dieses Versunkensein in einem Tone bei frohster Blühkraft des Blutes läuterte bis in die letzten Fasern: eine Reinigung ohne Reue und Genugtuung, eine Wandlung ohne Brot und Wein, eine Vereinigung nicht durch Einzelzehr, sondern durch die gemeinsame geistige Erschütterung im dichterischen Gotteswor^. Nach dieser Begehung begab sich jeder wieder stärker und freudig er an sein Tagwerk, sein berufliches Tun, das keinem erspart blieb und " was uns hier allein angeht — an dichterische Eigengestaltung oder Übertragung, an Untersuchungen über zeitliche Streitfragen oder die reichen Gebiete des vergangenen Lebens, dessen neugesichtete Schätze in den Fluß der Gegenwart zurückzuführen waren. Das Raunen und Munkein der Außenwelt über Orgien in seidenen Gewändern, an dem nur die ein Empfindung richtig war, daß sich da etwas abspielte, was es sonst nie» gab — all dies und schlimmere Verleumdung kümmerte sie nicht. um ihre innere Welt lag ein eiserner Ring, der sie jedem unberufenen Aug undurchdringlich, jeder bloßen Neugier unantastbar machte, aber die dien' terischen und wissenschaftlichen Werke dieser und der kommenden Jan r gaben genugsam Zeugnis von der Ausstrahlung des glühenden Kernes den ganzen Raum der Geschichte und Gegenwart. Wir sahen George selber in unablässigem Schaffen diese Arbeit tun, e nahm zugleich an allen Arbeiten seiner Freunde fördernd und beleben Anteil, vor allem unmittelbar und jede Zeile prüfend auch an der neue Übersetzung der Shakespeareschen Dramen, die Friedrich Gundolf un ternommen hatte und in neun von Lechter schön und würdig durchg formten Bänden von 1908—1914 fast zu Ende führte. Wir erwähnten •* mal, daß nach der strengen Durchformung des sprachlichen Baues ■ TEPPICH DES LEBENS in der Fortführung dieser Linie die Gefahr bestand, es möchte der Bildnerwille des Dichters zu tyrannisch werden u die Strenge sich zur lebenzwingenden Härte steigern. Mit dem SIEB 11 ' TEN RING sahen wir diese Gefahr beschworen, die Alloffenheit und M Wirklichkeit der geistigen Welt war größer als je zuvor geworden und gab für den Herrscher dieser Welt in dem ganzen Räume der Antike un des Christentums keine geistige Kraft mehr, die er nicht wagen konn 392 ,n seine Grenzen einzubeziehen: auch Shakespeares ungeheuren Seelendrang und Heldenwuchs. Nachdem er mit der Verdeutschung der Sonette e robernd bis in die dichterische Mitte des Briten gedrungen war, beschloß er auch den ganzen gewaltigen Bau der Dramen ein: er tat es in umfassenderer Weise als die Klassiker und Romantiker es getan und bewahrte und erneuerte zugleich was sie schon gewonnen hatten. Es war ein ar »derer Shakespeare als unsere Väter ihn geliebt und wie ihn die Roman- "ker unserer Bildung als deutsches Gut für immer einverleibt hatten. Als 2w ecksetzende höchste Vernunft, als genialer Menschenschöpfer, als Darsteller und Erreger brennender Leidenschaften, als bildender Gestalter und grenzenloser Beweger und Gliederer des Lebens war er ihnen erschienen, W'e Gundolf in seinem inmitten der Ubersetzerarbeit geschaffenen Werke »Shakespeare und der Deutsche Geist" (1911) es zeigte. Was jetzt erstand ar der große Dichter des heroischen Menschen in seiner ewigen Gültigst und zugleich seiner zeitbedingten Bildlichkeit: Shakespeare als der Mächtige Sprecher seines Stammes, der die tiefste Sicht und vollste Habe ei nes Inselvolkes zu unvergänglichen Gestalten formte, weil er als einher Herr der Zeit über den ganzen Seelenstoff seiner Welt verfügte, lese dichte Wirklichkeit Shakespeares in ihrer sinnlichen Fülle und gelegen Kraft konnte erst neu gesehen werden unter dem stärkeren volle- ^ n Pulsschlag unseres Lebens, konnte erst neu gestaltet werden durch die Sicherung und Schmeidigung unserer Sprache, durch die neuen Mög- lc hkeiten, die ihr in den letzten Jahrzehnten angewachsen waren, wie es n der Einleitung der Shakespeareübertragung heißt: „Sinnlichere Fülle n d dichtere Farbigkeit, neue Intimität, Kraft des Verinnerlichens und ^"tönens, größere Biegsamkeit, leichteres Ausdehnen und Zusammentuen, rascherer Ton- und Tempowechsel". Dieses dichterische Mittel er war nur Ausdruck einer Geistesverfassung, in der die staatliche Wirk- cil keit schon zu neuer Empfängnis gelangt und mit neuem Menschtum cll Wanger ging. Erst auf diesem Grunde war es möglich, die gewaltige, . n °ändig e weltüberherrschende Kraft, aus der England gespeist wurde, deutsches Menschtum einzubeziehen, war das Wagnis sinnvoll, in die °W des denkerischen humanen Bildungsdeutschland den erde- und meer- J^greifenden Tatdrang, die schicksalverachtende Entschlossenheit und ac htwilligkeit zu gießen: zu dem klassischen und romantischen Shake- P ej »re den des heldischen Anspruchs und herrscherlichen Griffes zu fügen. Ie höhere Sprachform aus dieser Wurzel gab erst die Möglichkeit das f chaische Monumentale der Shakespeareschen Sageweise zu erfassen, ne daß sie sprengend oder verwildernd wirkte. Denn der größeren Dämo- e ' wie sie uns in Shakespeare sichtbar wurde, stand durch George eine 393 stärkere künstlerische Bezwingung, seiner dichten Stofflichkeit eine gl u ' hendere Bildkraft, seinem schwellenden Gefühlsstrom und der Vielfa lt seiner körperlichen Wuchten eine gewaltigere Gestaltungskraft gegen- über, als sie bisher dem deutschen Geiste eignete. So ist der Sinn de Erweiterung des sprachlichen Machtbereiches zu verstehen in dem ° a Werk der Übertragung unternommen wurde: Der größte Verkörpere und Mischer südlichen und nördlichen, leiblichen und seelischen He dentumes wurde in seiner ganzen Wirklichkeit für die deutsche We gewonnen. Im gleichen Sinne sind auch die übrigen Versuche dieser Jahre zu ve stehen, die geistigen Güter der Geschichte soweit sie durch Überlieferung und lebendigen Anteil in das Schicksal des einen oder anderen verflöchte waren, von neuem fruchtbar zu machen. Wolfskehl übertrug die klein ren Stücke der althochdeutschen Dichtung (1909), in denen die helden hafte und tragische Selbstüberwindung der Germanen fortlebt: „älteste Heidentum, tiefe Weisheit und Erfahrung des Volkes, die beschwörend 6 Macht des Zaubers, drollige Neckereien, derber Humor, harte Liebe u n süße Sehnsucht, das kindliche und gläubige Vertrauen auf Gottes Segen- das holdeste Wesen unserer Lieben Frau, die eindringende erregt a u malende Beredsamkeit der Kirche, gerechter Stolz und tiefe Sorge u deutsches Wesen, das starke männliche Christentum der ersten Kreuzzug und des erwachenden Rittergeistes". Wolters veröffentlichte die scn ° für die heiteren Feste von Schönhausen übertragenen „Minnelieder un Sprüche" (1909), eine Auslese aus der Blütezeit der mittelhochdeutsche Dichtung, und dann die ihm von früh auf vertrauten „Hymnen und quenzen" (1914), Übertragungen aus den lateinischen Dichtern der Kirc" vom 4.—14. Jahrhundert, denen später noch die Übersetzung der „P sa men und Lobgesänge" der griechischen katholischen Dichter vom 2. 4. Jahrhundert folgte. Wie die „Deutsche Dichtung", von der jetzt die erste öffentliche An gäbe (1910) erschien, die noch unmittelbar in unserer Bildung wirkende Väter der Dichtung berief, so gingen jene Werke in die ältere Ahne schaft der christlichen und heidnischen Ursprünge zurück und suchten weltlichen und geistlichen Liebes- und Gottesgesänge ins neue Wort rufen bis zu den Ausgangspforten der Antike dringend, wo sich in ü Lobliedern noch griechische Erdenliebe und schon christlicher Jensei flug mischten. Der heilige Sinn und die große Liebe, das in Minne auffla mende Herz und der in Gott erbrennende Geist waren auch hier das a ehrwürdigem Erbe zu Erneuende und zu Bewahrende. Die nie veralt e den Sinnbilder menschlicher Hingabe und Begeisterung: das Schmerze 394 "ed und das Preislied der ewigen Stimme durch die Jahrtausende wieder hörbar zu machen, war das Streben des jungen Geschlechtes, das der Gleises und Höheres tuende Meister in ihnen auslöste. Es war natürlich, daß auch die für Hellas entfachte Glut die rührigen Kräfte weckte. Paul Thiersch stellte das Verhältnis von Form und Kult, v °n bildender Kunst und göttlichem Dienst in Ägypten, Griechenland und de r Gotik dar (Jahrbuch II), Kurt Hildebrandt untersuchte die den Begriffen Dionysisch und Romantisch zugrunde liegenden antiken und Modernen Kräfte (Jahrbuch II und III) und, der schon fernergerückte ^ ü gust Oehler übertrug die Anakreontiker. Für eine neue Verdeutschung ae r Tragiker war die günstige Stunde noch nicht gekommen, aber in änderbarer Weise, wovon noch zu reden sein wird, gelang die Erneue- y ng der Sicht auf den von der bürgerlichen Wissenschaft verschütteten Pl aton. Bedarf es noch der Erwähnung, daß über den Vergangenen die Leben- en nicht vergessen wurden, daß sich Ernst Bertram in seinen ersten Bon- er Vorträgen (1907/08) um Hofmannsthal und George, Wolters sich um le Deutung von Lechters Werk (19n), Ernst Gundolf um die Erschlie- ^" n g und Einordnung des Philosophen Bergson mühten? Napoleon und °'derlin aber, den von allen Ferngeistern in einem tieferen Sinne am e 'sten Gegenwärtigen, widmete Vallentin seine erste Studie „Napoleon" Jahrbuch III) und Friedrich Gundolf seinen „Archipelagus" (1911) und 0f bert von Hellingrath seine Arbeiten für die große Ausgabe des Dich- rs - Dies alles und auch die Gedichtbücher „Wandel und Glaube" von °lters (1911), „Gedichte" von Morwitz (1911) und Gundolfs Göttinger , ede ..Stefan George in unserer Zeit" (1912) gehören in dieses Jahrsie- nt - Es sind nur die veröffentlichten Äußerungen dessen, was außerhalb r beruflichen und fachlichen Tätigkeiten aber innerhalb eines reichen ' ebe ns der Liebe und Freundschaft die Gemeinschaft der Blätter bewegte. > '* Erinnerung an jene Jahre, die durch das Schicksal des Krieges um ein e . hundert zurückzuliegen scheinen, ist noch heute mit dem Schimmer es vollkommenen Glückes umstrahlt, in dem selbst die Schmerzen s . ° n feuchten. Von einem vor allem muß noch an dieser Stelle die Rede , ltl > das wir schon als bewegende Mitte der festlichen Stunden geschildert Sc er »> auf dessen tieferes Verstehen sich nun auch gedankliche und ge- lc htliche Bemühungen richteten: nämlich vom Hersagen der Gedichte de r gehobenen Prose. Sc , Ucri hierüber wurde einiges öffentlich ausgesprochen, von dem inzwi- ^ er > manche Äußerlichkeiten in weitere Kreise gedrungen sind, aber das Se ntliche so wenig verstanden wird wie damals. Albert Verwey hat 395 1907 in der „Beweging", Robert Boehringer im zweiten Jahrbuch (i9 Ii2 ' über das Hersagen von Gedichten gehandelt, Hugo Eick in seinen Au»' sätzen „Vom Erbe des Rokoko" und „Über den Vortrag von Werken des Geistes und der Kunst". Die neu gewonnene rhythmische Lebensäußerung war dem einen als edle Maßhaltung die höchste Lebensbewegung überhaupt, dem andern in der Unterwerfung unter das dichterische Gesetz un dem Verzicht auf persönliche Eigenheit der fruchtbare Bann, der die Emp' fänglichen aus dem chaotischen Einzeldasein in ein geordnetes größere Leben reißt, dem dritten das liturgische Pathos, auf dessen Wellengang der tief verborgene Grundstrom der Seele sichtbar wird: ihr Traum- un Nachtreich, in das der Geist noch keine erhellenden Strahlen gesendet ha • Besonders aber schien allen dreien nötig, das Hersagen gegen die verfa sehenden und flachen Vortragsarten der Zeitgenossen abzugrenzen, g e 8 e das verblühte schauspielerische Deklamieren oder das sentimentale heuer» lerische Rezitieren, gegen das „natürliche" schnabelgewachsene Gewäs c oder das ebenso „traurige Surrogat der Rede", das Still-für-sich-Lese° der Gedichte. Die allstoffliche Wissenschaft, wenn sie auch nicht mehr ganz verstan > um was es sich hier handelte, hatte genug Nachrichten gesammelt, ■ denen sich erkennen ließ, daß die hohe kultische wie weltliche Dichtung bis in die jüngste Zeit stets in getragener schwebender Bewegung vorg tragen wurde. Vom „maa-chern" der Ägypter, wie die dem Thot gewein richtige Stimmführung hieß, und dem Wunder der Einheit vom Wort u Ton bei den Hellenen bis zu dem „Sagen und Singen" der mittelalterli cn Dichter, vom Raunen der Zaubersprüche und Murmeln der eddisen Kultlieder bis zur liturgischen Stimme der Kirche, vom feinen Sprechza ber der Comedie frangaise bis zur hohen pathetischen Eintönigkeit Engländer konnte man bei aller Verschiedenheit der Zeitformen gleiche Gesetz der ursprünglich dichterischen Vortragsweise verfolg Auch für die deutschen Dichter vor und während des Jahrhunderts O* thes von Ramler und Herder bis zu Lenau, Keller und Leuthold Heß s1 .. die befremdende „Art von Gesang" nachweisen. Aber sie war den Zu rem schon meist als „Monotonie" oder „pathetischer Singsang" erschi e und sie vermochten den dunkelbeschwingten Flug der Seele darin r» mehr wahrzunehmen. Bald danach versagte das Verständnis der ern terten Geister völlig vor der ihrer Welt so fremd gewordenen rhy* sehen Feierlichkeit des dichterischen Tones. „Der Grund" schrieb die a c Folge der Blätter, „weshalb man in den stärker romanisierten La 0 . verhältnismäßig gut, aber gerade im Land der Dichter am wenigsten . was ein Gedicht ist: man ist bei uns nur gewohnt, sinngemäß, skand' e 396 (abzählend) oder schauspielerisch, nicht aber rhythmisch und dichterisch 2u lesen. Auch alle Hoch- und Mittellehrer, die zu hunderten unserer Jugend von der Antike reden, können keinen Begriff davon haben oder »eben, was ein griechischer Chor, eine römische Ode ist, wenn sie nicht lnen wirklichen Dichter wirklich dichterisch haben lesen hören". 7. KAPITEL: DER STERN DES BUNDES MITTEN in der ungeregten Gegenwelt wirkte der Bund derer die vom Geiste berührt waren sich als lebendiges Geschehnis der Tage Us - Daß er sich auch in gestaltiger Form als Dauer darstellte war Sinn es innersten Gesetzes, aus dem er geboren war. Das Geschehen des Bun- es mußte dichterisches Bild, sichtbarer Stern werden, der alle Strahlun- * en in sich begreift und wieder aussendet, es mußte im dichterischen Pfachleib gegründet werden als dem geistigen Leib aller Einzelleiber, als tT *i umschließenden Herd aller sie durchwaltenden Kräfte. Dies vollzog ^ ch - im STERN DES BUNDES, der sieben Jahre nach dem RING — im er bst 1913 — nur in wenigen Stücken für die engeren Freunde, im fölenden Jahre öffentlich erschien. ü ie Verhaltungen und Handlungen der in Gemeinschaft Verbundenen Ur den hier zu Wort und Zeichen erhoben; ihr lebendiges Sein erscheint s geistiger Sinn, ihre gemeinsame Sitte als geistiges Lebensgesetz. Da- er s ind in diesem Werke alle Einzelerlebnisse in eine gemeinsame Sphäre haucht, alle Personen und Namen als ausschließlicher Besitz dieser |P«äre verschwunden und mit Ausnahme einiger schon außer ihr liegen- n Gestalten der Vergangenheit auch dem ihr Vertrauten nur ahnend kennbar. Nicht als ob das Einzelne und Persönliche aufgehoben wäre, besteht vielmehr in seiner ganzen Wucht und Glut, ja in keinem der . "eren Werke ist das Verhältnis des Dichters zu den mit ihm Lebenden solcher Unmittelbarkeit ausgesprochen worden wie in diesem. Aber ese Darstellungen haben nicht mehr das Merkmal des Sondergemäldes , ern gehören einem ganzen Baue an und sind von seinem Räume un- osbar, an ihrem Platze unvertauschbar. Das eine Ganze hat alle Viel- Ken aufgefangen und allen Besonderheiten eine höhere Bedingtheit auf- e Pr ägt. Dadurch ist eine in der lyrischen Dichtung völlig neue Gattung 3 sta nden und das Einzelgedicht hat eine tiefe Verwandlung erlitten. In- se m es zwar nicht sein Sondermerkmal als geschlossene Form wohl aber es ne Eigenatmosphäre aufgibt und die des Gesamtraumes annimmt, hat n ° c h seine Grenzen in sich selbst und ist doch nicht außer der Maß- 397 Schwingung des Ganzen zu denken. Es entspricht im griechischen Temp el dem schönen Teil, der seine künstlerische Gesetzmäßigkeit in sich trag 1 und zugleich sein rhythmisches Maß vom ganzen Bau empfängt. Die Ge sr nd dichte gehören daher keiner der bisher benannten Formen an, es weder strofische noch spruchartige Gebilde noch solche von freier Fh e ' ßung. Sie schwingen in allen drei- bis fünfhebigen Schrittmaßen und habe« einen einfachen Zeilenbau, der zwischen den Grenzzahlen sieben und vier' zehn bald enger bald weiter wird und nur im „Eingang" die oberste Zan der Zeilen für alle Gedichte regelmäßig festhält. Wie im einzelnen sin auch im Gesamtbau die gelösteren Formen des SIEBENTEN RINGS beibehalten aber ohne den bunten Wechsel und die weiten Wölbungen, ° l wir dort bemerkten. Der frühere Dreiklang kehrt wieder, doch auch dieses Gefüge ist im Verhältnis zum strengeren des TEPPICHS durch Vorklang und Ausklang gemildert und zugleich bereichert. Die hundert Gedicht sind so gegliedert, daß die neun des „Eingangs" und der „Schlußchor" ei fl Zehnt, die drei Bücher je drei Zehntgruppen umfassen .. jedes Zehnt wir durch das Tonornament eines Reimgedichtes abgeschlossen, während di übrigen neun bei reichen Gleichklängen reimlos bleiben. Gebärde u° Bild des sprachlichen Ausdrucks sind fast schmucklos geworden, die sta ' ken Farben und Hochtöne fehlen, aber alle Formen haben die spiegeln 0 Ebenmäßigkeit und funkelnde Haut der Marmorsäulen und Erzbilde ■ Weder die äußere noch innere Form dieses festen und doch schwebe den Baues also erlauben ein Glied aus ihm gesondert zu nehmen, es blie undurchdringlich für jeden, der nicht selber vom Ton des Ganzen durc drungen wäre. Welches dieser Urton ist, verkünden die neun Gedichte o Eingangs mit der glühenden Schlichtheit dessen, der ihn zum ersten Ma seit Jahrtausenden wieder vernommen hat, verkünden ihn als Not u Wunder seiner Tage, als Erfüllung der Sehnsucht in dieser Zeit. Noch m ist so rein und unerbittlich die schöne Gestalt als Sinn der Welt, als u setz des Lebens, als Preis der Liebe gefordert und gefeiert worden wie diesen Gedichten. Noch einmal werden die Jahre der Bereitung aufg er fen, als im Rausch der Feste und in der Runde sprühender Geister die a testen Riegel von lang verschlossenen Reichen aufsprangen und der Scn der gewesenen Zeit sich auftat, um die ewigen Bilder zu entlassen, u als doch ein Einziges fehlte, das all diesen Wirbeln Halt, diesen Schatt träumen wirkliches Leben gäbe. Daß das Undenkbare und Unerzwing b . _ . . ____ . und dennoch geschah, wird dem gedankt, der den Strahl herniederbrachte u in das vergebliche Ringen mit den fernen Vorbildern als endliche Er lung trat. Es ist das Kind des eigenen Stammes, der jugendliche Gott « • Herr der Wende: „schön wie kein bild und greifbar wie kein träum' • ** 398 Se ine leibliche Erscheinung hatte dem Dichter den letzten Blick in die Würde des irdischen Lebens geöffnet und sein Sternenweites Mühen ganz "i dem engen Heiligtum des Leibes begrenzt, erst sein Opfer hatte dem «eher das Geheimnis der Gottwerdung in Mensch und Volk erschlossen ÜI *d ihn ganz in diesen Erdentag gebannt für den er gesandt war. Was in Bellas aus ungewuflter Wurzel als blühendes Gewächs gelebt hatte, war ni in als Blüte des Geistes neugeboren: die Diesseitigkeit Gottes und die ^°tthaltigkeit der Welt: der göttliche Mensch. Leise klingt durch die v erse noch ein Schauer vor dem Unendlichen und Grenzenlosen, dem Un- a ßbaren und Unnennbaren, das nur in Göttern und Göttersöhnen erschei- ne n kann, lauter ein Schauer vor den Tagen, als in der brünstigen Sehn- Uc ht nach höchstem Geschehnis das Endliche, Gewachsene, Geformte Uc h das schon Gewonnene zu zerflattern und zu stürzen drohte. Darum ei gt der Dank zum „Retter" der lebend vom Zeuger erweckt ward und leidend den Erwecker zeugte, daß er nun mit ihm den ganzen Raum r Zeit durchwachse und ihn aus tausend Leibern wiedergebäre: den "Seist der heiligen Jugend unsres volks". Denn diesen ruft nun der Künder vielen Erscheinungen, diesen erkennt er im Sehnen der Väter und im Pruch des frühen Sehers wieder, diesen weiß er im deutschen Stamm ver- '"> den vor dem uralt bewahrten Erbe der Nachbarn das eine kennzeich- et: daß noch ein Unverbrauchtes Unangetastetes seine Wurzeln nährt d befähigt, in Zeiten der Not und der Wende plötzlich und unerwartet a s heilende Wunder, das alle Errettende hervorzutreiben. So erscheint er Gott am Schluß des „Eingangs" in seiner neuen Wesenheit, der gleiche . nt * dennoch ein andrer, der Schöne und Hehre, der erstmals kam und me r wieder aus dunklem Schoß und hellem Stern geboren wird: in höch- er Weihe als Geist der Runde, in höchster Vollendung als Sohn der neuen ens chenmitte. ^ , Us dieser Wesenheit erblühen in notwendigem Wuchsgesetz die drei ^ Clle des STERNS: der erste den Schicksalsgrund und die Zeitwende, der eit e die wirkende Liebe, der dritte die Gründung des geistigen Reiches Essend. w as erste Buch stellt den Dichter als Künder des Gottes, als Richter der q lrler welt, als Scheider des Unzulänglichen dar. Mit der Frage an die tt: heit des Alls nach der Berechtigung des Dichtertums zur höchsten 'gäbe an der Zeitenwende hebt es an. Die Frömmigkeit des Dichters s e SCht nach dem besonderen Rechte seiner Sendung, nach der Eignung v nes Sc heinbar leichten Klangspieles vor der Gewalt der göttlichen Ge- u ter - Ewiges Gesetz und eigener Weg gibt die Antwort. Denn in welchen wi e vielen Formen sich die Verkündigung des Göttlichen auf Erden 399 vollziehen mag, der Gesang des Dichters ist die Form die ihnen allen zugrunde liegt, der rhythmischen Rede wie dem Psalm, dem Weisheitsspruch wie dem Gleichnis. Wo der im Blut geborene Sinn des Weltlebens durch den Geist zu Bild und Klang wird, offenbart sich nur am reinsten die unerklärliche Urkraft, die alle dunklen vorgedanklichen Spannungen in greifbare kristallische Gebilde umsetzt, offenbart sich am sichtbarsten die Vergegenwärtigung der heiligen Erinnerung und das Opfer des einen in vielen Leibern. Jeden Helden und Heiland umwittert diese geheimniS' volle Kraft des Gesanges und im Urdichter, der beide in sich befaßt, stell sich diese ewige Formkraft des Geistes aus dem Blute am hellsten dar- was er singt ist Gesang des Gottes durch seinen Mund. So verstehen wir, und andre mögen andres verstehen, die Gottsuche d e Meisters auf seinem Wege von Jugend auf: Sehnen und Gestaltung, Scha und Wirken zugleich, eigner tönender Sang und lockender Ruf nach jenen» die ihn hören und tragen sollen und unter deren Lob und Preis er doc sein letztes Geheimnis wahrt. Niemals noch als da er zu singen begann» war solche Zeitenstunde, niemals die Welt so entleert vom Wissen um i" Geheimnis, noch der Mensch so matt im Glauben an seinen Ursprung- Eben darum war der gesandt, der die Keimkraft des Geistes am lebendig sten in sich trug, daß sein Ruf aus der tiefsten Not, aus der Qual aU e ' die der eine trug, von den unendlich fernen Sternen die Antwort erzwing darum war er so bewehrt, daß er die Antwort, furchtbar und herrlich z gleich, auf jeder Staffel seines Weges ertrüge und auch dann nicht fiel, a sie ihr Höchstes gab: sich selber leibgeworden zeigte und den schon uD ^ Zeit und Volk erhobenen zum „ersten Diener" kürte. Da er das volle L JJ auf sich genommen hatte, wurde ihm auch das volle Glück zuteil» Kraft der Duldung verwandelte sich ihm in Kraft der Zeugung: zu Kl* und Bild, wie ihm der früheste Traum befohlen hatte. So konnte er der Erwecker dessen werden, was unsagbar ist und im Gleichnis und Bild des Mittlers die Erde erfüllt, für die er bestim 1 * ist, in der sein Wort die Leben der Zeit ergreifen und verwandeln m Keiner weiß woher es kommt und keiner umfaßt es ganz mit Spruch Namen, aber nur durch dieses Wort ist in dieser Weltstunde der eW Herd erreichbar. Denn niemals kehrt ein in den Herzen und Geistern storbenes in gleicher Weise wieder. Das Wort von heute verkündet neues „Einmal", keine unendliche Fortbewegung, in die das christl' Weltbild aufgelöst wurde, als der Glaube an den ersten wie den J u sten Tag erlosch: das neue Wort führt zum Reigen der Gestalten und z Ring des Geschehens, der sich im Selbst der seienden Dinge besc nl1 s An das Geheimnis der einmaligen Menschwerdung des Gottessohnes, 400 all« Slc h in der Fleisch- und Blutwerdung von Brot und Wein wiederholen konnte, solange der Glaube an ihn lebendig war, hat George nie gerührt. y*s ihm erschienen war und sich in der furchtbaren Vision der „Templer" ln seiner allgemeinsten Form verkündete, schloß jenes christliche Geschehen nicht aus, sondern begreift es in sich und führt das Einmalige und Unwiederholbare der Leibwerdung des Göttlichen, das seine sinngebende ^raft eingebüßt hatte, in den unaufhörlichen und immer wiederholten Vorsang des gottmenschlichen Lebens zurück, dessen erster wissender Seher u nd duldender Erleider er ist, wie der Schlußgesang dieses Zehnts es kün- et - Diesen ewigen Vorgang haben die Dichter ahnend immer geglaubt, lc s, so dürfen wir sagen, hätten die großen Dichter und Denker und Täter ür opas in den Jahrhunderten, als das christliche Weltbild absank, allein ls Glauben einer neuen Welteinheit annehmen können, dies, so wissen Ir > wurde als der Künder kam von den Schriftgelehrten jeder Gattung ^ lt Hohn oder mißachtendem Schweigen begrüßt, während die Menge e der Altes noch Neues glaubend, verbrauchte Formeln betete und die ^ektierer laxester Observanz" ihren jährlich und bald öfter wechselnden ot zen folgten. Nicht dieses oder jenes Gut sondern die ganze Würde des en schlichen Lebens war in dieser Zeit bedroht, wo man das Ewige vermute, das Erbe zerstörte, den Sinn verflachte, das Geziefer großzog und le ses Tun für den Aufbau neuer Ordnungen hielt, wo man sich allem antraute, was aus sich keine Kraft zu binden und zu bauen hatte: dem ott . der keiner ist, dem Volk, das keins mehr war, dem Weib, das keins e hr sein wollte, dem Werk, das nur mehr Versuch sein durfte, kurz dem n geheuerlichsten, nur nicht dem Einfachsten, das allen früheren Menden selbstverständlich war: dem bestimmten Menschen, der sich durch e sen und Werk als Führer erwies. Im „Vorspiel" waren diese Gefahren ° c h vom dichterischen Fernraum außer der Zeit gesichtet, in den „Zeit- , achten" hatte der Bedrohte selbst sie nach höchster Not durchstoßen, ^ STERN DES BUNDES sieht George sie von der innersten Keimzelle ^in ne s wachsenden Reiches aus nicht mehr als Bedrohendes aber als Hin- rn des, nicht mehr als Gefährdendes aber als Entwürdigendes vor dem n »hm verkündeten Gott- und Menschenbild. Daher zeichnet dieses Ge- Cft tzehnt grimmiger als je die Leere und Blindheit der ihm entgegen- . Menden Welt, und heute wo schon manches im Weltkrieg eingetroffen • was er vorhersagte und Schlimmeres eintritt durch Fortsetzung dessen as er schon vor ihm verdammte, hat sich die Härte des Gegensatzes, wie ^ *us diesen Gedichten spricht, nicht gemindert. Denn wenn auch in- , Is chen mancher Wahn zusammenbrach, die frühesten blieben und lieber au* •>, "lan am Flickwerk weiter als sich von dem abzukehren, was der 401 Seher Frevel, Unmaß und Verfall nannte. Aber die den „Warner" nicht hörten, den er hier noch einmal in seiner verzweifelten Unbedingtheit aui- ruft, können auch den Künder nicht hören und so wendet er sich ab von den „Eingereihten und Rückgewandten" zur neuen Jugend, die mitte" unter Trümmern mit ihm schon das werdende Leben hegt und an die Blüte glaubt. Um dieses neuen Lebens willen scheidet George sein Reich auch von den „Helfern von damals", die seiner Bahn nicht folgen wollten oder konnten: den Redlichen aber zu Schwachen, den Schwärmern und Jenseitsüch" tigen, die sich ins All aufzulösen sehnen, aber ihrem eigenen Ich nicht entfahren können, die ins Unendliche verströmen möchten, weil sie die fest Endlichkeit nicht ertragen und nicht die adlige Stärke haben, das eig° e Bild, die schöpferische Selbstschau der höchsten Stunde, zu vollenden, sei es auch um den Preis des Untergangs. Er steckt die Grenzen ab, in denen das von ihm Erschaute gedeihen kann: den Raum zwischen NordklipP e und Wüste, jenseits dessen die Schweifenden, blonde wie schwarze, sie« vergeblich nach Erfüllung sehnen, gestaltlos im Äußern und maßlos i" 1 Innern wie ihre Götter, jene nur erlösbar durch Mischung mit dem die 11 ' teren Blut, diese nur durch eignen Endeswillen. Ein letzter Abschied tritt auch jene Gefährten der Frühzeit, die mit großen aber unholdenhafte 11 Kräften begabt nicht zu Werk oder Tat gelangten und ins Dunkel zurücksanken oder im Überhellen zerflatterten. Der römische Katholik steht noc einmal auf in einem abgebrochenen Elf zeiler: herrisch, stolz und raurnlo i der katholische Römer in einem überzähligen Dreizehnzeiler: geistern > zaubernd und tatlos. Dann löst der Dichter sich von den Gespenstern *" den Allzuheutigen und weist die von Wut und Wahn gelösten Herz wieder dem hehren Bilde zu: denn die Gefahr nennen heißt sie banne die Grenze ziehen, das Eigne sichern. Im zweiten Buch erscheint der Künder als Minner und Freund der • weckten und der ewig erweckenden Liebe selbst. Wie er seine Nächs mit der Glut seines Herzens umfing und ihre Erze in der feurigen *» seiner Liebe umschmolz bis sie geläutert und gereinigt als höhere ■ seinen Händen hervorgingen, aus Liebenden zu Tätigen, aus Schönen Starken wurden, ist in den beiden ersten Zehnten zu dauerndem Bild hoben, den Gesprächen Piatons gleich, die nicht Niederschlag eines dachten, sondern geistiger Widerschein eines Gelebten und Geschehe sind. Ob wie im ersten Zehnt ein schwankend-widerstrebendes, sei . jijj Kräfte noch ungewisses Herz umworben und gewonnen oder wie zweiten ein reiches wachstumwilliges seinen dunklen Gefahren entris und zur Blüte geführt wird, es ist im höchsten Sinne Bildung des Jünge f 403 durch den Älteren, es ist mehr als dies: die Zeugung eines Göttlich-Dritten a us der leidenschaftlichen Liebe des Führers und Geführten, dessen glühendste Erscheinung nur dem einen Umlauf ihrer Liebestage eignet und dennoch beiden bleibt: dem einen leibliche Erfüllung seiner Sendung dem an dern Leibwerdung seines edleren Selbst, das Erwachsen des Gottesant- 'tzes durch den persönlichen Stoff. Denn nur wo das Ich die Einzelzelle Se mer Gefangenschaft sprengt und in stetem Geben und Nehmen die Le- enskräfte fließend im Liebesringe umgetrieben werden, entsteht neue Geburt. Wie die Welt in morgendlicher Frische ewig aus der Nacht erwacht, das enschengeschlecht sich in Kindern dunklen Schoßes neugebiert, so muß Uch (jg,. Samen des Geistes aus jungem Blute erstehen, damit sein Bild , Cn stetig im gleichen erneue und weiterzeuge. Das Jugendliche ist auf der Stufe des uns erfaßlichen Daseins die höchste Gewähr des Lebens '°st und Völker denen es wie Hellenen und Deutschen als die schönste ei nsform der Alter erscheint, zu deren Erzeugung und Bildung der Dienst le r anderen Kräfte erfordert wird, erfüllen am reinsten das ewige Gesetz er Wandlung vom gewordenen hin zum werdenden Wuchs, von der ge- a hlos ungeborenen zur immer neu erblühenden Gestalt der geborenen Mebe. Ihren faßbar-unfaßlichen, greifbar-unbegreiflichen Herrn den „Gott der . e " und „Gott der Frühe" besingt das dritte Zehnt, ihn der ewigen „ te rs und doch Kind der heimatlichen Fluren ist, der in tausend Gestalten er die Erde wandelte und nun wiedergeboren in neuer jugendlicher Ur de kommt. Er ist schön aber herb, glühend aber stark, sucht nach der l 8en Stunde der Besamung die rauhe der Mühen und Gefahren, reißt en Zögernden mit in seine Wirbel, weist den Drängenden auf die Stufen 1IJ er höheren Würde: Bezaubrer der entrückten Stunde und Lenker zu Pfer, Kampf und Tod! Er ist der Eine und doch Vielgestaltige, der ganz genwärtige und immer Vernichtungsfrohe: die Stunde seines Gehens lSs en und ihn halten wollen über den gewährten Umlauf, heißt das Leben rs tören das er bringt, den Gebundenen freilassen nach dem zeugenden U &enblick, heißt ihn der neuen Flamme zur Wiedergeburt geben. Und Ie der Gott so ist auch sein Minner auf die vielen Schönen gerichtet, er j. nn * keine Bindung an Schwur und Gesetz, da er in vielen das eine Gött- h-Schöne zeugen will und seinen Samen in jeden von ihnen senkend sich allen erfüllt. In vielen Schönen zeugend wird er darum von vielen * le bt, die von ihm die Flamme empfangen haben, und sie binden ihn ^ ht an sich sondern sind durch ihn an das Göttlich-Schöne gebunden, si e selbst wieder zu Starken und Zeugenden macht: so den Kreislauf 403 erfüllend von dem der erste, Meister und Künder des Schönen, ausging- Hier am Ende des männlichen Hohenliedes verschmilzt in unserer Geschichte zum ersten Male soweit uns zu sehen erlaubt ist, Gestaltungsgeheimnis und Liebesgeheimnis, die Urkraft des formenschaffenden Geistes mit der Urkraft des glutenschaffenden Blutes in eins zusammen: dem irdischen Rausch vermählt sich die ewige Helle, der sehnenden Armut der bleibende Reichtum, dem vergänglichen Schönen die unvergänglich Dauer. So schafft er, Dichter und Minner in einem: Werk und Leib, Ta und Reich, Gott und Held. Wie sich dies in Zeit und Boden vollzieht, ist der Gehalt des dritter 1 Buches, das die Mitte und Grenzen der Herrschaft, die neuen Tafeln der Sitte, Gesicht und Art der ersten Bekenner darstellt. „Denn auf welche besseren Augenblicke als die nun durch göttliche Fügung gegenwärtig sind, sollen wir warten?" fragte einst Dion den Piaton. Und der Meiste 1 wußte: trotz aller Gegenwucht steht heute der Stern über der Weltenstunde in Deutschland günstiger als damals in Sizilien. Mit einem Hei ruf an die frische Morgenerde, an das junge Licht und alle „die in seine strahlen gehn" beginnt er den Kreis des geistigen Reiches zu umschreiben- in dem die Kinder des Volkes in Söhne des neuen Loses verwandelt we den, den zu durchfahren ihr Amt, den zu verlassen ihr Tod ist. J ede ' selbst die Träger der alten Wappen wissen heute: es gibt keinen Adel vo Schild und Krone mehr, und die Berufenen und tauglichen Söhne der Wa wachsen stammlos aus dem Volke empor, nur erkennbar wie von J eri die Götterkinder am Leuchten des Leibes, am Glanz ihrer Augen, a Traum auf ihren Stirnen. Aber sind sie erlöst, so bindet sie der neue Fug- sie müssen fernbleiben den „frauen fremder Ordnung", den Lockungen « sinkenden Zeit, um stolzen Hauptes und freier Glieder durch den begm liehen Tag zu gehen. Denn den schönsten und stärksten Gott glaube wissen sie sich selbst in ihrem Wesen schön und stark, weil ihm nur g la ben kann, wer leiblich seiner Artung ist. Die Kraft des Blutes kann wo geweckt und geleitet, aber niemals mitgeteilt noch gelehrt werden u wessen Blutkraft erlahmt, kann weder glauben noch halten, was er ein geglaubt hat. Der Gott liebt nur den Lebendigen und nur der Lebend & liebt den Gott. Weder die Lehre der Freiheiten noch die Lehre der Zwang laufe können die beirren, die sich im neuen Wort und Volk beschlo fühlen. Im Dienst des Herrschers, der sie aus allen Zweifeln und Zwäng r für sprengte, vollbringen sie die „bedingte Arbeit ihres Tags". Wenn ei diesen neuen Stand die neuen Tafeln, die inneren Ordnungen seines R cl verkündete, so bedeuten auch sie nicht die Aufstellung von Lehrsätzen, Verstand oder guter Wille als Vorschriften erfassen und nutzen könn 404 sondern sind gestaltete Gesichte seiner Weisheit und Erleuchtung. Wären s >e Lehre so erschöpften sie sich durch die Deutung ihres Inhaltes, aber al s undurchdringliche Form sind sie unauflösliche Wegzeichen und Bilder, °' e nicht Erkenntnis und Einsicht vermitteln sondern die Herzen und Geister wandeln. Wer anders als der echte Liebende verstünde auch den ^uf an die neue Jugend: daß der Schöne auch der Kampfbereite, der Lor- be erträger auch der Dolchbewehrte ist und Sklave heißt, wer jetzt noch a "delt und sich betäubt. Es sind keine sanften Götter, deren Bilder hier 111 Sprüchen erscheinen, nicht voll Mitleid mit den Gedrückten, nicht voll tf barmen mit den Reuigen, nicht voll Schonung für die Verirrten: sie for- er n zum rechten Weg auch die rechte Kraft, zur vollen Schuld auch die ^°He Sühne und zur günstigen Blüte noch das günstige Schicksal. Wo die We ihe des irdischen Lebens und die Würde des Menschen oberster Sinn er Welt ist, wird die Entweihung des Lebens und die Entwürdigung des er »schen durch Schändung des eigenen Selbst oder des brüderlich Ver- Undenen einziger Frevel und ist nur sühnbar durch Selbstopfer oder erhöhende Tat. dieses durchaus tätige, bis zum trotzigen Untergang tätige Verhalten Ur Gottheit schließt alles Zweifelsüchtige und Schielende, alles Stumpfe nd Geduckte so sehr vom herrscherlichen Umkreis aus, daß selbst der e «vd im eignen Innern geschaffen werden muß und das Fremde keine an? en hat von außen in den staatlichen Ring einzudringen. Das durchaus e 'dende bis zur Knechtschaft leidende Verhältnis zu Gott, wie es von ut her zuerst geschaffen wurde und dann die Gläubigen aller Bekennt- lSse > ja in den abgewandelten geistigen Formen allmählich auch die mo- err »en Denker ergriffen hatte, statuierte notwendig von diesem höchsten er hältnis aus die tatsächliche unterschiedlose Gleichheit aller einzelnen 0r Gott. Es mußte, bei der Ausgleichung aller natürlichen geistigen und h °Pferischen Stufen unter den Menschen enden und zu jener Vereinze- n g Und Einebnung, Anbetung des Mindern und Niedrigen, Entzügelung s Schwachen und Bedürftigen in der Volksgemeinschaft führen, die wir 0r Uns sahen und noch sehen. Gegen dieses schon zum bewußten Betrug evv ordene Verderben der Zeit richtet der Dichter den Seinen wieder die ».gebundenen und gotterzeugten Stufen des Seins und Wissens unter Aschen auf: Er gibt auch dem Weibe sein Heiligtum zurück und rückt t S Ganze durch die heuchlerische Zweideutigkeit des humanen Bürger- d . m s vergiftete Geschlechtsverhältnis zwischen Mann und Weib wieder in Urbestimmte Ordnung des Zeugens und Empfangens, des engeren jy terl ichen Liebesraumes und der umfassenden männlichen Herrschaft. weibliche Liebe ist in dieser Ordnung auf den Einen, Schönen und 405 Starken gerichtet, von dem sie die Frucht empfangen soll. Von dem Ein« 1 will sie immer wieder die Gleichen empfangen, nachdem sie den Scho von der schönen Bürde entbunden hat und ist darum an Schwur und Gesetz der Dauer verhaftet. Sie nährt die Kinder beiden Geschlechts z ur Blüte auf und viele gebärend wird sie von vielen geliebt, die von ihr das leibliche Leben empfangen haben. Wie sie an den Einen, ist sie durch in" und die schönen Geburten an den strömenden Kreislauf des ganzen Göt-' lich-Schönen gebunden und vollendet ihn in ihrem eigensten Geheimn« s - Mehr noch als die bürgerlichen Zerfallsformen hatte George in diesem Bereich das Toben der Kosmiker die drohende Gefahr gezeigt, daß <" e Zersetzung der männlichen Weltordnung nicht die Heraufführung eine weiblichen, sondern die Auflösung jeder Ordnung bedeutete, den Unter gang des hellen gestaltenden Geistes in der wilden Wucherung des N" r Geschlechtlichen, den jene „Seele" zu nennen beliebten. Aber Seele er scheint nur wo der Geist im Blute Bild wird, er ist nie ohne ihren nähren den Grund, aber sie erhält erst Sinn durch seine Gestaltung, ist erst sich " bar über dumpfem Chaos, erst Mutter durch den herrlichen herrscherliche Sohn. Wie der Meister so gegen das Nur-Geschlechtliche kämpft und de unergründlichen Trieb für Mann und Weib wieder göttlichen Sinn g lD ' kämpft er auch wider das Ungeschlechtliche, wider die mystischen od asketischen Verächter des Leibes, die den heiligen Stoff in Nichts od All verflüchtigen möchten. Er weiß, daß keiner der „Leibesfurcht un Erdenreue" bedarf, der den Tempel des Heiligen Geistes, wie der Ap oS sagt, niemals entweiht hat, er weiß auch, daß keiner ganz davon genes kann, der einmal das furchtbare Gefühl der selbstverschuldeten Befleckt 1 an seinem Leibe erfahren hat. Wie menschennah sind diese Dinge für den, der die neue Erdenwur gefühlt hat, wie sternenweit von all dem, was die Genossen seiner * über den Bringer dieser Botschaft meinten und sagten! Er gab sein We in jenen Tagen schon offen in alle Hände, aber er wußte, daß, wie st an der Wende der Zeit, wo die „goldnen Fäden" zerrissen sind, nur wenig sein Wort fassen und behalten könnten, daß die jungen Erben nur sei im ungeheuren Gewühl unserer wachsenden Massen erblühten. Sie finden hat er den Seinen das untrügliche Auge für das Edle und Ec ' den leiblichen Sinn für Wuchs und Blut gegeben, sie zu bilden und bewahren, hat er sie das Schweigen vom innersten Geschehen gelehrt die Kunde vom hier geschehenen Wunder nur so weit eröffnet, als war, ein gänzlich verschollenes Wissen um die geistige Geburt men licher Gemeinschaft zu erneuern. Zu den höchsten Bildern menschlic^ Gem 406 Gemeinschaft ist im STERN DES BUNDES ein neues getreten: der * sammenschluß leiblicher Glieder zu einer geistigen Einheit, die aus den Gräften der einzelnen gebildet ist ohne sie in ihrem Range aufzulösen. u nd die dennoch eine höhere Kraft ist als die aller Glieder: aber mehr üblicher Staat als der tönende Lichtleib Dantes und doch mehr geistiges Reich als der gesetzhaft geschichtete Staat Piatons. Dieses Reich hatte seine Bekenner schon gefunden, aber erst indem D ER STERN sie als dichterische Gestalten mitgebar, waren sie im neuen °>nn auch seine Gründer. In welchem Range und mit welchen Kräften sie George in diesen Jahren dienen mochten, sie waren gleich in der unbe- ain gten Hingabe an ihn, den Herrscher und Meister und Minner und ste llten auch als wenige den ursprünglichen Fug eines ganzen Reiches ar > den „rechten mit- und auf- und unterstieg", das einige Leben mit sich *■* dem Führer und mit jedem an ihn Gebundenen, wie das letzte Zehnt s >n die gemeinsame Sphäre erhebt. Sie hatten „das Wunderwerk der n dlichkeit" aus seinen Händen empfangen, für sie gab es kein Sein mehr as nicht weltlich, keine Welt mehr die nicht geistig, keinen Geist mehr er nicht leiblich und von der Mitte bis zum Umkreis von der Glut des °ttes durchströmt war. Sie waren vom Sinn des Wortes durchdrungen: ei m du heute nicht nimmst, bist du morgen arm, wenn du heute nicht c hön bleibst, bist du morgen nicht stark, wenn du heute nicht wirkst lst du morgen machtlos. So waren sie dem Gegenwärtigen die Glühenden n d Inbrünstigen, die Widmenden, die mit all ihrem Sein und Haben Aus- ru ck des großen Lebens sein wollten, das ihnen gegeben ward und wurden ac h dem Sinn seiner Botschaft die Ergriffenen aber auch Ergreifenden. le Berufenen aber auch Berufenden. Sie waren keine eifernden Verbreiter l ler Lehre noch starre Verweser eines Wortes und bedurften keiner Preis- oe irgendeines persönlichen Wertes. Aber jeder wußte sich mit all * n em Besonderen und Eigentümlichen nur wert, solange er vor dem u hrer bestand, nur an seine Mitte gebunden, solange die lebendige Fähig- lt des Blühens und Wirkens, solange die Liebe brannte. Denn wie der e,s ter mit keiner Fessel als der der Liebe band, so duldete er auch keine är e Fessel als die der Liebe. So lassen die Gedichte ihre Leben erschei- en > wie jedes in Gefährdung und Näherung zu ihm kam und mit ihm eis te, u n d ob die einen in allen Überlieferungen und Kämpfen der Zeit gewachsen waren oder die anderen noch in frischer unberührter Jugend J hm gefunden hatten, ob der im düstern Grauen, der im hellsten Wissen, . tat »g wagend, der träumend, der zögernd-schwank und der dunkel- ne nd seinen Weg ging — in einem hatten sie sich alle aus der Um- s ^ lcku ng der Rückgewandten und Eingereihten gelöst und das Unwahr- Cl nliche getan: dem sich hingegeben, der außer allem stand, was sie 407 umgab, den gewonnen, der nur dem Pochen öffnete, das er als seiner Ar erkannte. Denn seine Not war nur aufhebbar durch solche, die ihn lß seiner höchsten Würde erkannten. Gab sein Land sie ihm in diesem „einzig freien augenblick", so war der Sieg erkämpft und zur Gottesherrschat der Gottesdienst errungen: die innerste Zelle des Erdentempels war wieder gereinigt und leuchtete von eigner Flamme: dem heiligen Loblied, dem göttlichen Chor, der den STERN DES BUNDES beschließt. W 8. KAPITEL: DIE ZEHNTE FOLGE IE der „Stern" die Gründung so verkündet die zehnte Folge der Blätter die Ausstrahlung des geistigen Reiches. Sie erschien rrn Herbst des Jahres 1914 einige Monate nach dem Ausbruch des Kriege > war aber bis auf die letzte Strofe der „Staatsgedichte" schon vor seinen 1 Beginn vollständig zusammengestellt. „Es lag kein Grund vor", berner ten die .Nachrichten', „das Erscheinen hinauszuschieben, da unsere W a tung vor und in den Ereignissen des Jahres sich gleicht. Auf den Verwei 1 daß es jetzt nicht der Augenblick für Gedichte sei, antworten wir mit J ea Paul, daß vielleicht keine Zeit den Dichter nötiger hat, als die ihn a ehesten entbehren zu können glaubt." Fast mehr noch als in den beiden vorhergehenden zeigen die Gedicn dieser Folge ein Gesamtgesicht. Sie sind alle dem Grund des gemeinsam Lebens entsprungen, aber stellen es nicht als eine allgemeine Grunda sondern jeweils als die besondere Äußerung eines Eigenschicksals 0 Dichter dar, sie kennen das Schöne nicht als abgezogenen Begriff, nl als lehrbare Gattung sondern als höchste Erscheinungsform des Emz lebens, in dem ein schönes Gesamt sich den geistig-sinnlichen Körper schafft. Die Dichter sind Träger und Äußerer der gemeinsamen Kr geworden und zum äußeren Zeichen dieser Wandlung sind alle Verfass namen in dieser Folge weggelassen. Das bedeutete kein Verstecken Personen, denn Anordnung und Stil machten die schon bekannten alte Verfasser leicht erkennbar, aber einmal entsprach es dem Bewußtsein der Unwichtigkeit des Einzelnen gegenüber der schöpferischen Sph 3 der er entstammte, zum andern war es ein nötiger Schutz für die Junge " denen auf diese Weise eine frühzeitige Verbindung mit der öffentlich erspart wurde — wie es in der Frühzeit der Blätter schon auf andre VV geschehen war. Denn freilich sprachen diese Gedichte der Zehnten geheimsten und köstlichen Gut der Gesamtheit wie der Einzelnen \/er diesen Jahren. Sie sind ein einziger vielstimmiger Chorgesang zur 408 "errlichung des neuen Lebens, nicht nur Widerstrahlung des STERNS sondern mit ihm entstanden und wie er Ausdruck des rauschhaften Inne- We rdens einer höheren Gemeinschaft, die Herzen und Sinne beseelte und beseligte. Welch eine Welt hatte sich hier auf getan! Im Deutschland des Militarismus und der Wissenschaft, der Arbeitswut und des Großstadt- aumels hatte sich ein unberührter Kern heiligfesten Lebens gebildet, das n sich vollendet, doch dem Einstrom aller Kräfte offen war, die noch heil Ie Erde durchpulsten, das im Innern voll aller liebenden Fieber und Zartsten, doch mit dem heitersten Kampfmut und siegendem Wachstums- nlen nach außen gewandt war, wie wir es geschildert haben. Die Ge- lc hte der Zehnten sind das unmittelbarste Bekenntnis dessen, was wir die °n der Dichtung Ergriffenen leben und wirken sahen: Lob der Götter und e »denahnen, Lob der Freundschaft und Gemeinschaft, helle und dunkle ae schicke der Liebe, helle und dunkle Geschicke des Dienstes. In e m von ihnen kreist der „dreifache wein der liebe", aus jedem von e n tönt, ob ernst oder frohgemut ein jubelnder Ton der Lebensfreude: n Triumph Apolls. In der Mitte aller aber steht die heldische Gestalt des Aschen und von welchen Schilden und Spiegeln sie sein Bild auch verwerfen: immer ist es der eine, der sie erweckt, beseelt und durch- glü «t hat. le Kämpfe mit früheren Gegnern oder mit der Außenwelt treten hier , ht mehr in Erscheinung, nur der Gegensatz weltgültiger Kräfte im Aschen wie der Auf- und Untergang der ewigen Mächte, das geistige u gen und Blühen, Welken und Sterben im Blute des Folgers und Freun- S: die Freuden und Leiden des liebenden Gottes, sein Kommen und ^ " e n in Leib und Zeit. Der Meister umgriff auch hier den weitesten Ge- £ Und prägte zugleich die neue Form: das heilige Loblied, wie es der luß des STERNS verkündete. Mit den hymnischen Gesängen „Gebet", Z n Hyperion" und „Die Kinder des Meeres" kehrte George zu den An- gen seines Dichtertums zurück, aber bei gleichem Sinn und gleicher n * lie gt ein tiefer Unterschied zwischen den HYMNEN des frühen Begin- Und denen der zehnten Folge. Jene ersten haben noch das ganze ju- Gliche Drängen dieses pochenden Herzens, aber ein einsamer Mund gt sie in einen einsamen Raum. Sie sind ein leidenschaftlicher Ausbruch ej ne ästigen Hall und deutlich liegt auch um ihre glühendsten Farben ein tten > klingt auch durch ihre brausenden Töne ein Ungenügen, b f C Se hnsucht nach höherer Entfaltung: es sind die Hymnen des Auf- c ns und der Sehnsucht und durch alle entfaltenden Kräfte der künf- er en Werke schwingt dieser Ton bald gedämpfter bald lauter weiter bis ltl den Maximin-Gedichten des SIEBENTEN RINGS seinen drängend- 409 sten Ruf, seinen weitesten Schwung und sein Ziel, den Einklang v0 ° Traum und verleiblichter Sehnsucht findet. Wie vorher alle Wege un Kämpfe und noch die drohenden Stürze zu diesem Einklang hinweise 0 ' so strömen nachher alle Bahnen und Flüge des Gesanges von ihm aus un durchdringen von neuem die ganze Welt des Lebendigen, die der Dichte erobert und geschaffen hat. Aber sie ist nun von seinem Geiste erfüllt» d e aus bezaubertem Leib und Ding vieltönig widerhallt, er preist nun in Go und Ahn und Freund das Seine, die Schöpfer und Hüter und Söhne seine neuen Reiches, er singt nun Hymnen der Erfüllung und des seligen Aug en blicks, das heilige Loblied, das nie enden will, solange sein Reich besteh • Dieser Wandel des Tones drückt sich auch im Bau der Gedichte aus- Die frühen HYMNEN haben von allen Gedichten den weitesten Spielraum • vielfältige Strofen, abbrechende Rhythmen und wechselnde Klängebergen noch Räume in sich, die der Gestalten zu harren scheinen, ab im Verlauf der folgenden Werke werden die Formen der Einzelgedicn zunächst enger, fester, kürzer, ihr zyklischer Gesamtbau immer geschlo sener und dichter, bis auch hier der SIEBENTE RING die Wende bring ' die Räume wieder weitet und mit freierem Spiel der Rhythmen füllt- der bunten Fülle seiner Formen herrscht das strofisch gegliederte od auch strofenlos geschichtete längere Gedicht schon vor, aber es blei wie wir sagten, noch Einzelgemälde, im STERN dagegen ist dieses morne tan Umrahmende aufgelöst, das Gedicht ist Bauglied eines umfassen Ganzen geworden und e i n Atem durchpulst von der ersten bis l etz Zeile das ganze Werk. Aus jenem weitenden Aufschwung des BD* und diesem durchhaltenden Atem des STERNS ist die neue Hymne g boren: geschlossener Gesang aber kein Einzelbild, Flug und Strom ei einheitlichen Maßes, aber keine fortrollende ewige Melodie, sondern strofisch oder unstrofisch ein im Verhältnis gleicher oder wechsein Zahlen geschichtetes Gebilde, das inhaltlich und rhythmisch durch halte und Stufen gegliedert ist, aber auch in ihnen nicht bei besonde Bildern verweilt sondern in unterbrochener Folge das Schrittmaß w cl führt. Es bildet einen dreifach gedehnten Raum, der schon unrnitte wie bei den Hyperionhymnen mit ihren fünf- bis achtsilbigen MaßgruP^ zum Tanzschritt lockt. Im heiligen Loblied singt mehr als der men liehe Einzelmund, in ihm tönt die umfassendere Stimme der Gemd und sie kann erst ertönen, wenn in einer Gemeinschaft, mag sie no klein sein, der geistig gewordene Laut des Volkes Ausdruck gewo hat. Das Begreifen der Maßverhältnisse allein, im Sinne Verweys» hier nicht mehr zum vollen Verständnis, denn diese Maßverhältnisse s sind von einem überpersönlichen Geiste geschaffen und getragen, 410 Wer niemals von diesem gemeinsamen Geiste erschüttert wurde, kann sie Vle Heicht in ihrer Wohlabgewogenheit zählend und messend nachtasten, be r das Geheimnis ihres Gesetzes nicht an sich erfahren. *n den neuen Lobliedern umschrieb George Mitte und weitesten Um- re »s seiner preisenden Liebe zum deutschen Menschen, zum verjüngten 0t tbild, zu Hölderlin, dem Griechennächsten und vorahnenden Seher des e uen Reiches, und zu den drei jüngsten küstengeborenen Söhnen, den ra hlendschönen aber mitteflüchtigen Kindern des Meeres. In den beiden ar auffolgenden Gesprächen „Der Mensch und der Drud" und „Gespräch es Herrn mit dem Römischen Hauptmann" spricht seine bewahrende und lc htende Liebe. Der Überhelle aufgeklärter Vernunft und dem Übermaß ^beutender Nutzsucht des Menschen stellt er im Bild des Drud die noch Urnpfg aber t i e f ere Weisheit der Naturwesen entgegen und der hellste eist des Jahrhunderts mahnt hier mit dem eidgeborenen Sinn seiner "en vor der Verachtung der dunklen Wachstumskräfte in Tier und a nze, vor der heute so drohend gewordenen Gefahr, mit der völligen r nichtung der „göttlich gebauten Wildnis" auch die Nährkraft des "schlich bebauten Ackers und Gartens zu erschöpfen und den Zauber r Felsen und Quellen und purpurblühenden Heiden zu zerstören. Der Verliehe Spruch des Herrn weist im geistigen Bereich auf dieselbe ge- '»He Kraft des Blutes, kein Wissen und keine Weihen helfen, wo sie '*> Und die Alten und Neuesten, welche heute vor dem Ende alles Fra- ns stehen, trifft wieder die gleiche Antwort wie den Hauptmann von ehe- al s. N ur wer taU gji c h un( j f a hig i st) i m lebendigen Reigen mit dem großen ' eb enden zu stehen, faßt die verwandelnde Macht, die auch die Bilder des e .° ttlic hen neugebiert und so nur das Ewige unter den Menschen erhält — heilig es Wissen, von dem auch Christus nicht anders sprach, wenn er n wiederkommen verkündete, wo er vom Gewächse des Weinstocks neu «en werde im offenbar gewordenen Reiche. . °u all dem was so der Meister sah und kündete, sagten auch die Dich- s der ze hnten Folge auf ihre Weise und von ihrem Platze aus. In Gegen- u. 2 Un d Gleichläufigkeit bewegen sich die ersten drei Paare. Die älteren, tj ° fske hl und Gundolf, verhalten sich hier zueinander wie brodelnde Ur- ^. e ür »d befiederte Helligkeit, wie der weltdurchschütternde Dämon der e 2 ur vereinigungssüchtigen aber allzuwissenden Liebe. Jener kommt ^ Im -Fimbulwinter" und dem „Orpheus II" aus allen Höllenschlünden 'fti T VerZweifelten und leidenden Seele und weilt nur zu neuem Atemholen 6r lcllt > um sich von neuem in die Schlünde zu werfen, aus denen er un- , n ^ tbar es Grauen und die Bilder unfaßbarer Schatten holt. Dieser spielt er höchsten dünnen Luft das Gedankenspiel mehr des Begreifens als 411 Ergreifens dessen was ihn quält und freut; noch die höchsten eisigen Forste umkreist er leicht und flügelschnell und erhascht vom günstigen Augen' blick mehr Schleier als Leib. Aber welche Gebiete die beiden auch durch' irren, welche Massen auch des ersten ton-schleudernde Stimme in verwtf render überschüttender überspülender Fülle häuft und ballt, und welch Fäden des andern kluger Finger auch zu feinmaschigen Netzen für sein flüchtigen Geister verknüpft, in beiden ist der äußere wie innere Sinn aü das beherrschende Eine gewendet auf das sie all ihr Schweifen und Flüg el richten, an das sie all ihr Süchten und Sehnen gebunden wissen, in de für Gundolf auch die liebende Zweiheit aufgehen, aus dem für Wolfsk e " auch die Götter der Helle wiedergeboren werden sollen. Ihre Geburt vef herrlichend hat Wolfskehl in den vier Gedichten „Der Brunnen, "' Kuppe, Die Kelter, Die Bucht" einmal die syrisch-lybische Wüstengh* und das Tauchen ins Unerlotbare ganz verloren und beinahe ein Gr* chisch-Deutsches in sich zur Erscheinung gebracht: das tiefe und doc helle Bild, die rauschbewegte und doch festumrundete Gestalt. Danebe hebt sich die schwarze Saat um so furchtbarer ab, aus der in den Gedic ten des Fimbulwinters und anderen, das mythische Gegenbild der unte gehenden Welt erwächst: die lüsterne Wut der Selbstvernichtung, ja Selbstverzehr bis zum eignen Schoß und Samen. Gundolfs „Staatsg dichte", in denen er den gleichen Vorgang des Auf- und Unterganges den Mächten der Zeit erscheinen läßt, wirken dagegen fast wie ein gl uC , lich-ruhiges Schweben über einem Unheil, das ihn nicht berührt und gleicher Erregtheit des Herzens ist seine Gebärde mehr die des Lehrend der die Gedankenwuchten sichtet und ordnet — so wie wir ihn kannte im Wiegen der schlanken Glieder auf und nieder gehend, die schwa blauen Haare über die hohe Stirn zurückwerfend und den Blick der he Augen nicht auf die Freunde richtend, sondern weitab, als wollte er el verhangene Ferne durchbohren. Während so bei diesen das Widerweltliche noch als düstre Umlager u oder zu bewältigendes Wissen heraufgeführt wird, ist es bei dem mittl e Paar, das Hand in Hand den Weg zum Meister gefunden hatte fast vo in der Strahlung des neuen Glückes versunken. In wenigen Gedichten Wolters taucht noch ein Rückblick auf die große Leere auf, als die das frühere Dasein erschien, aber es ist mehr ein grollender Unmut %> die verlassenen Schemen, ein trotziges Sichaufbäumen gegen alle Scn ken, die den befreiten Schritt noch hemmen wollen und dann ein jubeln Durchbruch ins neue Licht. Was in „Wandel und Glaube" noch als E l & bezirke „das Reich" umlagerte, ist in diesen Jahren der geistigen W lung und Durchdringung der herrscherlichen Mitte zugeströmt, sein 412 lst aus dem Unendlichen heimgekehrt und Freund und Geliebte, Gott und La nd empfangen für ihn nur Sinn und Wert von dem einen, der den er- ne uenden Hauch durch Himmel und Erde sandte und gab, was auch die kühnste Hoffnung nicht ersinnen konnte. Oft hatte ihn nur noch ein Strohern vom Sturz in den Abgrund getrennt, aber ein Wink des Meisters, ln Wort des Freundes, ein Beben der eigenen Seele im dichterischen ^langraum weckte alle Hilfen des schönen Lebens auf und genügte zur et tung. Denn in diesem Raum erfuhr er die Herrlichkeit des Strahles jen- e Us aller Lust und Peinen, und seine Gedichte sind nichts anderes als Ge- ete und Gelübde auf den Wegen und Rasten dieser menschlichen Ster- e nbahn, die ihm schöner dünkt als alle Unendlichkeiten und Ewigkeiten. a Nentin, weltklüger und schrittsicherer, von reiferer Erfahrung und vielfältigerer Kraft überschaute die äußere Welt zu sehr, als daß sie eine Not r ihn bedeutet hätte: sein Gedicht schweigt von ihr. Aber ihm hat der nte il am neuen Leben den jugendlichen fast schon versunkenen Traum s großen Heldenbildes wieder erweckt und erst die Maße gegeben, es in iner Unbedingtheit und zeitenüberschattenden Gewalt zu fassen. Im üs hauch des lebenden Genius erstand ihm die Heldengestalt der Gerichte neu, im Erfassen der meisterlichen Wirkungskräfte auf Mensch d Welt begriff er die des großen Korsen in ihrer Losgelöstheit von den Glichen Gegebenheiten als ewige Schöpferfähigkeiten, die mehr als an n Mitteln und Waffen ihrer Zeit und ihres Handwerks an den verwan- te n Seelen derer erscheinen, die sie mit in den Sturm ihres Handelns p n - Vom lebenden Meister nahmen seine „Anreden" den rollenden rur »k und herrscherlichen Wurf, vom mitfühlenden Freund, der über Er- ar *en der Jahre noch einmal sein Fühlen bis in die Tiefen aufriß, den Shaften Ton des gemeinsamen Glückes und der Opferbereitschaft im ^einsamen Dienst. Aus diesen Erlebnissen der Größe und der Gemein- . ai t sind die drei ersten Zwiegespräche vom Kaiser geboren und noch ^ re Überschriften „Die Erweckung", „Die Erleuchtung", „Die Vollen- ^ n S" verkünden, daß in diesen Bildern — im Kampf der Freunde um i n Führer und Herrn, im Kampf der Liebe zwischen Kaiser und Folger, b Kampf der Macht zwischen dem Weltbeherrscher und dem im Stein- k übenden künstlerischen Schöpfertum — die in Tag und Stunde we- ü h den Kräfte die wirklich gemeinten sind. Aus ihnen ziehen die geschicht- j e en Atem und Glut und aus beider Vereinigung entquillt jene sagen- ^ ne sich über Tag und Geschichte erhebende Luft, in der der besondere «in diese r ersten Gespräche vom Kaiser webt. Es ist der ewige Beginn ^. er Heldenjugend, die sich um den heldischen Jüngling schart und in der n gabe an ihn das göttliche Gesetz der Tat erfährt, die Hydren und Dra- 413 chen zu besiegen: wechselnde Formen für wechselnde Ungestalten von heute und je. Aus diesem dichtesten Kerne der Liebe in ihrem gegenwärtigen Blühen sind die Gedichte des letzten Paares hervorgegangen. In den früheren, • schon reiferen Alters waren, mußte George erst das ganze Jahrhundert totschlagen, um sie ganz in seinem Geiste umzuschmelzen, bei den jüngeren» mochten auch hier Geschlechterschlacken ältester zähester Art zu bewältigen sein, war das unmittelbare Gift der Zeit noch nicht in die Seelen g e ' drungen und junge Saat gedieh in ihnen auf jungfräulichem Boden. s ° blühte die meisterliche Zeugung in diesem Paar, das aus den entferntesten Gauen Deutschlands aus Nord und Süd durch die lenkende Hand mitsammen wuchs, am schönsten und reinsten auf. Die ersten Söhne des Innen- reiches, die ganz vom Trieb beseelt waren, das Gleiche zu wecken und z wirken, was der Eine in ihnen geweckt und gewirkt hatte, die schon vom Drang des Minners erfüllt waren, die junge Glut, die in ihnen brannte» weiterzupflanzen. Beide Söhne der Freundschaft und bald schon Meister der Freundschaft und doch bei gleichem Wirken von tief verschiedene Art, wie die Gedichte zeigen. Der eine aus schwerer in sich verstrickte Jugend nur langsam aufreifend, jede Darstellung und Schaustellung seine selbst nach außen vermeidend, das umhüllte Innere vor jeder Aufsch» ßung behütend und sich ganz erfüllend mit einem Tun und Ziel. Ste gehalten und doch stets glühend, in allen Dingen nicht aus Mangel sonde aus Trieb zur sicheren Regelung haushaltend und ordnend, aber überstr mend mit der gestauten Fülle, wenn die Stunde der Trauer oder des GW kes ihn löste. Er ist von der spielenden Sicherheit dessen, der seiner b wiß ist, und dem leichten Spotte dessen, der auf vieles verzichtet, um J Ver- wesentlichen jedes Abenteuer wagen zu dürfen: ein unaufdeckbarer v schwörer mit der Geste des heiteren Weltmannes, ein heimlicher Erober der nur den Sieg liebt aber den äußeren Triumph verschmäht. Wo die- 5 im Gedichte noch verhüllt, wenn er sein Tiefstes sagt, offenbart der an noch sein Letztes, wenn er verhüllen will. Als Knabe mit dem Gescn grollend wird er durch den Meister spielender Herr des Geschickes, freilich das schöne kühne Spiel auch mit allen Bußen und Niederlagen zahlen muß. Seine Gebärde ist die des verwegenen Ergreifens, der Ber schaft zu jeder kühnen Fahrt, er handelt aus triebdunkler Leidensc ohne Besinnen um Not und Gefahr, auf jedem Plane das Höchste wag um beim Mißlingen mit unverwüstlicher Hoffnung auf die nächste w ^ auch noch so ferne günstige Stunde zu warten. Ein Vielbegehrender Vielverschwendender, dem das Wenige zu schal ist und das Meiste k genug. 