Druckschrift 
Stefan George und die Blaetter fuer die Kunst : dt. Geistesgeschichte seit 1890
Entstehung
Seite
558
Einzelbild herunterladen
 

zu lassen, aber um des Lebendigen willen muß es sein: wer nicht mehrmitgehen kann, hat sein Recht verwirkt".

Für die weibliche Liebe ist die Hingabe und Preisgabe selbst das letzteZeugnis ihrer Echtheit, in der männlichen Liebe muß sich das Selbst imAndern behaupten, ist die Leistung des Gleichen das echte Zeugnis ihrerGlut. Es genügte vor George nicht zu sagen: ich bin dein und dann anderszu handeln als die Einung forderte. Wo er Kraft einsenkte, erwartete erVerwendung der Kraft, wo er Samen hinstreute, Verwendung des Samens,und sein Vertrauen wollte nicht nur durch Schweigen und Bewahren, son-dern durch erhöhtes Leben erwidert sein. Daß einer die Formen nichtnach den ihm mitgeborenen Maßen, die Kräfte nicht nach den ihm ge-gebenen Anlagen bildete, sein Bild des Lebens nicht nach dem Traum seinerhöchsten Augenblicke gestaltete: das erweckte ihm Trauer und Zorn, dasminderte sein Vertrauen und nichts half dem Freunde es wieder zu er-werben, als größere Erfüllung des eigenen Gesetzes. Die Einheit von Seinund Wirken, von Erscheinung und Leistung gab dem Meister erst dauern-des Zutrauen in die Artung eines Menschen und für keine Lebenslagenoch Altersstufe hörte diese Verpflichtung auf: die Geschicke, die einenbetreffen, gelten ihm nur als letzte Auswirkung der Person und wie einerdas von Göttern Kommende trägt, ist ihm Teil und Zeichen seines Wesens-

Es ist erfreulich", sagt Hölderlin,wenn Gleiches sich zu Gleichemgesellt, aber es ist göttlich, wenn ein großer Mensch die Kleinen zu sichaufzieht". Im Geiste dieses Spruches hat George schon früh in den Blät-tern betont: es sei ein Irrtum, daß nur große Geister ein Unternehmenmit großen Gedanken zu fördern vermöchten. Von aller Wichtigkeit seies, die kleineren zu erziehen und hinzuleiten, auf daß sie die Luft bildeten*in der der große Gedanke atmen könne:Wir wissen wohl, daß derschönste Kreis die großen Geister nicht hervorrufen kann, aber auch dies«daß manche ihrer Werke nur aus einem Kreise heraus möglich werden'(4. F.) Sein ganzes Leben und Wirken ist eine Betätigung dieses Wissens»und wenn er bedeutende Gefährten fand, so zog er darum die wenig erBedeutenden, wenn sie nur edler Art und guten Blutes waren, nicht min'der in den Bann seiner Liebe. Er gab jedem nach Rang und Gewicht undführte ihn mild und verschwiegen in den zarten Anfängen des Bundes»ernster und strenger in den gefestigten Bahnen, bis er wegessicher auc» 1schreiten lernte in der größeren Schar.

Wir kennen die unmittelbare Äußerungsart der großen Liebenden f aSnur aus mythischen Erzählungen: die lockende Piatons, welche die heiß eflSinne durch kühle Dialektik fesselte, die wegeweisende Christi, welche sie» 1ins schlichte Beispiel hüllte und nur zuweilen durch die hellste Frage f* s

558