Druckschrift 
Stefan George und die Blaetter fuer die Kunst : dt. Geistesgeschichte seit 1890
Entstehung
Seite
522
Einzelbild herunterladen
 

liehen Arbeit, das einst so stolze Geistig-Ganze der Universitas, durch dieFachvereinzelung zu verlieren drohen und fast nur noch als Verwaltungs-körper eine Rahmeneinheit von vereinzelten Fachvertretern bilden. DieMänner des George-Kreises, welche daselbst lehren, wären die letzten, diedarum die sachliche Zucht des wissenschaftlichen Denkens missen odermindern wollten. Sie verzichten weder auf die kühle Schulung des Willensdurch eine folgerechte Erkenntnis der Wirklichkeit noch auf die Prüfungder ordnenden und regelnden Kräfte unseres Geistes am Widerstände desunbekannten oder vielfältigen Stoffes. Aber sie erkennen der Wissenschaftin ihrer tausendfältigen Splitterung und auf sich selbst gerichteten Ziel-losigkeit nicht das Merkmal einer Erzieherin der Jugend zu und leugnen«daß sie in ihren heutigen Formen überhaupt imstande ist, Lehrer der J u 'gend heranzubilden.Unsere Wissenschaft" hatte schon Mommsen einmalgeäußert,ist so in die Tiefe gewachsen, daß sie dadurch für die Aufgabeder Knabenerziehung unbrauchbar geworden ist". Sie war seitdem auch l« 1die Breite gewachsen und hatte die hohen Bilder antiken und deutschenVolks- und Menschtums verloren, sie hatte seitdem das heilige Gut unsererSprache so mißbraucht, daß ein Aufruf des deutschen Sprachvereins unserenGelehrten riet,in Fragen einer vornehmen Behandlung der Muttersprachein Werken der Wissenschaft bei Holländern, Tschechen, Ungarn, Griechenund Japanern in die Lehre zu gehen".

Was die Erziehung der Jugend in der Gemeinschaft der Blätter von derzeitgenössischen unterscheidet ist ihr völliger Verzicht auf die Wirkungin eine wahllose Menge oder in eine zufällige Schülerschaft, welche durCäußere Nötigungen des Staates, der Kirche, der Schulanstalt oder wie sonSauch immer zusammengeführt wird. George und seine Folger schlössetbei der Wahl derer die sie in ihre Nähe zogen, jedes Ungefähre und Unz u 'längliche aus, sie begnügten sich nicht einmal mit dem was guten Willenoder gläubiger Gesinnung war, sondern kannten und kennen nur eine b e 'stimmte Art der Jugend zur Eignung für das gemeinsame Leben: den die» 1 'terisch erschütterbaren Menschen. Der Sinn all ihres Führens und LeitenS»Liebens und Streitens ist die dichterische Bildung in der ganzen Kraft unUmfassung, die der Meister selbst ihr durch Werk und Leben gegeben haund sie sagen mit Euripides:Keine Gemeinschaft mit denen untnsischer Art!"

Nie hat es freilich im Sinn der Blättergemeinschaft gelegen, die ihr A

befohlenen sämtlich zu Dichtern erziehen zu wollen wie man ihr o

desöfteren kurzsichtig vorwarf. Aber auch einer ernsthafteren Fassung

Einwands müssen wir begegnen: daß nur eine besondere Veranlagung, na* 11

lieh die dichterische, von uns berücksichtigt werde, und also jeder nicht

522