414 Die Jünglingsbilder dieser Gedichte scheinen in Wuchs und Wesen Wiedergeburten von Hellas zu sein und doch sind es deutsche Jünglinge, b eide vom ewigen Jäger Eros getrieben, aber der eine bezwingt sein drängendes Übermaß und die „Zwölf Sonette" sind in ihrem Ton schon bei st ärkster Leidenschaft von höchster Bändigung, welche die fruchtbare Fügung im jungen Stoff verbürgt. Der andre bietet den Pfeilen des Got- e s offen die Lenden dar, preist ihn noch als Opfer, und im Vertrauen auf le Geschmeidigkeit und Schnellkraft seiner Glieder versucht er sich übermütig j m schwersten Zwang und gewagtesten Spiel. Es ist kein Zufall, daß n beider Gedichten die Gestalt des Alkibiades auftaucht, beim ersten s der Allzuwissende Tief berechnende, der nur in schicksalswichtigem u genblick vom Traumwink der Götter gelenkt wird, beim zweiten als der aßlos taumelnde irrende prächtige Brand, der sich und die Größe Athens e rnichtet. Aber zugleich erscheint er — im fünften Erosgesang — als ■ e . r ^ nt ergangswillige und Fallbereite, der trotz seines Verrates von der n *tigen Jugend bestaunt, ja verehrt wird und die heldische Tat in ihr ec kt. Ein aus Hellas gewonnenes aber in der Wertung dem Griechen denkbares Bild! Viel mehr gehört es zum germanischen Schicksal. In . din selbst, in Hagen von Tronje, in Heinrich dem Löwen, ja noch . Schillers Posa und Jean Pauls Roquairol steigt dieser seltsame re ulose auf, der verrät und dennoch groß und bewundert als Held rc h die Zeiten geht, der sich seinem dunklen Dämon opfert und doch n Samen des Lichtes säet. Nichts scheint solchem Fühlen ferner zu lie- s en als das lichtreine Wunder Hölderlins. Und doch ist es dieselbe 'lime, die hier sein begeistertes Lob singt, derselbe Mund, der Hölder- . s Gedichten im Hersagen den vollsten glockentiefsten Klang gab. Auch To n der eignen Gedichte schwingt die Hölderlinische Helle mit, aber e Erosgedichte haben eine nacktere leiblichere Bildprägung als der Raum j,, r Klassik und die keusche Seele des frühen Schwaben es erlaubt hätte. ne ganze Welt dionysischen Aufbruchs liegt dazwischen und mehr ^ c °: der Evier und der Eros, der Herr des trunknen Herbstes und der ^ err der Fackeln, waren seit dem SIEBENTEN RING zu einer Gestalt ge- u r aen: das Göttlich-Wilde hatte sich dem Göttlich-Flammenden vereint q f ärbte die Dichterwangen dunkler und brennender zugleich. Es ist der •>o tti ^ Ser der uns mit sehenden Augen in das verwirkende Tun treibt, der IH c , ere Vorsicht blind macht, unserer Vernunft spottet und uns höhnend h a . C nd de n Stachel in die Wunde drückt, die wir uns selbst gewählt f iti n *" >en von * nm Getriebenen lehrt kein noch so kluger Satz ein Entlaß en Und nur der Stolz rettet, bis zur letzten Not das Schicksal zu be- aas er bringt, und den noch zum Herrn zu wählen, der unser Herz 415 zum Losbecher seiner Würfel macht. Denn Dichter sein, heißt nicht ohne ihn noch gegen ihn sondern in ihm siegen. Das Weibliche aber, das nicht genügend zu beachten man von je und heute noch George und seinen Folgern vorwirft, ist auch diesen Dichter" ein ewig-menschlicher Bereich des Sinnens oder Kämpfens. In ihren drei Gesprächen „Venus und Adonis", „Das Ende des Alkibiades" und ,>D e Triumph des Apoll" lebt das Weib als Liebesgöttin in ihrem ewig en Eigenrecht, die das Männliche zu ihrer Lust verbraucht, als dienende *r mandra in ihrer schrankenlosen Hingabe, die lächelnd auch den Tod m» dem Geliebten teilt, als Schöne in ihrer klugen Herrschlust, °* im Augenblicke unterliegen muß, wo das höhere geistige Gesetz dd 1 Jüngling ergreift und aus ihren Armen in die Luft des staatlichen W» r " kens reißt. Die drei Dichter, welche diesen Paaren folgen, sind darin gleicher Ar mit ihnen, daß auch sie vom selben heldischen Atem mit ergriffen sind, s» unterscheiden sich von ihnen durch ein rückschauendes Wesen und el stärkeres Verhaftetbleiben im besonderen Einzelleben. Dem ersten b«' leuchtet die Gewißheit des kommenden Morgen seinen sinkenden Abe n und an seinen Gedichten ist besonders bewegend daß durch ihre zarte En müdigkeit ein sieghafter Ton durchbricht. Der zweite, Ernst Bertram, o e sen Name durch die spätere Veröffentlichung desselben Gedichtes bekan geworden ist, hat mit der erschütternden Sicht des Bamberger Bildwer ein in der Fühlung noch musikalisches aber in der sinnbildlichen Di cn gestaltetes Gedicht geschaffen, das unvergleichlich in der Reihe seiner v terländischen Sänge steht: ein apokalyptischer Nietzsche-Ruf vor de nahen drohenden Sturz ins Unheil! In dieser „Sibylle" stellte der Di cn dem nördlichen Menschen eine Richterin hin und ihre stumme Geba aus südlicher Meisterhand steht warnend vor dem nebelnden Tönen u kühlen Schwelen der Allzublonden, die glauben der Vermählung im »^ von Korn und Wein" entraten zu können. Der Dritte endlich, den wir n seinem ersten Gedicht den David-Dichter nennen, strebt nach der höchs Palme der Dichtung: der Vereinigung von körperhaftem Bild, glühen Farbe und vollstem Klang. Von dem was jedem nur zum Teile zugernes " wird: plastischer Helle, tiefster Trunkenheit und klarstem Sinn wrt das Ganze, will er das Gedicht des höchsten Meisters noch in jedem di Reiche steigern, ganz er selbst und auch ganz dieser sein. Erst bei der n sten Folge werden wir vom Wunder dieses Strebens reden, wo es v fT n ge aufscheint, aber auch in diesen Gedichten der Zehnten bricht ein u ° sein er ahntes vor: eine fast pulsschlagende Leiblichkeit in den Gebärden ■• . Gestalten, ein bald blumenhaft weiches bald edelsteinhartes Leuchten 416 "*r Töne und wie in „Den Entschwundenen" ein Verdichten des nächsten le isesten Geschehens zu weithin schaubarem Schicksal. Mit sechs Sprüchen und dem „Schifferlied" Georges schließt die Folge. ß ie Sprüche sind eine dichterische Gegenform zu den „Gesprächen", sie Cf ithalten nicht wie diese große überzeitliche Weisheiten und Verkörpe- run g von Natur- und Seelenmächten sondern Weisheit der Gelegenheit, ^ie Goethe sagen würde, sicheren Rat der Stunde und jenes zarte Winken *« Wimper und Finger, das allein den großen Erziehern und Bildnern der Menschen eignet und dessen Befolgen oder Nichtbefolgen durch die Beratenen über das ganze Leben entscheidet. Das „Lied" dagegen, das zu- ers t am Schluß der neunten, jetzt als „Schifferlied" in der zehnten Folge av) ftaucht, ist die Gegenform zum heiligen Loblied, zur Hymne. Erinnern ^ lr uns der harten Worte, die in den Einleitungen zur siebenten Folge "er das Verhältnis von Volk und Kunst und über das Volkslied im heueren bei den Deutschen gesagt sind, so mag es erstaunen, daß der Dich- er auch zu diesem Mittel des Ausdrucks griff. Aber eben dort steht auch le Lösung dieses Widerspruchs: „Die Behauptung", so heißt es in der ' e benten Folge, „alle Kunst hat ihren Ursprung im Volke, ist entweder ' ne Selbstverständlichkeit (Plattheit) oder eine längst überführte Lüge. u nst ist höchster Ausdruck eines Volkes." Ist sie dies, so sind ihr keine a gen des seelischen Lebens, soweit in ihnen das Wesen des Volkes ver- atl gen ist, fremd und es hängt nur vom Umfang seiner Kräfte ab, ob der ,r hter mit dem Wipfelnächsten auch das Wurzeltiefste in die dichte- Is che Gestaltung zwingen kann. Wir sahen George von Beginn an alle ° c h lebenhaltigen Bereiche unseres Volkstums durchkreisen und in sein er k einbeziehen. Hier lag nach dem Preisgesang auf die höchste Krone tiefst noch ein letzter fast vergessener Ring des deutschen Hortes auf ^ Stromgrund unserer Sprache: das urtümliche Lied. Wir geben ihm le Bezeichnung „Volkslied", obwohl sie seinen Sinn bei George nicht er- * ch öpft. Es erinnert an die Urzeitgedichte der PILGERFAHRTEN und des L GABAL, aber rührt nicht an den geschichtlichen sondern den stets ge- e nwärtigen Grund der Seelengeschicke im völkischen Leben. Zwischen 111 Und der Hymne liegt die weiteste Spanne der dichterischen Formen. e sind beide nicht Ausdruck des vereinzelten persönlichen Gefühls son- e m Urlaut der Gemeinde, die Hymne bewegt sich in erhabenen Vor- Ölungen, das Volkslied in erdgebundenen mit Ort und Haus verwachse- en Bildern. Während das Loblied daher das Verweilen beim Dingver- teten und Einzelstehenden fast als unheilig vermeidet, ist dies gerade Clm Volkslied der nötige Kern, in dem die dunkleren Strahlen sich fan- n - Denn wie die Hymne die hellste geistige Stimme, so ist das Lied die «7 417 dunkelste Blutstimme der Volksgemeinschaft, jenes im bewußten staatlichen Räume schwingend, dieses im unbewußten geschlechterschweren Boden klingend, jenes an bestimmte Gestalten, Götter oder Menschen, g e ' richtet und geknüpft, dieses an kein Verpflichtend-Gestaltiges gebunden und frei im Grund entstehend und verwehend. Das Lied bewahrt ältestes Gut, das in die dumpfen Kreise hinabgesunken ist oder aus mütterlichen Schößen als Rune geboren wird, es hat den Schauer der alten Weise und Rätselweisheit, wie die Hymne den Schauer des jugendlichen Tones und der Tat. Der Dichter aber ist alt und jung, ist Drud und Mensch, Stimm e der Erde wie des Himmels, des Tages wie der Nacht, in ihm erklingen unsere geheimen Träume wie unsre sichtbaren Taten. Wenn die kurze Einleitung der zehnten Folge mit den Worten schließ 1 • „Unsere Blätter, die eine Warte für die Dichtkunst waren und sein wolle 0 ' haben heute erst recht die Aufgabe zu zeigen was als mindestes geleiste werden muß, und ihr selteneres Erscheinen verrät nur ein stärkeres Gefüh der Verantwortung — keine Ermüdung. Sie haben zu zeigen, daß in Z el ' ten eines kräftigen Gesamtlebens die Dichtung keine Gelegenheitsmach und Spielerei, sondern innerste Seele des Volkes ist" — so klingt dies wi e ' der an den erwähnten Spruch der siebenten Folge an. Es war keine Forde' rung, die der losbrechende Krieg hervorrief, sondern Erfüllung dessen» was in diesem Kreise von jeher der Sinn des dichterischen Lebens war- „Kunst ist höchster Ausdruck eines Volkes". Ein Volk, das aus diesen 1 Seelengrunde keine Schätze mehr heraufführt, stirbt in seinen Wurzel ab. Mit Hymne und Volkslied hatte der Dichter die weitesten Bereich des deutschen Volkes umgriffen, und alles in ihm noch Lebenskräftige i* 11 dem neuen Atem seines Geistes durchhaucht als eben der Kampf unsere Volkes um sein Dasein wider die ganze Welt begann und alle morsche Stützen zusammenbrachen. 9. KAPITEL: DIE AHNEN 1 S gehört zu den größten Wundern des deutschen Geistes, daß sC ^künftiges Volk schon ein Jahrhundert früher nach Ursprungsart u Wesen vorgeahnt und vorverkündet wurde, daß Hölderlins Aufstieg a der Höhe der Bahn mit dem geistigen Gesicht dessen abbrach, was George am gleichen Gefährdungspunkte, nahe dem drohenden Abstu als leibliche Gestalt erschien: wo das heilige Loblied Hölderlins auf s ^ geschautes Reich verstummte, begann das heilige Loblied Georges auf in Mensch und Land verwirklichte zu schwingen. Von dieser Wirklich 418 "er konnte der frühe Seher erst ganz erfaßt, sein Eigenstes und Unterscheidendes gegenüber seinen großen Zeitgenossen, sein Wissen und sein Schicksal erst ganz gedeutet werden. Im dritten Band der „Deutschen Dichtung" vom Jahre 1902 hat Hölderlin seine Stelle, sofern er mit Ode und Elegie noch innerhalb des Goe- "üschen Sprachraums klassische Gebilde schuf. Das Ebenmaß der Auswahl verbot, auch nur alles innerhalb dieser Grenze Wichtige aufzunehmen. Die Herausgeber hielten absichtlich damit zurück, ihre Ahnung vom "Ölderlin jenseits dieser Grenzen zu äußern. Diesen Hölderlin ganz sicht- ar zu machen, bedurfte es äußerlich der Textfunde die damals noch nicht setan waren, und innerlich des Augenblicks der vom gegenwärtigen chicksal aus die Weissagung verständlich machte. Nachdem beides ge- chehen war, wandelte sich das Bild Hölderlins in der Dichtergemeinschaft ^r Blätter. Nach Strecken langen Schweigens über ihn hatte die Wissenschaft der e tzten vierzig Jahre sich viel mit Hölderlin beschäftigt. Aber erst durch nr en feinsten und vorgerücktesten Vertreter: Wilhelm Dilthey nahm sie nt eil an dem Wandel des Hölderlin-Bildes — seine Studie aus dem Jahre 866 verspürte davon noch nichts. Als er 1906 in dem Buche „Das Erlebnis nc < die Dichtung" die bedeutendste Darstellung Hölderlins gab, die bei er Einreihung seiner Gestalt in das Jahrhundert und den Machtbereich es Goetheschen Geistes denkbar war, kannte Dilthey die Dichtungen eorge S und diesen persönlich schon seit mehreren Jahren: er hatte einige Spräche über Dichtung mit ihm geführt, ihn auch eigne Gedichte lesen ° re n und war bei einer Lesung des „Goethespruches" erschreckt vor die- 111 neuen Bilde Goethes zurückgewichen. Damals fügte er seinen frühe- en Studien über die Klassik die neue über Hölderlin hinzu. Der erste Satz le ser Studie: „Es ist ein alter Glaube, daß in unberührten Seelen die Göt- r s ich kundtun und die Zukunft der Dinge offenbaren", sagt uns, daß der rte Spürsinn dieses Gelehrten mehr erahnte als sein vergleichender For- . "ersinn dann im Verlauf der Darstellung erschließen konnte. Schon um- Sse nder äußerte sich im nächsten Jahre (1907) in einem kurzen Aufsatz r "Beweging" Albert Verwey über Hölderlin. Hier sprach zum ersten- . al ein Dichter über den Dichter, den er in der Jugend schon geliebt, der • ^ dann entschwunden war und den ihm nun, wie er erzählt, in diesen j, en seine deutschen Freunde wieder näherrückten. Hatte er früher von 111 d as alte Bild des romantischen Träumers gehabt, bei dem seine Weh- z Ut Befriedigung fand, ein Bild, zu dem auch Dilthey trotz aller Ansätze ^ höherer Deutung der Erscheinung immer wieder zurückkehrte, so ^nte Verwey nun Hölderlin den Vorgänger der neuen Dichter, den 419 frommen Feierer der Liebe und Schönheit, der in den Künstlern den Drang nach Vergöttlichung erweckte und der zuerst die neue Aufgabe stellte, m e griechische und christliche Frömmigkeit zum Einklang zu bringen. Er H ihm Mitbesitzer der Schöpfungskraft der Natur, der einen neuen Gottesstaat des Schönen stiften, er ist ihm liebend und leidend ein Freund des Vaterlands, der eine neue Gemeinschaft von freien erhabenen Menschen gründen will, unter denen der Dichter König ist. So klingt der erste Mit- und Widerhall dessen was George mit den Nächsten in ihm sah und lebte. Denn hier unter den deutschen Dichtern wurde Hölderlin zunächst nicht Gegenstand der Forschung sondern einer begeisterten Liebe: sie sahen in ihm wie er geweissagt hatte, einen der Ihren, s» e ließen seine erhabenen Gesänge auf all ihren Feiern im neuen Ton wied er laut werden, sie drangen mit aller Inbrunst in die dunklen Geheimnisse seines Schaffens ein und wallfahrten zu seinem Grabe, um mit ehrenden Händen die Erde zu schmücken, die seine Asche birgt. Es war ein glückliches Geschenk des Himmels, daß unter ihnen auch ein forschender Ge» s von der gleichen Liebe ergriffen seine ganze Kraft der Ordnung und *** gründung der schriftlichen Hinterlassenschaft Hölderlins widmete un mit dem Eifer und der Ehrfurcht eines Jüngers jeder Spur einer Erinne rung und der Aufhellung jedes Buchstabens nachging, um auch da Kleinste vom fast schon verschollenen und sorglos zerstreuten Erbe retten. Norbert von Hellingrath aus bayrischem Geschlechte stamme 0 war eine grüblerische Natur, mehr Denker als Dichter, mehr Einsiedler a tathafter Mensch, aber von jenem stillen Feuer der Liebe, das sich im el mal Ergriffenen ganz verzehrt, das die kleinste Arbeit wie die tiefste B* 1 sieht aus dem Hauch der Begeisterung nährt und auch seine eckigen eig e willigen Züge schön durchglühte. Er begnügte sich nicht, den Nach Hölderlins in den Archiven und Büchereien zu durchforschen, sonde folgte all seinen Wegen nach, suchte alle Orte zwischen Jena und d deaux, Driburg und Hauptwyl auf, um den Duft der Landschaft zu atrfl wo Hölderlin geweilt hatte. Nur so gelang ihm das bisher Unbekannte erfassen, das Unlesbare zu entziffern und noch bevor die öffentlich» etwas davon ahnte, den Freunden die Pindarübertragungen und die un kannten Hymnen Hölderlins mitzuteilen, die ihnen als Weissagung Bestätigung eignen Glaubens und Lebens erschienen. Wir erwähnten schon, daß die Pindarübertragungen in der neun Folge und bald darauf in einem Sonderdruck der Blätter für die Kunst v öffentlicht wurden. Im gleichen Jahre 1910 nahm die zweite Ausgabe „Jahrhundert Goethes" die erste große Späthymne „Wie wenn am F el tage" auf, im folgenden Jahre erschien Gundolfs Heidelberger Antn* 420 re de „Archipelagus" und die „Prolegomena" Hellingraths, zwei Jahre später der erste und fünfte Band von dessen Gesamtausgabe, während der v ' e rte, der die neuen Hymnenfunde enthielt, den Freunden noch kurz vor *^ r iegsbeginn in einem vertraulichen Druck übergeben wurde. Was sich George und seinen Gefährten in diesen Gesängen auftat, war zunächst die Einzigkeit Hölderlins im gesamten deutschen Schrifttum der atzten Jahrhunderte. Er stand auf einem Ort jenseit der Bedingtheiten Se iner Zeit und wenn er dem klassisch-romantischen Plane in seinem kämpfen und Leiden angehörte, so lebte er mit seinen innersten Gesichten Se iner unbewußt von früh auf, aber seit der Abkehr von Weimar und dem ^iebesjahr mit Diotima bewußt in einer nur ihm gehörenden Sphäre des Mistes, die seinen Zeitgenossen unerkennbar und auch ihren Nachfahren ltl » kommenden Jahrhundert undurchdringbar blieb, so undurchdringbar, aa ß selbst der wissenschaftliche Trieb der stofflichen Genauigkeit und °Hständigkeit vor dem verlorenen Schatze dieses doch bekannten und n hoher Lage gesehenen Dichters erlahmte. Unsere jüngsten Kräfte haben "zwischen diesen Sonderraum Hölderlins unter den hohen Geistern der ^assik und Romantik so überzeugend umschrieben, daß wir hier nur der e züge zu gedenken brauchen, die in jenen Jahren des Aufblühens Höl- e »"lins in unserer Gemeinschaft sichtbar wurden. Das Ungeheure, daß e ben Goethe und Schiller, Herder und Jean Paul ein geistiges Dasein 0t » solcher Größe noch möglich war, daß über dem gefestigten Reiche der ltlc n und dem es umkreisenden unendlichen Wallen und Wollen der an- ert » noch ein Drittes bestehen konnte, schien uns vor allem Zeichen einer ° c h unerschöpften Kraft des deutschen Wesens. Denn wenn Goethe sich u "d die Seinen „die letzten Vertreter einer Welt" nannte „die so bald lc ht wiederkommt", so fühlte Hölderlin sich als den ersten Vorläufer "»er Welt, die bald und unter deutlichen Zeichen der Götter zu den Deut- c " e n kommen werde: „Doch Menschen ist Gegenwärtiges lieb". Als nun der SIEBENTE RING mit einem Male den staunenden Augen er Dichter die Verwandtschaft mit dem Hölderlinschen Geiste erschloß, c *»auten sie mit jedem Wachstumsschritte ihrer Gemeinschaft tiefer in as Wunder einer Vorgeburt, die als dichterische Schau schon die bewenden Kräfte und Bilder des neuen Lebens einbegriff und mit dem /^»auer der fernen Verheißung zugleich den Jubel unumstößlicher Gewiß- ^ lt; »n sich trug. Wenn in dem gegenwärtigen Geschehen noch irgendein gewisses, kein Zweifel aber eine Offenheit der Deutung ins Vergangene .. d Zukünftige, ein noch Werdend-Unabgeschlossenes liegen mochte, so , , die prophetische Schau Hölderlins die ganze aufblühende Wirklich- lt des Dichters unserer Tage als ein vollkommen Rundes und Endgül- 421 tiges erscheinen und bestätigte ihr lebendiges Wachstum. Daß schon einmal ein gläubiges Herz die ewigen Mächte sah, von deren Gestaltung | n Göttern und Helden die heilige Sage spricht, daß es ihre Herabkunft in der Zeit und in dieses unser Land mit der gleichen Inbrunst und Zuversicht geweissagt hatte, mit der der Meister sie als heute geschehen verkündete, diese Spiegelung des Geheimnisses in den beiden hohen Geistern unseres Volkes gab ihm seine raumdurchdringende Irdischkeit und nahm das Einmalig-Furchtbare, das auch das festeste Herz erschreckt. Denn die Weltsicht dieses „Träumers" Hölderlin war so wenig als «• des „Ästheten" George romantisch und wirklichkeitsfremd und erdfern» wie die Zeitgenossen sie gescholten haben, sie war die des kühnen wa genden Dichters, der zwischen Himmel und Abgrund, zwischen tiefe Liebe und tiefem Haß, zwischen großem Schmerz und großer Lust sein Zelte spannt. Hölderlin sah die ganze Furchtbarkeit des Daseins, vor de den klassischen Bildnern schauderte, er trug und gestaltete die ganze Gegenwucht der oberen und unteren Gewalten, welche die romantischen Schwärmer wohl durchfuhren und funkeln ließen aber nicht beherrschten und formten. Die ganzen Tiefen der Nacht und des Leidens, welche w"» in den Dichtern und Malern, Musikern und Denkern bis zu Nietzsche Untergang hin aufbrechen sahen, hatte Hölderlin schon durchmessen u° — das schloß den Bogen zwischen ihm und George wieder — in das küns lerische Gebild hinaufgeführt, bis in jene Menschmitte gehoben, wo zW sehen der Fülle des einen und dem Mangel des andern das Göttliche e scheint. Das Leben selbst ist ihm schon göttlicher Kampf. Denn ins Mai los-Unendliche, ewig Ungestalte und Unbehauste, in die Sphäre desRaUSC haft-Ungebändigten dringt das Licht mit dem ewigen Willen zum Ma voll-Gestalteten zum Leiblich-Begrenzten und Sichtbargeformten. Im » r nen Leben" verhalten sich diese Mächte nach seinen Worten in der eW entgegengesetzten Schwebe des Einklangs, sie vollenden sich erst im ° sonderen Leben als Erscheinungsformen des menschlichen Geistes, als in Werk und Gemeinschaft verwirklichten Kinder aus dunklem Raus und hellem Maß, aus flutender Begeisterung und haltender Nüchternh e aus ewiger Freude und ewiger Trauer. Auf diesen Stufen zwischen H° und Tiefe auf- und abzusteigen ist „Beruf und Wonne des Dichters' u je trunkner und klarer zugleich die Mischung der Gestalten ist, die ans Licht ruft, um so größer ist der Sieg des Lebens, um so reiner t das Göttliche als Schönheit in die irdische Luft. Man begreift, was v dieser Grundsicht der Welt aus den beiden Dichtern die Sprache bedeU Sie ist das höchste Mittel des menschlichen Geistes, das ganze Leben besonderen Sinnbild des Schönen nicht nur darzustellen sondern selbst 422 schaffen, den ewigen Vorgang des Lebens im irdischen Kunstwerk zu v ollenden, das göttliche Feuer nicht nur zu ahnen sondern auch wie den Blitz vom Himmel zu holen und ins dichterische Wort gebannt zu den Menschen zu bringen. So wird das dichterische Schaffen ihnen Kampf Un d Einung mit der Gottheit, wird Raub und Empfängnis des von ihr Verhüllten, Frevel und Offenbarung an ihrem Geheimnis und das höchste «tat des Menschen, dessen Verwaltung den Einsatz des ganzen Daseins fordert. Dichten ist ihnen die Geburt des Gottes im Wort, ist dem Unfaß- llc hen Namen geben. Das Undurchdringliche nennen, bedeutet ihnen das frömmste und gefährlichste Tun, erfordert die schwerste Verantwortung ün d das kühnste Spiel. Was wir an beiden Dichtern bewundern, den Wandel der Formen in bestimmten Kreisabläufen, die Neuschöpfung der Töne, Qle sich nie wiederholen und nie ein früheres Gefäß mit neuem Gehalte u "en, beruht in diesem äußersten Ernst ihres Amtes. Wenn der reine Ton •Wer ursprünglichen Empfindung, so drückt es Hölderlin einmal gedank- lc h aus, den Dichter ergreift, so ist seine Welt ihm „ebenso neu und un- e kannt: die Summe aller seiner Erfahrungen, seines Wissens, seines An- Sc hauens, seines Gedenkens, Kunst und Natur, wie sie in ihm und außer hln sich darstellt, alles ist wie zum ersten Male, eben deswegen unbe- «> r iffen unbestimmt, in lauter Stoff und Leben aufgelöst ihm gegenwärtig n d es ist vorzüglich wichtig, daß er in diesem Augenblicke nichts als gelben annehme, von nichts Positivem ausgehe, daß die Natur und Kunst Sa ■ ° Wie er sie früher gelernt hat und sieht, nicht eher spreche, ehe für nn eine Sprache da ist, das heißt ehe das jetzt Unbekannte und Unge- an nte in seiner Welt eben dadurch für ihn bekannt und namhaft wird, a ß es mit seiner Stimmung verglichen und als übereinstimmend erfun- den worden ist". Diese Übereinstimmung, diese tiefste Innigkeit der dichterischen Seelen- evve gung mit den Mächten des Alls, die in dieser Erschütterung schwin- ^f n > gebiert die heiligen Siegel und Zeichen des unendlichen Lebens und le se sind die Eroberungen, die Sternensaaten im finstern Raum des Na- e «losen, die tönenden Harfen im Schweigen der Nacht. Dies ist es was °lderli n schon im Hyperion und deutlicher in seinen Hymnen, George ch °n in seiner ersten Frühhymne und immer deutlicher zum STERN DES NDES hin verkündet: Die Selbst-Verjüngung des göttlichen Menschen, r in der Schönheit sich selber in seiner ewigen Wesenheit sehen will n d sie sich gegenüberstellt als seine Götter. „Ich spreche Mysterien", a Sen wir mit Hölderlin, „aber sie sind". w ir möchten kein Ende finden, diese „Sprachen des Himmels zu deuten ® 2 u singen", denn jene Mischung von trunkner Begeisterung und hel- 423 ler Nüchternheit drückt sich in jedem Dichtwerk bis in die gegeneinander wirkenden Rhythmen und Klänge, bis in die Mit- und Gegenläufe der Sinngehalte aus, durch welche der Bau des gesamten wie des einzelnen Gedichtes beherrscht und erst im Gleichmaß erhalten wird. Man hat dies das Religiöse in der Lyrik der beiden Dichter oder die Kunst als Religi° n genannt, um damit die höchste erdenkliche Sphäre zu bezeichnen, in ° er ihre Gedichte schwingen, uns erscheint es als die Neugeburt des Lebens» der Erde und des Menschen aus dem erschütterten Geiste der große 0 Dichter. Wir begreifen von dort aus die Gleichläufigkeit ihrer Stellung zU ihrer Umwelt. Sie empfanden den unheilbaren Riß zwischen ihrer Wel ' schau und der ihrer Zeit mit derselben Wucht: den Riß, der auch schon bei Hölderlin bis in den Grund der ganzen Ordnung ging und noch * n dem Bau Goethes wie ein Blitz hinabfuhr. Es war ein vollerer Schmerz» als der der besten Zeitgenossen über die Gegenwelt, weil er das ganz Leben des Menschen bedroht sah und den schwersten Kampf gegen die Finsternis „im Bunde mit dem heldenmütigen Sonnenlichte" aufnahm- * ist die Tapferkeit des Daseins selbst, die in diesen Dichtern Bild und Zeichen wird, weil sie wissen, daß man es nicht als etwas Selbstgegebenes> voraussetzen darf, das nicht untergehen kann, sondern daß es als unse menschliches Leben in stetem Kampfe liegt mit den Kräften der Zersto rung und nur die Bändigung der wilden zu Form und Gestaltung sein stets zu erneuernde Rettung ist. Wir sahen sie auch darin eins, daß ihnen der Einzelne, sich unfrucn bar Vereinzelnde, der sich aus dem Ganzen löst, der ärgste und furch barste Feind deucht. Denn diese Einsamen unter den Deutschen Holde lin wie George sind zugleich die strengen Forderer ihrer Gemeinsamkei ■ Bevor noch der Begriff des Volkes, fast bevor noch das Gefühl für o Vaterland in neuer Prägung unter den Deutschen geboren wurde, hat H derlin schon das Bild vom Volk und Vaterland weit über alle Patriote i Freiheitskämpfer und Staatsmänner des folgenden Jahrhunderts hinaus die Sterne gesetzt und mit allen Wundern seiner Liebe geschmückt. F re lieh auch mit solcher Fernkraft seiner untrüglichen Sehnsucht ausgesta tet, daß es zu erreichen weit anderes nottut als bürgerliche Revolution Verfassungsstreite und Wirtschaftskämpfe: nämlich die Schaffung schönen adligen Menschen und Volkes. Denn unter den Rätseln, weic die Zeiten überspannende Einheit des heutigen Künders und seines v ° läufers uns aufgibt, ist es vielleicht das tiefste von allen, daß beide in Zeugung des schönen auch die Geburt des heldischen Lebens sahen, ihnen das Gedicht die eherne Wiege der Helden ist und erst die Gernej^ scha 424 schaft der Dichter das neue Volk verbürgt. Die Weltkraft, welche dichterische Wort bewegt, ist als ortgebundene Sprache bei seiner Bild- y nd Klangwerdung an das Blut eines Stammes und an Boden und Luft e 'nes Landes, an ein „Nationelles" wie Hölderlin sagt, nicht aber wie der "Logos" an ein Allgemeines, Übervölkisches oder gar Überirdisches gehüpft. Sie muß sich also bei ihrer Vollendung im besonderen — als ihrem n °twendigen Wesen — im bestimmten Volk und Staat darstellen. Das he 'ßt, an dieser Wendestunde, wo die Ordnung des Logos erschöpft zu- Sa mmensinkt, kann nur der Dichter der Gründer einer Gemeinschaft und damit der Schöpfer eines Volkes sein: Volk nicht als Masse verstanden, s °ndern als ein aus dem Geiste geborenes durchgestaltetes Gewächs, das ln all seinen Stufen vom Gotte bewohnt und durchwaltet ist. Hier mag •^an die Wurzel dessen suchen was in beiden Dichtern heidnisch ist, ein gegebenes, für welches das Christliche nur den weitesten und zeitnäch- en Gegensatz bedeutet. Als höchste „nationeile" Erscheinung eines Volkes betrachten Hölder- * wie George mit all unseren Großen die Griechen. Es erübrigt sich noch- a ls, die törichte Meinung zurückzuweisen, als ob sie damit eine Nach- htnung der Griechen oder eine Rückkehr zur Antike verkündet hätten. as Gemeinsame mit den Griechen liegt im Ursprung und der notwen- 'Sen Geburt dieser Grundform der Gottheit, das Unterscheidende in Ort n d Zeit und Stamm, so daß wir nach Hölderlins Worten auch nicht ^as im besonderen mit jenen gemeinsam haben dürfen. Wenn etwa die rie chen die Vorstellung eines vom staatlichen getrennten religiösen Kör- ers oder gar das Unding eines von beiden getrennten religiösen Ichs lc ht kannten, wenn ihnen Alltag und Festtag selber religiöses Geschehen ar und fromm sein zugleich hieß Grieche sein und der beste Grieche c n der frommste war, so würde das für unser Volk, falls wir eins hät- n > lauten: fromm sein heißt Deutscher sein und der beste Deutsche ist c n der frommste Deutsche. Jene tiefere Verwandtschaft des Ursprungs, w ir freilich mit keinem anderen modernen Volke teilen, bedingt ge- e für Hölderlin ein Wissen um das Unterschiedensein der Anlagen bei- r v Ölker, damit der Bildner und Erzieher nicht in die Irre gehe. Denn y nn die Natur des Griechen den leidenschaftlichen Trieb, das heilige ""schwenden und die feurige Begier bis zur Maßlosigkeit besaß, so for- rte dies von ihm, sich darzustellen im klaren Maß, in nüchterner Geistes- ScK enWart und vernünftiger Fassung, wenn dagegen die Natur des Deut- U en de r peinlichen Ordnung, der kalten Nüchternheit, der trocknen Sach- {q ke »t und dumpfen Gefaßtheit bis zur Schicksallosigkeit sich zuneigt, so tr « ert dies von ihm sich dar z ustellen in leidenschaftlicher Schönheit, en der Schnellkraft, wacher Erregtheit und schicksalsfrohem Wag- 425 nis. So sah Hölderlin die alten und aus solchem gestaltenden Spiel der Kräfte ersehnte er die neuen Göttersöhne, seine „Könige der Endlich" keit". Denn er wußte und bis tief in den Ton der Worte fühlt er hier 0* George gleich, daß unter den Deutschen die neue „Glorie der Endlichkeit erstehen werde, die nach dem ewigen Gesetz des Wachstums bei den Griechen unterging. Jetzt sah er „im Geistestod der Menschen" wieder die Umkehr der Zeit gekommen und nur was im Wesen Uranfang ist, sah er mit dem geschichtlichen Blick als Wiedergeburt der gleichen heldischer* Kräfte, die während der langen christlichen Nacht in stärkendem Schia geruht hatten. Der Gedanke des Übergangs ist die zarteste Form in der die beiden ehrfürchtigen Dichter den nötigen Bestand und nötigen Unter' gang des christlichen Reiches sehen können. So kehren in Mitte und Umkreis die gleichen Blicke in Welt und Schick' sal bei Hölderlin und George wieder, aber wenn wir die ganzen Die» tungen der beiden vergleichen wollten, so bliebe doch das Wichtigste ufl" gesagt und nur das gelebte Reich, das jener verkündete, dieser gründete» wird in „Sang und Geist und Gestalt" das ganze Geheimnis ihrer Einhei offenbaren, „das Leben der Welt im Wechsel des Entfaltens und Ver- schließens, in Ausflug und Rückkehr zu sich selbst". Nur eins bleibt noc von Hölderlin zu sagen, weil es dieses besondere Verhältnis seines Sehe tums zum neuen Leben bestimmte: er erlebte wie auch George die Wir lichkeit seiner Schau am Menschen als Liebender und Geliebter. Als B" die von Jugend auf ersehnte „Arkadische Gestalt" lebendig gegenwärtig entgegentrat, vollendete sich erst die Schau seiner Welt. „Ich glaube rfl Hölderlin", sagt Hellingrath, „eine innere Welt, die mindestens zwei Me sehen gemeinsam wird, hat ein ganz neues, irgendwie von beiden una hängiges Dasein in der Zeit erlangt, während ihr, solange sie nur eine gehört, gar nichts vom Dasein innewohnt". Das Schicksal hat die £c heit dieses Glaubens schon bestätigt. Daß Diotima, eine Frau die Träger der Einung war, zeigt uns an, daß der Traum noch in Hölderlin beschick bleiben mußte, daß die Weltstunde zögerte ihm „im Bund noch dies Freund" zu senden und mit der Einsamkeit des Menschen auch die »» samkeit des Geistes schon zu lösen. Aber er hatte das Geheimnis erfahr ' daß wie die Liebe einst die Welt gebar, die Liebe sie wieder gebären w und damit begann, was den einen Untergang, uns hellster Aufgang deuc sein Heldengesang. Der Mund des Dichters war durch die Liebe v Bann der Zeit erlöst, und das heilige Loblied zu singen, schien ihm g ot gleiches Leben. Man mag solche Worte wieder zur „zügellosen " Schätzung Hölderlins" rechnen, uns scheinen sie nur das dürftigste Z e nis eines Dankes, der in den Gedichten des STERNS und der zehn' 426 Folge schon so voll und hoch erklang, das kleinste Zeichen einer Ehrung *ür den Frühumnachteten der uns als Heller und Reiner, den schuldlosen "elbstopfrer der uns als Heiler und Schöner erstand. Die nahe Verwandtschaft Hölderlins zu George leuchtete auf, als beider °ezug au f dieselbe Wende plötzlich sichtbar wurde. Piaton wurde ihm dadurch vertraut, daß jener eine frühere Wende einleitete in einer Art, die ln vielem an heute erinnert. George kannte seine Schriften von früh auf. **an hat auch darauf hingewiesen, daß schon seine frühen Dichtungen ein s «hr genaues Wissen von der Antike verrieten, das er nur aus der Wissenschaft geschöpft haben könnte. Aber man vergaß, daß er die wesentlichen ^hriften der Antike und des Christentums im Urtext gelesen hat und daß ^nige Seiten von Herder und Goethe, Schiller und Hölderlin ihm tiefere Ansichten in die Antike vermittelten als ganze Bände von Einzelwissen- c haften. Die Aufnahme rein stoffgeschichtlichen Wissens lag ihm in jenen f uhjähren ferner als je, und selbst den dichterischen Bereich der Antike trachtete er mit frommer Scheu als einen noch unbetretbaren Boden und a chte nicht an seine unmittelbare Fruchtbarmachung für sein Werk. Erst u ßten die Weiten der neueren europäischen Dichtung, Dante und Shake- Peare, als weiteste Pole einbezogen werden, bevor die Blicke sich auf die P f achgewaltigen des Altertums richten konnten. Er wartete bis aus inne- ern Kräftezuwachs das deutsche Auge stark und hell genug würde, um e °end in die verschlossenen Schätze einzudringen und weder die Feuerte Nietzsches noch der Haß der Kosmiker gegen die Verchristlicher . Cr Seele machten ihn in dieser stillen Ehrfurcht irre. Sein Amt lag nicht j? n och so hoher Wißbegierde, sondern in der Schaffung von dichterischem lld und Menschtum, das dem höchsten der Antike gleiche und der Spruch er vierten Folge zur Jahrhundertwende verriet auch außer den Gedichten, as er schon auf diesem Wege erreicht und noch als weiteres Ziel vor sich >! h - Als aber nach dem SIEBENTEN RING die Grundart des geistigen rrschers und der von seinem Geiste gezeugten Söhne sichtbar wurde, s eine der antiken Wesenheit verwandte Gemeinschaft sich im Spiegel r Griechen wiedererkannte, blieben ihre Gestalten nicht mehr sehnend «reiste Fernbilder noch spukumwitterte Schemen: sie wurden wett- er nd umworbene Brüder eigenen Lebens, da Einer eignen Stammes £. d »hren Besten gleich über die heimatliche Erde gegangen war und den p ne n gefunden hatte, dem er „Löser und Lader" ward. Vom höchsten ^ aa r begriff der Blick der Knaben und Jünglinge die der griechischen q chte r- und Bildwerke in ihrer Artverwandtschaft, von der lebendigen ^ mein schaft erfaßten sie in der platonischen das gleiche Verhältnis von ls ter und Jüngern und die gleichen Wachstumsgesetze der Freund- 427 schaft. Ist das Sichtbarwerden der Freunde im RING, im STERN und den Folgen — mochte auch die allzersetzende Zeit den Schutz verschwiegener Namen nötig machen — etwas anderes als in den Gesprächen Piatons das Auftreten lebender Athener, die oft nur durch eine zarte Geste des Ei°" gangs in eine Vergangenheit von wenigen Jahren gerückt und freih c11 dann durch höhere Kunst in eine sagenhafte Luft entrückt waren? Was lag vor solcher Einheit des Geschehens noch am alten Streit um die Wc f " tung der Kunst oder Philosophie bei Piaton! Er hatte den höheren LebenS' gehalt vor den Dichtern seiner Zeit voraus, er sah in den erschöpften Fof" men der Dichtkunst, von der er ausgegangen war, kein Mittel das % sagen und zu wirken, was seinen Geist bewegte. Er fand es aber in de von Philosophen und Sophisten, Staats- und Rechtsrednern geschulten un in der hohen Gesellschaft geschmeidigten attischen Unterhaltungssprache- Dieser Sprache, die jeder zarten und starken Biegung seines großen W»" lens folgte, konnte er all das Verführerische entlocken, um die von staatszerstörenden Einzeltrieben und schweifenden Wissensgierden schon ergriffene, von den großen Dichtern nicht mehr gebändigte Jugend Athen seinen Weg zur schönen Zucht, zu edlem Sein und Verhalten hinz u ' führen. Sein Mittel umfaßte nicht mehr die ganze dichterische Urkrat i Klang und Maß und Sinn, er baute aus dem Sinngehalt der Sprache, da dem Denker wenn nicht einziges so doch wesentliches Element ist, sei wunderbares Spiel von Frage und Antwort. Daher mußte die Schönhe nicht mehr in der Gestaltung sondern in der Schauung, nicht mehr • Maß- und Tonbild sondern im Denkbild liegen: in der Idee. Die Beschra kung des sprachlichen Mittels deutete an, daß die Fülle der Leiblichke» im Schwinden war, deutete von fern das Reich der Seele an, aber in Pl at war Seele noch Sinn des Leibes wie Denken Sinn der Sprache und se Wunder war: daß er dem Leib in der Seele eine neue geheiligte Mi gab, um die ihre flüchtenden Kräfte sich wieder ballen konnten. Die Li« zur Schönheit wurde so Weg der Seele von der leiblichen bis zur AU se und wieder zurück zu jener: Leib und Welt wurden vom gleichen Schön erfüllt und der Gott zur ewiggleichen Zeugung des Schönen im Schön gedrängt. Der Dichter war nach Jahrtausenden den umgekehrten Weg gegang er hatte die erdeflüchtige ermüdete, gemarterte Seele, hatte die ins AH z flatterten göttlichen Kräfte wieder heimgeholt und ihnen im geheilig Leibe eine neue Mitte gegeben. Aber am Wunder Piatons orientierte das Schauern und Erstaunen seiner Gefährten vor dem neuen W" n . als das was durch die Gedichte langsam in ihnen wuchs plötzlich mit Unbedingtheit eines Götterspruches vor ihnen stand: „Der leib ist der g° 428 "aß das verwandelte Geheimnis sich in Griechenweisheit hüllte, verdoppelte die Wucht des Gegensatzes gegen eine Welt, für deren Gläubige es geheißen hatte: „Gott ist ein Geist" und deren Ungläubige sich noch v om Schemen dieses Gottes nährten. Vor der Endform dieser Gegenwelt, lochte sie schon mit einem Wurzelzweige in Piaton selbst ihren Ursprung "aben, trat nicht der Unterschied sondern die Gleichheit in der platonischen u ld Georgeschen Schöpfung zunächst vor Augen. Vor allem, daß Piaton ftlc ht Schöpfer eines philosophischen Systems in noch so hohem modernen &1 nne sei sondern Erzieher zu adligem Menschtum, Bildner einer sich im Staate erfüllenden Jugend. Um diese Aufgabe zu lösen, bedurfte es frei- lc h für den Griechen ebenso wie den Deutschen der Schaffung einer gelegen Einheit des ganzen Baues der Welt, die kein Auseinanderfallen er Teil- und Sondergewalten duldete sondern vom Kern bis zum Um- r eis von einem Geiste durchwaltet wurde. Piaton vollzog noch einmal en gewaltigen Vorgang des griechischen Geistes auf all seinen Lebens- tü fen, den Menschen als Mitte des göttlichen Alls, das All als Entwir- Un g der menschlichen Mitte zu sehen. Aus der Schau seines höchsten en schenbildes, des Schönen und Edlen der staatlichen Gemeinschaft, lf ft er die Schau der Ideen an den Himmel und nimmt von ihnen wieder ' e fordernden Maße und Werte für die Bildung und Formung dieses enschen zurück. Wie heute die Dichtung war damals sein Denken die lc hte des Tuns, seine Lehre die Weise des Bildens. Alles Wissen und tf eben nach Erkenntnis hatte nur Sinn als Förderung hohen Lebens, alles dachte und Geschaute war sinnlos ohne Verleiblichung in Mensch und j aa t und Welt. Liebe zur Weisheit war Kraft des Blutes und schönen eb ens. Weit entfernt die Grundlage einer allgemeinen Bildung zu sein, , 2t e sie den Adel der Bildung voraus, war Prüfstein der Wohlgeratenheit , cht des Wissensstoffes, der gesamtmenschlichen Haltung nicht des fach- "en Könnens. So verstanden erschienen die Werke Piatons weder my- th- C ^ etrac htungen noch künstlerisch verhüllte Logik sondern my- 'sehe Bilder liebenden Wettkampfs zwischen Gott und Mensch, Führer „,, Sohn, Freund und Freund. Sie schienen zu sagen, daß alle Äonen- ge u n d alle metaphysischen Erkenntnisse nichts sind ohne Begegnung k dem erweckenden Menschen, der liebend das Schöne, zeugend das ^ e und aus dem Edel-Schönen den heldischen Sinn und das staatliche ^^Ideln entbindet, daß die Erscheinung des höchsten Gutes untrennbar k s mit dem höchsten Schönen stets an menschlich-leibliche Stufen ge- 3 nden bleibt; daß die rechte lebendige Ordnung dieser Stufen das Wesen R staatlichen Gemeinschaft ist; daß in ihr das Unaussprechbare und ce nicht durch Lehre vermittelt wird, sondern „durch häufiges Zusam- 429 mensein um der Sache willen", wie Piaton selber sagt, „und durch Zusammenleben wird im Nu wie von springendem Feuer ein Licht entzündet und nährt sich, in der Seele erzeugt, dann auch selbst". Als Schilderungen eigenen Erlebens blühten so George und den Seinen die Sätze Piatons auf, aber wenn sie in den zeitgenössischen Werken der Wissenschaft nach solcher Spiegelung seiner Gesichte suchten, so fand sich nichts, was auch nur ein Verständnis dafür andeutete. Von der deutschen Wiedergeburt Piatons durch die Klassiker von Winckelmann b lS Hölderlin, von ihrem begeisterten Atem, der noch die Arbeiten Schlegel» und Schleiermachers beseelt und Piaton doch zum ewigen unantastbare 0 Führer der Philosophie erhöht hatte, war nach der Mitte des 19. Jahrhunderts nichts mehr übriggeblieben. Nach dem Zerflattern der gemeinsame 0 Sphäre, in der jenes Bild erwachsen war, gab es überhaupt kein einheitliches Bild dieses großen Menschen mehr und alle Bemühungen der Fof" scher drehten sich nur darum, sein Weltgebäude in Teile und Teilchen zu zergliedern oder seine Riesengestalt in das enge Begriffsnetz einer unfruchtbaren Schulphilosophie hineinzuzwängen. Nicht die Wissenschai als solche sondern der wissenschaftliche Geist dieser Jahrzehnte, diese ehrfurchtslose Geist, der in allen Fragen höherer menschlicher Werte versagte, verdarb das Erbe Piatons indem er es zu bewahren und zu hüte vorgab. Gegen diese Verderbung erhob das „Jahrbuch für die geistige *> e ' wegung" in den Jahren 1910 und 1911 seine Stimme, gegen dieses völhe Mißkennen seines Wesens und Willens schrieb Hildebrandt im folgende Jahre die Einleitung zu seiner Übersetzung des Gastmahls, in der z u ersten Male ein Werk Piatons als einiges lebendiges Gebilde erfaßt wurd > er selbst wieder als Schöpfer volksbildender heiliger Sage, als Herrsch eines geistigen Reiches erschien. Kurt Hildebrandt, der junge hurna Gelehrte von umfassender Bildung sowohl in den Natur- wie in den O steswissenschaften, war ein Mensch von den zartesten Formen der Freun schaft und einer immer wohltuenden Ausgeglichenheit des Temperamen aber im Redestreit, wenn es galt das Fürwahrerkannte zu klären oder verteidigen, besaß er die zähe Fechtkunst eines sokratischen Dialektike Aus all seinen Werken spricht der schöne Wille, seine hohe Erkenntn kraft in den Dienst des gemeinsamen Lebens zu stellen und aus dies Willen sind auch seine ersten Schriften über die Antike und Piaton & boren - - lc je Nicht aus dem verneinenden Gegensatz zu dem verzerrten Platono 1 der Zeit, sondern, wie wir sahen, aus dem Erlebnis der Dichtergem e schaft gingen die neuerschauten Bilder hervor, und hier geschah was heutiger Forscher zugesteht, daß die großen Neuerungen in der Geschi c 430 des menschlichen Geistes meist gerade dort nicht entstehen, wo die Wis- Se nschaft ruhig ihre Systeme ausbaut oder ihre Stoffsammlungen aufhäuft, s °ndern daß „sie Einbrüche ganz neuer Lebensmächte in die wohlumfriedigten Bezirke traditioneller Wissenschaft bezeichnen". Einen solchen Einbruch in den Bereich der gesamten philologischen wie philosophischen *»atonforschung bezeichnet das Werk von Heinrich Friedemann, „Piaton, Se ine Gestalt", das am Ende des Jahres 1914 mitten in den Wirren des Krieges im Kreis der Blätter erschien. Friedemann pflanzte damit ein Bild ^'atons auf, an dem im geistigen Deutschland keiner mehr vorübergehen ^nnte, ohne von ihm die Richtung oder Gegenrichtung zu nehmen. Von nu « an gibt es eine Piatonsicht vor und nach seinem Werke, ob man es e 1nt oder feig verschweigt. Der am Rhein erwachsene Thüringer studierte in der Natorp-Schule zu Harburg die Philosophie, als ihn die Dichtung Georges ergriff und ihm le Weisheit plötzlich statt eines logischen Knüpfwerks eine Welt von Ia mmen wurde. Er näherte sich selbst mit Gedichten dem Dichterkreise, n d als er mit eignen Augen den lebenden platonischen Führer sah, er- ° ri ff ihn die wahre Gestalt des griechischen Führers und trieb den Jugend- lc hen mit dem Einsatz seiner ganzen Kräfte „die schon von Aristoteles ^ s choltene Spaltung und Doppelheit der platonischen Welt im Sinne des Esters zu schließen, den Weg nachzugehen, der von der Idee als Hypo- e se zur Idee als unwandelbarem Eigenwesen führt und uns bei der Deu- Un g von den beiden Urkräften griechischen Lebens tragen zu lassen: | a stik und Kult." Von diesen Blickpunkten her sah er Piaton wieder als »Idner der adlig-schönen Menschen und leitete die Aufmerksamkeit vom e grifflichen auf ein Lebensmäßiges bei ihm: die Verewigung der Gestalt es Sokrates als des göttlichen Lehrers. Denn Friedemann hatte im Kreis . er Blätter gelernt, daß „dem griechischen Geiste nachzugehen nur den- ^igen gegeben ist, die auf Winckelmanns, Hölderlins und Nietzsches , e gen das griechische Leben ohne rationelle Vordeutung und in un- efa «gener Ehrfurcht mit verwandtem Atem begleiten". Seine orphisch- ^ Un kl e Sprache sucht mit jedem logischen Teilproblem zugleich den gan- n blühenden Kosmos Piatons zu umgreifen. Aber wer nie wie er das Glück "hlt hat, das Geistig-Ganze einer werdenden Welt vor seinem Blicke r 8la nzen zu sehen und sie in jugendlichem Sturme zu durchfahren, steht Uos vor den Siegeln dieses Werkes, das die Schau des großen Grie- en am Traum des gegenwärtigen Meisters erscheinen läßt und eben ^. mi * ihre Wahrheit am reinsten spiegelt. Friedemann vergaß aber auf j^ e . Sem Wege nicht den Dank gegen das was er verließ, und es ist der zarte ** seines Buches, daß neben dem Sturm, der seine glühende Prosa durch- 43i weht, ein zögerndes Sichlösen von überkommenen Sichten, ein noch scheues Enthüllen der neu geschauten Tiefen einhergeht. Der Natur dieses feurigen ja besessenen, von Freund- und Frauenschicksal geschüttelten Mefl' sehen war die schwere Treue eingeboren, welche selbst über dem He rö erloschener Gluten in stummer Sorge noch schützend die Hände hält, un ö auch der todbereite Opfermut, der dem vorgeahnten Ende lachend ent' gegengeht. Er war von hochaufgewachsener hagerer Gestalt, hatte z u ' weilen in den stürmisch geworfenen Gliedern noch etwas Kindlichspielefl' des, aber in dem hochfahrenden Kopf mit den aufwärts gerichteten große" Augen lagen Mut und Selbstvertrauen, auf der hohen breiten Stirne Klug' heit und Kühnheit und unter der schmalgebogenen zarten Nase sprudelt der volle fast üppige Mund vom Feuer begeisternder Rede über. So w» er unter Freunden und so ging er ins Feld: sicher, daß ihn, der alle u 01 Haupteslänge überragte, die Kugel treffen würde. Als er in der Winter' schlacht in Masuren fiel, hatte er eben den Druck seines Platonbuch eS erhalten. Das Buch das soviel sagt und dabei soviel verschweigt, ist noch lang nicht ausgeschöpft.. es gab die Anregung für alle die später die Schöpf als geistige Gestalten der Geschichte auftreten ließen. 432 SECHSTES BUCH SCHICKSAL UND GESTALTUNG D i.KAPITEL: STAAT-VOLK UND KRIEG IE Blätter für die Kunst hatten von Beginn ihres Erscheinens an keinen Zweifel darüber gelassen, daß sie vom heutigen Staate und der heutigen Gesellschaft des Bürgertums kein Heil mehr für unser Volk ernteten. Indem sie alles Staatliche und Gesellschaftliche, alle Weltver- e sserungen und Allbeglückungsträume schon seit der ersten Folge von er Kunst ausschieden und in der Neugestaltung der Dichtung und der lc hterischen Bildung des Menschen ihre einzige Aufgabe suchten, ver- a ndten sie alle gesammelte Kraft darauf, einen neuen Lebenskern im °lke zu bilden, der unangetastet von den tausend Wirren der Zeit sein achstum entfalten und die Formen eines gemeinsamen Lebens aus lt ^em Eigengesetze entwickeln konnte. Da der Geist des Dichters diesen e benskeim geboren hatte, so war jeder Sieg der neuen Dichtung auch ein le g des neuen Lebens und die scheinbare Zwecklosigkeit und Selbstgenug- at «keit der Kunst, welche die Blätter in den ersten Jahren betonten, beutete nicht die Abschließung in einem „ästhetischen" Teilbereiche son- er n die unbedingte Pflegung und Hegung des ganzen Lebens, das aus lese r innersten Zelle entstehen sollte. Die Erneuerung der Dichtung war ctl on di e Erneuerung der Flamme, die zu verlöschen drohte. Die Um- etlr in der Kunst war schon die Umkehr im Leben und die Erweckung ' nes neuen Lebensgefühles durch den Rhythmus eines Urgeistes war 111 tieferer Aufruhr als alle öffentlichen Kampfformen der Klassen und ar teien, war wirklich „ein Bruch mit der Gesellschaft", wie die achte °'&e sagte. Von diesem Blickpunkte aus konnte schon die dritte Folge , *t. 1896) sagen, daß die Blätter insofern bald aus ihren Schranken ^austreten dürften, als durch ihr Wirken nun auch von anderen der Tief- a °d der künstlerischen Bildung in Deutschland bemerkt und bedauert, Schon in weiteren denkenden Kreisen empfunden würde: „daß durch e au sschließliche Erziehung eines Geschlechtes zu wechselseitigem har- 111 Kampfe ein wichtiges Etwas verlorenging — ja schon auf einigen Senden Gipfeln ein dunkles Gefühl dämmerte, es möchte das größte und J! Clste einer Rasse sein, was da einer allmählichen Verflachung und Ver- c knung entgegenläuft". Der schon erwähnte Jahrhundertspruch des fol- nde n Jahres (V, 1) deutete klar die Richtung an, in der sich die von der »8 433 Dichtung getragene neue Jugend von diesen Gefahren entfernte und sab den Umschwung des deutschen Wesens auch darin, daß diese Jugend ih r Volkstum groß und nicht im beschränkten Sinne eines Stammes auffaßte- Mit jedem Wachstumsschritte der künstlerischen Lebensgemeinschaft näherte diese sich notwendig der Auseinandersetzung mit den staatliche" und gesellschaftlichen Zeitmächten, inmitten derer sie aufwuchs, und noch bevor die „Zeitgedichte" diesen Zusammenprall dichterisch gestalteten* wiesen schon die Merksprüche der fünften Folge auf die tiefen Unter' schiede hin, welche den Kampf der neuen geistigen Gesellschaft von d« n „staatlichen und wirtschaftlichen Plänkeleien" trennte, die damals die Gemüter erfüllten. Der besonders betonte Gegensatz zum Preußentum als einem „sehr wirksamen aber aller Kunst und Kultur feindlichen System" faßte ein« 11 ganzen Bereich dieser Unterschiede zusammen. Die überwiegend süd- ufld westdeutschen Menschen, welche das erste Jahrzehnt der Blätter umfaßte empfanden das Preußentum als eine der deutschen Wesensart entgegen gesetzte, ja fast feindliche Gewalt. Die Gründung des Reiches durch Bi s ' marck hatte zwar eine staatliche und wirtschaftliche aber keine geistig e Einheit der deutschen Stämme herbeigeführt. Das Reich selbst war i" 1 wesentlichen eine Wirtschaftseinheit mit einem nicht einmal einheitl» 0 durchgestalteten Beamten- und Militärapparat. Es war ohne tiefere v« r ' bindung mit den alten und neuen Bildungskräften des Volkes, und d» furchtbare Anklage Nietzsches nach dem Deutsch-Französischen Krieg verhallte ungehört. Das preußische System war auf unserem magersten Kolonialboden, » aS ohne völkische Grundlage und obwohl protestantisch bedingt, fast oh« religiösen Einstrom ausgebildet worden. Es hatte aus der Kargheit dl möglichst gespannte Kraft, aus der Beschränkung ja Unterdrückung d Triebe die unbedingteste Pflicht des Gehorsams im Amte und aus de Mißtrauen gegen jede natürliche Begabung die festeste Ordnung und Reg lung aller verstandlichen Fähigkeiten gezüchtet. Es wollte den artlos aber bis zum letzten ja über das von Natur gegebene Maß zuverlässige den liebeleeren aber in jedem Augenblicke tätigen und durch keine infl e Erschütterung im Handeln beirrbaren Menschen: der staatlich war aD ohne Gemeinschaftsgefühl, der unheroisch war aber von fragloser ™ bereitschaft, für den Können und Müssen eins war, aber aller innere Dra nur im Befehl, aller persönlicher Wille nur in Pflicht aufging. Es war unkünstlerische ungläubige Mensch in macchiavellistischer Vollendung kalt und unerbittlich in Amt und Rüstung, aber nicht hart und klar ins Innere durchgestaltet sondern in seiner Seele eher trüb und wei 434 a ls ob der an sich dumpfen und leicht zerflatternden Natur des Norddeutschen diese eiserne Disziplin zur Festigung und erzwungenen Haltung angegossen sei. So waren diese Preußen: Spartaner mit dem Gleichschritt und Gleichmut der Alten, aber ohne Götter, ohne Liebe und ohne Künste, freilich ganz bar wurden sie dieser Urgewalten erst in der zweiten Hälfte s I 9> Jahrhunderts. Bis dahin war das System noch immer von den mißbrauchten Kräften des ostelbischen Adels durchblutet, von gesamt- geistigen Strömungen des deutschen Bürgertums genährt, von vielen a ußerpreußischen Männern befruchtet worden und auch das Genie Bis- ^arcks hatte nur mit Nutzung dieser Gewalten die Gründung des Reiches v °llbringen können. Es war das Verhängnis unserer jahrhundertelangen Zersplitterung, daß die Einigung unserer Stämme erst zu einer Zeit er- °lgte, wo die Fürsten- und Herrenkaste sich erschöpft hatte, das Bürger- Uft i die letzten schalgewordenen „Ideale" über Bord warf und aus den 'efen eine staatsfeindliche, von der herrschenden Gesellschaft ausgeschlossene Arbeiterklasse zu Millionenmassen anschwoll. Das preußische System °d der wissenschaftliche wie kapitalistische Fortschritt wuchsen im ey en Reiche zu jener ungeheueren Militär- und Wirtschaftsmaschine zu- ^nirnen, die in Preußen schon vorgebildet war, aber in den alten Herr- c "aftsträgern doch noch ein menschliches Gegenmaß gefunden hatte. Seit 8 9o aber schwoll sie aus dem endlich gesicherten Reichsboden mit einer c hnelHgkeit und Rücksichtslosigkeit über die Grenzen hinaus, daß den ac hbarn in ihrem seit Jahrhunderten gesicherten Besitz Luft und Atem be- 0r nmen wurde, daß ihnen mit erschreckender Deutlichkeit bewußt wurde, e 'che Kräfte in diesem Land der Mitte schlummerten und bisher durch ein e innere Zersplitterung gebunden waren. Daß sich diese Kräfte ent- *> e gen allen Kennzeichen, unter denen man die Deutschen zuzeiten ihrer Etlichen Ohnmacht zu begreifen liebte, in den Doppelformen der kriegerischen Macht und des wirtschaftlichen Wettkampfes, in der Verbin- , Un g der fürstlich-adligen Erbherrschaft und des freiesten Forschungs- lfer s, des ungebundensten Einzeltreibens der Geister und der genauesten er einheitlichenden Fachschulung äußerten, machte die deutsche Men- c henart den Nachbarn ringsum völlig undurchschaubar und erzeugte jenes r 3uen vor der unbekannten Gefahr und jenen Haß vor dem andersgearte- Cn Gegner, die mehr als unsere Erfolge auf dem Weltmarkt die unver- ol »nliche Feindschaft der Völker gegen die Deutschen geschürt haben nd bis heute wach erhalten. Was wirklich hinter dem Schleier des wirtschaftlichen Aufschwungs s nd der staatlichen Machterweiterung vorging, der Verbrauch ja die Verbrüderung aller Kräfte zu einer einseitig stofflichen Bereicherung, einer 435 einseitig fachlichen Verstandesbildung, einer einseitig technischen Sachbezwingung, die Opferung aller höheren menschlichen Werte bis zur Verödung des Geistes und Verarmung der Seele haben unsere Besten in jenen Jahrzehnten mit Grauen gesehen und hat den Dichter mit jenen Entsetzensbildern der Zeit erfüllt, die wir bei der Betrachtung seines Werkes berührt haben. Der letzte Kaiser mit der gespielten Theatralik seiner Herrschaft war nur der sichtbarste Ausdruck für die Hohlheit und Leere des öffentlichen deutschen Daseins, für die schale Oberflächlichkeit des geselligen Lebens in den herrschenden wie beherrschten Klassen. Ob d i e ihn gewähren ließen oder jene ihn bekämpften: der Geist in dem es g e ' schah, unterschied sich nicht von dem, den er vertrat: nicht er noch sonst wer ist „der Schuldige", sondern wir mit unserem Fortschrittswahn, ui>" serer Sachengier und unserem fast kindlich betonten Willen zur „fried' liehen" Eroberung der Welt. Dieser Wille verdeckte geradezu den Mange» an Wagnis zur kriegerischen Eroberung, der ewigberechtigt freilich nur für ein Volk ist, das ein Bewußtsein seines höheren Rechtes in sich trägt- Dieses höhere Recht haben die Blätter den Deutschen von damals bestritten, weil ihre Körperschaften und Einrichtungen trotz so vieler sachlicher Vervollkommnungen keinen Luftraum mehr erzeugen konnten, in dem schöpferische geistige Leistungen erster Hand hervorgebracht werde" konnten. Deshalb warnten sie alle, die mit den neuen Kräften der heutige 11 Welt Hilfe bringen wollten: „sie vergessen, daß von dieser in jene Wd nichts übergeleitet wird, ohne schon auf dem Wege dahin sein Wesen zU verlieren und damit heil- und fruchtlos zu werden". (9. F.) Wenn dies e Haltung den Zeitgenossen in den meisterlichen Gedichten noch undeutlich blieb, weil sie Gedichte als „nur-Kunst" nicht ernst nahmen und dahe auch nicht verstanden, so erlaubte die Prose der „Jahrbücher" keinen Zwei fei mehr daran. „Auch schon dem trüben Auge" hieß es darin „entge» 1 nicht die allgemeine Freudlosigkeit, die trotz aller äußeren Verbesserufl gen, Erleichterungen und Vergnügungen sich ausbreitet und den Vergieß mit dem späten Römerreiche herausfordert. Vom Kaiser bis zum gering sten Arbeiter spürt jeder, daß es so nicht weitergehen kann und gibt e wenigstens zu für die Bezirke die ihn nicht unmittelbar berühren. " a Erhaltende ist nur noch die Sorge der Einzelnen um Amt, Hab und G u * Kein Mensch glaubt noch ernsthaft an die Grundlagen des heutigen Wel zustands. Diese schwarzseherischen Ahnungen und Witterungen s ,fl noch das echteste Gefühl der Zeit und diesem gegenüber nehmen s» c alle Hoffnungen, die auf dem Nichts ein Etwas bauen wollen, schon ve zweifelt aus". Dem Allwissen der Zeit wurde entgegengehalten, daß kei° Zeit, auch die des krassesten Aberglaubens nicht, soweit entfernt v ° 436 Wissen dessen war, was der Mensch wirklich braucht und sucht, ihr wurde das Recht bestritten ihre Humanität mit der der Klassik zu vergleichen Welche die runde menschliche Bildung zu erobern und aus kollektivistischen und dogmatischen Bindungen zu befreien hatte, während nun an "teile dieses Ringens um echte Menschlichkeit das allgemeine Gehen- und Gehenlassen jeder beliebigen Art Mensch, jedes Mittelmaßes ohne Rücksicht auf Wert und der Schutz der Schwachen und Krüppel durch den ^taat selber getreten sei. Die Dichter sahen darin eine Verschwächung und * erkrüppelung des ganzen Menschtums, die sich schon in den wachsenden fassen ankündigte, — dem Erzeugnis hemmungsloser Fortschritte, gesetzloser Humanität und passiver Freiheit. „Vor dieser fürchterlichen ^fsgeburt, die zum erstenmal in der Geschichte derart auftritt, haben e ' n ige Staats- und Wirtschaftslehrer schon lange gewarnt, andre mit trügerischen Tabellen und vorgespiegelten neu zu entdeckenden Räumen die olker verführt. Heute reden sie nur noch sehr bescheiden von den unermeßlichen Flächen, den unerschöpflichen Kornkammern und die Logik des ° r tschrittlichen Wahnsinns träumt bereits von der Auswanderung auf ltle n andern Stern.--------Aber das Schlimmste ist nicht die drohende ma- ef ielle Not sondern die mit der Masse sich stetig steigernde Artverschlech- e rung. Keiner hat den Mut zu sagen, daß es auch Frevel gibt für die ge- ü ßt werden muß, daß man auch diese Überfüllung nicht nur ansehen kann s eine neue Gegebenheit mit der zu rechnen ist, sondern als eine fresse Wucherung die man sich gewissenlos zugezogen hat und die nur duf ch Gift und Feuer geheilt werden muß" (J. III, 1912). Wir führen diese Worte unter vielen ähnlichen und neben den schwe- ^ re n im STERN DES BUNDES an, um noch einmal die Haltung der »chter zu Staat und Volk in den Jahren kurz vor dem Kriege deutlich zu beißen und fügen vorausnehmend schon hinzu, daß weder Weltkrieg c " Umsturz sie verändern konnte. ^ls der Krieg ausbrach, weilte George mit einigen älteren und jüngeren . ährten ' n ^ er Einsamkeit der Berner Hochalpen. Keiner von denen die J 1 damals sahen, wird das tiefe Leid vergessen, das ihn überfiel und den le gebeugten fast niederdrückte mit seiner Last. Mit einem Blicke sah er s ungeheuere Geschehen aufgerollt: die ganze Wucht dessen was er oft ^ Ca hnt und die ganze Furchtbarkeit dessen was nun kam, stürzte mit fi ltlem Male auf ihn ein: Das Schicksal, das er längst vorausgesagt hatte, auf sein Volk und damit auf die Seinen. Denn so abgrundtief der Ge- .