noch andere Verwalter des Religiösen geben als die von den einzelnenKirchen dazu Bestellten. Denn so viel wußten sie nach fast einem halbenJahrhundert des Wirkens Georges, daß es bei diesem Manne keine leereGeste gab, daß jedes Jahrzehnt die Echtheit seiner dichterischen Aus-sagen erwiesen hatte: es gab nur die Wahl, seinen Anspruch als über-steigerten Wahnsinn zu nehmen oder zu glauben, daß sein Wort eineWirklichkeit bezeichne, vor der man nur Freund oder Feind sein kann.Wir sahen bei der Darstellung der veränderten Stellung der Mitwelt zuGeorge, wie in der Tat auch die christlichen Gruppen zu seiner Dichtungund Gemeinschaft im letzten Jahrzehnt eine erklärtere Stellung einnah-men und versuchen kurz, uns den Grund für das neue Verhalten deutlichzu machen.
Indem Luther das „Werk" mit Christus abschloß und die Entscheidungüber das „Wort" in die Einzelseele verlegte, sprengte er den Glaubens-verband und gab den großen Dichtern, Denkern und Führern protestan-tischer Herkunft den Weg ins Weltliche, ins Außer- oder Gegenchrist-liche frei. Die katholische Kirche mußte sich daher nach dem Bruch derEinheit gegen die Doppelgewalten des Protestantismus und der weltlichenMächte wahren und unterlag ihrem letzten Retter dem Jesuitentum, dasheißt sie fiel der Gefahr der abendländischen Erstarrung anheim: stattdes Menschen wurde der Satz geheiligt. Damit hatte Rom sich dem Athosgenähert. Der geschlossene Dogmenbau hinderte, daß von nun an eingroßer schöpferischer Geist noch einmal in der alten Kirche tief um-wandelnd und umgestaltend erstehen könnte, wie einst die Heiligen undLäuterer mit Strick und Geißel. Die Kirche hatte den Genius aus ihrenMauern ausgeschlossen und ihre geistigen Erzeugnisse erhielten seitdemdas Merkmal des „secundum genus", obwohl ein so kluger Geist wieLeo XIII. noch dunkel die Gefahr spürte und in einem seiner Hirten-briefe erklärte: Wenn wirklich die Kirche uns zwänge, auf einer tieferenKulturstufe zu bleiben, so müßte man mit Recht über eine solche Anstalte mpört sein, und es gäbe kein Mittel, dem Abfall von der Kirche Einhalt2 u tun.
In diesen Zustand brachen die staatlichen Umwälzungen tiefverwan-delnd ein. Die Verbindung der religiösen Gemeinschaften mit den staat-1J chen Mächten wurde mehr oder weniger aufgelöst, die ganze protestan-tische wie katholische Welt geriet in Fluß. Der Protestantismus rief nacheiner Weltkirche und machte eine Wendung zur liturgischen Form —beides Dinge, die sein Wesen aufheben —, der Katholizismus verließsein geistiges Ghetto — wie kirchliche Schriftsteller selbst ihre hinter-wäldlerische Geistigkeit im letzten Jahrhundert heute benennen — und
537
V.