aufgeklärtesten Zeiten gleicherweise Gültiges: Der Dichter mit demWittern der tiefsten Wirklichkeit kennt ihre Gesetze und vermag daher inseinen Gesichten ihre großen künftigen Linien vorauszubeschreiben, undda in ihm selbst sich die Kräfte der Zukunft ankündigen, weiß er überdiese notwendig mehr als jeder andere: Er kennt das Geschehen im erstenKeim. „Es ist kein Wunder!" rief Verwey einmal zum Dichter gewandt,„wenn ein Mann wie Sie solche Dinge sagt, so treten sie eben deshalbein". Er wollte den Sinn des Prophetischen damit leugnen und gab ihmerst recht die tiefere Deutung. Denn der Seher steht nicht außerhalb desGeschehens, sondern mitten im Schicksal, er fühlt seinen stärksten Strom>fühlt deutlicher und klarer was andere noch nicht oder erst teilhaftfühlen, wohin er reißt, wo seine Flut sich staut oder in den Abgrundstürzt.. es bedeutet das Gleiche: zu sagen, er sieht das Kommende oderer bewirkt das Kommende.
Für diesen Dichter ist das Leben nicht „ein Traum der sich selbstbezweifelt", wie für den nördlichen Hebbel und den südlichen Hofmanns-thal, wie für alle düsteren Geister des sinkenden 19. Jahrhunderts, ja nochfür Nietzsche, der an der Selbstbezweiflung, seiner letzten erkannten Not-wehr, zerbrach. Für George ist das Leben ein Traum, der sich selbstbejaht, wie es für Pindar und Dante, für Shakespeare und Goethe unddie großen Helden und Täter war. Es ist gewiß kein Traum der leichtenFreude, sondern voll Kampf und Wunden aber auch voll Sieg undTriumph. Da die Gesellschaft, in die er geboren wurde, diesen Traum ltlseiner Härte und Herrlichkeit nicht mehr ertrug, so war seine Dichtungnotwendig ein Bruch mit ihr. Denn er stellte sich außer ihrer Trübung^ 1und Wirren und nahm einsam das Wagnis auf sich, die innerste N"wegende Kraft seines Volkes, die Sprache, neu zu beseelen und mit den 1beseelten Wort die Wesen und Dinge um ihn zu wandeln. Er gab sein eSeele ins Wort und sein Wort ins Leben.
Er allein durfte es wagen, weil er allein die Macht hatte, zu wände» 1und neu zu beseelen. Gerade durch das Unbegreifbare seines dichterischenWerkes, durch Maß und Klang, worin er sein göttlich Teil versinnlichtc-wurden die ihm verwandten Seelen unwiderstehlich ergriffen: wenn s» egenießend zu besitzen glaubten, waren sie selbst schon vom neuen Tonbesessen und oftmals ohne es noch zu wissen von ihm schon bewirkt unumgeformt. Denn wenn der Dichter selbst die Urform des Menschen a 01vollkommensten in sich trägt, so kann er alle Stufen und Arten demenschlichen Wesens am reinsten und reichsten außer sich stellen unjede lebendige Seele, die seine Gestalten verlocken, erkennt sich in ihne nin ihrem erhöhten und erhöhenden Urbild wieder.
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