^satz sich zwischen ihnen und den Zeitgenossen des eignen Stammes ° n geöffnet hatte, so trat in diesem Augenblicke auch nicht der Hauch nes Zweifels auf, wo sein und ihr Platz in dem beginnenden Ringen sei: 437 auf der Seite des Vaterlands. Der Boden der Heimat hatte sie alle geboren» er umschloß alles geistige und leibliche Erbe, das in ihrer Seele verhaftet war, ja er war ihnen heiliger als allen, weil sie das Hehrste und Höchste aus ihm entsprossen und auch das künftige Heil von ihm getragen wußten- So eilten zuerst die Jüngsten, dann die Älteren in die Heimat und erfuhren hier in den begeisterten Augusttagen, daß ihr Fühlen das aller Volksgenossen war, daß über alle Spaltungen und Splitterungen hinweg die drohende Gefahr den Funken einigen Fühlens in jedem wachgeschlagen und in einem kurzen rauschhaften Schauer von Glück und Ernst verraten hatte, daß di e Blut- und Sprachgemeinschaft der unverbrüchliche Grund für alle sei. So nahm jeder nach Amt und Kräften seinen Platz im Kampf der Deutschen gegen die Feindschaft der ganzen Welt. Die eben noch als weichherzig e und weitabgewandte Ästheten gescholten worden waren, wußten drauße" so gut zu stehen und zu sterben wie jeder andre, und die der Dienst in der Heimat festhielt, nutzten das ihnen gegebene Wort und scheuten sie" nicht, zum erstenmal auch in öffentlichen Blättern für das Recht einzU' stehen, das sie verfochten. Sie kämpften nicht für irgendeine Partei, noch für die Bewahrung eines Gewesenen, sondern für die Bewährung eines vV vergänglichen und Ewigen im Deutschen, dessen Bild sie am Dichter und seinem Werke gewonnen hatten. Der Krieg war ihnen das unvermeidlich 6 Schicksal, in dem das Leben sich durch Blut und Tod wieder vom Freve des Übermaßes und der Verworrenheit befreien und zur Einfachheit ein e ursprünglichen Sinnes gesunden wollte. Sie maßten sich nicht an zu ent' scheiden, ob diese Krise einer übersteigerten Kultur schon die Gesundung bringen werde oder ob es nur die erste von noch furchtbareren wäre, abe sie glaubten, daß das wofür sie fochten schon außer dem Frevel der Ze» stand und daß sie für ihr Vaterland kämpfend auch für die Rettung d e Lebens, für die Neugeburt des abendländischen Menschen kämpften. Von diesem Bewußtsein waren die Worte Wolfskehls getragen als e in den ersten Monaten des Krieges Romain Rolland antwortete auf sen 1 Frage an die deutsche Geistigkeit nach ihrer Stellung zu diesem furch baren Geschehen, auf seinen Ruf: nicht zu schweigen vor der Zerstörunß von Reims, die unser Volk der Verdammung der Jahrhunderte preisgeh e würde. Wolfskehl wies den Franzosen hin auf jenes Schicksal der ewif? e Mächte, das nicht durch die Deutschen sondern durch die ihnen feindlich e Völker nun Wille und Notwendigkeit geworden sei, während der Fra zose noch eine vermeidbare „fatalite" darin sähe .. er wies ihn hin a das geistige Deutschland, das unbeirrt von amtlicher Politik und ^ ,r schaft, durch seinen Dichter die ganze unerbittliche Notwendigkeit die s Aufruhrs und auch den menschlichen Sinn seiner Überwindung schon & 438 Sc haut hatte .. er wies ihn vor der Zerstörung alter Denkmale auf die schlimmere Schuld Frankreichs hin, das nicht aus Notwehr sondern um e mer späten Rache zu frönen die Horden Asiens — und bald auch aller üb «gen Erdteile — auf die Mitte Europas losgelassen habe, so daß die deutschen gegen die Schwärme Moskowiens kämpfend selbst noch für Frankreich kämpften: „das Ihr bedroht nicht wir!" »Ja Romain Rolland", so schloß der Brief (Frankf. Zeitung, Sept. 1914) »versuchen Sie, der Franzose, zu blicken ins Mysterium dieser Zeit. Fragen ile sich staunen Sie, wieso wir, die geistigen Deutschen, ausnahmslos an diesem Kriege, diesem fürchterlichsten Kriege, teilhaben mit Leib und " e ele. Keiner von uns ein Ehrgeiziger, keiner ein Politiker, keiner der bis u diesem Krieg um ein anderes sich gemüht hat als um seine Idee, ums Vadium seines Lebens. Und nun wir alle eines Herzens mit unserem Sanzen Volk entbrannt und entschlossen, aufs Letzte gefaßt. All unsre •J ün gen im Felde, ein jeder in der hohen Begeisterung des Gotteskampfes, l e der mit dem heiligen Wissen um die Notwendigkeit, jeder geweckt zum Jüchen Tod. Sind das Mordbrenner? Sind das die Sklaven, denen ein es Potenwort den dumpf zu trollenden Weg weist? Jeder weiß es geht ün; i alles, es geht um das Göttliche im Menschen, es geht um unsern Befand und den Europas. So stehen wir inmitten von Tod und Trümmern unter dem Stern, ein 11 1 d und eine Einheit. Das habe ich Ihnen sagen müssen, ob sie es ^° r en ob Europa Ohren hat es zu hören, ob nicht, von nun an seien unsere a *en unsre Worte". ^ s gab kein Ohr in Europa, auch keins, wie wir noch sehen werden, er befreundeten Dichter des Auslands, das den Sinn dieser Worte faßte, e "is hörte, daß hier nicht der irrige Glaube der deutschen Gelehrten sich ^ uß erte, als ob der Krieg selbst schon die Läuterung und Erneuerung der udu n g zu emem neU en Idealismus bringen würde und statt eines Macht- ltn Perialismus ein „Imperialismus des Geistes" das Endziel des Kampfes C| > keiner verstand, daß hier das geheime Deutschland sich mit dem öffent- lc he n eins fühlte, weil es aus dem Schöße der gemeinsamen Mutter schon geboren wußte, was jene erst ersehnten, weil es in jedem Kampfe gegen le Ve rnichtungswilligen Feinde die Bewahrung und das Wachstum dessen . ert eidigte, was einzig dieser deutschen Erde entsprossen war und einzig n ihr 2u r Reife gedeihen konnte. ^enn auch einige Gefährten Georges vom Kriege eine „Wiedergeburt" ""hofften, so konnte diese Erwartung nur in dem Glauben liegen, daß die ,,^ c hütterten Seelen der Volksgenossen sich nun dem Erneuerer leichter ne n würden, daß die Deutschen wie sie mutig zu sterben wußten, nun 439 von ihm auch groß zu leben lernten. Den Meister selbst täuschten solch« Hoffnungen nicht. Sein unbeirrbarer Blick für das Wirkliche schaute ohne Schleier über das Ringen der Völker hin und erst als die vielen Stimm en des Anfangs vor der wachsenden Wucht und dem steigenden Grauen des unübersehbaren Geschehens verstummten, sprach er sein Wort als Dich' ter, das heißt als einer der vom Kriege reden darf, weil er ein Wissen ur»d Sehen hoch über dem Kriege hat, als einer der die Ereignisse deuten kann, weil er einen Standpunkt weit jenseits ihrer augenblicklichen Lage hat und auch das härteste seiner Gesichte nicht zu verschweigen braucht, we> sein lauterer Zorn ebenso echt und stark ist wie seine lautere Liebe. S° sprach er in dem 1917 veröffentlichten Gedicht „Der Krieg" als wissende Seher, grimmiger Mahner und hoffender Verkünder zu seinem Volke un» der Dantevorspruch vor den zwölf Strofen des Gedichtes ließ erkenne" wie sehr hier noch das Bitterste als heilende Nahrung gelten wollte. D ef längst die tiefe Erschütterung der Gemeinschaft gelebt und geweckt hatte« durfte den Volksgenossen mit der Erinnerung an die vorhergehende» 1 Jahre wilder Fortschrittsgier und schmählichsten Haders sagen, daß "•* kurze Schauer unbekannten Einsgefühls am Beginn des Krieges ihr Bestes war, durfte ihrem Vorwurf über sein langes Schweigen in der allgemein 61 " 1 Not erwidern, daß er die Tränen schon vorweg geweint, als sie mit ihrer 11 Tun das schlimme Unheil heraufbeschworen, sie die nun den äußere» 1 Brand für die innere Erleuchtung hielten. Ihr Mord am Leben schien ih 111 die verdammenswerte Schuld, für die nun das furchtbare Los den Mor" von Hunderttausenden forderte. Er sah mit Grausen, welche Mächte de Tiefe nun entbunden waren, über die Erde rasten und nicht nur Lebe 11 und Staaten vernichteten sondern Schlimmeres zeugten: Blutschmach v ° fl Völkern, Befleckung des heiligsten Herdes unserer Rasse, die nur schief stes Opfer der Edelsten sühnen kann. Wo alles noch unwägbar schief 1 ' sah er damals schon das sieg- und würdelose Ende für alle, den göttef losen Frieden dieses götterlosen Krieges, in dem erkrankte Welten sie zu Ende fieberten und nur das rein vergossene Blut der Krieger noc heilig war. Mit scharfer Geißel traf er die matten Leiter, Fürsten oho Blut und Würde, Beamte ohne Glut und Seele und pries nur den eine Greis, der still und schlicht das Reich vor der östlichen Flut errettete u n mit dem einzigen bildhaft klaren Siege dieses Krieges den heiligen Bode des Vaterlandes vor dem Schlimmsten schützte, und der noch heute dl erste Wache hält. Dann nannte der Dichter den schmerzlichsten Fehl, an dem währe 11 und nach dem Kriege mancher Tapferste zerbrochen ist: daß dort wo g r ° ßes Leben erloschen ist, wo keine göttlichen Bilder seinen Sinn mehr tr a 440 gen, daß in verruchter Zeit der Tod kein Opfer ist und auch die höchste Pflichterfüllung Tausender nicht ein einziges leuchtendes Sinnbild des Ge- Sc hehens in die Sterne hebt. Nicht den Todesmut und die Hingabe der Krieger traf dieser Geißelhieb sondern all jene, die hüben und drüben vordem von Menschlichkeit und Wohlfahrt schwatzten und nun mit den gleichen Werken und Maschinen ihrer „Humanität" dieses furchtbarste entwürdigende Gemetzel führten, die vordem mit allem Hohn und Gift das Menschliche und Göttliche zersetzten und nun mit welken Herzen von Seistig er Auferstehung schwärmten, die vordem ihre Zeit als Höhe der Menschheit priesen und nun die Einkehr und Umkehr predigten, die jetzt Sern leugnen wollten, daß diese Unmenschlichkeit der Kampfesweisen ihr We rk und Wesen war und sich noch heuchlerisch belügen wollten, daß dl es der letzte Krieg sei, der das Friedensreich zur Erde bringe. Er sah " Freund und Feind kein Ahnen mehr, um was die Rache lief, da dieser nu r bewahren wollte, was längst sein Lebensrecht verloren hatte, jener lc h noch anzugleichen suchte an das, was er bekämpfte und beschmähte. °ch solchem Zorn und Groll folgte nicht das schlimmste Wort des eh ers: nicht der Fluch. Er der die Seinen mit Segenswünschen zum atr >pf hinausgesandt hatte, wußte mitten im furchtbaren Fug des Schick- als schon ein neues Geschlecht erwachsen, das sein Land und Volk mit j^er neuen blühenderen Liebe liebte, die er in ihm entzündet und behütet att e, das in ihm schon die Auferstehung dessen erfahren hatte, was Höl- er Hn einst verkündigt hatte: den göttlichen Glauben an das irdische Va- ^ rl and. Er hat es laut verkündet: vor allen Völkern hat das deutsche die erheißung und den Beginn des neuen Lebens voraus, und nur seine ü gend kann den Traum, den einst Hellas träumte, noch einmal auf Erden lr klich machen. Wenn sie es vermag, daß der nordische Gott, der den elD stzerstörungswillen in sich trägt und zur Götterdämmerung drängt, ° ch - einmal „dem des heitren Himmels" das Zepter gibt, so wird der be l des Evan mit dem Wort der Liebe zusammenschlagen, wird der inenheitre, der lichte und tapfere Gott des Gesanges, wieder erscheinen <* der Untergang der Götter- und Menschenwelt noch einmal aufgescho- en sein. Diesen, den größeren Kampf, sah der Dichter schon in den Ster- n entschieden und das Schutzbild des Sieges als Zeichen der zukünf- gen Herrschaft schon in den deutschen Marken geborgen. q n diesem undurchdringlichen Vorgang sah George auch den letzten v . Und für den Welthaß der Völker gegen Deutschland. Mochten noch so e äußeren Oberflächengründe von uns selbst und von den Gegnern da- geltend gemacht werden, der Welthaß gegen die Hunnen und Barba- b »eb auch, als wir das Feld räumten und die Waffen niederlegten, er 441 blieb weil gerade der Friede ihnen zeigte, was ihnen im ungeheueren Ausmaß des Kampfes noch verdunkelt blieb, daß dieses verpönte und verdammte Deutschland ein Schicksal zu vollziehen hatte: zu zerstören was fallreif war, weil in ihm selbst ein Unzerstörbares lebte: das Recht des höheren Lebens der zukünftigen Welt. Mag diese innere Kraft noch g e " heim und der Menge ungewußt verborgen sein, sie wirkt sich in der Ar* des Handelns und selbst des Vcrnichtens unseres Volkes aus, die dem Gegner unverständlich und unfaßlich ist, sie bleibt ein Anderssein, auch wenn wir sie zu verleugnen und bis zum Verrat am eignen Selbst uns den ander 0 Völkern anzuähneln, uns ihnen gleich zu machen suchen. Denn sie war uns im Ursprung mitgegeben, sie lebte verkannt verschüttet und gelähmt doch immer wieder in Taten und Träumen unserer Besten auf, und <> a sie nun sich selber wissend im Dichter Wort und Gestalt wurde, ist S' e zum Arm der ewigen Mächte geworden und muß das Schicksal erfüll® 11 ' sei es auch um den Preis unseres eignen Untergangs. Der Weg, wie eS sich in kommender Zeit erfüllt, ist menschlichem Auge nicht sichtbar, ab er so viel ist schon jetzt dem kürzesten Blicke deutlich, daß der Krieg, <* en die Gegner zu unserer Vernichtung begannen, auf sie selbst zurückfiel un den fernsten Völkern, vor allem den von ihnen ausgebeuteten und unter- jochten ein neues Gesicht ihrer selbst, ein Wissen um die Mittel de Macht und den Weg der Selbstbestimmung zeigte, so daß von diesen 1 Brand sich tausend Brände entzünden und das Antlitz der Erde wände! werden. Und auch dies gehört zum Bild der geheimnisvollen Wende: als das Ende der wilden Kämpfe kam, das vom Hunger ermattete Volk das Eier 1 nicht mehr ertrug, der innere Feind Gewalt gewann und die morsche Throne stürzte, als beim Kampf gegen immer neue Feinde das mattg c hetzte tapfere Heer versagte und der bittere Rückmarsch in empörter w> r rer Heimat endete: auch da war außer wenigen schon zerbrochenen Seele niemand dieser Deutschen ganz verzagt, sie fühlten sich in diesem KamP nicht besiegt, ja mehr als das: sie fühlten bis zum letzten Manne dumP ' daß sie ein Unverletztes in sich heimwärts trugen, ein Unverletztes das " stehen muß, wenn nicht das Mark verdorren soll, ein Unverletztes aus de die Söhne des geheimen Deutschland wachsen können und das durch el & nes inneres Gift und inneren Hader mehr gefährdet ist als durch die Fei» 1 schaft einer ganzen Welt. Denn diese stählt und ist notwendig nach g setztem Fug, jener schwächt und macht uns dem gleich, dem wir niem gleichen dürfen: weder dem östlichen noch dem westlichen Menscht^ da uns aufgegeben ist das Volk der Mitte zu sein, das Volk des neU schönen Lebens. Wer von solchem Blickpunkt das Kriegsgedicht GeofS liest, wird fühlen, was es verdammte und was es aufrief. Es ist staath c 442 Dichtung im höchsten Sinne und der Dichter sagt in ihr das gleiche wie v °r dem Kriege, er redete von Dingen die alle angingen, aber die jetzt erst a Ue sehen konnten. Er war in diesen Erschütterungen der einzige staat- "Che Dichter der Deutschen und wir werden sehen, wie nur bei ihm und de n Seinen der Krieg eine dichterische Gestaltung gewann und was wich- "Ser ist, nur hier gewinnen konnte. Denn nur in der Gemeinschaft der achter war das persönliche Erleben zugleich staatlich, war das staat- ll che zugleich ein geistiges Geschick und konnte Sprache werden. Ihre ^ e meinschaft wurde durch den Krieg weder gewandelt noch zerstört, son- er n bezog auch seine Ereignisse in ihren weiteren Weltraum ein und das Un geheuere Geschehen war hier zum geheimnisvollen Erleben Weniger geworden, in das kein Blick von außen eindrang und das dennoch die c hicksale des gesamten Volkes tiefer enthüllte als alles öffentliche Ge- ar en der stürzenden und steigenden Parteien. '• KAPITEL: DIE ELFTE UND ZWÖLFTE FOLGE WELCH ein Furchtbares mußte geschehen sein, daß ein kleines Häuflein auch in diesem erdumgreifenden Ringen der Völker es wagen Uf fte zu sagen: Hier ist die Welt! Daß es das Gewicht seines Glaubens 8e £en das der ganzen kämpfenden Menschheit abwog und als schwerer ^Pfand! Daß es das Leben und Sterben der Seinen von dem Leben und ter ben der Millionen abhob und als Mitte des Schicksals fühlte! Daß es e *Uioch nicht allein und im luftleeren Räume stand sondern sich innerste e «le seines Volkes wußte, dessen kostbarstes Gut es gegen die äußeren * e inneren Feinde hütete: das neue Deutschtum gegen das zerfallende * u tschtum des alten Kaiserstaates wie der neugeschaffenen Republik. . ei *n dies schwer zu denken war, so war es noch schwerer dies zu leben: 11 Sie g und Niederlage weder im Glauben an das geheime Schutzbild zu at *ken noch den nötigen Dienst der Stunde zu versäumen, daß nicht Leib n< * Boden des Vaterlandes zugrunde gehe, in dem der Seher jenes auflichtet hatte und unerschüttert seines Amtes waltete. Wie groß auch Ie Kluft zwischen unserem Volke und den übrigen Völkern war, viel ^ ßer war noch die Kluft zwischen dem geheimen Deutschland des Dich- ers und dem öffentlichen, wie es vor dem Kriege war und nun nach der er trürnmerung alter Schranken und Bindungen wurde. Es wird für die knienden Zeiten eines der deutlichsten und seltsamsten Zeichen dieser Innung sein, daß die elfte und zwölfte Folge, in der sich die Klüftung »sehen geistiger Mitte und eignem Volk, eignem Volk und feindlichem 443 Umkreis spiegelt, trotz weitester Verbreitung nicht eine einzige öffentlich« Stimme weder im Inland noch im Ausland fand, die feindlich oder freundlich ein Wort an diese Dichtungen des ersten Friedensjahres gewann* hätte. Das namenlose Buch blieb ungenannt, obzwar es in mehrere tausend Hände kam und in einer Zeit, da jeder Wisch beredet wurde, umhüllte ein stilles Wunder es ein Jahrzehnt lang ganz mit Schweige 0 ' Antwort kam nur aus den Herzen der besten Jugend, aber was für s> e glühendes Feuer in den Gedichten dieser Folgen war, blieb für die draufle" eisige Luft. So kehrte das Verhältnis der Blätter für die Kunst zur deutsche 11 Öffentlichkeit wieder zu den Anfängen ihres unbeschrienen Daseins z u " rück, ihr Eigenraum blieb unzugänglich und unangetastet, obwohl er nu fl im eigenen Lande weithin sichtbar geworden war und schon durch wissen' schaftliche und andre unmittelbar in die staatlichen Ereignisse eingreifende Werke der Mitarbeiter seine Außenbereiche stetig erweiterte. Das heiß* - in den drei Jahrzehnten ihres Kampfes hatte die Blättergemeinschaft d» e ihr von George eingepflanzte Fähigkeit erhalten und vermehrt, sich d> f lebendigen Kräfte des Volkes anzuverwandeln und einzuverleiben, ohn von den eignen inneren Kräften auch nur eine einzige in das steigen" Chaos der Zeit zu werfen und zu verlieren. „Jüngst", so sagte die E ,rl leitung zur elften und zwölften Folge „erging an uns die Mahnung, da in diesen gelockerten führerlosen Zeiten es geboten sei, die ausschließend Haltung aufzugeben und an weiteste Kreise sich zu wenden. Freilich > s vieles von dieser Stelle aus seit Jahrzehnten Gesagte heute faßlicher. D° c scheint es, daß unbelehrt durch die furchtbaren Ereignisse das jetzt dahi"' treibende Geschlecht eher alles andre möchte als auf seine drei oder vi* Lieblingsgötzen aus dem vorigen Jahrhundert verzichten — die es schmählich im Stich gelassen haben. Es vergeudet seinen Kraftrest n» hoffnungsloser Flickerei am Verschlissenen, mit törichtem Aufspüren ein e Schuld beim Nebenmann und in allerlei Nebendingen. Die donnernde Worte der Richter, voran Nietzsche, über die Frevel der Neo-Europa^ verklangen ungehört. Den Deutschen wurde als den ersten vom Verhäng nis die Gelegenheit gegeben zu erwachen: doch die gemeinsamen Würze der Übel zu erkennen — sei es oben, unten, rechts, links oder Mitte " sind erst die Späteren nicht die Gegenwärtigen befähigt. Dadurch w,r nach wie vor die Haltung der geistigen Menschen in den staatlichen un gesellschaftlichen Dingen bestimmt. Es hat kaum einen Sinn in diese allgemeinen Wirrwarr wo alles sich wütend bekämpft hineinzurufen m einem Wort der Würde, der edlen Leidenschaft oder auch nur der ^e nunft. Mag auch mancher Mann der Öffentlichkeit schon zugestehen, d a 444 er über die »Zeichen der Zeit' und ,was in der Welt wirklich vorgeht' sich ^weilen besser aus Gedichtbüchern unterrichtet hätte als aus Zeitungs- Papieren: das will nicht viel besagen! Nur den wenigen dürfte es einbuchten, daß in der Dichtung eines Volkes sich seine letzten Schicksale ^thüllen". *t» Augenblicke wo Heer und Staat zertrümmert waren und die ganzen Hoffnungen auf Erneuerung in den Herzen derer zusammenbrachen, die n, cht gerade von einer veränderten Staatsform das kommende Heil ernteten, sah der Dichter in seinem Reiche keinen Stein erschüttert. Die lc hter hatten inmitten des verwirrten Volkes das stille Denkmal dieser Wtti aufgerichtet: die Dichtungen eines Jahrfünft voll Leid und Opfer aber üc h voll der Gewißheit ungebrochenen Lebens wie voll Willen es zu wahren 'der tausendfachen Untergang, der von drinnen und draußen über unser a sein spülte. Indem die Dichter vom Schicksal der ihnen nahen Leben , n Sen, sangen sie am wahrsten auch das ganze Schicksal ihres Volkes, dem ihre Stimme im geistigen Räume ihrer Gemeinschaft klang, den e der der Krieg geschaffen hatte noch Enttäuschung und Niederlage zerren konnte, sprach sie echter aus dem innersten Herzen des Vaterlands s die der Rückgewandten, die nichts mehr ihr eigen nannten, und der e Uerer, die vom Verzehr der zerfallenden Reste leben. George eröffnete wie immer den Reigen, er stellte eine der unausdeut- ar en Strofen Maximins als Stern über „die Winke", welche drei Blitzen * eic h den ganzen Tiefenraum seines Lebenswerkes erhellen: das Wunder es ""echten Augenblicks, das Zeichen der Gottheit, das Wachsen derer die * e "en und glauben. Dann folgen die „Gebete", von denen das erste schon le zehnte Folge brachte, jene wundersamen Zwanzigzeiler, die je aus ner dunklen und einer hellen Hälfte bestehen und innerhalb dieser Teile lt einem zarten An- und Abschwellen verschiedengeordneter Glieder ec hseln, bis ein zwei- oder dreifacher Schlußreim die Sinn- und Maß- ^ w egu n g au ffängt und leise verklingen läßt. Sie haben den sanftesten j n in der gesamten Dichtung Georges und dies hat wohl Verwey bei Besprechung des ersten in der zehnten Folge zu dem Glauben ver- rt > daß in diesem wellenhaften Fließen ein Verzichten des Dichters ^gedrückt sei. Sie enthalten nichts dergleichen, wohl aber eine neue B atl dlung zum Ereignis Maximin: das persönliche Verhältnis des SIE- j^TEN klNGS und das staatliche des STERNS zu ihm sind hier zu einer ^ e ren Einheit verbunden. Zu seiner Erscheinung in der Zeit und seiner s . rclfö trahlung der Gemeinschaft ist die Sicht auf das Immerbleibende y es Bildes getreten, das würdig zu preisen auch die Kraft des Größten * reicht. Wie er stetig in viele Edle einstrahlt, so wird sein Preis auch 445 hundertstimmig von ihnen ausstrahlen und nicht verzichtend beugt sie" der Dichter vor der höheren Gewalt seines Gottes sondern als Einer, wenn auch der Mächtigste derer, die mit ihm ehren und ehren werden in kort 1 " mender Zeit. Eben darum darf er zu seinem weiten, schon künftige Geschlechter einbegreifenden Lobgebet auch das Dankgebet fügen, daß ih" 9 in den schlimmsten Wirren der Zeit, wo ihm selbst das Vertrauen a u ' seine eigne Kraft zu wanken drohte, die hehre Gestalt Tal und Stadt vef wandelte und ihn mit neuem Mute füllte, darf er das Bittgebet sprechen» es möge ihm gewährt sein, im Wechsel von Glück und Dunkel sich imrne» neu an der Flamme des schönen Lebens zu entzünden und sich stets a uS den flutenden Kreisen der Träume und Sehnsüchte zum ruhenden Stert 1 der Mitte zurückzufinden. Nach diesen Gebeten richtete er dem Seher und „Rufer des Neuen Gottes", Hölderlin, die Lobrede auf und beschloß rt» ihr den Preis der Väter und Ahnen, den er in den frühen Jahren begonnen hatte. Zwischen der Rede auf Hölderlin und dem „Brand des Tempels" stehe! 1 die Gedichte und Sprüche auf die Toten und die Lebenden, zwischen der Ehrung des frühen Sehers und der Sicht auf den künftigen Jielo^ 1 das Gedenken an die Gegenwart: Sprüche des trauernden und liebenden Meisters. Wir sahen wie von Beginn an in den Blättern Loblied un Spruch auf die lebenden, Klage und Trauergesang für die verstorbene Freunde eine wesentliche Form der dichterischen Äußerung waren. D» eS Widmungen haben im gemeinsamen geistigen Raum ihren besonder Klang über das persönliche Verhältnis hinaus und weben nicht nur u™ die Lebenden und Toten ein unzerreißbares Band sondern schaffen für "' Gesamtheit aller eine heilige Überlieferung von unvertilgbarer Dauer. * der elften und zwölften Folge haben diese Widmungen durch den Sch> c salswind des Krieges eine neue Fülle und Dichte erhalten: ohne aus de inneren Raum der Gemeinschaft zu treten, sind sie Sinnbilder des gan* e vaterländischen Geschehens. Das Eingangsgedicht Georges „An die * ten", furchtbarer Mahnruf für die Geknechteten und Erschlafften, b fa sender Aufruf an die kommenden Sühner und Sieger, stellt diese ^e einigung in der weitesten Umgreifung dar. Manche von denen, die mit dem Segen Georges ausgezogen war kehrten nicht mehr zurück. Der Meister dachte ihrer aller, die Freun ihrer Nächsten und Liebsten. Wir sagten schon vom Tode Heinrich Fri* manns und Norbert von Hellingraths, die das dritte Jahrzehnt noch n lC durchlebt, Wolfgang und Balduin, die es kaum begonnen hatten, fo^ 1 ihnen nach. Daß aber der Meister und die ihm Nahen zuletzt nicht v dem äußeren und allgemeinen, sondern von einem tieferen nur ihnen 446 "chen Verhängnis bedingt waren, dafür zeuge der Tod, den Wenghöfer s >ch selber gab, dafür auch das Ereignis, das George mit dem Gespräch »Victor.—Adalbert" festhält und deutet: zwei Jünglinge finden den Un- ter gang — und einen heroischen Untergang! — zwar während des Krieges aber nicht durch den Krieg. Wenghöfer hatte sein letztes Gedicht in die achte Folge gegeben und Wa r dann verstummt. In den Jahren einer sich ganz in Werk und Leben füllenden Gemeinsamkeit der Freunde stand er still beiseite, und wäh- e nd Ernst Gundolf, mit dem wir ihn bei beider Eintreten in die siebente °lge verglichen, seine ähnlich herbe Verschlossenheit so weit löste, daß r ohne seine Art zu wandeln fast heiter den Dienst des Sichtens und Ra- en s tat und auch im „Jahrbuch" seine Kraft an einem bedeutenden europäischen Namen versuchte, geriet Wenghöfer in eine innere Vereinsa- Un g> aus der ihn die oft entgegengestreckten Freundeshände nicht be- rei en konnten. Er hatte die späte Welt der letzten Bildungsgesellschaft ° c h einmal in tiefen traumhaften Sichten aus seiner Seele erstehen las- n > doch aus ihnen sprach nur Trauer, Müdigkeit und Untergang, kein r ahl von Glück und Glanz brach mehr aus diesen tragischen Erinneren einer künstlich überfeinerten Welt. Er sprach es aus, daß dieser e g nicht nochmals für ihn gangbar sei und suchte und sah den Weg, er darüber hinaus ins Freie und Neue führte, aber er konnte ihn nicht Schreiten. Gerade dieser Mensch mit dem Blick begabt, jede höhere Formung zu erkennen, von der Unbedingtheit erfüllt, das Schwerste und et *te zu wollen, sah das harte Geschick vor Augen, das nicht erreichen können, was anderen mühelos zufiel, die Stufe nicht betreten zu kön- en > über die er die Nächsten freudig schreiten sah. Und dabei hatte er le keiner ein tiefes Wissen um die Technik des Dichterischen sowohl in r deutschen wie in den fremden Sprachen. D >e Schicksalsluft des Krieges und der darauffolgenden Erschütterun- s ? n mj »g man im „Brand des Tempels" verspüren, obwohl die hier getane c "t w e i t darüber hinausreicht.. . Die weite Spannung zwischen den stil- Feiern: Winke Gebete und Lobrede, und diesem Vielgespräch wird n 'ächst »m Sprachlichen sichtbar. Statt des welligen Flusses schön ge- °gener Abmessungen herrscht hier der erregte Fall und Stoß von han- |? n dem Wort und Widerwort, statt des sanften Tones der „Gebete" der r teste eisigste Ton in der ganzen Dichtung Georges, das tödliche ja s tötende Wort der Tragödie, von dem Hölderlin spricht, ist in ihm jj er erstanden und weht uns mit dem Schauer der Unerbittlichkeit an. j q ü die Hauptgestalt des Heunenführers nur durch die Münder der ratzen zagenden und erschreckten Priester erscheint, vermehrt nur ihre 447 Wucht. Daß sie dem verratenden Freunde, der ränkesüchtigen Ahnmutter, der holdseligen Pamfilia gegenübergestellt ist, steigert noch ihre unbrechbare Hoheit und zeigt uns in einem unmerkbaren Schwanken das Wesen dieses Helden: den noch ganz in früher Unbewußtheit gebundenen aber triebklaren Herrscher, der stark aber nicht roh, tief erschütterbar aber unbeugsam ist, ein Bild das an die Heldenjünglinge der griechischen und germanischen Sage, an Achill und Siegfried, aber zugleich an Alexander und Napoleon erinnert und dennoch durch einige Züge in noch frühere Vorzeit, durch andre in ein kommendes Alter deutet. Nicht um den Kampf von Volk wider Volk handelt es sich in der Dich' tung, sondern um den einer jungen Welt gegen eine absterbende voll schöner aber welker Reize, um den Kampf eines lebendigen Helden geg eri toten Dienst und starrgewordene Formen, in denen das Leben nicht mehr kreisen kann. Die ursprüngliche frische Kraft des Beginnes stellt sich m dem Heunenführer gegen eine späte Zeit, die sich in der Häufung des Reichtums und im Bewahren der Kostbarkeiten, in der Pflege der Schwachen und in ohnmächtigen Gebeten erfüllt, und nie noch wurde diesen g e ' priesenen Tugenden überalteter Geschlechter ein so unbarmherziges Todesurteil gesprochen wie aus seinem Munde. Er weiß, daß nicht Mü 0 * noch Mitleid, nicht Schatz noch frommer Altar helfen, wenn die Herzet welk und die Geister verfallen sind, er weiß, daß auch das Wunder de kostbarsten Tempels, wenn es dem Sinn des Lebens entgegensteht, ^ Feuer auflodern muß, damit es heiligneu aus der Asche erstehe. Kein H' 0 ' weis auf noch so vernichtende Gewalten der Gegenwart genügt, um 0 3 Gedicht auszuschöpfen: etwas fern Drohendes, rätselhaft Unerdenkliche blickt uns aus den kühlen Augen des Heunenführers an. Den äußersten Abstand von dieser unerbittlichen Ankündigung drohender Einstürze hält die beinah hellenische Liebenswürdigkeit der Gedieh^' die gegen Schluß des Bandes den größten Raum füllend sich um <*> Reihen „Heiße Abende" und „Sternwandel" anordnen, wonach wir ih fe Dichter den Sternwandeldichter nennen. Selbst jung gibt er Muster un Beispiel der neuen jugendlichen Haltung an, die durch das sichere un freie Ebenmaß dieser Verse hindurch körperhaft fühlbar wird. Ein L u * räum gesteigerten dichterischen Lebens ist nötig, damit ein fast noch l Knabenalter Stehender befähigt werde, sich so ungebrochen kundzutu 11 ' daher die vielleicht einzige Mischung des Kindlichen und Tiefwissend e im Ton. Auch innerhalb der übrigen Blätterdichtung haben diese Ver s eine neue Gebärde. Wenghöfer, der sie noch als Handschrift las, sag von ihnen, sie hätten das ganz Unerwartete: eine deutsche Grazie. ^ begreiflich bliebe ihre so frühe Vollkommenheit, wenn nicht die Natur V 448 2 Um Ausgleich mit dem nah bevorstehenden Ende alles in die wenigen Jahre der Entfaltung des Dichters zusammengedrängt hätte. Hier redet e m jugendlich selbstherrlicher Fürst, der hat was er braucht und darum Irilt der Schlichtheit des höchsten Kindes spricht, der gelöst ist ohne °cker, stolz ist ohne anmaßend zu sein, der alle Wucht und Größe schein- ar leicht und spielend von sich ausgehen läßt aber in seiner einfachen atl geborenen Anmut dennoch undurchdringlich bleibt. Mit Recht ließen sich die Jüngsten von diesen Versen nachhaltig ergreifen und erschüttern. Uns Älteren aber gönnen sie in ganz anderer ^ e ise wie der „Brand des Tempels" einen Blick in Unerschlossenes: das J* e nschtum eines eben entstehenden Adels und neue Möglichkeiten des dichterischen. ü en Band beschließen Lieder des Meisters: ein drittes wiederum ande- s Vorzeichen einer noch verhangenen Wirklichkeit. Beim „Neuen Reich" er den wir zu berichten haben, wohin sie deuten. 3 KAPITEL: DIE ELFTE UND ZWÖLFTE FOLGE (FORTSETZUNG) \A0N den übrigen Gedichten der elften und zwölften Folge rufen die Wolfskehls am grellsten das Bild der Verderbnis des europäischen ens chtums auf. Alle düsteren Sichten Jacob Burckhardts, alle höhnen- . n Flüche Nietzsches und des frühen Wagner über ihr Jahrhundert haben »hnen unter dem Eindruck des jähen Zerbrechens der letzten noch er- te nen Formen durch den Weltkrieg eine bis zum apokalyptischen j aue n gesteigerte dichterische Verkörperung gefunden. Nicht mehr den st noch gestalthaften Endchrist sieht er nahen, sondern den „Fliegen- |*' der Massen, die alles Hohe bespeien, sich ihrer Niedrigkeit und Ge- ln heit rühmen und ihres ekligen Gewimmels froh sind. Nicht vom Un- ^ *» an g der Völker reden seine unheimlichen Sprüche sondern von der Setzung des Gewürms, nicht vom Brand einer Welt sondern vom Ver- 1 einer Unweit. Wie lichte Streifen einer fernen Morgendämme- Jj g stehen auch in diesem Düster die fast kindlich-frommen Prophetien h »Pinis Initium" und das erste der „Zeichen", aber vor und hinter jy. en Sc hwelen die zerfallenden Wesenheiten der Endzeit in schwefeligen ^ ^Pfen und es gelingt Wolfskehl in einigen dieser Gedichte das Un- s Suche: dem Wesenlosen selbst, dem Noch-Nicht und Nicht-Mehr- w r hythmischen Ausdruck zu leihen. Was ihn von je auszeichnete, hs unter dem Aufbruch ganzer Schicksalsmassen zu einer furchtbaren 449 Kunst heran: die Fähigkeit, bis in die innersten Lager des Feindes dringend, dessen Wesen fast mit Feindesliebe erfassen und sich selbst damit erfüllen zu können, die Möglichkeit sich bis in die leiblosen Fluten des Ungestalteten zu versenken und erfüllt vom Wissen um das Tote» Sinkende, Fallende sich doch zurückzureißen. Während er schon eben im Strome ohne Damm und Stau zu versinken droht, taucht er plöW lieh mit dem Wissen um das Entgegengesetzte empor, reißt die verhüllenden bunten Phosphorscheine vom Modrigen hinweg und deckt di e Fäulnis unerbittlich bis ins Grauenhafte auf, um über solchem trüben Gewässer das strahlende Gestirn größer und schöner aufleuchten zu lassen' Denn selbst Helios erscheint diesem Darsteller aller Schichten der Finsternis nur als Geburt aus den Schaudern der Nacht. Er stößt durch °i e Pflaster der Stadt bis in die Bereiche der Verwesung, des Ekels und A>>' raums, er kann sich nicht genug tun alle Worte der Sprache für da Quellige und Quallige, Schleimige und Seimige, Schlürfige und Schlüpf rige zu finden, um „die dunkeltriefenden Gründe" und Ungetümen Nebe 1 ' bilder sinnlich tastbar erscheinen zu lassen, aber es bestätigt immer wi e ' der sein Dichtertum und rückt seine Gebilde fernab von jeder naturall' stischen Abschilderung, daß er in all dem über ganze Sprachprovinz e Herrschaft gewinnt und seinen düsteren Einbildungen mit den schwer' errungenen aber spielend gehandhabten Mitteln Form verleiht. Wie fern sind die „Lieder und Sprüche" Gundolfs von diesen verweg nen Gängen! Sie gehören zu den wenigen in dieser Folge, in die k el Stoß der Stürme gedrungen scheint, die dem Meister und den Freunde Blut und Tränen kosteten. Der Dichter der „Staatsgedichte" der zehnte Folge scheint hier ermüdet in das leichtere Spiel zurückgesunken und s reizvoll die meisten dieser Gedichte in ihrem Pendeln zwischen überheiz Geist und übergefühliger Sinnlichkeit sind, so nehmen doch manche ei altmodische Färbung an und erinnern an Hofmannsthal, ohne dess rhythmische Magie zu haben. Sie bleiben immer hell klar und flüssig. v ° einer spielenden Geschmeidigkeit der Linienführung, aber reißen das en& Ich nicht über sich selbst hinaus, weil es vor dem geliebten Du in kal Bewußtheit steht oder haltlos in ihm versinkt. In solcher Unverbuno heit der Pole bewegt sich auch der Streit zwischen Cäsar und Brutus dem schönen gleichnamigen Gespräche Gundolfs. Die Lösung, die Dante in der Verdammung, bei Shakespeare im Untergang des Bru liegt, bleibt hier in der Schwebe und die Frage offen, ob Recht und rechtigkeit nicht größer ist als der Retter und Neuschöpfer Roms» Kämpfer für Begriffe und veraltete Satzung nicht größer als der sie n» Blut und Leben erfüllende Held. Ein Schatten hebt sich zwischen de 450 beiden Männern hoch und lagert sich schwer auf beider Stirnen, — von dem was kommen muß im weiteren geschichtlichen Verlauf, schweigt d er Dichter. Die nächsten Gedichtkreise von Wolters und Vallentin zeigen insofern e 'ne Gleichläufigkeit der Lebensgehalte als bei beiden das Lob der Freunde, des meisterlichen Erweckers und des kriegerischen Geschehens der immerwährende Grund ihrer Gesänge ist, nur daß der erste das unmittelbare Erleben des gegenwärtigen Krieges im Innen- und Außenbereich, er geistigen Gemeinschaft und des Volkes in ihrer unauflöslichen Verbundenheit und Getrenntheit in den „Sichten" sowohl wie in den ersten besprächen vom „Wandrer" widerspiegelt, Vallentin dagegen wie schon ln der zehnten Folge die heldische Sicht, die ihm durch den lebenden Ührer und seine Gemeinschaft geöffnet wurde, am „letzten großen Stern e r zeitenbiege" erstrahlen läßt und das Verhältnis Napoleons zu den Ge- ° s sen seines Ruhmes, wie dieser selbst die Marschälle auf seiner letzten enkmünze nannte, mit dem neuen Saft der Gegenwart durchblutet. Wäh- e nd sein feines Gefühl für mystische Seelenregungen und seine Fähig- eit zur spitzesten Sonderung rechtlicher und geistiger Formen in den Ges Prächen „Kaiser und Ketzer" „Einsiedler und Pilger" und „Narciß" re Triumphe feiern, spricht aus den Napoleongesprächen seine klare Iterscheidungsgabe für blutgegebene Ränge. In ihnen findet er für sein _ ar kes aber vielfach überdecktes Wesen die höchste Unmittelbarkeit des •chterischen Ausdrucks und eine hinreißende Einheit von Person und c hicksal. Von den mythischen Vorstellungen der ersten Gespräche steigt r z u immer körperhafteren raumklaren Formen der Handlung auf und at in den letzten vom Sterben der Marschälle einen Ton von Todes- ^ Usc h und Herrentrotz, der uns den Schauer der Tragödie ahnen läßt, enn Vallentin vom Ursprung seiner Erschütterung her Napoleon und l ne Gefolgschaft „geistiger" sah, als man den großen Rechner zu sehen ■; evv ohnt ist, so hat doch sein Bild eine höhere geschichtliche Wirk- Cn keit und ist von echterem Atem und tieferer Lebenswahrheit als alle , te n e i ner an teillosen Geschichtsschreibung: denn es zeigt diesen unge- Ueren Täter in der ihm gemäßen Würde und Größe. Es mag seltsam erscheinen, daß mitten in Kampf und Not mit dem einde unser größter Gegner aus dem feindlichsten Volke als Vorbild ^aufgeführt wurde, aber er allein gab, und auch noch für unsere r,e gsdenker und Feldherren selbst, das menschliche Maß des Schlachten- Und Staatslenkers an, das allen Völkern dieses Massenringens fehlte. Er alle in hatte als letzter versucht, das Wirrsal der europäischen Völkerge- ^»nschaft noch einmal in der Form seines herrscherlichen Willens zu 45i bändigen und die zerfallende geistige Einheit durch die Idee seines kriegerischen Imperiums zu ersetzen, er allein hatte vor allem uns Deutschen die Splitter und Spielschachteln unseres lächerlich gewordenen Reiches mit dem Schwerte zerschlagen, und als der Geist Friedrichs selbst in den Preußen zu erlöschen drohte, mit Feuer und Blut aus unserem verletzten Stolz die tapferen Gegenspieler erweckt und sich dadurch als unverlierbarer Keim unserem völkischen Wachstum eingesenkt den zu pflegen und in neuer Jugend lebendig zu erhalten, das Amt der Dichter und Denker ist. So sieht ihn „das Gespräch vor der Abtei" eines anderen Dichters der elften und zwölften Folge. Dessen übrige Gedichte besingen den Dunkel- und Lichtrausch antiker Götter und man denkt bei ihnen an die Pflanzgriechen in Sizilien, die noch ihre altertümlichen Bildwerke meißelten und in seltsamer Weiterbildung aus spartanischer Einfalt einen dorischen Luxus erzeugten, als der neue Geist des Mutterlandes schon in andre Helle getreten war. Etwas von der seltsamen Mischung aus Schattensehnsucht und hoher Vernunft, das diese Gedichte kennzeichnet, ist auch in jenes Gespräch zwischen dem Kaiser und Prior eingeflossen: Tat und Opfergedanke schwingen auf dem römisch-christlichen Boden, auf dem die beiden stehen, ineinander und der Erwecker der Gegenwartigen, die ihn verraten werden, ist zugleich der Geopferte für das Hei der künftigen Geschlechter, in denen noch sein Schatten siegt. In scharfen Umrissen sind in dieser Dichtung die Franzosen Burgunds und die Deutschen einander gegenübergestellt, jene mit ihrem beflügelten Aufopr e ' rungswillen bis zum letzten, diese mit ihrem undurchdringlichen Schwanken zwischen Hingabe und Abkehr, Schlaffheit und Blitz. Und greifbar wie mit den Augen des bildenden Künstlers erfaßt steht in diesen Versen die lothringische Landschaft vor uns, wo auf römischem Grund aus frühe Germanenstämmen Frankreich erwachsen ist: bis heute noch ein Zwi' schenreich, das die Deutschen verloren und die Franzosen niemals gan durchdrungen haben. Wie bei diesem Dichter ist überhaupt in den Dichtungen der elften un zwölften Folge das Landschaftliche unmittelbarer und dinglicher in sei ner örtlichen Besonderheit und gänzlich ohne romantischen Gefühlsschleie gesehen. Der SIEBENTE RING und die Danteübertragungen hatten hie f ' für das Vorbild gegeben, der Krieg gab dazu den geschärften Blick * u die erdhaften Gewalten und den vermehrten geschichtlichen Anteil für Verbindung von Boden, Volk und Schicksal, wie es die Gruppen „N° discher Frühling" „Mazedonien" und das Gespräch „Erweckung" Wolters und die Kaisergespräche Vallentins schon erkennen lassen. A stärksten aber ist diese neue Form des landschaftlichen Sehens von de 452 ihnen folgenden beiden Dichtern ausgeprägt worden. Die Gedichte des ersteren „Flandern" und „Belgische Städte" scheinen aus der Vereinigung des Dichter- und Malerauges geboren und erfassen die alte niederdeutsche Landschaft am jahrhundertlang umkämpften Meeresstrand in ihrer ganzen schwermütigen Verlassenheit und inneren Erstarrung, in ihrer natürlichen Üppigkeit und menschlichen Jugendlosigkeit, die schlimmer ist als die Zertrümmerung durch Geschoß und Brand. Die Städte sind als malerisch-bauliche Gebilde hingezaubert, die welkes Leben und kriegerisches Peuer doppelt verführerisch aufleuchten lassen, und der Dichter hat diesem dämonisch bunten Dasein einen Reichtum von abgestuften Farben, schimmernden Tönen und feinen Lichtern gegeben, wie unsere Dichtung sie bisher noch nicht kannte, und wie sie die neuesten Maler gern erzielen Sollten, und ach so wenig erreichten. Aber was diesen fehlte, um den Malerischen Reizen die zwingende Form zu geben, besitzt der Dichter in v °llstem Maße: die aktive zugreifende Kraft, welche der Natur das geizige Gesetz einpflanzt, das Land mit menschlicher Seele tränkt und hier lr » Flandern an den jugendlichen Sendung denkt, der einst diesen toten ^Uen das Herz zurückschenken wird. Der andre Dichter, dessen Gedichte err » tiefer schwermütiger Unterton bei voller Helle, eine leibhafte Rundheit der Erscheinungen bei fast antiker Sparsamkeit des Aufwandes kenn- 2e ichnet, der die glühendsten Dinge auf einfachste Art zu sagen weiß, " a t uns unter seinen wenigen Gedichten in den beiden „Südensuchern" und "Heimat" so körperlich klare Bilder von Mensch und Landschaft ge- Sc henkt, wie sie zuletzt in den ganz späten Versuchen Hölderlins aufwehten. Mit den schlichtesten Mitteln ist hier der Mensch wieder in das ° r tliche seines Ursprungs gestellt. Unvergleichlich vor allem ist die sinn- ,c he Greifbarkeit Schwabens, seiner Hügel und Gärten und Türme, seiner °ten und lebenden Söhne, und hier einmal ist es erlaubt vom Erdgeruch Ir *es Gedichtes zu reden, aus dem der Boden der Heimat dampft und die ü ft mit jenem unfaßlichen Etwas berauscht, aus dem noch der Mann den rau m der Kindheit spürt. Beiden Dichtern ist, wie wir schon bei ihrer Vergleichung in der zehnten °lge sahen, auch die reichste Darstellung des Jugendlichen eigen. In der r undstimmung des zweiten bemerken wir eine mehr absteigende Kurve . . Ie Gedichte des ersten haben trotz der tiefen Trauer, die seine Grabdichte durchzittert, eine mehr aufsteigende Kurve. Aber beider Stimme r hebt sich am Ende zum Triumph. °iese Gewißheit das Reich des Dichters unerschüttert wiederzufinden n ^ es mitten unter den Trümmern der Niederlage und dem Wirrsal einer s den Fugen geratenen Welt nur schöner und fester wachsen zu 453 sehen, gab auch den Heimkehrenden die Kraft sich über die wilden Erschütterungen und schmerzlichen Verzichte nach dem Kriegsende zu erheben und neben manchen Versen der schon erwähnten drückt dieses Gefühl sich am deutlichsten im Dichter der vier „Widmungen" aus, einem der wenigen von den Jüngeren, die vom Beginn an in den heftigsten Kämpfen standen und zurückkehrten. Wir wissen, wie schwer es gerade den Tapfersten wurde, aus dem Entsetzen jener Schlachten in die Enttäuschung dieses Endes, aus jenem hochgespannten Glauben an das Vaterland in die brudermörderische Zerrüttung dieses Friedens zu gehen- Manche hatten nicht mehr die Kraft ihre von Mühsal, Wunden und Grauen ermatteten Herzen zu bewahren, weil sie in der Heimat keinen Raum fanden, wohin sie ihren Glauben an heldisches Tun hätten retten, kein heiles Menschtum, das ihn hätte widertönen können. So mußten die einen in verwundeter Scham schweigen, die andern was sie ehmals gepriesen ins Gegenteil verkehren und im äußeren oder inneren Umsturz das Hei' suchen. Die Dichter der bürgerlichen oder proletarischen Welt fanden nur noch den heillosen Schrei des Aufruhrs oder den noch heilloseren nach ewigem Frieden und völligem Verzicht auf den tathaften männlichen Weg im Schöße der „Liebeseinheit". Auch in den „Widmungen unseres Dichters drückt sich die Qual der Massenschlacht und die Trostlosigkeit der sieglosen Wende in Wort und Ton bis zur Bitterkeit noc aus, aber bei der Heimkehr sah der junge Krieger in allem Wogen ufl Branden der erschütterten Welt die Insel des geheimen Deutschland u° verletzt und auch dem wildesten Sturme unerreichbar. Ja er sah • Freunde mitten unter maßlosem Taumel und verzweifelter Trauer sie an der stillen Stätte wieder sammeln, die hohen Bilder unberührt un unversehrt, den Hüter ungebrochen und die im Sturm Geschüttelten ruhig und des Weges gewiß zu neuem Wirken schreiten. Und wenn der fr° n Schauder und Dank des Genesenden das Einzige bleibt, das sein Lebe einmal in die reine Höhe dichterischen Schaffens trug, so bleiben auc diese wenigen Strofen sein dauerndes Denkmal über der Zeit. Früher entstanden und einsam unter all jenen von den schweren *» eignissen Berührten stehen die Gedichte des „Daviddichters" da. Sei Verse sind zu keinen anderen als denen Georges in Vergleich zu setz er ist der Blutnächste des Meisters in jedem Sinne, aber neben braunen und stahläugigen steht er als der schwarzhaarige und schwa äugige Sohn des Rheines und der Nahe, der die Gluten und Farben Georg noch brennender und schimmernder zu spiegeln suchte. Er hat bei sprünglichem Dichtertum eine bis zum äußersten verfeinerte Kunstübuoß' die Wenghöfer auf das tiefste erschreckte, weil er hierin einen für > 454 schon verlegten Weg im Fluge überwunden sah. Denn dieses mühelose Gleiten bei sorgfältiger künstlerischer Führung, diese gnadenvolle Gelöstheit bei sicherer Abgewogenheit der Wuchten ist mehr als höchstes »ästhetisches" Können. Was diesen Gedichten Bestand gibt, ist die in J hnen glühende Besessenheit eines Künstlerwillens, der den trunkensten Klangrausch mit der klarsten Bildkraft zu vereinen, der das Bildwerk Michelangelos zugleich mit der Landschaft Giorgiones zu geben sucht: e ine heldisch-katholische Dämonie, die zeitlicher und örtlicher Gebundenheit spottet und das Reich der Traummächte aufreißt, wo die Gebärden v on Tier und Mensch den Sinnfiguren ältester Tempel oder den groß- ^fligen Stichen frommer Meister gleichen, bei denen die Beter Flammen u nd Schwerter mit ihren Lippen trinken. Die zartesten Dinge und einochsten Worte sind mit übergroßer Last beladen und verraten die tratsche Grundstimmung dieser Seele, die sich auch im Sinngehalt des let zten Liedes ausdrücklich kundtut und ein Schicksal höchsten Wollens u nd tiefsten Verzichtens verrät. Denn wer so wie dieser in dem Gedichte "Öichterbildnis mit Colleoni" das gewaltige Haupt des Meisters über allen äderen Zeichnungen, die diese Folge von ihm enthält, zu umreißen wußte, ^nnte nur als erster neben ihm erscheinen oder mußte still ins Dunkle Sehen. Wir haben damit kaum das Wichtigste aus der elften und zwölften °lge zusammengefaßt. Den „Abschied" und die Sprüche an Albert Ver- ^ey sowie die „Lieder" betrachten wir in anderen Zusammenhängen. ö °ch wollen wir hier „Den Abend in Meudon", „Die Widmung zur 2vv ölften Folge" und die neuen Danteübertragungen noch erwähnen, weil Sle in diesen letzten Folgen noch einmal die drei großen Bereiche der ß iätterbewegung, die Kunst, die Verwirklichung der Träume und die staatliche Dichtung als Kreise des neuen Lebens erscheinen lassen. Sie fta °en zur Voraussetzung die Bildung der innerstaatlichen Gemeinschaft Seit dem SIEBENTEN RING. Denn das Sichtbarwerden der neuen Staats- 8c hau wirkte, wie wir sahen, früher und tiefer auf alle geistigen Gebiete ln als die äußeren Ereignisse des Völkerringens. In dem Gespräch zwischen Rodin und George, das bei dessen letztem ar iser Aufenthalt im Jahre 1908 stattfand und dessen Gehalt der un- * e nannte Dichter gestaltete, erscheint Rodin als der höchste Vertreter ^«les Künstlertums, der aus dem Stoff des modernen Menschtums glaubt e bilde von gleicher Größe und Schönheit erwecken zu können, wie die fttike aus ihrem Menschenstoff hervorgetrieben hatte. Er sieht in den 0r Pern unterer Volksklassen oder wilder Inselstämme noch eine ungebrochene Leiblichkeit blühen, die es nur in Stein und Erz zu bannen 455 gelte, um über die verhüllten nur halb dem Stoff entstiegenen oder mit Denk- und Leidenslast beladenen Gestalten seiner jetzigen Werke hinaus in den Bereich der Strahlendnackten, Tanzbeschwingten und Göttlich- Schönen aufzusteigen. Es ist die Sehnsucht, welche seit Jahrzehnten viele unserer Künstler auf die Irrfahrt nach fremdem Fleische und fremden Gewächsen treibt, als sei dort frisches Leben und reine Luft für alte europäische Seelen, die andre Künstler den Blick nur in die untersten Schichten unserer Völker richten läßt, als seien da im gequälten überlasteten Getrieb bewährtere Kräfte und echtere Triebe zu finden als in 1 erschöpften und zerfahrenen Bürgertum. Weder die einen noch die anderen fanden da und dort etwas anderes als sie selber waren und weder die wechselnden Inhalte noch die wechselnden Techniken konnten darüber hinwegtäuschen, daß Geschöpfe einer entgötterten Zeit aus den fremden Federn schauten, aber kein neues Antlitz der Kunst. So sagt auch alles was George dem großen Franzosen antwortete, daß das Maß jener herrlichen Alter, vor deren Bildern sie beide in Sehnsucht erschauern, nicht für heute gilt, daß kein Wille für eine Endwelt erzwingen kann was Ausdruck blühender Lebenshöhe war, daß die Natur wohl ewig Leiber und Gewächse neu erschafft, aber nur der Geist der sie beseelt, der Gott der si e durchglüht, ihrer Stärke die Schönheit, ihrer Kraft den Adel verleiht, aus dem der Künstler die Sinnbilder des hohen Lebens erschaffen kann. Die Herabkunft eines solchen ersehnten Erdentages sieht die „Wi"' mung zur Zwölften Folge" schon zwischen Traum und Wirklichkeit voll' endet: wirklich geworden im Meister und den Freunden, wirklich S e ' worden in ihrem Glauben und Dichten, wirklich werdend in der Erwe»' terung ihrer Schar, in der Erfassung und Durchdringung von Erde» Raum und Stoff, in der Leibwerdung ihrer Gesichte und ihrer Her*" schaft über Land und Volk. Er sieht die Träume der Dichter stärker al s alle Mächte der Gegenwelt, das göttliche Wort gewaltiger als alle Wer* e von Gift und Glas und Stahl und in den von den Zeitgenossen verachtete 11 verschmähten und kaum gekannten zwölf Folgen der Blätter für fll Kunst den Boden und die Luft des zukünftigen Reiches. Daß er die Seinen härte auf dem Wege dahin, hatte George die neue" Gesänge des Schicksals von den Lebenden und Toten, von der wachsende und sterbenden Gegenwart gesungen und war auch noch einmal in da gewaltige Dichterall der Göttlichen Komödie getaucht, um neuen Wd stoff großen hehren Fühlens heraufzuführen. Wie wir ihn in den erste Stücken seiner Übertragung besonders die auf dichterische Aufgaben g richteten Aussprüche und Bilder Dantes wählen sahen, so zogen ihn nU die bedeutenden Gestalten des staatlichen Bereichs, die Ereignisse de 456 öffentlichen Lebens, die Schicksale des Kampfes und der Verbannung, des Ruhmes und Richtens an. Zu Dante dem Dichter, der sich mit dem höchsten Anspruch des geistigen Gestalters neben Cäsar stellte, trat Dante der Kämpfer und Staatsmann, der tuend und leidend in die Geschicke seiner Vaterstadt und seines Vaterlandes eingriff und Urteil und Fluch, Gebet u nd Sühne über die lebenden und kommenden Geschlechter aussprach. Wie Piaton und Hölderlin an ihrer Stelle erschien er George nun als der dichter und Bildner seines Volkes, der über Hader und Parteiung durch Se »n Sein und Wirken den geistigen Keim des neuen staatlichen Volkstums Sc huf und seinen Sinn in ewigen Worten bewahrte. Das Weltbild des Christen Dante ist für uns versunken, wenn wir auch gerade durch ihn *»• ganze Düsterkeit und Herrlichkeit des christlichen Kosmos kennen, de r Traum des Ghibellinen Dante vom Weltkaisertum ist für uns erloschen, ^enn wir auch gerade durch ihn das dichteste und klarste Bild davon beizen, aber der Schöpfer und Befruchter seines Volkes, der staatliche achter Dante ist wirklich lebendig geblieben, und was ihn trotz jener Untergänge dennoch als den universalen auch uns noch bewirkenden Geist u °er den Bereich Italiens hinaus kenntlich macht, ist die geheimnisvolle °Ppelsicht seines Wesens und Werkes: die Verdichtung und Gestaltung (le s Neuen Lebens in der Darstellung und Erfüllung der christlichen Welt, as Erscheinenlassen des heldischen Menschen und eines neuen staatlich- VcJ Ucischen Fühlens im Raum der Heiligen und der Kirche, das Sichtbar- n d Gewichtigmachen des Irdisch-Menschlichen im jenseitigen überirdi- Sc hen Gottesreich. Es bedurfte freilich noch sieben Jahrhunderte bis das •inseitige seiner Glaubensvorstellung ganz erlosch und das Überweltliche *> ail z in die Erdenheimat zurückgesunken war, es bedurfte der Wandlung er ganzen Seelenart unseres Menschtums und seines drohenden Unter- ^ an gs durch die Erschöpfung aller Kräfte in den geistigen Widerstreiten »eser Wandlung, bis der deutsche Dichter die Reihe der Kämpfer voll- n dend und neu eröffnend das neue Leben in seiner ganzen Fülle und r dendichte sah und mit dem Namen seines besonderen Sinnes als das ch Öne Leben verkündete, in dem sich Mensch und Erde, Volk und Staat, as Reich der Kommenden erfüllen soll. Diese Sicht von Dante zu uns eze ichnen die neuen Stellen der Übertragung: auch sie nicht minder die üft eines flammenden Schicksals atmend, in dem das Edle gedeiht. 457 4 . KAPITEL: WEITERE VERLUSTE UND TRENNUNGEN DURCH Tod und Trennung verlor George nach dem Kriege noch manche seiner Gefährten. Simmel hatte vergeblich die Krisis der Kul' tur, als welche er den Weltkrieg sah, mit seinen feingeschliffenen Begriffen zu erfassen versucht, aber mit tapfer klarem Bewußtsein erwartete er in 1 vierten Kriegsjahr den gewissen Tod, dem er noch die letzte Lebensstunde zur Arbeit abrang. Reinhold Lepsius fand ebenfalls keine Mittel in seiner zarten Natur das Grauen der Zeit zu bewältigen, auch persönlich durch den Krieger-Tod seines einzigen Sohnes Stefan betroffen, starb er bal" nach dem Frieden. Schuler hatte das Zimmer, das ihn Georges Zaubere), wie er glaubte, für immer zu bewohnen zwang, erst zum letzten Todesgang im Jahre 1923 verlassen, er wurde auf seinen Wunsch genau nach altrömischer Art bestattet im antiken Totengewand mit der Binde um d' e Stirn, und die ihn sahen bekennen die Erhabenheit seines Antlitzes i* 0 Tode. Er ließ auf seinen Grabstein die Worte setzen Ultima Lux: so b» s zu Ende seinem Geiste und dem Kampfe wider die Zeit getreu. Andre von den früheren Gefährten verwirrte der Umsturz aller staatlichen und g e ' sellschaftlichen Verhältnisse in Deutschland und verführte sie zu dem Glauben, der Tag ihres Handelns sei gekommen, neue Schichten der B e ' völkerung seien bereit, einen geistigen Ruf zu vernehmen und in die Ta umzusetzen. So veröffentlichte Lothar Treuge im Jahre 1920 „Die Ap 0 ' theose der Masse" und starb ehe er die Sinnlosigkeit seines Aufrufs l sehen brauchte, so gab Ludwig Derleth zur gleichen Zeit (1919) eine 0 Neudruck seiner „Proklamationen" heraus und mußte erkennen, daß sl ebenso wirkungslos im leeren Raum verhallten wie zwanzig Jahre frühe 1 daß wildester Aufruhr und Sturz verjährter Einrichtungen noch kein Wandlung der Geister bedeuten und die Stunde der Tat nicht von auß e kommt. Aber sein Bild stieg noch einmal in einem Gespräch Verweys m 1 einem französischen Literaten auf, das dieser im Mercure de Fran c (April 1925) veröffentlichte: „Ludwig Derleth: .Napoleon in der Hö 11 nannte ihn mir einer seiner Freunde. .Führer eines Heeres das nicht P steht', sagte Verwey damals. Jene Art Genie, die sich verleugnet und ve zehrt und unfähig die irdischen Grenzen anzuerkennen, seine Lava sein Wellen vorzieht. Ein großer Dichter, den fast niemand kennt, weil er st» seine Gedichte zu veröffentlichen, seine Phantome peitscht und ih° nachjagt. Ein Tyrann seiner wenigen Freunde, ein Diktator der Schatte • Ein Priester endlich, der aber nur dem Gotte dient wie er ihn sich ges ta 458 te t, und der manchmal seinen Schülern in schrecklichen Bekenntnissen JHM enthüllt: Jesus Christus der zu gleicher Zeit Julius Cäsar ist". Paul Gerardy war seit dem deutschen Einmarsch in Belgien für die freunde verschollen. Daß Leopold Andrian aus langer Vergessenheit im Staats- und Kriegsdienst noch einmal mit einer Sammlung seiner frühen Werke auftrat, erwähnten wir schon. Cyril Scott verdankte Deutschland z u viel, um im Kriege in den Ruf „gegen die Barbaren" einstimmen zu können. Wie aus seinen „Years of Indiscretion" ersichtlich ist, vertrat er einen matten Pazifismus, wie er wohl während der Kriegsjahre sonst ln England kaum zu finden war. So stand er nicht gegen uns aber auch n *cht bei uns sondern im theosophischen Nirgendwo. Henry von Heiseler kam, wie gesagt, auf seiner Flucht vor der restlosen Unmenschlichkeit u nd der ihm unerträglichen geistigen Öde der bolschewikischen Machthaber 1922 nach Deutschland zurück und knüpfte sogleich die Fäden fler Freundschaft wieder an. Er ging still und kampflos an die Ausarbei- u, ig seiner Schriften, von denen er seine Gedichte „Der Engel des Krieges" George widmete. Im November 1928 starb er. Im gleichen Monat starb auch Paul Thiersch. „Unser Freund", schrieb (Je f Meister nach seinem Tode, „wird bei uns in ehrender Erinnerung blei- be tt als Vertreter einer immer mehr hinschwindenden Menschenart: die es lc h schwer macht". Seine großen Gedanken in der Baukunst, von denen Se ine Entwürfe Kunde geben, hatte er nur in wenigen Werken ausführen können, da es den Zeitgenossen vor seinem strengen künstlerischen Wil- ^ n fröstelte. Aber im Kunstgewerbe setzte er die Linien der älteren Künstler, deren wir Erwähnung taten, fort und schuf auf Burg Giebichen- ^ e in bei Halle eine Schule, in der er ebensosehr durch Leistung wie durch Haltung und Wesen eine Luft hingebender Gemeinschaft erzeugte, die alle Kräfte ergriff und auch den widerstreitenden Neigungen der Lehrer nd Schüler das Merkmal einer künstlerischen Übereinkunft und eines endigen Zusammenhangs aufdrückte. Wir schweigen von anderen, denen in schlimmer Zeit das Blut erkrankte ^er die Kraft erlahmte und die nun mit ermatteten Sinnen meinten, er, er Meister sei anders geworden als damals. Der Tod der einen war unabwendbares Schicksal, dem Ehrung und Klage galt, das Irregehen der an- * re n. die schon früher die Mitte verloren hatten, erträglicher Verlust, er eine Trennung war durch die Dauer und Tiefe der Freundschaft, Uf ch die Größe der Person und durch ihre sinnbildliche Bedeutung für . as Geschick zweier Brudervölker von schmerzlicher Schwere und noch gelöster Trauer: die Trennung von Albert Verwey. Wenn zwei Völker nach jahrhundertelanger Scheidung sich in der 459 Freundschaft zweier Männer begegnen, in denen sich ihr geistiges Erbe und ihre geistige Zukunft gegenwärtig verkörpern, wie es in der Mitte der neunziger Jahre bei George und Verwey der Fall war, so muß gegenüber allem Trennenden das Gemeinsame, das sie vereinigt, von hinreißender Gewalt und Größe sein und sich durch ein ganzes Leben und Schicksal bewähren, wenn der Bund dauern und auch für die künftigen Geschlechter von befruchtendem Segen bleiben soll. Zwischen Holländern und Deutschen bestand als günstige Voraussetzung eines solchen Bundes die Blutsverbundenheit ihrer Stämme und eine frühere Schicksalsgemeinschaft' die von längerer Dauer war als ihre spätere Sonderung; bestand als ungünstige Voraussetzung eine jahrhundertelang gesonderte Entwicklung ihres staatlichen und geistigen Lebens, welche die Holländer in Gesittung und Bildung von Deutschland weg auf die Seite der westeuropäischen Völker geführt hatte. Wir haben erzählt, wie dieses Trennende in George und Verwey überbrückt wurde durch die gemeinsame Begeisterung für d» e neue Dichtung und den gemeinsamen Kampf für sie auf dem ganzen europäischen Felde. Über Partei- und Völkergrenzen, über religiöse und staatliche Verschiedenheiten hinweg verbanden sich die Dichter zur Erneuerung der Kunst, und beider Anschauung vom künstlerischen Schaffen umgriff so sehr alle Kräfte des Lebens, daß sie von einer solchen Erneuerung zugleich einen Umschwung der Geistesart ihrer Völker, ja ein Wandlung der Bildung und Gesittung des europäischen Menschtums * r ' hofften. So flogen die Herzen der Freunde einander zu, ihre Werke befruchteten sich im Wetteifer, einer lernte des andern Heimat von Jahr zu Ja* 1 inniger sehen und lieben, einer brachte des andern Schaffen unter seine Nächsten und bald auch öffentlich in seinem Volke zur Geltung. Es * a natürlich, daß bei dem Reichtum und der Eigenwilligkeit der beiden *** turen das gemeinsame Tun und Sinnen die Gegensätze und Verschieden heiten ihres Bildungsursprungs nicht in dem Sinne auslöschen konnte, da Verwey ein Deutscher oder George ein Holländer werden würde. Den dem Jahrhundert-Spruch Georges an die deutsche Jugend können wir o e Schluß des Verweyschen Aufsatzes „Holland und Deutschland" v0 Jahre 1900 an die Seite stellen: „So fühlen wir uns neben dem verwandte Deutschland stehen voll unserer Erinnerungen und Erwartungen. Unse Freundschaft mit den Besten dort ist die schönste Blume die unser Di c tertum uns pflücken läßt. Auch sie, ich weiß es, werden nichts lieber sen als die Verherrlichung der Wirklichkeit, die Holland ist". Nicht dam 111 handelte es sich das Eigne auszulöschen, sondern um die höhere Aufg a ' gemeinsam aber auf eignem Boden zu dem neuen Menschtum aufzuwa c sen, dessen sichtbare Zeichen sich in der Künstlergemeinschaft ankuno t> 460 te n. Daß George auf diesem Wege der Führende war, daß er, der Einsame »cheue und Zurückhaltende, mit stiller Hand die Fäden der befreundeten *-eben knüpfte und an seine Mitte band, daß er der hohen Dichtung, als s ie ringsum in Europa zu erlahmen begann, mit seinem Feueratem immer stärkeres Leben einhauchte, von Werk zu Werk den Bogen des neuen Lentis fester und strahlender spannte und immer neue Kreise der besten Ju- Send in seinen Bann riß, daran haben auch Verweys Gedichte und Aufsätze keinen Zweifel gelassen. Abei Verwey ging, als der SIEBENTE RING ^schienen war, diesen Weg nicht mehr wie bisher an der Seite des Freunds mit, er zweifelte wie wir geschildert haben, zum ersten Male an der ütistlerischen Durchdringung der ihm nicht genehmen Stoffe durch ^ e orge, er sah noch auf das Gemeinsame, aber auch auf das Trennende Uft d wo es heißen konnte: Ich folge dir auch auf dieser steilen und frem- etl Bahn, weil du der größte Dichter bist, klang nun das schmerzliche °rt: Ich kann dir nicht folgen, weil du zu sehr Deutscher bist. Aus dem Jahre, in dem DER SIEBENTE RING erschien, stammen zwei e dichte Verweys: „Wir Beide, Brief an einen Freund" und „Ich kannte >len Mann" — in den „Gestalten aus meiner Lebenszeit", — die er in ^ et Blank Heelal (1908) veröffentlichte und in denen er die gemeinsame Kundschaft besingt. Sie lassen vom Tage ihres Beginnes an die glück- c hen Jahre des gegenseitigen Austausches, der schönen Traumfahrten er Zeiten und Räume, die Gewinnung des rebengeborenen „Südlän- er s" für das stolze donnernde Meer, die Gewinnung des nebelgeborenen le derländers für den Zauber der rheinischen Hügel und Kathedralen vorzuziehen. Sie erinnern an die Glut ihres kampfbereiten Künstlertums, die "der eines schöneren Daseins vor ein betörtes Geschlecht zu stellen, daß l m lebendigen Wort das tiefste Wesen der Dinge wieder erfassen, sein le ben und Leiden edler erkennen lerne. Sie stellen George als den stren- re n Geist hin, der bei seiner Ankunft schon die großen Linien gesehen nd gezogen hatte, die dem Freunde noch unbestimmt vor der Seele "Webten: als den Unbeugsamen, der schlimmere Peinen litt und in größer Ungunst heimischen Schicksals stehend dennoch stolz sein ewiges u lstwerk formte und so dem Freund die Stütze gab und den Weg zeigte, ch sein Land und seine Liebe in neuem Tone zu singen: -------Er gab mir Stütze und ich übersah mein Leben Ich band alles Irdische, das mich wirr bewog, In Tönen Linien Formen und das Schweben Unirdischen Lichts vorm nach innen gekehrten Aug. Ich sang mein Land: Ich war der Wiedergekehrte Ich sang meine Liebe: Ich war der Vielgelehrte Der das Herz wiederfand, das ihn noch nie betrog, 461 Das Kinderherz das in mir jauchzte und klagte Und nur noch nach Liebe und einem Freunde fragte. Auch das zweite Gedicht klingt ähnlich in dem Wunsche aus: „noch länger zusammenzusein, denn einen Tag". Und dennoch tauchte im fol' genden Jahre bei der Besprechung des SIEBENTEN RINGS das Trennende auf und führte die Gegensätze in der Seelenartung der beiden Freunde ans Licht, welche das Jahrzehnt gemeinsamen Tuns ausgelöscht zu habe 0 schien. Verwey äußerte sie zunächst noch in verhüllter Form, dann in 1 Krieg in offner Parteistellung gegen alles Deutsche schlechthin. Erinnern wir uns, daß Verwey die Dichtung als rhythmische Lebensbc wegung auffaßte, in der das Wesen der Wirklichkeit eins ist mit der menschlichen Einbildung, daß daher die Dichter durch ihre Gedichte die Einheit der Welt aufrechterhalten und in ihrer ganzen Tiefe und Umfänglichke» 1 bejahen. Die Aufgabe des bildnerischen Triebes schien ihm daher d» e möglichst vollkommene Darstellung der inneren Gesichte in reine" Kunstformen zu sein und gerade darin hatte ihm das Zusammentreffe! 1 mit George erst die dunkelgeahnte Klarheit gegeben. Ja er erfüllte sich s° sehr mit dem Geiste der hohen Dichtung, daß nun seinen Holländern vo der „Kälte" seiner neuen Gedichte grauste, die eine unmittelbare kunst' lose Gefühlsäußerung ausschlössen. Verwey sah also das dichterisch Schaffen als die besondere rhythmische Form der Lebensäußerung welch das höchste Recht neben anderen Lebensgebieten wie Religion, Staa > Wissenschaft und Wirtschaft forderte, aber nicht mit ihnen zu vermische sei. Sie habe sich nur um die Schöpfung ihrer Bilder zu bemühen, sonS um nichts. In dieser Auffassung lag eine Begrenzung und Vereinzelung der dich terischen Gestaltungskraft, welche für George niemals Geltung geha hat. Selbst sein „L'art pour l'art" trug von vornherein den Anspruch l sich, alle Lebensgebiete mit dem künstlerischen Geiste zu durchdring e und die Welt von der Mitte seiner dichterischen Schöpfung aus zu ergr e fen und umzuschaffen. Für ihn war die Wirklichkeit nicht nur inneres se lenhaftes Wesen, sondern zugleich auch äußere Erscheinung in Gewächse Leibern, Völkern und Göttern und den Darstellungsformen ihrer Gerne' schaft, es gab für ihn kein neben der Kunst, sondern nur ein in ihr ° außer ihr, er kämpfte nicht um ihre Gleichberechtigung in der Gese schaft, sondern um ihre Herrschaft, er war Bote und Schwert ihrer g° liehen Urkraft und mußte ihr zum Sieg über die ganze ihm entgeg e stehende Daseinsform des Europäertums verhelfen oder untergehen, wirkte auch in seiner scheuesten Zurückgezogenheit stetiger und stär nach außen als Verwey mit seiner ununterbrochenen Anteilnahme an 462 öffentlichen Geschehnissen Europas. Selbst Verweys Hersagen war im Gegensatz zu der heroisch-klaren Art Georges mehr elegisch-klagend und hatte jenen Ton der Innerlichkeit, in dem der Rhythmus mehr seelenhaft a ls körperhaft erklingt: es war das Lesen eines Einsamen, während im Ton Georges stets ein nach außen Wirkendes und die Hörer Einbeziehendes deutlich wurde. Aber Verwey sah im SIEBENTEN RING nicht ein Weiteres Umgreifen der Wirklichkeit durch die dichterische Kraft, vielmehr ein Abirren Georges von der gemeinsamen künstlerischen Linie in die Gebiete der Prophetie und der Herrschaft. Er glaubte, wie gesagt, dieses Abirren in besonderen Eigenschaften des deutschen Wesens begründet zu sehen, die es vom holländischen ja von dem aller übrigen Völker trennten: nämlich in einer Überheblichkeit der völkischen Selbstbe- w ußtheit und des geistigen Anspruchs gegenüber den Nachbarn und in einer auf Überlieferung gegründeten adlig-herrscherlichen Fühlweise, die der modernen demokratischen Ordnung der bürgerlichen Gesellschaft re md und feindlich gegenüberstände. Als Verwey in der Besprechung des SIEBENTEN RINGES erklärte, daß die Holländer in der Gleichheit mit a Uen Lebenden ihre wahre Erhabenheit erführen und daher die George- Sc hen Denkbilder von königlichem und adligem Menschentum zurückwies, als er in der Besprechung des STERNS drei Gedichte anmerkte, die 'hni schön deuchten und erklärte, das übrige ginge Holländer nichts an, _ ehrte der Dichter dem Dichter gegenüber einen Gegensatz hervor, der lrtl Jahrzehnt des gemeinsamen Weges niemals lautgeworden war. Er ^hrte zu einer Anschauung zurück, die er in der Einleitung zur „Zweimonatlichen Zeitschrift" (1894) in seiner naturalistischen Schaffenszeit geäußert hatte: „Die Gleichheit aller Menschen: da ist sie wieder gebie- e nd über alle anderen, das Gesetz der Menschlichkeit.--------Die Griechen ka nnten sie, aber sie blühte über einem Sklavenstaat. Christus lehrte sie, De r als einen Trost und eine Seligsprechung in einer Welt der Ungleichst, mit dem Versprechen auf Gleichheit da droben.-------Gleichheit, also ^Menschlichkeit! Seit am letzten Januar 1790 in einem tiefen finstern hönetal zehntausend Bewaffnete auf einem Knie, Hunderttausende vergegenwärtigend, und auf zwei Knien dreißigtausend, die es ansahen, den e üigen Eid taten, den Eid der heiligen Gleichheit und es ein Schreien nd Jauchzen war bis zu den kupfernen Gipfeln der Ardeche — seit da- ^ a ls ist die Begierde nicht aus der Luft gegangen und die dort Tränen er Freude weinten, sollen es nimmer nimmer vergeblich getan haben.