Simmel bejahte damit den erzieherischen Willen, der dem Gundolfschenwie allen Blätter-Werken aus dem Wesen ihres Ursprungs zugrunde liegt,aber eben dieser Wille führte — da alle echte Erziehung ein unbedingtesWerten voraussetzt — zu einer Gegnerschaft der Vertreter der sogenann-ten „objektiven" Wissenschaft und im besonderen von Max Weber, der jadamals die unbedingte Freiheit der Wissenschaft von allen Wertungen ver-focht und trotz der Anerkennung der Einzelleistungen gerade im Gesamt-geist der Blätter-Werke die drohende Gefahr eines Einbruchs lebendigerund zwar seiner Welt feindlicher Werte in den Bereich der Wissenschaftbefürchtete. Als seine Schrift „Wissenschaft als Beruf" diesen Anschau-ungen im ersten Friedensjahre die äußerste Formulierung gab, entstandenaus seinem eigenen und dem Gundolfschen Freundeskreise in Heidelbergeinige Flugschriften für und wider die alte und neue Wissenschaft, welchedadurch von Bedeutung wurden, daß sie die neu aufgeworfenen Gegensätzebis in die innersten Zellen der streng behüteten akademischen Lehre tru-gen. Ernste deutsche Professoren der Philosophie und Theologie habenseitdem, halb mit ehrlicher Sorge und halb mit sonderbarer Selbstverspot-tung, von der „Revolution in der Wissenschaft" gesprochen und geschrie-ben, welche die Köpfe der besten Jugend verwirre. Sie bemerkten, daßdiese „Revolution in der Wissenschaft" aus gänzlich anderen Ursprüngenentstanden sei als die staatliche und gesellschaftliche Revolution l0Deutschland und dieser eher feindlich entgegenstünde, ja daß die Bewe-gung, die sich an den Namen Stefan George knüpfte, nur das Glied einergroßen europäischen Geistesbewegung sei, für die man die knappe Forme'prägte: „Der Zusammenbruch des Positivismus und die Rehabilitierungdes Irrationalen". (Vgl. Schmollers Jahrbuch 45 [1921] und Allg. Evang-Luth. Kirchenztg. [1926].)
Die Fragwürdigkeit der wissenschaftlichen Grundlagen, welche seieinem halben Jahrhundert schon die vorausschauenden Köpfe beschäftig te 'wurde seitdem eine öffentliche Streitfrage in Deutschland. Die Unumstö''lichkeit und Alleinherrschaft der verstandlichen Verfahrungsweise nuihren lebenentleerten Verallgemeinerungen und „entwerteten" Begriffe 0 'die Sucht der steigenden Vereinzelung und Sonderung der Fächer, ja dlSinngebung des Wissenschaftsbetriebes als einer steten Erhellung u0Aufklärung alles Gewesenen und Seienden zum Zweck seiner Berechnungund Beherrschung, kurz der Glaube an die Intellektualisierung, an » 0lEntzauberung der Welt" wie Max Weber es nannte, geriet nun in breiterSchichten des wissenschaftlichen Lebens ins Wanken und die herrschenDenkart, welche von daher unsere Forschung und Bildung bestimmt hatverlor ihre alte Unerschütterlichkeit.
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