Druckschrift 
Stefan George und die Blaetter fuer die Kunst : dt. Geistesgeschichte seit 1890
Entstehung
Seite
576
Einzelbild herunterladen
 

Wenn wir nach einer Ahnenverwandtschaft für das Gesicht Georgessuchen, so finden wir sie in Dante und dem jüngeren Napoleon, demersten modernen und dem letzten antiken Kopfe unserer Weltzeit, derenÄhnlichkeit Berthold Vallentin in seinem Napoleonbuche überzeugendgeschildert hat. Denn die Verbindung hoher Geistigkeit und klarer Sinn-lichkeit gibt den Bildnissen dieser großen Täter und Dichter eine Ähne-lung, die sie als eine gemeinsame menschliche Grundart, die des geistigenHeldentums erkennen läßt. Eine jüngere Verwandtschaftslinie geht vonHölderlin über den jungen Franz Liszt zu Richard Wagner. Was denKöpfen all dieser Männer als besonderes Kennzeichen zukommt, ist derscharfe Schnitt des Gesichtes, ein Merkmal das den Deutschen heute ammeisten fehlt und nur zuweilen noch an den Schädeln unserer gutenBauerngeschlechter auftaucht. Unser Gelehrtenstand hat manchmal kulti-vierte aber entstofflichte Gesichter hervorgebracht, und in der Zucht desharten preußischen Geistes blieben doch die Seelen weich und daher dieKonturen der Köpfe verwischt.Alle preußischen Helden von Schwerinbis Bismarck" schreibt die Verfasserin der ,Preußischen Prägung',sindunscharf konturschwach in ihrem Wesen, schwerfaßliche Wesen, warenkeineswegs die deutlichen knorrigen Charaktere, die Treitschke liebte unddie Geschichtsschreibung so sehr erleichtern, vielmehr höchst erschlossene,jedes Adjektivs spottende freie, oft monströse Gestalten".

Unter den lebenden Deutschen um die Jahrhundertwende hatten nur dieGesichter Georges und Maximins den scharfen Schnitt in vollkommenerDurchbildung, Zeichen der unbedingten Übereinstimmung eines leiden-schaftlichen Geblütes mit einer hohen Vernunft. Wir wissen wohl, daßdie Männerköpfe ermattender Geschlechter und Völker zuweilen noch jenescharfe Prägung tragen, auch wenn die Blutkraft schon schwächer g e 'worden ist:Die Engländer", so sagte Cyril Scott einmal,sehen oft be-deutend aus, aber sind es nicht. Die Deutschen sehen oft nicht bedeutendaus, aber sind es". Er drückte damit die Unausgeglichenheit der Kräfte-verhältnisse auf den zwei äußersten Polen aus . . in der Mitte steht dieleibliche Erscheinung des Mannes mit scharfumrissenem also wederüberspitztem noch verwaschenem Ausdruck.

Daß eine deutsche Grundart von solcher Prägung fehlte, bewies mehrals alles andre den Mangel an einer echten Bildung, an der Einheit sinn-licher und geistiger Kräfte in unserem Volke und das Fehlen eines ein-heitlichen künstlerischen Stiles hatte hierin seinen eigentlichen Grund'Denn nur aus der menschlichen Erscheinung kann der Kunst frischesLeben erblühen, und neue Kultur entspringt nur aus neuem Mensch"tum. Damit haben wir schon die ganze Schwierigkeit bezeichnet, mit der

576