------- Weichheit also Menschlichkeit! Wenn das Verlangen in den Herzen lebt lc h in Lachen und Tränen zu finden, was macht es dann, ob Ungleich- eit von Gütern und Ländern es eine Zeitlang unmöglich macht. Das 463 Gesetz der Menschlichkeit wird erfüllt werden über Europa. Wir haben die Gleichheit zu lieb in Leid und Freude. Und ob wir sie erreichen oder unsere Kinder: die Menschheit erreicht sie, weil sie es wünscht". (Proza VII.) Welche Macht hob diesen verschollenen Ton wieder hoch in einem Manne, den George aus dem Häuslichen und Umfriedeten gezogen und in den Sturmwind einer Erneuerung des heldischen Geistes gestellt hatte? Der wahre Dichter kann aus dem Wesen seines Führer- und BildnertumSi aus dem Wissen um menschliche Stufen nicht Vertreter einer allgemeinen Gleichheit, nicht Gläubiger der Herrschaft des Volkes als einer ununter- schiedenen Masse gleichberechtigter Einzelner sein. Keine Staatsgemeinschaft der Geschichte, die nicht an solchem Glauben verdorben wäre, der freilich entsteht, wenn die herrschende Führerschicht versagt, aber zum Untergang des Volkes führt, wenn es keine neuen Träger der Herrschaft gebiert! Verwey hatte im gemeinsamen Kampfe hohe Worte für das herrscher' liehe Amt des lebenerneuenden Dichters gefunden: sollte das alles nu r Sinnbild und die Einheit von Traum und Wirklichkeit nur Versspi el bleiben? Lohnte wie für die Gleichheit kein Opfer, und wäre es das von Hunderttausenden, für die Schaffung adligen Menschtums? Hatte er nicht in George und Waclaw Lieder Menschen gesehen, die täglich eine 11 Thron besteigen konnten, ohne ihrer Menschlichkeit etwas zufügen oder wegnehmen zu müssen, und waren es s i e nicht, die härtere Worte a» Verwey selber gegen die hohlen Flitterkönige und den erschlafften ErD' adel Europas gefunden hatten? Nun schreckte ihn die göttliche Wirklicn' keit, welche aus den Gedichten des Freundes sprach, und er stellte sie auf die Seite des alten „Gids" der gerade damals (1911 Nr. 12) Georg als den Tyrannen von maßloser Herrschsucht zeichnete, der die Schlich ' heit der Dinge mißkennt und die geringe Menge mit Mißachtung k c ' handelt: „Die Lust zum Herrschen scheint aus dem hochgetragenen Kin°' spielt um seine Lippen. Man lege daneben das demütig gebogene Dulder haupt Verlaines, dann wird man sich nicht wundern, daß Georges ■»*• Freunde, die auch wahre Dichter sind, ihren eigenen Weg gegangen sin und sich gegen den Einfluß des Diktators gepanzert haben". Doch dies wenigstens konnte die Meinung Verweys nicht sein. Kein wie er selbst hat erfahren, mit welcher werbenden Liebe George sich * diesen Jahren um die erschütterte Seele des Freundes mühte; wie lange Jahre suchte, ihn mit in seine Welt zu ziehen, ohne anderes Mi* 1 als das der klärenden Deutung und Überredung; wie er einmal nach tag langer Unterredung aus einer Bemerkung des Freundes die Entfernung erkannte und doch in unvermindertem Vertrauen ausrief: „Dann hab 464 w ir acht Tage lang umsonst geredet und ich muß wieder von vorn anfangen". Verwey sah aus der Kluft, die sich in ihm geöffnet hatte, früher Und deutlicher, daß es sich bei diesen Widerstreiten um die Grenzen ihrer kebensbereiche handelte: Grenzen an denen sich die im Westen Europas gültige Denkart der Völker und die besondere noch im deutschen Volke beschlossene Denkart stießen. Denn auch auf dem höchsten Gebiete menschlichen Glaubens hatte diese deutsche Denkart in den letzten Werken Georges und seiner Folger einen Weg beschritten, der dem westlichen Menschen ungangbar war: es war die Wendung zu den heimischen, den vaterländischen Göttern, es war e "i neues aber auf alter deutscher Wurzel entsprossenes „Hieratisches", ^ie Verwey es nannte, das ihn fremd anwehte und ihm außerhalb der dichterischen Vorstellung zu liegen schien. Wohl hatte er sich im Jahrzehnt v °rher den katholischen Umgebungen, in die George ihn in Deutschland ty hrte, mit offener Freude und wachsender Vertrautheit hingegeben. Aber hl er mochte ihn überall ein Persönlich-Nahes berühren und anziehen: bei den Verwandten in Bingen das Familiäre, in das er den unbekümmerten "'eltwanderer George versetzt sah, bei dem Westfalen Lechter vielleicht 6l n Gleichklang niederdeutschen Stammes und vor allem die Unbedingt- he it seines Künstlertums, bei Derleth der Stolz des einsamen Streiters Utl d die herbe Opferwilligkeit der Schwester, die ihn an seine eigene tr enge und fromme Mutter erinnerte. Die ihm fremde Gläubigkeit dieser Menschen war auch seinem religiös-pantheistischen Fühlen noch schön Schienen, aber als der Dichter und Seher aus dem Grunde noch leben- ai ger deutscher Glaubenskraft in deutscher Jugend die leibliche Erfüllung s einer Gottessehnsucht fand, seinem höchsten Traum die Wirklichkeit Cr irdischen Erscheinung schuf und sie in Werken und Menschen mit Se inem Geiste weiterzeugte, da meldete sich beim Westeuropäer der Zvv eifei am „Prophetentum", der Zweifel an der Größe menschlicher Verjüng, die das Herkommen nun schon jahrhundertalter aufgeklärter enkweise zerbrach, und vor allem der Zweifel an einer göttlichen Neu- 6e burt aus dem Blut und Geist des gegenwärtigen Deutschland. Der demokratische Gedanke der Menschengleichheit mündete hier in den der dlkergleichheit und ertrug es nicht, daß dieses eine Volk in seinen lc htern den Anspruch erhob, eine weltbildende Kraft geboren zu haben nd leibhaft in sich wachsen zu sehen. George forderte auch hierin vom re unde kein ihm fremdes Bekennertum, nur gerechtes Vertrauen und as Anschauen dessen was werkhaft aus diesem Glauben entstand. Verwey nannte George „Herz und Gewissen der Zeit", seine Welt die ltl2 ige die seit der Goethes um ihrer selbst willen Aufmerksamkeit ver- 3o 465 diene, aber er sah sie durch die Art ihrer Vorstellung, die weder in pro' testantischen noch in republikanischen Ländern gedeihen könne, vor» Europa geschieden, zu dem Goethe, obwohl deutsch, durch die Art seiner Idee noch bequemen Zugang hatte. Er nannte Deutschland in dem gleichen Aufsatz, der schon in die ersten Kriegsmonate fiel, ein wachsendes Volk» das gerade dadurch in mancher Hinsicht für andere Völker Schule un» Nährboden sei, dessen Dichter wie vielleicht keine in ganz Europa das doppelte Geschehnis — die festgewurzelte in unverwischbaren Linien von Volksart und Überlieferung gedeihende Reifheit der Nachbarn und das vielfältig blühende von allen Seiten sprießende Wachstum bei ihnen selbst — ganz klar und voller Liebe begriffen hätten, aber er hatte kein Wort des Anteils für sein Schicksal und stellte dem Wachsen Deutschlands d» e gleichberechtigte Reife der übrigen Völker kühl abwägend entgegen. E r bestätigte den Dichtern der Blätter, daß sie bei dem Auftrieb ihres Volk eS am Beginn des Krieges in den allgemein erwachenden Gefühlen der Verehrung und heldischen Selbstaufopferung sich selbst und den in ihrer Dichtung gepflegten Sinn wiedererkannten, daß sie Herz und Mund ihres Volkes seien, insofern sie und nicht andre erlebten und ausdrückten was ihres Volkes innerstes Wesen ist. Er lobte, daß sie dennoch wie die Ei« 1 " leitung der zehnten Folge zeige, sich „überraschend schnell" ihrer bleibenden Sonderung von den der Dichtung und der inneren geistigen Einhe« feindlichen Mächten einer nur äußerlichen Volkseinheit bewußt geworden seien. Aber kein Wort verriet in seinen etwas spitzfindigen Unterscheidungen und fast drohenden Mahnungen, daß er zu seinen Freunden, 2 denen sprach, die allein im eignen Volk und unter den anderen Völker das auch ihm heiligste Gut behüteten, kein Wort verriet, daß eine We» von Wut und Haß zerstörungswillig und verleumdend nicht nur geg e die „äußerliche Einheit" der Deutschen heranzog, sondern gegen a« ,e was diesen Namen trug. „Sie wissen" schrieb er von ihnen, „daß d 1 Gemeinschaft, in der sie mit den ausländischen Dichtern leben, eine solcn ist, die niemals auch durch einen Krieg nicht zerstört werden kann"- *» war längst zerstört, in Frankreich, in Belgien, in England, in Dänernar » in Rußland und Italien, wo nach dem Tode oder Stummwerden der früh ren Gefährten das junge Geschlecht längst im Haß gegen die Deutsche groß gezogen wurde und damals auch nicht ein Wort des Widerhai mehr auf die großen Werke Georges ertönte. Sie war längst zerstör - wenn man nicht an eine imaginäre Gemeinschaft unpersönlicher Bez» hungen denken will, die für George und die Seinen weniger als N« cn bedeuten. Und der Einzige des einzigen Nachbarlandes mit dem sie no c bestand, Verwey in Holland, verleugnete sie selbst. Ihm war der Kr» e & 466 n ur das politische Sinnbild der gleichen Überheblichkeit des deutschen Geistes, wie er sie in den letzten Werken Georges gefunden hatte, und er sah gerade in den geistigen Deutschen, die für ihr Vaterland in diesem Kampfe ohne Rückhalt eintraten, die größere „Schuld". Es war eben die scheinsittliche Stellung, welche die Verbandmächte gegen Deutschland a ls den „einzigen Schuldigen" einnahmen, als handle es sich auf ihrer Seite um die Bewahrung der europäischen Kultur, einer Kultur gegen deren Verderbtheit hüben wie drüben Verwey mit den deutschen Dichtern lr * einer Linie gestanden hatte — und als handle es sich auf deutscher Seite um eine Bedrohung der Menschlichkeit und Gesittung der ganzen Erde. Verwey hatte im Burenkrieg eine einzige wilde Anklage gegen England erhoben, das einen Krieg führe, der Mord sei, das „eine Ewe von unrecht" heraufbeschwöre. Jetzt ließ er sich von den faustdicken Lügen der Verbandmächte unter Englands Führung einfangen und stellte sich °ffen auf ihre Seite mit Einsatz seiner öffentlichen Stimme in der von 'hm geleiteten „Beweging". Da die Deutschen den räuberischen und kulturlosen Machthabern des Preußentums gefolgt waren, sah er in ihnen öl e einzigen verantwortlichen Verursacher und Angreifer des Weltkrieges u nd brach bei der Beschießung von Reims und Ypern in die Frage aus, °b diese Zerstörer denn die deutschen Jünglinge wären, die George er- 2 °gen hätte? George konnte mit Recht antworten: „Ja das sind sie und ***en ihrer mehr, so würden sie auch siegen! Und föchten alle in ihrem ° l «ne so lohnte es auch den Sieg!" Er konnte dies mit Recht antworten, We » die Seinen für das beste Gut ihres Landes fochten, das der feindliche ef nichtungswille ebenso bedrohte wie das bestgehaßte Preußentum, er *°nnte es um so mehr als diese Jünglinge das gemeinsame Schicksal des °lkes mit ihrem Blute besiegelten, aber keiner von ihnen den Blick ver- ° re n hatte für das Hohe und Niedrige in der heutigen Menschenart r außen wie drinnen. Über die Bewahrung aber von Bau und Bild „beim §r oßen Brand" war im STERN DES BUNDES das Nötige schon gesagt, ü nd wer f ragt heute noch danach oder wird bei den künftigen Kampf- •tteln diesseits und jenseits des Wassers danach fragen! Wenn aber das «bedingte Eintreten mit Tat und Wort — und ein anderes gebührte sich Ur die Jünglinge nicht in dieser Stunde — Verwey verwirrte, so hätte . " e an das eigne Volk gerichtete harte Stimme Georges im Kriegsgedicht m zeigen müssen, wo die Dichter standen und wofür sie stritten. Aber Uc h darauf fand er nur die bittere Antwort, daß Nordfrankreich auch c hön sei und daß es dennoch „fremder Tritt verheere". ^!s dann der Friede die „Ideale" der Verbandsmächte als das erwies as sie von jeher waren, als Phrasen von Gerechtigkeit und Menschlich- 467 keit, als geschickte Umkleidungen nackten Raubhungers und wilder Vernichtungslust, als sie sich auflösten in das kalte Spiel der Anglo-Amen- kaner und Italiener, in die schrankenlose Rachgier der Franko-Afrikaner und den blutigen Taumel der Russo-Asiaten, da gab Verwey wohl im privaten Gespräch seine tiefe Täuschung und Enttäuschung zu, da kam er wohl als erster der Ausländer zu George, um sich mit dem Freunde über die schlimmen Jahre auseinanderzusetzen. George bekämpfte seinen Vorwurf gegen den deutschen Stolz mit der Frage: „Wenn Holland, dieses kleine Land mit ein paar Millionen Einwohnern und einigen G*" viertmeilen Sumpfflächen behauptet, es hätte den größten Maler der Erde hervorgebracht: ist das keine Anmaßung, keine Überheblichkeit? Aber nehmen wir an, dies verhielte sich wirklich so, dieses kleine Land hätte wirklich den großen Maler hervorgebracht...!?" Die stumme Folgerung konnte Verwey nicht mehr ziehen. Auch fand er kein öffentliches Wort für die Änderung seines Sinnes nach dem Kriege, keines der Verurteilung für unsere Feinde, wie er es für uns gefunden hatte. Und da dies nicht geschah, gab die elfte und zwölfte Folg e ihm mit einigen Sprüchen Georges und dem Gedicht „Der Abschied" von Wolfskehl die öffentliche Antwort auf seine Stellungnahme im Kriege- Es sind erschütternde Verse, die ihm im dichterischen Spiegel vorhielten, was wir erzählt haben: die ganze Größe der Freundschaft, die ganze Tie" der Hoffnung, daß ein Einziger auf dem Erdrund das heilige Los der Dichter richtig sehe und als Einziger nicht das geistige Band zerreiß e ' den ganzen Schmerz der Enttäuschung, daß dieser mit allen draußen sie» 1 gegen die stellte, die seiner Art waren, die sein Werk liebten wie nieman sonst und deren Reich trotz aller Widerstände auch das seine war. Ni crl sie, die für ihr Land dem Schicksal mit dem letzten zahlten und dennoc in solcher Stunde den inneren Herd hüteten und wahrten, sondern e hatte Partei ergriffen und sich einer Gegenwelt angeschlossen, die aud 1 seinem Dichterglauben im Tiefsten fremd und feind war. Der an die N eU ' Schöpfung einer schöneren Welt durch den deutschen Dichter ni c " glauben wollte, hatte sich blenden lassen durch die aufgeputzten Götz e des alten Europäertums und als diese bunten Lappen, sobald sie ihr e Dienst getan hatten, ohne Scham beiseitegeworfen wurden, stand schweigend allein. Er gab das Organ seiner Wirkung die „Bewegung bald nach dem Frieden auf, weil alles gesagt war, und Holland empf an die Sammlung seiner Prosen als einen Abschluß: daß er nun nicht m e öffentlich mit seinem Urteil in das geistige Geschehen eingreifen wollt • Sein Leben war auf einen gefahrdrohenden Punkt gekommen, der D» c ter rettete sich in eine Übertragung der Göttlichen Komödie Dantes ü n 468 die Erschütterungen seiner Seele schwangen in einer schweren Krise seiner Gesundheit aus. Seine Landsleute ehrten ihn durch die Übertragung eines „vaterländischen Lehrstuhls für die Dichtung" und so mußte gerade e >* vom alten Gesamteuropa, das der Krieg zerschlagen hatte, in die heimische Enge gehen. Holland hatte sich in seinem besten Geiste des Willens begeben, mit in die neue geistige Weite der Deutschen zu gehen und seine Enkel werden unter neuen Kämpfen abermals beginnen müssen, den ^eg ins Reich zu suchen. Dennoch, die Nöte des Schicksals haben den Faden der Freundschaft °ie ganz zerrissen, die Sprüche Georges an Verwey haben bei aller Unerbittlichkeit in der geistigen Entscheidung den Ton der Nähe, Verwey selbst hat in dem Gedicht „Von dem Gott und seinem Leid" (in „De Weg "an Het Licht" 1922) sinnbildlich diese nötige Unerbittlichkeit seines Tillen Meisters als den tiefsten Grund ihres Zwiespalts dargestellt, diese »leidende Erbarmungslosigkeit", deren Milde die Liebenden lockt und deren strahlende Medusenmaske die Gemeinschaft mit den Geliebten unmöglich macht. Wäre er Gott allein gewesen, so hätte er mit einem Latein alle Sterblinge zu seinem Wesen gewandelt, aber da er Leiber Reich u nd Ordnung kor, so mußte er menschlich herrschen, wurde „Schließer ^r Grenzen", der die Gemeinschaft, die Götterreinheit rettete, wurde wis- Se nder Trenner, der den unbewußten Bund durch die Geheimhaltung Markte und die Schmäher in ihr kerkerndes Selbst verwies. So lautet der Schluß — in Sinnübertragung —: Mein stiller Meister! Ist dein Leib der Meine So leid ich also dein Geschick: leid ich grausame Trennung von Freunden, Zwang ununterbrochen Reglos zu stehn, indes ich laut begehre Sie zu umarmen, leid ich Mißverstand Und Untergang zu Füßen Mal um Mal Von denen die in Schönheit lebend mit dem Drang Fürstlicher Liebe in Hand und Aug Sich zu mir wandten, leid ich mit die Pein Von Menschlichkeit, doch mit dem einen Trost Daß immer neu durch meinen trüben Leib Das Lächeln ausgeht deiner Göttlichkeit. Wir haben uns bei der Darstellung dieser Geschehnisse länger verweilt, e »l wir darin die Schicksalsfrage zweier germanischer Bruderstämme er sinnbildlicht sehen, deren Lösung uns schon in der Dichtergemein- c naft vorgedeutet schien. Aber der Krieg offenbarte erst ganz und bis ^ den Nächsten hin die tiefen von den Blättern schon verkündeten Ut te zwischen dem neuen dichterischen Geiste Deutschlands und dem 469 alten der europäischen Gesellschaft. So lagen die Gründe der Trennung zwischen Verwey und George über dem persönlichen Schicksal und sie erfolgte ohne menschliche Einbuße der Beteiligten und ohne Bruch. Kein verletzendes Wort ist zwischen den Freunden gefallen, sie trugen beide das Notwendig-Auferlegte, und sowohl George wie die Dichter der Blättergemeinschaft verehren weiterhin in Albert Verwey den größten zeitgenössischen Dichter im außerdeutschen Raum. 5 KAPITEL: DER DICHTER UND DIE ZEITMÄCHTE WEDER der Krieg noch der Friede hatten, wie wir zeigten, die Stellung des Dichters auch nur um Haaresbreite ändern können- Was wechselte, war die in völlig veränderten Welttatsachen notwendig andere Äußerungsform seines unveränderlichen Wesens. Nicht die Niederlage sondern die Zertrümmerung des Staatsganzen und die Gefährdung der durch das Preußentum immer noch bewahrten wehrhaften und staaterhaltenden Triebkräfte: dies war das Äußerliche worauf sich im Ja nre 1921 das neue Wort des Dichters in die Zeit bezog. Hatte er während des Krieges der Phrase von Heldentum und Erneuerung den unerbittlichen Satz entgegengestellt: Wie ein Jahrhundert so auch seine Kriege —- s ° gab er nun gegenüber dem Rasen aller nihilistischen Wähne in den „Dr el Gesängen" den einzig bleibenden Trost im Hinweis auf das neue G e * schlecht, das er erzog, und rief in der Zeit, die jede Vorrichtung geg en künftig ausbrechende Heldenregung traf, nach dem einzig helfenden, den 1 Mann der das Neue Reich pflanzt. Er sparte auch jetzt die Geißel nie» gegen Frevel und Feigheit draußen und drinnen, aber er lehrte die Tote ehren als Blutzeugen der heiligen Ehre und Mahner der Vergeltung- lehrte uns in dem Gedicht „Einem jungen Führer im ersten Weltkrieg J sich vom Schwärm der Lästerer scheiden, die die „vergeblichen Opi er des Kampfes verhöhnten oder — schlimmer noch — bemitleideten utl bedauerten, und mahnte im Bejahen des schlicht und groß Getanen de Stolz vor dem Geschick zu bewahren und den Sinn des Geschehenen z retten. Die Wucht der Widerstände, welche dem Weltbild Georges entgeg e ° stand, war nach dem Kriege nicht geringer sondern größer geworden. ^ erdumgreifende Macht der heutigen Wirtschaftsgesellschaft, um nur o l maßgebendste Einheit ihrer Bildungen zu nennen, schien unerschütterba 470 Nur ein Narr konnte nach der Meinung ihrer Vertreter — ob Kapitalisten °der Sozialisten — glauben, dieser gewaltige immer noch wachsende Bau konnte jemals aus den Fugen geraten, nur ein der Wirklichkeit unkundiger Träumer konnte den nutzlosen Versuch wagen, ihr ein andersgeartetes Weltbild entgegenzusetzen. George war vor dem Kriege von dieser "Meinung gestreift worden, als sie ihm in einem der vornehmsten Träger des Zeitgeistes entgegentrat, der weit über dem dumpfen Triebglauben der Vielen stand, aber mit klarer Einsicht in die tiefen Schäden seiner Welt sie dennoch bejahte: Max Weber. Erst spät nach schweren Erschütterungen seines Mannesalters hatte Max Weber sich der Dichtung Georges bemächtigt, eigne jüngere Schü- le r und vor allen Gundolf, der wie er in Heidelberg lehrte, hatten ihn auf ^inn und Ziel des Kampfes hingewiesen, den die kleine um den Dichter Sescharte Gruppe führte, und im Jahre 1910 auch die persönliche Bekannt- Sc haft mit George vermittelt. Von den deutschen Gelehrten, mit denen George zusammen traf, war ^ax Weber vielleicht die menschlich größte Kraft, an Lauterkeit des Charakters Simmel, an Umfang und Klarheit des Wissens Dilthey vergleichbar. Er gehört zu jenen protestantischen Menschen, die mit asketischer Strenge, die unbedingte Vereinzelung der Trotz-Person aufrecht- selten : die nichts mehr fürchteten, als einem verstandlich nicht auflös- ar en Zauber des Geistes oder Blutes zu erliegen, und darum eher die eilige Entzauberung aller menschlichen Gebilde durch den alles erken- ne lden Verstand verfochten, die lieber noch Narr und Revolutionär auf e '8ne Faust sein wollten als nur die Möglichkeit einer Bindung für den eut igen Menschen zugestehen. Schon von einem Weberkreis zu spre- e n, hat einer seiner Schüler geschrieben, ist bei diesem „Urbild aller f zketzer" eine Sinnwidrigkeit: Denn er „hat einer jeden Institution, ta at, Kirche, Partei, Trust, Gesellschaft, Schulzusammenhang, das heißt ln em jeden überindividuellen Gebilde gleichgültig welcher Art, das mit ettl Anspruch auf metaphysische Realität oder auf Allgemeingültigkeit *trat, den Kampf bis aufs Messer angesagt. Einen jeden Menschen, und °chte er auch ein Don Quichotte sein, liebte er, wenn er nur sich und as Individuum als solches gegenüber dem unberechtigten Anspruch der ns titution aufrechtzuerhalten suchte". (Köln. Vierteljahr, f. Soz. V, 3.) ^ er bei starrer Aufrechterhaltung der inneren Freiheit der Person war eber von unbedingter Bereitwilligkeit, sich in äußeren Kämpfen für r eund und Staat und Vaterland einzusetzen und eher zu viel als zu wenig tl in. Bei empfindlichem Ehrgefühl zwang er jeden versteckten Gegner c n durch groben Anwurf über das Maß hinaus zum offnen Kampf, um 47' dann mit gleicher Ehrlichkeit das überspannte Ziel wieder zurückzustecken. Bei innerer Liebenswürdigkeit stand er so nach außen in steter Fechterstellung, bei dem Bedürfnis nach besinnlicher Stille suchte er den er- regenden Streit. Ein Mensch, der immer das Entgegengesetzte von dem verteidigte, was seiner Natur gemäß war, am liebsten die Meinung vertrat, die ihm am schwersten fiel, als beruhe der Prüfstein sittlichen Handelns darin: nie das zu wählen was dem eignen Wesen entsprach und ohne inneren Widerstand zu vollbringen war. In seiner gewaltigen Ar* beitskraft fühlte er, um sich genug zu tun, noch „das Bedürfnis, unter der Arbeit zu erliegen". Er ist ehrwürdig als einer der letzten Vertreter bürgerlicher Geschlechter, die sich Denken und Handeln etwas kosten ließen, er ist unselig, weil er stets auf verlorenem Posten kämpfte u nd für die gegensätzliche Lagerung seiner Kräfte keinen Ausgleich fand- Denn dieses gegen die eigene Neigung protestierende Pflichtgefühl "■" eine letzte geistig verfeinerte Einung von Preußen- und Puritanertum •"" dieses Wider-Sich auf jeden Fall gab den bedeutenden Kräften des Man' nes die stete Spannung aber auch arge Glücklosigkeit des Schaffens, deren er sich tief bewußt war, und in der er dennoch seinem Wesen nach g e ' rade die Rechtfertigung seines gnadenlosen Weges fühlen mußte. So kam Max Weber, der in seiner Jugend den stärksten Eindruck von der nüchternen Handlungskraft Bismarcks erhalten und im Nationalstaa auch sein Wirkungsziel gesehen hatte, zu einer immer blasseren Abg e ' zogenheit seiner Vorstellung vom Staate, so suchte er seine zerfahren Fachwissenschaft, die Volkswirtschaftlehre, durch die Philosophie tiefe zu unterbauen und griff zu diesem Zwecke zur lebensleersten Erkenntm s ' kritik des letzten Neukantianers, so bemühte sich dieser leidenschaftl> cn Urteiler die Wissenschaft völlig von jedem Werturteil außer ihrer Sphär zu trennen, als es keine allgemein anerkannten Werte mehr gab, um o| solche Scheidung gelohnt hätte, so arbeitete er unermüdlich an einer & Geistes- und Wirtschaftsgebiete umfassenden Gesellschaftslehre und vei" focht zugleich die unbedingte Vereinzelung der Sonderwissenschafter*- „Aus seinem Agnostizismus und aus seiner asketischen Verpflichtethe' heraus hat Max Weber die freudlose Hingabe an die isolierte Einzeln» senschaft gefordert.....und selbst das Opfer der historischen Deta« forschung gebracht". (Köln. Viertelj. f. Soz.) Und nicht anders als aU dem Gebiete des Forschens und Denkens standen sich auf dem des Ha delns seine Pole entgegen: Dieser vornehme Mensch, der seiner Art na die Herrschaft einer Aristokratie allen demokratischen Herrschaftsform vorzog, focht sein Leben lang für die Demokratie in Deutschland. " selbst zum Führer geboren war, verneinte ein persönlich herrscherli cn 47a Führertum, und als er in der bittersten Not während und nach dem Kriege sich seinem Volke als zu erwählender Führer mit all seinen Kräften zur Verfügung stellte, versagte ihm das Volk schon in Gestalt seiner Partei den gebührenden Platz und Rang. Wir führen diese inneren und äußeren Schicksale in keinem Sinne an, u m das Gedächtnis des verehrten Mannes zu mindern, wir wollten nur zeigen, wie zwiespältig es um den Besten der Geister stand, der seine Zeit Segen George zu vertreten suchte, und wir scheuen uns fast sie noch um die des religiösen Bereiches zu vermehren, auf dem Weber bei einem mu- ll gen Diesseitsbekenntnis und der unerbittlich scharfen Einsicht, daß die Welt der Schönheit und Würde, Ehre und Größe im unvereinbaren Widerspruch mit der Lehre des Christentums stehe, diesem dennoch verbunden blieb. Man spürt wie fern diese Seele der Georges war: die Dissonanz Wa r ihre Erlebnisform, und die Unvereinbarkeit der Gegensätze des Da- s eins fanden nicht wie beim Dichter eine geistige Lösung in der künstlerischen Gestaltung des Werkes und des Lebens, sondern blieben in un- v erbindbarer Fremdheit gegeneinander stehen. Der vereinzelte Mensch konnte nach seiner Meinung nur durch einen Akt seines Willens zwischen den völlig gleichberechtigten Werten wählen „welchem dieser Götter oder w ann er dem einen und wann dem andren dienen will und soll", und alles Wissen unterstützt die Wahl des Willens nur insoweit, als es die Mittel u id Folgen für dieses oder jenes Handeln berechnen und so der Entscheidung des Wählenden die letzte Klarheit geben kann. Gerade diese vor- täu schungslose Sauberkeit des Geistes machte es George möglich, sich *^ax Weber eine Weile zu nähern. Die von Weber gehegten Befürch- tUl *gen vor der Fremdheit und Unnahbarkeit des Dichters fielen wie stets v ° r dessen „schlichter Würde und Herzlichkeit" bei seinem persönlichen Erscheinen hin, und Weber war „sogleich bereit, das Außergewöhnliche ln George zu verehren, das gebietende Gewicht eines in der eignen Schöp- erkraft beruhenden adligen Menschtums auf sich wirken zu lassen". Er hat mit seinem sicheren Gefühl für menschliche Werte den echten Ernst, "•"* dem George seiner Sendung gegenüberstand, die lautere Hingabe, ^ lt der die Seinen ihm dienten und die ehrlichen Waffen, mit denen sie ür ihn und sein Werk fochten, erkannt und um 1910 auch gegen Schmutz- an griff e e j ner süddeutschen Monatsschrift verteidigt. Er konnte die For- erung der „Georgianer" nach Einordnung des Einzelnen in ein Ganzes, ^ ac h Befreiung vom Ich-Kult, nach einer reineren Gestaltung der Lebens- ° rm en, nach Schaffung einer neuen Norm des Verhaltens in solcher All- ^emeinheit der Denkform verstehen und annehmen, aber die besonderen e bensgehalte, welche diesem Streben erst Sinn gaben und der Weg der 473 Verwirklichung, den sie bedingten, blieben ihm gänzlich fremd. An diesen Punkten, wo es sich nicht mehr um die Einsicht in allgemeine Grundsätze sondern um die Bewirkung lebendiger Menschen handelte, blieben die Gegensätze zwischen ihm und dem Kreise Georges unversöhnbar nebeneinander stehen. Das Erscheinen des „Jahrbuchs für die geistige Bewegung" gab damals genug Gelegenheit sich dieser Gegensätze bewußt zu werden und Erinnerungen der Freunde wie Marianne Webers Lebensbild ihres Mannes haben einiges von den Gesprächen festgehalten, wenn wir auch aus den pietätvollen Erinnerungen der letzteren nur einen dunklen Begriff davon erhalten, wie es geklungen hat, wenn diese beiden Männer aufeinander prallten. Die äußersten Gegenkräfte, welche Max Weber in der Menscheng e ' schichte wirksam sah, waren Magie und Erkenntnis. Das Reich der M* gie, der charismatischen Bezauberung, hatte durch das Mittel der Et" leuchtung zum Ziel: eine letzte Stellungnahme zur Welt durch gläubig e Erfassung ihres Sinnes, dagegen das Reich des denkenden ErkennenS hatte durch das Mittel des Verstandes zum Ziel: ein letztes vernünftig eS Wissen über das Seiende und Gültige, die wissenschaftliche Wahrheit- Trotz aller tatsächlichen Vermischungen in der Geschichte gab es fü r Weber keine wirkliche Verbindung zwischen diesen Reichen und die eh' mals versuchten Verbindungen lösten sich heute nach seiner Meinung endgültig auf, weil die Menschheit durch die Wissenschaft den Weg de r logischen Entzauberung der Welt gegangen war und ihre Verwandlung in einen kausalen Mechanismus unaufhaltsam fortschritt. Eine Grundanschauung, wie sie ehemals die großen Religionen geschaffen hatten, aU der heraus auch für alle Sondergebiete des Lebens die Entscheidung §f e ' nommen wurde, gab es für Weber nicht mehr und war auch bei d e fortschreitenden Entwicklung der Erkenntnis für ihn nicht mehr mögü cn- Denn der Verstand hatte die unbedingte Widersprüchlichkeit der R e ' r gionen mit den diesseitigen weltlichen Werten aufgedeckt: jene wäre und bleiben ihrem Wesen nach Erlösungsreligionen, die das Diesseits* die „innerweltlichen" Werte verneinen, mit Sünde und Schuld belaste und durch ihre Forderung der Brüderlichkeit zu den irdischen Dasein formen der menschlichen Gemeinschaft in einem unauflöslichen Gegensa stehen. Von diesen Annahmen aus hatte Weber schon vor dem person liehen Zusammentreffen mit George versucht das von diesem ausgehen und am Kreis seiner Nächsten deutlich erkennbare „Charisma" in seine besonderen Wesen zu erfassen. Natürlich vergebens! Denn von der v° Stellung der „Erlösung", der „ekstatischen Entrückung" oder der ,. k ° n 474 te mplativen Mystik" aus war ein Eindringen in den Gehalt der Dichtung Georges und vor allem in den SIEBENTEN RING schlechterdings unmöglich, und Weber fand daher statt der von ihm gesuchten oder vielmehr schon vorausgesetzten Inhalte nur eine Folge von Erlösungsversprechen, deren Uneinlöslichkeit für ihn offen zutage lag. In diesem Bereich blieb au ch der wertefreieste Denker christlich bedingt und befangen. D» er aus dieser Bedingtheit dem Gedanken an eine Verbindung von irdischem mit Göttlichem grundsätzlich widerstrebte, mußte er jede Mög- llc hkeit, daß in der Gegenwart ein charismatischer Führer erscheinen könnte, ablehnen. Der Kult eines Lebendigen, mochte dieser noch so über- ra gend, noch so verehrungswürdig sein, ging gegen die sittliche Selbst- Stimmung und den Wert der Einzelseele, und der bedingungslose Dienst atl einer Sache oder dem „Ideal" eines Gottes erschien dem eingefleischten r °testanten würdiger als jede Hingabe des Menschen an den größeren Menschen. Die Unterordnung der Dienenden unter den Heros galt ihm ls die Ursünde wider den heiligen Geist der persönlichen Freiheit. Arn tiefsten aber unterschieden sich die Geister im Verhältnis zur mo- ernen Kultur. Die Verachtung der Masse durch den Dichter erweckte in «lax Weber den heftigsten Widerspruch. Er steht an dieser Stelle als Bei- P l el für viele, welche auf den berühmten Spruch „Schon eure zahl ist rev el" m it dem Aufbegehren eines verwundeten Gemüts reagierten. Die- es Wort traf die einen in ihrem Daseinsrecht, die andern in ihrem Fort- c nritt S glauben, für den die Beschäftigung und Ernährung der heutigen le senmassen schon der Erweis der besten aller Zeiten war, — es traf e ' einigen auch schon die heimliche Wunde: das Wissen um die Unmöglichkeit, dem Zirkel von wachsendem Reichtum und wachsendem Ie nd, von steigender Fürsorge und steigender Gier zu entkommen. Max eb er sah darin einmal die „unbrüderliche" Haltung des Dichters, vor le m aber seine vergebliche und unfruchtbare Verneinung der unabän- er "chen Gegebenheit der Gegenwart und glaubte, daß eine solche Ro- an tik, welche die Lebensformen der Zeit nicht bejahte und nutzte, „an m ehernen Felsen der realen sozialen und ökonomischen Verhältnisse f stäuben werde". Aber George glaubte nicht an „die unwandelbare ac ht der Verhältnisse". Für ihn waren Denken und Fühlen der Menden die einzigen Träger der gerühmten Verhältnisse, er glaubte, daß ne durch geistige Kräfte ewig bewirkbar sind, daß durch die Wandlung s »nneren Menschen verschwindet, was vordem eine Macht war und daß es was wir heute für unerläßlich halten an Errungenschaften der Tech- und Bequemmachung des Lebens wie altes Gerumpel liegen bleibt, nn die Seelenkonvention sich ändert. Er nannte es einen Irrwahn zu 475 glauben, daß die modernen Erfindungen erst durch die Leistungen des Fortschritts für den Menschen möglich geworden wären: als ob frühere Geschlechter nicht Ähnliches hätten leisten können, wenn sie sich ebenso einseitig auf technische Künste gewandt hätten, statt höhere menschlich« Werte zu pflegen. Als Max Weber einmal behauptete, daß wir alle rn** unentrinnbarer Notwendigkeit in die heutigen Verhältnisse verstrick 1 seien und uns ihnen nicht mehr entziehen könnten: auch George könne nicht ohne die Firma Silverberg & Cie. auskommen, die dies und das et' zeuge, da bestritt der Dichter davon abzuhängen und meinte, daß ° ie andern nicht davon loskämen weil jeder ein Stück Silverberg in sich sei' ber trüge und keiner bereit sei, dies aufzugeben. Ein andermal, als die Ve r ' teidiger des Heute die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhält' nisse unserer Zeit gegen alle früheren als Fortschritte der Menschhd priesen, die größeren Reichtum, größere Bequemlichkeit, größere Sichel"' heit für alle geschaffen hätten, rief der Meister ihnen entgegen: „Ja, a u Kosten des Menschen und seiner geistigen Werte! Wie der aussieht und wohnt, das ist euch gleichgültig. Ob die Erde und ihre Tage ein wüste 5 häßliches Gewusel geworden sind, das kümmert euch nicht. Auf Koste alles Edlen und Schönen wird eine berechnende Kraft groß gezüchtet un alle andern tieferen Kräfte werden zu deren Gunsten ausgebeutet: RauD bau am heutigen Menschen auf Kosten aller künftigen Geschlechter das treibt ihr!" Ein Schüler Webers entgegnete, daß doch auch Georg die modernen Einrichtungen, Eisenbahnen und dergleichen benutze. ,fi wiß", versetzte der Meister, „ich werde euch nicht den Vorteil la sse draußen zu stehen, sondern nutze die Sachen soweit sie auch mir z° Kampfe dienen — nicht gegen die Sachen, sondern gegen die Mensche art, die sie schafft, geht der Kampf. Aber ich und die Meinen brauche diese Sachen nicht notwendig wie ihr. Wenn heute Fernsprecher und Eis e bahn aufhörten, so könnte Herr Silverberg & Cie. nicht mehr existiere — ich und die Meinen aber wohl". Mit der Bemerkung Webers (in W» r schaft und Gesellschaft): „es ist bei einer primär künstlerischen charism tischen Jüngerschaft denkbar, daß die Enthebung aus den Wirtschai kämpfen durch Begrenzung der im eigentlichen Sinn Berufenen auf > wI schaftlich Unabhängige' (also: Rentner) als das Normale gilt (so ' Kreise Stefan Georges, wenigstens der primären Absicht nach)", war uf solche Gegensätze nicht viel gesagt — sie erinnerte nur fatal, wenn aU . in wissenschaftlicher Umschreibung, an die Ausdrücke schimpfender teraten um die Jahrhundertwende. Auf diesen Gebieten also nicht des Denkens sondern des Verhalt zur Welt und zu den Mächten der Zeit gab es keine Verständigung n ° 476 Näherung, und man lächelt ein wenig bei der Hoffnung Webers: George »vielleicht doch noch vor Erstarrung zu bewahren". Das Schicksal des Krieges öffnete diese Klüfte nur mehr und trennte die Beziehung der beiden Lebenskreise, die wie der oben erwähnte Schüler Webers berichtet »nichts Peripheres sondern zeitweilig sogar derart entscheidende Bedeu- tu ng hatte, daß sie den Sonntagnachmittagszusammenkünften das Gepräge gab". Weber, der seine Kräfte ohne Dank und Erfolg dem neuen Staate der Volksherrschaft widmete, sagte damals in seinen Münchener "orlesungen „daß die Aristokratie Stefan Georges und seines Kreises zu be kämpfen sei". Aber noch auf seinem letzten Lager beschäftigte ihn ^'eser rätselhafte Mensch, der die unter solchen Opfern erkämpften An- / Sc hauungen Webers nur durch sein Dasein widerlegte. Für den Fort- Sc hrittsgläubigen war es ein tief Beunruhigendes, daß zur Erklärung für le Ablehnung der modernen Kultur bei diesen Dichtern die Annahme ltle r übersteigerten dichterischen Phantastik nicht zureichte, sondern eine tidere verstandlich nicht auflösbare Gegnerschaft an den Menschen und er ken des Georgeschen Kreises sichtbar wurde .. für den Kenner des "arisma aber war es ein tief Befremdendes, daß hier der geweckte ^ensch im vollen Bewußtsein seines hellen Geistes dennoch gläubig war. Ur diese „heidnische" Möglichkeit hatten weder Weber noch seine Zeit- Glossen eine Lösung und doch: ob gerade diese Möglichkeit für die putschen als Volk noch einmal wirklich würde war die einzige wich- l 8e Frage der Zeit über alle Staats- und Wirtschafts-, Bildungs- und ls senschaftsfragen hinaus. . ^ e r Krieg hatte auch „den ehernen Fels der wirtschaftlichen und so- 'alen Verhältnisse" tief erschüttert: daß die höchsten Errungenschaften er modernen Kultur in einem vorher unausdenkbaren Maße zur Ver- 'chtung ihrer eignen Werte gebraucht wurden, daß jede Verfeinerung . nc * Erfindung in die Werkzeuge der Zerstörung schoß und alles andre *j Deutschland wenigstens auf fast uranfängliche Formen des Lebens in a hrung und Kleidung zurückgeführt wurde, dies und noch manche an- ef en Tatsachen hatten die unumstößlichen Meinungen ins Wanken ge- rac ht, die sich eben noch über Dichtersprüche erhaben dünkten. Für lril ge Jahre war ein anderes Bild des Lebens drohend am Horizonte des e nds und des Hasses aufgestiegen. Daß man sich bald wieder einrich- ete und nach kurzer Besinnung am Alten weiterbaute, konnte den Ein- rUc k nicht verwischen, daß aus der eigenen Welt ein Furchtbar-Andres s Glück und Wohlfahrt, Sicherheit und Fortschritt denkbar und greif- s ar nahe aufgetaucht war: der alte Glaube an die moderne Kultur hat ln sicheres Gleichgewicht seitdem verloren und — die kundigen Wirt- 477 schaftslehrer sagen es schon — sein Zeiger wird niemals wieder fest und ruhig stehen. Die Dichter brauchten auch nach dem Kriege ihr Verhältnis zu diesen Fragegruppen nicht zu überprüfen. Für sie galt es nun erst recht, in der deutschen Jugend die geistigen Kräfte zu stärken, daß ihr nicht in den größer und schlimmer gewordenen Bedrängnissen das Rückgrat gebrochen und ihr Selbstvertrauen dem Ansturm der Zeitmächte von innen und außen unterliegen würde. Hinsichtlich der „Macht der Verhältnisse aber erinnerten sie sich an die Worte von Jacob Burckhardt: „Jedenfalls kann sich das vorherrschende Pathos unserer Tage, das Besser-leben- Wollen der Massen unmöglich zu einer wahrhaft großen Gestalt verdichten. Was wir vor uns sehen ist eher eine allgemeine Verflachung, und «nf dürften das Aufkommen großer Individuen für unmöglich erklären, wenn uns nicht die Ahnung sagte, daß die Krisis einmal von ihrem miserable! 1 Terrain .Besitz und Erwerb' plötzlich auf ein anderes geraten und dal 1 dann ,der Rechte' einmal über Nacht kommen könnte". Es ist freili 0 " keine Frage der Wissenschaft oder Staatskunst unserer Tage, daß eine f kommen könnte und sagen: „Ich bin des Gottes, ich kenne euch nicht i und daß dieser zugleich die geistige Macht besäße, seine Träume z u verwirklichen. 6. KAPITEL: DIE DICHTUNG UND DIE WISSENSCHAFT NIETZSCHE, „der Mörder Gottes" um eines lebendigen Gottes will en ' der Verächter toten Wissens um einer lebendigen Weisheit wiU el1 ' stand an der schlimmen Wende, wo der Deutsche, der auch in den höchste Formen der Wissenschaft die Weite wie die Gefahren des universalen, o e gemeinsamen Geistes für Europa auf sich genommen hatte, im Tragen ox ser Last erlahmte. Die großen weltlichen Philosophen und Forscher, welc" schon längst an die Stelle der christlichen Theologen getreten waren, h a ten ihre Kraft aus dem Kampfe des neuen an der Antike genährten Geist mit der alten Gläubigkeit gezogen. Das erneuerte der freien Deutung übe lassene Gotteswort und der humanistische Rausch der Allerkenntnis der n türlichen Dinge hatte sich gerade in den deutschen Denkern zu einer tie* Einheit verbunden und in großen Denkbauten ausgewirkt, die bis Heg noch immer den Anspruch machten, das Weltganze in sich zu befass e Die auf ihn folgenden Geschlechter der Gelehrten, soweit sie öffenth c Anerkennung fanden und bald auch die Herrschaft über unsere Bildung 478 den Schulen ausübten, verloren diese frühere Gesamtsicht. Sie bauten ihre Forschungsweisen nicht auf die Vernunft, die umfassende Schaukraft welche noch einen metaphysischen Schauer ihrer göttlichen Herkunft in sich " ar g> sondern einseitig auf die menschliche Teilkraft des Verstandes als das einzige Mittel des Erkennens, als den einzigen Weg zur Wahrheit. Die "Scilla, welche die Scholastiker ins Innere des Hauses geführt hatten, war 2 ür Domina geworden, und alle übrigen geistigen Kräfte des gläubigen ^chauens, des künstlerischen Gestaltens, des schöpferischen Handelns wurden zu Gegenständen ihrer erkennenden Herrschaft: sie wurden verleugnet oder geduldet oder genutzt aber nicht „ernst" genommen. Unbildlich gesprochen war jenes Zeitalter der Wissenschaft angebro- he n, das nicht mehr die große Gesamtanschauung der Natur hatte, aus der ln den vorhergehenden Jahrhunderten die Naturwissenschaften geboren worden waren, das nicht mehr auf der Idealität des Geistes beruhte, aus der n der Klassik und Romantik die Geisteswissenschaften erwachsen waren, n d deren begeisternder Antrieb die bedeutenden Gelehrtengeschlechter zu 'hren umfassenden Werken befruchtet hatte. Mit der Verselbständigung n d Alleinherrschaft der Verstandeskraft kamen vielmehr jene Jahrzehnte, n denen die Vertreter der Wissenschaften auf Geist und Seele ja auf 'les nicht verstandlich Erweisbare als auf alberne Götzendienerei herab- lc kten und im Stofflich-Erfahrbaren allein das Wirklich-Seiende der Na- _ ür oder das Wirklich-Gewesene der Geschichte zu erkennen meinten. Das e "len einer geistigen Einheit führte zu einer immer größeren Sonderung er Lebensgebiete und brachte auch in den Wissenschaften die schroffe , er einzelung einer Mehrzahl von Wissensgebieten hervor, von denen jedes n einem unverbundenen Nebeneinander für „die" Wissenschaft arbeitete, htl e daß diese Wissenschaft noch ein alle umfassendes Gesamt bildete oder üc h nur den Anspruch machte, einer einheitlichen Lebensgestaltung der ln zelnen oder der Völker zu dienen. Je länger je mehr beschränkten sich le Wissenschaftler in jeder Sphäre auf die Erforschung und Ordnung ihres Glichen Erfahrungsstoffes, und wenn in den Naturwissenschaften mei- . ens der anwendbare Nutzen die Mühe der Forschung lohnte, so wurde den Geisteswissenschaften die jeweilige Feststellung, „das Ergebnis", , bst zum Sinn der forscherlichen Tätigkeit erhoben und bis zur Sinnlosig- lt der Wertung des gänzlich Wertlosen erhöht. Die Wissenschaft er- k ft nte in ihrer strengsten Forderung keinen Unterschied an zwischen °heren und niedrigeren Werten, sie hatte ihren Sinn in ihre Tätigkeit ost verlegt und machte nicht mehr den Anspruch, Lebenshaltung und v rtu "g des Menschen selbst zu bewirken. Dieser Verzicht drückte sich r allem darin aus, daß das sichtbarste Sinnbild geistiger Gemeinsamkeit, 479 die sprachliche Darstellung des Erforschten, immer mehr als überflüssig' störend oder im besten Falle als schmückendes Beiwerk empfunden wurde und die seellose Trockenheit einer öden Fachbegrifflichkeit bis zur Forme' hin der erwünschte Niederschlag ihres sprachlichen Ausdrucks wurde- Auch die Philosophie dieser Jahrzehnte unterschied sich in all dem nicht von den übrigen Wissenschaften, sie hatte die Aufgabe, Deuterin des g e ' w&nnenen Erfahrungsstoffes zu sein verloren und trieb im Zirkel der Erforschung ihrer eigenen Erkenntnismittel umher: sie hatte vergessen, da« das Sein der Dinge auch ihr Sinn, daß das schauende Erfassen der lebendigen Erscheinung die höchste und einzige Weisheit ist. Zwei Gefahren barg die einseitige Ausbildung der verstandlichen Teilkraft für den Menscher»' Einmal drohte ihm der Verlust des heiligen Sinnes, der schauenden und denkenden Einheit seines Wesens, durch den allein er die lebendigen Kräfte und Gestalten der Welt gewahren kann. Seinem verselbständigten Verstände stellte sich die Welt als eine starre, an unabänderliche Ursachen oder Zwecke gebundene Summe von Mechanismen dar, als tote Stoffmasser» der Natur und Geschichte, die durch Zerlegung und Ordnung ihrer Teil e erkennbar wären. Jedes lebendige Geheimnis schien nur der verschärfte 11 Methoden des Forschers zu harren, um sich völlig der Erkenntnis zu erschließen. Eine Ausbildung der gesamtmenschlichen Kräfte erschien vo diesem Standpunkt aus überflüssig, ja eher schädlich für die Erkenntnis de natürlichen und geschichtlichen Stoffes, und die Forderung einer wissen schaftlichen Bildung schien allein würdig, nützlich und erwünscht. P 1 zweite Gefahr bestand in einer Lähmung oder gar Einbuße aller schöp* e rischen Fähigkeiten der Gestaltung und Tat, in einem fatalistischen Ver zieht auf die formbildende und gesetzgebende Kraft des Geistes. Je g r ° ßere Stoffmassen die wissenschaftliche Forschung in Bewegung setzte, u so geringer wurden die Versuche, sie den formenden Gesetzen menschli cn Bildung zu unterwerfen. Der kühne Urfrevel der frühen Forscher dur die Vernunft — ihnen noch halb höllischer Zauber halb göttliche Wese heit —, die Natur und ihre Kräfte zu beherrschen, hatte seine Rache g zeitigt und die Beherrschung in Versklavung verkehrt: nicht mehr herrschte der Mensch die Dinge, sondern die Dinge den Menschen. Dem & kennenden schwoll unter den Füßen die Flut des Erkannten an, und wiu e und schicksallos trieb er auf den Kämmen der Entwicklung, des r° schritts oder wie er sonst das dumpfe Walten nannte, immer im Glaub ' durch Vermehrung der Teileinsichten über das Ganze Herr zu werden- verstandesmäßige Fachbildung trat daher immer ausschließlicher an Stelle der humanistisch-universalen unserer klassischen und romantisc Dichter und Denker. Aber je tiefer der Mensch in die scheinbar gegeb 480 Wirklichkeit des Stoffes eindrang, um so dunkler wurde das Wissen um sein eigenes Dasein, und bald gab es nirgends mehr Bild noch Ziel, nach denen der Mensch sich hätte formen und richten können. Für die Forscher der geschichtlichen Wissenschaften wurde das Häufen, Ordnen und Wiederumwälzen des Gewonnenen, für die der Naturwissenschaften das Zergliedern, Anwenden und Nutzbarmachen zum Selbstzweck und erst spät, ln unseren Tagen erkannten sie, daß das Erschließen des Stoffes diesen Se lbst, ja auch das Erschlossene wieder den Erschließenden wandelt: kurz, daß das ewig gegenwärtige und ewig wandelbare Leben der einseitigen Bergung durch die Mittel des Verstandes spottet und diesem nur übrigbleibt, die Vertauschbarkeit aller Bezüge zur Weltformel zu erheben. Der Zweifel, mit dem die rationale Wissenschaft am Beginn der Neuzeit begonnen hatte und der damals das erkennende Gewissen vor anderen Seelen- Säften schärfen sollte, bedroht sie heute mit der Zerstörung aller festen Gesetzlichkeiten bis auf ihr eigenes Grundgesetz der Kausalität, bis auf l «re Grundunterscheidungen von Stoff und Geist, Mechanismus und Leben. Als freilich Nietzsche seine Anklagen gegen die Wissenschaft und wis- Se nschaftliche Bildung seiner Zeit als einer nicht mehr lebenfördernden Bekräftigung und einer lebenhemmenden Erziehung begann, störte noch e in Hauch den Glauben an den steten wissenschaftlichen Fortschritt. Die Mahnungen Goethes und Hölderlins waren längst verhallt. Forscher, die etl Kreis der rein rationalen Mittel überschritten, wie Bachofen, Burck- a 'dt, Lagarde und andre, wies man aus dem Tempel, und von „Prophe- en " wie Nietzsche selbst glaubte man innerhalb der Mauern der alleinseligmachenden Methode nichts lernen zu können. Aber eben dieser Prophet at für immer die nur verstandlich erkennende Menschenart in sich selber auf gehoben, Wissen wieder in Weisheit, Erkennen wieder in Tun, Philo- s °Phieren wieder in Werte-Schaffen verwandelt. Der allesdurchdenkende a Hesdurchschauende Selbstkenner hat jene Art in sich getötet um eine dlere, die er ahnend erschaute, für immer vor dem Erstarren in totem Jessen zu bewahren: sein Lachen hat die Scham des rein „theoretischen" fischen aufgedeckt und keine noch so große Gelehrsamkeit wird der zu- u nftig en J ugen( j dessen Blößen verdecken können. D as Opfer Nietzsches hatte die Lage der forschenden Geister weit über ei *tschlands Grenzen hinaus gewandelt. Während die alten Schulen im fruchtbaren Ring ihrer Selbstgenügsamkeit verharrten, suchten die es ten Denker einen Weg aus der Verfachlichung, einen Sinn der Erkennt- ls Und des Forschens außer ihren Teilgebieten, eine bestimmende Schau es Geistes über der unabsehbar wachsenden Flut der Stoffmassen, eine r dnungsgewalt für das in tausend unfaßlichen Möglichkeiten und Be- 481 Ziehungen auseinanderbrechende Wirrsal des Lebens. Die Sprengkraft Nietzsches pflanzte sich in ihnen fort und die starren Rahmen von Begriffen und Denkformen zerbrachen überall vor dem neuen Wissen um die schöpferischen Antriebe des Lebens, dessen ewig neuen Offenbarungen die Erkenntnis nur zu folgen hat. So waren zur Zeit als George auftrat die schlimmsten Orgien der Ratio eben vorüber, ohne daß sich diese schon ganz ausgerast hätte: aber die Worte vom „Ignorabimus" und „Bankrott der Wissenschaft" waren bereits gefallen. Doch bis in unsere Tage hinein dauerte eine Selbsttäuschung: man wußte daß etwa der gläubig Protestantische vom protestantischen, der gläubig Katholische vom katholischen Standpunkt darstellte — der Forscher jedoch, der sich im Besitz des echt wissenschaftlichen Geistes fühlte, glaubte an seine Voraussetzung 8 ' losigkeit und forderte sie von den andern. Diese Forscher bemerkten nicht: auch sie hatten ihre Voraussetzung, nämlich die schal gewordenen liberalen Ideen. Mit den schon weiterblickenden Gelehrten dieser Jahrzehnte trat Georg c in persönliche Berührung: neben den bereits Genannten schon früh mit Furtwängler, der ihm wichtige archäologische Anregung gab — durch ihn sah er zuerst Abbildungen des noch jahrelang geheimgehaltenen „Bostoner Throns" —, und mit Eucken, einem äußerst wohlwollenden allgeschätzten Mann, der auch einen freundlichen Blick für die neue Dichtung übrighatte- Georges Schüler nahmen das Wissen dieser und aller irgend beachtlichen Forscher in sich auf und ergriffen das Wesentliche im lebendigen Umkre» ihrer Zeit. Für sie war es eine innere Notwendigkeit, die großen Erkenn nisfragen ihrer Zeit und vor allem das Verhältnis von Dichtung und W' s ' senschaft zueinander und zur geistigen Lebensgestaltung zu durchdenke und zu durchstreiten. Die „weltfremden Ästheten" waren auch auf diesen 1 Felde besser ausgerüstet als ihre klugen Tadler, die sie damals noch a reiche Jünglinge und faule Genießer beschrieen. Sie hatten sich im .J 3 * 1 buch für die geistige Bewegung" mit den neuen und alten Sichten de europäischen Denker schon auseinandergesetzt, als einige von ihnen mi größeren Proseschriften an die Öffentlichkeit traten und dem darstelle den Schrifttum in Deutschland in wenigen Jahren ein neues Merkmal a u prägten. Seit dem Jahre 1911 erschienen teils im Blätterverlag selbst teils Georg Bondi unter der Marke „Werke der Wissenschaft aus dem Kreis Blätter für die Kunst", seit 1921 auch bei Ferdinand Hirt unter der Mar „Werke der Schau und Forschung aus dem Kreise der Blätter für Kunst" eine Anzahl von Schriften, die bei aller Verschiedenheit der ben a delten Gegenstände den gemeinsamen Ursprung aus dem Geiste Georg 48a verrieten und sich in den Dienst des von ihm entzündeten Lebens stellten. Durch welche Schulen der Wissenschaft sie auch gegangen und bei welchen Lehrern sie auch ihr Rüstzeug erworben hatten, den neuen Blick in die Dinge und den neuen Atem der Darstellung empfingen sie aus ihrer geistigen Gemeinschaft, und ihr einziger Wille war, ihr dichterisches Erleben in alle Bereiche des vergangenen und gegenwärtigen Lebens auszuströmen. Nicht aus der vereinzelten Befähigung, sondern aus dem Kräfte- u mtrieb des lebendigen Freundeskreises wurden die Werke geboren und es ls t kein Zufall, daß in den Gedichten der Blätter und den Aufsätzen des »Jahrbuchs" schon die meisten Themen dieser Werke angeschlagen wurden. Nur so war es möglich, daß von jungen Männern wie Gundolf, Friede- ^ann und Bertram Werke ausgingen, welche die Forderung methodischer ^ucht erfüllten, aber durch die geistige Weite und die sinnliche Dichte '«rer Schau und durch die zugleich glühend bewegte und nüchtern-gehal- te ne Sprachform die Schranken ihrer Wissenschaften durchbrachen und Qe n besten des alten Gelehrtengeschlechtes das Bekenntnis abgewannen, a aß diese Werke der Jüngeren zu einer Deutung und Darstellung der großen geschichtlichen Erscheinungen gelangten, um die sie, die Älteren, sich eir » langes ernstes Forscherleben lang vergeblich bemühten. Wilhelm Dil- they ließ, nach einem Wort aus seinen letzten Tagen, das Gundolfsche Uc h „Shakespeare und der deutsche Geist" wie „vom Berge in ein geübtes Land blicken". Paul Natorp, der Schildhalter der Neukantischen P hilosophenschule, wandelte unter der Einwirkung Friedemanns völlig Se 'ne Anschauung von der Platonischen Idee und hätte seine Ideenlehre, wi e er bei der zweiten Bearbeitung gesteht, völlig neuschreiben müssen um dieser Wandlung ganz gerecht zu werden. Simmel aber, der in seinem G °ethebuch eine Ebene der Betrachtung unseres großen Dichters geschaffen hatte, die von da ab nur noch dem Banausen zu unterschreiten erlaubt ^ ar > schrieb in seiner feinen Art das gleiche von Gundolfs Goethebuch (Die Ne ue Rundschau Febr. 1917) und bekannte, daß dieses „die reine Erreichtet" dessen zeige, was er und Dilthey im letzten Grunde wollten: das Deu- ten und Begreifen des Einzelnen aus der Tiefe des ganzen Lebensrhythmus des schöpferischen Menschen. Ja über das unmittelbar Erreichte — den Aufbau der Gestalt Goethes gemäß dem „Gesetz nach dem er angetreten" 7~" schien für Simmel diesem Buche „eine unendliche Zuversicht zur Ganz- he « des persönlichen Lebens" zu entstrahlen und er hoffte: daß es „Unzahlen den Mut gibt diese Ganzheit nicht nur als etwas Wirkliches sondern *J S den Quell einer oder der idealen Forderung zu erleben — und die 5 raf t, ohne die dies freilich nicht zu erfüllen ist: diese Ganzheit auch als Elr iheit unter aller Vereinzelung der .Forderungen des Tages' zu fühlen". 483 Simmel bejahte damit den erzieherischen Willen, der dem Gundolfschen wie allen Blätter-Werken aus dem Wesen ihres Ursprungs zugrunde liegt, aber eben dieser Wille führte — da alle echte Erziehung ein unbedingtes Werten voraussetzt — zu einer Gegnerschaft der Vertreter der sogenannten „objektiven" Wissenschaft und im besonderen von Max Weber, der ja damals die unbedingte Freiheit der Wissenschaft von allen Wertungen verfocht und trotz der Anerkennung der Einzelleistungen gerade im Gesamtgeist der Blätter-Werke die drohende Gefahr eines Einbruchs lebendiger und zwar seiner Welt feindlicher Werte in den Bereich der Wissenschaft befürchtete. Als seine Schrift „Wissenschaft als Beruf" diesen Anschauungen im ersten Friedensjahre die äußerste Formulierung gab, entstanden aus seinem eigenen und dem Gundolfschen Freundeskreise in Heidelberg einige Flugschriften für und wider die alte und neue Wissenschaft, welche dadurch von Bedeutung wurden, daß sie die neu aufgeworfenen Gegensätze bis in die innersten Zellen der streng behüteten akademischen Lehre trugen. Ernste deutsche Professoren der Philosophie und Theologie haben seitdem, halb mit ehrlicher Sorge und halb mit sonderbarer Selbstverspottung, von der „Revolution in der Wissenschaft" gesprochen und geschrieben, welche die Köpfe der besten Jugend verwirre. Sie bemerkten, daß diese „Revolution in der Wissenschaft" aus gänzlich anderen Ursprüngen entstanden sei als die staatliche und gesellschaftliche Revolution l0 Deutschland und dieser eher feindlich entgegenstünde, ja daß die Bewegung, die sich an den Namen Stefan George knüpfte, nur das Glied einer großen europäischen Geistesbewegung sei, für die man die knappe Forme' prägte: „Der Zusammenbruch des Positivismus und die Rehabilitierung des Irrationalen". (Vgl. Schmollers Jahrbuch 45 [1921] und Allg. Evang- Luth. Kirchenztg. [1926].) Die Fragwürdigkeit der wissenschaftlichen Grundlagen, welche sei einem halben Jahrhundert schon die vorausschauenden Köpfe beschäftig te ' wurde seitdem eine öffentliche Streitfrage in Deutschland. Die Unumstö'' lichkeit und Alleinherrschaft der verstandlichen Verfahrungsweise nu ihren lebenentleerten Verallgemeinerungen und „entwerteten" Begriffe 0 ' die Sucht der steigenden Vereinzelung und Sonderung der Fächer, ja dl Sinngebung des Wissenschaftsbetriebes als einer steten Erhellung u0 Aufklärung alles Gewesenen und Seienden zum Zweck seiner Berechnung und Beherrschung, kurz der Glaube an die Intellektualisierung, an » 0l Entzauberung der Welt" wie Max Weber es nannte, geriet nun in breiter Schichten des wissenschaftlichen Lebens ins Wanken und die herrschen Denkart, welche von daher unsere Forschung und Bildung bestimmt hat verlor ihre alte Unerschütterlichkeit. 484 Die auftretende Gegnerschaft erinnerte die Forscher aller Gebiete daran, daß auch die entferntesten Sonderfächer auf einer gemeinsamen Denkart beruhten und daß das Wankendwerden der geistigen Übereinkunft notwendig jeden Sondergrund mit erschüttern mußte. Diese Denkart__ ob bürgerlich Positivismus oder mehr proletarisch Materialismus oder mechanistischer Kausalitätsmonismus und sonstwie genannt — beruhte in allen Abwandlungen auf dem Glauben an die lückenlose Erkennbarkeit alles Seienden und Geschehenen und auf dem Anspruch der Forschung, durch ihre Mittel und Verfahrungsweisen diese Erkennbarkeit auf jedem ihrer Gebiete zu einer untrüglichen „wissenschaftlichen" Erkenntnis der natür- hchen und geschichtlichen Vorgänge zu machen. Der ehemals behauptete Zusammenhang aller Einzelforschungen durch die Zielsetzung einer wissenschaftlichen Gesamterkenntnis der Welt, in der nach der Meinung der ay fgeklärten Geister die höchste Vervollkommnung des Menschengeschlechtes beschlossen lag, war freilich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts a Nmählich verlorengegangen, aber der Glaube an die untrüglichen Erkennt- nis m i 11 e 1 war in den Natur- wie in den Geisteswissenschaften immer st ärker zur Herrschaft gelangt und führte zu jenen unbeirrbaren Einzel- Märschen in den tausendfach verästelten Teilgebieten, deren Sinn, wie wir Sa gten, nur noch in der Förderung der Wissenschaft selbst oder in ihrer tec hnischen Anwendung auf Sachen lag, mochte aus dem Menschenge- schlechte werden was da wolle. Weder die Philosophie noch die Mathema- tik vermochten eine menschliche Mitte und geistige Ordnung gegenüber de n ungeheuer anschwellenden Stoffmassen zu halten. Das Weltbild der lo gisch-mathematischen Wahrheit, die Vorstellung eines auf den unabänderlichen Gesetzen der Ursächlichkeit beruhenden reinstofflichen Zusammenhanges der Dinge, der unabhängig vom Betrachter sei, brach ausein- an der. Damit wurde das Erkenntnismittel in seiner verstandlichen Aus- Sc hließlichkeit von innen heraus von selber aufgehoben. Außerhalb der Wissenschaft erhoben sich äußerste Gegenbewegungen des Mystizismus, °kkultismus und Spiritismus, die sich jenseits der Grenzen des vernünftigen De nkens umtreiben und deren drohendes Anschwellen freilich erst begon- ne n hat. Aber längst bevor es den Einzelforschern in ihren Sondergebieten be wußt wurde, zeigte auch die Denkart des wissenschaftlichen Menschen Se lbst in ihren feinsten und empfindlichsten Vertretern eine Wandlung an, dle den schwindenden Glauben an die eherne Eigengesetzlichkeit der ra- ^°nalen Erkenntnis verriet: es gab für sie keine unbedingt feststehende Wahrheit mehr, es gab vielmehr nur noch auf irgendwelche Annahmen begliche, stets sich wandelnde Ergebnisse. Die äußerste Verfeinerung und er vielfältigung der Verfahren zur Erforschung der Wahrscheinlichkeit 485 und Bezüglichkeit aller stofflichen und seelischen Vorgänge konnte nicht mehr darüber täuschen, daß die Wissenschaft außerstande war, die gegenständliche Wirklichkeit der Dinge und Geschehnisse mit ihren Mitteln zu erfassen. Es gab für sie keine irgendwie gestaltete objektive Welt mehr sondern nur noch jeweils von einem Einzelmenschen erzeugte, nur noch subjektive Welten. Ja bedeutende Forscher haben in den letzten Jahren geäußert, daß die Wissenschaft nicht einmal eine wahre Erkenntnis des Stoffes und seiner Vorgänge zu geben vermöge, sondern sich in der steten Selbstkorrektur ihrer Ergebnisse bewege und von ihren notwendigen Fehlern lebe: eine Penelope, die das am Tag Gewebte in der Nacht aufdröselt, um ihre Freier in Atem zu halten. Mit diesen Einsichten war die eisige einseitige Verstandesaskese in die letzte Phase ihrer Begrenztheit getreten und gestand ihre Unzulänglichkeit, das Leben durch Erkenntnis zu beherrschen. Das verwandelte Leben forderte andre Werkzeuge zu seiner Erfassung und Begreifung: hinter den Trennungen und Zerlegungen des Verstandes erschienen fast plötzlich die Körper und Gestalten in ihrer unversehrten Lebendigkeit und rätselhaften Undurchdringlichkeit: sie spotten jeder Auflösung in „objektiven Wahrheiten" und sind dem Teilsinn so unzugänglich wie Zeugung und Tod. George hatte sich von der sprachlichen Mitte her allen Zerlösungen i° Deutschland entgegengesetzt und mit der Wiedergeburt des Wortes begonnen. Indem er zunächst der Dichtung durch Werk und Vorbild einen festen Boden der Überlieferung gab, richtete er gegen alle Versuche, sein Wirken mit in die Wirbel des Untergangs zu ziehen, die unerschütterliche Feste seines Werkes und seiner stetig wachsenden dichterischen Gefolgschaft auf- Indem er durch die Dichtung das ewige Bild des Menschen in seiner ga n ' zen Geschlossenheit wiedererweckte, gab er seinen Folgern den neuen Blick in die Natur und Geschichte und wie ihrem Dichten und Handeln s" auch ihrem Betrachten und Erkennen einen verwandelten Sinn. Denn jed e Zeile Georges widersprach, wie die aller großen Dichter und Seher, dem Grundsatz der wissenschaftlichen Erkenntnis seiner Zeit: daß Leben un Welt durch das Mittel des Verstandes erklärbar und erfaßbar seien. Seif Wort „unhebbar ist der lebenbilder sinn" ist der deutliche Ausdruck seine dichterischen Glaubens, daß es geheimnisvolle Mächte gibt, deren Träge und Getragenes der Mensch selber ist, und die eben deshalb für seine E lir sieht nicht berechenbar und nicht beherrschbar sind. Das bedeutete keine Wunderglauben im christlichen Sinne als eines übernatürlichen Eingrm in den natürlichen Ablauf der Dinge — die nötige Sicht einer Welt, in de sich das Natürliche und Göttliche gespalten hatte —: für George lag im B e ' stehen und Geschehen der Welt selbst das Wunder. Deshalb forderte auc 486 Jede Zeile seines Werkes Ehrfurcht vor den gegebenen Erscheinungen der Welt, vor der leiblichen und geistigen Gestalt, und widersprach der nur wißbegierigen und zweckhaften Zerlegung und Zerfaserung um einer einseitigen Erkenntnis oder Nutzung willen. Und endlich stellte sein Wissen Ul n Rangordnung und Größenverhältnisse die schöpferischen Menschen und Völker in die Mitte der Betrachtung und verneinte die wahllose Beschäftigung mit jedem beliebigen Stoff die auch das Kleinste und Wertloseste als „Glied der Entwicklung" dem Bedeutenden und Schaffenden gleichsetzt. Ja in noch tieferem Gegensatz zur demokratischen Wissenschaft seiner Zeit sprach er jedem das Recht ab, beliebig über jedes zu r eden und zu schreiben. Nicht nur Verstand, Wissen und Schulung bedarf es nach seinen Worten, sich über ein Großes zu äußern, sondern einer bestimmten Gesamtartung des Menschen, die der Würde des Gegenstandes gemäß ist: „Urteil erfordert Rang". Denn gerade ohne dieses beschränkende Recht der inneren Entsprechung war der Verstand souverän gewor- cle n und würde es wieder werden, um unter der Maske der Wahrhaftigkeit a Ues Hohe und Große dem plumpsten und gröbsten Urteil preiszugeben. "^ r führen zwei Typen von unbestrittenem Rufe dafür an. Wilamowitz de ssen Schädlichkeit bereits im Hildebrandtschen Aufsatz (Jahrbuch 1910) ar getan wurde, hat nachdem er den Äschylus dem bürgerlichen Geschmack mundgerecht zu machen versucht hatte, auch den Plato journali- 8ler t: „Ein glücklicher Sommertag", „Letzter Kampf um das Lebensglück" "-" ein Plato für Dienstmädchen, wie man damals im Dichterkreise sagte. ^ arl Voßler, der weit über Deutschland hinaus bekannte Romanist, sah *- wie ebenfalls schon in einem der Jahrbücher angedeutet wurde — in der Vita nuova Dantes etwas „Geckenhaftes" und kanzelte „die im innersten Kern mißratene Konzeption" des Paradieses in ehrfurchtlosem Ge witzel ab — am Schluß des Fegefeuers kommentiert er gar die Matelda **° : »Das Blumenmädchen wird zur Waschfrau". Wenig verschlägt es, daß les er Gelehrte nachher in einer neuen Auflage seines Buches die schlimmen Taktlosigkeiten auszumerzen versucht hat. Er leitete eine neue Tradi- tl0n ein: von Seiten der Wissenschaft die systematische Besudelung der gr °ße n Dinge. Diese Beispiele erweisen zur Genüge, daß man auch die anerkannten Ver- tre *er der heutigen Wissenschaft nicht zur Verwaltung der geistigen Gü- ter bestellen darf. D er durch George hervorgerufene Wandel der Grundvoraussetzungen Ver änderte für die Schüler Georges die ganze Sinngebung und Zielsetzung es wissenschaftlichen Erkennens. An die Stelle des Scheinzieles einer endgültigen Aufklärung oder einer objektiven Erkenntnis im Dienste der Wis- 487 senschaft trat der Wille zur Stärkung des heutigen Daseins und der Dienst am Werke des lebenden Meisters. An ihm und durch ihn hatten die Jüngeren erfahren, daß die schöpferischen Mächte immer wieder in großen Menschen durch alle Verschalungen der erstarrten Zeitformen brechen und das Göttliche in Werk und Tat und Bild offenbaren. Daher knüpfen sich auch die ersten Prosen der Blätter von den frühen Anfängen bis zu „Herrschaft und Dienst" an die mehr dichterischen Versuche, die Gestalt Georges selbst zu erfassen. Die Erweiterung der Proseschriften zu wissenschaftlichen Werken über Shakespeare, Piaton, Goethe und Nietzsche waren nur Auswirkungen des neuen Blickes auf gleichhehre Geister der Vergangenheit, war das begeisterte Wiedererkennen desselben Lebensvorgangs bei den großen ewiggegenwärtigen Toten. Gundolf sah Shakespeare als einen weithin ausstrahlenden Glutkern von Schöpfertum, Goethes vielfältige Entwicklung als eine einheitliche sich stetig im Werke auswirkende und stetig selbstbegrenzende Gestaltungskraft, Friedemann sah in Piaton die voll' kommene Gestalt des reich- und weltschaffenden Genius, Bertram deutete Nietzsche zum erstenmal über alle Einzelprobleme hinaus von seinem g el " stigen Bild und Schicksal her als den Lebendig-Ewigen, dessen Mythus wie der aller Großen nicht stirbt sondern in uns und mit uns weiterwächst' Diese ersten Werke lassen noch eine Verbindung mit der alten Denkwel erkennen, aber sie sind zugleich schon in die neue getreten: das macht ihre besonderen Reiz aus. Ihre Verfasser begründen daher noch ihre verwan* delte Betrachtungs- und Arbeitsweise, um den Vorwurf der Unsachlichke» oder Schwärmerei von sich fernzuhalten. Die Kritik der Wissenschaft "3 ihnen auch die Klarheit des Aufbaues, die Sicherheit des Fachwissens un die geschulte Handhabung des nötigen Werkzeugs nicht abstreiten ko p nen. Aber so weit und so tief auch in wenigen Jahren ihr Einfluß auf uns e Schrifttum und tiefer noch auf die Jugend wurde: bis heute ist die bürge liehe Wissenschaft von tiefem Mißtrauen, ja von einem oft versteckten ab immer wieder ausbrechenden Haß gegen sie erfüllt geblieben. Sie erken die Leistungen der gedanklichen Zucht und Sauberkeit und den neuen A d der Sprache wohl an, aber verneint zugleich ihre Grundlagen, wohl fühlen daß deren Anerkennung die Denkart und das Dasein des bürgerlichen M e sehen selbst aufheben würde. Man verzeiht diesen Folgern Georges m c daß sie die Maßstäbe und Wertungen anderen Quellen entnehmen als den der bürgerlichen Übereinkunft, die man heute nur noch verschämt als V aussetzungslosigkeit bezeichnen darf, wie wir oben darlegten. Man v zeiht ihnen nicht, daß sie das Wachstum des dichterischen Lebens ho schätzen als die „Wahrheit" von tausend stofflichen Ergebnissen und v allem nicht, daß sie eine „ungeheure Überwertung ja Vergötzung der g 488 »en Individuen" treiben und bei unverkennbarer Beherrschung der kritischen Methoden der Wissenschaft damit selbst einen lebenden Menschen l n ihrer „götzendienerischen Manier" verherrlichen. Denn man darf nach der Meinung unserer Gelehrten die Wissenschaft selbst, den Fortschritt, die Technik preisen, anbeten und ihnen Jugend und Leben opfern, man darf die Freiheit des Individuums, die Voraussetzungslosigkeit der Forschung °der sonst ein Begriffliches mit der eisernen Verbissenheit von Ketzerrichtern vergöttern. Aber die leibliche Erscheinung des Menschtums in seiner "ochsten Gültigkeit, den großen geistigen Menschen in seiner göttlichen u rkraft, wie er trotz und mit allen Bedingnissen von Ort und Zeit in seiner Einmaligkeit und Unwiederholbarkeit erdgeboren und eigengesetzlich dasteht, darf man nicht als das darstellen was er war und ist: als den Weisen et wa, der mit einem Blick das Wirrsal der tausend Einzelwissen überschaut Un d mit seiner Schau das Denken von Jahrtausenden befruchtet, als den Felden, der die Hydren der Empörung niederschlägt und mit seiner harten Kr aft den verlaufenen Völkern seine lebendigen Formen aufprägt, als den Ic hter, der einer entgötterten Erde wieder den belebenden Funken vom **Hnmel holt. Man darf ohne seinen Ruf als ernster Forscher zu gefährden, v °r allem nicht die ganzen Kräfte der Liebe und Begeisterung in den Dienst es großen Lebenden stellen, und mag diese Liebe die Verantwortung vor dem eignen handwerklichen Tun und die Leidenschaft zur genauen Ein- Slc ht in die geschichtlichen und natürlichen Dinge noch steigern, sie wird als Trübung der klaren Erkenntnis verdächtigt, eben weil sie sich eine Trü- bu «g durch die t o t e Wahrheit nicht gefallen läßt. A U diese Vorwürfe kümmerten freilich die „Georgianer" gar wenig. Sie ^aren viel zu sehr von der freudigen Lust durchdrungen, mit dem neuen Au ge die gegenwärtigen und vergangenen Dinge zu erfassen, als daß die tre ite um alte und neue Wissenschaft sie bemüht hätten, sie hatten viel ^ große Achtung vor der kühl und langsam wägenden vernünftigen ** e Ue, als daß sie in ihrem Kampf um die Ergreifung und Begreifung der We lt auf die Ratio als Mittel und Prüfstein verzichtet hätten, wenn sie Slc h nicht anmaßte Selbstzweck und letzter Sinn des Daseins zu sein. Aber Sle Wußten ebensogut, daß die neuen Schriften notwendig den Kreis der rein logisch verknüpften Tatsachen überschreiten mußten, weil ihr Gegenwand — di e schöpferischen Genien — den der reinen Erfahrung überdrehet und nur an dem Erlebnis eines lebenden Genius und einer aus l «rn geschöpften Anschauung des Menschlich-Großen erfaßt wurde. George, selbst der genaueste Sprachkenner oder soll ich sagen Philo- °ge, hätte keinen mit der Marke der Blätter vor die Öffentlichkeit treten asse n, der nicht sein Fachwissen wie jeder Beste seines Faches be- 489 herrschte, aber freilich auch keinen, der über der nötigen Beherrschung des Handwerks nicht eine fruchtbare und unser gegenwärtiges Dasein belebende Schau in seinem Stoffbereich getan hätte. Denn wo nichts g e " schaut wird hat auch das Denken sein Recht verloren, und wo das hell e sondernde Denken nicht das Geschaute in klaren festen Begriffen zur sprachlich bildhaften Darstellung bringt, haben beide ihr Recht verloren. Diese Gegenseitigkeit von Schauen, Denken und Schaffen ist in der Einheit der gesamt-geistigen Kräfte des Menschen gegründet und ihre höchste Dichtigkeit und Fülle in einem Menschen, nicht ihre größte Sonderung und Vereinzelung, gewährleistet die tiefste Erkenntnis und das weiteste Wissen. Edith Landmann hat dieser Weisheit des Dichters in der „Transzendenz des Erkennens*' den philosophischen Ausdruck gegeben. W> e eine scheu verhüllte Freude der Seele, die selbst unter dem Joch gedient hat, dringt aus ihren hellen Darlegungen die Einsicht, daß die ganze erscheinende Welt weder unfaßlicher Sinnentrug noch eine Summe zerlegbarer Bezüge ist, sondern lebendige Gestaltung: „Wir dürfen wieder an das glauben" sagt sie „was wir sehen und wie wir es sehen". Der erkennende Mensch wird hier wieder von der trügerischen Notwendigkeit der Auslöschung seiner Persönlichkeit befreit und findet nicht in der Ent' selbstung sondern im Maß der ihm verliehenen Fassungskräfte die Füu e und Grenze seiner Einsicht. Das Denken, das in Gefahr war sich a0 seine eigenen Geschöpfe zu verlieren, gesundet nach ihrer Darlegung vvi e ' der an der vom Dichter aufgestellten Norm des großen Menschen und an 1 Dienst des schönen Lebens. Die deutsche Anschauung von der Erscheinung des Seienden im Raun 1 und die französische von der schöpferischen Entwicklung des Lebens ifi der Zeit waren in der Weltsicht Georges schon eine höhere Verbindung eingegangen, bevor sie in beiden Völkern ihren besonderen philosopn'' sehen Ausdruck gefunden hatten. In der tiefen Verbundenheit von heln»' scher Gestalt und schönem Leben, von der leiblichen Erscheinung d e Ewigen und seiner immer neuen Verwirklichung im schöpferischen Augen' blick verschmolzen die Lehren von Sein und Dauer, Denken und Lebe zur unauflöslichen Einheit. Ihm und den Seinen handelte es sich frei» c nicht um die Erkenntnis dieser Einheit sondern um ihre Darstellung un Verwirklichung in Leib und Staat, sie wollen noch wirken und handel wenn sie Wissenschaft treiben, und bildend wie denkend die Krise 1° dem, welche heute in allen jugendlichen Köpfen fiebert und nach Heilnn» von jahrtausendalten Gespenstern ruft. Von dieser Sicht aus gab es keinen Zweifel weder über das Wie no c das Was der Forschung mehr, es galt zu scheiden wie der frühe Guna° 490 schrieb „zwischen Totem und Lebendigem, ja zwischen Tötendem und belebendem" im weiten Reiche unserer Menschheit. So entstanden keine "ücher, die nur Wissenstoff ordnen und häufen, sondern die gewonnenen Einsichten und Bilder unmittelbar in Blut- und Seelenstoff verwandeln w ollten, tathafte Werke, die sich als Bücher überflüssig machten, wenn si e ihren Sinn erfüllten. Nachdem mit den genannten Werken zwischen 1909 und 1918 der ^Urchbruch zu einer höheren Anschauung und befreiteren Darstellung Unserer großen Bildner gelungen war, griffen im folgenden Jahrzehnt mit " e n älteren auch schon einige der jüngeren Folger ein, „um das durch da s Dichterwort gewandelte Gesicht der Dinge zu sagen". Das Bild des & r oßen Führers wurde mit leidenschaftlicher Liebe weiter umgriffen: den Menden Dichter suchten Edith Landmann in ihrer „Georgika" (1920), r iedrich Gundolf in seinem „George" (1921) mit dem ganzen Reichtum e 'nes geschulten Denkens und der ganzen Inbrunst seiner gläubigen Begeisterung werkhaft und persönlich zu erfassen. Albrecht von Blumenthal , at in den „Griechischen Vorbildern" (1921) die griechischen Dichter hero- lSc h zu sehen versucht, Nietzsche wurde vom jüngeren Gundolf und Hilde- r andt als „Richter unserer Zeit" (1923) und im gemeinsamen Kampf n d Schicksalsgang mit seinem großen Erwecker und Feind in „Wagner Un d Nietzsche" (1924) dargestellt, „Raffael" (1923) von Wilhelm Stein 11 deiner Menschen und Werke formenden leiblichen Gewalt als die auszahlende und befruchtende Mitte der künstlerischen Renaissance, „Na- Poleon" (1923) von Vallentin als der wesenhafte Mensch beschworen, an e °i die zeitlosen und ewigen Gesetze der heldischen Artung aufstrahlten. ^ ie sein Heros über Sieg und Untergang, Feindschaft und Freundschaft er Völker als geistiges Vorbild gerade für unsere Jugend noch wirksam ^ ei t>t, hat dann derselbe Verfasser in seiner Schrift „Napoleon und die ei >tschen" (1926) gezeigt. Nachdem Gundolf von Cäsar wenigstens die ^schichte seines Ruhms" (1924) dargestellt und nun auch sein großes er k über Shakespeare (1928) vollendet hat, sind — bis auf Alexander d >e hohen Namen, die er in seinem „Dichter und Helden" schon kurz ^Schrieben hatte, ins neue Sehen einbezogen. *u diesem Streben, die sinnbildliche Wesenheit der großen Schatten . fassen, kam durch die großen staatlichen Gesänge Georges das Ver- n gen, den volkschaffenden Helden auch in der besonderen Schicksalsluft tn er Gemeinschaft zu sehen. Niemals vielleicht war unser Volk weiter n dieser Sicht entfernt als in den schlimmen Jahren nach dem Kriege: Ol . e ' s P a ltigkeit seiner geistigen Wurzeln aus Germanentum, Antike und ri stentum und aus den Verschlingungen ihrer Erneuerungen und Wie- 491 dererweckungen, Wurzeln, die gerade der alles erforschende Historismus des 19. Jahrhunderts in ihren letzten Stofflichkeiten bloßgelegt hatte, trat damals verwirrender als je zutage. Aber in den trüben Jahren, als die Untergangsstimmung auch die festesten Herzen ergriff, fühlten die um George die feste Erde unter sich, die der Dichter ihnen gegeben hatte. Sie setzten der Verelendung und Hoffnungslosigkeit die Bilder jener heldischen Männlichkeit entgegen, auf welchem Plane unseres viel" geschichteten Schicksalsgefüges ihre Liebe sie fand. Gegen das bloß e Sichfügen ins Unvermeidliche riefen Wolters und Petersen in den „Hei" densagen der germanischen Frühzeit" (1921) den trotzigen Stolz und unbrechbaren Willen unserer heidnischen Altvorderen auf, gegen die E r * weichung und Verpöbelung des Staates Wolfram von den Steinen in den „Staatsbriefen Friedrich II." (1923) die eherne Härte und adlige Geistig" keit des Staufenkaisers und Hildebrandt in seinen Werken „Norm un a Entartung des Menschen, Norm und Verfall des Staates" (1920) den staatsschaffenden Heros als Ursprung und Mitte der natürlichen wie geistige 0 Bildung des Volkes. Sie schwiegen auch nicht — zur großen Verwunderung derer, die sie noch immer für weltfremde Schwärmer erklärten - in den Kämpfen des Tages und setzten bei der Bedrohung von Rhein un Ruhr ihr neues Wort gegen das alte seelenwerbende Wort Frankreich 5 ' Bertram im „Rheingenius" (1922), Wolters und Elze in den „Stimme des Rheines" (1923) und in den „Vier Reden über das Vaterland" {i^V' Ja noch „Das Schicksal der Musik" (1923) von Wolff und Petersen kämpfte trotz der scheinbaren Ferne seines Gegenstandes den gleiche Kampf um die männliche Artung des deutschen Menschen, um seine ™ freiung aus dem bild- und verantwortungslosen Klangrausch, der *" früher als einlullendes so jetzt als aufpeitschendes Reizmittel noch ve zehnfacht weiterzuströmen drohte, als sein harmonischer Zauber sch° gebrochen war. Um diesen engeren Kreis der Blätterwerke legte sich ein weiterer v Befreundeten oder Nachahmenden, und bald war die neue Blick- und P a stellungsweise, ob bemerkt oder unbemerkt, begrüßt oder befehdet, ,n alle erheblichen Bereiche der Geisteswissenschaften eingedrungen. A es lag den Blättern fern, wie wir erläutert haben, eine Wissenscha schule mit gangbaren Methoden und erlernbarer Systematik aufzubaU Gerade in der Einmaligkeit und Unwiederholbarkeit der an Person u Augenblick gebundenen Schau und Findung lag die befruchtende ™ kung ihrer Bücher, und wo sie mit ihnen die Geister wandeln und Herzen für ihre Sinngebung des Forschens und Erkennens gewinn konnten, lag ihnen nichts an Nachfolgern die auch im neuen Stile seh 492 ben, aber besser beim alten geblieben wären. So mußten manche, die sich schon auf Lehren beriefen und festgelegt hatten, bald erkennen, daß das ^ahre Enkelgeschlecht schon ganz woanders stand. Jene die etwa schmälen, daß die Georgeschüler sich nicht um Tatsachengeschichte und Lebensbeschreibung der großen Männer bekümmerten, bemerken heute schon, daß die Jüngsten wie Ernst Kantorowicz in seinem „Friedrich II." (1927) u nd Max Kommereil in seinem „Der Dichter als Führer" (1928) den dämonischen Tatstoff mit dem gleichen Atem zu durchseelen wissen wie die a heren Gefährten den hellen Werk- und Geiststoff der großen Leben. s ollte nicht, statt der Suche nach schnell fertigem Urteil, Lobern wie _ c hmälern einmal der fragende Gedanke kommen, wie es denn möglich lst > daß aus demselben Kreise nun schon seit Jahrzehnten immer neue Jugend auftaucht, die was sie ergreift groß ergreift, und nicht durch Theo- le n sondern durch Werke siegreich in die gewählten Wissensbereiche vorgingt? Uns dünkt es um so wunderbarer, als nicht mehr alle des Enkel- seschlechtes sich der wissenschaftlichen Forschung widmen und die mei- te n praktische Tätigkeiten einer Laufbahn des Gelehrten vorziehen — glückverheißendes Zeichen, daß den Söhnen des Dichters alle Wege offen- ste hen, um schaffend und wirkend weiterzuschreiten. 