6. KAPITEL: DAS BILDNIS
ES gibt außer dem Werk und der Wirkung auf die Mitlebenden nochein letztes Zeugnis für die Wesenheit Georges: seine leibliche Gestaltund vor allem sein Antlitz, der Spiegel dessen, was die ewige Natur ihmmitgegeben und dessen, was die Kämpfe mit den Mächten des Lebens indiese Grundform geprägt haben. Für manche dieser Kämpfe sind dieZüge des Gesichtes der einzige Niederschlag des seelischen Geschehens.Denn anders als beim Feldherrn und Staatsmann gibt es beim Dichterund geistigen Bildner verschwiegene Siege und Niederlagen, von denenkein Wort und keine Kunde etwas aussagt: Triumphe über den Stoff, vondenen das vollendete Werk nicht spricht, tote Träume und zerbrocheneWünsche, die kein Vers und keine Mitteilung verrät, aber auch dasschweigende Wissen des Genius um seine Macht und sein Maß, seineFlugkraft und Grenze.
Jeder der in dieses Antlitz schaute, empfing über Werk und Wirken desMannes hinaus den Eindruck einer ungewöhnlichen und bedeutendenMenschlichkeit. Wir sahen wie die Pariser Freunde an dem jungen nochunerschlossenen Deutschen, wie andre Ausländer an dem ihnen Unbe-kannten und eigne Volksgenossen an dem kaum erst im engsten Künstler-kreise Genannten eine zwingende Gewalt bemerkten, für die sie nur inGeistern hoher Lagen die passenden Gleichnisse fanden. Das Geheimnis-volle, ja Unheimliche seiner Erscheinung ist früh betont worden, was umso erstaunlicher anmutet wenn man sich erinnert daß sein äußeres Auftre-ten geschildert wurde: als das eines eleganten Weltmannes, der eine ge-gebene Lage mit kühler Überlegenheit beherrschte. Bei den ihm vertrau-teren Menschen schlug sich der Eindruck seiner Person meist in Gedich-ten nieder und von den frühesten Widmungszeilen Hofmannsthals bis z üden ungedruckten Widmungsgedichten der Jüngsten heute spricht einesolche erschütterte und doch klar bewußte Huldigung vor der leiblichenErscheinung Georges, wie sie unseres Wissens noch nie einem Lebendenentgegengebracht worden ist. Auch die wenigen Prosestellen aus spätererZeit haben diesen Ton der unbedingten Verehrung und hellen Sachlich'keit, der allein vor diesem Manne geziemt und so fern ab von Schmeichelnbleibt wie von trüber Schwärmerei. „Wer ihn auch nur einmal unbefan-gen gesehen hat" sagte Friedrich Gundolf im Jahre 1913 in seiner Redevor Göttinger Studenten, „der weiß: dieser Mann ist stark mit Anmut'schlicht mit Würde und sachlich ohne Trockenheit . . . von heitererStrenge gegen sich und andre, eher eine bäuerlich harte als städtischmürbe Natur, aber durchgeistet von stetem Feuer und beseelt durch Lei"
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