ging „in die Zeit", um nicht dem von Leo gefürchteten Geschick zu ver-fallen. Er suchte einmal auf dem Gebiete der Bildung nachzuholen waser versäumt hatte, zum andernmal mit den modernen Fortschritten eineVerbindung einzugehen, in der Befürchtung, daß plötzlich auch seineletzten Stellungen in der heutigen Welt verloren gingen. Damit sagenwir schon, daß alle jene kirchlichen Bewegungen nicht von innen ausdem Drang einer geistigen Erneuerung des abendländischen Christentumskamen: sie waren vielmehr durch die äußeren Stöße der ihm fremdenMächte bedingt und sind Versuche der religiösen Körperschaften sichdem weltlichen Geschehen anzupassen. Sie suchten in Deutschland, undnicht nur in Deutschland, sich gerade den geltenden Zeitbedingtheitenanzuähneln und eben d i e Kräfte in ihr Bett zu leiten, welche Georgeschon als Zerfalls- und Entartungskräfte hinter sich gelassen hatte. Alsihre Vertreter jetzt auch ihn, den Dichter, sahen und nach Priesterart ihnlockten oder schmähten, war der Sohn der Erde schon an dem versperrtenBau ihres ermatteten Gottglaubens ebenso vorübergegangen wie an denentgötterten Babelbauten der Zeit . . er ließ die „Organisationen" stehen,bis einer kommt, der den Brand des Tempels befehlen wird. Denn derDichter besaß was keine der religiösen Gemeinschaften mehr erzeugenkonnte: das lebendige Wort und den heiligen Sang. „Bis zu einem Gradewofür ich nirgends etwas Ähnliches finde", hat jüngst ein Franzose vonseinem Werk gesagt, „sind hier das Problem Gottes und das Problemder Sprache solidarisch, so daß sie völlig eines vom anderen abhängen:kein Gott ohne die heilige Sprache, welche ihn kündet, und keine Sprache— in der ganzen so fordernden Annahme die George dem Begriff gibt ■—wenn der Gott sich nicht durch sie ausdrückt". (Du Bos, Revue d'AH e 'magne 1928.)
Von der Dichtersprache, diesem — so schien es vor vierzig Jahren —schwächsten Punkte und mit diesem der Zeit ungemäßesten Mittel hatGeorge sein Wirken begonnen und dennoch die ganze Wirklichkeit desLebendigen in sein Werk und sein Reich gezogen. Wir haben die Schaf'fung seines Werkes und die Gründung seines Reiches in der zeitlichenAbfolge der Geschehnisse beschrieben und ihn dabei als Dichter u°oHerrscher, als Künstler und Menschenbildner, als Gestalter und Gott'künder betrachtet, obwohl er wie die Georgika schön sagt „mit keinemNamen zu nennen ist, mit dem wir sonst gewohnt sind, Menschen zUunterscheiden". Aber mit diesen Bezeichnungen suchten wir ausz 11 'drücken, daß in ihm eine Mehrheit von Kräften verleiblicht sei, die mdieser Verbindung in unserer Geschichte eine neue Erscheinung bedeuten-Denn die Eigenschaften zweier fast polarentgegengesetzter Menschen-
538