7 - KAPITEL: DIE VERWANDELTE STELLUNG DER MITWELT V^HON das Jahrzehnt zwischen 1905 und 1914 zeigt eine tief verwandelte Stellung der öffentlichen Meinung in Deutschland über die Dich- er gemeinschaft der Blätter für die Kunst: an die Stelle überheblichen P°ttens und billigen Höhnens war die erzwungene Anerkennung Geor- §es und eine vermehrte aber schon in die Verteidigung gedrängte Feind- e "gkeit gegen seinen „Kreis" getreten. Das bloße Dasein des George- c hen Werkes, ob es anerkannt oder abgelehnt wurde, hatte die deutsche e istigkeit zu einem Wechsel ihrer Anschauungs- und Ausdrucksformen gezwungen, hatte die Lager zwischen Jungem und Altem tiefer als je vor- er getrennt. Auf dem Gebiete der Sprache wurde dieser Einstrom am Ehesten und deutlichsten sichtbar: an die Stelle der saloppen Verant- °rtungslosigkeit vor unserem kostbarsten Gute trat wieder das Streben * c h Sorgfalt und Schulung in den sprachlichen Formen. Eine Ahnung °"erer Verpflichtung vor dem Worte ergriff die noch empfindlichen See- n des lebenden Geschlechtes und drang durch die tausend Kanäle des 493 öffentlichen Schrifttums wenn auch noch so verdünnt und abgeschwächt in die Allgemeinbildung. Mit der sprachlichen Wandlung verband sich ung e ' wüßt und ungewollt eine solche der menschlichen Werte und die rohe stoffliche Auffassung der vorhergehenden Jahrzehnte wich hie und da einer geistigeren, im Anspruch wenigstens „ideellen" Anschauung der Dinge- Für die große Masse der Schriftsteller wie der Genießenden bedeutet dies freilich nicht mehr als die Aufnahme neuer Moden und Schlagworte zur Verkleidung der alten Zwecke. Wollte man den Kreis Georges mit darunter befangen, so glitten die Schlagworte schon in dem Augenblicke von ihm ab, wo sie weitere öffentliche Geltung erlangten. Denn man konnte die Blätter-Dichter nicht mehr „Dekadente" nennen, wenn man bemerkte, daß man damit gesunde und beinah vierschrötige Erscheinungen bezeich- nete die sogar schon „die feiner organisierten Genien unterdrückten", man konnte sie nicht mehr „Lebenfremde" nennen, wenn man sah, daß di e Scheltenden weniger von der Welt wußten als die Gescholtenen und dal „ins Leben gehen" für den Literaten nur bedeutete: Geschäfte machen' Die Bezeichnung „Neuromantiker" versagte ebenso für sie, weil bald aud 1 die Naturalisten „neuromantische" und die Neuromantiker „naturalistische" Stoffe behandelten. In gleicher Weise versagte dann auch in den folgenden Jahren die versuchte Einreihung unter die „Ästheten", weil ma die nicht mehr als verzärtelte Genießer und Schönredner bezeichne konnte, die ihre Überzeugung mit Tat und Werk nach außen trugen, un ebenso die unter bloße Eiferer für eine Sache oder Lehre, da ihnen da „Was" des Gesagten nie wichtiger war als das „Wie". Es war ein ehrliche Erstaunen, als man auf der Gegenseite plötzlich entdeckte, daß dies „sublimen Apokalyptiker mit verklärten Händen" ganz gesunde jung Leute, daß diese „kaninchenhaarigen Weichlinge" streitbare Herd waren, die den Kampf gegen die gespreizten Geist-Moden wie gegen "i sogenannten Kulturmächte auf der ganzen Linie eröffneten. Während und nach dem Weltkriege hat sich dann das Verhältnis Umwelt zu George und der Bewegung der Blätter für die Kunst vöh & gewandelt. Durch die weiteren Prosawerke der Blätter waren fast a \I erGebiete der deutschen Bildung und Gesittung ergriffen und ihre » treter genötigt worden dazu Stellung zu nehmen. Durch den STERN D BUNDES und die Kriegsgedichte Georges war der schon vorher i9 x 4 schütterte Widerstand gegen seine Dichtung verschwunden und wich n einer fast allgemeinen Anerkennung seines Wesens und Werkes. Aber wohl diese Anerkennung wie die Auseinandersetzung der öffentlich mit den wissenschaftlichen Werken seines Kreises bedeutete mehr e Breitenwirkung Georges in die gebildeten Schichten als eine Tiefen^ 494 kung in die Seelen. Ja, man kann im letzten Jahrzehnt von einem in seiner Vielfältigkeit erstaunlichen Versuch sprechen, diese größte Erscheinung der Zeit nach ihrer Anerkennung zu umgehen oder ihrem verpflichtenden Willen auszuweichen. Als weder Verschweigen noch Schmähen und Verleumden vor der Wucht des unwandelbar durch die Wirren und Wandungen unseres Volkes schreitenden Mannes mehr half, ging man zum ■annehmen und Loben über und blieb ihm fremd wie zuvor. Völlig gefallen war die Meinung von der Unverständlichkeit und den Undurchdringlichen Rätseln seiner Gedichte, und ernste Gelehrte gestanden ihren früheren Irrtum ein und bekannten, daß ihre eigene „versteinerte u nd abgeleierte Sprache" ihr Ohr verschlossen habe. Völlig gefallen war der Vorwurf des genießerischen Ästheten, und sein Dichten erschien nun a is „sittliche Tat", sein Kreis als „Kampfgemeinschaft zur Erstarkung und Erfüllung des irdischen Lebens". Völlig gefallen war der Hohn über den Sc hwärmerischen Mysten und gerade seine „Mystik" erschien im Gegensatz zur üppigen musikalischen Verschwommenheit nachahmender Literaten herb und metallen, seine Bilder, noch wo sie Geheimnisse sagen, ftl cht zerfließend und rätselnd sondern plastisch und klar. Gefallen war etl dlich der Anwurf vom volkfremden weitabgewandten Asketen, und vor den marklosen Menschheitssüchtlern, alten und jungen Pazifisten, stand er als „Heimatdichter" und Bekenner seines Volkstums, als der einzige, ln dem das große Erlebnis des Krieges Gestaltung gefunden, dessen Stimme rein und groß über der Zeit schwebte und allein Zeugnis ablegte, öa ß in den Tagen der Unehre die Ehre des Vaterlandes nicht völlig erworben war. Man tastete sich an diesem Faden rückwärts und vernahm nUn > daß dieser Dichter von Beginn an zutiefst mit seinem Volke verbun- ^ war und mit seinen reinen Händen den Segen über ein unreines Geflecht hinweg bewahrt und erhoben hatte. (Der Tag 5. 11. 22.) Ja selbst er Begriff der Politik hatte sich unter seinem Wirken verwandelt und ^an verstand Politik wieder als „Schicksal des Vaterlandes" (Weser- 2 eitung 12. 7 . 28). dieser war, so lauteten andre Stimmen der letzten anderthalb Jahr- e "nte, der unerschütterliche Geist, der inmitten der Auflösung und Ver- achung aller hohen Vorstellungen den Begriff des Dichters mit dem Ge- »cht neuer Verantwortung, mit dem Glanz neuer Heiligkeit und priester- lc her Würde erfüllt hatte, wie ihn so nur Dante verkörperte. Dieser war er große Künstler und Herr der Gegenwart, der das Gotteshaus unserer . P f ache wieder gereinigt hatte: der sich allen Lockerungen und Reizen n der Dichtung versagte, um ihr wieder Strenge und Spannungswillen zu eb en, der sie nicht an flimmernde Abschattungen verkaufte, um ihr im 495 Wandel des einen hohen Tones den Ausdruck großer Menschlichkeit und erhabenen Schicksals zu erwerben.. der ihr Zucht und Rausch zugleich, kristallharte Greifbarkeit und dunkle Festtäglichkeit eroberte. Dadurch hatte — so hieß es weiter — das Wesen der dichterischen „Form" eine völlige Wandlung erfahren: statt des abgezogenen Begriffes erkannte man wieder in ihm die unerklärbare vorgedankliche Urkraft, welche die glühendsten Wallungen des Blutes in helle geistige Gebilde bannt und die ganze Wirklichkeit von Seele und Leben, Welt und Gott IH ihren Schöpfungskreis zu ziehen vermag. So öffnete dieser Belauscher und Ergründer der Geheimnisse der Sprache, die als letztes Erbteil Gottes einer von ihm verlassenen Welt verblieben schien, seinen i n der Verwirrung des Massenhaften, in der Öde des Alltags und in der grauen Dürftigkeit der Elendsliebe erblindeten Zeitgenossen „die Augen der Seele", daß sie im Mysterium des Wortes das Unbegreifliche und ewig Unbegriffene zugleich als Gebilde erfaßten und sich vom Zwiespalt der Denkerstörung lösten, durch den Gedanke und Wort, Erscheinung u n ° Sinnbild, Bedeutung und Form in einem unlöslichen Kampfe lagen. J a ' eine Zeitschrift erhebt sich zu einem mythischen Vergleich: durch diesen Mund des Gottes, der einst den Marsyas geschunden hatte, war die Kunst wieder Gottesdienst statt Müßiggang und leichte Lust geworden und erhob sich in drohender Majestät zum Range einer göttlichen Macht von größerer Wirklichkeit als das unwesentliche Leben. Anderen schien durch Georges Dichtung wiedergeboren, was seit Goetn und Hölderlin verloren war, ein neues Wissen um Ursprung und Sinn de Dichterischen „eine apollinische Traumschau deutschen Wesens", el neues Griechentum in nordischer Ergießung. Durch Glut und Plastik & ngen und den ganzen verborgenen und verschütteten Gehalt unserer keele wieder zu einem neuen Weltbild heraufführen könnte. Ja mehr als das: dieser einst so kühle zarte und zerbrechliche Narciß galt bald als der keher und Prophet, als der Sendbote Gottes, der seinem heiligen Beruf von Se inem ersten Ahnen bis heute bis zur Selbstaufopferung treugeblieben war, ^n kein Haschen nach Ruhm noch feiler Vorteil von dem schweren bit- eren Weg der Bindung deutscher Zerrissenheiten abhielt, einem Wege, Q en seit vierhundert Jahren unsere Größten vergeblich geschritten seien. ^ r hatte sich, wie ein liberales Intelligenzblatt schrieb, von allen Schlacken ^einigt, um sich zum Gottgeschöpf, das ohne Scham neben Gottes ^ttgeln bestehen kann, zum Sohn und Seher der Gottheit, zur Göttlichst selbst zu erheben. (Didascalia 28. 3. 14.) Diese Selbsttreue der Hal- Un g und Unbeirrbarkeit des Handelns stempelte ihn vor allen Lebenden ZUr Führergestalt, und gerade daß er unbürgerlich und unzeitgemäß war, fachte ihn zum Bürgen der Neugeburt, gerade weil er eine abgrundtiefe Pachtung und kompromißlose Abkehr von den Götzen der Zeit zeigte Un d ohne Rücksicht auf das Murren der Massen und Zetern der Klügler lc h selbst für das unsichtbare und ewige Deutschland einsetzte, wurde er ZüT n Richter der entgötterten Zeit und Erfüller des lebendigen Gesetzes ^«iärt, gerade da sein lapidarer Wille selbst die erstaunliche Unabhängigst von der Macht des Kapitalismus zeigte, konnte nur seine geistige Herrschaft die Erneuerung der Volksgemeinschaft bedeuten. In ihm sah J* a n den Letzten, der das bisher Nie-Gelungene versuchte: die gesamte r etwas anderes als das Niedere und Minderwertige, Zuchtlose und ^gestaltete zum Gegenstand ihrer Darstellung zu machen, daß sie ein en schlich-Edleres, ein Dinglich-Wohlgestaltetes, auch wenn es ihnen begegnete, mit ihren Mitteln nicht einmal nachahmend erfassen konnten. Das Garstige und Plebejische, Dumpfe und Wilde, das Errechnete und Ver- Uc hshafte und vor allem und überall: das auf den Kopf Gestellte war ihnen s einzige Möglichkeit verblieben. ^»e „individuelle" Kunstschöpfung hatte nach einem halben Jahr- aüs end ihr Ende erreicht und endete nach den gewaltigen Herrlichkeiten 499 der Großen in Schrei und Klecks der Kleinen. Nachdem der stählerne Ruf des Dichters zur Umkehr gerufen hat, gibt es für keine der Künste mehr ein Zurück in die Öde und Willkür jenes Endes. Es gibt für die Malerei, wie schon Gauguin in einer seiner Verzweiflungen erkannte, keine öffentlichen Räume noch heiligen Wände mehr — das Tafelgemälde war ebenso wie das freie Bildwerk und Tonstück in die letzte Schicht des Privaten gesunken und also unrettbar tot. Auch der Baukunst blieb nur das Abtun von innerlich unwahren Anlehnungen an eine frühere Formensprache und die unkünstlerische Bescheidung mit dem Zweckmäßigen: die kubische Wohnmaschine hatte mit einer Neuschöpfung des künstlerischen Raumgebildes noch nicht das Geringste zu tun, sie verkörperte keinen Geist der Gemeinschaft, weil es keinen gab, wohl aber Ordnung und Regelung der wirtschaftlichen Masseninstinkte und zeigt schon heute die Gefahr, statt des verpönten Individualismus die technische Massennivellierung der Insektenwelt herbeizuführen. Nur wo die Künstler sich die härteste Beschränkung auferlegten und handwerklich schlicht die Urstoffe nach ihren Bedingtheiten und Gegebenheiten formten, wo sie auf den willkürlichvereinzelten Seelenausdruck verzichteten, konnte die Bildung von Gerät und Schmuck in sachlich schönen Grenzen gelingen. Dieses schwere Ringen der bildenden Künstler, an dem die Gefährten Georges berufhaft und werklich, streitend und widerstreitend Anten nahmen, hatte, wie wir sagten, in der noch so willkürlichen oder mechanischen Formung von Stoffen und Schaffung von Räumen einen nutzhaften Sinn, wenn auch der künstlerische Sinn sich ständig selber aufhob. Aber die innere Ziel- und Formlosigkeit des Zeitgeistes offenbarte sich bis zum Letzten, wo er sich an der Sprache versuchte: weil dieser geistigste und zugleich sinnlichste Stoff nur als unmittelbarer Ausdruck menschlichen Wesens erscheint, als Form zugleich Seele, als Gebilde zugleich Sinn, al s Gestaltung zugleich Leib ist und also seine Erscheinung als Formlosig' keit, Bildlosigkeit und Gestaltlosigkeit sofort dieSeellosigkeit, Sinnlosigke* und Leiblosigkeit der Darsteller verrät. Hier offenbarte das Suchen na c fremden Gehalten schon das Nichthaben der eignen, das Sichverlieren > fl Leere und Chaotische den Mangel an geistiger Kraft, das Auflösen de Formen die Unfähigkeit zur Schaffung von Gebilden. Heute, da selbst d» ehemals überzeugtesten Verfechter erklären, daß ihr Naturalismus, Imp re sionismus und Expressionismus der Dichtung für das Leben unseres "° kes tot, vergessen und begraben, ja außer für die gelehrte Forschung selb dem Verständnis der Mitlebenden verlorengegangen sei, lohnt es kau mehr die Abwandlung der Zersetzungen aufzuzeigen, die der der bilde den Künste im zeitlichen Verlauf im wesentlichen verwandt waren. Ob s 500 die Dinge „kultisch", „metaphysisch" oder „kosmisch" behandelten oder ausdeuteten, daß die so bezeichneten Bereiche hinter den Zustandsschilde- rungen ihres Innen- oder des Außenlebens zu suchen seien, sie endeten immer wieder dort von wo sie ausgegangen: bei dem Elend ihrer armen Seele, ihrer armen Lüste, ihrer armen Unweit. Nicht eine Linie des bleibenden menschlichen Baues, nicht einen seiner ewigen Werte erfaßten sie in ihren Romanen, Dramen und Versen, nur kleinste flüchtigste Oberflächenflimmer und Farbstücke, Augenblickseindrücke von Augenblicks- Wesen ohne Boden und Raum. Aber, wie sie es immer zu tun lieben, gingen die Deutschen wenigstens >>» der letzten Phase nach dem Weltkrieg folgerichtig bis zum Ende der s Prachlichen Formauflösung. Wie sie vorher in der Übertreibung früherer "lätter-Regeln die Augenhaftigkeit bis zur Ubersichtigkeit, die reine Stimmung bis zum Verschwimmen ins All geführt hatten, so steigerten sie jetzt das dichterische Klanggesetz über Satz, Wort und Silbe hinaus bis in die Vereinzelung des Buchstaben. Die dunkle Magie der Tonverbindung, das Wagnis der neuen Wortverbindung um des Bildes willen, artete bei ihnen 2 Um Fallenlassen jeder Sinnverknüpfung und Zerstörung jedes Sinn-Bildes aus. Der Satzbau — von anderen Bedeutungsgehalten der Sprache ganz 2 U schweigen — wurde gänzlich verworfen, an die Stelle von Klang- und ^autverbindungen trat eine Folge von Buchstabenbezügen, ein rein formales Vokal- und Konsonanten-Konglomerat, dessen gutturale und labiale Werte nicht mehr ein sinnlich feines Ohr sondern ein wissenschaftliches Studium der Phonetik voraussetzen. Bedauerlich war nur, daß diese reinen Formalisten der Dentale und Nasale, Spiranten und Affrikaten sich doch n °ch an die verbrauchten Worte unserer Muttersprache halten mußten und So meist noch tief im Bedeutungschaos und erbärmlicher Sinngebung decken blieben. Doch lassen wir den bittern Scherzi Diese jetzt so bedrohten Kunst- Sattungen erfüllten vorher dick und qualmig und mit der lauten An- maßung ( die Träger deutschen Lebens zu sein, den Raum, durch den George schritt. Es war der Sinn unserer Ausführungen zu zeigen, wie tief n ach fast vier Jahrzehnten seines Wirkens die Kluft zwischen ihm und s einer Mitwelt noch geblieben war. Nicht sie hat ihn getragen, sondern trotz ihrer und gegen sie ist seine Macht erwachsen. Hatte es vor dem *^riege geheißen, daß die politischen, sozialen und technischen Kämpfe und Girren der Zeit die Küsten seiner adligen Welt kaum bespülten, so mehrten sich nach ihm die Stimmen, die umgekehrt seinen Namen und seine Kunst- ^ewegung als eine Macht bekannten, welche sich tief hinein in die moderne W elt erstrecke und diese vielleicht allein aus ihren Wirren retten könne. 501 Dieser Widerspruch in der Stellung der Zeitgenossen zu Georges Erscheinung, die Anerkennung seiner großen Macht in der Gegenwart und das Bewußtsein seiner nicht minder großen Ferne und Fremdheit zur Gegenwart, spiegelte sich in den zahllosen Äußerungen zum sechzigsten Geburtstag des Dichters wider, die im ganzen deutschen Sprachgebiet erschienen. Ob sie einen feierlichen Dank an die Welt tönten, die das Wunder eines solchen Menschentraumes blühen und gedeihen ließ (Berl. Tag-> 10. 7. 28), oder fast erschreckt von dem Gezeichneten sprachen, dem Selbstüberwindung und stündliche Opfer die Erdenmale der tragischen Heldenschönheit aufgeprägt habe (Prager Presse, 12. 7. 28), ob sie unbedingt oder einschränkend huldigten: immer blieb ihnen ein Rest des Unbefugten, da sie nicht von einem Manne ihrer Welt sprachen, da ihre Äußerungen wohl aus überwundenen aber nicht gewandelten Herzen kamen und sie nichts zu vergeben hatten, was ihn ehren konnte. Wenn wir nach den besonderen Beweggründen suchen, aus denen George das vielfältige Lob zu seinem Tage entgegengebracht wurde, so zeigen sich uns verschiedene Gruppen und Betrachtungsweisen. Es war nur eine kleine Schar, die sich nicht nur gelegentlich an Gedächtnistagen sondern ernst und stetig um die gesammelte Kraft der Dichtung mühte, damit die lebendige Erschütterung, die ihre Seelen erfahren hatten, sich nicht in den Tagesgeschäften verflache und verzehre. Die durch die Umwälzung aus der Macht geworfenen Schichten waren jetzt endlich zur Schätzung der geistigen Kräfte unseres Volkes gedrängt worden, die sie solange vernachlässigt hatten. Die Zeit war vorbei, wo sie mit Bismarck eine Broschüre über Kornzölle für wichtiger als ein Kunstwerk, und Dichter und Gelehrte für „unproduktiv" im staatlichen Sinne halten konnten: sie suchten nun dort Hilfe, wo sie früher nur müßiges Spiel gesehen hatten, aber blieben auch jetzt für die staatliche Sendung Georges blicklos. Die Vertreter d& sogenannten „Intelligenz" dagegen zählten George und die Seinen mt sauersüßen Mienen und stets wechselnder Stellung zur Sphäre europäischer Geistigkeit, obwohl ihnen die Anschauung der Blätter von Mensch un<* Staat im Tiefsten entgegengesetzt und unverhüllt feindlich war. Sie sowohl wie jene schwiegen daher gerade von dem Rufer zu deutscher Selbs - besinnung und dem Sänger deutscher Verheißung: dem staatlichen Dichte George. Schärfer als bei diesen läßt sich die Stellung der christlichen un unchristlichen Gruppen zum Sichtbarwerden des geistigen Machtraum Georges umreißen: der gläubigen Protestanten und Katholiken auf ° e einen, der ungläubigen Sozialisten und Kommunisten auf der anderen Sei Was die letzteren angeht so war die Zeit längst vorüber, wo die ..* zialistischen Monatshefte" noch „Dialogmöglichkeiten" mit dem Kreis d c 502 Blätter fanden, ja selbst der Instinkt für die tiefe Feindschaft Georges gegen die „Gleichheit lobenden Verräter", der sich noch beim Erscheinen der zehnten Folge während des Krieges wütend geäußert und in den zarten Versen Gundolfs die Ansage einer Bartholomäusnacht zur Ermordung aller Kameraden der Freiheit gesehen hatte, selbst diese Sicherheit des Fühlens war durch die Revolution erloschen. Nur diese zurückgebliebenen Geister vermochten noch von den kleinen Anfangsbuchstaben der Hauptwörter und fehlenden Kommata, von literarischem Manchester- tum und der materiellen Sorgenlosigkeit des Ordens zu sprechen. Wir glauben ihnen gern, daß sie in der klaren Luft Georges nicht atmen können und unter seinem getragenen Pathos ermatten: die Erbelosen die n icht von gestern sind, werden auch nicht von morgen sein, wenn es härterer Männer bedarf als der Friedenssüchtigen um jeden Preis, als der deinen Menschen mit dem schlaffsten Glück. Was die christlichen Gruppen angeht so erschienen etwa seit dem Jahre *9io eine Anzahl von Schriften und Aufsätzen über das Religiöse in der Lyrik oder die Religion Georges und brachten die Gebiete der Dichtung Ul *d Religion in einen Zusammenhang, der seit der Romantik in Deutschend übersehen worden war. Allen diesen Schriften ist gemeinsam, daß 'hre Urheber das, wovon sie sprechen, nicht selber erlebt und erfahren ^tten und im Bewußtsein dieser Einschränkung — wie der beste von 'hnen: Herrmann Drahn — nur aus dem Werke Georges einige religiösen Un d ethischen Linien seiner Natur nachzuzeichnen suchten. Die meisten na hmen den Schlüssel zu seinem Wesen aus den großen Erlösungsreligionen, vor allem dem Christentum, und sahen daher bei aller Einsicht ln Einzelheiten im Letzten notwendig falsch. Sie hielten etwa George v ° r : sein Weg könne nicht die ganze Menschheit oder alle Leidenden und S ehnsüchtigen aus den Nöten der Zeit „erlösen" — Dinge, die er weder Je gewollt noch je versprochen hat und die überhaupt nicht in der Richtung seines Wirkens gelegen sind. Innerhalb dieser Begrenzung mühten si ch nach dem Kriege neben den Laien auch Pastoren, Gottesgelehrte und fr omme Väter eifrig um den religiösen Gehalt des Georgeschen Werkes "•d Kreises und stellten in den Lagern beider christlichen Bekenntnisse fe st, daß es sich hier um ein „echtes" religiöses Erlebnis handle. Als noch ' e in diesen Bereichen unbewanderten Literaten das Ansinnen absurd fanden, daß helle und bewußte Menschen dieser Zeit einem Gotte gött- l che Ehren erweisen und vor einem Jüngling dieser Zeit das Knie beugen hinten, bekannten kluge Priester und ihre Helfer schon erstaunt, daß MO einer Zeit wo christliche Theologen mit einer gewissen Zurückhaltung v °n der Gottheit Christi redeten", in einem Kreise hochkultivierter Men- 503 sehen der Glaube an die buchstäblich zu verstehende Menschwerdung Gottes in einem Jüngling entstanden sei. Gerade die christlichen Theologen sahen nun in der Tatsache der Abkehr solcher Geister wie Hölderlin, Nietzsche, George vom Christentum ein Urteil über die Christen des 19. und 20. Jahrhunderts gesprochen, welche die göttliche Perle vergraben und durch Tand ersetzt hätten, über diese moderne Welt, welche die Zertrümmerung aller religiösen Bindungen gründlich getan und eine Religionskrisis heraufgeführt hätte, ohne eine wirklich neue Kraft zu ge" baren, die den Zersetzungsvorgang aller Glaubensformen aufhalten könnte. Im Protestantismus war nach ihrer Meinung der Brautring der ewige« 1 Vereinigung mit Gott vergessen worden, jetzt konnte man an die Stelle des kultischen Opfergedankens, selbst wenn man ihn verstandesmäßig wieder als Mitte der urchristlichen Grundanschauung entdeckte, nu r wissenschaftlich faßbare Gedanken setzen. Katholische Schriftsteller g e " standen offen, daß die schwindenden religiösen Kräfte ohnmächtig dem zur Fratze erstarrten Antlitz des „untergehenden Abendlandes" gegenüberständen, daß man sich im Vertrauen auf den bewahrten Glauben a uS der geistigen Entwicklung der Zeit ausgeschaltet hätte und mit der Kon- ventikelfrömmigkeit hinterwäldlerischer Dichter und Künstler der völlige 11 Entgötterung des Lebens keinen Damm entgegensetzen könnte. Protestanten riefen nach neuen „Symbolkräften" gegen die zersetzenden Einbrüche des Verstandes und glaubten, daß der Dichter gerade g ut genug dafür sei — Katholiken riefen nach einer zur Wirklichkeit drängenden Religiosität gegen die Gefahr der Erstarrung und Unfruchtbarkeit. Gerade die Frommen sahen nach dreißig Jahren stummen oder hochmütigen Zuwartens in George den „Logos-Ethos-Künstler" (Germam 3 21. 7. 21), den Segner und Beter, den Richter und Verdammer mit unerbittlichem Gerechtigkeitsgefühl, der dem Scheinaufbau der Zeit se" 1 stolzes Ja und Nein entgegensetzte. Sie erfuhren durch ihn ein wirkliches Gotterlebnis, wie sie es in solcher verwilderten Zeit nicht mehr für mÖg' lieh gehalten hatten. George, so schrieb einer, war der Gotthaltige, atl dem die Gottferne der Zeit offenbar wurde, der Mann, der in unmi* te1 ' barem Zusammenhang mit dem Urgrund der Dinge stand und dah e durch die verbrauchten Denkformen wieder die ewigen Erscheinungen des Lebens hervortrieb: er sei die Empörung des Gestalters gegen ein gestaltlose Welt. (Hochland, Okt. 22.) Von den Freimütigsten unter d efl Theologen gab der protestantische Pastor zu, daß Georges Wort i nfl wieder den wahren Weg zur Gottessicht und zur Wirklichkeit des chris*' liehen Mythos gewiesen habe, und der Jesuit wünschte, daß auch "' 504 Wahrheit des Christentums sich wieder so zum Worte der Seele fände, zum Worte, das bei George immer persönlich, immer blutvoll, immer zur Gestalt verdichtete Substanz sei (Muckermann, Lit. Welt). Freilich auch die tiefen Unterschiede wurden nicht verschwiegen. Trotz e iner gemeinsamen Gegnerschaft „gegen alle Relativitäten" der Zeit gab e s zwischen der Welt Georges und der des Christentums Gegensätze, die flicht überbrückbar schienen. Hier, so hieß es, stand Blut und Natur gegen Offenbarung und Jenseit, die immerwährende Gottgeburt des Leibes gegen die Seinsverschiedenheit von Göttlichem und Menschlichem, ein Glaube der nur Schauen und Gestalten ist gegen einen Glauben der nicht Schauen Is t, hier stand der adlig-schöne Mensch, der immer neu aus dem Schoß der Schöpfung hervorgeht, gegen die tiefe Grundverdorbenheit aller Menschen, der Sich-Selbstvollendende gegen den, der aus Schuld und Sünde e rlöst werden muß: kurz die Erdenspannungen des Heldischen gegen die Jenseitspannungen des Heiligen. In diesem Zusammenhang wagt der s °nst so gescheite Aufsatz eines Paters dem Dichter den Unsinn zuzumuten, er wolle Maximin an die Stelle von Christus setzen — so wenig w ie Plato läßt sich Christus jemals durch irgendwen ersetzen! Bei dieser ll flmer wiederholten Behauptung zeigte sich die ganze Kürze des theo- '°gischen Blickes, zwischen mythischem Geschehen und Tatsachenwahrheiten zu unterscheiden. Zwar glaubten gerade katholische Stimmen an „Dialogmöglichkeiten" 2 wischen der Kirche und George, der vielleicht statt der gesuchten neuen, ^ie Schlegel, die alte vergessene Mutter wiederfinden oder der großen indogermanischen Verführung, dem Banne des Monismus, wieder entminen könne: vielleicht warte sein monumentaler Bau von griechischer Sc hönheit, christlicher Liebe und germanischem Heldentum nur auf die w eiß e Taube Beatricens. Aber gegenüber solchen vereinzelten Lockrufen ü berwogen die feindlichen Feststellungen der christgläubigen Schrift- geller und Redner beider Bekenntnisse. Der Künstlerprophet, der nicht • der Entrücktheit der jenseitigen Welt wurzelt, dem wohl die Ur- e £riff e und Urformen lebendig sind, aber die nährenden Inhalte für den °m Weibe geborenen gemeinen Menschen fehlen, ist nach ihnen der größte Gegenspieler des Christentums (Hochland), einer der merkwürdigen Häretiker aller Jahrhunderte ein luziferisch Irregeführter von heil- ° Se m Größenwahnsinn. Er ist, wie jüngst ein Jesuitenpater in der Mün- ft ener Aula verkündete, Herbstgold, in dem schon der Novembersturm ttelt, die Verzweiflung der stummen Form, die Überspannung der Leere, °Hüstige Askese und Askese der Wollust, kurz das schöne kluge und er ftihrerische Antlitz des Antichrists — dem gegenüber Nietzsche und 505 andere Zweifler plötzlich ungefährlich erschienen und ein mildes Urteil erhielten. Doch auch diese Anklage war noch nicht verdammend genug. Ein anderer der klugen Väter wendet vergiftete Pfeilchen an: er sagt in öffentlicher Rede, daß George und seine Jünger „heimlich-unheimlich zusammensitzen und Gott weiß welche dunklen Praktiken treiben. Hier verläßt den klugen Pater die Klugheit, indem er nicht bemerkt, daß OB* diesen Verdächtigungen er Steine und Schmutz in seinen eignen Garten wirft: die geschloßnen Erziehinstitute der Orden. Schlimmer noch: es gehörte die Unsachlichkeit eines deutschen Schweizerisch-Freiburger Dominikaner-Professors dazu, um aus der gemutmaßten Mischung von keltisch-wallonischem Erbe und rheinisch-deutschem Erwerb in der Natur Georges zu erklären, wie sich Ewiges und Gewöhnliches, Reines und Maßloses, weißes und schwarzes Licht in ihm mischen, wie böse Gelüste und kindliche Frommheit, die Gnade zu dienen und der Dämon der Gewalt in wechselnden Wirbeln durch sein Werk brausen und schwelen. So kann dann freilich der Professor die Ausgeburt der Verzweiflung, ALGABAL, im SIEBENTEN RING als Gott ins Leben der Gegenwart treten und die Ritensprache der römischen Kirche zu seiner Feier in frevelhaftem Wagemut preisgestellt werden lassen: gottlose Tat einer gottlosen Zeit! Und der Grund all dieses Hasses? Dieser Dichter wäre berufen gewesen, W die Landschaft zwischen Beuron und Maria Laach die erlösende Frag e zu tun: da er sie nicht tat so war ein Beruf, eine Stunde, eine Not vertan. Und tiefer noch ist der Schmerz: denn dieser führte herauf was zutiefs versunken schien: „Die antik-heidnische Schicht des Rheintals konnte f ur ewig verschüttet gelten. Siehe, da tritt aus urverschollenen Zeiten wieo er der Civis Romanus der letzten Heidenzeit ans Licht, der in seiner ungeheueren Bedingungslosigkeit straflos seinen jungen Freund zum G° und sein Pferd zum Konsul zu machen vermag, der Cäsar und Pontife*' jeder für sich und beides in einem sein kann. Unheimlich deutschfremd' so deutsch sie geworden ist, tritt diese Gestalt in Erscheinung. Gro' artige Erneuerung des antiken Heidentums und der morgenländische Mysteriensucht. Eine Magie des Wortes, in der die druidische Kunst un Kraft zu beschwören und zu verfluchen wieder aufgestört ist. Ein Den» Vorgang von eisiger Schärfe, beginnend mit der Entdeckung eines däm° nischen Sprachvermögens, von Stufe zu Stufe sich in Machthunger ve wandelnd und in einem Frevel ohnegleichen gipfelnd". Der Eiferer glaub i daß wir den Weltkrieg verloren haben, weil die Deutschen ihren Schic salsgang gegen Osten und Westen antraten mit dem zwiefachen Urg e » des Ostens und Westens, Nietzsches und Georges im Leibe. Wir woU« 506 'hn nicht fragen, mit welchem Christentum im Leibe Franzosen und Engländer, Amerikaner, Japaner, Inder, Senegalneger und andre den Sieg erlangten. Wenn man uns von den verschiedensten Seiten höhnisch zur Rede s tellt wie sie, die Anhänger von George, alle geistig hochstehende und wissenschaftlich orientierte Menschen, zu einer solchen Absurdität geführt werden könnten: Verehrung eines Gottes in heutiger Zeit — so können wir vorläufig nur das eine erwidern, daß dem modernen durch- Sc hnittlichen Gebildeten nichts widerwärtiger, absurder und unausdenk- 1,c her ist als die unbedingte Verehrung eines großen Menschen ... wie S °U man da von der Verehrung eines Gottes sprechen. George ist zuerst Dichter und nie hat er auch nur den Versuch gemacht, seine Freunde Ur »d Anhänger zu einem Kult zu überreden. Betrachten wir aber kurz alles, was denn heute als „das Religiöse" empfohlen werden kann. Zur Protestantischen Religiosität uns zu rufen, hat bis jetzt noch keiner vorzutragen gewagt.. zum Katholizismus zu gehen: daran würde schon der Entstand hindern, daß er an unserer Klassik nicht den mindesten Anteil ^atte und daß seit langen Jahren alles, was aus seinem Schöße kam, an Seistigen Werten, an Kunst und besonders an Dichtung meist das Süßeste, Rückständigste, ja Albernste war, keinesfalls aber normgebend Wirkte. Was hat man sonst noch vorgeschlagen? Die sogenannte Theosophie * u f Grund der indischen Geheimlehren. Wir geben zu, daß hier noch uralte * c hätze der Menschheit verborgen liegen mögen — daß sie uns aber ver- ° r gen sind .. und daß die heutigen Führer und Vertreter dieser Theo- s °phie — meist Engländer — noch nirgends eine Gewähr eines hohen Gebens geboten haben. Der neukrei'erte Krishnamurti in seiner Zeltstadt an der holländischen Grenze, auf dessen Offenbarungen schon Tausende Warteten, hat vor kurzem seine Anhänger heimgeschickt mit der deut- >chen Weisung, daß jeder selber versuchen müsse sich zu erlösen. Nun 5j e von der indischen Theosophie abgespaltene deutsche Anthroposophie, ^ier mußte von Anfang an das Traktätchenhafte abstoßen, Steiner Utld Steinerianism, und was wir aus diesen Zirkeln vernommen haben, aren vorläufig nichts als Banalitäten. Man hat auch aufmerksam gemacht * uf den religiösen Philosophen: Hier kam zuvörderst der vor einigen Jähren verstorbene Max Scheler in Betracht: aber der war, wie sogar Seir »e Anhänger erklären, als Mensch zu wankelmütig und hat seine reli- g | ö sen Anschauungen zu oft auf Grund seiner jeweiligen privaten Erlebte gewandelt. Nun der religiöse Dichter: hier wurde uns vor allem l lke angepriesen. Aber so wie dessen Dichtungen, die bei manchen 507 schönen Wendungen doch über das von Hofmannsthal Erreichte nirgends hinausgehen, zur Aufnahme in den Blättern zu weichlich schienen, so gestehen wir, daß dessen Religiosität uns eher Abscheu erweckt hat. Dieses haltlose Sichwegwerfen hielten wir nur für schädlich zur Bildung eines höheren Lebens und wir waren nie erschüttert von den Erschütterungen dieser durchaus slawisch gerichteten Seele. Weit ab von all dem äußerte der Dichter sich so: Wenn ich morgen in einem Betsaal am Nollendorfplatz das Bild einer peruanischen Regen" göttin aufstellte, kämen sie alle gelaufen. Zur Geschichte jedes Gottgesandten gehören die Schatten seiner Wide*" weit, die Gegner mit dem Rest eigner Welt, die Widerstrebenden a uS Not, die Abtrünnigen aus Schwäche und endlich die Philister, die ewig e Tragikomödie der Hohlen und Leeren, Aufgeblasenen und Lügnerischen: derer die besser wissen, sich besser dünken und lobend oder schmälend einen Ausweg finden, sich dem Größten ihrer Zeit zu entziehen. W' r haben sie im Fortgang unserer Geschichte verfolgt, wie ihre Frechheit und ihr Übermut sich allmählich duckten, wir fassen sie noch einma 1 zusammen in ihrer Selbstgefälligkeit, ihrer ohnmächtigen Bosheit und ihrem fast krankhaften Bemühen zu leugnen, was sie zugleich bekennen müssen, sich an dem vorbeizudrücken an dem man schlechterdings nicn mehr vorbeikommen kann. Freilich wenn es gilt eine Ausflucht zu finden> werden die Dümmsten geradezu genial und das Schaukeln zwischen h> e und dort wird zur höchsten Technik ausgebildet. Da ist zunächst die Gruppe derer, die das Recht ihres Urteils dara u gründen, daß sie zum Glück keine blinden Jünger sind, die den Dichte an den Maßstäben neuen Sehens messen, welche sie eben erst von ihn 1 empfingen, und den Weg, den er gebrochen hat, nicht gehen, um selt> s und unmittelbar das Verhältnis zu Gott im eignen Innern zu erfahren- Da sind die Werkpropheten, die an jedem Punkte des Meisters sein Bahn überschauten und wußten, daß sein Höhepunkt schon überschritten' seine Kraft erschöpft und ein neues Werk von ihm nicht mehr zu et ' warten sei. Er war der Prophet, aber nicht der Messias, er war ' Herold aber nicht der Erfüllte, auf seine schwachen und zagen Schulter hatte Jahwe nur die Weltschicksale gewuchtet, um das neue Land u n den neuen Raum zu bereiten, in den die Jüngeren getreten waren wir verschweigen die Namen dieser Überklugen, die heute schon " Vergessen gnädig verhüllt. Von der Gegenwart seines gewaltigen Bildn e tums und ehernen Willens flüchteten sie zum kommenden Heiland oQ dem unscheinbaren Mittler, der sich noch unbekannt in der Menge vef birgt. Für andere wieder überschattete der große Wegbereiter und P 508 2 ieher ein Jahrtausend, er hatte sein Volk aus unentrinnbarem Sumpfe gerettet und zur Blüte gebracht, aber er selbst war nie zur Blüte gelangt; denn trotz aller Überlegenheiten war er nicht stark und nicht Schlicht genug, sich einzuordnen und unterzuordnen. Dem stolzen Aristokraten fehlte das Verständnis für die welterlösende Macht der Liebe und Güte, er war nicht fähig sich ohne Rückhalt an die ganze Welt hinzugeben, er hatte alles in das neue Leben einbezogen nur das Wesenhafte der deutschen Gesittung nicht: die germanischen Urelemente Musik und *rau und Volk. Er hatte nur die Liebe des Schöpfers zu seiner Schöpfung, 2u r plastischen Welt der Gestalten nach seinem Bilde, aber er besaß nicht ^ a s immerwährende gleitende Sichverlieren und Wiederfinden in der st römenden Klangwelt, im ewigen Kampf der Geschlechter und der zwischen Paris und Moskau tragisch schwankenden deutschen Seele. Er ist de r Hybris der Selbstvergottung verfallen und seine verführende Magie, So lauten die ängstlichen Rufe, will uns ins männlich-harte Reich seiner Dichtung zwingen. Aber sei seine Größe und Bedeutung noch so groß, sei er der Meister, der Heiland selbst, sei sein Maß das einzige, das heute d 3 ist: seine Magie muß gebrochen werden und niemals darf das Wunsch- l 'd seines Deutschtums wirklich werden . . denn er geht an uns und Utl serem Zeitgeschehen vorbei, und gerade seine Unbedingtheit und Reinst, die sein Ruhm ist, ist auch seine Schuld vor den Nöten der Zeit. Andre hofften, daß die Dämonie dieser unerbittlichen Natur sich noch lri nial ganz entschleiere und in reiner Göttlichkeit aus allen Hüllen trete, lc Schicksal und Ekel an dem einzig völlig schamlosen aller Weltalter ltl m aufgedrungen habe. Schlimmere suchten in dem stählernen Panzer e lbst die Lücke zu finden, an der dieser eisige Mensch klein und schwach ei > wo man „das selig Erregende das Erbärmliche einmal in regellosem Aufschrei hinausstoßen hörte". Die Brüchigen und Geknickten, die damals g ern j u das über Christus, Brutus über Cäsar, Grabbe über Goethe , u stellen liebten, glaubten daß irgendwo wohl ganz im geheimen, auch Uf ch die Erzgestalt des Härtesten der schaurige Riß liefe und gaben die °sung aus: um George zu erkennen, muß man seinen Bruch suchen — gendwo ist er gebrochen! Ja, dann würde er sym-pathisch. So schuf man sich feinere Sonden als ehemals Verleumdung und c "mähung, und der schwerste einsame Kampf um das Werk: die Dich- n g wurde für einen vorlauten Betrachter zu einer zufälligen, fast neben- ^chlichen Angelegenheit, die nach dem heute schon vollendeten Wir- ^ n gsablauf Georges nicht mehr wichtig sei. Es war der alte Versuch, l e Werkleistung vom großen Menschen wegzufüchseln, seine Schöpfung n seinem Wesen zu trennen. Es bedeutete dasselbe in umgekehrter 509 Folge, wenn man von George für die Zukunft dauern ließ: nicht was er, sondern „Es" in ihm gedichtet habe, wenn man endlich Paulus gegen Christus stellte und das Werk des Jüngers Gundolf für größer erklärte als den Meister selbst, dem es galt. All diesen Leuten fehlte, wie es einer bekennt, neben den Hymnikern Georges der unbedingte Hasser und Verneiner Georges, der das kritische, das heißt das vernichtende Wort über ihn gesprochen hätte solange es noch Zeit war. Und da die erschlaffte Welt keinen hatte, der den Unverwundbaren hätte treffen können, so glaubte man sich immer noch stark genug» die welche ihm folgten auszuschalten und damit seine wesentliche Wirkung auf die Lebenden in Gegenwart und Zukunft herabzumindern. Dieses zeitgenössische Kreuzworträtsel von Lob und Tadel gegen die nächststehenden Menschen bietet die ergötzlichsten Lösungen je nachdem man es von links nach rechts oder von oben nach unten liest. Erst hieß es die Anhänger Georges taugten nichts, dann der und jener taugt etwas, besonders die welche wegliefen oder die nie das An*» tz Georges gesehen hatten. Erst hieß es, als das „Jahrbuch für die geistig e Bewegung" erschien, diese „feurigen jungen Leute" hätten keine Sachkenntnis und keine wissenschaftliche Grundlage, dann: hier würden die bedeutendsten Werke des Geistes geschaffen, hier sei, als die Fachwissenschaft versandete und verflachte, die Wandlung des großen Menschenbildes, vor allem eine dem Wesen der Kunst und des Künstlers wahrha" entsprechende Deutung des Dichters gegeben, das erste große Zeugn lS eines lebendigen Nietzscheerlebnisses abgelegt und überall das Menschlich- Bedeutungsvolle über Tatsachen- und Stoffhäufungen neu erhoben und gewertet worden. Schon das Erkennzeichen der Blätter für die Kuns* bürgte bald für den strengen Sinn der äußeren und inneren Form ein 6 » Werkes, es bürgte auch dafür, daß das deutsche Wesen in ihm rein u° ö groß dargestellt und das Vermächtnis der Ahnen gehütet, die Ahnung e0 der besten Väter verwirklicht würden. „Der Kreis" schuf auch die feins te Einung von Führer und Folger, er zeugte für das Gesetz der Rangstufen in aller echten Kultur und bestärkte die Hoffnung, daß inmitten °e abendländischen Zivilisation die schöpferische Stunde der Deutschen er* begonnen habe. Er allein unter allen Gemeinschaftsbünden dieser •* hatte keine Tendenz, kein Ziel, kein Dogma und bestand nur durch • unbedingte Verehrung eines großen Menschen .. was Nietzsches rom3° tischer Titanismus ersehnte, war hier verwirklicht (Köln. Ztg. 12. 8. &>' Die Unberufenen, schrieb ein Gelehrter, welche in Deutschland heute na c einer platonischen Akademie riefen, sollten erkennen, daß sie in der *■* meinschaft der Blätter schon in der Stille entstanden sei: „Späteren " e ' 5io schlechtem wird es wie ein Wunder sein, daß unser Deutschland das / vermocht hat .. seit einem Vierteljahrhundert ist der Bund da und heute gefaßter und geschlossener als in der Zeit seiner Anfänge — ein Ehren- Wal unserer Zeit" (v. d. Leyen). So, in verwirrendem Reichtum, lautete das Lob von links nach rechts ü nd nicht etwa nur der Tagesschreiber sondern der ernsten Forscher Unserer Hochschulen. Doch wenn man von oben nach unten liest — es s »nd andre doch manchmal die gleichen Stimmen — so lautet das Urteil: der Kreis, der ehemals Gebot der Stunde war, hat sich heute überlebt, R ur der zum Größenwahn gesteigerte Machtwille des Meisters hält die Nachbeter und Nachplapperer noch zusammen. Anderes ist deutlicher: Diese Schemen Fratzen Puppen Dummköpfe und Unbegabte, diese Pfefferkuchenmänner und Hohlspiegelbilder Georgeschen Wesens sind die größten Feinde Georges und wenn ihnen geistiger Gehalt und stilistische ^Ucht nicht abzusprechen ist, so verkehren sie durch den Kult Georges d 'e Zucht zur Inzucht, die Verehrung zur Abgötterei. Diese kaltfanatische *ekte der Unduldsamen und Überheblichen hat George selbst zum Georgianer gemacht: wie DER STERN DES BUNDES bewiese. Erst wenn die »Blätter für die Kunst" in alle Winde zerstreut und die Namen aller Jünger verschollen seien, würde sein Werk wieder schöner klingen und *• wahre Ansicht des Meisters vernommen werden. Denn sie selbst — d 'e der beste Kenner aller Dichtung, der große Durchschauer menschlichen Wesens sich zum Geleit erwählte — waren für unsere Kritiker natürlich ln der Dichtkunst nur begabte Dilettanten, und eben darum war die Wir- * Un g Georges auf die deutsche Dichtung nur gering: sie war im wesent- lic hen auf dem Gebiete der Geisteswissenschaft zu suchen. Aber die Wissenschaft selbst verwahrte sich schon gegen den Einbruch v °n Mythologie und Gnostik, Irrationalismus und Okkultismus, Trunkenheit und Tanz in ihren umhegten Bereich. Sie gab vom hauptstädtischen Zentrum die Parole aus zur Rückkehr zu Vernunft und Wahrheit, Kritik und Sachlichkeit, zur Fahrt auf immer höhere und reichere Felder des Erkennens, und platonisch tönend klang die Stimme eines getreuen lte n: „wie dann die hochbeladenen Erntewagen der Geisteswissenschaft, Jkren Inhaltsfülle wir heute kaum ahnen, ein gut abgestimmtes ein- ^JÜges Gespann ohne Peitsche und Geschrei, Sprünge und Rauschmittcl umführen wird: die bedachtsame Philosophie als wuchtiges Sattelpferd Un d der lebendige Geschichtssinn als bewegliches Handpferd". (Burdach l 925.) Wir schließen hier wie im ersten Kapitel des dritten Buches mit dem at yr»piel. Wenn heute die Kathederliteraten herausfinden, daß George, 5" früher der Verächter jeder ernsten Wissenschaft, nicht so sehr ein Dichter (eine ihnen ganz unverständliche Menschenart) als ein Wissender sei und schon auch die nächste Phase vorbereiten, wo er nicht einmal dies mehr ist.. wenn einige gemischte und ungemischte Ostländer, und zwar je östlicher mit desto mehr Pathos, sowohl bei den Dichtungen als den Übersetzungen an dem großen Sprachschöpfer bemängelten, daß er durch die ungenügende Kenntnis der deutschen Sprache ihr höheres Sprachgefühl verletze, wenn endlich jeder kleine schreibselige Pfaffe vom Standpunkt seiner (von der andern allzu sehr verschiednen) Konfession aus den Genius maßregeln will, so belächelt man darin nur die possenhaften Luftsprünge eines immer zuchtloser gewordenen Zeitgeistes. Wenn wir zur Abrundung unseres Zeitbildes noch die Stellung des Auslandes zur Dichtung Georges betrachten, so unterschieden sich von den deutschsprachigen Ländern Österreich und die Schweiz nicht von den reichsdeutschen Formen der Verlautbarung — nur daß sich in der deutschen Schweiz gelegentlich eine Stimme des Lokalnationalismus gegen die Anmaßung der deutschen Jugend erhob. Ähnlich war die Stimmung auch bei den Skandinaviern, die nach den großen Verbindungsjahren rm* Mitteleuropa in sich selbst zurückfluteten und eine fast ängstliche Sehen vor der germanischen Südzone zeigten, in der sie sich ehemals befruchteten oder erst weltgültig wurden. Die Engländer verband kaum noch eine Brücke mit der deutschen Dichtung. Die erwähnten „Years of IndiS' cretion" von Cyril Scott gaben nur Einzelerinnerungen und boten den Insulanern keine Sicht auf das Ganze des Georgeschen Werkes von der englischen Gefühlslage aus, aus der dieses Volk erst eine neue Erscheinung begreift. Es erschienen natürlich, wie überall, wissenschaftlich 6 Sachäußerungen, vor allem über die Prosawerke der Blätter, die abe nichts von Interesse aussagten. Ganz anders als in diesem germanischen Kreis gestaltete sich das Verhältnis bei den romanischen Völkern. Gerade sie suchten in der Nachkriegszeit die zerrissenen Fäden wieder anzuknüpfen, Wallonen und I ta ' liener in geringerem, Franzosen vor allem in immer stärkerem Maße. D er Franzose, der meist ohne inneren Anteil an den Erzeugnissen der Nachbarländer ist, hat doch aus dem Anspruch seiner zentralen Stellung a ' des Führers der europäischen Zivilisation den Trieb darum zu wissen« und faßt innerhalb der Grenzen seines geschulten Verstandes das Nötig schnell und klar. Das Jahrzehnt vor dem Kriege hatte seinem gärende Willensdrang den Blick auf den George des TEPPICHS und des SIEBEN' TEN RINGS verwehrt, wie der besprochene Aufruf von 1914 an d> geistigen Dichter Deutschlands zeigte. Aber das drei Jahre später & 512 Journal des Debats fallende Wort eines alten Pariser Bekannten: die : 44 Verse des Kriegsgedichtes Georges bezeichne man besser als 144 Keulenschläge, erwies wie schnell man das neue staatliche Bild des Dichters ■ Frankreich erfaßte. Die schon im ersten Friedensjahre versuchten Wiederanknüpfungen — die Gründung eines Mallarme-Bundes gab willkommenen Vorwand — ließen die Dichter unbeantwortet, während Literaten und Gelehrte schon mit offenen Armen nach Pontigny und Paris ei lten. Die Franzosen haben es sich in ihrer geistigen und politischen Geschmeidigkeit nicht verdrießen lassen und bis heute in stetig gesteigertem Eindringen versucht, gerade das ihnen Fremde des Georgeschen Wesens: die Sendung des Dichters „mission" (Rev. Germanique 1922) oder die Botschaft „message" (Rev. Europ. 1929) und Gottsuche des deutschen Malers mit den Formeln der französischen Vernünftigkeit zu erfassen. Dazu kamen im Juli 1928 die Erinnerungen der noch lebenden Pariser und belgischen Freunde, welche die Revue d'Allemagne am Ende des Jahres ^it anderen Aufsätzen zusammenfaßte, und die in Frankreich wieder ein ß ild Georges und seiner Wirkung erstehen ließen. Weiter im Osten kam Kunde von Halt und Hoffen, welche die sudeten- ^eutsche Jugend und noch die Siebenbürgens an den Werken der Blätter f and, auch die Tschechen und Südslawen begannen seine Gedichte zu übersetzen und die wissenschaftlichen Schriften der Blätter — nur sehr teilweise verstanden — aufzunehmen. Aber wichtig für die veränderte Stellung der Zeitgenossen ist es, daß George jetzt im Vergleich zu ausländischen Machthabern als die deutsche Führergestalt gesehen wurde. * n Rußland war kein Raum mehr, in dem man eine apollinische Stimme "ätte hören können, aber von der revolutionären Sicht aus verglich im Jahre 1921 ein Kenner der Sowjethäupter George mit Lenin: Lenin, so Sc hrieb er etwa, habe die Entwicklung des modernen Ich übersprungen ^Hd sich stetig vom tragischen Zentrum der Zeit fortbewegt . . in dieser reiheit von aller Tragik beruht seine geistige Bedeutung und sein tiefster Gegensatz zur Zeit, die ihn deshalb als Richter haßt oder als Vorbild le bt. Der einzige Mensch in Deutschland, der in gleicher Weise gehaßt nd geliebt wird, ist Stefan George, weil seine geistige Bedeutung darin es teht, daß er auf dem umgekehrten Wege die Tragik der Zeit bereits l^nter sich gelassen hat. Lenin ist frei von der Tragik der Zeit, George l8t gegen sie gehörnt, er hat den Leidensweg der Erkenntnis hinter sich, e nin ist ihn niemals gegangen: er kann daher nie den Westeuropäer, °hl aber den Russen erlösen. »Das bloße Dasein derer um George tut dar", schrieb ein bekannter Wiener Schriftsteller, „daß das alte Deutschland doch noch lebt, jenes 33 5i3 Deutschland, dem es in Wissenschaft und Kunst niemals um Erfolg und Geschäft, sondern allein um Wahrung des Schönen, Guten, Wahren geht. Es liegt in unserer angestammten deutschen Art, die Flamme still z u hüten, ohne zu fackeln. Jeder Einzelne, jeder Stamm, jedes Volk trägt von Urzeiten her ein Vermächtnis der ihm vom Schicksal zugewiesenen Eigenart und Eigenmacht in sich. Wenn es den Italienern jetzt in der glänzenden, lärmenden, gewaltsamen Gestalt Mussolinis erscheint, so wollen wir uns dieses aufregenden Anblicks neidlos, wenn auch vielleicht» sofern er uns dazu nötigt, abwehrend erfreuen, aber dabei Gott danken» daß die Summe wahrhaft deutschen Daseins die stillen reinen Züge Stefan Georges trägt". (Bahr, Neues Wien. Journ.) Auch sonst horchte man im Ausland erstaunt auf vor der allgemeinen Kundgebung der deutschen Öffentlichkeit von der Staatsleitung bis z u den Provinzblättern zum sechzigsten Geburtstag Stefan Georges, und ein e Schweizer Stimme (Baseler Nachrichten) bemerkte — nicht im literarischen sondern im politischen Berliner Bericht, daß es seine Bedeutung habe, daß wenigstens in einer Sache: der Schätzung dieses Mannes die Deutschen einmal fast einmütig seien. Dies gibt uns Gelegenheit, ein Positives in diesen Stimmen durch das ganze deutsche Sprachgebiet zu buchen, ganz abgesehen davon, ob mafl Georges Gedichte versteht oder nicht versteht, seine Haltung billigt oder ablehnt, seine Weltschau für richtig oder falsch hält: das dumpfe Gefühl, man dürfe die einzige geschlossene Figur des heutigen geistige 11 Deutschtums nicht antasten bei der ohnehin so stark erschütterten Weltgeltung der Deutschen. 5M SIEBENTES BUCH REICH UND BILD i. KAPITEL: DIE FÜHRUNG DER JUGEND WIR gehen nicht fehl, wenn wir behaupten, daß George seit den Jahren wo er die Eignung in sich fühlte, sich ununterbrochen der Erziehung gewidmet hat. Seine Nächsten sind nicht nur durch Dichtung sondern irgendwie auch persönlich durch ihn erzogen. Die von ihm Erzogenen haben schon ihrerseits wieder ihre Zöglinge über das ganze Putsche Sprachgebiet hin. Diese Erziehung geht freilich, wie es sich 2l emt, nicht vor den Augen der Öffentlichkeit vor sich, doch wenn der Augenblick kommt, sind die Ergebnisse auch in der Öffentlichkeit zu bemerken — und dies von Tag zu Tag mehr! An eine andre Erziehung als a n die von Person zu Person glaubt George vorläufig noch nicht, und wenn Welche zu ihm kamen und ihn um seine Meinung über Erziehung befragen, um sie anzuwenden auf die Dutzende neu hervorschießender Er- 2le hungsanstalten, verhielt er sich ablehnend, weil er an eine Übertragung au i diesem Wege nicht glaubte: der ganze Wirrwarr der Alten spiele s *ch auch in den Köpfen der Jungen ab, zu einer Erziehung im weiteren u mfang müßten erst Erzieher erzogen werden. Die Lage der deutschen Jugend hatte sich seit etwa 1910 tief verhandelt: kaum daß in den gebildeten Schichten hier und da noch ein geecktes junges Leben aufwuchs, das nicht mittelbar oder unmittelbar v °m Geist der neuen Dichtung berührt worden wäre. Schon die Knaben atmeten bewußt die Luft des Meisters und zwar nicht die lautesten aber dle besten spürten dumpf, daß quer durch das gewohnte bürgerliche Dasein ein andres fremdes Leben ging. Viele suchten ihn, aber wenige fanden *». Die meisten fühlten, daß mehr als fromme Gesinnung und guter W üle vonnöten sei, um vor diesem seltenen Manne zu bestehen. Sie kehr- e n vor der Pforte um oder machten schon früher halt und begnügten sich, as neue Leben und die neue Gemeinschaft auf eigne Faust zu führen. Es waren die Jahrzehnte der heute schon erstorbenen deutschen Jugendbewegung. Um die Jahrhundertwende begann die bürgerliche Familie Cn ristlicher Art aus den Fugen zu gehen. Der Emanzipation des Weibchen Geschlechtes folgte die der Kinder, und wir erinnern uns, daß es 'ne deutsche Frau und Mutter war, die die schon begonnene „Emanzipation der Kinder" öffentlich zuerst verfocht. Das Ende einer Weltzeit 515 fand auch hier sein sinnbildliches Zeichen: der jahrtausendlang umhegte Raum zerbrach und die Kinder aller Stände begannen zu wandern, nicht allein in die Dorfflur, in den nächsten Gau, sondern über ganz Deutschland, über die europäischen Länder hin, zu wandern in einer sinnlosen Freizügigkeit, in einer spannungslosen Kameradschaft von Knaben und Mädchen, ohne anderen Trieb als den gewohnten Bindungen für eine Weile zu entgehen, und in dem auf nichts gegründeten Vertrauen, sich selber führen und erziehen zu können. Mitten in einem schablonenhaft durchorganisierten Staate, mitten in einer genau und rechnerisch durch- geformten Wirtschaft, mitten in einem unentrinnbar gleichmäßig aufgebauten Stufensystem des Unterrichts erlahmten die haltenden Kräfte der Gesellschaft an den Kindern. Was das Elternhaus bot, war schal g e * worden, was die Schulen boten, erweckte keinen Anteil mehr, die früher gesuchten Verbindungen der studierenden Jugend erschienen lächerlich und stumpf. Wenn ehemals die Jugend ihre erste Kraft darauf verwandt hatte z u ehren, zu dienen und sich zu beugen, so nutzte sie sie jetzt, sich zu be- freien, selbständig zu handeln und die körperlichen Kräfte zu üben. Sie riß die älteren Generationen auf diesem Wege mit sich fort, immer meh r Stützen und Schranken fielen im alten Gehäuse. Selbst die Altersgrenze 11 verwischten sich und wenn man von den westlichen Völkern sagen konnte» sie haben keine Jugend mehr, so von Deutschland: es hat kein Alter me nr " In der Radikalität seines Geistes hat der Deutsche nach der Ausgleichung aller gesellschaftlichen und staatlichen Stufen auch noch die der Al te zu tilgen versucht: Die Jugend erklärte sich führerlos und beschloß sie selbst und die anderen Alter zu führen — dann, viel später erst, erwacht der Schrei nach dem Führer. Das Ergebnis der Bewegung war für ° e deutschen Körper eine Wendung aus der Stube in die frische Luft z u Durchschulung in Erde, Licht und Wasser, und ein paar Jahre l a °^ konnte es scheinen als ob diese körperliche Jugendbewegung dem deu sehen Volke eine neue Einheit des Fühlens, eine neue Gemeinsamkeit de Willens geben sollte. Aber als die Zeit der Reife kam, zerfiel der ku f2 Zauber. Viele der Besten der begeisterten Jugend fielen auf den Felder Flanderns und was blieb, bestand in den Prüfungen des Schicksals ni cn ' Zwei Jahre nach dem Kriege brach die freideutsche Jugend auseinand und ihre zersprengten Gruppen fielen den alten Parteiungen des ^ ate . lands anheim. Sie pflanzten sich von da an wie niedere Organismen dur Spaltung fort und es gab bald eine kommunistische, katholische, demokr tische und andre Jugendbewegung. Damit erlosch ihr Sinn und die „aft e Führer nutzten sie zu ihren Sonderzwecken. 