Druckschrift 
Stefan George und die Blaetter fuer die Kunst : dt. Geistesgeschichte seit 1890
Entstehung
Seite
545
Einzelbild herunterladen
 

Lehre, aber nicht als lebendige Sitte. Jedes Bild des Werkes verkündet sielauter als Gebot und Satzung, aus allen Gestalten spricht sie eindring-licher als Gesetz und Tafel es vermöchten.Das ist schlecht was Staat Le-ben Ich schädigt" rief der Meister unwillig dazwischen, als er Jüngereüber das Moralisch-Schlechte philosophieren hörte, und wer aus seinemWerke nicht weiß was gut ist, was er sein soll und wie er sein soll, demvermögen auch wir nichts weiter zu sagen.

Das Äußerste aber, das dem Wesen des Dichters widerlich und grund-feindlich ist, alles Häßliche und Niedrige einer Menschenart, auf die schonder Anblick menschlicher Hoheit in jeder Erscheinungsform wie eine Be-leidigung und Aufreizung wirkt, hat der Dichter in seinem Werke nurdurch Wink und Warnung gestreift. Gegen das Unwandelbar-Gemeinesteht er in grimmigster Gegnerschaft, aber er braucht nicht zu nennen, wassolange die Welt steht sich gegen das Edle gehässig aufbäumt.Die Ge-meinheit mancher Naturen", sagt Nietzsche,spritzt plötzlich wie einschmutziges Wasser hervor, wenn irgendein heiliges Gefäß, irgendeineKostbarkeit aus verschlossenen Schreinen, irgendein Buch mit den Zeichendes großen Schicksals vorübergetragen wird .. und andererseits gibt es einUnwillkürliches Verstummen, ein Zögern des Auges, ein Stillewerdenaller Gebärden, woran sich ausspricht, daß eine Seele die Nähe des Ver-ehrungswürdigsten fühl t".

4. KAPITEL: DAS WESEN UND WIRKENGEORGES- DER HERRSCHER

GEORGE ist der Herrscher. Wir sehen es als ein hohes Glück unseresGeschickes an, daß heute der Dichter unseres Volkes auch zutiefstei n staatlicher Mensch ist, der irdische Herrschaft will und formt und zu-gleich mit dem ersten Wachwerden seiner dichterischen Kräfte den Keimseines Reiches zu bilden begann. Die seltsame Verkennung, daß Georges >ch nur um ästhetische nicht um staatliche Dinge kümmere, rührte daher,daß seine Ansicht vom Staate gerade den denkenden Zeitgenossen einevöllig fremde ja feindliche war, daß sie vom Bild eines geistigen, das heißtal le Seelenkräfte umfassenden und bewegenden Herrschertums kam, nichtVon irgendeiner der verbrauchten oder teilhaften Formen der Gegenwart.Schon inManuel und Menes", imAlgabal", in denHängenden Gärten"bf echen die staatlichen Sichten mit einer Wucht ohnegleichen auf; aberv °m Herrscher aus gesehen nicht vom Volke, von der heldischen Personn >cht von der öffentlichen Freiheit, vomMenschenrechte" auf der höch-

3S 545