5i6 Wo liegt der Grund für dieses schnelle Versagen? Sagen wir es kurz: >n dem traurigen deutschen Glauben, ein Nichts könne für ein Etwas stehen, e ine Empörung für eine Schöpfung, eine Vorstellung vom Führertum für den lebendigen Führer selbst. Wie alle bloß verneinenden Bewegungen des *9. Jahrhunderts, der Sozialismus wie die Frauenemanzipation, der Monismus wie der Naturalismus, war auch die Jugendbewegung ohne schöpferische Mitte und geistigen Sinn. Sie war Empörung wider die leergewordenen Formen der bürgerlichen Welt, ein Freiseinwollen von sinnlos gewordenen Bindungen und ein Widerstand des noch gesunden Körpers, der sich zweckloser Hüllen und Verkleidungen schämte und ins Freie s Prang. Aber eben da sie frei wurden — es ist bezeichnend, daß das Versagen geschah, als alle „Autoritäten" in Deutschland zertrümmert am Boden lagen — suchten die Jungen nach Halt und zeigten, daß sie nicht Beweger sondern Bewegte waren, daß sie das Leben nicht gemeistert "atten, sondern sich den ersten besten „Forderungen des Tages" anpassen Mußten. Sie hatten ihren Stolz darein gesetzt, gerade keine neue Ordnung lr gendwie bindender Art zu schaffen, gerade keine Vorbilder und Vormünder anzuerkennen, gerade Nicht-Mann-werden zu wollen und ihre Un- a °hängigkeit von keinen geistigen, politischen oder religiösen Gemeinschaften überwinden zu lassen. Aber als nun die „Freiheit" da war, eine Empörung gegen die gefallenen und zerbrochenen „Autoritäten" nicht mehr lohnte, fühlten sie, daß der Boden einer eigenen Wirklichkeit fehlte. Sie mußten aufgehen in dem was sie gehaßt und bekämpft hatten: im Bürgertum und in den politischen Parteien oder in der Boheme und der Fremde: dl e Empörung endete in den bürgerlichen oder proletarischen Organisa- tlo nsformen unjugendlichster Art. Damit ist schon das Verhältnis dieser Jungen zu George und seiner Gemeinschaft gezeichnet. Sie mochten erzählen, daß sie im Kriege mit dem S TERN DES BUNDES im Tornister die härtesten Proben vor Verdun am be sten bestehen konnten, daß das Kriegsgedicht Georges ihnen im Schlamm vor Warneton zum ersten Male das furchtbare „Warum?" des Grauens en tschleierte und über den Krieg hinaus wies in eine lichtere Zukunft.. sie fochten jubelnd aus seinen Händen den neugeborenen Hölderlin nehmen u «d zur Mitte ihrer Sonnwendfeste machen .. sie mochten George mit al lem Überschwang der Jugend den Beschwörer der alten Götter, den Er- ne uerer des Opfergedankens, den stählernen Rufer für die Wiedergeburt u »iseres Volkes nennen und sich selbst als die Jugend fühlen, welche er in Se inem STERN und in seinen wilden und tiefen „Skalden-Schlachtliedern" besang: sie wußten dennoch alle in unbespiegelter Stunde, daß sie nicht ^gehörten, daß sie ihn wohl „mit jenem Schauder der Dankbarkeit und 517 des Grauens liebten, der den Unversehrten immer beim Anblick großer Mächte berührt", aber nicht die Kraft und den Mut hatten, dieser Liebe das einzig sinnvolle Opfer ihrer selbst und ihrer ziellosen Freiheit zu bringen. Das Wort Zucht in seinem Munde hatte ihnen einen zu harten Klang» und wenn sie sich Geist von seinem Geiste nannten, so verwahrten sie sich zugleich vor dem Dienenwollen seiner engeren Anhänger. Sie durften sich nicht an „eine enge Schule binden und die Erschütterung von außen fliehen". Sie sahen in Jüngertum und Gefolgschaft die Gefahr der geistige 0 Versklavung: sie ahnten nicht, daß man sehr stark sein muß um der Hin' gäbe fähig zu sein. Aus der heimlichen Erkenntnis ihrer Schwäche mußte die Jugend, wie es in der „Schule der Gemeinschaft" heißt (1925), sich vor dem Anheimfall wahren, mußte protestieren gegen die Vorwegnahme der Wirklichkeit durch die Idee und wollte nicht in „Georgescher Haltung fern von der Tragik des heutigen Geschehens ein Privatleben führen. Eben dies aber wurde das Los der Jugend, die „sich selbst erlösen" wollte, und nur die wenigen, die sich aus der inneren Freiheit der Verneinung und dem heillosen Verströmen an ein Nichts mit vielen Namen lösten, zeigten daß das stärkere Blut in ihnen pulste und sie fähig machte, Glück und Härte eines staatlichen Lebens zu ertragen. Gleichläufig mit der Jugendbewegung und eingestanden oder uneing e ' standen von den Triebwellen getragen die von den Mahn- und Fluchreden Nietzsches und der Dichtung Georges durch das deutsche Geistesleben fluteten, liefen die hundertfachen Bestrebungen nach einer Erneuerung der Jugenderziehung. Die Gründung von freien Schulgemeinden, Schulen an 1 Meer, Schulen in der Heide, Schulen auf den Bergen, von platonischen Ak3' demien und Weisheitsschulen, die Umwandlung der staatlichen Schulf° r ' men und die Erneuerung des Hochschulbetriebes bezeichnen nur die äußer' sten Grenzen all der tastenden und nach der Revolution sich überstürzenden Versuche, die ausbrechende Jugend wieder mit der Schule zu verbin' den, dem Kinde sein Recht zurückzugeben. Ja die jetzt ebenfalls au ' tauchenden Rasseforscher wünschten schon bei der Paarung der Eltern i u die Zeugung eines guten Nachwuchses Sorge zu tragen. Eine Flut vo Programmen und Theorien schwemmte aus dem schreibenden Deutschen hervor, Psychologen und Psychoanalytiker, Erotiker und Mythiker, Boden reformer und Alkoholgegner widmeten sich den vernachlässigten Frag e der Erziehung. Man entdeckte plötzlich, daß man ein halbes Jahrhunde und mehr die Erziehung der Jugend einer „Wissenschaft ohne Bildung ziel" anvertraut hatte und daß man die pädagogischen Schriften vor 19° nur noch mit schmerzlicher Scham über den Niedergang der einst so % rühmten deutschen Bildung lesen konnte. Mit einem fast naiven Erstaune 5i8 stand man vor der tiefen Wandlung im geistigen Gefüge der Zeit, die zuerst außerhalb der Wissenschaft in Dichtern, Künstlern und Philosophen ihren Ausdruck gefunden hatte, und für die man keine anderen Ursachen anzugeben wußte als „eine gewisse Erschöpfung der geistigen Möglichkeiten in den bisherigen Gleisen". (Zeitschr. f. Deutschkunde, Herbst 1925.) Die Not lag tiefer und der Stoß der Wandlung war schwerer als auch die Ernstesten ahnten. Aber sie folgten dem neuen Drange zum Erziehungswillen, verließen die alten Gleise, und ganz Deutschland wurde ein Versuchsfeld für die Pflege und Ertüchtigung der Jugend. Zu schildern was an unsinnigen Versuchen und Reformen ausprobiert, verworfen und wieder Probiert wurde, würde diese Blätter zu sehr belasten. Mit deutscher Gründlichkeit durchforschte man alle Beziehungen neu zwischen Körper und Seele, Einzelnem und Gemeinschaft, Wissen und Leben, Führendem und Geführten und holte sich wieder Rat bei den größten Menschenbildnern: Unseren klassischen Dichtern. Was Nietzsche schon vor sechs Jahrzehnten l n das lautlos schweigende Deutschland gerufen hatte, gestanden nun viele: daß der hohe Traum unseres klassischen Idealismus nach kurzer Blüte keine Erfüllung im deutschen Menschtum gefunden hätte. Gerade die gerühmte ^enkfreiheit wäre das offne Tor gewesen, durch das der uns wesensfremde festliche „Positivismus" einbrach und unsere Wirtschafter und Wissen- Sc hafter wohl zu den größten Einzelleistungen befähigte, aber den Blick auf die gesamtmenschliche Bildung völlig verschüttet hatte. Es mag sein, wie "fian entschuldigend anführte: daß wir durch diese Hölle der Stofflichkeiten Sehen mußten, um unseren Wirklichkeitssinn für die harten Weltkämpfe 2 U stählen. Aber die Enkel der großen Dichter durften diesen Durchgang nic ht mit dem Erlöschen des gesamtmenschlichen Sinnes bezahlen, nicht Bildung mit fachwissenschaftlicher Schulung verwechseln und im reinen Fachmann und Fachbeamten die erwünschte und allein berechtigte Men- Sc henart preisen. Man erwachte wie aus einem bösen Traum und alle Er- 2 Jehungspläne der letzten Jahrzehnte suchen der Jugend Schutz zu bieten Segen die einseitige verstandliche Ausnutzung und wieder die handelnden, a nschauenden, sinnlichen Kräfte in ihr zu stärken. Man sah: der Mensch ,st nicht nur ein intellektuelles Wesen, er ist ein körperlich Ganzes aus Leib ü nd Geist, Trieb und Vernunft, Eigen und Erbe, Land und Licht, er ist au ch als Kind schon ein unantastbares Selbst, und es bleibt die schwerste ^ünst: es mit ungebrochenen Kräften zum Träger des gemeinsamen Gei- te s im Volke aufzuziehen. So weit die Erkenntnis! Aber sie diente zu nichts bei der Ausübung die- f er schwersten Kunst, in der das Tasten und Versuchen schwerere Sünde lst als in jeder andern. Wir schweigen von den Süchtlingen die sich auf 519 Piaton und George berufend das erotische Ideal der Jugenderziehung verkündeten und hohe Worte und Werte zu persönlichen Reizungen miß* brauchten: was mit erloschenem Traum und voll Selbstüberhebung aus ihren Händen kam, war für immer verdorben. Die ernsten Bestrebungen richteten sich auf die Erneuerung oder Umformung unseres Schulwesens und suchten vor allem drei Dinge mitein* ander zu vereinen, um aus der Schulerziehung ein neues deutsches Mensch- tum hervorgehen zu lassen: die Körperbildung, die Unterrichtung in de" 1 Wissensgebieten und den Geist der Volksgemeinschaft. Hierbei vergaß man, daß diesen drei Dingen das Richtunggebende fehlte: eine Vorstellung der ebenmäßigen Körperlichkeit, eine zusammenfassende Anschauung des Wissensstoffes, ein geistiger, nicht parteilicher oder wirtschaftlicher, Bc- griff der volklichen Einheit. Die Dinge nennen und an Deutschland denken, heißt schon ihre Unvereinbarkeit erkennen. Sie brachten statt der Vereinfachung nur eine große Vermehrung der Schulformen und Lernbereiche ohne ein neues Bildungsziel. Denn die gerühmte „Gesamtpersönlichkeit" sollte auf allen Stufen der Jugenderziehung dadurch geformt werden, daß sie möglichst viel vom Leben, das heißt von der ungeheueren Vielfalt des modernen Lebens, dem die Jugend schon außerhalb der Erziehungs* anstalten schutzlos preisgegeben war, in sich aufnähme: die neuen Leibesübungen, die ganzen aufgehäuften Schätze der Künste und Wissenschaften und die unüberschaubaren Gebiete der werktätigen staatlichen und kirchlichen Volksgemeinschaft. In all dem gab es aber nach der Revolution nocn weniger als vor ihr eine geistige Einheit, ohne die eine Erziehung schlechterdings unmöglich ist. Welche Erziehungslehre und welche Schulform man auch betrachten mag: wie ein Riß durchläuft sie die Gegensätzlichke» und Unvereinbarkeit der Spannungen unseres seelischen und völkischen Daseins und das „neue" Humanitätsideal klafft von der Grundschule b» s zur Hochschule in unheilbaren Widersprüchen auseinander. Wenn einst La* garde im Hinblick auf die Unvereinbarkeit der drei großen geschichtlichen Religionsgesellschaften mit dem nationalen Staate sagen konnte: „Einen deutschen Staat hat es noch nie gegeben", so können wir vom Blickpun» der noch tausendfach vergrößerten Gegensätze unseres modernen Leben mit mehr Recht sagen: „Eine deutsche Schule hat es noch nie gegebe und gibt es auch heute noch nicht". Alle Mischungen und Ausgleiche habe das Wirrsal unserer Jugenderziehung nur vermehrt, alle wahllosen A leihen von hier und dort erreichten nur das Gegenteil des Gewollten. Zwischen der deutschen und den ausländischen Arten öffentlicher »_ Ziehung besteht der folgende grundsätzliche Unterschied. In allen eng 1 -' sehen Schulen wird auf einen bestimmten Typus hin erzogen: den „eng 520 lischen Gentleman''. Wer sich dieser Form nicht nähert — sei er Arbeiter, sei er Andersgläubiger oder Fremdländer — hat keine Aussicht zu einer höheren Stelle zu gelangen. In Frankreich erzieht man zum advokatisch- ausgebildeten, schlagfertigen Journalisten — ohne diese Eignung kein Erfolg im staatlichen und gesellschaftlichen Leben. In Italien wird jetzt der Einheits-Italiener schon in den Kinderschuhen mit Erfolg geprägt: der militaristische Italianissimo. In Rußland wird man zum Sowjetgeschöpf Sedrillt — sonst sind die Kinder herrenloses Rudel. Doch in diesem Land Schafft die Knute das Regulativ, sei sie in zaristischer oder bolschewikischer Hand. In Amerika wird bei der Erziehung dem Dollar-tüchtigen Menschen eine fast kindische Verhimmelung des „freien Amerika" eingepflanzt, das Geistige aber nur geduldet, weil es doch nötig erscheint und e in so großes reiches Volk sich auch das Geistige leisten kann. Einen sol- c hen „Idealtypus" haben wir nicht. Doch bemerkte ein von Zynismus n icht Freier der Jüngeren, daß wir bereits mit Glück darauf hinarbeiten: dieser Idealtypus sei der Ullstein-Deutsche. All unsern Reformern fehlte ein klares einheitliches Bild desMenschtums, R ach dem sie die Jugend hätten erziehen sollen. Vor dem Bilde des dichterischen Menschen aber, das der weiseste Bildner der Zeit lebendig und wirkend unter sie stellte, bekreuzigten sich die Väter und Lehrer mit jener Furcht der Seele vor dem Einbruch höherer Mächte in das bürgerliche Da- Se in mehr als vor Krieg, Pest und Hurerei. Im Deutschland Goethes erscholl nun der Angstschrei: „Wir sollen und können unsere Söhne nicht 2u Dichtern erziehen". (Burdach, Die Renaissance.) Sondern? Zu wissen- Sc haftlichen Menschen! Wobei noch mit ausdrücklicher Stellungnahme S e gen die neue Auffassung der Bildung betont wurde, daß es sich nur um Menschen des analytischen kritischen Denkens handle, nicht um solche "^it den Schaugerichten allwissender und unfehlbarer Synthese". Aber, nachdem die Pädagogen fast ohne Ausnahme den Bankerott der r ein rationalen Erziehung verkündet hatten und die Staatslenker ihre Schul- Wäne auf der Erkenntnis aufbauten, daß die Gleichsetzung von Erziehung ^it wissenschaftlicher Erziehung für immer abgetan wäre, kam der Rück- TXx i, der von unseren Universitäten ausging, zu spät. Die Jugend glaubt n icht mehr an das Ideal der wissenschaftlichen Erziehung durch Anstalten, Welche selbst der wissenschaftlichen Pädagogik mißtrauisch ihre Tore ver- Sc hließen, da sie schon im Hinblick auf ihren Gegenstand, den ganzen Menden nämlich, irrationaler Elemente verdächtig ist. Die Hochschullehrer Se lbst, welche sich ernstlich um diese tiefe Not unseres Volkes kümmern, Rauben nicht mehr an die Möglichkeit einer einheitlichen Bildung auf Anhalten, die selbst den genossenschaftlichen Charakter der wissenschaft- 521 liehen Arbeit, das einst so stolze Geistig-Ganze der Universitas, durch die Fachvereinzelung zu verlieren drohen und fast nur noch als Verwaltungskörper eine Rahmeneinheit von vereinzelten Fachvertretern bilden. Die Männer des George-Kreises, welche daselbst lehren, wären die letzten, die darum die sachliche Zucht des wissenschaftlichen Denkens missen oder mindern wollten. Sie verzichten weder auf die kühle Schulung des Willens durch eine folgerechte Erkenntnis der Wirklichkeit noch auf die Prüfung der ordnenden und regelnden Kräfte unseres Geistes am Widerstände des unbekannten oder vielfältigen Stoffes. Aber sie erkennen der Wissenschaft in ihrer tausendfältigen Splitterung und auf sich selbst gerichteten Ziellosigkeit nicht das Merkmal einer Erzieherin der Jugend zu und leugnen« daß sie in ihren heutigen Formen überhaupt imstande ist, Lehrer der J u ' gend heranzubilden. „Unsere Wissenschaft" hatte schon Mommsen einmal geäußert, „ist so in die Tiefe gewachsen, daß sie dadurch für die Aufgabe der Knabenerziehung unbrauchbar geworden ist". Sie war seitdem auch l« 1 die Breite gewachsen und hatte die hohen Bilder antiken und deutschen Volks- und Menschtums verloren, sie hatte seitdem das heilige Gut unserer Sprache so mißbraucht, daß ein Aufruf des deutschen Sprachvereins unseren Gelehrten riet, „in Fragen einer vornehmen Behandlung der Muttersprache in Werken der Wissenschaft bei Holländern, Tschechen, Ungarn, Griechen und Japanern in die Lehre zu gehen". Was die Erziehung der Jugend in der Gemeinschaft der Blätter von der zeitgenössischen unterscheidet ist ihr völliger Verzicht auf die Wirkung in eine wahllose Menge oder in eine zufällige Schülerschaft, welche durC äußere Nötigungen des Staates, der Kirche, der Schulanstalt oder wie sonS auch immer zusammengeführt wird. George und seine Folger schlösset bei der Wahl derer die sie in ihre Nähe zogen, jedes Ungefähre und Unz u ' längliche aus, sie begnügten sich nicht einmal mit dem was guten Willen oder gläubiger Gesinnung war, sondern kannten und kennen nur eine b e ' stimmte Art der Jugend zur Eignung für das gemeinsame Leben: den die» 1 ' terisch erschütterbaren Menschen. Der Sinn all ihres Führens und LeitenS» Liebens und Streitens ist die dichterische Bildung in der ganzen Kraft un Umfassung, die der Meister selbst ihr durch Werk und Leben gegeben ha und sie sagen mit Euripides: „Keine Gemeinschaft mit denen untn sischer Art!" Nie hat es freilich im Sinn der Blättergemeinschaft gelegen, die ihr A befohlenen sämtlich zu Dichtern erziehen zu wollen — wie man ihr o des öfteren kurzsichtig vorwarf. Aber auch einer ernsthafteren Fassung Einwands müssen wir begegnen: daß nur eine besondere Veranlagung, na* 11 lieh die dichterische, von uns berücksichtigt werde, und also jeder nicht 522 Veranlagte von der höheren Erziehung ausgeschlossen sei. Uns aber bedeutet die Möglichkeit durch Dichtung ergriffen zu werden nicht „Talent haben zum Dichten" sondern etwas Allgemeines, das vor jeder einzelnen und ausgeprägten Fähigkeit liegt — wir setzen es gleich dem jugendlich Traumhaften überhaupt, das uns die Vorstufe nicht nur einer bedeutenden geistigen Wirksamkeit, nein auch des Tätertums ist, mithin jeder höheren Form in der sich später der Mann erfüllt. Ohne dieses Traumhafte gelingt °ur der Mechaniker, nicht einmal der Kaufmann großen Stils. An dies in Jeder vornehmeren Seele bereitliegende Element wenden wir uns, und helfen uns noch auf ein Gesetz, das wir nicht schaffen sondern vorfinden: da durch die Dichtung und nur durch sie die neue Seele für dieses Mal in die Welt trat, so ist auch jeder, der etwas von dieser neuen Seele in sich tr ägt, mindestens in der Zeitspanne seiner weitesten Bildsamkeit, in der Jugend: dichterisch erregbarer Mensch. 2 - KAPITEL: DIE NEUEN DICHTUNGEN UND >DAS NEUE REICH< ||IE „Blätter für die Kunst" hatten mit dem Erscheinen der elften und ^"^ zwölften Folge (1919) bewußt ihren Abschluß gefunden. Nach einem Gestehen von 27 Jahren hatten sie ihr Ziel, die Wiedergeburt der Kunst, au f ihrem mittelsten und wesentlichsten Gebiete, dem der Dichtung, erficht und von dieser Mitte aus eine geistige Bewegung in Deutschland u °d schon über seine Grenzen hinaus entbunden, welche den gesamten ß ildungskreis ergriff und das jüngere Geschlecht unseres Volkes mit e inem neuen Streben nach höherer Gesittung des Bildens und Denkens erfüllte. Damit war ein unverlierbarer Grund für die Weiterentfaltung der geistig en Kunst gewonnen und eine Sammlungsstelle für die dichterischen Erzeugnisse der Jugend überflüssig geworden. Auch war bei der Höhe des ^'reichten in der nachfolgenden Jugend das Gefühl der Verantwortung tq r die dichterische Erzeugung so gewachsen, daß die meisten sich nur Se hr schwer entschlossen, an das dunkle Spiel zu rühren. Wenn dennoch e ine g u te Leistung sich vorwagte, blieb sie in der Stille geschriebener Sammlungen. Aber wo ein ausgebildetes sprachliches Können sich mit der ^hnen Eroberung eines neuen Seelenbereiches verbindet, werden die Blät- er auch die dichterischen Erzeugnisse der Jüngsten veröffentlichen, wie die eben erscheinenden „Gespräche aus der Zeit der deutschen Wiedergeburt" im Blätter-Verlag. Von den älteren Gefährten gab Gundolf im 523 Jahre 1922 die Übertragung der Shakespeare-Epen heraus, Wolfskehl, Val- lentin und Wolters führten ihr dichterisches Werk in der Richtung ihres Beginnes fort. Der letztere geleitet in den zwölf Gesprächen „Der Wanderer" (1924) den Meister, der ihm „den Fußbreit festen Grund" gegeben hatte, durch die Gezeiten seiner Herrschaft, wie er den Kampf mit den Mächten vollzieht und die ihm Anvertrauten durch Zwiespalt und Gefahr zum Siege führt. Vallentin gab in den „Heroischen Masken" (1927) seiner an Napoleon entzündeten dramatischen Kraft den letzten Ausdruck. Die Art, wie er die Gestalt des Kaisers sich vollenden läßt, zeigt uns deutlich» daß George auch der tragischen Dichtung ihre rein abendländische Möglichkeit erobert hat. Sie war durch das einmalige unwiederholbare Opfer des Gottessohnes, das jeder menschlichen Tragödie außer ihm ihr Gewicht nahm, im Christentum unmöglich gewesen, sie hatte dann seit der Renaissance vor allem durch Shakespeare, der die dumpfen und hellen Volksele- mente, Blut und Geschichte ins hohe heldische Schicksalsspiel hob, wieder einen eigenen Raum erworben, aber sie war zugleich durch den Humanismus und Klassizismus mit dem antiken Schicksalsbegriff in seiner helleni' stischen Deutung belastet worden, wie ihn vor allem die romanischen Dich' ter übernommen hatten. Trotz ihres stürmischen Kampfes gegen den französischen Romanismus und ihrer Liebe zu Shakespeare bestimmte die' ser Schicksalsbegriff auch in den dramatischen Dichtungen unserer Kla s ' siker und ihrer Folger noch Form und Ablauf des tragischen Geschehens — nur Hölderlins Seherblick schaute darüber hinaus in die besondere von der antiken unterschiedene Schicksalsform des abendländischen Menschen- Vielleicht weil er sie in dem Jüngling Napoleon schon verkörpert sah- Denn in Napoleon stellt sich das heldisch-tragische Menschtum unsere Abendlandes in seiner persönlichen und schicksalhaften Gewalt mit äußer' ster Folgerichtigkeit dar. George aber gab diesem Menschtum den Wel*' räum, in dem es erst sein dichterisches Bild, das heißt, ein unverlierbare Eigenrecht und eine geistige Dauer finden konnte. Auf diesem Boden, v" wir schon bei den früheren erwähnten, sind auch Vallentins letzte Ge spräche erwachsen, und nicht darum handelt es sich, welchen Rang ma seiner Kunst unter den Großen zubilligen kann, sondern wie er das Am ' das er aus der Georgeschen Kraft und seiner Heroenliebe übernahm, zU ersten Male erfüllte: den erhabenen Menschen nicht mehr in einem v ° außen wirkenden Schicksalsgesetz von Fluch und Opfer, nicht mehr in o e sittlichen Beziehungen von Schuld und Sühne noch den transzendente von Gnade und Strafe zu sehen, sondern ihn auf seinem Schicksalsgang l Kampfe mit dem eigenen ihm eingeborenen Dämon zu erfassen. Wir D greifen es so: Leid und Last des großen Täters erscheint am Widerspi e 524 seines großen Willens mit einer niedrigeren Stofflichkeit, sein Untergang liegt in dem unbeugsamen Trieb beschlossen, die ihm eingeborene Aufgabe zu vollenden, niemals auszuweichen und die eigne Person zum Schauplatz aller Widerstreite zu machen, welche seine Kraft in der Umwelt aufruft. Recht oder Unrecht, Gut oder Böse schweigen auf unteren Rängen in einem Kampfe, den das göttliche Leben in seinem höchsten Träger ausficht. Er ist mit dem Besten ausgerüstet, damit er seine größte Prüfung bestehe: dem Leben, wie Hegel sagt, treu zu bleiben, selbst dann wenn dieses ihm untreu geworden ist: er selbst zu bleiben, bis seine Flamme das letzte öl verzehrt hat. Der wirkliche mit dem ganzen Gehalt des Geschichtlichen und Geschehenden beladene Mensch, das heißt seine mythische Gewalt ist für den Dichter die dramatische Person geworden, in der die äußere Schicksalswucht des antiken Heldenleibes und die innere Schicksalspannung der christlichen Seele ihre neue abendländische Einheit gefunden haben. Wolfskehl sammelte in seinem Buch „Der Umkreis" (1927) seine dich- te rischen Erzeugnisse von mehr als zwanzig Jahren und fügte die jüngsten "inzu. Unverändert bricht aus den ältesten und neuesten die seltsame flu- c hende und segnende Prophetengestalt vor, die zwischen Göttern und Dämonen mit gereckten Armen hin- und herschweift. Die Kühnheit seiner Rhythmen bei völliger Beherrschung des metrischen Baues beschämt alle Ve rgeblichen Versuche der gelösten und stoßenden Schrittmaße von den Naturalisten bis zu den Expressionisten. Wie eine Herde Tiere stürzen die Worte zuweilen einen steilen Abhang hinab und die Stimme mitstürzend Sc heint in Gefahr sich zu verlieren, aber immer fängt der Dichter sie in den Wirbeln wieder auf und läßt den Ton mählich in sicherem Schritt verklingen. Wie von jeher gehen die Gedichte auf dem Schattenpfad, ja die jüngsten ' rö steln stärker im Schauer, sprechen böser vom Grauen und der auf dem Umkreis Fahrende zeigt eine immer schrägere Neigung zum Abgrund, die da s Herz wohl mit Trauer und Schrecken erfüllen könnte. Aber freilich s Pringt dann das trotzige Wort noch einmal aus den Schaudern auf und Sa gt, daß der so kreist, noch Herr der Gefahr ist, daß der so sieht, noch über dem Gesehenen steht. George veröffentlichte nach dem Kriege, außer den schon erwähnten drei Gesängen, die um einige Stücke vermehrten „Tage und Taten" (1925). eine 2 weimal vermehrte Ausgabe der übertragenen Dantestellen aus der Göttlichen Komödie (1921 und 1925) und begann seit dem Jahre 1927 die Gesamtausgabe seiner Werke, die neben Bildnissen und Schriftproben aus aen verschiedenen Alterszeiten die endgültige Fassung seiner Dichtungen ^'t einigen Erläuterungen über ihre erste Veröffentlichung brachte. Die 525 „Tage und Taten" erhielten durch den Kindlichen Kalender, die Vorrede zu Maximin und die Lobrede auf Hölderlin das Gepräge einer Überschau über Frühe, Höhe und Reife des Georgeschen Lebens. Sie geben in den kurzen Betrachtungen einige Grundanschauungen des Dichters über das künstlerische Schaffen und rühren mit dem Schlußstück noch einmal ans Los früher Dichtergefährten, die hinter ihm blieben. Die Vermehrung der Dantestellen, von denen die neuhinzugekommenen mehrere ganze Gesänge umfassen, geschah in der Richtung, welche wir bei der Betrachtung der elften und zwölften Folge gekennzeichnet haben- Es sind einmal die großen staatlichen Gesichte Dantes, wie er sie in Geschick und Haltung bedeutender Männer und in den Voraussagen seines eigenen Schicksals aus ihrem Munde dargestellt hat, dann die strahlenden Gesichte der vollendeten Schar der Seligen wie sie in den Sinnbildern des irdischen Paradieses und den himmlischen Kreisen erscheinen. Es ist der staatliche Kämpfer, der Mahner und Geißler seines Volkes und zugleich der Lobpreiser der höheren und schöneren Menschengemeinschaft im göttlichen Leben, der in diesen Gesängen Zeugnis ablegt von seiner Haltung zu den Geschehnissen der Zeit und den ewigen Erfordernissen der Menschen. Gleichzeitig mit diesen Übertragungen entstanden die großen Gesäng e > Sprüche und Lieder, welche das neunte der dichterischen Eigenwerk e Georges bilden: DAS NEUE REICH. Wir haben sie zum Teil schon, eben weil sie sich unmittelbarer als die früheren Dichtungen auch an Erschütte' rungen der abendländischen Welt knüpften, beim Zeitpunkt ihrer Einzel- Veröffentlichung betrachtet. Aber es zeigte sich beim Erscheinen de s neuen Werkes, daß sie in seinem Gesamtbau und besonders in Verbindung mit den neuen Gedichten eine Verstärkung und Verwandlung ihrer Eigen' schwere erhalten haben und jetzt erst im Chore ihr voller Ton hörbar g e ' worden ist. Der äußere Aufbau besteht in der einfachen Aufeinanderfolg e von vierzehn großen Gesängen, dreimal dreizehn oft mehrteiligen Sprüchen und zwölf Liedern. Von diesen drei Gruppen trägt die erste am stärksten ein volkhaftes, die mittlere ein persönlich-nahes, die letzte ein welthafte s Merkmal. Aber auch innerhalb jeder Gruppe sind die drei Merkmale samt' lieh erkennbar, im besonderen in der Ordnung der vierzehn Gesänge so, da» sich die ersten sechs auf zeitliche oder räumliche Außenbereiche, die mit*' leren vier auf den innersten Bereich des „Geheimen Deutschland", die vtf Gespräche auf den weitesten Umkreis menschlicher Welt und Gesittung beziehen. Doch bezeichnen Innenring und Außenraum und weiteste Wei nur die drei verschiedenen Ausdehnungskräfte zwischen Mitte und Um kreis des Neuen Reiches, in deren lebendiger Wechselbewegung sein g el ' 526 6 $ stiger Körper besteht. Sowohl die weit- wie volkhaften wie persönlichen Gehalte sind in diesen Gedichten Ausdruck des gleichen staatlichen Geschehens und erhalten nur durch Lagerung und Richtung zueinander ihr unterscheidendes Merkmal. So erscheint in den ersten sechs Gesängen das Neue Reich in der Blickrichtung von innen nach außen: als Volk und Land und begrenzendes Meer, als geistiges Erbe im Traumgesicht Goethes und der Verheißung Hölderlins, als heutiges Dasein im Kampf mit Völkern und Gegengewal- **H in Krieg und Umsturz und tieferen Brüchen. Den geistigen Horizont u nisäumt das Wunder von Hellas, in dem das neue deutsche Bild sich spiegelt, den räumlichen begrenzt das nördliche und südliche Meer, von dessen Küsten die wunderbaren blonden und dunklen Kinder kommen und gehen, ^äste und Fahrer, die berauschen und vergeuden was an den Rändern des Reiches überfließt, den staatlichen Horizont beschließt der ringsum lagernde, nach eigenem Gesetz sich zu Ende lebende Verfall. Der Dichter rettet unsere alten und neuen Träume in sein Reich, das a ußer der Zeit und dem Volke steht, weil es ihr Verderben nicht teilt, das ^nnoch mitten in ihnen steht, weil es die einzige Form des gestaltenden Gebens ist, aus dem eine neue Gemeinschaft von deutschen Menschen erwachsen ist. Durch die schroffe Abscheidung alles Untergehenden und die Bejahung und Aufzucht alles geistig Gesunden hat George sich Schritt um ^ c hritt, Werk um Werk zum Herrn der Gegenwart gemacht, und „das heimliche Kaisertum" seines vierzigjährigen Wirkens unter den Deutschen lst jetzt sichtbar geworden. Die neuen Gedichte haben noch die gleiche Fremdheit wie im ALGABAL vor der zerfahrenen Umwelt, aber der Dich- ter steht nicht mehr im „Unterreich" wie dort sondern im hellen Lichte Seiner eigenen sicher gegründeten Welt, im Reiche seiner Menschen, deren innerer Kreis schon inmitten immer weiterer Kreise des Volkes ruht. Kein „Ton aus unterworfenen Welten" ist in die Gründung des Reiches gelungen, nur Götterwink und sieghaftes Lied, meisterliche Wahl und liegender Dienst sind seine Grundsteine geworden. Wie eine offene und dennoch unbetretbare Insel liegt sein verborgenes Deutschland mitten im °ffentlichen Deutschland, mitten in einer Menschheit, deren Gefüge in allen Fu gen zittert, deren Führer noch wo sie zu lenken glauben von den entesselten Zeitgewalten getrieben werden und nur wissen, daß ihnen keine ^ahl bleibt als ödester Friede oder wildester Kampf. In den vier folgenden Gesängen, deren Gruppe wir nach dem umfassenden als „das geheime Deutschland" bezeichnen, schwingt der Gegensatz es Draußen und Drinnen noch nach, aber in ihnen ist alles nach innen hin, u ni Bezirk der gewonnenen Mitte gesehen und nur noch ein Schauer der 527 einsam getragenen Leiden und gemeinsamen Kämpfe ist mit in die stillen und die brausenden Strofen dieser Hymnen verfangen. Man spürt ihn im beklemmenden Stoßtakt der „Winke", in den dunklen Anfangshälften der „Gebete", in der zugleich fragenden und wissenden Stimme des Freundes auf „Burg Falkenstein", im Vor- und Schlußgesang des „Geheimen Deutschland". Aber in jedem Gedicht reißt den Dichter über den Schauer hinaus die Gewißheit, daß die verkündete Stunde gekommen, daß das Fest der Erde vom Gotte gewährt, daß der Zauber der Wiedererweckung für das Land des Dichters gewonnen ist. Die heilige Heimat ist ihm noch das „Jungfrauenland", der „ursprüngliche Boden", der die Menschen unge- kannter Art und unvergleichbaren Handelns unter den heutigen Völkern dem Wecker und Gründer entgegenschickte. Diese Gesänge sind die in heilige Sage gehüllte Wirklichkeit des Reiches und lassen die Weite und Stärke der Spannung ahnen, die George in seinen deutschen Menschen erweckt hat. In solchen, wie er sie im „Geheimen Deutschland" umzeichnet, sind die Tiefen, vor denen unseren Vätern noch schauderte, aufgebrochen, damit die Höhen männlichen Wollens und Wagens sich steiler türmen, damit an den leidenden Kräften sich die überwindenden trotziger messen. George hat in ihnen den Himmel unserer klassizistischen Idealisten wie die eiserne Erde unserer heutigen Materialisten durchstoßen und das Dämonische des Lichtes wie das Ungebändigt-Wilde der Tiefe in die menschliche Welt bezogen. Denn sein Dichtergeist erfuhr den Strahl von obe 11 und die Entrückung nach oben, den Ausbruch von unten und den Taume 1 nach unten — er umgreift das wuchshaft langsame Werden und den leise* 1 Gang der allmählichen Entfaltung, aber auch die plötzliche sprunghaft 6 Flut der Entladung und Erweckung. — Wenn er im „Geheimen Deutschland" den Abgrund und Gipfel beschwört ihn vor Bannung und Sturz z u bewahren, so ahnen wir die Gefahr, in der dieser Mensch sich bewegt und die Kraft des Maßes deren er bedarf um mit dem „Fittich seines Sonne«' traums" die feste Erde zu streifen. Aber da er es vermochte und mit di e ' sem Sinn der Höhen und Tiefen ausgerüstet war, so verstand er auch meh als andre den Laut der tiefsten Mittagstille, so sah er allein in dem seit' samen Märchenland, das Deutschland heißt, die einzigen Menschen, den« sein Blick in die Dinge tragbar war: die Opferbereiten, die sterben * u ihren Traum: ihn der sich verzehrte für den Freund, ihn der alles verschmähte als der höchste Sprung mißlang, ihn der selbst das größte Wis se schweigen heißt, wenn das Geheimnis ihn anrührt, und die größten Frem d ' linge der Zeit, den dämonischen Wiedergänger und den jugendlichen Go* ' Es sind die großen Verstummenden, von deren Begegnung mit dem Die* 1 ter das „Geheime Deutschland" spricht, die zu Licht und Erde geworde fl 528 sind, aber eben darum das Wichtigste für ein Reich bedeuten, dem in einer Welt erschöpften Blutes und Bodens kein Ort des Blühens mehr gegeben schien, für das die Götter erst das Unerdenkbare schaffen mußten: „neuen räum in den räum". Nach dieser innersten Zusammenziehung der dichterischen Sichten dehnen die Handlungen der vier Gespräche sie zum weitesten Bereich des Menschlichen aus. In ihnen gestaltet der Dichter die ewigen Gegnerschaften unseres Menschentages, die zu allen Zeiten lebendig sind aber an den großen Wenden ihre besondere und scharfe Prägung erhalten: sie erscheinen bei Bruch oder Bewahrung der Sittentafeln als ungebändigte Natur u nd geistige Ordnung, Blutkraft und Gesetzestreue, Erneuerung und Welke des staatlichen Menschtums. Es sind stets sich bedingende Mächte Unseres Erdendaseins, aber sie treten in den äußersten Widerstand gegeneinander, wenn der Umlauf der Säfte zu stocken beginnt und ein großer Mensch das Lebendige gegen das Sterbende und Tote aufruft. Dann s Prengt wie im „Brand des Tempels" der Barbarenführer die überfeinerte ^ildungswelt, dann stößt der Herr den sehnsüchtigen glaubensbereiten Sucher von sich, der nicht genügt, dann warnt der Drud, der Wachstums- Seist der dumpfen Fruchtbarkeit, den hellen vernünftigen Menschen vor der letzten ordnenden Nutzung der natürlichen Kräfte, vor der tötenden Entzauberung des unenträtselbaren Lebens. Die bisher gepriesenen Geilten verkehren sich in schädliche und geschmähte: der hochmütige Verband in sich selbst vernichtenden Frevel, die scheingerechte Gläubigkeit in °hnmächtige Schwäche, die prunkende Endkultur in hilflose Weichlichkeit. Diese Umkehrung steigert sich in dem neuen Gespräch „Der Gehenkte" bis zur Aufhebung der selbstgewissen Tugend im verachteten Verzechen. Der Gehenkte ist in eine ungeheure Entfernung von allem Ernannten und Fürwahrgehaltenen der Zeit gerückt und steht in einer grausamen Vereinsamung, wie alte Holzschnitte den Kruzifixus in der leeren Landschaft zwischen Himmel und Erde zeigen. Wie Schmach zu Ruhm ü nd Schuld zu Glorie wird, spricht hier der Mund des Gerichteten fast anteillos, da das Schicksal erfüllt ist.. fast feindschaftslos, da die Gegenwelt sic h im eigenen Urteil aufhebt, und wie immer an den Wenden der Zeit s ieht der Brecher der Tafeln fernab über jene hinweg, die bald verehren Un d erhöhen müssen, den sie eben peinigten und erniedrigten. Er weiß um d ie Verwandlung vom Verachteten zum Gepriesenen, ja vom Gemarterten 2 Um Heiland: der Verdammte wird dereinst zum Richter seiner Richter, de r Verfemte zum Gott seiner Verhöhner. Man mag an Ketzer oder Märtyrer, Nietzsche oder Napoleon, Sokrates oder Christus denken — das 'Urchtbare Bild reißt für einen Augenblick den Schleier vom ewigen Gegen- 34 5*9 satz zwischen Genius und Allgemeinheit weg, zwischen der Menge und dem Einsamen der das Gesetz bricht, um es neu zu erfüllen, der den Frevel am Leben auf sich nimmt, um es neu zu gestalten. Daher spricht nicht leidendes Dulden und Entsagen sondern Prometheischer Hohn aus dem Gehenkten, der die Schwäche der Opferer und die weltraddrehende Kraft des Geopferten kennt. Für einen Augenblick zuckt das sinnlose und widerrechtliche Schicksal der Genien, an dem sich die Fragwürdigkeit der ganzen Menschenwelt zu offenbaren scheint, an der Ununterschiedenheit von Verbrecher und Erlöser in der noch mythenlosen Nacktheit des Geschehens auf.. nur das Dennoch des Triumphes mildert das grauenhafte Schauspiel und gibt jenem Zweifel die Antwort: Es ist ein göttliches Gesetz, daß die besondere Art des Leidens, die jeder große Zerbrecher allein erlitten hat, von denen als Gesamtheit wieder gelitten wird, in denen er siegt.. sie werden seines Glückes teilhaftig nur um den Preis den er selber zahlte; sei es den des tragischen Heldentums, der erlösenden Duldung» des abgründigen Wissens oder der mitleidlosen Gestaltung. Von dieser Weitung menschlicher Geschicke kehrt sich der Dichter in den „Sprüchen" wieder zum engsten Kern seines Reiches zu Schülern und Brüdern, Folgern und Freunden, zu den Lebenden und Toten seines nächsten Lebenskreises. Von den „Neuländischen Liebesmahlen" der ersten HYMNEN bis zur Freund- und Liebesgemeinschaft im STERN DES BUNDES sahen wir diese persönliche Runde in allen seinen Werken erscheinen und mit der wachsenden Entfaltung des Reiches sich wandeln und mehren. Vom ältesten Freundesgeschlecht taucht hier nur Albert Verwey auf in der leidvollen Auseinandersetzung von Mann zu Mann und Volk z u Volk, die wir geschildert haben .. von den auch im Stern nicht mit Namen Genannten des mittleren Geschlechtes nur wenige. Es sind im wesentlichen die Jüngeren und Jüngsten, in denen sich das gemeinsame Leben spiegelt und an deren Mitgeschicken man erkennt, mit welchem Schwer' gewicht jedes persönliche Verhältnis zum Meister beladen war. Jedef Nahestehende oder Nähertretende stand vor ihm als vor dem entscheidenden Urteil über sein Wesen und Können, einem Urteil, das wohl strengt oder milder sein aber niemals fehlen konnte, da die Wesenstreue oder -u n " treue des Schülers zu sich selbst zugleich das Glück oder Leid des Meister selber war. So spiegeln die Sprüche das Allein- und Selbandersein der ernsten und heiteren Stunden und sprechen von Freude und Rausch aber nich minder von Sturm und Gefahr des Bundes: es fallen Worte in ihnen d» e vom frohen Erwachen und vom Wind der gemeinsamen Träume sagen» aber auch solche vom Drohen des Dunkels, vom Bangen am Schicksalsran und blutenden Händen vor verschlossenem Tor, die blitzhaft Glück un 530 Härte der Freundschaft beleuchten. In der Antwort auf den „Zweifel der Jünger" hat dieses Doppelgesicht der meisterlichen Liebe im alten Sinnbild seine härteste Prägung erhalten. Über dieses innerste Verhältnis hinaus weisen andre Sprüche warnend und richtend auf die Lehren und Lehrer der Zeit und der große Erzieher und Bildner grenzt in ihnen das Reich seines persönlichen Bildens schroff gegen alle mystischen Seelenfänger, wahllos versuchende Taster und weltbewirkende Weisheitkundige ab. Wer in meinem Reiche recht gehört und r echt geliebt hat, spricht der strenge Dichtermund, bedarf der Erfahrung Und Weisheit der andern nicht und wer von hier als Ungeweihter „ins Leben geht", hat „den höchsten Gott" den fruchtbaren Augenblick versäumt. Die Gestalten der Jugend aber, welche die letzten Sprüche ins bleibende ■Ud erheben, sind die schönste Gewähr und Hoffnung der neuen Erde. Es Sind dieselben, die von Beginn an durch sein Werk geschritten sind: vom lugendlichen Prinzen bis zum Saitenspieler, vom kindlichen Tänzer und Helden bis zum fürstlichen Erben. Aber die Sinnbilder und Statuen sind n Un deutsche Menschen von Fleisch und Blut geworden, Kinder unseres "olkes und seines Geistes: der erste Adel aus geistigem Recht. — Die To- te n schließen diese Reihe der Schönen und Tapferen im „Neuen Reich", ^a sie blieben was sie waren, als der Krieg sie in seine Wirbel riß, so darf uer Dichter die Klage vor dem Unabwendbaren verhüllen. Er umreißt ihr ß üd mit festen persönlichen Strichen, wie die Griechen — als höchste Ehrung — den dreifachen Sieger, und beschwört mit ihnen zugleich die Hunderttausende Verschollener und Ungenannter in dem tyrtäischen Auf- ruf „An die Toten" als das unsichtbare Heer, das die Ehre unseres Volkes hütet. Wie die Gedichte und Sprüche an die Nächsten meistens die Mitte, so ""den die Lieder fast immer den Beschluß der Werke Georges: so beschließt „das Lied" auch DAS NEUE REICH und verkündet die letzten lenzen seines Menschtums und seiner Welt. Wohl nie ist ein seltsamerer Vorwurf gegen den Dichter erhoben worden als daß ihm die Krönung der n °rdischen Dichtung, das Lied, verwehrt geblieben wäre. Man dachte da- e i an den von Herder geprägten Begriff einer ursprünglichen Sangweise, dl e das Eigene und Urwüchsige einer Volksart ausdrückt. Die Romantiker u nd späteren Sammler verengerten den Begriff auf die in unteren Ständen e s Volkes entstehenden meist namenlosen Weisen, die, wie man heute ^iß. entweder aus den adligen Oberschichten abgesunken und verwandelt der gerade in den gehobenen bäuerlichen und handwerklichen Schichten a,1 s den Chor- und Streitweisen ihrer Feste und Reigen und Spiele ent- a nden waren. Was die Arnim, Brentano und Grimms noch eben vor dem S3i Untergange aufzeichneten, war freilich hundert Jahre später in Gefahr auch in seinen untersten Wurzeln verloren zu gehen. Es gab im Zeitalter der „Naturschutzgebiete", des untergegangenen Handwerks und einer rationalistischen Bauern- und Arbeiterschaft keine „Volksseele" mehr, die das von oben Empfangene nach ihrem Sinn umformen und noch weniger eigne Klänge und Lieder erzeugen konnte. Die man als Volksdichter anpries, waren gerade dadurch bezeichnet, daß keiner von ihnen Erlebnisse und Geschehnisse seiner Schicht zu singen vermochte, sondern krampfhaft die der Nächsthöheren suchte. Wer aber die Wirklichkeit „Volk" nicht in den unteren sondern in der Gesamtheit aller Schichten und Stände sucht und weiß, daß die besten „Volkslieder" von Goethe sind, der wird begreifen, daß auch die dumpfste Wesenheit, wie sie in Märchen und Weisen sich äußert, heute nur in der vollsten Menschlichkeit des Volkes, also in seinem größten Dichter noch lebendige Wurzeln, daß nur in ihm der urtümliche Schatz aus Ahnenschaft und Bodenzauber noch Wohnung hat, daß nicht in der gnadenlosen Luft moderner Hast und Vernünftelung sondern nur in seinem Reiche das neue Lied erklingen konnte. Wir haben erzählt wie er zwischen fruchtbarster Scholle und heißestem Licht, zwischen Pflanze und Tier, Werker und Schiffer der Heimat aufwuchs, wie er sein Leben hindurch mit offenem Auge über „Markt und Ufer" ging — selbst bei der schlichten Einfalt suchte er Wissen und Weise des Volks bis hin' ab zu den Rätseln der Kinder. Weil er auch dies zu seinem hohen Wissen fügte, weil sein Blut auch das Einfach-Dumpfe zu seiner hellen Geistig' keit besaß, erhielt sein Lied das alterlose weil alle Alter umfassende Merkmal des volkhaften Tones. Es hat den kindlichen Märchenklang und die knabenhafte Schwermut der Sage, die opfer-trotzige Jünglings- und herbere kältere Mannesstimme alter Weisheit, bis hin zum leisen bilddunklen Laut des Greises, es hat die wahre Stimme des Volkes im ununterscheid' baren In- und Miteinander der Geschlechter und im unaufhebbaren Bun der ewigen Toten und der ewigen Jugend. Um die Einbeziehung all dieser äußersten Lebensschichten in das die»' terische Werk ganz zu verstehen, müssen wir von der Kraft Georges spr e ' chen, das Ursprüngliche zu schauen und zu beschwören. Was Kosmik e und Mystiker vergeblich gewollt: das Urleben in seiner vom Schutt de Jahrtausende unbelasteten Macht aus der Allnacht heraufzuführen ode die Seele in ihrer von den Schlacken des Stoffes befreiten Reinheit in da All-Licht hinaufzuleiten, was weder die Urgrundschwärmer durch de Zug ins untere Nichts noch die Seelenschwärmer durch den Flug ins obe Nichts vermochten: der Dichter allein, den sie als Nur-Künstler verachte ten, vermochte in den menschlichen Grenzen durch den Zauber des W° 532 tes das Leben von seinen gewordenen Formen zu lösen und wieder in werdende Formen zu binden. Denn nur der kann „des Weibes Werke auflösen", wie wir den Geheimspruch verstehen, der das Urmütterliche wieder zum Werke zwingt. Leben erscheint nur in „geprägter Form", seine Blutleuchte schimmert nur in der geschlossenen Haut seiner Gewächse, und wenn sie zu schwach oder starr geworden sind, die pochende Fülle zu fassen, schafft der nur neues Leben, der seine glühendste Kraft ins schönste Gebilde bannt. Von diesem Blickpunkt aus sehen wir George im NEUEN REICH überall zu einem Dunkel-Ursprünglichen vordringen und ein Lichtgestaltetes daraus lösen. Niemals verliert er sich an das Unfaßlich-Ungestalte, an ein Außermenschliches, sondern noch Erde und Meer, Natur und Schicksal, Mächte und Kräfte erscheinen zwischen den Polen des Göttlich-Menschlichen und Halbmenschlichen als menschliche Bilder, als Bereich beseelter Leiber und also dem Griff des Geistes erfaßbar und formbar. Wohin der Zauber des Wortes nicht zu dringen vermag, wo die Liebe nicht klingt, •st auch kein Leben, kein Reich und sinkt das seellos Gebliebene der Alllacht mit dem seellos Gewordenen der Zeit in den Schlund des Nichtwirklichen und Ungeschöpflichen hinab. Bis dorthin reicht noch die Klage des Bildners: das nicht ins Wort und also nicht ins Reich Gebannte bleibt dunkler Umkreis: nicht Gewonnenes und vielleicht nie zu Gewinnendes, v on dem niemand wissen kann, ein Unerforschliches und Unbefragbares ' n jedem Punkt der Welt, aus dem das Grauen des Maß- und Grenzenlosen uns anweht. Nur ein Seufzer im Lied verrät, daß der Dichter diese Frenzen der gestaltigen Welt berührt hat, für die es kein Zeichen gibt. Für alles was innerhalb ihrer liegt sinnt er taglang „aufs wort für unsern ne uen weg", befragt er die Norne nach dem nacktesten Zeichen und stößt durch jahrtausendalte Lagerungen der Bildung und Geschichte bis zum le *zten Grund eines Geschehens, durch Wachstumsringe und Erstarrungs- Sc hichten bis zum anfänglichen Kern eines Vorgangs durch. Dieses sein Streben von Anbeginn in den weiten Kreisen seiner Bahn hat im NEUEN **ElCH den kleinsten Sonnenbogen, den Urlaut, gefunden und was er be nennt, hat ein Stofflich-Elementares erhalten, als seien die geistigen Bil- de r aus den Grundstoffen selber geballt. Erde und Meer, Licht und Luft in l **ren einfachen Erscheinungsformen sind wie nie noch in seinen Werken ^ er Schöpferton, aus dem er die beseelten Wesen seiner Gesichte schafft. Au s Flamme und Morgen, Wind und Quell formt er die Leiber und im let zten Lied erscheint unser Geschlecht wieder kultur- und geschichtlos, Ja noch ohne Sonderung und Merkmal, ohne Sünde und Schuld als der reine Ursprüngliche Mensch, das Kind der Natur wie alle Dichter und Denker 533 und Liebende ihn ersehnen: der edle und schöne göttliche Sohn der Erde und des Lichts. Vor diesem klarsten Bilde wird uns am ehesten deutlich was dem NEUEN REICH seine besondere Färbung gibt: es ist die geschärfte Blicktiefe Georges ins Elementare Anfängliche und Keimhafte, die ihm den Aufbau der Gestalten und Ereignisse aus ihren einfachsten Grundwerten erlaubt. Der immer die geistigste Form der Dinge sah, schaut nun auch ihre stoffliche Verbundenheit im All, der immer den schlichtesten Sinn der Ereignisse faßte, spürt nun auch den verborgenen Herzschlag im fernen und nahen Geschehen. Ganz bis ins Innerste und Äußerste ist die Welt seine Heimat geworden und die Linien ihrer Erscheinungen verflüchtigen sich nicht wie sonst beim alternden Künstler, sie sind vielmehr noch schärfer, wuchtiger und körperlicher geworden. Alle Verhältnisse von Mensch zu Mensch, Natur und Gott, vom Führer zu Schar und Volk, vom Einen zu den zahllos Vielen sind klar gegeneinander abgesetzt, mit scharfen Konturen umrissen, das Farbige ist seltner geworden, aber die plastische Dichte, die körperliche Geste noch gewichtiger, ausdrucksvoller und losbeladner als früher. Auch der Gesamtton des Werkes hat eine noch größere Spannungsweite und Fülle erhalten als einer je vorher. Wie beim Erscheinen aller Werke Georges ist auch das erst allmähliche Hörbarwerden des Tones im NEUEN REICH ein Unbegreifliches, das sich keinem vergleichenden Prüfen erschließt. Der vorher noch ungeborene ist da, noch fremd und unbegriffen erschüttert er uns und wird uns verwandt indem er uns sich anverwandelt. Was nach dem früheren Reichtum überrascht ist zunächst die Mannigfaltigkeit und Neuheit der Maße, dann die nochmals mögliche Steigerung des monumentalen Klanges nach der einen, der schwebenden liedhaften Singweise nach der anderen Seite. Dort drohen die stürmenden und wuchtenden Bewegungen des leidenschaftlichen Geistes zuweilen fast die Formen zu sprengen, aber sie ballen nur die drängenden Gluten in den knappsten gespanntesten Ring : beim „Hyperion" in einen festen Reigenschritt, beim „Gehenkten" i" einen eisigen Blankvers, beim „Geheimen Deutschland" in eine kurze Beschwörungsrune. Auf der Gegenseite sind die Schwingungen noch süße f und sinnlicher geworden, die Lieder haben weder etwas von der Tonart des Balladesken noch der persönlichen Gefühlslyrik aufgenommen, ih fC Melodien sind geistiger als jene und stofflicher als diese: ein geheimnisvoller Zusammenklang von elementarer und seelischer Musik. Zwischen Hymne und Lied haben die Gespräche und Sprüche noch ihre besonderen Merkmale: die blitzhafte Handlungsschnelle der einen und die treffsichere Entscheidungsformel der andern hat dem Rhythmus des Blankverses w« e 534 der wechselnden Kurzstrofen eine eigentümliche Stoß- und Sprungkraft verliehen, die wohl an frühe griechische Vorbilder erinnert, aber in Bewegung und Gegenbewegung von Maß und Sinn ein anderes Verhältnis hat wie bei diesen Dialog und Epigramm. Aber über allem Wechsel und aller Mehrung der Formen im NEUEN REICH klingt noch immer die eine unveränderte Stimme, der erhabene Ton des Wohllauts und der leidenschaftlichen Strenge. Daß er noch einmal sich wandeln und neu erfüllen konnte, bedeutete die Möglichkeit aus dem „Bund" ins „Reich" zu wachsen. Für diese Wandlungsfähigkeit und Offenheit seiner immerjungen Seele in den Stürmen des Daseins hat der Dichter selbst uns im vorletzten „Lied" ein erschütterndes Bild gegeben. Der Stolzeste auf der Höhe seiner Kraft und nach dem Ertragen der härtesten Proben enthüllt hier die noch immer erschütterbare und jedem Stoß des Leides und Ansturm der Welt erreichbare Seele: sie die sich keinem Andrang der Gefühle versagt, keinem Kampf der Leidenschaften verweigert hat, aber ein schweres Leben lang aufrecht und ungebrochen blieb, fühlt noch immer das Beben und Brausen der Welt außer und in ihr und die Gefahr jähen Sturzes öffnet noch einmal vor ihr den gorgonischen Blick. Welche Gefahr drohte wissen wir nicht, aber wir ahnen: wessen Menschtum so weite Bogen umspannt, hat sich mit dem Brüderlichen sein Feindliches selber gesetzt. In jedem Bezirk, fast in jedem Gedicht des NEUEN REICHES stehen sie sich messend gegenüber, sind sie die Doppelstimme des Dichters, der den Fremdstoff abwehrt, den befreundeten anzieht. Er hat seinen Zauber den Menschen und Dingen mitgeteilt und aus den verwandelten spricht ihn sein eigner ver- kiblichter Geist mit neuen Zungen an. Auch alles Widerstehende und Widerstrebende, alles Halbgewonnene und Verletzte, ja selbst was absinkt und welkt hat an seiner Erscheinung und durch sein Feuer eine schärfere Prägung, ein Bewußtsein seines bedrohten Daseins bekommen: er selbst hat „Qualle und Kraut" wieder wehrhaft gemacht. So verstehen ^ir warum seine Liebe noch tiefer, sein Preis noch schöner, aber auch sein Leid noch schmerzlicher, sein Hohn noch brennender seit RING und St ERN geworden ist. Wo das brüderliche Sein gefährdet und geschändet w ird in Erde und Mensch, Gewächs und Volk bricht der Zorn gegen die Verdorbenen und Verderber mit bitterer Gewalt aus dem Mund des spanendsten Wächters, kein Wort ist ihm hart und ehern genug den Frevel u nd Mord am Leben zu geißeln. Aber kein Wort auch ist ihm voll und dingend genug um Einklang und Wachstum in den brüderlichen Kräften Zxx schaffen und zu pflegen. Wie von dort her das Zornlied so stammt von hierher der Lobgesang, wie von dorther die düsteren Weissagungen, so 535 von hierher die strahlenden Verkündigungen von seinem Volk und Tempelland, die vertrauenden Gebete und die milden wie noch die herben Winke an Freund und Kind. Derselbe der verachtend die Lauen und Lauten von sich stößt, beugt sich für die Schweigenden und Glühenden liebend auf den Grund des Brunnens und holt das leiseste weiseste Wort unserer Trauer und Schönheit, unserer Torheit und Treue, unseres Spie- lens und Gespieltwerdens ins ewige Rund herauf — den Sang, der das brüderliche Leben fesselt in Dauer und Raum. Darum konnte der Dichter, wie das Gedicht „Burg Falkenstein" es festgehalten hat dem Zweifel des Freundes, daß aus dem Romantischen und Idyllischen „der Zauber" nicht wieder erstehen könne und unser Volk keine Gewähr mehr biete, ihn in sich aufzunehmen, mit der erahnten Geburt des neuen Tones begegnen: des Tones den er von je ersehnt, aber noch nicht singen konnte, der das „Nationelle" im Hölderlinschen Sinne, die leibliche und geistige Einheit von Land und Volk und Reich in sich befassen und das Gewirr der hundertfach zerspaltenen Stimmen und Geister in dem einigen heiligen Lobgesang befangen wird, mit dem die Einzelstimme in den frühen HYMNEN begann und der Chor im STERN DES BUNDES schon schloß. Mit dem neuen Ton ist das NEUE REICH geboren. Seine Ordnung ist keinem geschichtlichen oder heutigen Bauwerk vergleichbar, sondern, wie wir zu zeigen suchten, dem sich Dehnen und Verdichten des an- und abschwellenden Lebens. Am Werkgang von den frühen zu den späten Hymnen wird vielleicht am deutlichsten unter allen ähnlichen Vorgängen der Menschengeschichte einmal sichtbar werden wie Leben in mehr als geschlechtlichem Sinne entsteht: man kann die Entwicklung der schönen Form zum schönen Leben, die Entwicklung des engsten Bundes zum neuen Reich in den sich wandelnden Sinnbildern der Georgeschen Dichtung ebenso lesen wie in den Geschehnissen seines Daseins, beide sind nur Zeichen des gleichen Vorgangs: der Entstehung einer jungen Menschenwelt. 3. KAPITEL: DAS WESEN UND WIRKEN GEORGES • DER DICHTER DER Dichter ist der religiöse Mensch schlechthin. Nachdem eine ganz e Reihe von Jahren die religiösen Gemeinschaften sich kaum mit Georg beschäftigt hatten, begannen auch sie gleichzeitig mit der sonstigen Offen * lichkeit nicht ohne eine gewisse Eifersucht zu ahnen, es möchte vielleicn 536 noch andere Verwalter des Religiösen geben als die von den einzelnen Kirchen dazu Bestellten. Denn so viel wußten sie nach fast einem halben Jahrhundert des Wirkens Georges, daß es bei diesem Manne keine leere Geste gab, daß jedes Jahrzehnt die Echtheit seiner dichterischen Aussagen erwiesen hatte: es gab nur die Wahl, seinen Anspruch als übersteigerten Wahnsinn zu nehmen oder zu glauben, daß sein Wort eine Wirklichkeit bezeichne, vor der man nur Freund oder Feind sein kann. Wir sahen bei der Darstellung der veränderten Stellung der Mitwelt zu George, wie in der Tat auch die christlichen Gruppen zu seiner Dichtung und Gemeinschaft im letzten Jahrzehnt eine erklärtere Stellung einnahmen und versuchen kurz, uns den Grund für das neue Verhalten deutlich zu machen. Indem Luther das „Werk" mit Christus abschloß und die Entscheidung über das „Wort" in die Einzelseele verlegte, sprengte er den Glaubensverband und gab den großen Dichtern, Denkern und Führern protestantischer Herkunft den Weg ins Weltliche, ins Außer- oder Gegenchristliche frei. Die katholische Kirche mußte sich daher nach dem Bruch der Einheit gegen die Doppelgewalten des Protestantismus und der weltlichen Mächte wahren und unterlag ihrem letzten Retter dem Jesuitentum, das heißt sie fiel der Gefahr der abendländischen Erstarrung anheim: statt des Menschen wurde der Satz geheiligt. Damit hatte Rom sich dem Athos genähert. Der geschlossene Dogmenbau hinderte, daß von nun an ein großer schöpferischer Geist noch einmal in der alten Kirche tief umwandelnd und umgestaltend erstehen könnte, wie einst die Heiligen und Läuterer mit Strick und Geißel. Die Kirche hatte den Genius aus ihren Mauern ausgeschlossen und ihre geistigen Erzeugnisse erhielten seitdem das Merkmal des „secundum genus", obwohl ein so kluger Geist wie Leo XIII. noch dunkel die Gefahr spürte und in einem seiner Hirtenbriefe erklärte: Wenn wirklich die Kirche uns zwänge, auf einer tieferen Kulturstufe zu bleiben, so müßte man mit Recht über eine solche Anstalt e mpört sein, und es gäbe kein Mittel, dem Abfall von der Kirche Einhalt 2 u tun. In diesen Zustand brachen die staatlichen Umwälzungen tiefverwandelnd ein. Die Verbindung der religiösen Gemeinschaften mit den staat- 1J chen Mächten wurde mehr oder weniger aufgelöst, die ganze protestantische wie katholische Welt geriet in Fluß. Der Protestantismus rief nach einer Weltkirche und machte eine Wendung zur liturgischen Form — beides Dinge, die sein Wesen aufheben —, der Katholizismus verließ sein geistiges Ghetto — wie kirchliche Schriftsteller selbst ihre hinterwäldlerische Geistigkeit im letzten Jahrhundert heute benennen — und 537 V. ging „in die Zeit", um nicht dem von Leo gefürchteten Geschick zu verfallen. Er suchte einmal auf dem Gebiete der Bildung nachzuholen was er versäumt hatte, zum andernmal mit den modernen Fortschritten eine Verbindung einzugehen, in der Befürchtung, daß plötzlich auch seine letzten Stellungen in der heutigen Welt verloren gingen. Damit sagen wir schon, daß alle jene kirchlichen Bewegungen nicht von innen aus dem Drang einer geistigen Erneuerung des abendländischen Christentums kamen: sie waren vielmehr durch die äußeren Stöße der ihm fremden Mächte bedingt und sind Versuche der religiösen Körperschaften sich dem weltlichen Geschehen anzupassen. Sie suchten in Deutschland, und nicht nur in Deutschland, sich gerade den geltenden Zeitbedingtheiten anzuähneln und eben d i e Kräfte in ihr Bett zu leiten, welche George schon als Zerfalls- und Entartungskräfte hinter sich gelassen hatte. Als ihre Vertreter jetzt auch ihn, den Dichter, sahen und nach Priesterart ihn lockten oder schmähten, war der Sohn der Erde schon an dem versperrten Bau ihres ermatteten Gottglaubens ebenso vorübergegangen wie an den entgötterten Babelbauten der Zeit . . er ließ die „Organisationen" stehen, bis einer kommt, der den Brand des Tempels befehlen wird. Denn der Dichter besaß was keine der religiösen Gemeinschaften mehr erzeugen konnte: das lebendige Wort und den heiligen Sang. „Bis zu einem Grade wofür ich nirgends etwas Ähnliches finde", hat jüngst ein Franzose von seinem Werk gesagt, „sind hier das Problem Gottes und das Problem der Sprache solidarisch, so daß sie völlig eines vom anderen abhängen: kein Gott ohne die heilige Sprache, welche ihn kündet, und keine Sprache — in der ganzen so fordernden Annahme die George dem Begriff gibt ■— wenn der Gott sich nicht durch sie ausdrückt". (Du Bos, Revue d'AH e ' magne 1928.) Von der Dichtersprache, diesem — so schien es vor vierzig Jahren — schwächsten Punkte und mit diesem der Zeit ungemäßesten Mittel hat George sein Wirken begonnen und dennoch die ganze Wirklichkeit des Lebendigen in sein Werk und sein Reich gezogen. Wir haben die Schaf' fung seines Werkes und die Gründung seines Reiches in der zeitlichen Abfolge der Geschehnisse beschrieben und ihn dabei als Dichter u°o Herrscher, als Künstler und Menschenbildner, als Gestalter und Gott' künder betrachtet, obwohl er wie die Georgika schön sagt „mit keinem Namen zu nennen ist, mit dem wir sonst gewohnt sind, Menschen zU unterscheiden". Aber mit diesen Bezeichnungen suchten wir ausz 11 ' drücken, daß in ihm eine Mehrheit von Kräften verleiblicht sei, die m dieser Verbindung in unserer Geschichte eine neue Erscheinung bedeuten- Denn die Eigenschaften zweier fast polarentgegengesetzter Menschen- 538 arten, wie unsere Namenpaare für ihn besagen, sind in Georges Person zusammengekommen und durch die dritte umfassendste Kraft seines Wesens, durch die Kraft der schöpferischen Liebe so verbunden, daß sie einander stetig im Wechsel befruchten und die unvergleichliche Einheit von Bildnertum und Führertum schaffen, als welche George vor uns steht. Denn, so sagte Reinhold Lepsius schon in der Frühzeit: „Ihr sprecht immer von George und dem und jenem Dichter. Das ist nicht richtig. Er ist nicht vergleichbar mit andern Modernen, diese haben nur zwei Dimensionen, er drei, und zwischen Kräften von solchem Unterschied fehlt jede Vergleichbarkeit". Wenn wir daher am Schluß unserer Blättergeschichte noch kurz versuchen, ein Bild der Person dessen zu zeichnen, der all dies schuf und weckte, und Größeres schaffen und wecken wird, so fassen wir die Unterschiedenheit seines in Werk und Reich verdichteten Tuns am ehesten mit den Namen Dichter und Herrscher, die Verbundenheit aller seiner Kräfte am ehesten mit dem Namen Meister. George ist der Dichter. Vom frühsten Versuch an, seine innere Bewegung in einer selbsterfundenen Sprache auszudrücken, war er der Dichter und blieb es in solcher Unbedingtheit, daß alles Handeln und Denken seines Lebens von seinem dichterischen Drang bestimmt wurde. Nachdem der zu Unrecht von Goethe abgezogene Begriff des Dichters als des lyrischen Bekenners rein persönlicher Gefühle, im 19. Jahrhundert völlig v erdünnt und entleert worden war, war der Name des Dichters fast verschollen oder verächtlich geworden. George hat uns den Dichter wieder a ls den begreifen gelehrt als den das Altertum ihn begriff: als Seher und Verkünder. Noch im Namen, den Horaz dem Dichter gibt: Vates, ist das Wissen lebendig, der Dichter habe den tieferen Blick als die andern Sterb- üchen. Wenn wir heute den Dichter wieder „Seher" nennen, was veranlagt es, ob wir damit meinen: er ist von der Gottheit in ihr Geheimnis eingeweiht, oder: er sieht in allem Dasein das zutiefst Wirkliche — beides is t gleich fernab von einer Neuzeit, die im Dichter am liebsten den Fabulierer, also den Vortäuscher des Nicht- und Niemalswirklichen begreift. v on alters her schrieb man dem Vates auch die Kunde der Zukunft zu *— die Probe aber die man heute darauf machen wollte: „Was hat der dichter geweissagt? Wieviel ist davon richtig eingetroffen?" heißt uns n »chts als kindisches Tasten am Grob-Äußerlichen. Nie war und wollte George sein: ein Wahrsager der gauklerische Zufallstreffer tut in das n °ch Ungeschehene — und ebensowenig das was man gleichfalls mit- ü nter für Prophetie ausgab: der Lobredner der jeweils bestgelittenen ^eitmeinungen oder Gesellschaftswähne. — Wenn wir vom Dichter als Pr opheten sprechen, so meinen wir etwas von den dunkelsten bis zu den 539 aufgeklärtesten Zeiten gleicherweise Gültiges: Der Dichter mit dem Wittern der tiefsten Wirklichkeit kennt ihre Gesetze und vermag daher in seinen Gesichten ihre großen künftigen Linien vorauszubeschreiben, und da in ihm selbst sich die Kräfte der Zukunft ankündigen, weiß er über diese notwendig mehr als jeder andere: Er kennt das Geschehen im ersten Keim. „Es ist kein Wunder!" rief Verwey einmal zum Dichter gewandt, „wenn ein Mann wie Sie solche Dinge sagt, so treten sie eben deshalb ein". Er wollte den Sinn des Prophetischen damit leugnen und gab ihm erst recht die tiefere Deutung. Denn der Seher steht nicht außerhalb des Geschehens, sondern mitten im Schicksal, er fühlt seinen stärksten Strom> fühlt deutlicher und klarer was andere noch nicht oder erst teilhaft fühlen, wohin er reißt, wo seine Flut sich staut oder in den Abgrund stürzt.. es bedeutet das Gleiche: zu sagen, er sieht das Kommende oder er bewirkt das Kommende. Für diesen Dichter ist das Leben nicht „ein Traum der sich selbst bezweifelt", wie für den nördlichen Hebbel und den südlichen Hofmannsthal, wie für alle düsteren Geister des sinkenden 19. Jahrhunderts, ja noch für Nietzsche, der an der Selbstbezweiflung, seiner letzten erkannten Notwehr, zerbrach. Für George ist das Leben ein Traum, der sich selbst bejaht, wie es für Pindar und Dante, für Shakespeare und Goethe und die großen Helden und Täter war. Es ist gewiß kein Traum der leichten Freude, sondern voll Kampf und Wunden aber auch voll Sieg und Triumph. Da die Gesellschaft, in die er geboren wurde, diesen Traum ltl seiner Härte und Herrlichkeit nicht mehr ertrug, so war seine Dichtung notwendig ein Bruch mit ihr. Denn er stellte sich außer ihrer Trübung^ 1 und Wirren und nahm einsam das Wagnis auf sich, die innerste N" wegende Kraft seines Volkes, die Sprache, neu zu beseelen und mit den 1 beseelten Wort die Wesen und Dinge um ihn zu wandeln. Er gab sein e Seele ins Wort und sein Wort ins Leben. Er allein durfte es wagen, weil er allein die Macht hatte, zu wände» 1 und neu zu beseelen. Gerade durch das Unbegreifbare seines dichterischen Werkes, durch Maß und Klang, worin er sein göttlich Teil versinnlichtc- wurden die ihm verwandten Seelen unwiderstehlich ergriffen: wenn s» e genießend zu besitzen glaubten, waren sie selbst schon vom neuen Ton besessen und oftmals ohne es noch zu wissen von ihm schon bewirkt un umgeformt. Denn wenn der Dichter selbst die Urform des Menschen a 01 vollkommensten in sich trägt, so kann er alle Stufen und Arten de menschlichen Wesens am reinsten und reichsten außer sich stellen un jede lebendige Seele, die seine Gestalten verlocken, erkennt sich in ihne n in ihrem erhöhten und erhöhenden Urbild wieder. 540 Die Werke Georges sind die Stationen des Leides und der Freude auf diesem vor vierzig Jahren begonnenen Weg. Wir haben den Dichter auf dieser Bahn der Werkentstehung in unserer Geschichte geleitet, wie er die großen Kulturen unserer Geschichte, die Zeiten des Jahres und das Grauen des entgötterten Alls in seine lebendige, immer dichter, immer leiblicher werdende Seele zog, wie endlich sein männlich reifer Geist sich selbst zum Gesetz, zum Boten und Führer wurde und die ganze geistige Welt sein inneres Eigen war. In allen jugendlichen Lockungen und leidenschaftlichen Fahrten, in allen Wonnen Und Schaudern eines erträumten Königtums, in allen Flügen und Stürzen der Seele hatte er sich nie verloren, sondern sein Suchen und Schwärmen, Sehnen und Dulden als werkhafte Siegeszeichen des Dichters aufgerichtet. Aber der sich nie verlor, konnte sich auch niemals ganz verschenken und blieb im Reichtum seiner Fülle der Ärmste und Einsamste, der mitten im Leben den Tod erfuhr und sich ihm ergab: auch das Ende der Fahrt noch •m Lied preisend. Erst auf dem eisigen Scheitel und kurz vor dem drohenden Absturz geschah das Undenkbare, daß das Wunder seiner leibgewordenen Sehnsucht zu dem Einsamen trat, daß er seine ganze Habe Und Liebe, sein menschliches Herz und sein geistiges Gut an den Geliebten und Liebenden hingeben konnte. Wir haben erfahren, wie er auch dieses verleiblichte göttliche Leben nach dem irdischen Abschied ins Weiterzeugende Gebild der Dichtung bannte und im Gesang den Tod überwand. Wir versagen uns hierauf tiefer einzugehen, da wir glauben, Ulan habe genug damit zu tun: das Geschehene als Sinnbild zu begreifen, ^un strömten alle dem Innern gewonnenen Besitze mit dem göttlichen F euer durchglüht, mit dem Doppelatem der Liebe geschwellt in die Uienschliche Welt zurück. Der die Verschmelzung des Ich und Du in der höchsten Fülle erlebt hatte, konnte nun zum Erwecker neuer Lebensformen der menschlichen Gemeinschaft werden: den Bund fügen und das Reich gründen, bis über die Ränder der Zeit und Gegenwelt dringen Und sein zweimal geborenes Wesen auf alle Körper und Kräfte der Erde, a uf die Elemente des sinnlichen Seins und Wandeins dehnen. Wozu der Schüler ausgezogen war die lebende Weisheit der Leiber, der Blumen, der Wolken und der Wellen zu suchen, das hatte der Meister im Menschen gefunden und formte es wieder zu menschlicher Welt. Sein Dichterwerk ist Geburt und Schicksal dieser Welt, das Gedicht beschließt jede Phase ihres Werdens in sich und solange sein Atem die kommenden Leben durchströmt, wird auch seine Dichtung durch die Geschlechter weiterwachsen. In ihr wurde alle verlorene oder verschüttete Größe unserer Geschichte und alles Tote einer verstofflichten Natur 54i wiedererweckt: die Geschichte ist kein starres Gewesenes mehr sondern eine mit uns und in uns sich wandelnde Gegenwart lebendiger Geister, die Natur kein lockendes böses Draußen noch ein mathematisch-physikalisches Etwas außer unserem Geiste mehr, sondern das gewaltige In- und Um-uns zugleich: der zauberische Leib des Lebens, das Reich des Lichts. Aus Geist und Licht hat dieser Sonnensohn die Bilder seiner Menschen geformt. Von der ersten Hymne bis zum letzten Lied erscheinen sie als Geburten seiner umfassenden Menschlichkeit. Sie führen den ganzen tiefreichenden Aufbau unseres geschichtlichen Seins und das ganze mythische Reich der göttlichen und dämonischen, heldischen und lieblichen Gestalten herauf, wie sie seinen Traum bewohnten. Wir haben bei den einzelnen Werken die schimmernden und düsteren Reihen der Luft- und Erdwesen, die hellen und dunklen Geschicke der Menschenwesen auf allen Stufen des einsamen und geselligen, auf allen Gipfeln und Schluchten des kämpfenden und leidenden Daseins, in allen heiteren Tälern des in sich ruhenden träumenden Lebens betrachtet. Nur selten erscheint da der Mensch des Dichters als Greis, wie der schlichte Retter des Reiches oder die Greise, die sich der Jugend des „Saitenspielers' freuen. Der „Siedler" selbst im Kriegsgedicht ist alterslos und uralt zugleich, wie denn zuweilen der Meister in scherzendem Ernst von sich selber sagte: er sei hundert Jahre, um den Abstand der Last und Erfahrung auch von den Freunden fast gleichen Alters mit ihm zu betonen- Meist zeichnet er sein Menschenbild als Mann im Ebenmaß von Mut und Besonnenheit, als Jüngling von schnellender Kraft und gefährlichem Wa- gen, als Knaben von Anmut und Regsamkeit, als Frau und Mädchen h 1 vollster Blüte und keuscher Verhaltenheit. Aber immer sind diese Wesen des Dichters schön oder schön sich ersehnend, schön noch die dumpfe 11 Kinder des Volkes im Schmuck der Feste oder das ganze Volk im g e ' meinsamen Wunder. Immer sind sie wegessicher, ohne die Tiefe z u scheuen, flugbereit, ohne die Ebene des Tages zu fürchten. Immer sind sie würdig und mit jener ehrfürchtigen Scheu gesehen, die der innersten Wesenszelle Georges entstammt. Jedes Wort seines Werkes sagt uns nri* Piaton, daß der Mensch „das Wunder der göttlichen Kunst" ist, gegen den man die Pflicht der geheiligten Ehrfurcht nicht verletzen dürfe: „Denn glaube nur ja nicht, heißt es im Minos, daß nur Bilder von Stein oder Holz oder Vögel oder Schlangen heilig wären, Menschen aber nicht. Ein edler Mensch ist viel mehr das Heiligste von allem, wie ein unedler das Entweihteste und Profanste". Wer diese höchste Ehrfurcht des Menschen vor sich selbst nicht nachzufühlen vermag, der verletzt schon durch sein Dasein das göttliche Recht. Denn „wer die Verwandlung und Vernich- 54 2 tung scheut, die ihm von dem Großen droht, der wirkt der lebendigen Einheit des Menschentumes entgegen, er stößt sich selbst aus dem Ringe des Lebendigen und bringt das Leben der Großen und das eigne um seinen Sinn". Aus dieser strengen Geschlossenheit seines Menschenbildes ergeben sich auch die Ablehnungen und Ausschließungen im Werk des Dichters. Von den HYMNEN bis zum NEUEN REICH geht ein einziger Trieb durch die Schöpfung Georges: das Echte und Fruchtbare auf allen Seins- und Lebensstufen zum Aufbau seines Menschenbildes, seiner geschauten und verleiblichten Idee, zu verwenden. Aber alles was dem nicht dienen kann, «st draußen geblieben, was ihm nicht dienen will, hat er teils bekämpft teils beiseite gelassen. Der Dichter hat auf diesem Felde in vielem den Kampf, den Nietzsche begann, wieder aufgenommen. „Er hat nur g e - t a n", wie Breysig einmal sagte „was Nietzsche gedacht hat". Aber der Meister lachte darauf und sagte: „Nun, ich bin auch damit zufrieden". Seinem Werke sind alle außerweltlichen Strebungen, alle weichlichen Gefühle und romantischen Stimmungen, alle teilhaften verselbständigten Äußerungen des Denkens, alle dogmatischen oder sonst wie an ein ethisches System gebundenen Vorstellungen fremd geblieben. Nicht das unfaßliche Jenseit der Welt, sondern die ganze Fülle des Inder-Welt-Seins, des „Innerweltlichen" ist der Raum des Dichters. Dem, der im Faßbaren und Geformten das Göttliche liebt, erweckt das Unendlich-Unermeßliche nur den Schauder des Leib- und Grenzenlosen. George 'st frei von dem Schaukeltanz der Deutschen, die ihre mystischen oder ^etaphysichen Flüge ins Unermeßliche mit einem Jahrhundert dürrster u nd trockenster Stoffhuberei bezahlen, um dann abermals nach den ver- Io renen Himmeln ihrer transzendenten Gespinste zu jammern. Er kennt w eder ein nur Geglaubtes im religiösen, noch ein nur Begriffliches im phi- !osophischen Sinne. In seinem Reich, wo der Mensch in seiner göttlichen Wesenheit selbst das Wunder der Dinge ist, gibt es weder ein „Absurdes" n °ch ein „Okkultes" — es gibt nur ein stets in Werk und Wirkung sicht- bar es menschliches Geschehen, und selbst wo die Wurzeln im Dunkel des u ndeutbaren liegen, glaubt er an keinen Einbruch einer fremden außer- ^enschlichen Gewalt zwischen Wurzel und Werk. Er kennt in seinem ^ e ich auch keinen Zweifel am dinglichen Sein, kein Ohne-die-Dinge, aber aiJ ch kein Hinter-den-Dingen und in einer Welt, wo der Leib wahrhafte Erscheinung der Seele ist, erregte es Lachen, die „Existenz" noch bewei- Se n zu wollen. Wie nie noch seit den frühen Griechen drückt hier Bewußten und Leben sich als das eine Unteilbare aus, Gedanke und Bild sind Sicher Geburt. Der Dichter, der die Weisheit vom Gotte her in sich trägt, 543 bedarf der Sondererkenntnisse nicht: ihm ist Wissen ein Schauen in die große Wirklichkeit des Lebens und Weltschaffen wichtiger als Welterkennen. Wer nur einen Bruchteil der Wahrheit und Weisheit seines Werkes erfahren hat, begreift was Perls, der Philosophisch-Geschulte einst von ihm meinte. Perls behauptete damals: um ein großer Dichter zu sein, muß man die Philosophie kennen, und als man ihn auf George hinwies, der nichts davon wüßte, widerstritt er dem heftig: er wisse aus vielen Gesprächen mit ihm, daß er alle Systeme der Weltweisheit beherrsche, aber die Kunst besitze, es nicht merken zu lassen. Auch die Musik hat im Wirken des Dichters keinen Raum. Unsere Väter erlebten vor mehr als hundert Jahren noch den Schrecken der Trennung von Wort und Ton: „Darum ist das Wort, das ewige Wort des Lebens, Fleisch geworden", schrieb Ernst Moritz Arndt im „Geist der Zeit", „damit das andere Wort, die Macht der Sprache und Lehre, endlich die einzige Zauberkraft würde, der wir vertrauen dürfen. Wie die Musik in dem Maße gestaltloser durch das Spiel mit allen möglichen Gestalten und Bildern und zu allen möglichen Gestalten und Bildern hin die verworrenste und weichlichste aller Künste geworden, wie wir in unseren Tagen erleben, als sie sich von ihrem lebendigen Worte, von der menschlichen Stimme und dem Gesänge, entfernt hat, und wie sie fast in eine Gaukele» und Hexerei mit den Instrumenten ausgeartet ist, so sind alle Wunderscheine und Wundererscheinungen in dem Maße verführerischer und verderblicher, als sie von dem Wunder abirren, das uns verheißen ist durch die Wirkung des göttlichen Wortes, woran wir glauben". Heute ist all das schreckenlos geworden und kaum noch verständlich. Aber der Dichter zog» wie wir zu schildern versuchten, den heiligen Klang, ein Ewig-Menschliches wie Gedanke und Wort, wieder liebend in sein Werk und gab ihm sein göttliches Erbe, den Rausch ans gestaltete und gestaltende Wort g e " bunden zurück. — Vergesse man nicht, daß es sich bei der Auseinander' Setzung mit der Musik im Blätterkreise nicht um ein müßiges Bereden von Wert und Unwert der Tonkunst an sich handelt, sondern um die wachsame Verantwortung eines Gründers für seinen Bau. Die Musik als Staat' und tatauflösende Gewalt, also in besonderem Grade die neuere un neueste Musik: mehr hat George nie in ihr bekämpft, und er läßt es off en ' wie weit ein Geschlecht, das seinen Stand im Ganzen wieder unverrückb 3 einnimmt, sich mit ihr zu befreunden wage. Noch ein Letztes endlich aus all diesen Sonderbereichen hat man l Werk des Dichters vermißt: die ethische Wertung, die Entgegensetzung des Guten und Bösen. Es fehlt und fehlt doch so wenig wie Gedanke un Klang. Es fehlt in christlicher Form, es fehlt auch als Vorschrift un 544 Lehre, aber nicht als lebendige Sitte. Jedes Bild des Werkes verkündet sie lauter als Gebot und Satzung, aus allen Gestalten spricht sie eindringlicher als Gesetz und Tafel es vermöchten. „Das ist schlecht was Staat Leben Ich schädigt" rief der Meister unwillig dazwischen, als er Jüngere über das Moralisch-Schlechte philosophieren hörte, und wer aus seinem Werke nicht weiß was gut ist, was er sein soll und wie er sein soll, dem vermögen auch wir nichts weiter zu sagen. Das Äußerste aber, das dem Wesen des Dichters widerlich und grundfeindlich ist, alles Häßliche und Niedrige einer Menschenart, auf die schon der Anblick menschlicher Hoheit in jeder Erscheinungsform wie eine Beleidigung und Aufreizung wirkt, hat der Dichter in seinem Werke nur durch Wink und Warnung gestreift. Gegen das Unwandelbar-Gemeine steht er in grimmigster Gegnerschaft, aber er braucht nicht zu nennen, was solange die Welt steht sich gegen das Edle gehässig aufbäumt. „Die Gemeinheit mancher Naturen", sagt Nietzsche, „spritzt plötzlich wie ein schmutziges Wasser hervor, wenn irgendein heiliges Gefäß, irgendeine Kostbarkeit aus verschlossenen Schreinen, irgendein Buch mit den Zeichen des großen Schicksals vorübergetragen wird .. und andererseits gibt es ein Unwillkürliches Verstummen, ein Zögern des Auges, ein Stillewerden aller Gebärden, woran sich ausspricht, daß eine Seele die Nähe des Verehrungswürdigsten fühl t". 4. KAPITEL: DAS WESEN UND WIRKEN GEORGES- DER HERRSCHER GEORGE ist der Herrscher. Wir sehen es als ein hohes Glück unseres Geschickes an, daß heute der Dichter unseres Volkes auch zutiefst ei n staatlicher Mensch ist, der irdische Herrschaft will und formt und zugleich mit dem ersten Wachwerden seiner dichterischen Kräfte den Keim seines Reiches zu bilden begann. Die seltsame Verkennung, daß George s >ch nur um ästhetische nicht um staatliche Dinge kümmere, rührte daher, daß seine Ansicht vom Staate gerade den denkenden Zeitgenossen eine völlig fremde ja feindliche war, daß sie vom Bild eines geistigen, das heißt al le Seelenkräfte umfassenden und bewegenden Herrschertums kam, nicht Von irgendeiner der verbrauchten oder teilhaften Formen der Gegenwart. Schon in „Manuel und Menes", im „Algabal", in den „Hängenden Gärten" bf echen die staatlichen Sichten mit einer Wucht ohnegleichen auf; aber v °m Herrscher aus gesehen nicht vom Volke, von der heldischen Person n >cht von der öffentlichen Freiheit, vom „Menschenrechte" auf der höch- 3S 545 sten Stufe der Gesellschaft, nicht von den „allgemeinen Menschenrechten" aus. In der Zeit, wo alles Große — auch auf den Thronen — herabgedrückt und alles Kleine ohne Recht und Sinn übersteigert wurde, litt George wie keiner an der Not des Untergangs aller hohen Menschenbilder und am Verlust jeder adligen Menschenart, für deren Bildung und Erfüllung alle bestehenden Einrichtungen der bürgerlichen Gesellschaft weder Raum noch Nahrung boten. Diese Seelenlage des europäischen Menschtums war von keinem Punkte der vorhandenen Praktiken oder Theorien des Staates zu ändern. Sie erforderte die Schaffung einer neuen geistigen Sphäre für ein Menschtum, das aus einer gänzlich gewandelten Anschauung vom Aufbau staatlicher Gemeinschaft die Lebensformen erzeugen könnte, die George als Bild einer würdigen Daseinsweise des Volkes in sich trug. Wir haben im Werk und Leben Georges verfolgt, wie der Widerstreit zwischen seiner geistigen Schau und seinem Willensanspruch sie auch in Zeit und Leib zu vergegenwärtigen, die höchste Gefahrenkurve seines Leidens und Handelns aufzeigt — wie es ja bei allen großen Stiftern und Tätern der Fall ist. Wer die höchste Weihe empfangen hat, ist wohl gegen Verletzung und Verlust seines inneren Bildes, aber nicht gegen Stoß und Sturz auf seinem Wege, nicht gegen Fall und Untergang bei der Bewältigung seiner eigenen und aller fremden Kräfte gefeit. Jeder herrscherliche Mensch will sein Höchstes in gegenwärtiger Stunde leben und will zugleich sein Reich durch Räume und Zeiten dehnen: zwischen der Entfaltung seiner Natur und der seines Reiches geht für ihn die gefährdete Bahn- Daß George der Dichter war, dem Gestalten und Reifen höchstes Gesetz ist, ließ ihn die Abgründe meistern, an die sein Tätertrieb ihn führte. Was der Herrscher als Andrang ins Gegenwärtige fühlte, rief der Dichter m s Werk, was jener an Menschtum um sich sammelte und formte, trieb de r Dichter zum Werk. So verstanden wir den Pilger, den Cäsaren und König und noch den unter dem Engel sich beugenden Meister, so das Ringen um die Seele jedes Gefährten und den Kampf mit den Kosmikern: Georg e speicherte Drang und Trieb zu wirken als „Keim und Nähre" ins Werk- Was den Dichter hätte vernichten können, ging in die künstlerischen Gebilde tathaft ein. Damit bewahrte er seine Natur in doppeltem Sinn, nämlich vor dem was er nach edlerer Art nicht tun durfte: im Ungemäß en und Gemeinen wirken, und weiter vor der Gefahr: an der Unterdrückung eines mächtigen Triebes zugrunde gehen. Indem das Werk diesen aufnahm war für das Reich ein Großes gewonnen: ganze Strecken des Weges zu ihm waren von Schutt und Drachen geräumt und wer ihn mit George beschritt' war vom Ekel am staatlichen Heute geheilt und verlor auch die Bilder gr°" 546 ßen herrscherlichen Menschtums von ehmals nicht. Dennoch wäre der letzte staatliche Sinn nur halb erfüllt und das Reich nicht wirklich geworden, wenn sich die Sphäre der Herrschaft nicht durch die Sphäre des Dienstes geschlossen hätte. In der Natur Georges entsprach dem herrscherlichen Anspruch die dienende Hingabe mit der gleichen Mächtigkeit. Es war das Wunder Maximin, daß diese Entsprechung an einem menschlichen Geschehen erscheinen konnte, es ist das Wunder des SIEBENTEN RINGS, daß dieses Geschehen auch im Gebilde verewigt ist. Damit war der Höhe des staatlichen Menschtums erst die Tiefe gegeben, war zur Würde und Hoheit des einen der Adel und die Ehrfurcht des andern getreten, war dem einzigen der Weg zu den gleichen, ja über alle Stufen hinab zu den vielen und ihnen der Zugang zur herrscherlichen Mitte geöffnet. Das Geben und Nehmen von Mann zu Volk begann und ob George sich zuwandte oder abkehrte, ob seine Hand schenkte oder geißelte, das „Knüpfen der zersplißnen goldnen Fäden" hatte wieder begonnen, und ihr Gewirk ist Liebe und Kampf, Herrschaft und Dienst. George hatte seinen Stand seit jenem Ereignis nicht gewechselt, nur sein geistiges Vermögen war ganz entfaltet worden. Er blieb Gegner der bestehenden Gesellschaft um einer höheren Ordnung, Gegner des bürgerlichen Staates um einer höheren Form, Gegner der Eingereihten und des Massenmenschen um des vollkommen staatlichen Menschen willen, aber die Art des geistigen Herrschers und sein Verhältnis zu seiner Schöpfung Wurde von jetzt ab in deutlicheren Umrissen sichtbar. George hatte die Macht erhalten, die durch sein Werk gebildeten Menschen nun zu Trägern seines Reiches zu machen: er gab ihnen die Augen für das nötige Opfer von oben und von unten, er lehrte sie führen und diesen zugleich. Denn wer das Göttliche in sich trägt — er nenne es Idee oder Sohnschaft, Schicksal oder Stern — muß es in Glück oder Not als lebendige Ordnung in die Menschenwelt wirken, und die in ihm das Göttliche Ve rleiblicht sehen, müssen ihm dienen und sein Gesetz als Glück oder Not au f sich nehmen, damit sich in Schöpfer und Geschaffenen das Erdenwerk v ollende. Denn „der Mensch, wo er bedeutend auftritt" sagt Goethe „verhält sich gesetzgebend", und ob er das höchste Amt im Volke besitzt oder er wirbt oder auf jedes verzichtet: immer hat er die höchste Würde im ^olke und es kennzeichnet ein Volk, wie weit es diese Würde begreift und dem göttlichen Führer folgt: wie weit es vernichtet was er für vernich- te nswert erklärt, wandelt was er für wandelnswert erklärt und aufbaut, w as er für den nötigsten Bau erklärt. Wie er sich selbst beherrscht, so will der Herrscher allem Triebhaft-Dumpfen und Tierhaft-Gierigen die Zügel d ß r geistigen Ordnung anlegen, und scheut nicht den Vorwurf der „Kälte" 547 und „Anteillosigkeit". Denn zwischen ihm und dem staatlichen Stoff herrscht das zwingende Gesetz des formenden Willens, der weiß, daß Leben sich vom Leben nährt und nur durch Opfer besteht. Da er selbst sich ganz und ohne Rückhalt einsetzt, so erkennt er auch keine „innere" Freiheit noch ein privates Leben an, wo der Mensch ein ungebundner oder andrer als im Staate sein kann. Was man an George als das Auslöschen seiner privaten Gefühle, Bedürfnisse und Erlebnisse bezeichnet hat, ist nur ihre Einbeziehung in sein staatliches Herrschertum. Der Verzicht auf das Sichtbarwerdenlassen rein individueller Züge und Bedingtheiten, das Verschweigen ja Vernichten des Nur-Persönlichen ist nur das deutliche Zeichen des ihm „zubedungenen Ranges", auf dem er jedem tastenden Zugriff von Freund und Feind entzogen ist. Diese unantastbare und unnahbare Sphäre wird durch keine noch so tiefe Freundschaft aufgehoben, durch keine noch so tiefe Feindschaft ausgelöst. Es ist die Sphäre, aus der sein unbestechliches Urteil über Welt und Menschen, sein illusionsloses Wissen vom falschen und richtigen Handeln stammt. George hat nie Illusionen über das Menschlich-Erreichbare gehabt wie Nietzsche, von dem er sagte: „Nietzsche erwartete von jeder Schrift eine Wirkung auf Gesamt-Europa und stellte sein Tun darauf ein" .. er setzte noch eine geistige Gesellschaft voraus, die nicht mehr da war — auch seine nächsten Freunde wurden Philister: so zerbrach er. George hat auch nie geglaubt, man könne durch äußere Zurschaustellung eines anderen Lebens die Zeit verwandeln, wie der Verführer Derleth vorschlug: „Mieten Sie eine Zimmerflucht in der Brienner Straße und lassen Sie sie kostbar ausstatten — Sie haben ja so Leute die pinseln können. Halten Sie große Empfänge ab und machen Sie die Welt von sich reden" — „Man würde einen Winter davon sprechen", antwortete der Meister, „und die Kran wäre nutzlos vertan". Er hat nie geglaubt wie die Kosmiker, von der Stube aus oder vom Waldwinkel her die Welt durchzaubern zu könner»' Ihr leises Zaubern traf ebensowenig jemanden wie Nietzsches Schrei "■"" beides verhallte, war nach Georges Meinung nicht welterfahren und daher nicht weltgültig. Er sah was in der Zeit war und was an der Zeit war und besaß die unerlernbaren Mittel des Handelns, mit denen allein die leibhafte Tat vollbracht wird. Er mied das „absolute" Tun, das jedem Mächtigen nahe liegt und besonders den Deutschen, aber auch das flüc»' tige Tun, das mit Tag und Jahr verweht .. er verabscheute das Hände« 1 ins Allgemeine aber auch die Versuche der plötzlichen Umbildung als unwirksames oder unmenschliches Fordern — für sein Reich gab es nur ein bestimmtes Wirken von Mensch zu Mensch, ein langsames Wachse von Mensch zu Mensch auf gesichertem Boden und in umgrenztem Raum- 548 Wir sahen, wie er in der Jugend den weitesten Raum der abendländischen Ökumene durchwanderte: den ganzen Kulturkreis von London bis Wien, von Kopenhagen bis Rom, von Madrid bis Amsterdam. Ja darüber hinaus lockte, wie auch den späten Nietzsche, einen Augenblick die afrikanische Küste und einen Augenblick, wie den reifen Goethe, das Neuland jenseits des Ozeans. Aber immer enger schloß George den Kreis, bis er in den Grenzen der Deutschen ruhte und im heimatlichen Kern verdichtete, was er in den Weiten gewonnen hatte. Für ihn lag die Erfassung des Ganzen nicht in der räumlichen Weite, sondern im geistigen Raum. Die Deutschen waren nach den Römern die Träger der staatlichen Ökumene gewesen, des heiligen Reiches, aber dieses umfaßte die geistige Ökumene nur in der Form des Gegenpoles, der geistlichen Gewalt mit volksfremder Spitze und volksfremder Sprache. Unser Sehnen aber blieb ein Menschtum, das beide Gewalten umfaßte und als unsere Kaiser sich an solcher Einheit, die im christlichen Weltkörper unmöglich war, schon müde gerungen hatten, suchten wir Rom, die fremde Mitte der geistlichen Ökumene, suchten wir später Napoleon, den fremden Wiederhersteller der staatlichen Ökumene aus unseren Grenzen zu drängen, ohne auch dann unsern Dichtertraum: den eines harmonisch geschlossenen Menschtums im freien Besitz aller staatlich-geistigen, leiblich-göttlichen Kräfte verwirklichen zu können. Daß der Geist in Tat ende ist letzter Sinn und deutliche Sage unserer Erneuerer, Dichter und Staatsschöpfer gewesen. Geist und Tat aus ihrem Widerstreit, aus ihrer Vereinzelung in unserem Wesen zu lösen, ist die herrscherliche Sendung Georges unter den Deutschen. Er will nicht den ewigen Einzelfall sondern Wirken auf lange Dauer, keine Kolonisation ins Fremde, sondern Umwandlung des eigenen Bodens, er möchte die Scham von den Deutschen lösen: immer wieder auf neue Irrwege zurückschauen zu müssen. Aber welch eine Aufgabe in diesem Volk der tausend Splitter und bitter! Welch ein Wagnis in einem Volke wo jeder äußerlich organisiert a °er innerlich souverän und unabhängig war, wo jeder nach staatlicher Ordnung schrie aber jeder die Herrschaft für sich und sein Privates vereinte, wo jeder das Reich beschwor aber jeder es in seinem Stamm und Stäätlein bekämpfte. George schloß mit all dem die Rechnung ab und setzte als treuester Bewahrer und kühnster Neuerer zugleich den neuen Anfang menschlicher Gesittung und menschlicher Gemeinschaft — die Keime seines Volkes und seines Staates. Er trieb die Kunst als Macht, wie einst Napoleon die Macht als Kunst und stellte zuerst das u nangreifbare Werk des Dichters in die alles zerlösende Zeit. Aus ihrer ei gnen Schwäche mußte die Zeit ihm die Freiheit des Handelns gewähren 549 und mit sanftem Hohne sagt eine Vorrede der Blätter: „Obwohl es Zeichen dieser Zeit ist, jede Größe herabzureden, und nur für die Erhaltung des Mittelmaßes zu sorgen: vergessen wir nicht einen ungeheueren Vorteil, der freilich für die Kleinen erneute Gefahr bringt: noch nie soweit wir Geschichte kennen, konnte der einzelne solche Freiheiten, solche Bewegungserleichterungen genießen, noch nie so sicher der plumpen Übermacht sich entziehen und bei verhältnismäßig geringen Anstrengungen sein Leben führen in einer fast unumschränkten Oberherrlichkeit". (7. F. 1904.) So trat in der höchsten Not, wie es für diesen Fall auch die demokratischste Verfassung für nötig hält, „der Diktator" auf und gründete seine Herrschaft tiefer, umfassender und dauernder als heute die kühnen staatlichen Spieler im Osten und Süden Europas. Als George sein Tun begann, war seine Macht einem Sandkorn gleich, aber die der Zeit war eine Riesenwelt von Wissen, Arbeit und Reichtum- Er zog seine stillen Kreise und suchte den tauglichen Seelenstoff in allen vier Gegenden Europas. Aus dem lockeren Bund von Geistesverwandten aller Länder wurde bald ein festerer Kreis von Freunden und Folgern und endlich nach der großen Wende seines Lebens die dichte Gemeinschaft der durch ihn verwandelten Menschen seiner Art. Von der ersten Berührung mit den fremden Dichtern bis zum stillen Gipfel des Wendejahres, von der begeisterten Gefolgschaft der Gefährten und Jünger bis zum verschwiegenen Bund der Gründer sahen wir immer neue Gruppen um ihn kreisen, bald sich weitend und lösend, bald sich wieder verengernd und schließend. Für den Dichter war die ganze Welt sein Stoff, für den Herrscher nur die wenigen hörenden Geister und empfänglichen Seelen, welche die Größe seines Werkes und die das Werk noch überschattende Größe seiner Person erfaßten. Den furchtbaren Fall, daß auch seiner Stimme niemand geantwortet hätte, schloß von Beginn an sein staatliches Handeln aus. Als noch niemand sein Werk verstand, führte er doch stets die Gleichaltrigen, die sich ihm anschlössen und schloß sie zum gemeinsamen Handeln zusammen: er war schon als führender Mensch gesichert, als noch der Dichter einsam war. Doch gerade an diesem Punkte schlug die dichterische Sphäre mit der herrscherlichen zusammen: das gemeinsame Handeln war Dienst am neuen Wort und der Dienst am neuen Wort ergab die gemeinsame Haltung der Dichter. Der einheitliche Or* dieser Handlung und Haltung war George selbst im Verkehr mit seinen Freunden, die Blätter für die Kunst waren das nach außen dringende Zeichen des geschlossenen und doch immer offenen Kreises. In den Vorreden der Blätter wurde der kleinste überschaubare Raum, soweit er dem Vierundzwanzig jährigen sichtbar war, angerührt: nur das jeweils Faßbare 550 wurde bejahend oder verneinend angegriffen und das kleinste Kampffeld abgesteckt. In den Gedichten und Prosen der Blätter aber wurde, wie Hölderlin es geweissagt hatte, die Stimme der Dichter als eine besondere und neue Welt einer Welt ohne Dichter entgegengesetzt: es trat sogleich ein Gesamt zutage, das das ganze Leben in sich befaßte. Der Dichter forderte das in sich runde Werk, der Herrscher den in sich runden Menschen: eins sollte am andern wachsen und wer das eine nicht sein konnte, vermochte auch das andre nicht zu leisten. Dies ist der Doppelsinn der „Schule" Georges: er lehrte die Menschen dichten, indem er sie dichterisch leben lehrte. Auch als der Bereich des Tätigen sich über das Gedicht und selbst das Kunstwerk hinaus erweiterte, blieb dieses Verhältnis von Leistung und Leben, gemeinsamem Tun und gemeinsamer Haltung sich immer gleich. Denn es handelt sich in dieser Schule nicht um Übermittlung dieser oder jener Verfahrungsart oder Mache, worin im letzten nur fertige Künstler sich verstehen und Wovon sie am liebsten schweigen. Die Schule kennt nur auf den ersten Anfangsstufen etwas Lehrbares und Erlernbares im Handwerksmäßigen, auf allen höheren ruft sie Vorbild und Wetteifer, die Stachel der Liebe Und des Ruhmes, auf. Und von der höchsten Stufe des gemeinsamen Lernens und Werdens weiß auch der Meister wie Piaton nur zu sagen, daß der Funke von Seele zu Seele überspringt. Was George zu schaffen hatte, um den Schatz der Überlieferung zu fahren, war eine neue Ebene der Überlieferung, auf der das Erlebte nicht s tarr bewahrt, sondern von jedem im gleichen Geiste umgeschaffen und n ach seinem Maße der Welthaltigkeit neu gestaltet wird. Was George im Gedichtkreis geschaffen hat, ist im Kern das Gleiche was er in seinem ^enschenkreis von drei bis vier Generationen schon erreichte: den geschlechterlangen Atem, das Anhalten des Tones auf einer erreichten ^öhe, den Verzicht auf die individuelle Willkür um des gemeinsamen B aues willen. In einer Zeit, wo alle Spannungen und Belastungen die e hemals durch Alters- und Adelsstufen, durch bluthafte und geistige Gemeinsamkeiten, durch Erbe und Übereinkunft erzeugt wurden, überhaupt ni cht mehr als Werte der staatlichen und menschlichen Bildung galten, w o sie nur noch als Hemmungen und Störungen der Freiheit der Vertage gesehen wurden, in dieser Zeit schloß George für die Seinen die a lte deutsche Wunde der Vereinzelung und die neue der Uberlieferungs- iosigkeit und fratzenhaften Gleichheit. Er überwölbte mehrere aufein- a nderfolgende Geschlechter durch seinen geistigen Rhythmus, indem er ihre Unterschiede und selbst ihre Widerstände nicht aufhob, sondern in e iu Lebensgesamt von gemeinsamem Fühlen und Wollen einbezog. Wie 55* tief er damit die Deutschen traf, die immer von jenen Wunden sprechen, aber sie um Gott nicht heilen möchten, zeigte der fast burlesk anmutende Haß und die fast unbürgerlich heftige Beschimpfung des „Kreises", der zunächst nichts tat als Gedichte machen und zum Meister halten. Daß hier ein Führer eine Gemeinschaft um sich sammelte, deren Stimme in seinem Geiste klang, deren Tun und Lassen seinen Geist atmete, war der unverzeihliche Anstoß für die Zeitgenossen, war im Letzten ein Vorwurf gegen sie selbst und für einige vielleicht ein schmerzender Anruf aus dem tiefsten Traum der deutschen Seele, den sie vergessen oder verraten hatten. Alle große weltliche Dichtung bei den alten und neuen Völkern ist in geschlossenen Kreisen entstanden, deren Träger durch eine geistige und leibliche Lebensform von der Menge geschieden waren. George hatte den Raum erst wieder zu schaffen, in der eine solche Gemeinschaft leben und gedeihen konnte. Während unsere Väter noch auf der letzten schon brüchigen Grundlage einer alten Welt bauen konnten, stand George vor dem völlig Basislosen — sonst wäre sein Versuch nicht berechtigt gewesen, sich auf einen Punkt außer der Zeit und Gesellschaft zu stellen. So aber mußte er „aus einem Staubkorn den Staat", aus seinem Worte eine geistige Welt erschaffen. Wir lernten sie kennen als die Welt des schönen Lebens, in der noch das dunkelste Geschick sich in Werk und Tat befreiend erfüllt und alle Zwiespalte des tragischen Daseins in der Gestaltung und Selbstvollendung von Mensch und Gemeinschaft gebändigt werden. Wir lernten sie kennen als das festliche Leben, in dem der Gleichgang des Alltags und die Schwermut der Arbeit den verschönenden Strahl, ja ihr höheres Recht erst aus der gemeinsamen Feier und be- freienden Freude erhielten. In dieser Sphäre verschmähte George nicht» sich neben dem Größten um das scheinbar Kleinste zu bemühen, denn für seinen herrscherlichen Sinn war das äußere leibliche Gebaren nicht minder wichtig als das bedeutende geistige Tun. Schön-Schreiben, Auswendig" lernen und Gut-Hersagen, all diese heute verschmähten Herrlichkeiten» sind ihm ein ebenso wesentlicher Ausdruck menschlicher Art und Hai" tung wie den Griechen, denen Schön-Singen und -Tanzen können e»n Zeichen der guten Erziehung war. Und wenn es sich träfe, daß bei einem Menschen sich eine schöne geistige Art und damit zusammenstimmen» ein schönes Äußere vereinte, so daß ein und dasselbe Wesen beides trüg*' so deuchte das Piaton wie George der schönste Anblick. George g'°g freilich auch auf diesem Felde den langsamen Weg. Er sucht nicht d' e Kraft eines Athletenkörpers zu züchten, bevor der Geist die innere Bi'" düng des Ganzen in alle Glieder strahlen kann. Denn wer den veredelten 55» Menschen will, dem ist Verrohung ebenso verhaßt wie Uberfeinerung, und erst der geistige Adel macht für ihn den Leib anmutig und schön. Wie alle Bilder seines Werkes diese Menschenart der gespannten wie gelassenen Kraft, des Tauglichseins für Kampf und Tanz verkünden, so suchte George sie unter den lebenden Deutschen in jeder keimhaften Form der Empfänglichkeit. Wie wir den Dichter das ihm Gemäße anziehen, das Ungemäße aus dem Werk verstoßen sahen, so sichtete der Herrscher die leiblichen Menschen nach dem inneren Gesetz seiner Welt, zog an sich was wandlungsfähig war, ließ fallen was versagte und berührte nicht einmal was fremden und feindlichen Wesens war. „Denn wer in der Welt etwas wirken will", sagte er, „muß Eines sicher wissen: nämlich was nicht geht". Als der Jüngling in die fremden Länder ging, fand er dort überall die gleiche Menschenart, den Bürger und Arbeiter, und sein Auge richtete sich noch nicht auf die Unterschiede der Völker und ihres besonderen staatlichen Baues. Sein eigenes Wunschbild vom Menschen war so weit entfernt von den europäischen Grundformen, daß deren Verschiedenheit vor jener wesentlichen Unterscheidung.nicht sichtbar wurde. Woher denn e ine unbekümmerte Sicherheit in der Ablehnung, auch im Ausland, kam, die ihm erlaubte sein inneres Bild unerschüttert durch die Jahre des Lernens zu tragen. Als dann das Bewußtsein seiner Sendung zum Wirken drängte, fühlte er wohl, daß noch eine empfängliche Schicht für sein inneres Bild vorhanden war, aber diese nötigste geistige Voraussetzung *Ür sein Wirken gab noch keine Gewähr für die Verwirklichung seiner lebendigen Welt. Wo der Genius wirken soll, muß der Herrscher erobern, nieist widerstreben die Kräfte seinem Einbruch, sperren sich seiner männlichen fordernden Gewalt und der menschliche Stoff, mag er noch so e mpfänglich sein, ist je weniger wandlungswillig je größer sein Eigenwert ist. Niemand stand am Beginn bereit, George aufzunehmen, er niußte die Seelen in seine Sphäre ziehen, mußte sie allmählich durchdringen und mit seinem Geiste trächtig machen, er mußte die Unwilligen w ülig, die Spröden geschmeidig machen, um sie seiner Artung anzu- ^hneln. Es war dies, wie wir sahen, zuweilen ein Kampf um Werk und Leben, nicht bewußt auf ein Ziel hin geführt, aber aus dunklem nötigem Drang, der schon in der Jugend den rechten Freund und Gefährten forderte. Irn ganzen Pariser Kreis war niemand, der dem innern Fordern genügt "ätte. Man könnte sich hier am Beginn wohl das Erscheinen eines Menschen denken, der alle Kräfte aufrief, um den zu werben und zu siegen lohnte — es wäre vielleicht die glücklichste Lösung gewesen! Statt dessen 553 gingen die HYMNEN aus der einsamsten Seele hervor, und die dann kamen waren wohl brauchbarer Stoff, aber in welche Zeit verhaftet und welches Land! Ein Deutschland, in dem die Menschen aus zwei entgegengesetzten Winkeln sich kaum verstanden! George mußte erst den notdürftigsten Boden einer Einheit schaffen, ohne doch seinem Gesetz gemäß die höchsten Forderungen vermindern oder aufgeben zu dürfen. Er hätte an den schlimmen Kehren seiner Fahrt das Werk hinwerfen und das Leichtere wählen können, aber er nahm das Schwere stets von neuem auf sich. So gewann er die Gefährten und alle wurden von ihm mit dem Teil der jedem eigentümlichen Kraft in sein Wirken eingegliedert und dienten die Weile, die sie taugten. Auch als endlich in letzter Stunde der seit der Jugend Ersehnte erschienen war, ging dieser Kampf auf Leben und Tod um das höchste Wirkliche, den menschlichen Seelenstoff, weiter, ja er bedurfte der Träger seines Reiches jetzt mehr als je. Der deutsche Stoff war sperriger als irgendein anderer, aber er bändigte ihn und schuf eine geistige Grundlage für die Seinen, so daß heute einer von den baltischen Marken mit einem vom Berner Land sich versteht, wenn vom Gemeinsamen unter ihnen die Rede geht. Auch die Nächsten Vertrautesten mußten diese herrscherliche Führung erfahren und es bedurfte oft langer Mühen und Jahre, bis ihr Metall aus dem Erze geschmolzen und zu jenem klaren Spiegel geläutert war, der alle Mischung und Trübung ausschließt. Auch diese Kraft der Ausschließlichkeit war nicht bequemer Besitz sondern steter Erwerb. Denn die Offnen und Erschütterbaren waren ja Georges tauglichster Stoff» solche die mit allen Sinnen an die Welt verhaftet waren und Gefahren nicht scheuten — auch nicht den Untergang wenn das Schicksal gebot- Die aus Schwäche oder Feigheit oder Verrat weggingen — denn aus Überlegenheit ging keiner, wie die Zeit bewiesen hat — bemühten die Sorge des Herrschers nicht lange. Wenn schon früher aufgezählt wurde wie viele sich von George und seinem Kreis getrennt hätten, so führen wir dazu das endgültige Wort einer langjährigen Freundin, Hanna WolfS' kehls, an: „Die einzelnen Mitglieder des Staates sterben, der Staat aber bleibt". Die bei George blieben waren die Kinder seiner unablässige 11 Waltung und Sorge. Sie waren die stärkeren Naturen, eben weil s,e bleiben und sich neben dem Stärksten behaupten konnten. Hätte es kein 6 gegeben, die ihm so unbedingt zu folgen vermochten, so hätte Georg* einsam zugrunde gehen oder als letzter Mahner und Flucher enden müssen — hätte es aber nur solche gegeben, die kämpf- und willenlos folgten' so könnte sein Reich nicht in seinem Geiste vollendet werden. Denn der Genius ist aus seinem Wesen heraus unendlich-fordernd, wie Hölderlin 554 sagen würde, und seine Herrschaft müßte im schwachen Stoff despotisch werden: eine „absolute" Form, die seiner eignen lebendigen nicht entspricht. Er muß im Widerstände der Starken sein Reich gründen, sie müssen als Eigene sein Werk und Wesen aufnehmen: müssen etwas haben und sein, damit sein Samen in nährendem Grund gedeihen kann. „Nicht was einer nützt, sondern was einer ist, fällt ins Gewicht". Erst wenn einer Kräfte besitzt, kann er überhaupt so nahe kommen, daß George sich seiner annehmen und etwas aus ihm machen kann. Liebe ohne Tatkraft, Verehrung ohne Können, sind diesem männlichsten aller Werker fremd, ja beinah lächerlich, und wer nur für die friedliche Welt gerüstet ist, wird >n seiner Nähe bald matt und wund. Wer aber ohne an eine Einrichtung oder Satzung gebunden zu sein, vor der herrscherlichen Mitte das rechte Gefühl für sein Verhältnis zu ihr und zu seinem Rang unter den andern bewahren konnte, der war allen Lagen des Lebens gewachsen. Ungeschützt in diesem Kreis freiwillig Dienender war nur der Herrscher selbst: ihn konnte verlassen und verraten wer und wann er wollte. Er duldete neben den Festen und in sich Ruhenden nicht weniger gern die Leidenschaftlichen und immer Bewegten um sich oder die Schweifenden voll alter Weisheiten Bosheiten und Grausamkeiten, die leicht geneigt waren, ein altes Gut preiszugeben, wenn dafür ein Augenblickliches winkte, einen Ausbruch zu begehen, wenn er ohne Folgen bliebe. So lange der eine sie fest bindet, kreisen sie um ihn — aber wehe ihm, wenn er die Glitte nicht sicher hielte! So steht er unter den Seinen: der Ungeschützte, der dennoch für alle durch sein bloßes Dasein, durch sein Kommen oder Gehen, Bejahen oder Verneinen Gesetz und Schicksal ist und dessen ganze Herrschgewalt darin besteht, daß er sich abwenden oder entziehen kann. 5. KAPITEL: DAS WESEN UND WIRKEN GEORGES • DER MEISTER GEORGE ist der Meister. Es waltete, wie wir sahen, in seinem Leben ein unaufhörliches und nie unterbrochenes Hin- und Wiederströmen z wischen dem dichterischen und herrscherlichen Plane seines Wesens. So Weltenfern sein geheimnisvolles Selbst stets in unberührter Ruhe zu verirren scheint, so unaufhaltsam fließt doch die Bewegung zwischen jenen Polaren Kräften, und Reich wird zu Werk, Werk zu Reich, Welt zu Dich- tu ng und Dichtung zu Welt. Diese wirkende Einheit aber hätte nicht statt ohne die dritte und innerste Kraft, die ihn beseelt: ohne die Liebe dieses 555 großen unerschöpflichen Herzens, ohne das nährende hegende Dunkel dieser bis zur zenithenen Unerbittlichkeit sonnenhaften Natur. Es ist freilich die männlich harte Liebe, welche ihm mitgegeben war: Sie stand nicht mildernd oder erweichend neben seinem Formtrieb und Bezwingerwillen, sondern mußte sich in ihnen erfüllen: sie hatte kein Recht sich zu verschenken, als wo sie zeugen, kein Recht sich zu verströmen, als wo sie gestalten und bilden konnte. Dichten und lieben, lieben und wirken hieß die unabänderliche Paarung, die kreisende Svastika dieses Lebens, und seine strenge, nie verletzte Geschlossenheit beruhte darauf, daß die Arme des Sonnenkreuzes in allen Stürmen ihr Gleichgewicht zueinander wahrten und keiner mitteflüchtig wurde. Wir haben im Verlauf unserer Erzählung gesehen, wie diese Gefahr einer jeden Kraft dieser mächtigen Seele drohte. Die Gedichte von der FIBEL bis zum NEUEN REICH verkünden immer neu das Wechselspiel von Kampf und Bändigung zwischen der drängenden Leidenschaft und dem Gesetz der dichterischen Berufung, zwischen dem Trieb in der Stille zu gestalten und zu hegen und der Lust, die Zeitmasse anzugreifen und unter den herrscherlichen Willen zu zwingen, zwischen der verschwiegenen Bewahrung des geheimen Wissens und dem hellen Ruf der Verkündung, des Aufrufs wie des weithin schallenden Jubellauts. Aber der Dichter der seine Leier zerschellen und den Tempel seines Gottes verlassen wollte, hat seine aufbegehrenden Wallungen bezwungen, immer schöner und größer das Spiel gerührt und nie einen falschen Ton irrt Wandel seiner Lebensstufen angeschlagen: nie dem Jüngling in den Mund gelegt, was dem Manne, nie der gereiften Weisheit des Alters was der Jugend geziemt. Der Werker, der die Wahnträume eines Algabal geträumt» der die verzehrende Glut des weltverwandelnden Täters in sich brennen fühlte und sich mächtig genug deuchte, gegen eine Welt von stolzester Selbstberühmung und Machtfülle in die Schranken zu treten, ist auch am schlimmsten Punkte seiner Bahn nicht der Verführung erlegen, den zwei' ten Schritt vor dem ersten zu tun, sein Werk und Reich einem kurzen Ruhme zu opfern und die Gefolgschaft der Menge zu suchen, die für ein Nichts zu haben und um ein Nichts zu verlieren ist. So hat auch der glühendste Minner das eherne Gesetz gewahrt, bis er sich in dem erfüllen konnte, was die ganzen Kräfte des Genius vollendete und in der höchsten Liebe zugleich die strahlendste Dichtung und die Mitte des Reiches schuf- Keine der schönen Frauen, deren Gestalten sein Frühwerk uns bewahrt» hatte ihn lösen, keine der fürstlichen Freundinnen und linden Geleite' rinnen ihn fesseln können, kein Lehrer noch Führer erschloß den Knaben» keiner der stolzen Freunde aus fünf benachbarten Völkern hatte den 556 Jüngling ganz in seine Flamme reißen können. Er liebte und wurde geliebt, wie kaum einer der irdischen Menschen, aber dieser Gabe- und Hingabe-Bereite war zugleich mit einer unsichtbaren Mauer umgürtet, war zugleich der Sprödeste immer Fernste und Abschiedbereite, den auch die willigste Liebe und Freundschaft trauernd über ihr Ungenügen mußte ziehen lassen. Erst den Mann bannte der jüngste der Freunde ganz und gab seiner Liebe die höchste Erfüllung. Denn menschliches Werk und Reich können vor den ewigen Maßen wenn nicht unvollendet, so doch unvollkommen erscheinen und selbst ihr Schöpfer kann sie noch schöner und größer ersehnen: die Liebe aber muß einmal ihre ganze Vollendung erfahren, wenn sie das Leben erneuern soll, und einmal muß auch der Größte im Tiegel des göttlichen Minners bis zum letzten Korne umge- Schmolzen werden, damit er selbst die Herzen in seinen Gluten schmelzen Und wandeln kann. Wie die großen schöpferischen Liebenden unserer Menschengeschichte hat George die Einzigkeit seines Erlebens an der Spanne zwischen sehnsüchtiger Qual und endlicher Erfüllung gemessen: Da drang aus dir ein solcher schrei zu Sternen Dali erde nicht noch himmel ihn ertrug Und antwort kam mit solchem ton von Sternen Wie vormals keines sterblings ohr vernahm. Die Wenigen, welche so reden dürfen, haben Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen und sind selbst die lebendige Liebe. Das Geheimnis ist "Timer gleich, wenn auch seine Erscheinung nach der Not der Zeit sich handelt. George blieb auch in seinem höchsten Gotteserlebnis der Träger d er männlichen harten Liebe, ja er erfuhr sie erst ganz, indem der Führer 2 Um Geführten, der Geliebte zum Liebenden — ja daß kein Schmerz Un d keine Schmerzüberwindung in der Liebe ihm erspart bliebe, der ganz "^sitzende zum ganz Verlassenen wurde. Die Kraft seiner Liebe ertrug auch diese Prüfung und gedieh in ihr 2u r höchsten Reife und zum vollsten Reichtum. Sie verschenkte sich ganz an Werk und Mensch und forderte alles für Staat und Reich. Es ist eine gütige und harte Liebe zugleich und in jedem menschlichen Verhältnis Georges drückte sich ohne sein willentliches Zutun ihre Doppelart in dem gebenden und heischenden Wesen des Meisters aus. Seine klare rauchlose Flamme sprengt alles Feindliche weg, reißt alles Freundliche mit hin- au *- Es gibt kein Beharren in ihr, ohne ihm in Sein und Wirken Genüge 2u tun, Schwäche und Frevel sind vor ihm fast dasselbe und das Verden in Tat und Reich ein Versagen der Liebe. „Es ist nicht leicht", Sa gte der Meister einmal, „die Leichen ehemals Befreundeter hinter sich 557 zu lassen, aber um des Lebendigen willen muß es sein: wer nicht mehr mitgehen kann, hat sein Recht verwirkt". Für die weibliche Liebe ist die Hingabe und Preisgabe selbst das letzte Zeugnis ihrer Echtheit, in der männlichen Liebe muß sich das Selbst im Andern behaupten, ist die Leistung des Gleichen das echte Zeugnis ihrer Glut. Es genügte vor George nicht zu sagen: ich bin dein und dann anders zu handeln als die Einung forderte. Wo er Kraft einsenkte, erwartete er Verwendung der Kraft, wo er Samen hinstreute, Verwendung des Samens, und sein Vertrauen wollte nicht nur durch Schweigen und Bewahren, sondern durch erhöhtes Leben erwidert sein. Daß einer die Formen nicht nach den ihm mitgeborenen Maßen, die Kräfte nicht nach den ihm gegebenen Anlagen bildete, sein Bild des Lebens nicht nach dem Traum seiner höchsten Augenblicke gestaltete: das erweckte ihm Trauer und Zorn, das minderte sein Vertrauen und nichts half dem Freunde es wieder zu erwerben, als größere Erfüllung des eigenen Gesetzes. Die Einheit von Sein und Wirken, von Erscheinung und Leistung gab dem Meister erst dauerndes Zutrauen in die Artung eines Menschen und für keine Lebenslage noch Altersstufe hörte diese Verpflichtung auf: die Geschicke, die einen betreffen, gelten ihm nur als letzte Auswirkung der Person und wie einer das von Göttern Kommende trägt, ist ihm Teil und Zeichen seines Wesens- „Es ist erfreulich", sagt Hölderlin, „wenn Gleiches sich zu Gleichem gesellt, aber es ist göttlich, wenn ein großer Mensch die Kleinen zu sich aufzieht". Im Geiste dieses Spruches hat George schon früh in den Blättern betont: es sei ein Irrtum, daß nur große Geister ein Unternehmen mit großen Gedanken zu fördern vermöchten. Von aller Wichtigkeit sei es, die kleineren zu erziehen und hinzuleiten, auf daß sie die Luft bildeten* in der der große Gedanke atmen könne: „Wir wissen wohl, daß der schönste Kreis die großen Geister nicht hervorrufen kann, aber auch dies« daß manche ihrer Werke nur aus einem Kreise heraus möglich werden' • (4. F.) Sein ganzes Leben und Wirken ist eine Betätigung dieses Wissens» und wenn er bedeutende Gefährten fand, so zog er darum die wenig er Bedeutenden, wenn sie nur edler Art und guten Blutes waren, nicht min' der in den Bann seiner Liebe. Er gab jedem nach Rang und Gewicht und führte ihn mild und verschwiegen in den zarten Anfängen des Bundes» ernster und strenger in den gefestigten Bahnen, bis er wegessicher auc» 1 schreiten lernte in der größeren Schar. Wir kennen die unmittelbare Äußerungsart der großen Liebenden f aS nur aus mythischen Erzählungen: die lockende Piatons, welche die heiß efl Sinne durch kühle Dialektik fesselte, die wegeweisende Christi, welche sie» 1 ins schlichte Beispiel hüllte und nur zuweilen durch die hellste Frage f* s 558 schreckhaft die Herzen öffnete, die demütige des Franziskus, welche schenkend und leidend die Nachfolge erzwang, die flammende Dantes, welche ihre Glut durch Hölle und Himmel trug und noch die Gemeinschaft der Toten suchte, wo der Lebende einsam blieb, die gläubige Hölderlins, welche ganz Sprache wurde um die zukünftigen Liebenden, die Dichter, zu gewinnen. Hier aber möge ein Lebender vom Lebenden bezeugen, daß die Art der Liebe Georges die zarteste und härteste, schlichteste und undurchdringlichste ist: voll leichter weltmännischer Anmut und schmerzlich tiefem Ernst, im Scherz noch schicksalbeladen, in der Schwere noch von nie ermüdeter Flugkraft beschwingt. Klar und heiter ist alles was aus der freundhaften Güte, fest und unerbittlich alles was aus der werkhaften Strenge dieser Liebe strömt. Der Meister ballte die entgegengesetztesten Charaktere zu einer begeisterten Lebensgemeinschaft zusammen Und löste sie wieder auf, wenn ihr fruchtbarster Tag überschritten war oder, kaum merkbar noch, die Gefahr sie bedrohte, daß die Einzelnen Schon im gegebenen Kreis ihr Genüge fänden. So tief und verehrend er jedes geistige Erbe bewahrte, so unbedingt und wankellos seine Freundschaft war, so schroff und rücksichtslos war er gegen alle verengende und lähmende Gewohnheit, gegen das Alltäglich- und Selbstverständlichwerden der lebendigen Bewegungen des Geistes und der Freundschaft. Der künstlerische Trieb des immer neuen Entzündens und Schaffens bestimmte auch die menschlichen Beziehungen zu seinen Gefährten und auch die ältesten Und bewährtesten durften ihr Verhältnis zu ihm nicht auf das Recht des bloßen Daseins bauen und auf den Lorbeern eines langen Bestandes schlafen. Wo ihm freiwillige Glut entgegenschlug, gab er sie doppelt 2 urück, wo sie versagte, verschloß sich sein Wesen von selbst. Er warnte w ohl leise vor irrigen Wegen, deutete Gefahren an, wie sie jeder Lebensstufe besonders eigen sind, aber weder befahl er noch verbot er je. Wer a ber seinen Winken nicht folgte, mußte notwendig ferner rücken, und wer e üie Provinz der Freundschaft einmal verloren hatte, gewann sie nicht nieder, mochte er auch andre noch behalten. Doch niemals nahm George e inen völlig abgerissenen Faden wieder auf. „Was ich einmal gesagt habe Und was damals nutzlos war, kann ich nach Jahren nicht nochmals sagen", Meinte er einmal, „es ist unwürdig für beide Teile". Wer, der das „Vorspiel" und den STERN DES BUNDES kennt, könnte 2 Weifeln, daß dieser Meister die lange Milde und Geduld vor den fehlbaren und fehlenden Menschenkindern übte, unter denen er stand und denen all sein Sorgen und Mühen galt! Aber eben da er mit ihnen im Verhältnis der größten Freiheit und Freiwilligkeit stand, jedem den weitsten Raum gewährte und von jedem nur das Dargebrachte nahm, so 559 mußte die leiseste Gebärde des Bejahens oder Versagens, mußte das Lächeln oder Verstummen für den Feinhörigen und Helläugigen alles Nötige sagen, ihr Mißkennen zur Entfremdung, ihr Mißachten zum Bruche führen. Wird man noch immer behaupten, „die Jünger" hätten diesen Meister verdorben? Sie seien seine Feinde durch Übertreibung oder Beschränkung? Glaubt man noch immer sein Werk wäre besser bei denen verwahrt, die ihn nicht liebten . . er hätte besser auf die Schriftgelehrten und Kritiker gebaut oder jene die ihn zu verehren vorgaben und ihres Weges gingen? Dieser nie zu täuschende Kenner der Geister und Herzen hörte auch aus dem Übermaß und noch aus jugendlicher Verschrobenheit der Äußerungen den echten Ton der Liebe wie noch aus der scheuesten Verhaltenheit die Fülle eines ehrenden Herzens heraus, und vier Jahrzehnte haben ihm recht gegeben, daß sein Blick noch keinen übersah, der später aus Eigenem etwas geworden wäre. Die Seinen nehmen gern den Vorwurf auf sich, daß sie den Meister zu einer Idealgestalt erhöht hätten, die der Wahrheit kaum entsprechen könnte. Jedenfalls ist das Bild der Verehrenden richtiger als jenes das wir im Laufe unserer Erzählung von seiten der Widerstrebenden kennenlernten, die sich nicht anders mit dem Genius in Beziehung setzen konnten als dadurch daß sie eine Fratze aus ihm machten. Die Bürde dieses Meisters ist nicht leicht und sein Joch nicht sanft- aber so hart auch seine männliche Liebe ist, so ist sie dennoch heute di e größte und die beglückendste der Erde und alle die sie kennen, fühlen vor ihr das Wort eines Freundes: „Wenn wir bedenken was vor unsern Augen geschieht: was sollten wir tun und wie wenig tun wir!" Denn dieser Me>" ster ist ganz Werk geworden, aber noch über das Werk hinaus in seiner körperlichen Gegenwart persönliches Vorbild für Tag und Jahr, ein steter Kompaß und Wertmesser für Tun und Lassen: die nahe und doch um umgreifbar hohe Erscheinung an der das Dasein erst seinen Sinn erhält- Die Verantwortung, die er jedem aufbürdet, trägt er selbst am schwersten- er führt sein leibliches Leben bis ins Letzte im Einklang mit seinen 1 Werke, und keine Schwäche und kein Ausweichen öffnet denen, die ihm folgen, einen Ausweg ins Private, Lässige und Ungestalte. Wert und Um wert, Wesen und Unwesen scheiden sich vor diesem Manne so klar, da' jeder Selbstbetrug zu Boden fällt und daß nur wachsen kann, was von ihm im Kern des Herzens berührt den ganzen Menschen von der innere bis zur äußeren Form gestaltet. Er erspart keinem den Kampf mit d e äußeren Geschicken und läßt jeden sein Leben selber schmieden. Aber ei Blick auf die Haltung des Meisters vor dem schwersten Schicksal u° 560 ehernen Fug, auf seinen unerschütterlichen Glauben an Dauer und Weiterwachstum der Kraft, die die Götter ihm gaben, erfüllt alle, die um ihn sind, mit dem Stolz und der Zuversicht, das Leben nach seinem Vorbild zu bändigen und in seinen Bahnen voranzuführen. Sie lernen an ihm den nie ermüdenden Eifer im Wesentlichen und das leichte Dahingestelltsein- lassen in Nebendingen, den schnellen Zugriff wie den langen Atem in Gefahren, den schicksalfrohen Loswurf in der Entscheidung, aber auch das ruhige männliche Beharren in den Widerwärtigkeiten der Zeit, das Wartenkönnen auf die Gunst der Stunde. Wenn Stürme und Erschütterungen diese Seele beben machen, leidet sie menschlich und trostbedürftig vor dem Vertrauten, ja Zorn und Schmerz dringen sie tiefer als andre an und bedrohen das erregbare leidenschaftliche Geblüt mit jähen Stößen. Aber durch alle Erregungen waltet ein Etwas, ein mehr-als-persönliches Fühlen, das noch den Tröster mit Trost erfüllt. Keine Zerrissenheit noch Selbstqual erschüttert je diesen innersten Grund, kein Leid noch Mitleid verletzt diese geheimnisvolle Würde, deren Unverrückbarkeit dem menschlichen Vorbild des Meisters den göttlichen Zauber verleiht und denen die ihn erfahren haben, das reinste Bewußtsein irdischer Erfüllung gibt: vor einer ewigen Gestalt zu stehen und mit ihr den gleichen Weg zu wandeln. »Alles in seiner Art Vollkommene geht über seine Art hinaus". Der dichter George, der in seinen Gesängen die Bilder heldischen Menschtums Sc huf, ist über seine dichterische Wirkung hinaus der Erwecker einer männlich-heldischen Jugend geworden, und das Schönste was wir auf Erden sahen, war das Zusammenschlagen jugendlicher, ja auch schon gereifter Seelen, die sich in der gemeinsamen Ehrfurcht und Liebe zum Führer fanden. Es waren meist fast entgegengesetzte Naturen, die sich einer am andern entfalteten und dann den Schicksalsweg des Lebens mit doppelter Spannkraft beschritten: Der eine etwa von weitausladender Gebärde, herrsch, sprunghaft, offen glühend und verwegen, der andre verschlossen, Undurchdringlich, von immer gleicher verhaltener Geste, tief innen glühend und nie auf getan. Oder: der eine schwank und von prinzlicher An- m ut, kühlen Herzens und kecken Selbstvertrauens, aber mit einer verschwiegenen Schwermut in seiner südlichen Heiterkeit, der andre schwerflüssig und trotzig, fast kindlich an Lebensgewandtheit vor dem Weltklü- Seren aber zugleich von der Bogengespanntheit, aus der die Gewißheit khngt, daß sein Pfeil einst im Flug mit den Besten wetteifern darf. Die unerklärliche sternhafte Beständigkeit des Meisters aber ist, daß er |n der Mitte solcher Bünde immer bewegt und bewegend steht, daß ihm lr nmer wieder zuteil wird, was für die meisten ein einmalig großes Ge- 36 5 6i schehnis ihres Lebens ist, daß ihm die junge Liebe immer neu gedeiht und keine frühere erstirbt. Denn wie bei allen großen Menschen ist sein geistiges Selbst, sein Genius, alterslos. Seit er ganz zu sich selbst kam, ist er der gleiche klar und entschieden in sich ruhende Mensch. Alle Erinnerungen, die jüngst bei seinen französischen und deutschen Jugendbekannten aufgetaucht sind, haben uns nur bestätigen können, wie unverändert sein Wesen durch die Jahrzehnte geblieben ist: schon im Jugendlichen die frühe Gewißheit einer verantwortungsvollen Trägerschaft, die gleiche scheue Verschlossenheit bei großer Sicherheit der Haltung, die auch aus Werk und Tun des Mannes unverwandelt spricht. Da er menschlich ganz erfüllt war, als er begann, so zeigt auch weder sein Leben noch seine Dichtung eine Entwicklung in dem Sinne auf, daß die Grundzüge gewechselt hätten oder unbekannte Keime erst sichtbar geworden wären. Gerade die Unwandelbarkeit und Einfachheit der Grundzüge ist das Kennzeichen seiner Art. Denn der Große ist reif und rund durch göttliche Mitgift, und Napoleon war mit siebenundzwanzig Jahren vollkommner und entwickelter als alle Feldherren gereifter Jahre und langer Erfahrung. Nicht er wandelt sich, sondern die Taten oder Werke des Großen erscheinen als neue Wandlungen und Mischungen mit dem Stoff der Welt an ihm, der selbst der unverwelkliche und unsterbliche Genius bleibt. Diesem alterslosen Blühen des Geistes entspricht bei George das immer richtige Verhältnis zu den Lebensstufen des natürlichen Werdens. Di e Stufung der Alterszeit vollzieht das Wachstum selbst und jede Stufe von der Kindheit bis zum Greisentum hat durch das Gesetz des Lebens ihr e vollkommene Wesenheit in sich. Je vollkommener der Mensch ist, um s° weniger erscheint eine Stufe vor der andern minder an Wert, wie uns nacn den hohen Beispielen Piatons und Goethes der lebende Meister von neuem gelehrt hat. Er lebte jede Lebensstufe ganz in der ihr gemäßen Form und prägte, wie wir schon zeigten, in seinem Werke die Eigenkraft einer jeden zum vollkommenen Bilde aus. Wie nach vorgedachtem Plane, so erschien es Simmel schon, hat George die Stufen des Alters gelebt und gestaltet, aber das Kunstwerk seines Lebens erscheint uns wie das seiner Dichtung so planvoll aufgebaut, weil der hohe Wille des Genius in seiner wandel' losen Ruhe jedem tätigen und leidenden Andrang des werdenden Lebens sein Gesetz und seine Form gab. Niemand kann wissen, wo es das Wer» nicht verrät, welcher Kämpfe und Bezwingungen, welcher Ausschließen" gen und Entsagungen es bedurfte, um das Bild dieses folgerechten WachS' tums zu erzeugen und dieses schicksalbeladene Dasein zu dem Punkte z führen, wo der Dichter das vor Göttern und Menschen seltne und schwer Wort sagen durfte: „Mein leben seh ich als ein glück". Wenn der Däm 0 ' 562 nie des deutschen Geistes überhaupt bestimmt ist, noch einmal ihr größtes Bild zu vollenden, so ist George Beginn und schon Gewähr für diese Erfüllung, weil in ihm unsere Klang- und Formwelt, unser Tattrieb und unser weltergreifendes Verlangen menschliche und dichterische Gestalt wurde, weil das Zerstörerische wie Versagende unseres Dämons schon von ihm gebändigt ist. »Vor den Urphänomenen, wenn sie unserem Sinnen enthüllt erscheinen" sagt Goethe „fühlen wir eine Art von Scheu bis zur Angst. Die sinnlichen Menschen retten sich ins Erstaunen, geschwind aber kommt der tätige Kuppler Verstand und will auf seine Weise das Edelste mit dem Gemeinsten vermitteln". Wir maßen uns hier nicht an, die Bewehrtheit und Undurchschaubarkeit des Meisters erklären zu wollen, der selbst einmal zu uns sagte: „Wenn man mich heute schon begriffe, hätte ich gar nicht zu kommen brauchen". Wir zeichnen nur einige Linien dieser Urerscheinung hin, die wir gesehen haben: wie das unbeirrbare Dasein, das stetige Werk, die wachsende Liebe in einer ungebrochenen heldischen Selbstbehauptung in diesem Manne erschien. Georges Stärke beruhte darin, daß er trotz der ungeheuren Macht der Gegenwelt sich über sie erhob, daß er trotz ihres gewaltigen Druckes die Freiheit fand mitten in ihrer Mechanik sein Werk zu tun und sein Reich aufzurichten, daß er atmen konnte trotz ihrer Stickluft, handeln konnte trotz ihrer Feindschaft und die einzigen Kräfte aus ihr löste, die sich zum Kerne eines neuen Lebens verdichten sollten. Die widerstrebende Welt hätte ihn am Beginn vernichten können, wenn er schutzlos in s ie eingetreten wäre. Aber wir zeigten, daß er ihr erst gegenübertrat nachdem sein Werk genug erstarkt und unzugänglich für die Mittel der Gegner geworden war. Er kam als Fremdling, den sie nicht begriffen: dieser Glühendste erschien ihren Augen als der Kälteste, dieser Herrschafts-Be- gehrende als versponnener Träumer, dieser Liebereichste als der Liebeärmste. Als sie dennoch seine Macht zu spüren begannen, haben sie ihm all e Namen von der niedrigsten Schmähung bis zur höchsten Preisung gegeben, ohne doch diesen Stein verrücken zu können, der plötzlich mit si- b yllinischen Zeichen störend auf dem Weg ihrer Entwicklung lag. Und doch bedeutete dieser Kampf gegen die Zeit nur den geringsten Teil der Last, die George zu bewältigen hatte. „Schicksale von Völkern ü °d Staaten und Richtungen von ganzen Zivilisationen" sagt Jacob ^urckhardt, „können daran hängen, daß ein außerordentlicher Mensch ge- w isse Seelenspannungen und Anstrengungen ersten Ranges in gewissen leiten aushalten könne". Das Werk Georges ist die Kunde solcher Mühen u nd Siege, aber nur zuweilen verrät uns ein stilles Wort wie dieses 563 / ---------------------du bist rundum so bewehrt Daß dich was jeden brechen muß nicht bricht sein stolzes Bewußtsein, auch für die härteste Probe des Schicksals gewappnet zu sein. Alle Bilder des Tadels wie des Lobes, die man von ihm entworfen hat, haben nichts an dieser diamantenen Undurchdringlichkeit und Unbrechbarkeit zu ändern vermocht. Auch in der Umgebung seiner Nächsten, auch beim heitersten Gelage, wo sich die menschlichen Ränge mischen, verliert sich nie um diese Stirn der kühle Adel einer göttlichen Fremdheit: mit einem Lächeln weiß sein Genius sich die Raumweite für seinen Flügelschlag zu öffnen. Der Fernraum, von dem alle großen Liebenden sprechen, wo sie mit dem Vater, mit der Herrin oder den Göttern allein sind, verwehrt für immer sie in Strich und Zwickel des Verstandes zu passen. Ihre seelische Spannung ist um vieles gewaltiger, ihre persönliche Haltung um vieles leichter als die Neunmalklugen erdenken können. Daher stehen die Kleinen immer ratlos vor der Selbstdarstellung und dem Bewußtsein eignen Ranges, das jedem Großen eignet. Sie werfen auch George vor, seine Gedichte hätten immer nur ihn selbst zum Gegenstand und unerträglich sei sein Anspruch auf Seher- und Richtertum vor Menschen und Völkern. Aber „die weltgeschichtlichen Individuen" sagt Hegel „sind diejenigen, die nicht ein Eingebildetes Vermeintes sondern ein Richtiges und Notwendiges gewollt und vollbracht haben: die wissen, daß ihrem Innern sich offenbart hat was an der Zeit und was notwendig ist". Wo Schicksal und Aufgabe, Person und Sache in einem Menschen völlig eins sind, stellt er mit seinem eingeborenen Wesen auch seine mitgeborene Sendung dar; aus seinem Ich, das von sich aussagt» spricht seine göttliche Notwendigkeit und je größer sein Amt ist um so geringer ist der Spielraum, den sein Geist zwischen Wollen und Müssen findet. Wie sollte ein solcher, der Willkürloseste, gerade nicht den Ort kennen und bekennen, wo er selbst vor vielen steht! Das helle Wissen um die Höhe der Stellung hat allen starken Zeiten als Zeichen der Bedeutung eines Mannes gegolten und nur der Neidangst kleiner Bürgerseelen i st dieser Stolz unfaßbar. Sie sehen Eitelkeit und Anmaßung wo nur ein ruhiges Behaupten des echten Ranges und der rechten Würde statthat, sie zweifeln an allem, weil Zweifel von allem entpflichtet, sie wollen als letzte Ausflucht das Augenscheinliche noch — wenn das Wort erlaubt ist —" durch das Knall-Evidente überboten haben. „Wenn ich ihnen", sagte der Meister, „durch ein Wunder die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche um neunzig Grad um ihre Achse drehte, so würden sie sagen: Ja das hätte ein andrer auch gekonnt, aber wenn du wirklich zeigen willst was du vermagst, so versetze die ganze Kirche nach dem Gensdarmenmarkt'. Darauf 564 gäbe es nur eine Antwort: S...! Der Gefallen wird euch nicht getan". Denn wer überhaupt nicht glauben kann, wird durch kein noch so großes Wunder gläubig. George hat den Glauben an sich selbst und seine Sendung im Gedicht und im Gespräch mit der gleichen Schlichtheit ausgesprochen, wie alles was ihm als Schicksal zugefallen ist. Uns ist es ein fraglos Gegebenes, um das es so wenig zu rätseln und zu deuteln gibt, wie um das Unbegreifliche seines Daseins selbst. Von der ersten „Weihe" in den HYMNEN bis zum „Geheimen Deutschland" im NEUEN REICH ist dieses klare Bewußtsein des Wertes immer wieder mit einer Bitte um Segen verbunden: der Selbstherrlichkeit hält die Selbstbeherrschung in George stets das Gleichgewicht, und die größte Habe, die ihm mitgegeben ward, ist zugleich die größte Forderung die das Leben an ihn stellt. Sein Beruf war mit jedem Schritte eine neu zu lösende Aufgabe, er mußte sich von allen Nebenzwecken lösen, er mußte frei sein von kleiner Liebe und kleinem Haß, von Sorge und Bekümmerung um den Alltag, er mußte dem Glück des Herzens gebieten, wenn es den Weg zum höheren Ziele hemmte, mußte scharf und schroff die Grenze zwischen Freundschaft und Feindschaft setzen, fallen lassen und verwerfen, was dem Werke widersprach, auch wenn Gerühmtes und Schönes mit zugrunde geht. Er hing nicht an Heim noch Hof und stand in steter Wache vor Freund und Feind. Er allein durfte niemals wanken noch klagen, nicht beim Erreichten ruhen noch am Gewonnenen sich sättigen. Er trug die Verantwortung für viele Lebenden, und das Heil vieler Kommenden hing an dem was er tat, aber niemand konnte •hm eine Bürde seines Amtes abnehmen, weil nur er das Letzte-zu-Tuende s ah und doch nur mit dem rechnen konnte, was die Gunst von Tag und Jahr ihm an Menschtum bot. Gewiß „jeder wirkliche Urgedanke eines Menschen", wie Gundolf sagt, „fruchtet unaufhaltsam bis er alle seine Kräfte erschöpft hat", und die fraglose Gelassenheit Georges vor der künftigen ,Spur seiner Erdentage' ruht auf diesem Wissen um die schicksalhafte Auswirkung seines Dichtens und Tuns. Aber kein Gott nimmt auch dem Größten die Aufgabe ab, den neuen Keim ins Blut der Mitgeborenen z u pflanzen und dort zu hegen, daß er langsam erstarke und Leib und Luft gewinne. Unscheinbar begann es, ohne Versuch einer Wirkung ins ^Veite, ohne Gewalt noch Aufruhr. Aus dem kleinsten und einfachsten Punkt, dem persönlichsten Erlebnisausdruck im Gedicht, aus der kleinsten Möglichen Welt dem geschlossenen Gedichtkreis, dessen Dreiheit scheinbar ein Spiel der Zahl doch zugleich den festen formalen Aufbau der dichterisch bezwungenen Weltgehalte ankündigte. „Von je Wenigerem etwas seine Vollkommenheit erlangt, desto edler ist es" sagt ein alter Weiser, 565 und wie bei kaum einem der schöpferischen Geister begegnen wir bei George vom Beginne bis in sein heutiges Wirken der Fähigkeit, mit dem geringsten Aufwand das Bedeutendste zu tun. „Es steht nichts darin, als ein paar Dinge die waren. So kann ich nicht dichten", sagte Wolfskehl einmal bewundernd von Gedichten Georges. Denn das Wunderbarste an diesem Meister ist die göttliche Einfalt mit der er sein Werk und seine Welt aufbaut — ja man darf sagen, daß das Urtümliche und Einfache immer stärker aus einer überreifen, an Lebens- und Wissensformen übersteigerten Umwelt heraus- und hervorwuchs, die sich in seinen ersten Werken noch spiegelt und deren er dort Herr ward. Er beherrschte als klügster und weitschauendster Sohn der Zeit alle Mittel dieser Zeit, aber er machte keinen Gebrauch von ihnen, wenn sie seiner Sendung widersprachen. Wer das nötige Eine zu tun hat, darf sich nicht an die Vielfalt verlieren und Dinge betreiben, für welche die Zeit genug Köpfe und Hände zur Verfügung hat. Man hat ihm vorgeworfen, daß er dennoch seine Dichtungen mit kurzen andeutenden Sätzen begleitete und einigen Gefährten erlaubte, sie in den Prosen der Blätter mit darstellender Rede zu erläutern. Wir haben gezeigt, aus welchem Grunde sie es taten und mit welcher Ehrfurcht vor Werk und Gestalt. George zeigte auch darin gerade die Grundart der großen europäischen und besonders der deutschen Schöpfernaturen, für welche die geistig bewußte Überschau keine Schwächung der Instinkte bedeutet. Sie haben ähnlich wie die Griechen, nur in einem anderen Wechselverhältnis der Seelenkräfte, immer gesucht, mit dem schöpferischen Aufbau zugleich das Gesetz des Aufbaues zu durchdringen, sie haben wie Goethe und Schiller, Jean Paul und Hölderlin, Wagner und Marees den hellen Blick in die dunklen Kammern des Schaffens nicht gescheut. Denn wo genug Tiefe ist, schadet der erhellende Strahl nicht, und George hat oft gesagt: „Man kann nicht alles verstehen, aber man soll verstehen wo es möglich ist". Er selbst gebrauchte weder Fachausdrücke losgelöst von einem Menschlichen noch bekümmerte ihn ein rein logischer Gedankenbau ohne persönlichen Gehalt. Ein schlechthin unsinnliches Reden, das sich nur in Begriffsbeziehungen bewegte, kam nie aus seinem Munde und er ließ es von andern über sich ergehen wie nassen Schnee oder heißen Sand, den er bald unwillig abschüttelte. Bücher ohne Seele, also das meiste der gerühmten Fachwissenschaften des letzten Jahrhunderts, waren ihm ein Greuel und er las sie nur oder ließ sie lesen, wenn sie seine Stoffkunde wirklich vermehrten oder sein Kampffeld berührten. Denn alles Wissen muß bei ihm ins Wirken eingehen und alle seine Äußerungen, selbst und gerade die über Kunst, sind zugleich Sätze der 566 Pädagogik und Politik: auf bestimmte Zwecke zu bestimmter Zeit gerichtete Äußerungen seines angreifenden oder abwehrenden Willens. Daher haben seine an die Öffentlichkeit gerichteten Prosasätze einen staatlichen Ton. Im tätigen und tätlichen Ausdruck unserer Sprache überwiegt bei Luther wie Nietzsche der Streitton, der in der Reizung des Gegners und der Rache an ihm seinen Ursprung hat. Georges Aussageweise dagegen ist ohne „Ressentiment", da ihr Urheber sich von nichts zu befreien brauchte, da das Gegnerische von vornherein außer ihm, nicht — wie bei jenen — in ihm stand. Sie ist vor allem kurz und gedrängt, hat jene heilige Sparsamkeit der Worte, von der Hamann sagt, daß sie „mehrenteils eine günstige Vermutung für eine Barschaft der Gedanken und für einen verborgenen Schatz des Herzens abgibt". Im Gespräch dagegen ist die Redeweise Georges von der urbanen Anmut und freien Fülle des Weltmannes, erregend durch sein immer beseeltes Gegenwärtigsein und den wachen empfänglichen Anteil am Unterredenden. Es gibt bei ihm keinen lehrhaften Ton, keine langatmige Darlegung sondern nur im Wechselgespräch eine stete Unmittelbarkeit der Gegenwirkung, eine lebendig aufblühende Augenblicklichkeit der Gedanken Und Bilder. Ruhiges Zuhören und blitzendes Ergreifen, tiefes Prüfen und leichtes Scherzen, mahnender Ernst und beißender Spott wechseln schnell in diesem entzündlichen Geiste, aber immer bleibt er beim nächsten Tun, der gegebenen Lage, dem Dienst an Tag und Stunde und fast nie weist er auf ein äußerstes Ziel, eine fernste Sicht. Er bedarf keines besonderen gehobenen Tuns oder Tones, wie man draußen sich gern erzählte: da seine Gegenwart selbst dem gemeinsamen Luftraum eine weckende und belebende Spannung gibt, so ist das Schlichte wie Bedeutsame der mit ihm er- !ebten Stunden von gleichem Gewicht: sein Tief sinn und seine Laune sind v on der gleichen männlichen Dichte und Richtigkeit. Dem Gedicht beläßt e r seinen eigenen Raum und niemals zitiert er im Gespräch auch nur das Bruchstück eines Verses. Seine Erklärungen und Erläuterungen entnimmt er der Welt des Alltäglich-Wirklichen, seine Beispiele und Gleichnisse der handlichen Tätigkeit, der kundigen Geschäftigkeit, kurz den Bewegungen und Äußerungen der Menschenart, die mit ihrer ganzen Person ihre Sonderzwecke und Nutzbelange im Alltag vertritt. Dadurch haben sie die Sc hlagende Überlegenheit des sachlichen Bildes und die gesunde Spottlust des Volkes, die durch Übertreibung und Verkehrung das Falsche enthüllt Und lachend das gewollte Echte sichtbar macht, ohne daß es eines Wortes darüber bedarf. Das Sinnliche und Augenhafte herrscht in seiner Rede vor: wie geschaut ist was er dichtet, so ist was er sagt, stets gesehen. Er hat im höch- 567 sten Maße für Stoff und Ding jenen schnellen Sachkennerblick der handwerklichen Meister und für menschliche Werte jene blitzartige Einsicht wie sie Führer und Feldherrn haben, um im Bruchteil einer Sekunde an einer Person das Taugliche und Wofürtaugliche, Rang und Platz zu erfassen. Aber darüber hinaus ist ihm von den Göttern das untrügliche Auge gegeben, den inneren Keim des Menschen zu erkennen und zu spüren. An noch undeutbarer Jugend liest er aus leiblicher Formung und Bewegung die Stärke oder Schwäche des Blutes, am Erwachsenen spürte er, selbst ohne ihn zu sehen, aus schriftlichem oder übermitteltem Wort die Echtheit oder Fäulnis eines Wesens, und wo andre noch brausendes Talent oder unentwickelte Fähigkeiten verteidigten, witterte er längst das verborgene Siechtum. Doch auch wo die Klügsten zu viel Zartheit und Dumpfheit, Uberstiegenheit und Verranntheit schmähten, erkannte er im Menschen die echte Not und Kraft und hob das Versenkte mit langsamer Hut oder schnellem Griff ans Licht. Dasselbe Auge, das im dichterischen Traum den Ursinn der Dinge schaute, sah mit dem gleichen Tiefenblick das wachsende und welkende Leben der Seele und stand voll Freude oder Trauer, aber immer unbefangen und unbestechlich vor dem unabänderlichen Sosein dessen, was ihm an Menschenwesen gegeben ward. Um so frei in Wahl und Ablehnung zu sein, wie sein Genius forderte, brauchte George jene Unbeengtheit und Losgelöstheit, die ihm sein Wanderleben gewährte. Je weniger dieser seltne Gast für seine persönlichen Bedürfnisse benötigte, desto ungezwungener und offner mußte der Raum sein, in dem er sich bewegte. So sehr er Regel und Ordnung liebte, so wenig liebte er in ein zu fein durchklügeltes, zu sehr vorausgesichtetes Leben gespannt zu werden, und mehr als die sorgfältige Berechnung schätzte er das Glückhaben und den günstigen Zufall für die Stunde der Freundschaft. Wie Sebastian Bach einem Räume sogleich ansah, welche Akustik er habe, so hat George ein Gefühl für den geistigen Ort, die Feinfühligkeit der großen wandernden Fremdlinge für die Lage, in der sich seine Menschen bewegen: nur wo ganz die Luft seines Geistes weht» öffnet sich der verschlossene Stolz dieser Seele. Dort ist er zu Hause und jede Stunde des Planens oder der Freude mit ihm ein volles Glück. Er bleibt auch da der Unbegreifliche vor dem sich das Schwere und Leichte vertauscht und die Arbeit zu heitrer Muße, die Muße zu ernster Arbeit wird: Tätigkeit und Ruhe sind bei ihm zu einer undurchschaubaren Einheit verbunden. Wenn man seine Tage und nicht nur aus der Ferne kennt so gehört er zu den frevelnden Dichtern, die sich den Göttern gleich dünken, die Tage vertun, wie die Lilien im Felde nicht säen noch ernten, sondern das ewige Loblied singen . . zu ihnen die nur di e 568 Spiele der Jugend und Liebe, den Reigen der Feste führen, nicht die Tat aus sich entlassen, damit der Geist in steter ungetrübter Klarheit aus ihnen rede — wie im Buch der „Gestalten" der Minner singt: „im rausch des festes hab ich meinen hauch". Er gehört so ganz zu diesem frevelnden Geschlecht der Dichter, daß die Menschen der geschäftigsten Zeit, welche jemals die Erde gesehen hat, ihn lange als die Grundgestalt dieser Artung sahen, als den „Ästheten", den „Formalisten", den „reinen Genießer" — und er ist diese Grundgestalt bis in jede Faser seines Herzens, ist der Dichter, der die Kinder der Deutschen mit seiner lockenden Stimme um sich sammelte und sie lehrte, daß nur eines zu schaffen not sei: das neue Leben und der festliche Sang .. der Dichter der klagte, daß mit dem Aufhören der Olympischen Spiele das griechische Volk in seinem Wesen erstorben sei, der dem Untergang der christlichen Feiern nachtrauerte und nicht wahr haben wollte, daß der öde Gleichgang der modernen Arbeit und Wirtschaft das allein des Mannes würdige Tun sei. Er ist dieser eine und doch auch der andre, der Träumer und Sänger und doch auch der Werker und Täter: der Mann, der Leistung auf Leistung hinausstellte, ohne daß jemand ihn jemals hätte arbeiten sehen, der die Geister der Zeit bewirkte, ohne daß jemals einer die Mühsal des Tages an ihm bemerkte, der an die Seinen den „Ruf zum Wirken" schickte und doch ihnen sagte: „Arbeit ist gut, aber es ist Sache der Schamhaftigkeit, daß man sie euch nicht anmerkt. Schafft euer Werk in der Stille, w i e ihr es schafft ist euere Sache, aber unbedingt wichtiger ist jede Stunde, die das gemeinsame Leben fordert". Sein Tun ist so als ob er nicht täte, seine Haltung so als ob seine unbelasteten Schultern noch ganze Welten tragen könnten. An seinem Vorbild lernte jeder das Etwas-Mehr als das Äußerste dulden, das Etwas-Mehr als das scheinbar Letzte tun: jene beglückende Kraft, die nur unter dem Atem großer Geister gedeiht. Nie versagt der Meister sich selbst einem menschlichen Anspruch, er ist immer bereit, immer für andre da und duldet nur tätige Menschen in seiner Umgebung. Wenn ein jüngst verstorbener deutscher Gelehrter meinte, die neue geistige Bewegung sei wie die Romantik „wesentlich kontemplativ und aristokratisch und dadurch gegen die Aktivität der Revolution im Nachteil", so hat er die nötige Traumstille und festliche Ruhe mitten im Wirken mit tatloser reiner Betrachtung verwechselt. Nirgendwo weniger als um George gibt es betrachtendes Leben und müden Verzicht. Seine feurige Seele duldet kein Träges und Welkes um ihn. Wir wandelten in den trüben Jahren nach dem Frieden e »nes Tages in den Straßen der kleinen Stadt und die Jungen sprachen tiefsinnige Dinge von der Leere und Lähmung, die die Welt befallen habe. 569 / Der Meister hörte schweigend der Jugend zu, aber als das Wort fiel: »Die Weltseele ist müde geworden" wandte er sich mit blitzenden Augen dem Sprecher zu und „Die meine nicht!" fuhr wie ein Pfeil aus seinem Munde und zerstoben war aller Spuk von Müdigkeit und Lähme der Welt. Er ist mißtrauisch bis zum Argwohn gegen jedes Weich- und Mürbewerden, ablehnend bis zur Härte gegen jedes Eingefahrene, rücksichtslos bis zur Verachtung gegen jedes Verkalkte und Bequemgewordene. Er hat seinen Werk-Ruhm ein Leben hindurch gewahrt und gemehrt, aber fühlt sich stark genug, Triumphe und Schätze zu verschenken um des höheren Rechtes und des Reiches willen. „Wenn heute ein Junger käme und ich sähe, daß er mehr wäre und mehr könnte als ich", so sprach er jüngst, „ich würde ihm mit Freuden sagen: Nun walte du und nimm jeden Rat meines Alters wenn er dir dienen kann". Wie zuerst in einem, dann in mehreren Kreisen seiner näheren und weiteren Umgebung so ist heute die ganze geistige Luft in Deutschland in Schwingung geraten, weil ein großer Geist ruhig in der Mitte steht. Ob gewußt oder ungewußt rührt sein Hauch alle lebensfähigen Keime und Kräfte an, und wenn die Gottheit noch einmal diesem Volke gnädig wird und ihm eine neue Erfüllung gewährt, so geschieht es, weil der eine das Herz der Welt erschüttert hat. Wir haben erzählt, wie sein Erscheinen vom ersten Beginn ab seltsames Erstaunen, rückhaltlose Bewunderung und rückhaltlose Feindschaft erweckte. Sie fanden ihren Niederschlag in Legenden, die oft mehr Wahres von dem inneren Sachverhalt wiedergeben, als die dürre Erzählung vermöchte. Das Korn bildlicher Wahrheit, das auch die Legende enthält — komme sie' nun aus der Liebe oder dem Entsetzen — geht hervor aus dem unmittelbaren sinnfälligen Eindruck und ist Zeichen einer lebendigen Wirkung. So steht „der junge Goethe", das Bild des Jünglings wie ihn keins der neueren Völker in dieser Form besitzt, und noch neben ihm „der Olympier" in mythischem Schimmer vor uns. So sagen die Legenden um Napoleon mehr von seinem Wesen aus als wahrheitsgetreue Berichte und überdauern die phantasiearme „Objektivität", welche in jedem Jahrfünft ihr Ergebnis wechselt- Die kleinere zerstört nie die größere Wahrheit, die niedrigere Wirklichkeit nie die höhere. Wenn die Menschen heute erfahren haben, daß es um George keine Schlösser und Purpurmäntel gab, daß die Prunkräume Lech- ters bescheidener waren als jeder „Salon" und mehr durch ihre Fremdheit und Einheit als durch Aufwand und Reichtum bezauberten, daß das Zin 1 " mer Georges in Bingen noch viel einfacher war, daß ein Schreibtisch, ein Stuhl, eine Bank, ein Bücherbort, die der benachbarte Schreiner nach seinen Angaben fertigte, der ganze Inhalt der Klause war — so steigt aus 57° dieser Schlichtheit erst recht das Bild des Reichtums und Glanzes auf, wie es die Legende um George zu sehen liebt. Es ist auch für die Person des Meisters gleichgültig, ob er in der Frühzeit, als es gegen die tüdeske Plumpheit nottat, die geschmackvolle Kleidung des Mannes von Welt bevorzugte oder später im schlichten Mantel und der rauhwolligen Mütze ging. Keine äußerliche Wandlung noch die lange Gewohnheit konnte vom Zauber seiner Erscheinung nur das Geringste abdingen und wenn er die Schwelle der Tür betrat, schlug oft schon die Luft eines Ungewöhnlichen dem öffnenden entgegen. Jeder der ihm begegnete und ein kurzes oder langes Stück des Weges mit ihm ging, wurde von ihm bis ins Innerste erschüttert, empfing den Ernst einer bisher unbekannten Verantwortung von ihm, und mochte er gehen oder bleiben, widerstreben oder lieben: er mußte eine Wandlung seines Selbst, eine Veränderung seiner Lebensbahn von dieser Begegnung mit sich nehmen. Zur Zeit als den ernüchterten Europäern die Unabwendbarkeit des Untergangs dämmerte, hatte er schon die frohe Botschaft des abendländischen Aufgangs unter den Deutschen verkündet und das Erdenreich des schönen und streitbaren Menschen sicher gegründet. Er gab der Jugend um ihn das Gefühl der beginnlichen Welt: das Ende, der Sumpf liegt hinter uns und wir sind der Anfang! Es gilt kein Zurück ins Archaische, Primitive, Urmütterliche oder wie die Täuschungen heißen. Der Meister selbst ist Urseele und bringt das junge Licht. Denn der große Liebende steht immer am Anfang der Zeit, ihm taucht die Sonne der Welt zum ersten Male über dem dunklen Umkreis auf, den ganzen Bogen der Bahn sieht er vor sich und grüßt den beginnenden Tag. Am Verhältnis zu ihm erweist sich, ob unser Volk noch fähig ist, seinem und den großen Bildern Unserer Väter auf einer neudurchglühten Erde zu entsprechen oder ob er nur als Richter über uns stehen soll, dessen gewaltiger Glaube die Versagenden verdammt. Noch ist es eine kleine Schar, die ihn nicht als Rächer und Verächter über sich, sondern als Freund und Führer neben sich fühlt. Aber die schon Graugesträhnten wie die Jüngsten von ihr bekennen Und bezeugen ihn als ihren Ursprung. Sie, die Söhne der Blätter, sind sein Aufbruch, sein Volk und sein Reich und ihr Stolz glaubt daran, daß die Erdensaat Georges weiter aufgehen und wachsen wird: bewehrt aber geschmeidig, hart aber schön. Hemmt uns! untilgbar ist das wort das blüht. Hört uns! nehmt an! trotz eurer gunst: es blüht — Übt an uns mord und reicher blüht was blüht! 571 6. KAPITEL: DAS BILDNIS ES gibt außer dem Werk und der Wirkung auf die Mitlebenden noch ein letztes Zeugnis für die Wesenheit Georges: seine leibliche Gestalt und vor allem sein Antlitz, der Spiegel dessen, was die ewige Natur ihm mitgegeben und dessen, was die Kämpfe mit den Mächten des Lebens in diese Grundform geprägt haben. Für manche dieser Kämpfe sind die Züge des Gesichtes der einzige Niederschlag des seelischen Geschehens. Denn anders als beim Feldherrn und Staatsmann gibt es beim Dichter und geistigen Bildner verschwiegene Siege und Niederlagen, von denen kein Wort und keine Kunde etwas aussagt: Triumphe über den Stoff, von denen das vollendete Werk nicht spricht, tote Träume und zerbrochene Wünsche, die kein Vers und keine Mitteilung verrät, aber auch das schweigende Wissen des Genius um seine Macht und sein Maß, seine Flugkraft und Grenze. Jeder der in dieses Antlitz schaute, empfing über Werk und Wirken des Mannes hinaus den Eindruck einer ungewöhnlichen und bedeutenden Menschlichkeit. Wir sahen wie die Pariser Freunde an dem jungen noch unerschlossenen Deutschen, wie andre Ausländer an dem ihnen Unbekannten und eigne Volksgenossen an dem kaum erst im engsten Künstlerkreise Genannten eine zwingende Gewalt bemerkten, für die sie nur in Geistern hoher Lagen die passenden Gleichnisse fanden. Das Geheimnisvolle, ja Unheimliche seiner Erscheinung ist früh betont worden, was um so erstaunlicher anmutet wenn man sich erinnert daß sein äußeres Auftreten geschildert wurde: als das eines eleganten Weltmannes, der eine gegebene Lage mit kühler Überlegenheit beherrschte. Bei den ihm vertrauteren Menschen schlug sich der Eindruck seiner Person meist in Gedichten nieder und von den frühesten Widmungszeilen Hofmannsthals bis z ü den ungedruckten Widmungsgedichten der Jüngsten heute spricht eine solche erschütterte und doch klar bewußte Huldigung vor der leiblichen Erscheinung Georges, wie sie unseres Wissens noch nie einem Lebenden entgegengebracht worden ist. Auch die wenigen Prosestellen aus späterer Zeit haben diesen Ton der unbedingten Verehrung und hellen Sachlich' keit, der allein vor diesem Manne geziemt und so fern ab von Schmeicheln bleibt wie von trüber Schwärmerei. „Wer ihn auch nur einmal unbefangen gesehen hat" sagte Friedrich Gundolf im Jahre 1913 in seiner Rede vor Göttinger Studenten, „der weiß: dieser Mann ist stark mit Anmut' schlicht mit Würde und sachlich ohne Trockenheit . . . von heiterer Strenge gegen sich und andre, eher eine bäuerlich harte als städtisch mürbe Natur, aber durchgeistet von stetem Feuer und beseelt durch Lei" 572 das ihn hellsichtig und gütig gemacht hat.--------Zweierlei vereint die Form seines Kopfes: unerbittlichen Willen und regsame Zartheit. Form ist alles geworden, in die Flächen und Linien des Schädels eingearbeitet, nichts ist bloße Zuckung und Stimmung — ein plastisches, kein malerisches Haupt. Auch hier, wie in seinem Werk, ist der innere Gehalt zu sichtbarer Gestalt, zu Charakter (das ist: umrissene Form) verdichtet und durchglüht — nirgend unbewältigter Seelenrohstoff . . . ein Mensch, der bei mächtigen Trieben und empfindlichen Nerven sich völlig in der Gewalt hat, dem Phantastik, Schwelgerei, Spielerei sehr fern liegt, den ein zentraler Wille beherrscht und sichert — unter den geschichtlichen Köpfen dem Dantes am ähnlichsten, aber bei gleicher Energie mehr sensitiv als spirituell. Wer ihn also nach seinen Gedichten für schwach hält, den Widerlegt die unverkennbare Willenskraft dieses Gesichts. Wer ihn für eng und stumpf hält, kann die belebte Mannigfaltigkeit des Ausdrucks nicht leugnen. Wohl aber findet man die ehernen Reihen der Zeitgedichte Und die leisen Schwingungen des Jahrs der Seele wieder: harte Tat und zarten Traum". Die Jahre des Streites um die Gestalt Georges, wie ihn das jüngere Geschlecht der Blätter damals in der deutschen Öffentlichkeit begonnen hatte, klingen noch durch dieses Bild, ein Jahrzehnt später spricht die Weibliche Stimme der „Georgika" über das meisterliche Antlitz aus der Stille des unwiderleglichen Sieges, den der Dichter über die Umwelt gewonnen hat: „Bei Anaximander" schreibt sie „gibt es den Gedanken vom üneiQov, den Gedanken, daß die vollkommene Mischung aller bestimmten Qualitäten ein Unbestimmtes ergebe. Daran mahnt sein Antlitz, in dem kein einzelner Zug, weder Wille noch Klugheit, weder Traum noch Leidenschaft, weder Leid noch Lust einzeln oder dominierend hervortritt, sondern alles gebunden in einer übermannenden Hoheit: wie das Antlitz eines griechischen Gottes, wie ein Seraph bald und bald wie ein Löwe, ein Unbegreifliches Zugleich von Mächtigkeit und Zärtlichkeit". Alle Aussagen in Vers und Prose über die Erscheinung Georges während seines vierzigjährigen Wirkens sprechen übereinstimmend von der Mächtigkeit oder der Mischung von Mächtigkeit und Zartheit in seinem Haupte. An dem Grundzug der Größe und Strenge in seinem Antlitz scheint das Lebensalter keinen Anteil zu haben und von der Jugend bis J n die Jahre des reifenden Mannes wird sein Bild in der gleichen Un- Wandelbarkeit gesehen wie sein geistiges Wesen. Die Lichtbilder aus allen Lebensstufen, welche die Gesamtausgabe seiner Werke und der Verkauf früherer und jüngster Aufnahmen jetzt bekannt gemacht haben, bestätigen den augenhaften Eindruck der Zeitgenossen und lassen zugleich erkennen, 573 wie die unverrückbaren Grundlinien im Laufe der Jahre aus zarten Anfängen immer stärker hervortraten und wie sich innerhalb ihres ehernen Rahmens die Runen des Lebens immer tiefer eingruben. Unverändert bleibt die fast kugelhafte Gesamtform des Kopfes mit der Achsengleichheit der inneren Rundung in Höhe Breite und Tiefe, aber die schon im Bildnis des Zwanzigjährigen deutliche Einsenkung der Augenhöhlen wird mit jedem Jahrzehnt tiefer und dunkler, das groß aufgetane Auge der Jugend kehrt sich zwar nicht nach innen wie das des Betrachters und Mystikers, aber es schaut aus einem immer tieferen Innenraum in die Welt, die Lider schließen sich öfter und dichter darüber und verhüllen auf einem Bildnis völlig die Augensterne — die Darstellung eines Lebenden, deren wir uns in der Kunst nur bei einem Porträt des Paracelsus oder auf dem Bamberger Grabmal Heinrichs II. bei der Figur des Arztes erinnern, der in allen Zügen eine große Ähnlichkeit mit George hat. Unverändert bleiben die drei wunderbaren Linien des Profils: der Stirn, der Nase und des Lippen-Kinnteils. Sie verlaufen — jede kräftig in sich und von feingewellten Schwingungen — in kaum merklichen spitzen Winkeln zueinander, deren gemeinsamer Scheitelpunkt am Ansatz des Haupthaares liegt- Durch diese zusammenstimmende Dreiheit der Linien unterscheidet sich das Profil Georges von dem bekannten griechischen, in dem die beiden oberen Linien möglichst zu einer verbunden sind und der Schnittpunkt mit der unteren Lippen-Kinnlinie in der Nasenwurzel, ja bei den archaischen Bildwerken noch tiefer liegt. Die Linien im Profil Georges sind also bewegter und reicher aber sie behalten durch den gemeinsamen Scheitelpunkt und ihre nur wenig von der Grundfläche aufgehobenen Winkel dennoch eine sichere Ruhe und Geschlossenheit. Den drängenden Kräften der Bewegung halten Maß und Bändigung das Gleichgewicht, das Vielfältige ist wieder in einer großen Einfachheit zusammengehalten. Dieser Eindruck wird noch verstärkt durch die gewaltige Linie des Kinnbackenknochens, auf dem das ganze Antlitz wie auf einer unerschütterlichen Basis zu ruhen scheint, dann durch das große volldurchgebildete Ohr und die Wucht des langgesträhnten Haupthaars, dessen tief in den Nacken reichende Fülle alle bewegten Teile des Gesichtes auffängt. Trotz der mächtigen Einzelformen, der breiten hohen Stirn mit den schwergewölbten die Augen überschattenden Brauenknochen des genauen Beobachters, trotz des willensstarken unerbittlich festen Kinns unter der leicht vorgestoßenen Unterlippe und den ungewöhnlich räumigen Wangenflächen und Schläfen» tritt doch keine Einzelform aus der geschlossenen Gesamtform heraus- Die Teile überschreiten auch nirgends das wohlgebildete menschliche Maß: sie erwecken den Eindruck des Bedeutenden nicht durch eine über- 574 mächtige Größe sondern durch ein besonderes Verhältnis ihrer Formen zueinander. Seltsam ist der überraschende Wechsel zwischen Seiten- und Vorderansicht des Georgeschen Kopfes: er erscheint in der Seitenansicht bei aller Herbheit Strenge und Wucht der großen Linien und Ebenen schmal, langgezogen und von urbaner Reizbarkeit, dagegen in der Vorderansicht bei aller lebendigen Bewegtheit und Vielfältigkeit der Schatten und Lichter breit, trotzig-bewehrt und von fast erdnaher Dauerhaftigkeit. Daß dennoch kein eigentlicher Gegensatz zwischen beiden Ansichten statthat, haben Kenner der Mienenkunde schon bemerkt: uns scheint dies neben der steten Lebendigkeit des geistigen Spieles in diesem Antlitz vor allem auf der plastischen Grundart des Georgeschen Kopfes zu beruhen, dessen volle Erscheinung erst bei der Erfassung des ganzen Baues sichtbar wird. Alle die genannten Formen haben, wie gesagt, der Veränderung durch die Jahrzehnte widerstanden, aber wenn wir eine Reihe von Lichtbildern vom zwanzig- bis zum sechzigjährigen George betrachten, so sehen wir wie in einem Schicksalsbuche seinen Lebensweg in ihnen aufgezeichnet. Die zarte Rundung des Kinns, die schöngeschwungenen Linien der Nasenflügel und Wangen werden herber und eckiger . . der volle lebensfrohe Mund preßt die Lippen strenger, verachtender zusammen und schon nach der Mitte des dritten Jahrzehnts erzählen die tiefen Seitengruben von schweren Kämpfen und Schmerzen . . die Wölbungen über den Augen werden lastender drohender, auf der gefurchten Stirn ballt sich das Gewölk einer einsamen Weisheit und zwischen den kaum angedeuteten Brauen steht die herrscherliche Senkrechte eines nie ermüdeten Führerwillens. Das Haupthaar behält seine wuchtige Fülle, aber durch sein gold- käferfarbenes Braun ziehen sich frühzeitig die grauen Fäden der Nachdenklichkeit und lange vor dem Alter wurde es völlig weiß. Die gleichmäßig olivenfarbige Haut, die nur in den Augenlidern einen dunkleren Ton hat, blieb unverändert, aber sie straffte sich mit den Jahren noch fester über das innere Gerüst und ließ die starken Jochbeine deutlicher u nd kantiger nach außen treten als auf den früheren Altersstufen. Die wesentliche Wende von der strahlenden regsamen Jugendlichkeit des Bildnisses zum ernsten schwermütigen Ausdruck des Manntums fällt n ach dem JAHR DER SEELE, die stärkere zur Prägung des stoßkräftigen harten Tätertums, zu den leidbeladenen aber auch leidüberwindenden Zügen des Bildners und Führers in die Zeit der Entstehung des SIEBENTEN KINGS. Einige Züge von weiter Milde und weiser Güte sind seitdem deutlicher geworden, aber keiner spricht auch heute von weicher Duldsamkeit, kein Zug meldet von einem verborgenen Bruch oder fressendem Zweifel und nie hat ein Hauch von Ekel oder Neid dieses Antlitz berührt. 575 Wenn wir nach einer Ahnenverwandtschaft für das Gesicht Georges suchen, so finden wir sie in Dante und dem jüngeren Napoleon, dem ersten modernen und dem letzten antiken Kopfe unserer Weltzeit, deren Ähnlichkeit Berthold Vallentin in seinem Napoleonbuche überzeugend geschildert hat. Denn die Verbindung hoher Geistigkeit und klarer Sinnlichkeit gibt den Bildnissen dieser großen Täter und Dichter eine Ähne- lung, die sie als eine gemeinsame menschliche Grundart, die des geistigen Heldentums erkennen läßt. Eine jüngere Verwandtschaftslinie geht von Hölderlin über den jungen Franz Liszt zu Richard Wagner. Was den Köpfen all dieser Männer als besonderes Kennzeichen zukommt, ist der scharfe Schnitt des Gesichtes, ein Merkmal das den Deutschen heute am meisten fehlt und nur zuweilen noch an den Schädeln unserer guten Bauerngeschlechter auftaucht. Unser Gelehrtenstand hat manchmal kultivierte aber entstofflichte Gesichter hervorgebracht, und in der Zucht des harten preußischen Geistes blieben doch die Seelen weich und daher die Konturen der Köpfe verwischt. „Alle preußischen Helden von Schwerin bis Bismarck" schreibt die Verfasserin der ,Preußischen Prägung', „sind unscharf konturschwach in ihrem Wesen, schwerfaßliche Wesen, waren keineswegs die deutlichen knorrigen Charaktere, die Treitschke liebte und die Geschichtsschreibung so sehr erleichtern, vielmehr höchst erschlossene, jedes Adjektivs spottende freie, oft monströse Gestalten". Unter den lebenden Deutschen um die Jahrhundertwende hatten nur die Gesichter Georges und Maximins den scharfen Schnitt in vollkommener Durchbildung, Zeichen der unbedingten Übereinstimmung eines leidenschaftlichen Geblütes mit einer hohen Vernunft. Wir wissen wohl, daß die Männerköpfe ermattender Geschlechter und Völker zuweilen noch jene scharfe Prägung tragen, auch wenn die Blutkraft schon schwächer g e ' worden ist: „Die Engländer", so sagte Cyril Scott einmal, „sehen oft bedeutend aus, aber sind es nicht. Die Deutschen sehen oft nicht bedeutend aus, aber sind es". Er drückte damit die Unausgeglichenheit der Kräfteverhältnisse auf den zwei äußersten Polen aus . . in der Mitte steht die leibliche Erscheinung des Mannes mit scharfumrissenem — also weder überspitztem noch verwaschenem — Ausdruck. Daß eine deutsche Grundart von solcher Prägung fehlte, bewies mehr als alles andre den Mangel an einer echten Bildung, an der Einheit sinnlicher und geistiger Kräfte in unserem Volke und das Fehlen eines einheitlichen künstlerischen Stiles hatte hierin seinen eigentlichen Grund' Denn nur aus der menschlichen Erscheinung kann der Kunst frisches Leben erblühen, und neue Kultur entspringt nur aus neuem Mensch" tum. Damit haben wir schon die ganze Schwierigkeit bezeichnet, mit der 576 die Maler der Zeit vor dem Bildnis Georges zu ringen hatten. Sie standen alle vor einer ihrem Sehen und besonders ihren Mitteln noch unerfaßlichen Erscheinung. Der Uberlieferungsgrund, auf dem sie hätten stehen können, war damals vollständig zerbrochen, sie waren Einzelne, die entweder im Bewußtsein der Notwendigkeit einer Stileinheit sich inbrünstig an eine schon versunkene Vergangenheit, die der Gotik, der Niederländer oder andre anlehnten . . oder solche die alle Bindungen verschmähten und frei aus dem Urgrund des menschlichen Nichts und der menschlichen Hefe eine neue Schöpfung hervorzaubern wollten. So weit sie George nahe kamen, spürten sie wohl den Abstand des Dichters von den geschichtlichen wie gegenwärtigen Lebensformen, und die ihm befreundet wurden, sind liebend und verehrend ein Stück des Weges mit ihm in die neue Landschaft der Dichtung geschritten. Aber keiner ging nach der großen Wende im Dasein des Dichters die Bahn mit ihm weiter und erhielt den verwandelten Blick für die neue Menschlichkeit. Jeder hat, soweit sein Einzelblick in die Welt Georges reichte, mit seinen individuellen Kräften und Mitteln sein persönliches Bildnis der Dichtergestalt geschaffen und e ine besondere Seite an ihr festgehalten, ohne zu einer völlig überzeugenden Darstellung des Ganzen zu gelangen, wie Tizian beim Bild Karls V., Bellini des Loredano, Velasquez des Innocenz. Karl Bauer hat seit der ersten Bleistiftzeichnung des George-Kopfes mit kurzem Haar im Jahre 1892 und der Ölfarbenskizze des folgenden Jahres in scharfem Profil auf goldenem Grund mit glasfensterartigen Konturen immer wieder von neuem den Versuch aufgenommen, „das (gleich dem Goethes) unerschöpfliche Gesicht Georges" im Bilde zu gestalten. Mehr als ein Dutzend Zeichnungen, Ölgemälde und Pastelle, Radierungen und Schnitte von der ganzen Gestalt Georges, seiner Halbfigur oder seinem Kopfe entstanden in den ersten anderthalb Jahrzehnten der Freundschaft beim häufigen Zusammensein der beiden in München, zu denen später noch einige Abwandlungen aus dem Gedächtnis traten. Auch Hofmannsthal, Wolfskehl, Klages, Perls, Gundolf und andere Glieder der Münchener Blättergemeinschaft hat Bauer in der Frühzeit m >t Stift und Pinsel festgehalten und einige von ihnen zu einem Gruppenbild vereinigt (eine Skizze davon in der Daheim-Nummer vom 16. Mai : 9i4). Wie wir schon erwähnten, haben die zahlreichen Bildnisse von Bauer die Gestalt und besonders den Kopf Georges in der deutschen Öffentlichkeit am meisten bekanntgemacht. Er hat ihn als weltmännischen Großstädter wie als rheinischen Wanderer mit der beliebten Baskenmütze gekennzeichnet . . aber vor allem lockte es Bauer die dichterischen 37 577 Phasen und Wandlungen Georges im Bilde wiederzugeben: den stolzen Herrscher des ALGABAL und den ritterlichen Beter der SAGEN UND SÄNGE, den sinnenden Dichter des JAHRS DER SEELE mit den Dantezügen und den finsterernsten Meister des TEPPICHS. Die beiden Seiten des Georgeschen Wesens, Kraft des Willens bei hohem Zielbewußtsein und Tiefe des Sinnens bei klarer Gedankenarbeit sind seiner Darstellung am besten gelungen. Die beiden bekanntesten Steinzeichnungen, das Profilbildnis mit dem Colleonistandbild im Hintergrunde und das ganz von vorn gesehene lebensgroße Abbild des Kopfes aus der TEPPICH-Zeit geben das Unbekümmert-Stolze wie das Drohend-Kühne des Dichters, den herrischen Nackenwurf wie den durchdringenden Blick der Augen, wenn auch im Maß zu gewaltsam, doch groß in der Auffassung wieder. Von den in den Jahren 1893 un d r894 entstandenen Bildnissen Georges, der Radierung von Herrmann Schlittgen (Abb. Bl. f. d. Kunst II, 1) und dem Ölgemälde von Gebhard Fugel (Abb. Allg. Kunstchronik Heft 23) werden in der ersten kaum die großen Umrißlinien richtig wiedergegeben und die Einzelzüge zugunsten einer spirituellen Blässe völlig verflüchtigt . . dagegen hat Fugel in dem Kniestück des sitzenden George, auf dem auch die adligschöne lebendige Hand mit den kräftig gegliederten Fingern sichtbar wird, eine wohltuende Einheit für die wesentlichen Merkmale gefunden- Es ist bei guter altväterlicher Malweise eins der besten Bildnisse Georges aus der Frühzeit, man sieht auf ihm die zarte Beeindruckbarkeit und Verletzlichkeit eines leicht erregbaren und stets entflammbaren Temperamentes mit der Festigkeit und Unüberwindlichkeit eines früh geschulten Willens gepaart, Schnellkraft mit Ausdauer, blitzenden Zugriff mit ruhiger Würde. Die gepflegte Haltung erinnert etwas an den Diplomatentyp, mir dem man George damals in seinem äußeren Auftreten verglich. Zwei oder drei Jahre später hat Jan Toorop in den glücklichen holländischen Freundschaftstagen eine Bleistiftzeichnung und eine Radierung des Georgeschen Kopfes gefertigt. Von letzterem sind nur wenig e Abzüge vorhanden, da die Platte, welche noch den Kopf Verweys neben dem Georges aufnehmen sollte, bei der Ausführung dieser Arbeit verdorben wurde. Die Radierung von Toorop ist trotz einer geringen Verzeichnung der Nasenlinie das erstaunlichste Bildnis Georges aus jenen Jahren. An ihm erkennt man erst, was alles die anderen Künstler in dieser Zeit noch nicht gesehen oder nicht haben gestalten können. Der temperamentvolle Strich Toorops gibt die ganze königliche Leidenschaftlichkeit des Herrn der HÄNGENDEN GÄRTEN, aber ohne eine entsagende Note, wieder: mit dem ebengerichteten Blick des heldischen Menschen, der forscht und befiehlt, der ehernen Sicherheit des geheimnisvollen Gei- 578 stes hinter dem Wall der Brauenknochen und in allen Zügen die gefahrverachtende Kampfbereitschaft bis zum Letzten. Kurt Stoeving hat dann 1897 den Dichter des JAHRS DER SEELE in einer schwarzen Kreidezeichnung auf grauem Papier (Abb. als Vorblatt zu Klages, Stefan George) und 1899 den des TEPPICHS in einem Erzrelief mit dem lebensgroßen Kopfe Georges (Abb. Leipz. 111. Ztg. 1902) festgehalten. Ein Lichtbild, das Stoeving selbst zur Zeit der Entstehung der ersten Zeichnung aufnahm (Abb. im Londoner Candid Friend und in R. M. Meyer, Die deutsche Literatur im 19. Jahrh.) gibt uns die Möglichkeit, die künstlerische Umsetzung der leiblichen Wirklichkeit fast Zug um Zug zu verfolgen. Das Lichtbild hat die schärfste Profillinie und zeigt dadurch das wundervolle Verhältnis der drei Längsteile von dem wir sprachen, das Schmale, Verzehrte kommt deutlich zum Ausdruck. Stoeving hat auf diese schärfste Ausprägung des Profils durch eine leichte Drehung zur Vorderansicht verzichtet, um die Breite der mächtigen Stirnknochen, den wuchtigen Nasenansatz und die volleren Mund- und Kinnformen zu gewinnen. Dadurch verliert er die volle Ansicht der kennzeichnenden Ohrlinien und die tiefen Schläfen und Wangenflächen über Und unter dem quergespannten Jochbogen. Die Züge des Stoevingschen Bildnisses werden so trotz der breiteren Sicht weicher und weniger plastisch, trotz der reicheren Lippen- Nasen- und Brauenlinien weniger sinnlich bewegt als die des Lichtbildes: selbst der Blick des Auges bleibt zurückgehalten und innerlich, während er auf diesem scharf beobachtend nach außen gerichtet ist. Was Stoeving gibt, ist der Dichter höchster Bildung und feinster Geselligkeit in einer adligen Ausgeglichenheit der Kräfte, was das Lichtbild zeigt ist ein Menschenhaupt von innerlich brennender Glut unter dessen schlichten Formen noch eine Welt von künftigen Bildungen schlummert. Stoevings Bild ist schön in der zarten Nachfühlung aller reichen und vornehmen Linien dieses Jünglingskopfes, das Urbild ist einfacher, nackter, härter, männlicher. Die Bleistiftzeichnung des Georgekopfes von Melchior Lechter aus dem Jahre 1900 ist eine Studie für das Dichterantlitz auf dem Temperagemälde -Die Weihe am Mystischen Quell" im Kölner Pallenbergsaale (Kunstgewerbemuseum). Sie beruht auf einer genauen Kenntnis der Maßverhältnisse des Georgeschen Kopfes, aber der Ausdruck wird durch den besonderen Zweck, dem die Vorstudie diente, bestimmt: das geschlossene Auge, der zum Trinken geöffnete Mund, das weit vorgestreckte eckig wirkende Kinn, der hagere Hals sind ebenso wie Kronreif und Ordensgewand durch die kniende Lage vor der Priesterin bedingt, die dem nach langer Mühsal Ermatteten, vom Harren verzehrten Pilger vor der Pforte des offenen 579 Tempels den Trank des Willkomms und der Weihe reicht. Lechter hat in dem Bildnis sein inneres Gesicht vom Dichter festgehalten, wie es ihm aus dessen Werken aufgestiegen und wohl auch in Stunden des Hersagens von Gedichten aus den leiblichen Mienen Georges erschienen war: die Erscheinung des Begeisterten und Entrückten, die nicht dem Alltag sondern der verborgenen Stunde der Werkgeburt oder noch der Erschütterung beim ersten Wiedergeben einer Dichtung angehört. So hat 'sie in der sinnbildlichen Darstellung des Vorganges der Eingießung im malerischen Werke ihr Recht, wie sie auch auf anderen Werken Lechters der Temperatafel „Orpheus", dem Glasgemälde „Der Dichter" — mit den kennzeichnenden Versen des Gedichtes „Im Park" aus den HYMNEN — und noch auf anderen Darstellungen in veränderten Formen öfter wiederkehrt. Nicht die ganze Menschlichkeit Georges hat Lechter oder wollte er in seiner Studie und in diesen Bildern verfangen, wohl aber den Augenblick der höchsten schöpferischen Erleuchtung einer großen Seele, wie er dem Künstler durch den lebenden Dichter offenbar geworden war: den Augenblick der gänzlichen Versenkung eines inbrünstigen Geistes, der nichts mehr von sich, doch alles von der oberen Gnade erwartet. Was Lechter überhaupt in immer neuen Abwandlungen bildlich zu fassen versucht hat, die Einhauchung des Geistes, den Trank der göttlichen Begeisterung aus dem Urbrunnen des Lebens ist ihm bei der Darstellung des Dichterantlitzes am tiefsten gelungen. Daß dabei die Miene des asketischen Suchers überherrschend wurde, daß jede Spur des Tathaften bei George ausgelöscht wurde, ging aus der geistigen Haltung Lechters vor dem Leben und dem besonderen Sinn seines Werkes hervor. Wenn sein Bildnis als einziges erhalten wäre, so würden wir nicht eine falsche aber unvollkommene Wiedergabe des Dichterantlitzes haben: wir würden den Ausdruck des ekstatischen Entrücktseins aber nicht den des heroischen Pathos von ihm kennen. Aber mehr als alles Außersichsein kennzeichnet den Dichter gerade sein geschlossenes Drinnesein, das Geborgensein eines unveränderlichen Selbst und was in Goethes scheinbar offenem Antlitz mit den wachsenden Jahrzehnten seines Lebens ein immer deutlicheres Merkmal wird: das Verschwiegene und Verhaltene, ist in Georges Antlitz von früh auf unverkennbarer Wesenszug: seine Züge sind geradezu die sinnbildliche Ver- leiblichung für das klare aber unaufdeckbare Geheimnis der Gestalt, das dieser Meister ist und wirkt, lebt und dichtet. Eben hierin scheint die letzte Schwierigkeit für eine zeichnerische und mehr noch eine malerische Lösung seines Bildnisses zu liegen. Reinhold Lepsius hat beide versucht- Aus der Zeit der Jahrhundertwende stammt sein schöner Holzschnitt, der 580 ■■■■■■■ Jr^ \ RADIERUNG VON TOOROP 1896 DREI GEORGE-BÜSTEN AUS DEN JAHREN 1927—1929 1. LUDWIG THORMAEHLEN 2. ALEXANDER ZSCHOKKE 3. FR. ROTENWALD VIER BÜSTEN VON LUDWIG THORMAEHLEN FRIEDRICH WOLTERS (Holz) BERTHOLD VALLENTIN (Wachs) ERNST MORWITZ (Bronze) A. VON BLUMENTHAL (Bronze) DICHTERKOPF VOM GEFALLENENDENKMAL DES KLOSTERKREUZGANGES ZU MAGDEBURG (THORMAEHLEN) unter allen Bildnissen am besten das unnahbare verschwiegene Erfülltsein Georges ausdrückt, aber es nicht zu einem Insichgekehrtsein umfälscht, sondern ihm gerade seine herbe Weltzugewandtheit läßt. Diese von Lep- sius gegebene Seitenansicht ist an Linienaufwand von einer Kargheit und Sparsamkeit ohnegleichen. Gerade dadurch erscheinen die Grundzüge des Gesichtes in einer reinen klaren Schönheit von unwiderstehlichem Zauber: metallisch verschlossen aber denkend ist die Doppelwölbung der Stirn, schweigsam aber sangbereit der Mund, die Ohrmuschel groß und lauschend, das Auge, halb unter den Lidern verborgen, sendet den löwenlauernden Blick nach außen mit dem schnellen Blitz der Beobachtung der nichts entgeht. Der scharfe Schnitt des Gesichtes ist von Lepsius am sichersten getroffen, aber mit einem Verlust an sinnlich-stofflicher Fülle erkauft worden. Lepsius selber glaubte das Vielfältigbewegte von George besser farbig erfassen zu können, es war sein Kummer, daß er bei so langem nahen Verkehr kein Gemälde des Freundes geschaffen hatte. In späten Jahren hat er endlich einen seiner Entwürfe ohne die Anwesenheit Georges ausgearbeitet und Sabine Lepsius hat ihn als nachgelassenes Werk vervielfältigen lassen (Verlag Bondi). Aber es bekundet deutlich, daß gerade die Richtung auf das rein Malerische für die Gestaltung des Georgeschen Bildnisses hinderlich war. Der Holzschnitt ist weitaus treffender: eine schnelle und sichere Lösung. Den Versuch im Gemälde einen größeren Reichtum an Farbigkeit und Körperlichkeit zu gewinnen, büßte Lepsius gerade vor dieser Gestalt mit dem Verfehlen dessen, worin sonst seine besondere Fähigkeit lag: sein Bild läßt die Innerlichkeit vermissen, die in diesem Falle nicht durch komplizierte Flächen und Brechungen sondern nur durch die Darstellung einfacher plastischer Formen zu erreichen ist. Das Tathafte und Leidenschaftliche Georges, das Lepsius durch starke Bewegungen auszudrücken versuchte, wurde zu einer gepreßten und fast übertriebenen Gebärde, die mehr etwas von einem Schauspieler oder Volksredner hat als von dem Bändiger aller Formen. Die im Strich überscharf bewegte Zinkätzung von Paul Hermann (Paris 1900) gibt uns vielleicht die wilddurchfurchtesten und leidenschaftlichsten Züge Georges, hat aber auch den sicheren Herrenblick und das kaum merkliche aber allen Aufruhr stillende Lächeln des Wissenden um die Lippen. Die überlebensgroße Zeichnung des Georgekopfes von Max Klinger (^07) haben wir nicht gesehen, sie soll nach den Worten des Dichters eine Note ins Gewalttätige haben. Die Züge Georges verlocken offenbar die Künstler, ja auch die wenigen Karikaturenzeichner, die sich an ihm versuchten, meist zu einer Steigerung des Ausdrucks ins Allzugespannte. 58i Niemand verfiel darauf, diesem Antlitz eine allzu lockere weichliche Fügung zu geben und selbst wo seine traumhafte Entrücktheit erscheinen soll, wie bei Lechter, hat es noch das Merkmal der Spannung nicht der Gelöstheit. Auch an der plastischen Nachgestaltung Georges haben sich einige Künstler versucht. Die meisten scheiterten schon am Beginn und etwa eine erhaltene bemalte Gipsbüste von Max Klein (Abb. Der Tag, 111. Beil. Jan. 1903) ist wohl zu ungeistig. Für unsere Plastik lag das Problem der künstlerischen Form am Ende des 19. Jahrhunderts noch schwieriger als für die Malerei. Es bedurfte fast mehr als anderthalb Jahrhunderte bis Winckelmanns Griechensicht ganz begriffen wurde: erst als Goethe, Hölderlin, Nietzsche, George die augenhafte Fähigkeit erweitert und den Schicksalsbegriff von Hellas vertieft hatten, als nun auch Erde und Meer einige der schönsten Bildwerke entließen, wurde der Sinn für das heroische Menschtum der Griechen und damit auch für ihre frühe und hohe Plastik wach und manches bisher Verschleierte faßbar. Dem älteren deutschen Bildhauergeschlecht fehlte aber gegen Ende des 19. Jahrhunderts jede Kenntnis einer heldisch-gehobenen Menschenart. Selbst wo das erhobene Pathos der Antike sie vom Klassizismus her noch in Bann hielt, zehrten sie vom abgeblaßten Ideal einer gipsabgüssigen Schönheit, die nicht unseres Wesens war und unter dem Einbruch der neuen Kunstschulen völlig zerbrach — als welche an Stelle des alten Ideals das der psychologischen Runsen, problematischen Flecken und plebejischen Striemen setzten. In diesem Bruch der letzten Überlieferung wurde die ganze Not erst recht offenbar: daß nämlich alle Versuche der Künstler ein Tasten ins Leere waren und bleiben mußten, wenn es keine Gemeinschaft mehr gab, deren geistiger Gehalt den Formen der bildenden Kunst erst die zwingende Gesetzlichkeit und sinnbildliche Gewalt verleiht. In Deutschland ja in Europa gab es keine Gesellschaft mehr, die dem Künstler die geistige Verbindlichkeit der Zeichen und Formen bewahrt hätte. Es war freilich ein hartes Wort, das den bildenden Künstlern aus dem Munde Georges etwa so entgegendrang: Wenn noch keine heiligen Orte für den Bau euerer Hallen und Bildwerke da sind, wenn es noch keine Wände gibt euere Gesichte aufzunehmen, so wartet, tut das Mögliche und sorgt am Kleinen, daß das Können nicht erlischt. Damit das geistig-heroische Pathos Georges in Bau und Bildwerk g^' staltet werden könnte, waren erst Menschen zu bilden, die es faßten, erst der Raum zu schaffen, in dem es gesehen werden konnte: in dem durch den klassizistischen Schleier auch wieder die sengende Glut und erhabene Grausamkeit des Apoll von Olympia, des unbarmherzigen Treffers, er- 582 kennbar wurde. Nicht frühere Verhältnisse und Maße galt es nachzuahmen aber eine göttliche Menschlichkeit mit neuen Augen zu schauen. Diese Schaffung einer neuen Menschenart im neuen Räume durch George ist seit den ersten Jahren des Jahrhunderts deutlich an den Bildnissen seiner Gefährten und Folger abzulesen. Schon auf der Lichtbilder-Tafel der Mitarbeiter der Blätter, welche der siebenten Folge mitgegeben wurde, ist eine Wandlung von den Älteren zu den Jüngeren in der Richtung auf eine einheitliche Grundart festzustellen. In den Geschlechtern nach der großen Lebenswende wuchs sie immer deutlicher durch die Gesichter und Gebärden und wenn der sperrige deutsche Stoff auch widerstrebend und nur langsam dem Gesetz des geistigen Wachstums folgte: er folgte doch diesmal dem mächtigen und stäten Drange seines Schöpfers. Als so das Geistige seinen eigenen Leib gewann und wandelte, wie es vordeutend schon in Bild und Buch und Schrift geschehen war, gab ein gütiges Geschick dem Freundeskreise auch den ersten plastischen Bildner, der zu meißeln und zu formen suchte, was schon als Ausdruck des gemeinsamen Erlebens in die körperlichen Formen eingegangen war. Seine Kunst hatte also einen anderen Ursprung als die des letzten Jahrhunderts. Da die bildnerische Form nun wieder Träger eines geistigen Sinnes war, da in persönlichen Zügen wieder eine bestimmte menschliche Seelenart erscheinen konnte, durfte Ludwig Thormaehlen es wagen, die Köpfe des Meisters und der Freunde nachzubilden. Nicht solche Überlegung freilich sondern sein künstlerischer Trieb und das Innewerden des fruchtbaren Augenblicks gab ihm in den Jahren innigster Gemeinsamkeit den Meißel in die Hand, und die ersten vier Holzbüsten, welche er um 1913/14 fertigstellte, haben noch den frischen Reiz und die ganze Unbekümmertheit dieser Aufbruchszeit. Und nicht die Höhe seiner Begabung, sondern die Kühnheit und Glut des ersten Wurfes im neuen deutschen artgebundenen Bildwerk gibt seinen Köpfen in Holz, Stein und Bronze das Recht der Sonderstellung unter den Werken der individualistischen freien Künstler unserer Zeit. Sein Jünglingskopf im Klosterkreuzgang zu Magdeburg hat die strenge klassische Fügung der Flächen und Wölbungen, die heute verpönte Schönheit des Ebenmaßes und der klaren Linien und ist dennoch ein deutscher Jünglingskopf mit den Maßen und Verhältnissen unserer Art und Zeit. Seine letzte Georgebüste (Abb. im STERN DES BUNDES der Ges.-Ausg.) ruft ebensowenig eine Erinnerung an naturalistische Brüche wie an klassizistische Glätte wach. Sie verbindet zum ersten Male die geschlossene Ausdrucksgewalt mit dem durchgeistigten Triebwillen des Genius: er trägt die ruhig-stolzen alterslosen Züge eines schweigenden Triumphators. In Thormaehlens Werken schwingt noch etwas von seinem 583 Kampf, sich dem übermächtigen Kanon der Antike zu entziehen und die unmittelbare Form der neuen, unserer Wirklichkeit zu gewinnen. Auch die Darstellung des Georgekopfes durch Alexander Zschokke, den ersten Schüler Thormaehlens, liegt in dieser Richtung. Zschokke ist fast technisch fertiger als Thormaehlen, aber erreicht ihn nicht an geistiger Umfänglichkeit. Schon ist neben ihnen, und nicht unmittelbar aus ihrer Schule stammend, der dritte jüngste der Bildhauer im Blätter-Kreise aufgetaucht, dessen Büste Georges durch eine andere Geste als die der Vorgenannten das Dichterisch-Bewegte und Menschlich-Reiche: das Meisterliche in der schönen Einheit von Bildner und Führer am stärksten zur Geltung bringt. Schon heute ist gewiß, daß, so wenig wie sein Werk und seine persönliche Wirkung, das Antlitz Georges selbst als der höchsten Erscheinungsform des heutigen deutschen Menschtums aus dem Vorstellungsschatze unseres Volkes schwinden kann. Der Schritt zu seiner plastischen Gestaltung im eignen inneren Lebenskreise bedeutete mehr als die zufällige Einbeziehung eines neuen Kunstbereiches in das geistige Wirken Georges. Er deutet an, daß im Kreis der Blätter für die Kunst der Sprung über die Totenschwelle, aus der Ewigkeit des Geistigen in die ewige Gegenwart des Leiblichen getan ist und Mensch und Stoff und Raum in das eine Bild des schönen Lebens einbezogen werden kann: daß wieder ein deutscher Stil für alle Bereiche des Daseins möglich ist. Man warf in Deutschland, dem Land der Bewußtheit auch in den letzten Dingen, seit einigen Jahren öfter die Frage auf, was nach dem Zerfall des bisher geltenden Typus des Deutschen, wie ihn das Offizier- und Beamtentum mit seiner bestimmten Überlieferung und anerkannten Haltung dargestellt hatte, nunmehr an dessen Stelle treten sollte. Man gab nun zu, daß der politische und militärische, wirtschaftliche und wissenschaftliche Zusammenbruch seine tieferen Ursachen im Zerfall jenes unwägbaren geistigen Etwas, der Artung und Haltung des Deutschen, hätte, daß unser Menschtum trotz einiger traditionellen Reste schon seit langem auf allen jenen Gebieten Pose und Fassade, verblasene Idee und dünne Begrifflichkeit gewesen wäre, daß ein Volk ohne einen geschlossenen und seine ganzen Kräfte umfassenden Wesensausdruck, ohne belebte und beseelte Körperlichkeit, ohne gültige Sitte und Überlieferung kurz ohne verleiblichten Geist haltlos und kraftlos unter fester umgrenzten und dichter geschlossenen Völkern stünde. Man sah endlich, worauf die Blätter für die Kunst vom Beginn ihres Wirkens an gewiesen und was sie um die Jahrhundertwende in dem Satze zusammengefaßt hatten: „Daß der Deutsche endlich einmal eine Geste: die deutsche Geste bekomme — das ist ihm wichtiger als zehn eroberte Pr°' vinzen". Wenn man jetzt nach dem Einsturz der gröbsten Außenwände 584 ängstlich nach Köpfen Ausschau hielt, die dem Deutschen eine neue Artung und Haltung verbürgen könnten, so schlössen die Klügsten schon den kalten Tatsachenmenschen wie den tatabgewandten Weisheitslehrer und ebenso den geistfremden Welt- und Geldwirtschafter als Möglichkeiten für eine Neubildung aus, weil keiner von den damals oft genannten, heute schon halb verschollenen Vertretern dieser Art überhaupt eine maßsetzende Haltung hatte, weil keiner von ihnen aus innerer Notwendigkeit, aus dem seelischen Aufbau seines Wesens und Werkes nur einen zureichenden Grund für sein Dasein, viel weniger für eine vorbildliche Menschlichkeit darbot. Die Willigen und Widerwilligen blieben nach allen vergeblichen Versuchen mit eintägigen Größen immer wieder an der Gestalt Georges haften, weil bei ihm unbezweifelbar Werk und Schicksal mit der Erscheinung seiner Person eins war. Und mochte man immer noch, weil man gewohnt war von der Masse her und auf die Masse hin zu sehen, an der unmittelbaren Wirkung seiner Gestaltungskraft auf die Zeitgenossen zweifeln, man konnte nicht leugnen, daß sich in ihm allein ein männliches Vorbild von leibhaftsicherer Haltung, ein geistiges Füh- rertum von höchster deutscher Artung verwirklicht hatte und daß seine leibliche und geistige Gebärde schon unauslöschlich in die Seelen der Jugend gedrungen war. Dieser letztere Vorgang hatte freilich eine größere und dichtere Wirklichkeit als solche Betrachter meinten. Unter der Georgeschen Jugend ist nicht irgendeine allgemeine unfaßliche Jugend zu verstehen, welche den Dichter nach einer schnellen rauschhaften Aufnahme bald wieder „überwunden" hatte, noch jene die verzichte"nd vor der harten Gewalt dieses Bildners beiseite trat, sondern seine Jugend: nicht die vielen, sondern die wenigen, vor deren unbedingter Hingabe an den Meister und sein Werk der Bürger sich bekreuzigte, weil er an ihnen eine Ähnlichkeit der Haltung, ja eine gewisse gleiche Grundart der Züge, eine gemeinsame Annahme und Ablehnung in wichtigen Lebensfragen, ja eine gewisse Übereinstimmung in der geistigen und sprachlichen Führung bis auf Schrift und Lesung bemerkte — Dinge, die ihm, wie wir geschildert haben, als Verrat an der freien Persönlichkeit, als unmännliche Nachahmung, als Mangel an schöpferischer Eigenkraft erschienen, nur nicht als das was sie waren: als leibgewordene Sitte und Übereinkunft der lebendigen Gemeinschaft um George, als freier Ausdruck der Menschenart, die er gestaltet und erzogen hat, als unverkennbares Zeichen, daß es heute in Deutschland den Georgeschen Menschen gibt. Es war freilich gleichgültig wer den blauen Frack und die gelbe Weste Werthers trug und ist freilich gleichgültig wer — nach dem Wort eines Spottvogels — „die viermalgeschlungene Kultkrawatte Georges" trägt, 585 aber es ist nicht gleichgültig ob Deutsche, wie ehmals vom Geiste Goethes, so heute vom Geiste Georges so tief durchdrungen werden, daß ihr Tun und Lassen in allen Lebensäußerungen vom Herzen bis zum Finger davon bedingt und geformt wird. Wo wirklich das Äußere der Spiegel des Innern ist, wird auch das scheinbar Äußerliche zum Zeichen der gewonnenen Lebenseinheit und ihre Darstellung in Werk und Gebärde der selbstverständliche Ausdruck der in ihr verbundenen Menschen. Erst wo ein Schöpfergeist die Seelen einer Gemeinschaft mit solchen Fäden bindet, daß alle ihre hellen und dumpfen Triebe danach streben, sich in tausend Zeichen der Gestaltung als Träger des einen hohen und schönen Lebens zu erweisen, kann eine Gesamtbildung, eine Kultur, und ihre Darstellung in einer einheitlichen Kunst entstehen. Kein noch so tiefes Wissen um vergangene Formen, keine noch so gewaltige Mechanik — wir wissen es heute nach mehr als hundertjährigen Versuchen — kann das eigentümliche Gepräge, kann den lebendigen Stil ersetzen, in dem Geist und Seele als sinnlicher Leib in allen Formen des Lebens erscheint. Die Griechen haben ihre gesamte Bildung auf Homer zurückgeführt, von Giotto bis zu Michelangelo und Raffael wußten die Künstler was sie Dante verdankten, der Bildhauer Rodin hat uns vor den Kathedralen der Gotik auf die gro- / ßen Hymniker des Mittelalters gewiesen: „Der Dichter war es, der den Werkmeister geleitet und recht eigentlich die Kathedrale errichtet hat' und in unseren Tagen bekannte der Baumeister: „Es kann nicht verschiedene Künste geben, weder bildende allein noch dichtende allein, sondern nur einen schöpferisch gestaltenden Geist, dessen Werk nicht Bild sondern Tat, seine Form ist.--------Aber der Tat, der Form vorauf schreitet der Künder im Wort". (Paul Thiersch im 2. Jahrb.) Wie immer und je wird auch heute der Dichter als der Künder und Schöpfer des neuen Lebens „das Wunderwerk der Endlichkeit" unter den Deutschen gestalten oder es wird niemals mehr aus ihnen erwachsen. Aus seinem Gedicht ist die neue Seele, aus seinen Händen der neue Mensch, aus seiner Gestalt die neue Gebärde hervorgegangen, in seinem Werk sind Musik und Malerei, Bildnerei und Baukunst im Keime vorbestimmt — und erst dadurch, daß dies heute schon weithin spürbar und sichtbar ist, hat unsere Geschichte, wie wir sie hier geschrieben haben, ihren Sinn. 586 INHALT VORREDE .......................... 5 ERSTES BUCH DIE WANDERSCHAFT :. KAPITEL: HERKUNFT • KINDHEIT UND KNABENALTER...... 7 2. „ DIE REISEN IM AUSLAND.............. 16 3 . DER ERSTE GEFÄHRTE UND DAS ERSTE WERK .... 23 4. „ NEUE WERKE UND GEFÄHRTEN........... 30 5. „ DIE GRÜNDUNG DER „BLÄTTER FÜR DIE KUNST" UND DIE „ERSTE FOLGE"................ 4 2 6. „ DIE WIRKUNG IM AUSLAND............. 48 7 DIE NEUE DICHTUNG UND DER DEUTSCHE NATURALISMUS 53 ZWEITES BUCH DIE KUNST 1. KAPITEL: DIE ERWEITERUNG DER BLÄTTER-GEMEINDE..... 60 2. „ DIE ZWEITE FOLGE UND DER MÜNCHENER KÜNSTLERKREIS ...................... 7 2 3. „ VON BELGIEN BIS POLEN............. 85 4. „ DIE BÜCHER................ •' - - 9 1 5- „ HOLLAND UND ENGLAND............. 102 6. „ BERLIN ALS MITTELPUNKT............. n 4 7. „ DIE DRITTE FOLGE UND DAS JAHR DER SEELE .... 126 8. „ SCHRIFT UND DRUCK . ■ • • •.......... 138 9. „ DAS BILD GEORGES UND DER NEUEN DICHTUNG DRINNEN UND DRAUSSEN.................. I 5° io. „ DIE VIERTE FOLGE................ x6 S DRITTES BUCH DIE MEISTERSCHAFT x. KAPITEL: DIE ÖFFENTLICHEN AUSGABEN UND IHRE WIRKUNG . . 172 2. „ DAS HERSAGEN VON GEDICHTEN.......... 186 587 3. KAPITEL: DER TEPPICH DES LEBENS............. 195 4. „ DEUTSCHE DICHTUNG............... 209 5. „ DIE FÜNFTE UND SECHSTE FOLGE.......... 227 6. „ DIE KOSMIKER IN MÜNCHEN............ 24O 7. „ DIE KOSMISCHE RUNDE.............. 258 8. „ DIE SIEBENTE FOLGE............... 274 9. „ SCHEIDUNG UND SAMMLUNG............ 285 VIERTES BUCH DIE SENDUNG 1. KAPITEL: DIE NOT .................... 3 01 2. „ DIE BEGEGNUNG MIT MAXIMIN........... 3°7 3. „ DER TOD MAXIMINS UND DAS GEDENKBUCH..... 3 J 4 4. „ DER SIEBENTE RING: DIE ZEITGEDICHTE....... 3 21 5. n DER SIEBENTE RING: ZWEITES BIS SECHSTES BUCH . 3 28 6. „ DER SIEBENTE RING: TAFELN........... 34° FÜNFTES BUCH DIE HERRSCHAFT 1. KAPITEL: DER SIEBENTE RING UND DIE ÄLTEREN GEFÄHRTEN. . 345 2. 3. 4- 5. 6. 7. 8. 9- DIE ACHTE UND NEUNTE FOLGE.......... 353 ANTIKE UND CHRISTENTUM............ 3 6 4 DIE KRONZEUGEN................. 3*>9 DIE FOLGER UND DAS NEUE WIRKEN........ 377 DER NEUE KREIS IN BERLIN UND MÜNCHEN..... 3 88 DER STERN DES BUNDES.............. 397 DIE ZEHNTE FOLGE................ 4° 8 DIE AHNEN.................... 4 l8 SECHSTES BUCH SCHICKSAL UND GESTALTUNG 1. KAPITEL: STAAT • VOLK UND KRIEG.............433 2. „ DIE ELFTE UND ZWÖLFTE FOLGE..........443 3- „ DIE ELFTE UND ZWÖLFTE FOLGE (FORTSETZUNG). . • 449 4. „ WEITERE VERLUSTE UND TRENNUNGEN.......45 8 588 5 . KAPITEL: DER DICHTER UND DIE ZEITMÄCHTE......... 470 6- n DIE DICHTUNG UND DIE WISSENSCHAFT....... 478 y. „ DIE VERWANDELTE STELLUNG DER MITWELT .... 493 SIEBENTES BUCH REICH UND BILD 1. KAPITEL: DIE FÜHRUNG DER JUGEND............. 515 2> DIE NEUEN DICHTUNGEN UND „DAS NEUE REICH" ... 523 3. DAS WESEN UND WIRKEN GEORGES: DER DICHTER . . 536 4. "„ DAS WESEN UND WIRKEN GEORGES: DER HERRSCHER . 545 5' DAS WESEN UND WIRKEN GEORGES: DER MEISTER . . 555 6. „ DAS BILDNIS 572 TAFELN I: LICHTBILD AUS DEM JAHRE 1928 (MÜLLER-HILSDORF) .... Titelbild ___ . . . zu S. 16 II: GEBURTSHAUS GEORGES.......... ........zu S. 40 III: JUGENDBILDNIS.......... IV: DICHTERTAFEL AUS DER SIEBENTEN FOLGE.......zu S. 280 V: RADIERUNG VON TOOROP 1896 VI: DREI GEORGE-BÜSTEN AUS DEN JAHREN 1927—29 a) VON LUDWIG THORMAEHLEN b) VON ALEXANDER ZSCHOKKE c) VON FR. ROTENWALD VII: VIER BÜSTEN VON THORMAEHLEN •) FRIEDRICH WOLTERS (HOLZ) b) BERTHOLD VALLENTIN (WACHS) c) ERNST MORWITZ (BRONZE) d) ALBRECHT VON BLUMENTHAL (BRONZE) VIII: DICHTERKOPF VOM GEFALLENENDENKMAL DES KLOSTERKREUZGANGES ZU MAGDEBURG (THORMAEHLEN) Die vier letzten Tafeln stehen nach Seite 584 589 WERKE DER AUS DEM KREISE DER DICHTUNG BLÄTTER FÜR DIE KUNST STEFAN GEORGE • EINZELAUSGABEN Die Bücher der Hirten und Preisgedichte, der Sagen und Sänge hängenden Gärten .............Halbleinen geb. In Ganzleinen Der Teppich des Lebens und die Lieder von Traum und Tod Mit einem Vorspiel..............Halbleinen geb. In Ganzleinen Der siebente Ring................ Halbleinen geb. In Ganzleinen Tage und Taten. Aufzeichnungen und Skizzen Broschiert In Ganzleinen Baudelaire, Die Blumen des Bösen. Umdichtungen Halbleinen geb. In Ganzleinen Dante, Göttliche Komödie. Übertragungen . . . Broschiert In Ganzleinen Shakespeare, Sonette. Umdichtung.......Broschiert Halbleinen geb. In Ganzleinen STEFAN GEORGE ■ GESAMTAUSGABE IN ACHTZEHN BÄNDEN BIS ENDE 1929 SIND DIE FOLGENDEN BÄNDE ERSCHIENEN: Die Fibel (Band 1)......Broschiert M.5.50, in Ganzleinen M. 7.50 Hymnen, Pilgerfahrten, Algabal (Band 2) ... Broschiert M. 5.50 In Ganzleinen M. 7.50 Das Jahr der Seele (Band4) . Broschiert M.5.50, in Ganzleinen M. 7.50 Der Stern des Bundes (Bd. 8) Broschiert M.5.50, in Ganzleinen M. 7.50 Das neue Reich (Band 9) . . Broschiert M.5.50, in Ganzleinen M. 7.5° Zeitgenössische Dichter. Übertragungen. 2 Bände (Band 15 und 16) Broschiert je M.5.50, in Ganzleinen je M. 7-5° und der M. 5-— M. 6.50 M. 5-— M. 6.50 M. 6.50 M. 8.— M. 3-5° M. 6.—- M. 5 — M. 6.50 M. 7-5° M. 10.— M. 3 — M. 5 — M. 6.50 BLÄTTER FÜR DIE KUNST Eine Auslese aus den Jahren 1892—1898, 1898—1904, 1904—1909. 3 Bände im Umdruck nach der ersten Ausgabe. 1929. In Pappband gebunden je M. 6.— DEUTSCHE DICHTUNG Herausgegeben und eingeleitet von STEFAN GEORGE und KARL WOLFSKEHL I.BAND: Jean Paul ..............Halbleinen geb. M. 2.50 III. BAND: Das Jahrhundert Goethes .....Halbleinen geb. M. 4.50 BERTHOLD VALLENTIN Heroische Masken .....Broschiert M.3.50, Ganzleinen geb. M. 5.50 FRIEDRICH WOLTERS Der Wandrer. Zwölf Gespräche .........Broschiert M. 2.— Ganzleinen geb. M. 4.— Hymnen und Lieder der christlichen Zeit I.BAND: Lobgesänge und Psalmen. Übertragungen der griechischen katholischen Dichter des 1.—5. Jahrhunderts Broschiert M.2.—, Halbleinen geb. M. 4.— IL BAND: Hymnen und Sequenzen. Übertragungen aus den lateinischen Dichtern der Kirche des 4.—15. Jahrhunderts Broschiert M.2.—, Halbleinen geb. M. 4.— III. BAND: Minnelieder und Sprüche. Übertragungen aus deutschen Minnesängern des 12.—14. Jahrhunderts Broschiert M.2.—, Halbleinen geb. M. 4.— KARL WOLFSKEHL Gesammelte Dichtungen. Erste Reihe .....Halbleinen geb. M. 3.50 Der Umkreis ........Broschiert M.3.50, Ganzleinen geb. M. 5.50 STEFAN GEORGE-BILDNIS. Heliogravüre nach dem Gemälde von Reinhold Lepsius (Plattengröße 3i'/.X4 acm )......... M - 5-— —.Heliogravüre nach der Zeichnung von Curt Stoeving (Plattengröße 17x22cm) ............................ • M - 2 -5<> WERKE DER gSfCApg WISSENSCHAFT AUS DEM KREISE DER v\f% \\ VV. h iHRl BLÄTTER FÜR DIE KUNST ERNST BERTRAM, Nietzsche. 7. Auflage (18.—21. Tausend) 1929. Broschiert M. 10.—, Ganzleinen geb. M. 13.50 FRIEDRICH GUNDOLF, Caesar. Geschichte seines Ruhms. 2. Auflage (7.—13. Tausend) 1925. Ganzleinen geb. M.8.—, Halbleder M. 12.50 —.George. 2. Auflage (6.—10.Tausend) 1921 . Broschiert M. 3.50 Ganzleinen geb. M. 6.50 —, Goethe. 12. Auflage (41.—45. Tausend) 1925. Ganzleinen geb. M. 18.— —.Shakespeare und der deutsche Geist. 8. Auflage (26.—29. Taus.) 1927. Ganzleinen geb. M.12.— —, Shakespeare. Sein Wesen und Werk. 1928. 2 Bände. Broschiert je M. 12.50, Ganzleinen geb. je M. 15.— ERNST KANTOROWICZ, Kaiser Friedrich der Zweite. Mit einem Bildnis des Hohenstaufischen Kaisers. 2. Auflage (4.—6. Taus.) 1928. Broschiert M. 14.50, Ganzleinen geb. M. 17.50 MAX KOMMERELL, Der Dichter als Führer in der deutschen Klassik: Klopstock, Herder, Goethe, Schiller, Jean Paul, Hölderlin. 1928. Broschiert M. 13.50, Ganzleinen geb. M. 16.50 EDITH LANDMANN, Die Transcendenz des Erkennens. 1923. Broschiert M.4.—, Ganzleinen geb. M. 6.50 WILHELM STEIN, Raffael. 1923.......Broschiert M. 3.60 Halbleinen geb. M. 6.— BERTHOLD VALLENTIN, Napoleon. Mit 8 Bildnissen. 1923. Broschiert M.4.—, Halbleinen geb. M.6.—, in Halbleder M. 10.— —.Napoleon und die Deutschen. 1926 .....Broschiert M. 3.— Ganzleinen geb. M. 5.— > FRIEDRICH WOLTERS, Herrschaft und Dienst. 3. Auflage. 1923. Broschiert M.l.—, Ganzleinen geb. M. 2.50 SHAKESPEARE IN DEUTSCHER SPRACHE. Herausgegeben, zum Teil neu übersetzt von FRIEDRICH GUNDOLF. Neue Ausgabe in 3 Doppelbänden (15. bis 20. Tausend) .... Ganzleinen geb. M.32.— Druck von Hesse <& Becker, Leipzig.